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Erich Randal

Theodor Mügge: Erich Randal - Kapitel 27
Quellenangabe
typefiction
booktitleErich Randal
authorTheodor Mügge
year1856
firstpub1856
publisherVerlag von Meidinger Sohn
addressFrankfurt a. M.
titleErich Randal
pages830
created20090617
sendergerd.bouillon@t-online.de
noteUnter Verwendung der PDF-Version von hproding@sun.ac.za
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Siebentes Kapitel.

Serbinoff hatte sich nach dem kleinen Gute Louisa, wo er vor wenigen Monaten mit Otho und seiner Schwester glückliche Tage verlebt hatte, begeben. An der Spitze eines Reiterzuges kehrte er von der nächtlichen Verfolgung zurück und nahm Besitz von dem einsamen Hofe, der gänzlich verlassen schien, denn die Dienstleute waren, erschrocken über den Brand jenseits des Sees und den Lärm des Gefechtes, daraus entflohen. Erst als er die Thür einstoßen ließ, fand er in einem Winkel des Gesindezimmers eine alte Frau, die auf ihren Knien um ihr Leben bat und in ihrer Angst halb wahnsinnig lange Zeit den fremden Offizier weder erkannte, noch mit Jammern aufhörte, obwohl der Graf alle möglichen Beruhigungsmittel versuchte. Endlich gelang es ihm, und sie erinnerte sich des Gastes, den ihre junge Herrschaft so lieb gehabt. Ihre Verzweiflung schlug in Entzücken um. Sie faßte nach Serbinoff's Händen, bedeckte diese mit ihren Küssen, küßte den 597 Saum seines Rockes, lachte und schrie ihm Segenswünsche zu, die er gleichgiltig sich gefallen ließ, denn er war an solche unterwürfige Huldigungen gewohnt.

Wo ist mein junger Herr! schrie die Frau dann aufspringend und umherschauend, als müsse es einer der Offiziere sein, die den Obersten begleiteten. Wo der gnädige Herr ist, muß ja Herr Otho auch sein, fuhr sie fort. Zusammen verließen sie dies Haus und todt ist er nicht. Lars Normark schwört darauf, er würde wieder kommen. Ach! sprecht doch, gnädiger Herr, sprecht doch, wo ist mein liebes kleines Fräulein! Sie sagen, sie wäre mit dem gnädigen Herrn gegangen. – O! Herr, laßt mich mein Fräulein sehen. Gott segne sie! Gott segne den gnädigen Herrn! Tausend Jahre lang mag er glücklich leben!

Serbinoff sah sie in einer Weise an, daß sie verstummte und zitternd wieder nach seinem Rocke griff. Dein Herr ist so wenig hier, wie dein Fräulein, erwiederte er. Warte die Zeit ab, so werden sich deine Wünsche erfüllen, doch jetzt mache Feuer an, bringe herbei, was du an Lebensmitteln hast. Niemand soll dir und jedem, der hier wohnt, ein Haar krümmen. Morgen will ich dich beschenken und dir eine Sicherheitskarte hier lassen, unterzeichnet von dem Obergeneral und von mir, daß kein Soldat, wer er auch sei, dies Haus betreten oder sich hier einquartieren darf.

Solche Sicherheitskarten wurden in diesem Kriege sowohl für Häuser wie für große Besitzungen ausgetheilt, wenn sie den Anhängern der Russen gehörten. Für heut galt dies Versprechen jedoch nicht. Serbinoff's Reiter zogen ihre Pferde in Otho's Ställe und bald waren die untern Räume des Hauses mit Husaren und Jägern gefüllt, welche mit wunderbarer Geschwindigkeit alles Genießbare vertilgten und dann auf dem Fußboden ausgestreckt, die glühend heißen Öfen umlagernd, ebenso schnell einschliefen.

