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Erich Randal

Theodor Mügge: Erich Randal - Kapitel 24
Quellenangabe
typefiction
booktitleErich Randal
authorTheodor Mügge
year1856
firstpub1856
publisherVerlag von Meidinger Sohn
addressFrankfurt a. M.
titleErich Randal
pages830
created20090617
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Viertes Kapitel.

Nach einigen Stunden saßen sie Beide in einem behaglichen Zimmer an einem Tische, der mit Speisen und gefüllten Flaschen bedeckt war. Adlersparre hatte für seinen jungen Freund, an welchem er lebhaften Antheil nahm, Kleider geschafft, die dessen Äußeres mit Mode und Sitte mehr in Einklang brachten und den finnischen Bauer in einen großstädtischen Herrn aus der guten Gesellschaft verwandelten. Der schlaue scharfblickende Mann, mit seiner kühnen Männlichkeit in Gestalt und Wort, wie mit der Freundlichkeit seines Lobes und Beistandes, hatte Otho's Mund geöffnet, denn dieser hatte ihm nicht allein nun Alles erzählt, was sich in Liliendal zugetragen, sondern auch sein eigenes Leben, seine Familienverhältnisse, seine Freundschaft mit Serbinoff und endlich auch, als die Rede auf Axel Jönsson kam, seine Abenteuer auf dem Eilande, sammt jener schauerlichen Erzählung des alten Pfarrers, welche er selbst mit den Schicksalen seiner Eltern verknüpfte. Jöran Adlersparre hörte die Auseinandersetzungen, Folgerungen und Schlüsse Otho's aufmerksam an, ohne deßwegen seine gastronomischen Beschäftigungen zu unterbrechen und er leistete darin Dinge, die seinem riesenhaften Körper angemessen waren. Schüsseln und Flaschen leerten sich unter seinen Angriffen, und Otho sprach und aß längst nicht mehr, als der Major noch immer sein Glas füllte und wieder füllte und seinen Teller mit Speisen bedeckte, die er verschwinden ließ, ohne aus seinem Nachsinnen aufzuwachen.

Ich bin nahe daran, sagte Otho, an Wunder zu glauben, denn nicht allein, daß ich Sie, Herr Adlersparre, treffen mußte, auch den Feldmarschall Toll führte mein gutes Glück herbei. Er hat meine Eltern gekannt, ja er muß sie genau gekannt haben, denn er erkannte mich an der Ähnlichkeit mit meinem Vater.

521 Der Major hatte sich in den Stuhl zurückgelehnt. Wohl möglich, daß Sie Recht haben, versetzte er; aber ist es nicht auch ein Wunder, daß dieser König niemals die rechten Männer finden kann? Wäre das der Fall, so könnte er sich auf Gustav Adolph's unbefleckte Krone mit besserem Rechte berufen.

Otho ging auf diese Antwort ein. Es hat mir von ihm gefallen, sagte er, daß er nicht rasten will, bis er die Räuber aus seinem Lande geschlagen hat. Laßt ihn nach Finnland kommen, seine Garden mitbringen und ein paar tausend tüchtige Arme obenein, so sollt Ihr sehen, daß die Finnen nicht zu Haus bleiben werden.

Er wird nicht kommen, murmelte Adlersparre, und mit seinem spöttelnden Lächeln setzte er hinzu: Das Schwert Karl's des Zwölften hat er allerdings in seinem Hause, aber der Geist fehlt, der es regierte. Geben Sie Acht, Herr Waimon, was ich Ihnen sage. Sie kennen das Leben hier nicht und die Menschen noch weniger. Morgen wird Alles wieder so sein, wie es gestern war. Er wird in Haga sitzen, diplomatische Noten schreiben, Verordnungen erlassen, Kriegspläne ausarbeiten, Instructionen für Generale und Commandanten, aber das Richtige und Rechte wird er nimmermehr thun. Er hat mancherlei gelernt, weiß zu sprechen und weiß die Feder zu handhaben. Die Bibel kennt er nicht allein, er kennt auch die Gesetze, hat viel gelesen, weiß in der Literatur Bescheid und hat sogar Zeitungsartikel gemacht. Aber wenn es ihm nicht an Kenntnissen fehlt, nicht an Verstand, nicht an Muth und Leidenschaft, so fehlt es ihm an etwas, was nicht nur jeder König, sondern jeder Mensch haben soll. Es fehlt ihm an Besonnenheit, an Einsicht, an dem Geschick guten Rath zu hören und zu beachten. Seine Zeit kennt und versteht er nicht, sein Volk eben so wenig. Weil er sich erhaben dünkt über Alle, meint er auch der Weiseste zu sein, und wenn ich ihn beklage, daß er bei vielen guten Eigenschaften keine guten Rathgeber, die rechten Männer nicht finden kann, so sehe ich doch ein, daß dies unmöglich ist.

