Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Theodor Mügge >

Erich Randal

Theodor Mügge: Erich Randal - Kapitel 28
Quellenangabe
typefiction
booktitleErich Randal
authorTheodor Mügge
year1856
firstpub1856
publisherVerlag von Meidinger Sohn
addressFrankfurt a. M.
titleErich Randal
pages830
created20090617
sendergerd.bouillon@t-online.de
noteUnter Verwendung der PDF-Version von hproding@sun.ac.za
Schließen

Navigation:

Achtes Kapitel.

Fast im äußersten Norden Finnlands, nahe dem Ende des bottnischen Meerbusens, liegt der kleine Ort Sikajocki. Das Meer macht dort eine tiefe Einspülung, an deren Landseite die Stadt Uleaborg liegt. Die Ufer sind flach und zerrissen, viele kleine Ströme kommen in tiefen Betten aus dem hinterliegenden Hochlande, das mit düsterem 609 Wald und Schluchten bedeckt ist; wenige Holzhütten und Bauernhöfe sind über dies öde Gebiet zerstreut. Jetzt lag Alles unter Eis und Schnee begraben, aber eine seltsame Lebendigkeit regte sich mit den ersten Sonnenstrahlen, welche auf diese unermeßlichen Schneefelder und auf das gefrorene Meer fielen. Dunkle bewegliche Massen von Menschen und Pferden zogen von Uleaborg her an der Küste hin und gegen das Thal des Sikajocki. Die Sonne blitzte auf einen Wald von Stahl, und der Morgenwind führte den Schall von Trompeten mit sich, denn jenseit des Sikajocki um das Dorf Revolax und an den Waldleisten und Höhen wimmelte es nicht minder von Soldaten, die ihre Fahnen mit dem Doppeladler lustig im Winde flattern ließen. Im Norden des eisbedeckten Flusses flatterte der schwedische Löwe und eine Strecke von Revolax lag Pavola, eine geringe Häusergruppe, vor welcher auf einer Anhöhe eine Batterie Sechspfünder aufgefahren war, von Offizieren umgeben, die durch ihre Gläser nach Revolax hinüberschauten.

Das kleine schwedische Heer, bis in diesen äußersten Norden zurückgedrängt, war seit einigen Tagen erst nicht weiter geflohen und hatte den Russen bei Sikajocki ein glückliches Gefecht geliefert. Seltsameres ließ sich kaum denken, als diese Schaaren, welche hinter den Hügeln vor Pavola sich sammelten. Niemand würde sie für Soldaten gehalten haben, wenn nicht ihre Waffen Zeugniß dafür gegeben hätten. Keine Uniform war zu sehen. In Rennthier-, Wolfs- und Schaafpelze doppelt und dreifach eingehüllt, boten diese Gestalten den unförmigsten Anblick. Viele Köpfe steckten in Pelzkappen, die Füße in Pelzstiefeln, oder sie waren mit Pelz und Wolllappen umwickelt, so viel deren jeder aufzutreiben vermochte. Selbst die Gesichter wurden durch Pelzmasken geschützt, in ähnlicher Weise, wie dies die Lappen zur Winterzeit thun. Um zu sehen hatte man Löcher darin für die Augen geschnitten und ein Loch zum Athmen für den Mund. Eiszapfen hingen daran nieder, Reif und Eis überzog das lange Haar, wo es unter Kappen und Binden hervorsah, über die Pelze aber trugen diese Soldaten der Schneewüste Säbel und Patrontasche geschnallt und in ihren pelzgedeckten Händen hielten sie die langen schwedischen Gewehre, das einzige Stück an ihnen, welches blank und rein gehalten 610 aussah, mit bloßen Händen aber häufig nicht angefaßt werden konnte, weil die Finger sogleich Frostblasen von dem kalten Eisen erhielten.

So beschreiben Augenzeugen das finnische Heer im Winter 1808, während es sechs Wochen lang vom Kymene bis in diesen hohen Norden zurückgewichen war, fortgesetzt von den Russen verfolgt, die immer an seinen Hacken, immer im Begriff es zu umringen und zu vernichten, doch niemals den tödtlichen Schlag ausführen konnten. Überall hatten die Schweden zerstört, was sich zerstören ließ, fortgeschleppt, was sie fortzuschleppen vermochten. Bei mehr als dreißig Grad Kälte wurden Gefechte geliefert, viele Nächte im Freien überdauert, unter übermenschlichen Anstrengungen der Rückzug fortgesetzt und endlich auch die Vereinigung mit der Brigade des General Cronstedt bewirkt, der aus Savolax entkommen war. Der König von Schweden hatte, als er dem alten Marschall Klingspor den Befehl gab, Finnland in eine Wüste zu verwandeln, gemeint, daß es den Russen unmöglich sein würde, weit in das Land zu dringen, allein, er hatte sich geirrt. In Rußland war mit größter Umsicht und jeder möglichen Sorgfalt die Eroberung Finnlands vorbereitet worden. Magazine wurden in dem russischen Finnland angelegt. Eine zahllose Menge Fuhrwerk aller Art, mit Ochsen bespannt, die als Schlachtvieh dienen sollten, stand bereit große Vorräthe dem Heere nachzuschleppen; in Finnland selbst aber lagen längst angekaufte Getreide- und Heumassen, die Sam Halset und seinen Gehilfen gehörten. Endlich aber waren auch die Russen nordische Krieger, geschickter oder doch geübter noch, als Finnen und Schweden, um die furchtbare Strenge eines solchen Winters zu ertragen. Ihre Regierung hatte sie aufs sorgfältigste ausgerüstet, mit doppelten Pelzen versehen und mit reichlicher Nahrung versorgt. Dabei aber wurden sie von Offizieren geführt, die auf den größten Schlachtfeldern Europa's gefochten hatten; kriegskundige, unerschrockene Männer, begeistert für ihren Kaiser und für Rußlands Ruhm, voller Vertrauen auf Sieg, bereit das Äußerste zu wagen, und sicher, da die tapferen, auserlesenen Schaaren, welche ihnen folgten, mit diesen halbverhungerten, elend bewaffneten, an allem Nöthigen Mangel leidenden Feinden bald fertig werden würden.