Serbinoff hatte sich in die oberen Zimmer begeben, wo einst Louisa's Mutter gewohnt hatte, und welche bis zum Augenblick eben so aussahen, wie einst Ebba sie gefunden hatte. Bald flackerte ein helles Feuer auf und durch den niedrigen Raum verbreitete sich eine wohlthuende Wärme. Mit schweren klingenden Schritten ging der hohe Mann auf und ab und lächelte über die friedliche Stille, die ihn 598 umgab. Blank und sauber war Alles umher. Sein Diener brachte ihm seine Reisekassette herein, steckte zwei Wachslichter auf kurze Silberleuchter und kam dann mit Thee, dem duftigsten und feinsten, der in Petersburg zu haben war.

Nachdem Serbinoff sich erwärmt hatte, streckte er sich auf dem Divan aus und schlürfte den belebenden Trank. Der große Schreibschrank von Eichen, glänzend mit Wachs gebohnt, spiegelte den Lichtglanz zurück; die Armstühle standen um den Tisch, als werde eine Gesellschaft erwartet. In der Ecke am Fenster lehnte eine große Harfe und gegenüber an der Wandseite schimmerten die weißen Vorhänge des Bettes, in welchem die Wittwe des Obersten Waimon ihr Leben geendet hatte.

Wie oft hat mein Liebchen hier fröhlich gelacht, murmelte Serbinoff. Wie oft wohl hat sie den kleinen Kopf in diese Kissen geschmiegt und in ihren Träumen meinen Namen geflüstert. Bei Gott! ich wollte, sie wäre hier. Ich wollte, daß ich in ihren Armen vergessen könnte, daß es ein Morgen gibt. Welcher Teufel ist es denn, der uns verleitet, gegen uns selbst zu wüthen? Warum verlange ich nach einem Weibe, das mich nicht mag, und nach wenigen Wochen mir zur Last und Plage sein wird? Warum will ich diese süße Rose von mir abreißen und zertreten, die mir allein blüht, und um keine Seligkeit im Himmel und auf Erden von mir lassen würde. Aber ich will! rief er mit Heftigkeit. Ja, ich will, weil diese stolze widerspänstige Frau mir gehören soll! Er sprang von dem Sitze auf, sein Blick fiel in den Spiegel. Von Kälte und Anstrengung war die Haut seines Gesichts aufgesprungen, ein Baumzweig hatte es blutig gerissen, sein Rock war zerfetzt, Staub, Schmutz und Rauch bedeckten seine Kleider. Er lachte rauh auf.

Ein schöner Bewohner dieses Paradieses! fuhr er fort. Mein Säbel ist schartig, meine Hände roth. Leichen und Sterbende liegen auf dem öden Schneebett draußen, die vielleicht noch manches Jahr froh gelebt hätten, wenn ich sie nicht hierher geführt. Wie friedlich ist es hier und hat Louisa nicht recht, wäre es nicht wonniglich, allen Ehrgeiz, alle Gier nach Glück und Genuß in diesen armen kleinen Raum einzuschließen. Ihr Vater hat ruhelos die Welt durchjagt, um in 599 diesem elenden Bauernhof zu enden, und ihre Mutter, diese angebetete Mutter, nahm den Bauer zum Mann und hat hier gehaust zum Schrecken des würdigen Propstes, des ehrlichen Halset und aller anderer Schurken und Narren. – Da steht ihre Harfe noch. Es soll mich nicht wundern, wenn ich von einer finnischen Carmagnole aufgeweckt werde, oder wenn dieser selige Geist drohend über meinem Haupte schwebt, der ich ihm den Sohn in den Tod gejagt und die Tochter – Er vollendete seine freche Rede nicht, denn es rauschte in dem finsteren Winkel und dröhnend stürzte die Harfe um, deren Saiten dumpf und klagend klangen.

