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Gutenberg > Theodor Mügge >

Erich Randal

Theodor Mügge: Erich Randal - Kapitel 26
Quellenangabe
typefiction
booktitleErich Randal
authorTheodor Mügge
year1856
firstpub1856
publisherVerlag von Meidinger Sohn
addressFrankfurt a. M.
titleErich Randal
pages830
created20090617
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Sechstes Kapitel.

Was haben wir heute für einen Tag? fragte Major Munk, der bei Erich Randal dicht an dem mächtigen Feuer saß, das in dem Kamine loderte. Ich glaube es ist heut der elfte März, fügte er hinzu, ohne eine Antwort abzuwarten.

Es ist der elfte März, erwiederte der Freiherr.

Der Veteran schwieg, stützte beide Hände auf den Krückenstock und stierte in die Flammen. Er sah aufgeregt und roth im Gesicht aus, denn vor ihm stand ein mächtiges dampfendes Glas, und der Theekessel brodelte über dem Feuer, dennoch aber war der alte 565 Invalide während der letzten Monate viel magerer und älter geworben. Tiefe lange Falten lagen schwer auf seiner Stirn, die Nase trat scharf hervor und seine Augen schienen sich noch weiter unter die borstigen grauen Wimpern zurückgezogen zu haben. Seit drei Tagen haben wir nun nichts mehr gehört, seit dem Schießen, das von Süden herkam, sprach er vor sich hin. Sind die Russen in Tavastehuus oder ist es ein blinder Lärm gewesen? Schock Tonnen! ich wollte, daß ich fort könnte auf gesunden Beinen. Es sollte Keiner von mir sagen, der alte Munk sitzt da und wärmt sich, während der Feind im Lande ist.

Ich hoffe heut noch Nachricht zu bekommen, wie es in Tavastehuus steht und was wir zu befürchten haben, erwiederte Erich.

Der Major fiel in sein Nachgrübeln zurück, das nach kurzer Zeit sich laut zu äußern begann. Feldwebel Roth und Korporal Spuf sind ein paar tüchtige Bursche, sagte er, die jeder Offizier in solcher Zeit sich wünschen kann. Der Feldwebel ist gestern zurückgekommen von seiner Streiferei. Ist über den Pajäne fort bis nach Gustav-Adolphstadt gewesen; kein Mensch weiß etwas da vom Regiment Björneborg, aber Alles ist voll Schrecken und Angst. Es ist als ob jeder Russe der Teufel selbst wäre, so zittern die Hasenfüße und oh! oh! – der Major seufzte tief auf – es ist Keiner da, der ihnen Courage machen könnte, denn der Eine, der es vermöchte, der liegt bei den Riesen und Trollen in der tiefen See.

Aber es sind doch tüchtige Bursche, der Feldwebel und der Korporal, fuhr er nach einem Weilchen fort. Auf eigene Hand haben sie sich eingerichtet und fangen es kriegsmäßig an, wie es sein muß. In Halljala, sagt der Feldwebel, sollten wir Nachricht finden vom Regiment, da keine angelangt ist, bleiben wir hier, bis sie kommt, wenigstens so lange es angeht. Und haben ihre Mannschaften exercirt, Patronen gemacht und Kugeln gegossen; haben auch den Jem Olikainen zum Soldaten gemacht und die Bauern zugestutzt. Gehangen will ich sein! wenn es nicht ein tüchtiges Fechten gibt, im Fall die Russen sich bei uns sehen lassen, und dann sind wir auch dabei, Erich Randal. Gott sei Dank! daß meine Hände nicht lahm geschossen sind.

Vor Plünderern und Gesindel werden wir uns schützen, lieber Freund, sagte der Freiherr. Doch so weit es angeht, laß uns 566 heut die Leiden, welche uns treffen können, vergessen, denn du weißt ja, daß wir meinen Vetter Arwed erwarten und vielleicht – er hörte Stimmen und Schritte auf dem Gange und wandte sich danach um, allein es war nur der Schulmeister Lars Normark, der jetzt eintrat und hinter ihm zeigte sich die lange schmale Gestalt des Feldwebels.

Lars Normark nahm seine Pelzkappe ab und athmete wohlgefällig die wärmere Luft ein. Guten Abend, Freiherr Erich, sagte er, und auch du, Major. Es gibt nichts Schöneres in der Welt als die alte Halle in Halljala. Im Sommer ist sie kühl, zur Winterzeit aber sitzt man darin, wie in Wainemonen's Garten. Hast den großen Ofen heizen lassen, Freiherr, weil's der Kamin nicht mehr allein schaffen konnte. Alles ist gut zu seiner Zeit. Wär' nicht das echte schwedische Blut in uns, in mir und in dem Hans, ich glaube wir wären längst zu Stein gefroren.

Damit setzte er sich an dem Ofen nieder und legte den Sack neben sich, in welchem sein Hahn leise gluckste.

Meinst es auch so, Hans? fragte er lachend. Wir haben es aber viel besser noch wie die Russen in Tavastehuus, und zehnmal besser wie die dummen Finnen, die in die Kälte hinein gelaufen sind und das warme Haus kam ihnen nicht nach.

Sind die Russen also wirklich im Besitz des Schlosses? fragte Erich den Feldwebel, der, während Lars sprach, geschwiegen hatte.

Ja, gnädiger Herr, antwortete der lange Soldat. Lars Normark hat es in Padisjok von Leuten erfahren, die es mit angesehen haben. Es steht schlimm mit uns; Hals über Kopf geht es rückwärts, und ich kann mir auch denken warum. Wir sind zu schwach zum Widerstande und wenn dieser auch versucht werden sollte bei irgend einer festen Stellung, kommt die andere Colonne der Russen, die durch Savolax vordringt, faßt uns im Rücken, schneidet uns ab und es wird eine Capitulation daraus, wie im Jahre 1742. Sie haben es schlau angefangen, die Herren Moskowiter. Ohne Kriegserklärung sind sie gekommen und wie eine Maus sitzen wir in der Falle. Der alte Marschall Klingspor ist in Tavastehuus mit dabei gewesen, hat 567 befohlen, Alles im Stich zu lassen, nur fort und rückwärts. Er muß die neuste Ordre aus Stockholm mitgebracht haben.

Schock Tonnen! schrie der Major, so könnte es sein, daß wir die verfluchten Russen, ehe wir es uns versehen, am Halse hätten.

Das könnte wohl so kommen, meinte der Feldwebel, und darum erlaube ich mir, dem gnädigen Herrn zu berichten, daß ich meine Mannschaft aus dem ganzen Kirchspiel zusammenziehe und bis morgen ins große Wirthschaftshaus unterbringen möchte. Und weil ich der Erlaubniß dazu gewiß bin, habe ich dem Korporal Spuf befohlen, die Leute in aller Stille zusammen zu bringen.

Recht so! sagte der Major. Wenn der Feind in der Nähe ist, müssen alle beisammen sein.

Und morgen in der Frühe, fuhr der Feldwebel fort, wollen wir weiter umschauen und bei Zeiten an die Retirade denken. Jem Olikainen und eine Anzahl junge Leute werden über die Korpilaxberge hinausschauen, wie's drüben im Lande aussieht.

Fortlaufen wollt ihr? fragte der Major.

Wenn's Zeit ist, Major, ist's das Allerbeste, das ein Mann mit gesunden Beinen thun kann, sagte der Feldwebel lächelnd. Gefangennehmen läßt Korporal Spuf sich nicht und mancher trotzige Bursche denkt eben so. Die Russen aber fragen in solchen Fällen wenig danach, wen sie vor sich haben, ob's ein Weib ist oder ein Greis, also ist's besser wir verschieben's auf ein andermal und laufen dem General nach.

Erich schüttelte dem wackeren Feldwebel die Hand und bat ihn, zu thun, was er für Recht hielt. Es wäre Thorheit, sagte er, wenn Sie abwarten wollten, bis die Russen da sind. Schützen und helfen können Sie uns nicht; friedliche Leute entwaffnen am besten einen übermüthigen Feind durch Ergebung in unabänderliche Zustände.

Es wird noch Alles gut gehen, Hans, rief der Schulmeister vom Ofen her, denn es ist klug, warm in seinem Sack zu sitzen, wenn der Sturm draußen bläst. Mußt bei Leibe keinen Schrei thun, Hans, wenn ein Russe an deinen Hals faßt.

Der Feldwebel ging hinaus, Munk saß erbittert still, eben trat Ebba herein, begleitet von dem Propst, bei dessen Anblick das Gesicht des alten Soldaten noch finsterer wurde.

568 Viele Neuigkeiten, lieber Freiherr! rief der Geistliche schon von der Thür her. O! Major Munk, ich bin erfreut, Sie zu sehen. Tavastehuus ist von den Schweden verlassen worden; wir werden diesen unglücklichen Krieg ein schnelles Ende nehmen sehen, und Gott sei Dank! von seinem Elende verschont bleiben.

Nichtswürdiger Pfaffe! murmelte der alte Soldat.

Es ist eine vollständige Flucht, fuhr Herr Ridderstern fort, und wo soll diese aufhören? Die Russen benehmen sich überall menschlich, sie thun Niemanden etwas zu leide, bezahlen Alles, was sie brauchen. Hier sind die Proclamationen des Grafen Buxthövden. Lesen Sie, Freiherr, es wird feierlich zugesichert, daß kein friedlicher Mensch beschädigt werden soll. Er zog einige Papiere hervor, welche Erich entfaltete. Das eine enthielt die Proclamation des russischen Feldherrn an die schwedischen Soldaten, das andere war die Proclamation an das finnische Volk.

Lies laut, was der Russe den schwedischen Soldaten sagt! forderte Munk, und Erich las: »Soldaten! Ungern sieht mein allergnädigster Kaiser sich wider seinen Willen gezwungen, seine Truppen in Finnland einrücken zu lassen.«

Ungern! Wider seinen Willen? Warum thut er es denn! schrie der Major.