611 Und halb verhungert, in Lumpen und Fetzen, Schmutz und Elend aller Art eingewickelt, waren diese dem Tode und der Gefangenschaft entkommenen Reste des finnisch-schwedischen Heeres. Hinter dem Hügel, auf welchem die Kanonen standen, marschirten verschiedene Soldatenhaufen; an ihrer Spitze zunächst ein zusammengeschmolzenes Regiment, welches soeben seine Gewehre, die außerordentlich lange Bajonnette hatten, in Pyramiden zusammengestellt. Die Soldaten liefen umher sich zu erwärmen, und als einer darunter den Pelzlappen von seinem Gesichte nahm, gehörte dies ohne Zweifel dem tapferen Korporal Spuf an. Aber ach! wie sah der würdige Spuf aus. Von seinen rothen, dicken Backen waren nur Falten übrig geblieben; die kleinen Augen hatten sich bedeutend vergrößert, die gewaltigen Lippen erschienen schmaler und die herkulischen Schultern selbst waren zusammengeschrumpft. Wenn aber auch Alles sich an ihm kläglich geändert hatte, so war ihm doch die Baßstimme treu geblieben und er gebrauchte sie, um einen unermeßlichen Fluch an seinen Freund, den Feldwebel, zu richten, der sich ihm näherte und äußerst anmuthig grinste.

Der Feldwebel sah ganz eben so aus, wie er immer ausgesehen, doch dies eben schien den Korporal so heftig zu ärgern. Feldwebel! schrie er, du bist der gescheidteste Feldwebel in der ganzen Armee, aber alle Kosaken sollen auf mich reiten, wenn du dich nicht dem Satan verkauft hast.

Pfui, Korporal Spuf! sagte der Feldwebel, wie kannst du solche Gotteslästerung aussprechen. Wer möchte uns Beide wohl kaufen, wie wir aussehen? Der Teufel selbst hat sicherlich keine Lust dazu, sonst würde er uns längst geholt haben, wie manchen anderen guten Burschen.

Korporal Spuf nickte mit seinem schweren Kopf und mit unverkennbarer Wehmuth blickte er auf die dünnen Knochen seines Kameraden. Kreuz Element! murmelte er, dieser Feldwebel hat doch einigen Verstand hinter seinem dünnen Nasenbeine. Da steht Alles, was vom edlen Regimente Björneborg übrig geblieben ist. Fünfzehnhundert Grenadiere waren es und Rusthalls Bataillon dazu macht zweitausend voll, die sich vor keiner Hölle voll Teufel fürchten thaten. Was ist nun noch davon vorhanden, elender Feldwebel? Kaum sechshundert mögen es sein, die das Bajonnet noch halten können. 612 Haben's aber etwa die Russen gethan, du lachender Strich? Wär's Regiment Björneborg noch wie es war, kein Moskowiter sollte uns heut davonkommen! aber in Schnee und Eis sind sie versunken, erfroren liegen sie und verhungert in allen Gräben, und in Wald und Sümpfen; elendig umgekommen vor Mattigkeit und Fieber auf dieser siebenundsiebenzig Schock Mal verfluchten Retirade. Bursche waren's, drei Russen hatten in jedem Platz, und dennoch – wie mürbe Äpfel vom Baume sind sie gefallen, und die Übriggebliebenen klappern in ihren Knochen, man kann's meilenweit hören, wenn sie sich bewegen. Nur dieser erbärmliche Feldwebel ist geblieben wie er war. Ihm kann kein Frost Blasen ziehen, kein Russe an den Leib kommen; denn Alles ist Schatten und Wind an ihm. Ich will's mit siebenundsiebenzig Schock Tonnen voll Eiden beschwören, daß er sich unsichtbar machen kann und eigentlich gar kein menschlicher Feldwebel ist, sondern ein Schatten mit langen Beinen, der dem Regiment Björneborg zum Ärgerniß gereicht, weil er nichts von unserem Hunger und Durst, unserer Müdigkeit und Noth empfindet.

Die Soldaten, welche sich um Beide gesammelt hatten, stimmten ein Gelächter an, das bald noch mehrere herbeizog, denn wo der Feldwebel war und der Korporal, gab es immer lustige Geschichten. So geschah es auch diesmal, denn der Feldwebel reizte durch seine Spöttereien über das unnütze Fleisch und Fett und seine Glückwünsche, daß von dem tapferen Spuf bald nichts mehr übrig sein werde, als ein verschrumpfter Sack, der einst einen Magen vorstellte, den Korporal zu den merkwürdigsten neuen Flüchen und boshaften Beschuldigungen, über welche der Feldwebel in kannibalischer Ruhe seine Bemerkungen machte.

Höre an, christlicher Korporal Spuf, sagte er endlich; hast du niemals Gott angerufen, dir eine Portion Fleisch abzunehmen, um dich leichter und geschickter zu machen? Ich weiß, du hast es gethan, und jetzt willst du dich darüber beschweren, daß der Herr deinen frommen und gerechten Wunsch erfüllt hat?

Du lügst, elender Feldwebel! schrie der Korporal. Dummer wie ein Tavasteländer müßte ich sein, hätte ich jemals wünschen sollen dir ähnlich zu werden.

613 Ganz recht, fuhr der Feldwebel gravitätisch nickend fort, im Tavasteland war's, vielleicht kam's eben daher über dich. Es ist noch gar nicht lange her, oder wär's möglich, daß ich's geträumt hätte, Korporal Spuf, daß wir Beide aus einem brennenden Schloß liefen, mitten in einen Russenhaufen hinein. Wie wir wieder herauskamen, weiß ich nicht, aber es gab da in der Nähe einen See und Wald zog an ihm hin bis in Berge und Klippen. Wie ich umschaute, sah ich eine ganze Wolke Kosaken und Husaren in weißen Pelzen hinter uns und vor uns, und ich lief, was meine langen Beine laufen konnten.

Es ist nicht wahr! schrie Spuf. Ich hab's gesehen, Grenadiere, wie er den Rittmeister herunterschoß und um sich schlug rechts und links.