Sie sind jetzt wieder sein Diener geworden, sagte Otho, möchten Sie damit auch einer der Männer werden, die er braucht.

Das leuchtende, falsche Lächeln zuckte über Adlersparre's düsteres Gesicht. Er nahm mich gnädig auf, versetzte er, weil es ihm gefiel, 522 daß ein Mann meines Schlages, der so lange ihm gegenüber stand, sich unterwarf und um Wiederanstellung sich meldete. Er setzte auf seine Rechnung, was auf Rechnung meines Vaterlandes und der Zukunft gehört. Eitle Selbstüberschätzung und frömmelnde Phantasterei sind die Grundzüge seines ganzen Wesens. Genug, Herr Waimon, fuhr er fort, Sie werden sehen, daß ich Recht habe. Viele heftige verwirrende Dinge werden geschehen. Er hat sogleich damit den Anfang gemacht, da er den russischen Gesandten verhaften ließ, andere Mißgriffe werden folgen. Nicht Einer ist in seiner Nähe, der Ansehen genug hatte, ihn davon abzuhalten. Der alte Ehrenheim stand blaß und starr, als er hörte, er solle dem Russen Alopäus ankündigen, was in der That unter civilisirten Völkern unerhört ist, allein er that es dennoch, statt zu erklären: Dazu lasse ich mich nicht gebrauchen. Der verknöcherte Zibet würde noch ganz andere Dinge auf seines Gebieters Befehl vollbringen, der Kriegsminister Cederström die widersinnigsten Anordnungen ausführen, selbst wenn er der Mann wäre, sie besser beurtheilen zu können. Und so sind sie Alle, fuhr er fort, indem er lachend sein großes Glas leerte. Ich kenne sie genau, denn ich habe Jahre lang mit allen Waffen sie bekämpft, bis sie mir Feder und Tintenfaß genommen und mich gezwungen haben, ein Pächter zu werden. Ich hatte das Schreiben aber herzlich satt, denn was half es, ihnen zu beweisen, daß Alles, was sie thaten, nichts werth sei. Wenn sie besser wären, könnten sie nicht auf solchen Stellen stehen. Der König ist der Einzige, der hier befiehlt, Alle, die um ihn her stehen, sind nichts als seine Schreiber, die nur durch Demuth und Gehorsam sich in Amt und Brod erhalten können. Und er hat sich eine vortreffliche Heerde von Dummköpfen, steifleinenen Maschinen und gierigen, eigennützigen Glücksrittern zusammengebracht, die Alles thun, was er von ihnen verlangt, und so lange treu bei ihm aushalten werden, bis einmal der Tag kommen wird, wo –

Hier hielt Jöran Adlersparre ein, und hob seinen Kopf auf, den gefährliche Gedanken anzufüllen schienen. Es ist schade, sagte er dann mit dem alten Lächeln, daß Sie diese Minister und Günstlinge nicht näher kennen, den liebenswürdigen Justizminister Wachtmeister, den Reichsdrost, ein kostbarer Reiches Trost! oder den vortrefflichen 523 Finanzminister Ugglas, dessen Scharfsinn selbst der letzte Thaler in Schweden nicht entgeht, oder den geistreichen Staatssecretär Rosenblad, der Frömmste und Stillste aller Frommen und Stillen im Lande, der uns die wahre christliche Wissenschaft und Aufklärung bringt. Sehr schade, Herr Otho Waimon, daß Sie diese würdigen Männer nicht kennen, die man so unwürdig als Heuchler und Schelme verleumdet, verspottet und verachtet, Sie würden vielleicht eine bessere Meinung über sie in Finnland verbreiten können.