»Es hat den künftigen Besitz Finnlands, die Erhaltung des Friedens und der Ruhe so wie das Glück der Finnen zum Zweck.« las Erich weiter.

Dieses Glück, unseren Frieden, will er also durch seinen Einfall schützen! lachte Munk erbittert. Lüge und Verleumdung! aber echt russisch.

»Um dies auszuführen und euch zu versichern, daß wir euch nur Gutes thun wollen, hat mein Kaiser mir befohlen, nicht auf euch zu schießen, wenn ihr nicht eure Freiheit vergessend und den Frieden verachtend, zuerst anfangt gegen uns feindlich zu handeln, was ihr zu unserem Mißfallen schon versucht habt. Ich mache euch diesen Befehl Sr. kaiserlichen Majestät bekannt, die finnische Nation Seines aufrichtigen und wahren Wohlwollens für das finnische Land versichernd und verbürge euch, Soldaten, daß ihr an den Gnaden Sr. kaiserlichen Majestät Theil habt.«

569 Der Teufel hole seine Gnade! schrie der Major, wüthend mit seinem Stock aufstampfend. Kein schwedischer Soldat verlangt Gnade von ihm.

»Ihr guten Finnen, die ihr zu dem Heere dieses Landes gehört, seid aufs tiefste zu beklagen. Ihr sollt eure Familien, eure Verwandten verlassen, und für eine ungerechte Sache in den Tod gehen.«

Was soll das heißen? fragte Munk, indem er sich aufrichtete.

»Soldaten! mein allergnädigster Kaiser hat mir befohlen, denjenigen von euch, der freiwillig seine Waffen uns überliefert, frei in seine Heimath gehen zu lassen, oder an jeden anderen Ort, wohin es ihm beliebt; außerdem aber für jedes Gewehr zwei Rubel, für jeden Säbel oder andere Waffe einen Rubel, für jedes Pferd aber zehn Rubel zu bezahlen. Wer von euch sollte wohl die Ruhe so wenig lieben, daß er nicht jede ungerechte Aufforderung zum Kriege zu unterdrücken suchte, um sich unter dem Schutze meines allergnädigsten Kaisers ein glückliches und friedliches Leben zu verschaffen.«

Steht das wirklich so da und der Name des Generals darunter? fragte der alte Soldat mit weit größerer Ruhe, als er bisher gezeigt hatte.

Es steht Buxthövden darunter und diese Proclamation ist in Lovisa gegeben, erwiederte Erich.

Dann mag es ein Denkmal ewiger Schande für diesen General bleiben, fuhr Major Munk mit Würde fort. Was ist nichtswürdiger für den Soldaten, als seine Fahne zu verlassen? und hier fordert ein Feldherr dazu auf, bietet Lohn für Verrätherei an Vaterland und König, bietet seines Kaisers Gnade für das schimpflichste Verbrechen.

Im Kriege, mein lieber Major, sagte Herr Ridderstern die Achseln zuckend, ist Alles erlaubt.

Keine Schurkerei! keine Niederträchtigkeit! rief der Major. Ehre bleibt Ehre! so gegen Freund wie Feind. Nichts ist so schlecht wie dies, nichts zeigt besser, welch barbarisches Volk diese Russen sind. Aber ich sage euch, es wird ihnen nichts helfen. Vergebens werden sie ihre Rubel ausbieten, kein Finne wird sie haben wollen.

Lesen Sie doch auch die andere Proclamation, fiel der Propst lächelnd ein, sie wird vielleicht bessere Meinungen erregen.

570 »Gute Nachbarn und Bewohner des schwedischen Finnlands!« begann Erich Randal. »Mit dem größten Leidwesen sieht mein erlauchter Herr und gnädiger Monarch sich gezwungen, seine Truppen unter meinem Befehle in euer Land einrücken zu lassen.

»Es ist dem Kaiser um so schmerzlicher, diese Maßregel ergreifen zu müssen, als Se. Majestät der edlen Empfindungen der Finnen für uns, wie des aufrichtigen und freiwilligen Vertrauens auf Rußlands Schutz gedenkt, welche die finnische Nation beim Anfange des letzten Krieges auf eine so muthige Art offenbarte, als der König von Schweden ohne die geringste Ursache und im offenen Widerspruch mit eurer Verfassung, einen eben so ungerechten als unerwarteten Anfall auf unsere Grenzen that.«

Die finnische Nation war es nicht, die den Angelabund stiftete und ihren König verrieth! rief der alte Mann schmerzlich. O! so rächt sich das alte Unrecht noch jetzt, so wird es von den Russen benutzt!

»Statt sich mit meinem Kaiser zu den friedlichen Bemühungen vereinigen zu wollen, las Erich weiter, wodurch die Ruhe hergestellt werden sollte, deren Europa schon so lange beraubt ist und welche es nur von dem Bündnisse der beiden mächtigsten Staaten Europa's erwarten kann, entfernt sich der König von Schweden nicht nur immer weiter von diesem edlen Zwecke, sondern verbindet sich noch enger mit dem Feind der allgemeinen Ruhe, mit England, dessen Unterdrückungssystem und unerhörtes Benehmen gegen meines Kaisers innigsten Bundesgenossen, den Kaiser der Franzosen, von Sr. kaiserlichen Majestät nicht mit Gleichgiltigkeit angesehen werden kann.

»In Erwägung dieser Gründe also, verbunden mit dem, was mein Kaiser der Sicherheit seiner eigenen Staaten schuldig ist, sieht er sich gezwungen, euer Land als Pfand in seinen Schutz zu nehmen, um sich eine angemessene Genugthuung damit zu verschaffen, wenn der König von Schweden fortfährt, die billigen Friedensbedingungen des Kaisers der Franzosen nicht anzunehmen.«

Dafür also will er sich Finnland als Genugthuung nehmen! rief der Major voller Bitterkeit. Wo ist Gottes gerechte Hand! Wer kann das hören ohne Zorn und Zittern.

571 »Gute Nachbarn und Bewohner Finnlands, bleibt ruhig, friedlich und furchtlos in euern Wohnungen. Wir kommen zu euch nicht als Feinde, sondern als Freunde und Beschützer, um euern Zustand glücklicher zu machen, indem wir dadurch die Macht erhalten, von einem Lande die Übel zu entfernen, deren unfehlbare Opfer ihr im Fall des Krieges sein würdet.

»Lasset euch nicht verleiten, die Waffen gegen uns zu ergreifen, oder die mir anvertrauten Truppen zu beleidigen. Wer in diesem Punkte fehlt, hat sich selbst die Folgen beizumessen. Anderseits werden alle die, welche sich durch ihren guten Willen auszeichnen, die väterliche Sorgfalt des Kaisers für das Wohl des Landes zu unterstützen, sich seines hohen Schutzes und Wohlwollens würdig machen.«

Und an solchen vielgetreuen, eifrigen, eingepfändeten Unterthanen wird es gewiß nicht fehlen, lächelte Ebba mit einem Blicke auf den Propst.

»Da Se. kaiserliche Majestät wünscht, daß Alles, was das Land betrifft, seinen gewöhnlichen Gang gehen soll nach euern Gesetzen, Sitten und Gebräuchen, welche unverletzlich gehalten werden sollen, so lange wir genöthigt sind in diesem Lande zu bleiben, so bestätige ich hiermit jeden öffentlichen Beamten, sowohl im Civil als Militär, in ihren Ämtern und Bestallungen, mit Ausnahme derjenigen, welche als geborne Schweden ihre Ämter mißbrauchen könnten, um das Volk zu verführen und zum Schaden des gemeinen Besten es zum Irrthum verleiten.«

Also weggejagt, wer nicht nach der russischen Pfeife tanzt! schrie Munk.

»Was den russischen Soldaten geliefert wird, soll auf der Stelle mit baarem Gelde bezahlt werden. Für die Lieferungen sollen Übereinkünfte zwischen unseren Commissarien und denen des Landes abgeschlossen werden, und um euch einen Beweis der hohen Fürsorge meines kaiserlichen Herrn zu geben, hat er befohlen, daß überall Magazine errichtet werden sollen, aus denen der bedürftige Theil der Landesbewohner eben sowohl wie unsere Soldaten ihren Unterhalt ziehen können.«

Hörst du wohl Hans, lachte Lars Normark leise in den Sack, das ist etwas für uns. Gott segne den guten Kaiser, daß er uns 572 nicht vergißt! Der Hahn antwortete mit einem vergnügten Glucksen. Erich Randal fuhr inzwischen fort: »Da sich jedoch verschiedene Fragen erheben können, deren Entscheidung in guter Nachbarlichkeit ein gegenseitiges Vertrauen und einträchtige Besprechung erfordert, so werdet ihr hiermit angewiesen, so bald als möglich und nach der bei euern Reichstagen üblichen Ordnung aus jeder eurer Provinzen Deputirte zu schicken, welche sich nach der Stadt Abo zu begeben haben, um über Alles, was zum Wohl des Landes beitragen kann, zu berathschlagen.«

Ein russischer Reichstag! sagte Ebba.

»Das Großherzogthum Finnland soll folglich von diesem Augenblick an und einstweilen wie alle übrigen eroberten Provinzen des russischen Reichs angesehen werden, welche unter der Regierung der Vorfahren Sr. Majestät und jetzt unter seinem Scepter einer glücklichen Ruhe mit Erhaltung aller ihrer Privilegien, freier Religionsübung, Rechte, Immunitäten u. s. w. genießen, die sie von jeher besessen haben und noch bewahren. Die gewöhnlichen Auflagen der Krone werden künftig ohne Zuschlagsteuern allein nach dem alten Kataster erhoben, mit Ausnahme dessen, was für Besoldung der Beamten veranschlagt ist, das so bleibt wie es ist.