So furchtlos Serbinoff auch war, erschrack er doch vor diesem zufälligen Ereigniß. Einige Minuten lang blieb er stehen, die Augen auf die Harfe geheftet, dann nahm er ein Licht und leuchtete darauf hin. Das Instrument war zerbrochen, er stieß es mit dem Fuße zur Seite. Ein wurmstichig Stück Holz, sagte er, werth, daß es in Trümmer fiel, den Händen nach, die es einst zu beleben wußten und Staub geworden sind. Er beleuchtete die Bücherreihe auf dem Schrank. Meist fand er Dichterwerke schwedischen und französischen Ursprungs, auch deutsche darunter; Rousseau's Emil war mit vielen Zeichen versehen. Er schlug das Buch auf, mit feiner Handschrift waren zahlreiche Randbemerkungen darin gemacht. Er durchblätterte es, bis er bei einer lange verweilte, welche ihm besonders auffiel. »Meine theuren Kinder! lautete sie, ihr werdet glücklicher sein als eure Mutter, denn die einfache Natürlichkeit eurer Gefühle und euer stilles Leben wird euch vor den Verirrungen eurer Herzen schützen. Keine blendende Verdorbenheit wird euch locken, kein eitles Trachten euch in Schuld und Sünde treiben. Meine süße Louisa! du wirst fern von Pracht und Schimmer einen Mann mit deiner Liebe beglücken, der so natürlich gut und reines Herzens ist, wie du selbst. Laß dich niemals von eitler Hoheit blenden, wie ich geblendet wurde, ehe ich den Mann fand, euern Vater, meine Kinder, vor dem aller Trug verschwand. Wenn Magnus Munk einst dein Lebensgefährte ist, mein theures Kind, wenn ihr in Frieden und Stille hier wohnt und glücklich seid, dann lies die Jugendgeschichte deiner Mutter, die ich als mein besonderes Vermächtniß für dich aufgeschrieben. Sie liegt in meinem 600 Schrank, links unter dem verborgenen Fach in dem Kästchen. Du wirst sehen, mein geliebtes Kind, wie nahe ich diesem sittlichem Verderben war und wirst dich doppelt glücklich preisen, daß dein lieber Magnus dich in seinen schützenden Armen hält. Nichts, mein Kind, haben wir mehr zu fürchten, als unsere Eitelkeit, nichts ist gefährlicher, als die Schmeicheleien eines Mannes von hohem Range und strahlenden Eigenschaften, nichts aber herrlicher, als alle Lüge von sich abwerfen, allen falschen Flitter, den die Menschen anbeten, um den sie sich verkaufen, nichts beglückender, als dem Geliebten anhangen, mit dem, sei es in der Hütte zu wohnen, mit ihm alle Noth des Lebens zu theilen, die einzige irdische Seligkeit ist, die es gibt.«

Und was hat sich von allen diesen Schwärmereien erfüllt! rief Serbinoff lachend. Sonderbar, daß sie dies Kind vor Gefahren warnt, welche dennoch in diese Wüste eingebrochen sind. Sehr wahrscheinlich aber bin ich der Erste, der diese Epistel liest und ich will dafür sorgen, daß kein Anderer sich daran erbaut. Er faßte das Blatt und riß es aus dem Buche. Sagte ich es nicht, fuhr er dabei fort, daß diese angebetete Mutter ein überspanntes Weib gewesen sein muß, die ihre Kinder so thöricht toll erzog, wie sie selbst war. Hätte sie ihnen die Köpfe klar gemacht, bei Gott! es wäre besser für sie gewesen. Aber was hat sie denn erlebt? Irgend ein Serbinoff muß auch ihr begegnet sein, bis der würdige Oberst – der Teufel hole ihn! – als Cherubim zwischen diese Eva und die Schlange sprang und dies Paradies für sich eroberte. Ich bin fast neugierig, wie es dabei herging. Dies ist offenbar der Schrank, von dem hier geschrieben steht. Er blickte in das zerrissene Blatt. Links unter dem geheimen Fach in dem Kästchen liegen die Bekenntnisse dieser schönen Seele. Bei aller Liebe Seligkeit! ich sehe den Finger Gottes, der mich leitet. Es gibt keinen Zufall, sagen die Weisesten, Alles, was geschieht, geschieht nach Nothwendigkeiten – und somit bin ich gerechtfertigt, wenn ich thue was ich soll, Entdeckungen mache, diesen Schrank öffne, den Kasten suche und die Geheimnisse dieser Schwärmerin lese, da Louisa sie nicht lesen wird, nicht lesen darf, weil ihre Verbindung mit dem einfältigen Knaben Magnus niemals statt finden wird.