Spaß! grinste der Feldwebel, aber es kam mir so vor, daß wie ich unter den alten Tannen die letzte Patrone in den Lauf stampfte, Korporal Spuf daherrannte und hatte auf seine Schultern einen Todten aufgeladen.

Todt war er nicht, brummte Spuf; er konnte nur nicht weiter laufen und liegen wollt' ich ihn nicht lassen.

Und da kam dicht hinter ihm her ein Kosak, und es war ein Glück, daß der Kerl vom Pferde stürzte, gerade wie er mit seinem Zahnstocher untersuchen wollte, was Spuf zu Abend gespeist hatte.

Lüge nicht, windbeuteliger Feldwebel! schrie der Korporal. Es war eine Schande seine letzte Kugel an einen lumpigen Kosaken zu verschwenden.

Aber der tapfere Spuf stürzte dennoch zu Boden, lachte der Feldwebel. Ich meinte, der Kosak hätte ihn ins Bein gebissen, und ich sprang herbei, um ihn näher zu beschauen. Er pustete und stöhnte, weil der Todte auf ihm lag, dem das brennende Schloß gehört hatte, ein kleines dünnes Männchen, wie eine Feder so leicht, und ich nahm es ihm ab und legte es unter die tiefen Tannenzweige, so konnte der tapfere Spuf aufspringen und sich erholen.

Rühme dich nicht damit, Feldwebel, murmelte Spuf. Es war ein wackerer Herr, wir hätten ihn nicht liegen lassen sollen.

614 Nun ging's in die Berge hinein, fuhr der Feldwebel fort, hinter uns her die russischen Jäger und Grenadiere, vor uns steile glatte Wände. Auf Händen und Füßen gab's zu klettern, und wer nicht etwas in sich hatte vom Luchs und Wolf, der kollerte in die russischen Kugeln und Bajonnette. Da war's eben, wo der christliche Korporal Spuf zum lebendigen dreifachen Gott schrie, er möchte ihm helfen und ihn von seinem Fett befreien, damit er laufen könne wie wohlgebildete Menschen.

Schweig stille, du elender Feldwebel! schrie Spuf. Es war eine fürchterliche Nacht. Nicht die Hälfte von uns kam am Morgen in Kuvasmäki an und wenn seine dürren Hände mich nicht zehnmal festgehalten hätten, läg' ich fett und rund jetzt im sanften Schlaf, weich gebettet, statt daß ich hier in Haut und Knochen umher klappern muß und weder Fuchs noch Wolf an mir eine Mahlzeit halten kann.

Ich sehe auch nicht ein, lachte der Feldwebel, ob's nach der Naturgeschichte durchaus so sein muß.

Feldwebel, antwortete der Korporal ernsthaft, es bleibt Keiner von uns Allen übrig und Mancher, der jetzt hier lacht, wird ehe der Abend dunkelt, in einem Wolfsmagen sich besser befinden, als in freier Luft. Es ist aber unredlich und regt mein Gewissen auf, wenn ich denke, daß man seinen Mitgeschöpfen noch zuletzt Ekel und Verachtung einflößen soll. Wenn die Wölfe dich finden, Feldwebel, werden sie nach den ersten Bissen die Schwänze einziehen und heulend davonlaufen; mir war's aber immer ein Trost zu denken, wie schön es sein würde, wenn sie um mich her säßen, die Lippen leckten, mich zärtlich anschauten und vor Lust schreien thäten: Seht den Korporal Spuf, kann's etwas Lieblicheres auf der Welt geben? Damit ist es nun vorbei, leichtsinniger Feldwebel, und all' meinen Kummer verdanke ich dir!

Ein schallendes Gelächter belohnte den Korporal, der Feldwebel aber zog mit wehmüthigem Gesicht unter seinem Pelze die bekannte Korkflasche hervor, umfaßte diese mit beiden Händen und antwortete demüthig: Solltest du, ehrwürdiger Spuf, mir nicht meine Sünden vergeben, wenn ich dir verspreche, daß dir dein Kummer durch mich gründlich geheilt werden soll?

615 Mit einem raschen Griff bemächtigte sich Spuf der Flasche und, indem er sie mit Innigkeit betrachtete, strahlte ein sonnenvolles Lächeln aus seinen Augen und glättete seine Falten. Gib her, verruchter Feldwebel! schrie er dabei. Laß ab von Gütern, die du nicht zu schätzen weißt. Ja, ich will dir vergeben, in der Erwartung, daß du noch recht oft Reue über deine Verbrechen fühlst und meine Leiden zu lindern suchst.

Ich verspreche es dir, heiliger Spuf! sagte der Feldwebel feierlich. Rund und fett sollst du wieder werden, sobald der Frühling kommt. Wir werden die Russen jagen, tapferer Korporal, denn eine neue Zeit bricht an.

Ein Hurrah für den General Adlercreutz! schrie Korporal Spuf, seine Flasche schwingend. Ich will dir verzeihen, Feldwebel, und will dich umarmen, wenn wir wieder an den edlen Pajänesee gelangen, wo es ein wonniglich Leben im guten Schlosse Halljala war, das ich niemals vergessen werde.

Oho! fuhr er fort, und da ist noch Einer, der es nimmer vergessen thut. Holla! Lars Normark, alter Bursche, komm' hierher! und mit rothem Gesicht lief der Korporal mit der Flasche einem anderen Soldatenkreise zu, wo es lustig herzugehen schien und aus welchem die Pfeife des Schulmeisters erschallte.

Der Feldwebel und die Grenadiere vom Regiment Björneborg folgten ihm nach und sahen wie der Haufen auseinander wich und der Hahn neben dem Schulmeister marschirte, dem ein Bauerntrupp folgte, Jem Olikainen als der Erste voran.

Der Hahn krähte und marschirte mit ausgestreckten Beinen in Parade nach dem Takte des Russenmarsches, den Korporal Spuf über alle andere Musik auf Erden setzte. Er sprang daher auch zugleich an die andere Seite und brüllte aus aller Kraft seiner Lungen die Melodie, indem er dabei in die Hände klatschte.