»Gegenwärtiges soll allen denen, die es angehen kann, zur Richtschnur dienen, die nicht allein hierin, sondern auch in allem Andern sich nach dem zu richten und dem zu gehorchen haben, was in den Ukasen Sr. kaiserlichen Majestät künftig etwa befohlen werden mag.«

Und diese kaiserlichen Befehle werden nicht ausbleiben! rief Munk schmerzlich seine Hände zusammenschlagend. Zur russischen Provinz wird Finnland offen erklärt, in Abo soll ein Reichstag Huldigung leisten. Ist es möglich, so alle Wahrheit zu verdrehen, so schaamlos vor den Augen der ganzen Welt Verrath und Gewalt als Recht und Pflicht zu preisen? Woher ist dies schmachvolle Papier gekommen, Propst Ridderstern? Wer hat es Ihnen zugestellt?

Ich, Major, ich gab es ihm! antwortete Sam Halset, indem er hereintrat und die Thür offen ließ. Da sind wir, Freiherr Randal, hoffe, kommen Ihnen als erwünschte Gaste. Eh! nur herein, fuhr er, sich umwendend, fort. Es ist angenehm hier, Freiherr, und da ist 573 Mary, Fräulein Ebba und noch Einer – er fing an zu lachen und deutete auf pelzumhüllte Gestalten, welche jetzt sichtbar wurden.

Arwed! rief Ebba, ohne sich von der Stelle zu rühren, wo sie neben Erich stand.

Meine Herzensschwester, mein lieber Erich! sagte der Baron. Er ließ Mary frei, die er am Arm führte, und eilte seinen Verwandten zu. Gott sei Dank! daß wir bei euch sind, mit euch vereint in dieser schlimmen Zeit.

Er umarmte und küßte Ebba, dann Erich, während Halset mit dem Propst flüsterte und von Neuem schrie: Die beste Überraschung kommt noch. Wo ist er denn? Was gibt es denn? Alle Wetter! ich bin steif gefroren. Aber das Herz ist warm und saß da nicht der Schulmeister am Ofen? Wo ist er hingekommen, der alte Taugenichts? Wart, he! Da ist er endlich!

Klirrende Schritte begleiteten diesen Ausruf und alle Augen hefteten sich auf den hohen Mann, der rasch hereintrat. Ein lichtgrauer großer Mantel hüllte ihn ganz ein; er hielt den Kragen vor sein Gesicht, doch es war nicht nöthig, daß er sich verhüllte. Es war Serbinoff.

Der Graf hob lachend den Kopf auf, warf Hut und Mantel ab und stand in dem glänzenden Waffenkleide der kaiserlichen Garde vor dem Freiherrn.

Ihr Freund, mein lieber Randal, der sich innig freut, Sie wieder zu sehen, rief er, Erich's Hände schüttelnd, der aber leider schon die traurige Nachricht vernommen hat, die das jähe Ende eines Mannes betrifft, der uns Beiden so theuer war.

Es gibt ein Wesen auf Erden, antwortete Erich, das unendlich mehr noch davon leiden wird.

Wahr, sagte Serbinoff, ich mag nicht an Louisa's Schmerz denken.

Wo ist sie?

Unter der Fürsorge innigster Liebe, welche allein jetzt Trost über sie bringen kann, erwiederte der Graf. Er wandte sich an Ebba und küßte ihre Hand. Möge niemals das Schicksal Sie von Ihren Freunden trennen, fuhr er fort, möge es Ihnen den erhalten, der für Sie lebt und Ihnen alles Glück der Erde gewähren möchte, das ist der Wunsch mit dem ich Ihnen nahe, meine schöne Freundin.

574 Ich würde Ihnen danken, Graf Serbinoff, erwiederte sie, wenn wir nicht Feinde sein müßten.

Niemals! rief er lebhaft. Was geht uns der Krieg zwischen den zwei Reichen an. Unsere menschlichen Gefühle sind anderer göttlicherer Natur, sie erheben uns über dies Ringen roher Kräfte. Und wie lange wird es dauern, fuhr er lächelnd fort, so wird der Friede wiederkehren, und wie nach einem Gewitter jede Blume schöner blüht, wird auch dies Land neue und schönere Blüthen treiben.

Die schönsten Blüthen, die es für jetzt treiben kann, krähte Sam Halset dazwischen, wird uns der Freiherr Randal zeigen. Wir sind heut von Tavastehuus gekommen, Freiherr Erich, haben den Grafen Serbinoff unterwegs aufgefunden und mitgenommen. Beim Propst sind wir kaum ein halbes Stündchen gewesen, haben ihn vorausgeschickt, das Haus auf unsere Ankunft vorzubereiten, wozu dem würdigen Freund, wie es mir scheint, keine Zeit geblieben ist. Jetzt also laßt uns zunächst die Kälte aus Magen und Gliedern treiben und das erste Glas soll getrunken werden, daß morgen Propst Ridderstern sein geistliches Kleid anzieht und die Verlobung proclamirt von Fräulein Ebba Bungen und Mary Halset mit den hochgeborenen Herren Erich Randal und Arwed Bungen. Ehe! das ist es doch, weßwegen wir gekommen sind, und dann fort mit uns nach Abo, wo ich, Samuel Halset, beschlossen habe, eine Doppelhochzeit zu feiern, wie es so bald noch nicht geschah, auch so bald nicht wieder sein wird.

Du hörst es, Ebba, wie es mit mir und meiner geliebten Mary steht, fiel der Baron ein. Der treffliche Papa hat meinen Bitten nachgegeben und zu euch sind wir gekommen, um gemeinsam Verlobung und Hochzeit zu halten. Küsse sie, Ebba. Küsse meine Mary und nimm sie in deine Arme als Freundin und Schwester.

Mary Halset stand geduldig und schweigsam bei dem Baron und doch war etwas in ihrem Gesicht, das dieser scheinbaren Ergebung widersprach. Seit Ebba sie nicht gesehen hatte, waren ihre Züge noch schärfer geworden und trugen von Nachgiebigkeit nichts an sich. Ihre kalten Augen blickten energisch fest und um die blassen Lippen schwebte ein verächtlich stolzes Lächeln. Auf Erich Randal schienen sich diese Blicke festzubohren und sie besaßen einen eigenthümlichen Zauber, denn 575 es war als verstände der Freiherr was sie ihm sagten und als beantworte er sie durch die Ruhe, mit welcher er seine Stirn aufhob und Mary anblickte.

In Abo, sagte Erich, werden wir keine Hochzeit feiern können, da allem Anschein nach die Stadt in Feindeshand fallen wird.

General Chepeleff hat es wahrscheinlich schon besetzt, sagte Serbinoff, sollte es noch nicht der Fall sein, wird es in wenigen Tagen geschehen.

Und warum die Freunde und Brüder unseres Freundes Serbinoff Feinde nennen! fiel Baron Arwed ein. Alle Verstellung muß endlich aufhören, wir müssen uns verständigen, einig sein. Die grenzenlose Thorheit des Königs hat es dahin gebracht, daß der Kaiser durch seine Heere Finnland vor den Engländern sichern mußte, jetzt ist nichts mehr daran zu ändern. Finnland ist schon halb erobert, in kurzer Zeit wird kein Schwede mehr darin sein. Wer kann sich noch darüber täuschen, wer will noch glauben, daß er etwas ändern könnte? Eine große Zahl Männer, aus den besten Familien, unsre Vettern, die Wright's, viele andere Herren von Adel, viele Prediger, Beamte, Offiziere, die Magistrate der Städte, reiche Grundbesitzer und Großhändler haben dies eingesehen, an den Grafen Buxthövden geschrieben und Schutzbriefe und Schutzwachen für sich und ihre Bauern und Angehörigen erhalten. Wer wollte sich nicht unterwerfen, nicht vernünftig bedenken, daß gar nichts Besseres übrig bleibt.

Auch ich bin bereit, mich der Nothwendigkeit zu fügen, antwortete Erich.

Also reisen wir nach Tavastehuus, wo General Buxthövden gestern sein Hauptquartier genommen hat! schrie Halset, stellen uns dem General Buxthövden vor und bitten ihn zur Hochzeit. Ein prächtiger Mann, der Graf, ein wahrer Cavalier! Er schlägt nichts ab und es ist möglich, daß der Admiral auch dabei ist. Suchtelen holt ihn dazu ab. Ich will eine Wette machen, die Gurschin tanzt wieder mit ihm die Polonaise!

Mein lieber Randal, begann Serbinoff, indem er Erich's Hand nahm und herzlich drückte, wenn Sie aufrichtig sein wollen, müssen Sie mehr noch als manche Ihrer Freunde mit dem jetzigen Umschwung der Dinge zufrieden sein. Für Sie kommt jetzt die Zeit, in welcher 576 Sie Ihre menschenfreundliche Aufgabe zu lösen vermögen. Sie wollen die Lage des Volks bessern, wollen es heranbilden, wollen es mit nützlichen Arbeiten beschäftigen, seine materiellen Verhältnisse bessern, um es verständiger und einsichtiger zu machen. Ohne bedeutende Unterstützung und Hilfe der Regierung ist dies unmöglich und was haben Sie von der schwedischen Regierung jemals zu erwarten? Sie selbst haben über Ihre Kräfte hinaus sich bestrebt; was würde die Folge sein, wenn Sie nicht mit denen gehen wollen, die helfen können? Rußland ist reich, der Kaiser ein edler Mann, er will was Sie wollen, sein Volk glücklich machen. Zwei Millionen Rubel liegen bereit, um sofort die Grundbesitzer zu unterstützen. Ich habe selbst den Plan gesehen, Landbanken anzulegen, wie in Wiborg eine solche schon gegründet ist, und ich weiß, wie sehr Sie solche Hilfsanstalten längst herbeigewünscht haben.

Erich Randal! sagte der Major von seinem Sitz am Feuer, wo er sich bisher nicht gerührt hatte, du bist ein finnischer Freiherr!