601 Er drehte den Schlüssel um, der im Schlosse steckte und legte die Klappe zurück. Es war einer jener alten schönen deutschen Schränke, an welchen die Schnitzkunst des siebenzehnten Jahrhunderts noch jetzt zuweilen Bewunderung erregt. Kunstvolle Blätterranken liefen an den Seiten hinauf, die Wände enthielten Medaillons, auf welchen Scenen aus der Bibelgeschichte dargestellt waren. Der innere Raum zeigte eine bedeutende Menge großer und kleiner Kasten, sämmtlich mit kunstvollem Schnitzwerk überlegt, das vortrefflich gearbeitet und gut erhalten war. Serbinoff zog verschiedene Kasten auf, die, größtentheils leer, ihm wenige Gegenstände zur näheren Betrachtung boten; vergebens aber suchte er lange nach dem geheimen Behälter, welcher in der Note erwähnt wurde. Endlich entdeckte er einen kaum merklichen Einschnitt, der den Knopf einer Feder verbarg, die zurückgedrückt, in der Tiefe des Schrankes einen Kasten öffnete, welcher hinter anderen versteckt war. Da ist er! sagte Serbinoff, indem er ihn hervorzog, aber was ist das! Mit diesen Worten zog er einen Handschuh heraus, auf den er kaum seine Blicke gerichtet hatte, als er erstaunt ausrief: Bei Gott! das ist der zweite zu dem, den Jönsson uns gezeigt hat. Ich habe eine Ahnung gehabt, als Halset mir erzählte, Niemand wisse, wo dies würdige Paar getraut wurde. Wo ist das Kästchen unter dem Kasten? Das kann wichtiger werden, als es den Anschein hatte.

Er versuchte den Kasten herauszunehmen. Doch erst nachdem er eine Leiste mit Hilfe eines anderen Federdruckes zur Seite gehoben hatte, gelang ihm dies, und nun zeigte sich darunter eine zweite kleinere Aushöhlung, die ein Päckchen Papiere enthielt, das mit einer Schnur gebunden und an beiden Seiten gesiegelt war. Serbinoff zog es hervor. Auf dem Umschlag stand mit derselben Handschrift wie die der Randbemerkungen geschrieben: »Diese Blätter gehören meiner Tochter Louisa. Sie allein soll sie lesen, doch nicht eher bis sie einst mit Magnus Munk verheirathet ist, oder das zwanzigste Jahr erreicht hat.«

Trotz dieses heiligen Befehls werde ich mir dennoch die Freiheit nehmen, mich nicht daran zu kehren, sagte Serbinoff, und an den Tisch zurückkehrend warf er die trockenen Blumen, welche darauf lagen, 602 in einen Winkel, streckte sich auf den Sopha aus und kümmerte sich nicht darum, daß seine Sporen schonungslos den mürben Damast zerhackten. Er zerriß Schnur und Siegel mit solcher Gewalt, daß eine Anzahl engbeschriebener Blätter um ihn herflog, schnell packte er diese zusammen und nach einigen Minuten war es todtenstill in dem Gemach. Serbinoff schien, je länger er las, um so größere Theilnahme zu empfinden.