Die Soldaten hatten ihre schönste Lust daran und als der Korporal ein wenig Branntwein in seine Hand goß und der Hahn sich nicht zum Trinken nöthigen ließ, entstand ein solcher Jubel, daß die Offiziere vom Hügel herunter kamen und erstaunt und lachend den greisen Pfeifer und seinen gelehrigen Schüler beschauten.

616 Endlich kam auch ein Kriegsmann herbei, von kerniger Gestalt, finsteren strengen Zügen, rasch und hart in Allem, was er that. Es war der Oberst Döbeln, der das Regiment commandirte und kein Freund von solchen Auftritten war; hinter seinen buschigen Augenbrauen hervor blitzte er den Schulmeister an und rief ihm dann mit seiner rauhen Stimme zu: Bist du ein Zigeuner, so zieh' auf den Jahrmarkt. Packe dich fort mit dem unnützen Vieh!

Lars Normark begegnete den grimmigen Blicken des Obersten, vor denen so leicht keiner Stand hielt, unerschrocken genug. Ich denke, wir stehen Beide schon mitten darauf, Oberst, sagte er, und es wird nicht lange dauern, so werden wir die Würfel klappern hören.

Gehe ihnen aus dem Wege so weit du kannst! versetzte Döbeln. Fort mit dem Hahn und fort mit dir!

Eh, Hans! lachte Lars Normark, warum sollen wir es nicht thun? Es möchte Mancher gerne mit uns tauschen, liefe davon und ließe es sich nicht zweimal sagen, wenn er nur dürfte. Aber gräm' dich nicht, Hans. Unnütz ist Vieles in der Welt, was man nicht dafür hält, das Nützlichste aber wird zumeist verachtet.

Wer bist du denn, du alter Narr? fragte der Oberst.

Was du sagst, Herr, ein alter Narr und ein unnützes Ding in der Welt, nämlich ein Schulmeister, antwortete Lars Normark.

Der grimmige Oberst zog die Augen dichter zusammen, aber der Feldwebel faßte an seinen Hut und begann: Mit des gestrengen Herrn Obersten gnädiger Erlaubniß möchte ich berichten, daß der alte Mann zu den Bauern hier gehört, die mit uns und der Colonne des Generals Cronstedt vor drei Tagen bei der Armee angekommen sind. Ich muß aber auch sagen, daß wir wohl sämmtlich gefangen worden wären oder todt lägen, wenn er nicht das Land so genau gekannt hätte.

Und der Hahn ist kein unnützes Vieh, brummte Korporal Spuf; es ist Vernunft in ihm. Schock Tonnen Mal wollt ich verdammt sein! wenn's nicht ein vernünftiges Wesen ist, so gut wie ich und der Oberst. Wenn wir schliefen, stand er auf seinem Posten, und es ist so wahr, wie es Russen gibt, die dort von allen Seiten auf Revolax los marschiren, daß er die Kosaken witterte, mochten sie noch so leise 617 kommen, und daß er uns geweckt und herausgeschrien hat, wie der beste Mann in Björneborg's Regiment.

Oberst Döbeln's Gesicht heiterte sich auf. Der Korporal war ihm ein alter Bekannter und wohl gelitten. Steht es so, sagte er, dann müssen wir den Schulmeister und den Hahn belohnen. Sind das die Bauern von Halljala, die bei uns bleiben sollen, bis der General weiter über sie bestimmt?

Ja, Herr, antwortete Jem Olikainen. Brauche uns nach deinem Willen; ich denke, du sollst sehen, daß wir Schützen sind.

Ich glaube es dir, sagte der Oberst wohlgefällig. Die Männer aus den Bergen von Tavasteland und Savolax wissen ihr Ziel zu treffen. Willst du dabei sein, alter Schulmeister, wenn ich dir ein Gewehr geben lasse? fragte er, indem er sich zu Lars Normark wandte.

Dabei will ich sein, versetzte dieser, aber dein Gewehr behalte.

Womit willst du denn die Russen schlagen?

Mit meiner Pfeife, lachte der Alte. Wenn sie den Russenmarsch hören und den Hans dazu, laufen sie Alle davon.

Nun in Gottes Namen! sagte der Oberst. Schlag du sie in deiner Art, ich werde es in meiner Weise thun. Feldwebel, trag' die ganze Mannschaft ein in die Musterrolle und den Hahn dazu. Hat er sich wie ein Björneborgsmann benommen, muß er auch zum Regiment gehören.

Hurrah! schrie Spuf, hast du es gehört, Feldwebel. Kamerad Hans soll leben und der Pfeifer von Normark daneben!

Mitten in das lustige Hurrahgeschrei, mit dem der Hahn umringt, geschmeichelt und gestreichelt wurde, tönte die markige Stimme des Obersten, der zu den Waffen rief. In wenigen Augenblicken überwältigte der militärische Gehorsam Lärm und Lachen, nur die Waffen klirrten; schweigend und rasch bildete sich eine lange Linie kampfbereiter Männer, hinter welcher die kleine Schaar der Bauern stand. Lars Normark hatte den neuen Grenadier von Björneborg's Regiment in seinen Sack gesteckt, aus welchem dessen buntgesprenkeltes Haupt neugierig hervorschaute und es ganz so machte, wie alle anderen Köpfe, die sich einem Reitertrupp zuwandten, welcher aus Pavola herkam und sich den Hügeln und den dahinter aufgestellten Soldaten näherte.

618 Jetzt wird's losgehen, sagte der Feldwebel zu Korporal Spuf. Da kommt der ganze Generalstab. Siehst du den General Adlercreutz? So rund sieht er aus, wie du jemals ausgesehen hast, heruntergekommener Korporal Spuf.

Elender Feldwebel! versetzte der Korporal, was lügst du wieder. An der Spitze reitet der alte Marschall Klingspor, und der sieht so vertrocknet aus, wie er immer war.

Aber der hinter ihm kommt, den sieh an, Spuf, der thut's, der ist der Rechte, sprach der Feldwebel. Hast du noch niemals gehört, wie man's macht, wenn ein vornehmer Herr nichts taugt? Taugt der Korporal Spuf nichts, wird er abgesetzt; taugt aber ein Minister nichts, gibt man ihm einen Rath an die Seite, der für ihn denkt, und wenn's mit einem General nicht gehen will, bekommt er auch seinen Rath, das heißt einen Generalstabschef, der das Heer commandirt und der Puppe den Namen läßt. So steht's mit dem Adlercreutz; jeder Lieutenant weiß es, und nun paß auf, Spuf. Du wirst sehen, wie sie Alle zu ihm laufen, und der alte Klingspor weiß es selbst am besten, wie er nichts mehr zu bedeuten hat.