Aber das nicht allein, fuhr Serbinoff fort; glauben Sie mir, theurer Freund, nichts wird verabsäumt werden, das Landeswohl zu heben. Was die Proclamation, welche hier auf dem Tische liegt, betrifft, so werden alle Rechte, alle Gesetze, alle Einrichtungen, heilig gehalten werden, und grade Ihre lebhaften Wünsche nach guten Landstraßen, Canälen, großen gemeinnützigen Bauwerken, werden sich im reichsten Maße erfüllen. Bei Gott! dem Kaiser ist es nicht darum zu thun, seine Einkünfte zu vermehren. Er wird euch Lasten abnehmen, er wird mit vollen Händen geben, denn wenn er Finnland besitzen will, denkt er allein an große politische Zwecke, die eure Häfen, eure Küsten ihm sichern sollen. Wenn ihr zum russischen Weltreich gehört, ist das etwa Schande und Schmach? Glück und Frieden werdet ihr darin finden, mehr Glück, mehr wahres menschliches Heil als mein armer Freund Otho sich von dem Phantasiebilde seiner finnischen Republik träumte. Was aber Sie selbst betrifft, mein Freund, so nennen Sie mir Ihre Wünsche, ich verbürge mich dafür, daß sie erfüllt werden. Ich habe Einfluß genug, Ihnen dies zuzusichern. Graf Buxthövden wird Sie mit Freuden empfangen und wenn ein Mann seinem Vaterlande wahren, weitreichenden Nutzen verschaffen kann, so vermögen Sie dies jetzt zu thun.

577 Erich Randal! sagte der Major von seinem Sitze mit stärkerer Stimme, denk' an deinen Namen!

Männer in unserer Lage, fiel Arwed mit einem scharfen Blick auf den Invaliden ein, der seinen Kopf tief niederbeugte, und ganz theilnahmlos zu sein schien, müssen sich von aller Gefühlsschwärmerei fern halten. Besinne dich nicht länger, lieber Erich. Auch ich sage dir, denke daran, daß du ein Finne bist, daß du viel zu verlieren hast. Bei Gott! du hast viel zu verlieren, und kannst ohne die größte Verblendung nicht zweifelhaft sein, was du thun mußt, denn Finnland ist auf immer für Schweden verloren. Jetzt noch ein Schwede sein wollen, für Schweden sich opfern wollen, wäre eine Thorheit, welcher nur der fähig sein würde, der zur rechten Zeit dich verlassen hat.

Wenn er hier wäre! rief Ebba zürnend, er würde dir Antwort geben. Da er es nicht kann, so thue ich es. Du selbst ein Schwede, du verleugnest dein Vaterland!

Davon nachher, antwortete der Baron, ohne seine Schwester anzusehen. Rede, Erich, was du thun willst?

Gehorchen, versetzte der Freiherr. Ich werde diese Proclamation befolgen, so weit es in meinen Kräften steht.

Du wirst nach Abo kommen?

Wenn ich dazu gewählt werde, ja.

Es ist keine Wahl nöthig, sagte der Baron. Nicht bloße Deputationen sollen erscheinen, man erwartet die angesehensten Männer, die Reichstagsmitglieder.

Dann werde ich meine Pflicht erfüllen.

Ich merke worauf dies hinaus will, lachte Arwed. Du willst thun, was unumgänglich nöthig ist, was du nicht verweigern kannst ohne empfindsamen Schaden, aber so ist es nicht gemeint, mein lieber Vetter. Manche werden gehorchen, weil sie müssen; die neue Regierung will jedoch ihre Freunde und Anhänger kennen lernen, die Leute, auf welche sie zählen kann, und denen sie dafür ihre Auszeichnungen und Wohlthaten zuwendet.

Bist du denn ein so getreuer Anhänger dieser neuen Regierung, fragte Erich, und hast du Wohlthaten von ihr empfangen?

578 Baron Arwed richtete sich stolz auf und sammelte in einem augenblicklichen Schweigen seine ganze Kaltblütigkeit. Ich habe die wichtigsten Gründe zu Beidem ja! zu sagen, begann er. Der König hat mich persönlich beleidigt. Er hat mich zurückgesetzt, entlassen, verfolgt, alle Dienste vergessen, die mein Vater seinem Vater leistete. Ich habe keine Ursach mich nach ihm und nach Schweden zu sehnen, keine Ursach mich mit Anhänglichkeit an ihn brüsten zu wollen. Ich habe keine Pflichten gegen ihn zu erfüllen, darum bin ich in die Dienste des Kaisers getreten, der jetzt mein allergnädigster Herr ist, und mich zum Civilgouverneur dieser Provinz ernannt hat. Die besten Männer des Landes, fuhr er fort, sind längst von der Überzeugung durchdrungen, daß Finnland nur unter Rußlands Herrschaft glücklich, reich und geachtet werden kann. Hier ist Herr Halset, der so undankbar wie ich behandelt wurde; hier ist Propst Ridderstern, einer der geachtetsten Geistlichen, sie werden mir beipflichten. Du, Erich, der mir so nahe steht, dem ich die Zukunft meiner Schwester anvertrauen will, du darfst die Wahrheit nicht verkennen. Unsere Wege dürfen sich nicht trennen.

Fordere nichts von mir, was ich nicht erfüllen kann, sagte Erich Randal mit ruhiger, fester Stimme.

Das geschieht auch nicht, versetzte Arwed. Ich fordere von dir, daß du mich nach Tavastehuus, später nach Abo begleitest, dem General Buxthövden dich vorstellst und durch dein Beispiel einwirkst, daß die väterlichen Absichten des Kaisers für das finnische Volk nicht getrübt werden.

Das heißt, ich soll mich für einen eifrigen Anhänger Rußlands erklären.

Wir wissen, daß es hier unruhige Köpfe gibt, fuhr Arwed fort, daß die Bauern aufgewiegelt sind, daß man ihnen Waffen gegeben hat, so viele aufzutreiben waren. Glücklicher Weise fehlt der unbesonnene Hitzkopf, der ihr Anführer sein könnte, Jeder aber mag sich in Acht nehmen, gerechte Rache auf sich zu ziehen.

Wenn es eine gerechte Rache gibt, so muß sie dich treffen, antwortete Ebba. Graf Serbinoff hat wie ein Russe gesprochen, dazu 579 hat er ein Recht; du aber, der du ein Schwede bist, du sprichst wie ein Verräther!

Thörichtes Mädchen! rief Arwed zürnend; doch gleichviel, fügte er kalt hinzu, auf Weiberurtheile muß ich gefaßt sein.

Du wirst auf andere Urtheile gefaßt sein müssen, versetzte sie. Jetzt erst erkenne ich alle Fäden deiner Schande. Ja, Schande! Schande! die dich verfolgen wird. Sage ihm, Erich, daß du ihn verachtest, wie ich es thue.

Ich hoffe er wird vernünftiger sein, wie du, sagte Arwed kaltblütig lächelnd. Ich verzeihe dir deine romantischen Grillen. Erich aber ist zu einsichtig, um die Lage seiner eigenen Angelegenheiten nicht zu bedenken.

Und dabei habe ich auch ein Wort mitzusprechen, ihr Herrn, fiel Sam Halset ein, der bisher neben dem Propst am Ofen stehend, gemüthlich die Entwicklung angehört hatte. Wie sieht es mit meinem Gelde aus, Freiherr Randal? Das ist auch eine Frage, die hierher gehört. Zu Neujahr sollte die ganze Summe zahlbar sein, ich ließ es anstehen und es meldete sich Niemand, der mir mein Geld ins Haus gebracht hatte. Damals gab es einen Helfer in der Noth, der vor den Riß trat, ich denke aber, die Zeiten sind vorbei, eh!

Diese Zeiten sind nicht vorbei, Herr Halset, sagte Serbinoff. Ich bin bereit, jede Bürgschaft zu übernehmen, wenn Herr Randal dies wünscht. Doch dies ist kaum nöthig. Die Hilfskasse zur Unterstützung der großen Grundbesitzer, welche der Kaiser zu errichten befohlen hat, wird augenblicklich jede Summe zahlen, welche Sie von ihr fordern.

Laß dich nicht verlocken, Erich Randal! rief der Major aufstehend. Nicht um alles irdische Wohl und Weh darf ein Mann von seiner Ehre lassen.

Ich werde meine Ehre niemals in Gefahr bringen, antwortete der Freiherr. In solcher Kriegsnoth ist es unmöglich Geld zu beschaffen, ich wenigstens bin außer Stand dazu; allein es ist unverloren, und wenn es sein muß, mag mein Eigenthum Ihnen zufallen, Herr Halset. Um den Preis, dem eindringenden Feinde mich beizugesellen und ihn zu unterstützen, kann ich keine Hilfe annehmen.

580 Der Kaiser von Rußland ist Finnlands Herr und Herrscher, fiel Arwed ein. Die Russen sind keine Feinde, sie sind die Freunde und Brüder der Finnen.

So mögen es diejenigen nennen, die in Rußlands Sold und Diensten sind und gemeinsame Sache, offen oder heimlich, mit ihnen machen. Ich richte nicht über dich, Arwed, doch folgen kann ich dir nicht. In das Unvermeidliche schicke ich mich, Freund und Genosse derer zu sein, die mein Vaterland angreifen, um es zu erobern, ist mir unmöglich.

Es wird dir Alles nichts helfen, du wirst dich darin finden müssen, ein russischer Unterthan zu werden.

Wenn ich es werden muß, werde ich es ohne Vorwurf sein.

Vorwürfe! rief der Baron, fürchtest du diese etwa? – Er blickte höhnisch lächelnd seine Schwester an. – Wer sollte dir Vorwürfe machen, die wir nicht beschwichtigen könnten?

Mein Gewissen! Meine Ehre!