Einige Stunden vergingen, ehe er geendet hatte, und seine Mienen drückten abwechselnd Erstaunen, Spott, Verachtung und doch auch zuweilen edlere Empfindungen aus, die sich ihm halb unwillkürlich aufzudrängen schienen. Endlich behielt er das letzte Blatt in der Hand und sah lange darauf hin. Bei allen Heiligen des Himmels! rief er, es gibt nicht viele Weiber, die wie diese Frau gehandelt hätten. Schwärmerei macht Märtyrer und Helden, ja vielleicht ist es wahr, daß nichts Großes ohne sie auf Erden geschehen kann; aber Louisa soll diese Geschichte niemals lesen, nie davon erfahren. Sie könnte an ihren Sünden verzweifeln. Er sprang auf und ging umher, dann lehnte er sich über den Tisch und blickte die Blätter an. Es ist Narrheit, für Tugend zu schwärmen, murmelte er vor sich hin, bei hohen Gefühlen schlecht zu leben, göttliche Abstammung sich anzudichten und göttlichen Träumen nachzuhängen; aber wenn man diese Thorheiten auch verachten muß, kann man doch nicht umhin sie anzustaunen. Eine merkwürdige Frau! ich wollte daß ich sie gekannt hätte; aber nein, sie würde mich innerlich noch mehr angewidert haben, wie ihr Sohn, und ich fürchte, daß sie klüger war, als er. Sein heißer Kopf ist zur Ruhe gebracht, ich habe nichts mehr von ihm zu besorgen; auch das ist gut. Der langweilige Philosoph in Halljala wird als Mörder geächtet und verfolgt werden. Dies Mädchen also, Louisa Waimon! – Er schwieg und sagte dann leise vor sich hin: Sie könnte die Erbin der großen Herrschaft sein, wenn nicht –

Hier hielt er inne, denn die Wachen, welche das Gebäude umringten, begannen ein lautes Geschrei. Gleich darauf schnaubten Pferde und eine wohlbekannte Stimme fragte: Wo ist der Oberst Serbinoff? Wo ist der Graf, Iwan? Führe mich zu ihm. Wecke ihn auf oder halt! es wird nicht nöthig sein, er hat Licht.

603 Serbinoff nahm die Papiere und den Handschuh, wickelte beide zusammen in den Umschlag und band den Faden darüber. Das Paket blieb auf dem Tische liegen, den Schrank schloß er, und eben war er damit fertig, als Arwed Bungen eintrat.

Was bringst du mitten in der Nacht? rief ihm Serbinoff entgegen. Ich sehe es dir an, daß es nichts Gutes ist. Wie geht es den Damen? Was gibt's? Der Baron stellte sich an den Ofen, dessen hohe Eisenthüren Iwan auf seinen Befehl öffnete und so viel Holz als vorhanden war hineinwarf. Eine schreckliche Kälte! sagte er. Ich glaube nicht, daß die Schelme, die deinem Schwerte entkommen sind, den Morgen erleben werden.

Und ich vermuthete, erwiederte Serbinoff lachend, daß du keinen allzu großen Kummer darüber empfinden wirst, wenn auch nicht Einer davon am Leben bleibt.

Einer, versetzte Baron Bungen, ohne umzublicken, ist am Leben, und allem Anschein nach wird er auch nicht davon lassen wollen.

Wer? fragte Serbinoff ihm näher tretend. Du meinst –

Erich Randal, meinen geliebten Vetter. Er lag am See, einen Hieb über den Kopf, eine Kugel in seiner Schulter, halb erfroren. So habe ich ihn gefunden.

Serbinoff ging die Stube hinauf und kehrte zurück. In deiner Stelle, sagte er, hätte ich ihn nicht gefunden.

War ich es denn? murmelte Arwed die Zähne zusammendrückend. Es gibt finstere Mächte, Serbinoff, eine schadenfrohe Hölle, der es Freude macht, uns zu höhnen. Mary war plötzlich verschwunden, ich suchte sie, man hatte sie aus dem Hause des Propstes nach dem Schlosse laufen sehen. Als ich mich nähere, höre ich ein Geschrei. Kosaken stürzen auf ein Weib los, die eine blutende Leiche in ihren Armen hält. Sie ist es, sie hat den Elenden gefunden, fordert Schutz und Hilfe für ihn und ich muß meinen eigenen Pelz hergeben, muß zähneklappernd davonlaufen, damit er fein säuberlich ins Haus getragen wird.