Ich wollte, daß ich erst wieder in Finnland wäre!

Das, mein junger Herr, wird allerdings einige Schwierigkeiten haben, antwortete der Major.

Schwierigkeiten? Glauben Sie, daß das Eis aufgeht?

Nein, lachte Adlersparre, das Eis liegt fest und könnte Garden und Jemtländische Regimenter, sammt Reitern und Kanonen nach Finnland hinübertragen; aber ich müßte mich sehr irren, oder man wird den Versuch machen, Sie hier zu behalten.

Wer wird diesen Versuch machen?

Der König, sagte der Major, und wenn Sie den Beruf fühlten, ihm dienen zu können, wird Ihr Glück gemacht sein. Er hat Sie in seiner Heftigkeit beleidigt, das thut ihm sicher leid, denn er ist ehrlich und rechtlich genug, um es zu fühlen. Ich sah es ihm an, daß er Ihnen eine Entschuldigung sagen wollte; wer sein Gesicht kennt, wird aber auch nicht zweifelhaft gewesen sein, daß dies sehr wohlwollend für Sie aussah. Er wird Ihnen, wenn er Sie rufen läßt, eine Entschädigung anbieten, vielleicht einen Platz in seiner Leibwache, in der Trabantengarde, oder sonst für Sie sorgen.

Beunruhigt stand Otho auf. Das Einzige, was ich wünsche, ist, so schnell als möglich wieder nach Haus zu kommen, sagte er. Was ich übernommen, habe ich erfüllt. Jetzt sind die Russen in Finnland, vielleicht schon an dem Pajäne, Gott weiß, wie und wo ich meine Freunde finde! Und meine Schwester! fügte er erregter hinzu, was kann aus ihr und aus Allen geworden sein.

Sie sind ja mit den Wright's, mit Halset und der ganzen Verrätherrace bekannt und verwandt, antwortete der Major, überdies erzählten Sie mir von Ihrer Freundschaft mit dem Grafen Serbinoff. 524 Der wird Ihre Freunde hinlänglich schützen. Ich kenne diesen Russen, er ist so schlau wie gefährlich.

Was mich bei den Klagen des Königs zumeist rührte, erwiederte Otho, war sein tiefer Schmerz, um seinen verlornen Glauben zu seinem Freunde Alexander. Ja, Herr Adlersparre, ich konnte das mit ihm fühlen, denn mit Serbinoff geht es mir gerade so. Auch ihn bewunderte ich wie ein höheres Wesen, und wenn ich jetzt bedenke –

Jetzt fürchten Sie, daß es Ihnen geht wie dem armen König, fiel Adlersparre ein. Die Ideale stürzen zusammen und es bleibt nichts übrig, als die schaamvolle Gewißheit, betrogen zu sein.

Wenn es wahr ist! rief Otho, ein düsteres Feuer in seinen Augen.

Darauf machen Sie sich gefaßt, sagte der Major kaltblütig. Serbinoff hat hier umherspionirt und in Finnland sicher dasselbe Handwerk getrieben. Er hat sich dazu mit dem Baron Bungen verbündet, einem charakterlosen Menschen, der gemeine Streiche gemacht hat und aus dem Dienst gejagt wurde. Seine Schwester ist ein gescheidtes Mädchen, er ein abgefeimter Taugenichts. Beide sind lange in Toll's Haus gewesen. Er hat sich ihrer angenommen, als ihr Vater starb, der, wie der Feldmarschall, zu den Creaturen Gustav's des Dritten gehörte. Gleiche Brüder, gleiche Kappen! fuhr er verächtlich fort, aber, Sie schauen wie betäubt darein. Kopf in die Höhe, Herr Waimon. Sehen Sie denn nicht, daß das Teufelspack diesen finnischen Brei gemeinsam einrührte und Sie mit in den Kessel stecken wollte? So wahr ich lebe! ich zweifle nicht daran, daß Ihr Freund Serbinoff einer der Hauptspitzbuben ist, ganz würdig dieser Jägerhorn, Georg Sprengporten, Wright und wie die Elenden weiter heißen. Sie haben dem alten Cronstedt Gold gezeigt, und dafür ist er zu haben, obwohl der König noch immer nicht glauben will, weil er sich einmal in den Kopf gesetzt hat, Cronstedt kann dergleichen nicht thun. Aber er sowohl wie – der Major wandte den Kopf nach der Thür, Otho war ans Fenster getreten, weil er das Gekling eines Schlittens hörte, der vor dem Hause hielt und helle Laternen an beiden Seiten trug. Er sah einen Herrn, der sich aus seinen Pelzen wickelte, und dessen Schritte 525 gleich darauf im Hause gehört wurden. Eben, als Adlersparre das letzte Wort sagte, stand der Fremde schon im Zimmer.