So? Oh! das sind freilich zarte Dinge. Doch ich, der ich eine andere Wahl getroffen, wir Alle, deine Verwandten, die Wright's, Herr Halset, der Propst, manche tapfere Offiziere, edle Männer von klarem Verstande und ruhigem Nachdenken – wir besitzen somit keine Ehre, kein Gewissen!

Wenigstens müssen diese sehr verschieden von den Vorstellungen sein welche ich darüber habe.

So? verschieden! das ist nicht zu leugnen, sie sind nicht die Ergebnisse verwirrter Hirngespinste, philanthropischer Phantasien und republikanischen Unsinns, wie diese hier seit langer Zeit getrieben wurden. Ich habe geglaubt, du sei'st gescheidter geworden, die Augen seien dir endlich aufgegangen, und deine zerrütteten Vermögensverhältnisse, verbunden mit den jetzigen Gefahren, hätten dich zum Manne gereift, der zu handeln versteht, wie es einem Manne geziemt.

Du irrst, erwiederte Erich mit sanfter Festigkeit. Meine Grundsätze sind so unverkäuflich, wie ich selbst.

Unverkäuflich! murmelte Arwed; gut, ich sehe, daß diejenigen Recht haben, die mir vorhersagten, es sei verlorene Mühe dich zu retten, aber ich will dann auch nichts weiter mit einem Verblendeten zu schaffen 581 haben, der in den Abgrund stürzen muß, welcher vor ihm liegt. In deine Verbindung mit meiner Schwester habe ich gewilligt, weil ich mich in deine Einsicht täuschte, doch hier ist der Scheideweg für uns. Entweder, du gehst nach Tavastehuus, stellst dich zur Disposition des Grafen Buxthövden und wendest deine Dienste für deinen Kaiser und für dein Vaterland an, oder aber – Er schwieg einen Augenblick und sagte dann lächelnd: Dahin wirst du es nicht kommen lassen, ich will das fatale Wort nicht aussprechen. Sei vernünftig, Erich. Keinem Menschen kann das Glück günstiger sein. Ehren, Auszeichnungen, Geld, Rang, eine liebende Braut, die heiterste, freudigste Zukunft erwarten dich.

Und dies Alles wird er ausschlagen, fiel Ebba ein. Rede, Erich Randal, sage ihnen, daß es keinen Preis gibt, der dich zum Verräther macht.

Ich danke dir, theure Ebba, erwiederte der Freiherr. Dringe nicht weiter in mich, Arwed; warum willst du es auch thun? Laß mich in meiner Zurückgezogenheit unangefochten, die mich wie viele Andere schützen wird. Ich bin ein unbedeutender Mann!

Das bist du nicht, erwiederte der Baron. Du hast Anhang umher, das Volk sieht auf dich, selbst für den Adel ist dein Beispiel von Folgen. Die Unruhestifter glauben an dir einen Stützpunkt zu finden, und in diesen Schlupfwinkeln von Gebirgen und Seen möchten sich leicht gefährliche Rotten einnisten. Darum mußt du offen dich für den Kaiser erklären und seine Fahne auf den Hompusthurm stecken, damit das ganze Land weiß, der Freiherr Randal hat seines Kaisers Sache ergriffen, bei ihm ist kein Schutz zu finden.

So wenig ich an Empörung denke, die eine Thorheit wäre, so wenig kann ich gegen meine Überzeugung handeln, sagte Erich mit großer Bestimmtheit.

Nicht! rief Arwed; nun denn, so gehe deinen Weg und trage die Folgen. Von einer Verbindung mit meiner Schwester kann nicht mehr die Rede sein; alle und jede darüber bestehende Verabredung erkläre ich hiermit für aufgehoben.

Du magst es thun, ich nicht! sagte Ebba.

582 Ich thue es im Namen meiner Familie, deren Haupt ich bin, erwiederte Arwed; zugleich aber auch, als Gouverneur des Kaisers, verhafte ich dich, Freiherr Erich Randal, im Namen Sr. Majestät!

Du verhaftest mich? fragte Erich erstaunt, doch ohne zu erschrecken. Um welches Vergehen?

Du hast dich selbst einen Feind der Feinde deines Vaterlandes genannt, und bei den gegenwärtigen Kriegsereignissen darf man keinen Mann solcher Sinnesart in dieser gefährlichen Landesgegend unter einer aufrührerischen Bevölkerung lassen, die ihm so ergeben ist. Schon sind einige ähnlich denkende Edelleute und Grundbesitzer nach Wiborg geschafft worden, um dort aufbewahrt zu werden. General Buxthövden mag bestimmen, was mit dir geschehen soll.

Ist das wahr, Graf Serbinoff? fragte Erich.

Zweifeln Sie nicht daran, erwiederte dieser. Es ist nothwendig zu unserer Sicherheit. Lassen Sie es nicht zu diesem Äußersten kommen.

Aber Sie hören, wie weit ich davon entfernt bin, mich gegen jede nothwendige Unterwerfung aufzulehnen.

Ihre Unterwerfung, Freiherr Randal, ist allerdings jetzt eine Nothwendigkeit, und Sie heben diesen Umstand hervor, lächelte Serbinoff, doch das Kriegsglück ist wandelbar. Möglich, daß die Schweden noch einmal vordringen, bis an den Pajäne gelangen, bis nach Halljala, dann fällt die Nothwendigkeit Ihrer Unterwerfung fort.

In meinem Hause wollen Sie mich verhaften?

Ich muß Ihnen erklären, erwiederte Serbinoff, daß Baron Arwed außer dem Rechte auch die Macht dazu hat. Wir sind nicht allein gekommen. Einige Schwadronen reitender Grenadiere, Jäger und Gardekosaken begleiten uns. Eine Abtheilung Grenadiere hat Ihr Haus umzingelt und hält alle Ausgänge besetzt, eine andere Abtheilung ist so eben dabei, die Leute vom Regiment Björneborg aufzuheben, welche, wie wir wissen, im Kirchspiele zerstreut liegen; zugleich werden die Bauern entwaffnet werden. Es soll ihnen nichts geschehen, verlassen Sie sich darauf, die strengste Mannszucht wird auch hierbei befolgt werden. Nur einem dieser kriegerischen jungen Helden will ich Gelegenheit verschaffen sich auszuzeichnen. Und dann gibt es hier noch 583 einen Anderen, einen sehr verwegenen alten Burschen, der, wie ich gehört habe, die Gegend umher seit langer Zeit aufgewiegelt und friedliche Leute in Schrecken gesetzt hat.

Und da ist er schon! rief er sich unterbrechend, denn plötzlich klang Lars Normark's Pfeife, anscheinend dicht vor der großen Thür, die aus der Halle nach dem Garten hinaus führte. Jetzt war dieser Ausgang wohl verwahrt, um die Winterkälte abzuhalten, als aber die Pfeife so frisch sich hören ließ, öffnete Sam Halset die schwere Doppelpforte.

Ist der finnische Russenmarsch von 1718, lachte Halset. Kenn' das Ding, ist ein Lieblingsstückchen des alten Schelms. Er hat eine vortreffliche Nase, weiß was ihm gut thut. Komm' herein, Lars, müssen mehr von dir hören.

Der Propst zog die Thürflügel zurück, der Schulmeister stand auf den breiten Stufen der Vortreppe und blies seinen Marsch, ohne sich stören zu lassen. Die dunkle, schwerfällige Gestalt wurde vom leuchtenden Mondschein umglänzt, der mit wunderbarer Klarheit in die Halle drang. Ein wolkenloser, lichterfüllter Himmel, durchstickt mit zahllosen Sternen, hing über dem unermeßlichen Raum, der bis an die Luganoberge und an die Felsen von Korpilax sich erkennen ließ. Mit ihren Spitzen und Zacken glänzten diese zauberisch aus dem Dunkel der Thäler hervor und in die Nacht der riesenhaften Tannen im Garten schien das blendende Licht niederträufelnd gegen Schattengestalten zu kämpfen. Von zahllosen Schneekrystallen funkelte es mit Demantglanz und warf einen strahlenden Schild über die weiten Eisfelder des Sees.

Eine Minute lang unterbrach Niemand den greisen Pfeifer. Der Anblick dieses Nachtstücks war überwältigend groß, seine tiefe Ruhe von keinem Windhauch, keiner Bewegung unterbrochen; nichts umher als der geisterbleiche Frieden dieser leblosen Natur, der kalte tödtende Luftstrom, den sie in die Halle schickte und die unbewegliche Gestalt des Greises auf der Schwelle.

Komm herein! sagte Serbinoff. Was thust du hier? Was soll dein Gepfeife bedeuten?

584 Es ist ein Todtenmarsch, Herr, erwiederte der Alte, er hat Manchen schon zum Tode aufgespielt. Und noch einmal die Verse anstimmend marschirte er vorwärts in die Halle hinein.

Sobald er jedoch einige Schritte gethan hatte, stand er still und blickte zurück.

Halt da! rief der Graf, zum Umkehren ist es zu spät. Sieh dich vor; du siehst, der Weg ist dir versperrt.

So war es allerdings, denn Gewehre klirrten und eine Anzahl Soldaten hatte sich plötzlich auf der Treppe aufgestellt. Ein Offizier war an ihrer Spitze.

Sie kommen zur rechten Zeit, sagte Serbinoff. Ist Alles geschehen?

Der Offizier bestätigte es. Das Haus ist besetzt, sagte er, Bewaffnete haben wir nirgend gefunden.

Nicht? – Wo sind deine Kameraden, Lars Normark?

Wo sind sie, Hans? fragte der Schulmeister an seinen Pelz klopfend. Ich meine, sie sind klüger wie wir; eh, meinst du nicht? Hab' ich es dir nicht gesagt, Freiherr Randal, es wird eine kalte Nacht werden; aber das echte schwedische Blut hält's aus. Meinst du nicht, Hans, meinst du nicht?

Höre auf mit deinen Narrheiten, und antworte, oder sieh dich vor, sagte Serbinoff.