Serbinoff konnte nur mit Mühe ein lautes Lachen unterdrücken. Das ist hart, sagte er, aber welcher Teufel treibt dich ihr nachzulaufen. Die Kosaken hätten wahrscheinlich ihre Lanzenspitzen nicht aufhalten lassen. Inzwischen, da er schwer verwundet ist und beinahe schon 604 Leiche war, wird er uns den Gefallen thun, in den Armen der Liebe zu enden.

In den Armen der Liebe wird er leben! rief Arwed ingrimmig. Spotte nicht, Serbinoff. Sie hat ihn mit ihren Küssen, ihren Thränen bedeckt. Sie ließ sich nicht abhalten, es mir, ihrem Vater, meiner Schwester, uns Allen ins Gesicht zu schreien, daß sie ihn liebe, noch liebe, daß sie mit ihm sterben wolle. Das kalte, leblose Geschöpf war toll geworden; toll, Serbinoff, vor wahnsinniger Liebeswuth. Sie klammerte sich an ihn wie eine Rasende; nur durch flehende Bitten, durch Nachgiebigkeit, durch Versprechungen und Schwüre, daß Alles geschehen solle, um ihm zu helfen, ihn zu schützen und zu retten, ist es möglich geworden, sie zu beruhigen.

Und was habt ihr gethan?

Der Oberarzt der Grenadiergarde hat ihm die Kugel aus der Schulter gezogen und den Kopf verbunden. Er hält die Wunden zwar für schwer, aber nicht unmittelbar lebensgefährlich. Erfroren ist er auch nicht; heftiges Reiben und Wärme haben alle seine Glieder geschmeidig gemacht. Hundert Andere wären in dieser schrecklichen Nacht umgekommen, er wird am Leben bleiben.

Um so schlimmer für ihn, sagte Serbinoff. Als Hochverräther und Empörer verurtheilt, kann er kein Gegenstand der Furcht für dich sein.

Ich kann ihn nicht verurtheilen lassen, murmelte der Baron, ohne alle Mittel anzuwenden, ihm Gnade zu verschaffen. Überdies wird er der Gegenstand allgemeiner Theilnahme werden; Viele werden sich für ihn verwenden, unser Verfahren angreifen, und Mary Halset – meine Schwester – verdammt sei die Hand, die ihn nicht besser traf! Verdammt die Narrheit, die ihn aufsuchte und fand!

Ich hätte nie geglaubt, sagte Serbinoff, daß dieser häßliche Bursche im Stande sei, eines Weibes Herz in solchem Grade zu verwirren. Es ist eine fatale Entdeckung, mein Freund, solche aufopfernde Liebe bei einem Mädchen zu bemerken, das man soeben heirathen will, was kann man jedoch gegen Thatsachen thun? Du wirst dich nicht davon stören lassen, sondern sie benutzen. Schlummerte dieser stoische Philosoph, der den Tod wie ein Weiser betrachtet, unter den Tannen 605 am See, so würde das gewiß für ihn und uns Alle das Beste sein, da es jedoch nicht der Fall ist, müssen wir uns damit trösten, daß er sich in unserer Gewalt befindet, und auch das hat sein Gutes! Morgen, oder so bald es angeht, schicken wir ihn ins Hauptquartier. General Buxthövden wird über ihn bestimmen, ein Kriegsgericht ist ja überdies schon ernannt. Pflege ihn, sei zärtlich, tröste ihn, laß es an nichts fehlen. Zeige der theuren Mary, daß dein Herz voll Schmerz und Mitleid ist, für alles Übrige laß mich sorgen. Auch deiner Schwester wird solche Milde wohlthun. Ich weiß nicht, wie tief sie davon berührt wird, daß plötzlich eine Nebenbuhlerin um diesen gefährlichen Mann ihr in den Weg läuft, aber jedenfalls mußt du sie schonen und zu versöhnen suchen. Ich glaube beinahe, sie wird großmüthig genug sein, einem so hochherzigen Mädchen, das den undankbaren Geliebten unter den Todten aufsucht, diesen abzutreten, und ihren Bund inniglich zu segnen, wenn nicht etwa Sam Halset und du selbst Einsprache erheben.