Der greise mehr als siebenzigjährige einäugige Marschall ritt inzwischen mit seinem Gefolge an dem Hügel hinauf, während sein Generalstabschef sich dem Obersten Döbeln und einigen anderen Offizieren näherte, welche die verschiedenen Regimenter befehligten, die sich hier gesammelt hatten.

General Adlercreutz konnte allerdings Soldaten mehr Vertrauen einflößen als der weißhaarige, gebeugte Mann, der dem Namen nach an der Spitze des Heeres stand. Der Tag von Sifajocki hatte zuerst den Schweden und Finnen neuen Muth eingehaucht, denn bis dahin waren sie geflohen. Jeder wußte, daß Adlercreutz diesen Sieg gewonnen, während Klingspor schon daran dachte, Finnland ganz aufzugeben, und nun sprengte Adlercreutz daher auf seinem dunkelmähnigen feurigen Renner; er selbst in der Blüthe der Manneskraft, stark von Körper, kriegerisch, lebhaft sein Blick, ein Lächeln auf seinen Lippen und der Ausdruck des Selbstvertrauens in allen seinen Zügen. Als Oberst Döbeln bei ihm war, neigte er sich ihm die Hand schüttelnd nieder und sagte ohne das glückliche Lächeln zu verlieren, das ihm immer zu Gebot stand: Sweaborg hat capitulirt!

619 Der rauhe Döbeln fuhr zurück wie von einer Schlange gebissen.

Es ist wahr, fuhr Adlercreutz fort, die Nachricht ist ganz sicher. Die Capitulation ist am 5. April zwischen dem General Suchtelen und dem Admiral Cronstedt abgeschlossen worden. Wenn bis zum 3. Mai kein Ersatz da ist, wird die russische Fahne auf allen Forts wehen.

So ist noch Ersatz möglich, sagte ein großer Offizier, der neben Döbeln stand.

Nein, Oberst Sandels, erwiederte Adlercreutz, es ist Alles sehr klug verabredet worden. Bis zum dritten Mai ist das Meer niemals bei Sweaborg offen und bei diesem harten Winter wird es viel länger dauern, ehe freies Wasser kommt. Um aber für alle Fälle sicher zu sein, ist den Russen sofort das Fort Langörn überliefert worden.

Was hat den Admiral dazu bewogen? fragte Sandels.

Vielleicht, daß sieben Mann unter den 6000, die Sweaborg besetzt halten, von russischen Kugeln getödtet wurden, erwiederte Adlercreutz, vielleicht auch, wie er selbst in seinem Brief an den König sagt, weil es an Mühlen fehlte, um das viele vorhandene Getreide zu mahlen; oder es müßte denn sein, daß Oberst Jägerhorn dem Admiral noch andere Gründe beibrachte.

Das ist ein fürchterlicher, schandvoller Verrath! rief Döbeln. Finnland ist verloren!

Verrath, ja, fiel Sandels ein; doch verloren ist Finnland noch nicht. Noch leben wir und können es wieder nehmen.

Recht, Sandels! sagte Adlercreutz, was wir an Hoffnungen haben, ist bei uns. Wir müssen diese Russen schlagen, so ist nichts verloren. Buxthövden hat in Abo die Huldigung seines Kaisers bei Strafe des Hochverraths befohlen. Verräther zeigen sich überall, aber auch viele treue Herzen. Das Land wird aufstehen, sobald wir ihm nur helfen können. Siegen wir, so nehmen wir auch das Berg- und Seegebiet, Tavasteland und Savolax wieder. Und dort ist der Brigadier Sandels mit seinen Savolaxjägern so recht zu Haus. Endlich wird man doch in Stockholm aufwachen. Ist nur der Sommer erst da, so haben wir Hilfe zu erwarten. Der König hat fest zugesagt, sich an die Spitze der Garden zu stellen, und wie es auch sonst in Stockholm 620 stehen mag, Finnland darf nicht verloren gehen; Leib und Leben müssen wir dafür lassen.

Er hielt inne, denn ein Reiter näherte sich im vollen Lauf seines Rosses. Mein Adjutant, Lieutenant Waimon, sagte er. Das ist ein junger Mann, auf den ich große Hoffnungen setze. Durch ihn erfuhren wir zuerst den Einfall der Russen und was im Werke war. Der König hat ihn auf meine Bitte mir mitgegeben und zum Offizier ernannt. Wenn es zum Volkskriege kommt, ist das ein Mann für Sie, Oberst Sandels.

In dem Augenblick erreichte Otho den General. Er trug eine weiße Binde um seinen Arm. Adlercreutz betrachtete diese mit Besorgniß und deutete auf eine rothe Stelle, welche daran sichtbar wurde. Es ist nichts, mein General, sagte Otho. Kosaken schwärmen bis jenseit des Sikajocki; einer derselben ist meinem Pelze ein wenig zu nahe gekommen, was er künftig nicht wieder thun wird.

Der unbesorgte Ton paßte zu der kraftvollen Gestalt und dem frischen Gesicht des jungen Mannes. Selbst Döbeln blickte ihn wohlgefällig an. Oberst Sandels trat zu ihm hin und drückte ihm die Hand. Unsere Colonnen sind an ihren Plätzen? fragte Adlercreutz.

Ja, mein General, erwiederte der Adjutant. Alle Höhen und das rechte Ufer des Sikajocki sind besetzt; die Brücke nach Brahestad ist in unserer Gewalt.

Dann an unsere Arbeit, meine Herren, sagte Adlercreutz. Wir müssen Revolax nehmen und Bulatoff, der darin sitzt, vernichten. Werden wir geschlagen, so ist Sweaborg unser letzter Rückzug. Denken wir nicht daran! Ich hoffe, wir machen den Herren Tutschkoff und Bulatoff einen Strich durch die Rechnung und essen heut Abend in Brahestad, morgen in Carleby. Machen Sie es wie Waimon, binden Sie Alle weiße Tücher um den Arm. In diesen verdammten Pelzen kann ein Freund den andern ermorden, ohne ihn zu kennen.