Er sowohl wie ich, wissen die Leute zu überraschen, Major Adlersparre, begann er.

Excellenz! rief Adlersparre aufspringend.

Es war der Feldmarschall Toll, der dem Major die Hand schüttelte, ohne Otho zu beachten. Ich fahre hier vorbei, fuhr er fort, der König schickt mich auf der Stelle nach Schonen zurück, darum will ich Ihnen Lebewohl sagen, und im Vertrauen mittheilen, daß Sie morgen schon den Befehl erhalten werden, ohne Aufenthalt zu Ihrem Regiment zu gehen.

Ist solche Eile nöthig, Excellenz, daß Sie sogleich abreisen? fragte Adlersparre.

Se. Majestät glaubt es, also gehorche ich, war die Antwort. Übrigens ist es keine Frage, daß wir in den nächsten Tagen die dänische Kriegserklärung bekommen. Alopäus sitzt im Arrest, dem dänischen Gesandten ist anbefohlen worden, sich ruhig zu verhalten. Sämmtliche Gesandten haben nämlich auf seinen Antrieb sofort Protest gegen die Verhaftung ihres Collegen eingelegt. Der König kehrt sich nicht daran, aber die Dänen werden uns dafür um so schneller auf den Hals kommen. Dänen, Franzosen und Norweger. Der Teufel ist los! Darum schnell auf unsere Posten, Major.

Und was wird aus Finnland, aus Sweaborg?

Finnland wird sich schon helfen. Marschall Klingspor muß jetzt bei dem finnischen Heere sein. Er bringt des Königs Pläne mit, alle Vorräthe zu verbrennen und zu verwüsten, Pferde, Vieh und Menschen mitzunehmen und den Russen nichts zu lassen als eine Wüste. Dann werden diese bald nicht weiter können und Sweaborg wird von Cronstedt vertheidigt werden, bis das Eis aufgeht. Ist das Meer erst frei, so kommt unsere Flotte und die englische kommt. England schickt uns auch ein Heer, wir dürfen es nur fordern. So bald der Frühling da ist, werden wir mit den Russen schon fertig werden, Major.

Und bis dahin soll keine Verstärkung über das Eis gehen? Abo, die Landeshauptstadt, soll nicht beschützt, die prächtige, dort liegende Scheerenflotte nicht vertheidigt werden?

526 Nach dem Willen Sr. Majestät soll nichts geschehen, sagte der Feldmarschall, und, wie ich glaube, kann nichts geschehen, denn eine Hilfleistung über das gefrorene Meer würde die größte Anstrengungen erfordern.

Finnland ist jeder Anstrengung werth! fiel Otho ein, der sich nicht länger still verhalten konnte.

Oho! rief der alte Marschall, es ist noch Jemand hier. Richtig, der junge Herr aus Finnland, ich hatte ihn vergessen. Nun, Herr Waimon, Sie haben den finnischen Bauernpelz abgeschüttelt und wahrhaftig! jetzt sehen Sie ganz aus wie Ihr Vater, bei meiner armen Seele! man könnte denken, er sei es selbst.

Sie bestätigen mir zu meiner Freude damit, daß Sie meinen Vater näher gekannt haben, gnädiger Herr, sagte Otho.