Ich begreife nicht, fiel Arwed unmuthig ein, was dich zu solchen spöttischen Bemerkungen treibt. Vom ersten Augenblick, wo ich Erich sah, war er mir zuwider, jetzt aber hasse ich ihn von ganzem Herzen. Ich muß mich von ihm befreien, und was meine Schwester betrifft – er hielt inne und drehte sich gegen Serbinoff um. Wenn es noch immer dein Wunsch ist, Ebba deine Hand zu reichen, ihr Herz zu gewinnen, so gebe ich dir mein Wort darauf, sie soll einwilligen.

Mein Wunsch und mein Wille ist es, zweifle nicht daran, unterbrach ihn Serbinoff. Ich weiß, welche Abneigung ich zu bekämpfen habe, um so mehr reizt es mich. Bei allen Heiligen! bei meiner Ehre! Arwed, ich will dies stolze Herz haben. Du mußt sie mir geben, ja, sie muß gehorchen!

Sie wird gehorchen, antwortete der Baron. Zunächst nur fort mit diesem Träumer, an den sie sich gehängt hat.

Nicht mit ihrem Herzen, sagte Serbinoff lächelnd, sondern weit eher, wie ich glaube, im Kampfe gegen ihr Herz, das rebellisch sich wider ihren Kopf empörte. Der liegt todt, dem sie es gern gegeben hätte, während verständiges Nachdenken ihr sagte, daß sie ihre aufkeimende Neigung unterdrücken müsse, weil diese ihrer unwürdig sei.

606 Schweigen wir davon, murmelte Arwed Bungen.

Gut, schweigen wir davon. Die Sache ist vorüber, von Otho sind wir erlöst, deine Schwester ist zu der Gleichgiltigkeit des Unglücks gelangt. Sie wird sich beruhigen; durch deine Güte und meine zärtliche Aufmerksamkeit gewonnen werden. Inzwischen hast du Recht, daß Erich Randal verschwinden muß.

So laß ihn verschwinden.

Gewaltsam? Nein, mein Lieber, erwiederte der Oberst. Das wäre heut gegangen, morgen geht es nicht mehr. Nie würde Mary, nie Ebba ein solches Experiment verzeihen. Sie würden uns Mörder nennen, andere Leute thäten es vielleicht auch; überdies ist mit General Buxthövden nicht zu spaßen. Er hat bei Todesstrafe jede Gewaltthat verboten, und der Freiherr Randal ist kein gemeiner Kerl, der unbeachtet in einem Winkel auf der Heide vermodern kann.

Wir werden, fuhr er fort als Arwed schwieg, in loyalster Weise verfahren. Die mobile Colonne, welche ich jetzt führe, muß ihren Weg fortsetzen, bis die Vereinigung mit General Tutschkoff hergestellt ist. Sobald dies geschehen sein wird, kehre ich ins Hauptquartier zurück. Dahin geht ihr jetzt mit dem Gefangenen. Eine Wache soll euch begleiten, ich werde dem General Bericht erstatten, und was bei Buxthövden auch geschehen mag, er muß diesen Empörer, der mit den Waffen in der Hand gefunden wurde, verurtheilen.

Er wird ihn begnadigen, sagte der Baron.

Das wird dein weiser Vetter ohne Zweifel selbst vereiteln, erwiederte Serbinoff. Für diese Gnade müßte er alle seine Irrthümer abschwören, und wäre ihm dies möglich, so hätte er es heut unter besseren Bedingungen thun können. Glaubst du, daß er morgen anderen Grundsätzen anhängen wird?