Er wandte sein Pferd, um dem Marschall nachzureiten, als ein jauchzendes Geschrei ihn festhielt, das in seiner Nähe entstand. Otho Waimon war vom Pferde gesprungen und von Männern umringt, die sich zum Theil auf die Knie geworfen hatten, um seine Kleider in berühren und zu küssen, während andere entfernter stehende ihre 621 Hände nach ihm ausstreckten. Über Alle fortragend war aber die groteske Gestalt eines alten Mannes sichtbar, von dessen Arm ein schreiender Hahn plötzlich auf die Schulter des Lieutenants flog und mit Glucksen, Schmeicheln und Geschrei sich an ihn drückte. Lars Normark aber griff zu seiner Pfeife und blies das Lied vom schönen Pajänesee und mitten darin umfaßten ihn zwei Arme und als er lachen wollte, wurden seine Augen naß. Die Pfeife fiel ihm aus den Fingern in den Schnee; dafür griffen sie nach Otho's Kopf, hielten diesen fest, und der greise Mann schaute ihn zärtlich an und küßte ihn, wie ein Vater den verlorenen Sohn küßt. Dann schrie er glückselig dem Hahn zu: Hast es ihnen wohl gesagt, Hans, und ich wußte es ja, er konnte nicht verloren gehen. Seinen Hochzeitstanz muß er tanzen, ehe es ein Ende hat mit Wainemonen's Sonnenreich.

Lars! wie ist es möglich, und du, Jem, auch du! rief Otho.

Mein Herr, mein lieber Herr! antwortete Jem weinend. O! nun ist Alles gut, nun kann Alles noch besser werden.

Schock Tonnen Element! schrie Korporal Spuf, er ist es wirklich, Feldwebel. Und hier steht's Regiment Björneborg, mit den langen Bajonnetten.

Und hier bin ich, tapferer Spuf, lachte Otho, indem er dem Korporal die Hand schüttelte, um mein Versprechen wahr zu machen.

Bleib bei uns Lieutenant, antwortete Spuf, und wir wollen dir zeigen, was das lange Bajonnet thut.

In dem Augenblick fiel ein Kanonenschuß in der Ferne, dem gleich darauf ein heftiges Geknatter, dann ein rollendes Feuer folgte.

Auf eure Posten, meine Herren! rief Adlercreutz. Der rechte Flügel geht vor. An euch ist es, Revolax zu nehmen.

Gestatten Sie mir, mein General, diesen Angriff mitzumachen, sagte Otho.

Ich erlaube es Ihnen, erwiederte Adlercreutz. Unter den Augen solcher Männer wie Sandels und Döbeln ist ewiger Ruhm zu erwerben. Hier ist ein Freiwilliger, Oberst Döbeln. Mit der Fahne, Freund, oder auf der Fahne. Ohne Glück kein Soldat. Glück sei mit dir! Er winkte Otho einen letzten Abschied zu, und dahin flog sein Renner dem alten Marschall entgegen, der von dem Hügel 622 zurückkehrte. Dicke Wolken Pulverdampf wälzten sich über den Spalt, in welchem der Sikajocki unter Eis lag. Fliehende Kosaken, reiterlose Pferde und eine lange bewegliche Linie dunkler Gestalten, die aus dem Dampf hervor jenen nach in das glänzende Schneefeld drang, waren die ersten Zeichen der beginnenden Schlacht.

Nur wenig will ich jetzt von dir hören, alter Lars, sagte Otho. Was ist in Halljala geschehen?

Oh! antwortete der Schulmeister, du fängst von hinten an statt von vorn. Könnte Hompus Randal aufwachen, er würde es nicht glauben, daß Feuer seinen Bau so zerfressen konnte.

Also niedergebrannt von den Russen. Und Erich und – Ebba – Sie sind vermählt? Nicht?! Was wurde aus ihnen?

Ich hatte es ihm wohl gesagt: Sichere dein Glück, Erich Randal, noch ist es Zeit! fuhr Lars fort, aber er that's nicht; denn er ist kein Mann, der den Stier gleich frisch an den Hörnern faßt. Nun aber wird's nicht mehr geschehen, denn es ist zu spät für alle Zeit.

Todt! rief Otho seine Hände ballend.

Fortgeschleppt nach Abo, sagte Lars. Hab's erfahren, denn drei Tage nach dem Brande war ich noch einmal in Halljala, weil Jem Olikainen ohne seine Fulla nicht weiter wollte. Major Munk hat sie nach Lomnäs genommen und die alte Ulla dazu. Sie haben den Major frei gelassen, als Halljala in Asche lag. Die Russen aber waren noch da. Erich Randal hatten sie fortgeschafft, krank und wund wie er war, und der Kammerherr hatte seine Schwester genommen und hatte sie nach Tavastehuus gebracht. Der Propst fuhr mit Halset nach Abo, um sich einen Orden zu holen, im Pfarrhause aber lag der russische Oberst, der das Schloß verbrannt hat und Erich Randal gefangen setzte, weit er kein Russe werden wollte. Der wird jetzt das Fräulein heirathen.

Heirathen, wer?

Die Leute aus dem Pfarrhause haben's gesagt; der Kammerherr will's so haben. Hat laut genug geschrien, nimmermehr sollte seine Schwester einen Hochverräther nehmen, der jetzt ein Bettler geworden sei. Und die Russen haben ihn zum Gouverneur von Tavastehuus gemacht; darauf ist der russische Oberst gekommen und der Propst hat 623 seiner Frau erzählt, der wird's und kein anderer; war auch längst eine abgemachte Sache. Es ist echt schwedisches Blut in ihm, Otho Waimon!

Welcher Oberst? fragte Otho wie betäubt ihn anstarrend.

Es ist eine lustige Frage, Hans, die er thut, sagte Lars. Einer der sagen mochte: sieh mich an, ich bin dein Herr und Gott, und er hätt's ihm geglaubt.