Es ist ein Schelm! schrie Halset. Als wir kamen saß er dort am Ofen, gleich darauf war er verschwunden. Thue deinen Mund auf, alter Freund. Wo hast du deinen geliebten Jem Olikainen gelassen? Hast ihn in Sicherheit gebracht?

Kannst es ihnen sagen, Hans? erwiederte der Alte. Weißt es nicht, bist vom echten schwedischen Blut. Ihr müßt die fragen, Herr, die vom finnischen Stamme sind, wie Jem; denn es ist ein verschmitztes lasterhaftes Volk, Sam Halset weiß es am besten, und hier steht der Propst, der Vieles schon von ihm zu leiden hatte.

Er verleugnet seine Frechheit auch jetzt nicht! sagte Herr Ridderstern. Ich bin überzeugt, er hat den Bösewicht Jem gewarnt.

Ich will dir dein Handwerk legen! rief Serbinoff.

Es ist eine alte Sache, Hans, sagte Lars bedenklich den Kopf schüttelnd, aber alt genug sind wir beide und Ruhe wird uns gut thun.

585 Hinaus mit ihm! fuhr Serbinoff fort. Sperrt ihn irgendwo ein, dem Hahn dreht den Hals um. Wird dein Spießgeselle Jem nicht gefunden, so wollen wir mit dir Gericht halten.

Mit welchem Rechte halten Sie diesen alten Mann fest? fragte Erich Randal.

Darüber habe ich Ihnen keine Rechenschaft zu geben, erwiederte Serbinoff.

Ist das der Schutz und die Sicherheit, die man uns versprochen hat?

Unruhestifter und Aufrührer können dergleichen nicht verlangen.

Es wird auch gegen solche Willkür und Gewalt Recht zu finden sein, versetzte Erich ruhig.

Meinen Sie meine Willkür? fragte der Graf stolz. Wir alle haben Ihnen Freundschaft geboten, Sie stoßen diese von sich.

Diese Freundschaft war von je an berechnet, wie ich sehe, aber es wäre vergeblich jetzt darüber zu klagen.

Sehr wahr und sehr weise, sagte Serbinoff lächelnd. Sie sind jetzt nicht in der Lage, Rechenschaft von mir zu fordern, später bin ich jederzeit bereit dazu.

Und Sie sollen mir diese geben, erwiederte Erich Randal.

Und mir, Herr, und mir! rief Major Munk. Wohin haben Sie das unglückliche Mädchen geschleppt, was ist aus Louisa geworden? Ihr prahlt mit Ehre, wo ist eure Ehre? Schande über Sie! Schande über euch Alle.

Serbinoff hatte mit einer raschen Bewegung an den Griff seines Säbels gefaßt, doch eben so schnell ließ er ihn wieder los. Es ist nicht der Mühe werth, darauf eine Antwort zu geben, antwortete er im verächtlichen Tone. Ein schwachsinniger Greis kann mich so wenig wie meine Freunde beleidigen. Doch hüten Sie sich, Herr Munk, das ist ein guter Rath, den ich Ihnen dafür gebe. Sitzen Sie ruhig in Ihrer Hütte zu Lomnäs und wagen Sie es nie, sich in meine Angelegenheiten zu mischen.

Ich habe wohl Anderes gewagt! versetzte der Invalide und sage es Ihnen noch einmal: Rechenschaft sollen Sie geben über jedes Haar auf Louisa's Kopf mir und meinem Sohne, den Sie verleumdet haben.

586 Ein jäher Blick voll Hohn und Haß antwortete ihm; äußerlich kalt wandte Serbinoff sich dann zu den Soldaten an der Thür. Nehmt diesen alten Bettler und sperrt ihn ein! rief er ihnen zu. Du, mein Freund Arwed, wirst mit den Damen wohl für diese Nacht die Gastfreundschaft des Herrn Ridderstern beanspruchen, der Freiherr Randal bleibt hier, bis ich ihn morgen nach Tavastehuus begleiten lasse.

Ich werde nicht von Erich weichen! sagte Ebba, indem sie von Mary Halset sich entfernte und zu ihrem Vetter eilte. Du hast kein Recht über mich. Dulde es nicht, Erich, aber ach! es ist zu spät!

Habe ich es nicht gesagt, Freiherr Erich, schrie der Schulmeister von der Thür zurück. Warte nicht, bis es zu spät ist! Sein Vater war auch so, Hans, aber das echte schwedische Blut leidet keine Schande!

Der Schulmeister wurde an den Armen gepackt und hinausgestoßen. Arwed aber trat vor seine Schwester und sagte im drohenden Tone: Du wirst nicht wollen, daß ich Gewalt brauche, wie ich dies thun müßte, wenn du mich dazu zwängest. Du wirst in Mary's Gesellschaft und der meinigen nach Abo reisen, weiter verlange ich nichts von dir. Bei dem Freiherrn Randal kannst du nicht bleiben, er ist ein Gefangener. Du wirst einsehen, daß ich dich nicht hier lassen kann. Erich selbst wird mir beipflichten müssen.

Verlange nicht, daß ich deine unrühmlichen Handlungen vertheidigen soll, erwiederte Erich. Geh, theure Ebba, sie würden dich mißhandeln, doch vertraue mir, ich werde immer deiner werth sein.

Das heißt immer ein Phantast bleiben!

Das heißt niemals zu dir herabsteigen!

Und niemals aus den Schulden kommen, ein Bettler werden, fiel Halset grinsend ein.

Besser ein Bettler als ein Wucherer und Betrüger!

Haha! schrie Halset seine Hände reibend, dank Ihnen, Freiherr Randal! Ist ein Ehrentitel aus solchem Munde; aber ich bin ein christlicher Mann, wünsche Ihnen dafür langes Leben und gute Gesundheit, um anzusehen, wie es dem Wucherer geht und seinem Kinde, dem Halljala gehören wird.

587 Elender! rief Erich und eine glühende Röthe flog über sein Gesicht. Fort und verlaßt mich! – fuhr er mit gewaltsamer Ruhe fort. Besäße ich die Mittel dieser schändlichen Gewaltthaten mich zu widersetzen, ich würde sie nicht dulden. Ich unterwerfe mich, weil ich muß, Graf Serbinoff aber ich protestire gegen Ihr Verfahren!

Ich glaube nicht, versetzte Serbinoff die Achseln zuckend, daß sich dadurch das Geringste verändert.

Als er dies sagte fielen im Garten dicht hinter einander mehrere Flintenschüsse.

Was ist das?! schrie der Oberst auf.

Auch ein Protest, aber von besserer Wirkung, antwortete Munk.

Führt die Damen in das Pfarrhaus und erwartet mich dort! rief Serbinoff.

Die Grenadiere drangen fliehend wieder in die Halle. Lars Normark war nicht mehr in ihrer Gewalt. Baron Arwed zog seine Schwester halb gewaltsam fort, der Propst faltete ängstlich seine Hände, als abermals eine Musketensalve dröhnte, die vom Hofe herzukommen schien. Unter den Tannen im Garten begann es sich zu regen, hinter den Lerchenbäumen hervor fuhren ein paar lichte Blitze; eine Kugel flog an Serbinoff's Kopf hin und durchbohrte Hompus Randal's düstres Bild an der Wand, von der es mit dem schweren Rahmen herunter stürzte.

Wir sind verloren! murmelte Arwed erblassend.

Hier können wir nicht hinaus, sagte Serbinoff gelassen; werft die Thüren zu; löscht die Lichter aus. Vorwärts, Grenadiere! Ich glaube, diese Bande ist schon ins Schloß gedrungen. Gibt es keinen anderen Weg, der uns hinaus bringt?

Mir nach! rief Sam Halset. Ich kenne das alte Gebäude. Durch die Gallerie in den Seitenflügel und von dort in den Graben hinunter müssen wir.

Er eilte mit dem einzigen Lichte, das noch brannte, voran. Das wilde Geschrei vieler Stimmen schien jetzt von allen Seiten zu kommen. Flintenschüsse kreuzten sich, bald einzeln abgefeuert, bald in größerer Zahl.

Wir sind überfallen! sagte Serbinoff. Wo ist der Freiherr Randal?

Er erhielt keine Antwort, aber er sah wie die Soldaten den Major ergriffen und trotz seines Widerstandes ihn fortschleppten. Der 588 Offizier, welcher die Soldaten geführt hatte, war der letzte. Bei dem Feuerscheine erblickte er den Freiherrn am Kamin stehen, ergriff ihn am Arm und zog ihn fort.

Mit einer heftigen Bewegung befreite sich Erich von ihm.

Sie müssen folgen, vorwärts! rief der Russe, indem er seinen Degen zückte.

Im nächsten Augenblick war dieser in Erich's Gewalt, im folgenden stürzte der Offizier mit durchbohrter Schulter und einem Schrei zu Boden.

Blut! sagte Erich Randal, seine Augen auf ihn richtend, doch gerecht vergossen, in gerechter Sache.

Im Gange draußen krachten Schüsse, Weibergeschrei mischte sich mit dem Klirren der Waffen, mit Flüchen und Gestöhn, doch zwischen dem verworrenen Getobe ließen sich die starken, schrillenden Laute einer Pickelpfeife hören. Noch stand Erich auf den Degen des verwundeten Russen gestützt, als die Halle sich mit Männern füllte, welche sowohl von der Gartenseite wie durch die Thüren eindrangen, welche in das Innere des Schlosses führten. Allen voran fiel Korporal Spuf, der in der einen Hand einen brennenden Holzscheit hielt, in der anderen seine berühmte Waffe mit dem langen Bajonnet, das eine dunkelrothe Farbe angenommen hatte. Der lange Feldwebel erschien von einer anderen Seite und Jem Olikainen sprang mit seiner noch dampfenden Büchse herein, ihm nach Bauern und Soldaten, schwarz von Pulverrauch und mit Blut bespritzt, das zum Theil aus ihren eigenen Wunden floß. Der Schulmeister allein hielt nichts in der Hand, als seine Pfeife und seinen dicken eisenbeschlagenen Stock.