Nein, aber –

Aber, fiel Serbinoff lachend ein, man läßt ihm dennoch vielleicht das Leben und Mary Halset hört nicht auf ihn anzubeten. Nun, mein lieber Freund, warum willst du ihr dies unschuldige Vergnügen nicht gönnen! Wenn dein Vetter als Hochverräther verurtheilt wird, verliert er Alles, was er besitzt, sogar seinen Namen. Man gibt ihm dafür eine Nummer, setzt ihn in eine Kibitke, führt ihn sechs- oder 607 achttausend Werste weit in irgend eine angenehme Gegend an der Lena oder am Jenisei in Sibirien oder er verbringt sein philosophisches Dasein in irgend einer Goldwäsche im Ural. Ist er erst dort, so ist er auch vergessen. Wer wird ihn jemals zurückrufen? Dazu gehören besondere Wege und Mittel. Mein Onkel, meine Familie, ich selbst, wir werden Alle dafür sorgen, daß es niemals geschehen kann. Aber auch, wenn nach Jahren vielleicht wirklich eine Begnadigung erfolgte, was wäre daran gelegen? Während dieser Zeit sind deine Verhältnisse geordnet, ein namenloser Bettler kann nichts mehr daran ändern. Samuel Halset ist nicht der Mann, die Liebestollheit seiner Tochter zu dulden. Sehr möglich, daß er jetzt vielleicht noch einmal speculirt, ob nicht dieser Freiherr, den er haßt und der ihn verachtet, nicht doch noch zuletzt sein Schwiegersohn werden könnte. Darauf mußt du gefaßt sein. Aus Haß und Hochmuthskitzel zugleich wird er es wünschen, sobald aber Erich Randal ein verlorener Verbrecher bleibt, wird er ihm Fußtritte geben helfen. Mary gehört dem Herrn der Baronie Halljala und wem wird diese zufallen?

Mir, wie ich hoffe, sagte Arwed Bungen, schon in Folge des Verwandtschaftsgrades.

Darin kannst du dich täuschen, versetzte Serbinoff. Wenn Otho noch lebte, würde er dies bestreiten können, und seine Schwester –

Sie haben keine giltigen Rechte, unterbrach ihn der Baron.

Vollkommen giltige Rechte, denn sie sind aus legitimer Ehe entsproßen.

Wer kann das beweisen?

Ich, sagte Serbinoff, – wenn ich es wollte. Ich habe die Beweise dafür gefunden, sie sind in diesem Packet enthalten.

Eine dunkle Röthe trat auf Arwed's Stirn. Er lächelte ungläubig und blickte das Papier und seinen Freund durchdringend an. Wenn dies wirklich der Fall ist, erwiederte er, warum hat sich kein Trauschein gefunden?

Es ist eine seltsame Geschichte. Sie haben selbst niemals erfahren, an welchem Ort die Trauung geschah, wurden auch durch besondere Umstände verhindert, Nachforschungen anzustellen. Lies diese Papiere, 608 wenn du willst. Es liegt auch ein Handschuh dabei, ganz dem ähnlich, den wir bei Jönsson gefunden haben.

Ha! rief Arwed, indem er die Hand auf das zusammengebundene Manuscript legte. Was ist deine Absicht?

Dir zu dienen und deine Schwester zu heirathen.

Und Louisa Waimon? fragte der Baron leise.

Das Kind! was soll es mit Halljala thun? Ich werde immer für Louisa sorgen, auch wenn deine Schwester – meine Gemahlin geworden ist.

Und Niemand weiß, wo sie getraut worden?

Niemand – du wirst dich überzeugen, wenn du diese Bekenntnisse liest.

Mit einem raschen Griff faßte Arwed Bungen das Päckchen und im nächsten Augenblick schleuderte er es in den Ofen. Ich will nichts davon wissen, nichts hören, sagte er. Das ist Alles, was ich thun kann.

Serbinoff lachte laut. Richtig und energisch gehandelt! rief er aus. Dort ist es am besten aufgehoben; was wir wissen, wissen wir allein. Gute Nacht, Arwed, ich bin müde! Im Himmelbett der seligen Frau Mutter, die so gut für uns gesorgt hat, will ich dankbar vom Glück unserer Zukunft träumen!

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