Ha! murmelte Otho und seine Augen öffneten sich weit und glühend. Wo ist meine Schwester?

Siehst du wohl, Hans, er fragt doch auch nach ihr! rief der Schulmeister, aber wer soll ihm Antwort geben? Weißt du es nicht, Otho Waimon, weißt nicht, wo du sie gelassen hast? Ein russisches Weib, sagen sie, hat den lieben kleinen Nix nach Wiborg fortgeführt, Andere sagen, ein russischer Graf sei's gewesen, dem sie nachlief. Erich Randal konnte sie nicht halten; der Kummer lag auf seinem Gesicht, wenn er ihren Namen hörte.

Otho preßte den Arm des Greises zusammen. Schweig! sagte er mit gewaltsamer Ruhe, ich habe genug gehört. Bleibe ich lebendig, so will ich dich weiter fragen. Und wenn es wahr ist – dann! – alle seine Muskeln zogen sich zusammen – dann werde ich ihn finden!

In dem Augenblick schallte die mächtige Stimme des Obersten, der seinen Kriegern das Gewehr aufzunehmen befahl. Schließen Sie sich der ersten Compagnie an, sagte er zu Otho, und da diese wackeren Leute aus Halljala zu Ihnen gehören, so übernehmen Sie deren Befehl.

Jem's Augen funkelten vor Lust. Heh, Korporal Spuf! schrie er, jetzt wollen wir sehen, wer das Beste thut. Spiel' auf, Pfeifer von Normark! laß den Russen hören, daß Otho Waimon bei uns ist.

Mein Kind, sagte der Alte bedächtig, es ist zwar eine schöne Sache, wenn er in deiner Nähe steht, aber ein Russe und ein Bär sind doch verschiedene Geschöpfe und, weil's nicht immer glücken möchte –

Weiter konnte er nicht sprechen, denn die Bauern sowohl wie Spuf lachten zu laut, machten aber auch gleich wieder ernsthafte Gesichter, denn plötzlich stimmten die Kanonen auf dem Hügel ein entsetzliches Gebrüll an und dazwischen hörte man dennoch das gewaltige 624 Commando des Obersten, welches das ganze Regiment und die hinter ihm stehenden Jäger von Savolax in Marsch setzte.

Jetzt hatte alles muthwillige Wesen aufgehört; schweigend bewegte sich die Colonne wie eine lange ringelnde Schlange hinter den Hügeln fort und folgte dem Ruf ihrer Offiziere, die zum dichteren Aufrücken mahnten. In der Luft über ihren Köpfen zog dann und wann ein zischender Ton, der sich immer häufiger wiederholte. Die Soldaten hatten die maskenartigen Pelzlappen von ihren Gesichtern genommen; es war ihnen heiß genug. Lange, bärtige, bleiche und knochige Gesichter wickelten sich aus der Umhüllung, und tiefliegende, funkelnde Augen sahen in die Himmelsbläue den Todesboten nach, deren furchtbare Stimmen sie mit Grauen erfüllten. Die Batterie beschoß Revolax und die Angriffscolonne hatte sich zur Seite gezogen, um beim Sturm nicht dem eigenen Feuer im Wege zu sein. Noch stand sie gedeckt hinter der Hügelkette, welche von dieser Seite sich näher an den Ort zog, allein nur wenige Schritte noch und die Höhen waren erreicht.

Haltet euch nicht mit Schießen auf, meine Kinder, sagte Döbeln in seiner rauhen Soldatenart, die ihm trotz seiner Strenge die Herzen gewann, kein Russe ist einen Schuß Pulver werth. Rennt ihnen die Bajonnete in die Rippen. Seht zu, wie es Korporal Spuf macht, und jetzt vorwärts, Björneborg, der schwedische Löwe ist da!

Mit dem vielstimmigen verworrenen Geschrei: Björneborg! Schweden! Schweden! stürzten die Grenadiere sich über die Hügelwand und entwickelten sich zu einer Linie, die unaufhaltsam gegen Revolax vordrang. Ein Hagel von Flintenkugeln und Kartätschen kam ihr entgegen und riß breite Lücken in ihre Glieder. Oberst Döbeln war vom Pferde gestiegen und sah nach den Waldleisten zurück, welche jenseits des Baches hinliefen. Die Jäger von Savolax sprangen dort schon zwischen den Bäumen hervor und trieben eine Wolke feindlicher Scharfschützen vor sich her, die sich nach dem nahe liegenden Weiler Händela flüchteten. Mir nach, schrie der Oberst. Macht keine Umstände, sonst gewinnen die Jäger uns den Preis ab, und seinen Degen schwingend mit dem wiederholten Ruf Björneborg! Björneborg! kletterte er der Erste über einen Wall von Schnee und Eis, der zu einer Schanze am Eingänge des Orts zusammengeschaufelt war.

625 Wie durch ein Wunder wurde sein Leben erhalten, denn das Feuer einer russischen Compagnie, welche dahinter aufgestellt war, hatte ihm keinen Schaden zugefügt. In wenigen Augenblicken aber war von diesen Feinden nichts mehr zu sehen, als ein Haufen todter und durchbohrter Körper und eine Anzahl Flüchtlinge, die ihre Gewehre von sich schleuderten und zu entkommen suchten. Die Furie des blutigen Schlachtengottes kam über die Krieger; sie, die das göttliche Mitleid aus den Herzen reißt und die Wuth des Tigers dafür einträufelt. Die blassen Gesichter glühten, in den Augen brannte ein verzehrendes Feuer; in ihrer Gier nichts mehr achtend und nichts mehr fürchtend, suchten diese Menschen menschliche Geschöpfe zu erreichen, um sie erbarmungslos zu morden. Ein entsetzliches Geschrei hallte von den Häusern zurück und wurde von Wald und Feld beantwortet. Überall begann ein grimmiger Kampf; aus den düstern Dampflagern, welche die Sonne verfinsterten, brachen rothe Blitze, und der Kirchthurm von Revolax stieg im goldigen Glanz zum Himmel auf, ein Friedenszeichen Gottes, doch vergebens blieb seine stumme Sprache.