Auf, Freiherr Randal! rief Lars als er seinen Herrn erblickte. Hebe deinen Kopf auf, noch bist du kein Russe geworden. Noch haben sie dich nicht fortgeschleppt und hier sind tapfere Hände genug, die dir helfen wollen Gut und Blut vertheidigen.

Die Fackeln warfen ihr rothes Licht in Erich's Gesicht und umwirbelten ihn mit Qualm und Dampf. – Millionen Schock Tonnen! schrie Korporal Spuf, indem er über den russischen Offizier stolperte, hat der Freiherr uns schon geholfen, aber schlechte Arbeit gemacht. Kein Russe ist mehr im Schlosse, wenigstens kein lebendiger, und 589 ewig will ich braten, wenn einer wieder hereinkommt, so lange ich darin bin.

Es ist schade, daß Herr Otho nicht sehen kann, Korporal Spuf, wie dein Bajonnet sich putzt, sagte der Feldwebel, der auch jetzt seinen Spaß nicht lassen konnte. Losgemacht haben wir Sie, Freiherr Randal, aber zu Ende sind wir noch nicht, und es wird nicht lange dauern, so haben wir, was an Feinden vorhanden ist, auf dem Hals. Mein Rath wäre daher, wir trollten uns rasch davon über den See fort in die Korpilaxberge und ließen ihnen das leere Nest.

Nein, antwortete Erich, besonnen umherblickend, ehe wir die Berge erreichten, würden wir verloren sein, da der ganze Troß aus Reitern besteht. Wir müssen diese Räuber angreifen und schlagen, oder uns vertheidigen bis der Mond untergeht, wenn wir ihnen entkommen wollen. Rette sich wer da will, ich will mein Haus nicht eher verlassen, bis es über meinem Kopfe wankt und bricht.

Diese Worte, mit eigenthümlicher Ruhe und Kraft gesprochen, verfehlten ihre Wirkung nicht. Korporal Spuf schrie mit aller Kraft seiner Lungen, daß der Freiherr Recht habe. Ehe der Mond nicht von diesem elenden hellen Himmel verschwunden ist, können wir nicht fort, schrie er. Wenn wir nur noch einhundert von unseren langen Bajonnetten hier hätten, sollten die Satanskinder aus Halljala hinaus, so wahr ich Spuf heiße und dies hier der klügste Feldwebel in Björneborg's Regiment ist.

Wenn wir Pulver und Kugeln aus deinen Flüchen machen könnten, tapferer Korporal Spuf, antwortete der Feldwebel, so ginge es vielleicht, daß wir in dem alten Schlosse aushielten. Dennoch aber ist's richtig, daß es ein Segen wäre, wenn deine breite Hand den Mond zudecken könnte, und Alles in Alles gerechnet kann's nicht schaden, wenn der Freiherr Randal sein Haus wie ein Mann vertheidigt.

Ja, Herr! rief Jem Olikainen, befiehl was du willst, wir wollen bei dir aushalten.

Hörner und Trompeten und das Wirbeln einer Trommel unterbrachen den Kriegsrath. Sie kommen! sagte Erich, aber sie sollen bereit finden. Nehmt was ich an Waffen habe. Für unsere 590 Freiheit, für unser Leben wollen wir streiten gegen unmenschliche Feinde und Verräther.

Mit Kaltblütigkeit und Überlegung theilte Erich, als er das Amt des Anführers der kleinen Schaar übernommen hatte, diese in verschiedene Abtheilungen, welche er dem Feldwebel, dem Korporal und Jem Olikainen übertrug. Aus der Bibliothek wurden die Gewehre geholt. Pistolen, Hirschfänger und Jagdspieße, so viele sich dort noch befanden, unter Bauern und Hausgesinde vertheilt. Ein kleiner Pulvervorrath erregte die besondere Freude des Feldwebels. Wenig mehr als hundert Männer standen endlich in den Gemächern und hinter den Fenstern des Hauses vertheilt und erwarteten den Feind. Die Thüren waren fest und schwer, die Fenster zum Theil mit Eisenstangen versehen, es ließ sich daher ein hartnäckiger Widerstand leisten, allein es blieb keine Zeit die Vorkehrungen dazu zu vermehren; denn kaum hatten die Schützen ihre Plätze eingenommen, als der Angriff schon erfolgte. Unter dem Klange ihrer Hörner und mit furchtbarem Kriegsgeschrei drangen die Russen in den mondhellen Hof, und erwiederten das Feuer aus den Fenstern des Hauses von dem Hompusthurme, den sie bald in Besitz genommen hatten, und aus den Gebäuden und Ställen, welche den Raum umschlossen. Bald konnte die eingeschlossene kleine Schaar bemerken, daß sie es mit einem weit stärkeren Feinde zu thun hatte. Die Kosaken, Jäger und Grenadiere der Garden bestanden aus ausgesuchten Soldaten, die in allen Kriegen Ruhm erworben hatten. Ohne darauf zu achten, daß der Schnee sich an mancher Stelle roth färbte, und mehr als einer in ihren Reihen lautlos niederstürzte, sprangen sie in dichten Haufen die Vortreppe hinauf, wo ihre Äxte und Kolben die Thüre zu zersplittern suchten. Diese Gefahr verdoppelte jetzt den Widerstand der Vertheidiger. Ihre Kugeln flogen aus allen vorspringenden Fenstern in den dichten Haufen der Angreifer, doch plötzlich geschah etwas, das diesen in eine unerwartete Flucht trieb. Frau Ulla hatte in der Küche einen mächtigen Kessel heißer Mehlsuppe bereitet; da begab es sich, daß der dürre Feldwebel denselben an dem einen Henkel faßte, den anderen aber hielt der Schulmeister und Beide stiegen die wurmstichige unterste Treppe hinauf, wobei der Feldwebel freundlich dem Korporal zunickte. Im 591 nächsten Augenblicke erscholl ein entsetzliches Gebrüll vom Hofe her, ein Jammergeheul der Verbrannten und Fliehenden, denen ein wildes Siegesgeschrei derer folgte, die darüber frohlockten. Einige Minuten lang schien es, als habe der Feind die Lust verloren, einen neuen Angriff zu wagen. Der ganze Hof war leer, nur aus dem alten Thurm knallten vereinzelte Schüsse, jetzt jedoch fiel ein rother Schein in das blaue Mondlicht. Durch die Fenster der Ställe und Speicher leuchtete es auf, an zwanzig Orten zugleich zeigte sich dies rothe Licht, und nach wenigen Minuten huschte es von Ort zu Ort, zersprengte die Scheiben und wirbelte dunkele, finstere Dampfsäulen auf, die der Luftzug gegen das Haus trieb.

Korporal Spuf that einen fürchterlichen Fluch, als er den Kolben seines Gewehrs fallen ließ und seine Hände über dessen schwarzen Lauf beugte. Feldwebel! brummte er, du bist der gescheidteste Feldwebel in der Armee und hast nicht daran gedacht, daß die Mordbrenner uns wie Mäuse braten.

Laßt doch wenigstens das arme Vieh aus den Ställen! schrie der alte Olaf, seine Hände ringend. O, Herr! Herr! sie verbrennen was Leben hat, und da geht der große Speicher schon in Flammen auf. Wir sind verloren, Herr! Wir sind Alle verloren!

Erich Randal blickte in das Feuermeer, das bald aus allen Fenstern aufschlug und an den großen Holzgebäuden aufkletterte, die mit Heu, Stroh und Getreide gefüllt waren. Er sah, daß keine Rettung möglich war. Das brüllende Vieh in seiner Todesnoth, die prasselnden Flammen, welche Feuergarben über sein Haus warfen, das Geschrei der Weiber, die weinend und betend auf den Knien lagen, Angst und Schrecken in vielen Gesichtern, auf anderen Wuth und wilde Entschlossenheit; endlich von Außen ein Feind, der jetzt durch Flammen und Rauch seine Kugeln hereinschickte, und dieser dunkele erstickende Rauch selbst, der durch alle zerschmetterten Fenster in das Gebäude drang, dies waren die Bestandtheile des entsetzlichen Bildes, das sich dem Freiherrn darbot.

Rettet euch, sagte er zu seinen Dienern, in wenigen Minuten wird es unmöglich sein, hier länger auszudauern. Das Feuer wird Halljalahaus selbst ergreifen. Viele brennbare Stoffe liegen in den 592 oberen Räumen aufgehäuft. Flieht nach dem Garten hinaus, noch wird es möglich sein.

Feldwebel, schrie Korporal Spuf, jetzt denke an deine langen Beine. Ich sehe nichts mehr, ich höre nichts mehr. Alles in der Welt kann meine Leber ertragen, zehn Russen ziehe ich durch meine Nasenlöcher ein, doch dieser fettige Qualm ist nicht zu genießen.

Und darum, tapferer Korporal Spuf, antwortete der Feldwebel, scheint es mir am besten, wir ziehen einen kühlen Spaziergang im Mondschein dieser angenehmen Wärme vor. Es geht nicht länger, Freiherr Randal. Angreifen können uns die Russen von dieser Seite zwar nicht mehr, aber sie werden warten bis Rauch und Flamme uns heraustreiben und inzwischen uns jede Aussicht auf Flucht abschneiden.

Ich kann's auch länger nicht hier aushalten, seufzte Jem Olikainen. Das Gebrüll und Gestöhne des armen Viehes ist schlimmer wie das Gebrüll der russischen Teufel, die uns gerade ebenso umkommen lassen.

Vor dem Verbrennen fürchte ich mich nicht, meinte der Feldwebel, indem er seinen Karabiner lud, aber ich fürchte Korporal Spuf hält es nicht aus. Darum fort mit uns, es ist die höchste Zeit. Noch ist's möglich, daß wir uns durchschlagen mit dem letzten Pulver und dem letzten Blei in unseren Taschen.

Stimm' den Russenmarsch an, Schulmeister! schrie der Korporal. Braucht's Bajonnet, ihr Leute, vorwärts marsch!

Die Halle, in welche sich alle Vertheidiger zurückgezogen hatten und sammelten, klang von dem Lärm der Querpfeife, doch Lars Normark blies ganz leise. Möchte den Russen nicht den Weg zeigen, sagte er, und jetzt hört, was der alte Lars räth, der bei Willmanstrand gefochten hat. Haltet zusammen und folgt mir und dem Hans nach. Am See hin zieht der Waldstreif bis in die Berge hinauf, dahin können sie mit ihren Pferden nicht hinterher. Im Wald aber weiß der Finne besser fortzukommen, als der Russe, der nicht laufen kann.

Keiner nimmt auf den Feldwebel! schrie Spuf; doch was hilft's, wir müssen's versuchen.

Wo ist Erich Randal, unser Herr? fragte Jem.

593 Hier bin ich, erwiederte Erich, der in die Halle trat, Feuer und Russen sind in meinem Hause. Zu beiden Seiten dringen sie ein, und dort seht ihr sie vor uns. Wir müssen uns den Weg frei machen! Mit dem Degen in der Hand sprang er die Stufen hinab, Alle, die um ihn waren, folgten ihm nach. Der Mond hatte sich hinter die Berge gesenkt, aber noch beleuchtete er das hohe alte Haus, über dessen Firsten sich eine mächtige Flammensäule wälzte. Der Hompusthurm sah wie ein glühender Riese aus; das Feuer schlug aus allen seinen Fenstern, während sein Kopf im weißen Lichte glänzte. Einen Augenblick wandte Erich sich zurück und betrachtete das Haus seiner Väter. Die schöne Glasmalerei der Fenster in der Halle war zerschmettert, Alles, was sein gewesen, was er sorgsam gepflegt, der Vernichtung geweiht. Ein Gedanke kam ihm an den Tag, wo er mit Ebba stand und Halljala vom glühen Himmelslichte so beleuchtet sah, als verzehre es ein ungeheuerer Brand.

Das hatte sich jetzt erfüllt und mit schmerzlicher Gewalt rief er aus: Alles ist verloren, aber nicht mein Frieden, nicht mein Recht! Als er dies sagte donnerte eine Gewehrsalve und hundert Kugeln flogen aus der Baumschule, die Erich angelegt, auf die kleine Schaar. Eine Jägercompagnie hatte sich dort aufgestellt und erwartete die Fliehenden. In der nächsten Minute waren diese mit ihren Feinden in eine ringende Masse verschmolzen. Der Freiherr war der Erste gewesen; schneller noch als der Feldwebel sprang er mitten unter die Russen und diesem nach sprang Korporal Spuf mit dem langen Bajonnet. Ein verwirrtes Geschrei erscholl aus dem Pulverdampf, einzelne rothe Blitze zuckten darin, Röcheln und Stöhnen folgten ihnen nach, dann stoben dunkle Gestalten, die zum Theil ihre Waffen von sich schleuderten, nach allen Seiten fort und ein anderer dunkler schweigender Haufe lief eilig gegen das Seeufer hinab, in der Richtung, wo die Waldleiste sich gegen die Berge hinzog. Als der Pulverdampf sich verzog, lagen wohl an vierzig menschliche Körper auf dem Schnee und die hochschlagenden Flammen des alten Schlosses leuchteten in verzerrte Gesichter und in weit offene auf ewig erstarrte Augen. Noch aber hatte der Trupp den Waldstrich nicht erreicht, als hinter ihm her eine lange Linie Reiter jagte. Schüsse knallten noch 594 einmal, Hörner und Trompeten schmetterten, aus dem brennenden Schlosse eilten zahlreiche Grenadiere den Reitern nach und diesen voran sprengten Offiziere, an deren Spitze Oberst Serbinoff sich befand.

Die zunehmende Dunkelheit ließ nicht erkennen, was am Seeufer vorging, allein, wenn es den Rettern auch gelungen war, die Flüchtigen von dem rettenden Walde abzuschneiden, so hatten sie diese doch sicher nicht Alle fangen oder niedersäbeln können. Ein heftiges Feuer räumte manchen Sattel, reiterlose Pferde liefen im vollen Lauf zurück und als die Grenadiere anlangten, war es zu spät. Die Flucht der Entkommenen ließ sich lange verfolgen, denn aufsprühende Blitze leuchteten aus dem Walde die steilen Hügel hinauf und der Widerhall der Schüsse prallte von den Schluchten der Luganoberge zurück.

Eine Stunde mochte vergangen sein, ehe das Feuer sich des ganzen Schlosses bemächtigt hatte. Das hohe alte Gebäude, das Hompus Randal einst erbaute, bildete eine ungeheure Fackel, die in den nächtigen Himmel loderte. Weit umher war Berg und Thal davon beleuchtet, die Kirche auf der Höhe spiegelte ihr goldenes Kreuz, das Symbol des Gottes der Liebe, im blutigen Widerschein, und Tageshelle breitete sich bis an die Ufer des Sees über die Kampfstätte aus. Aber der Lärm war verschollen; eine Anzahl Russen umstand das brennende Haus, ein paar Kosaken saßen wie leblose Gebilde auf den kleinen Pferden, schauten in die weite Schneewüste hinaus und verfolgten mit ihren Augen ein lebendiges Wesen, das allein zwischen den Büschen und Bäumen zu dem Seeufer hinabeilte. Zuweilen stand die dunkle Gestalt still und beugte sich zu dem eisigen Boden nieder; dann lief sie flüchtiger weiter, bald nach der einen, bald nach der andern Seite, und wenn die Feuersäule gewaltiger aufsprühte, war deutlich zu erkennen, daß es ein Weib war, deren weite Gewänder im Winde flatterten.

Ja, es war ein Weib, das über Leichen irrte, über Sterbende, deren mattes Stöhnen sie antrieb, mit prüfenden Blicken in entstellte Gesichter zu schauen und dann rastlos, wie von Angst und Entsetzen gejagt, zu entfliehen, bis ein anderer Unglücklicher sie zu neuen fruchtlosen Versuchen antrieb. Endlich gelangte sie zu der Stelle, wo die Finnen auch die nachsetzenden Reiter überwältigt hatten. Hohe und 595 einzeln stehende ungeheure Bergfichten breiteten hier ihr Gezweig pyramidalisch aus und hüllten sich in düstere Schattenkreise, die vom zuckenden Feuerschein zuweilen überwältigt wurden, der mit glühem Lichte bis unter das tief hängende Gezweig drang. Dort, unter einem dieser riesigen alten Stämme sank die dunkle Gestalt nieder und erhob sich nicht wieder. Ein grimmiger Windstoß schüttelte den Wald, eine Flammensäule, die bis in den Himmel zu reichen schien, stieg aus dem brennenden Schlosse auf und jagte den feurigen Dampf weit über den Pajäne fort. Die Augen der Kosaken hingen starr an dem Waldsaume. Da saß das Weib auf dem roth leuchtenden Schnee und hielt in ihren Armen einen leblosen Körper. Sie drückte ein bleiches blutiges Haupt an ihre Brust und hüllte dessen erstarrte Glieder in ihren Mantel. Ohne Klage sah sie zum Himmel auf; mit einem langen wilden Blick auf die hohen Klippen von Korpilax, welche noch im Silberglanze des Mondes sich über die Nacht erhoben, irrten ihre Augen umher wie nach Rettung suchend, und plötzlich mit verzweiflungsvoller Entschlossenheit umfaßte sie den bewußtlosen Mann und suchte ihn aufzuheben und fortzutragen.

Die heftige Bewegung und der Schmerz, den er empfand, rüttelten den Verwundeten aus seiner Ohnmacht. Er schlug seine Augen auf, sie belebten sich, verwundert, fragend, staunend. Ein Lächeln zitterte um seine Lippen: Geliebte! Du bist bei mir! flüsterte er.

Sie antwortete mit einem Schrei des Entsetzens. Der wunde Mann glitt aus ihren Armen, doch sie raffte ihn auf und ihn fest umschließend und mit ihrem eigenen Körper deckend, streckte sie Arm und Haupt den Kosaken entgegen, welche, ihre Lanzen gesenkt, in vollem Laufe ihrer Rosse heransprengten.

Der gellende furchtbare Schrei hallte weit durch das Thal und trieb einen in Pelz eingehüllten Herrn zur größten Eile, der so eben auf der Brandstätte angelangt war.

Halt! rief er den Kosaken nach, haltet ein! und als er athemlos näher kam, fuhr er fort: Mary! Um des Himmels willen! Ich suche Sie, Ihr Vater, wir Alle. Was thun Sie hier?

Statt der Antwort wandte sie ihm die blutige Gestalt in ihren Armen zu. Erich! schrie er auf. Der Unglückliche! Er ist todt!

596 Er lebt, antwortete sie. Geben Sie den Pelz her! Er ist erstarrt vor Kälte, sein Blut gerinnt. Holen Sie Leute herbei, befehlen Sie diesen Barbaren, daß sie ihn nicht ermorden, ihn in das Haus des Propstes tragen.

Wir wollen für ihn thun, was wir vermögen, sagte Arwed. Aber dies ist kein Platz für Sie, theure Mary.

Ich habe ihn nicht aus den Händen seiner Feinde retten können, antwortete sie mit der unbiegsamen Festigkeit, welche der Baron kannte, ich werde ihn nicht verlassen. Erich! Ewig geliebter Mann, wache auf! wache auf!

Ein donnerähnliches Krachen begleitete ihre Worte. Halljalaschloß stürzte zusammen, das wilde Geschrei der Russen drang aus dem Meer von Qualm und feuriger Lohe.

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