Die Russen führte ein nicht weniger tapferer Mann, General Bulatoff, welcher recht gut die Gefahr erkannte, in welcher er sich befand; allein sein Feldherr, Tutschkoff, hatte ihn hierher gestellt, und wenn er wich, war Tutschkoff selbst verloren. Hielt er den Sturm in Revolax aus, so konnte der Feldherr Zeit gewinnen, ihm zur Hilfe zu eilen, jedenfalls war er nicht von seinem Rückzüge nach Brahestad abgeschnitten. Der russische General sandte daher Boten auf Boten an das Meer gegen Sikajocki hinab, um seine Lage zu melden und Beistand zu fordern, zugleich aber begeisterte er seine Krieger zum tapfersten Widerstande. Der hochgelegene Kirchhof von Revolax wurde ein blutgetränktes Schlachtfeld. Fünf wüthende Angriffe der Schweden wurden ebenso oft zurückgeschlagen, endlich aber siegte dennoch das lange Bajonnet des Regiments Björneborg, und unter den tapferen Thaten, welche hier geschahen, erzählt die Geschichte wirklich von dem glorreichen Korporal Spuf, daß er zwei Russen auf einen Stoß durchbohrte. Bluttriefend lagen die Gräber, Blutbäche rannen durch den Schnee und langsam zog General Bulatoff die Reste seiner Schaaren zurück und sammelte sie um das 626 Pfarrhaus. Seine letzten beiden Kanonen vertheidigten den Hof, seine Schützen die Mauer, er selbst ergriff eine Fahne, pflanzte sie neben sich auf und rief mit kriegerischer Entschlossenheit, daß er sich unter ihr begraben lassen werde. Seine anderen Fahnen ließ er zerreißen und zerbrechen, damit sie dem siegenden Feinde nicht in die Hände fielen, dann rief er seinen letzten Adjutanten und sprach zu ihm: Suche zu entkommen, eile zu dem General Tutschkoff und melde ihm, daß ich gestorben bin, den Degen in der Hand.Historisch.

Zu derselben Zeit sprengte General Adlercreutz in das eroberte Revolax. Der Tag ist unser, tapferer Döbeln! rief er dem Obersten zu, als er den blutigen Kirchhof erreichte. Unser rechter Flügel dringt auf Brahestad los, aber Tutschkoff wird sich retten. Hätte dieser höllische Bulatoff nicht solchen Widerstand geleistet, wäre Rettung unmöglich gewesen. Nieder mit ihm, wir müssen ihn haben!

Das Pfarrhaus und sein Garten waren von überlegenen Streitkräften umringt. Die schwedischen Kanonen schossen vom Kirchhofe die Mauern nieder; Balken, Steine und Trümmer flogen umher und verwundeten Viele, aber der Widerstand blieb ein verzweifelter. Die Aufforderung, die Waffen zu strecken, wurde vergebens wiederholt. Von allen Seiten angegriffen, schlugen die Russen die Stürmenden zurück. Mit Kolben, Bajonnet und Steinen wurde ein fürchterlicher Kampf gefochten, doch noch immer flatterte die Fahne mit dem Doppeladler, noch immer durch dies entsetzliche Toben tönte die Stimme des russischen Generals, der im Namen Gottes, der Heiligen und des Kaisers seine Krieger antrieb.

Adlercreutz zog den Degen und wollte vorwärts, aber Döbeln hielt ihn zurück. Ihr Leben ist zu viel werth, General, rief er ihm zu, Sie sollen dem Vaterland größere Dienste leisten, als diesen. Sehen Sie dort, Ihr junger Heißsporn ist schon dabei, entweder den russischen Teufel zu holen oder von ihm geholt zu werden.

Er deutete auf das Thor des Pfarrhauses, wo Otho Waimon deutlich zu erkennen war, wie er dicht gefolgt von den Bauern aus 627 Halljala und einer Anzahl Grenadiere, in den Hof eindrang. Wunderbar sah der weißhaarige nackte Kopf des Schulmeisters aus. Zu hören war nichts, aber er hielt seine Pfeife an die Lippen und auf seiner Schulter saß der tapfere Hahn, der seinen Hals lang ausstreckte und mit den Flügeln schlug. Rauch und Geschrei hinderten den Erfolg zu bemerken, doch aufgestachelt von diesem Beispiel folgte die ganze Colonne nach. Ehe sie anlangte, war der Kampf schon entschieden. Mit Blut bedeckt, das ihm aus Kopf und Brust strömte, stand General Bulatoff noch an seiner Stelle. Um ihn her fielen seine Offiziere. Seine Augen waren dunkel, seine Stimme dumpf, seine Füße wankten, doch sein Muth wankte nicht.

Ergib dich, General! rief Otho, indem er auf ihn eindrang und die Fahne ergriff.

Stirb! antwortete, Bulatoff, mit seinem Degen einen ungewissen Stoß führend, indem er die Fahne festhielt. Dabei sank er auf den schlüpfrigen Boden nieder und Korporal Spuf faßte sein Gewehr mit beiden Händen, als Otho es zur Seite schlug. Er streckte sein Schwert über den Gefallenen aus und schrie mit zorniger Kraft: Haltet ein! rührt ihn nicht an! Wie ein Held ist er gefallen.

In wenigen Minuten war der Rest der Russen entwaffnet. General Adlercreutz erschien auf der Wahlstatt. Otho trug ihm die Fahne entgegen; er hatte Bulatoff's erstarrende Hände mühsam davon los gemacht, jetzt senkte er sie vor dem Feldherrn.

Mit ihr oder auf ihr! rief er siegesfreudig.

Mit ihr, und Sieg zu aller Zeit! antwortete der General. Nimm den Dank, der dir gebührt! – So ihn umarmend küßte er ihn vor allen diesen blutigen, tapferen Männern, die auf ihre Waffen gelehnt freudig zuschauten, bis Korporal Spuf seine rauhe Stimme erhob. Ich hab's dir gesagt, elender Feldwebel! schrie er, das Regiment Björneborg hätte den Verlust nie überwunden, wenn ihm sein erster Grenadier gefehlt hätte: 628

 << Kapitel 27  Kapitel 29 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.