Sehr gut habe ich ihn gekannt, antwortete Toll. Es war damals im Jahre 1772, wo er aus Amerika kam und König Gustav ihn festhalten wollte für seinen Dienst. Wenn nichts daraus geworden ist, hat er selbst Schuld daran. Er kam über das Wasser mit allerhand wilden Ideen, wie sie damals Mode wurden, und wollte wieder fort in die neue Welt, als es hier nicht so ging, wie er dachte.

Daran wurde er durch seine Heirath behindert, versetzte Otho. Meine Mutter hing zu fest an der finnischen Erde, weil sie meinte, es gäbe da auch genug für den rechten Mann zu thun.

Es war eine Dame von Charakter, die niemals den Muth verlor, erwiederte der alte General mit dem spitzbübischen Lächeln.

Sie kannten gewiß auch meine Mutter? unterbrach ihn Otho.

Das schöne Fräulein Randal. Hab's gekannt ehe der Oberst kam.

Dann sagen Sie mir, Herr Feldmarschall, ob Sie vielleicht bei der Verheirathung meiner Eltern zugegen waren.

Ein Diener hatte Licht in das Zimmer gebracht. Otho trat bei seiner Frage, von den Empfindungen, die sich lebhafter in ihm regten, getrieben, so rasch auf den Marschall zu, daß dieser sich davor zurückzog. Das dicke rothe Gesicht starrte den jungen Mann überrascht an, und es war, als besänne er sich darauf, was er antworten solle, oder als wisse er nicht, was diese Frage zu bedeuten habe.

527 Was meinen Sie damit? rief er aus. Ich! Was wollen Sie damit behaupten?

Nichts weiter, als daß ich Sie dringend bitte, mir zu sagen, ob meine Eltern sich in Stockholm verheiratheten?

Wissen Sie das nicht?

Nein, Herr Marschall, Niemand weiß es. Kein Mensch kann mir sagen, wo die kirchliche Segnung erfolgte.

Und danach fragen Sie mich?

Da Sie meine Eltern kannten, hoffte ich allerdings von Ihnen Nachricht zu erhalten, ob hier die Vermählung statt fand.

Mein Gedächtniß ist schlecht, sagte der Marschall, nachdem er einige Augenblicke geschwiegen hatte, ich erinnere mich vieler Vorfälle nicht mehr, wenn diese nicht besondere Wichtigkeit für mich haben. Laß doch sehen, es ist mir so, als hätte ich davon gehört. Aber nein, ich kann's nicht behaupten. Eine sonderbare Geschichte! Niemand weiß, wo die Trauung geschah. Das ist kein Spaß, Herr Waimon, dabei handelt es sich um eheliche Geburt. Er sah den jungen Mann spottend an. Haben Sie denn keine Notiz gefunden, nichts in der Hinterlassenschaft?

Nichts, versetzte Otho; allein durch Zufall bin ich zur Kenntniß besonderer Umstände gelangt, die mich vermuthen lassen, daß meine Eltern wahrscheinlich auf einer der kleinen Inseln an unserer Küste von einem alten Pfarrer getraut wurden, der gewaltsam dazu gezwungen ward.

Nicht möglich! Das klingt ja wie ein Märchen.

Es ist Wahrheit, antwortete Otho. Daß Sie nichts von der Verheirathung in Stockholm wissen, bestärkt mich in meiner Überzeugung. Wie aber soll ich die Wahrheit aufdecken? Wie die Menschen finden, welche sich dabei betheiligten?

Sie würden ihnen gewiß dankbar sein, heh?

Dankbar! rief Otho, wofür? Für die Niederträchtigkeiten, welche diese Elenden an meinen Eltern begingen? Wenn ich sie jemals auffinde, mag der Anführer dieser Banditen gewesen sein, wer er will, er soll mir Rede stehen. Leider, fügte er ruhiger hinzu, ist so viele 528 Zeit vergangen, daß ich fürchten muß, ich komme auch im glücklichsten Falle zu spät. Ich will Ihnen die seltsame Geschichte erzählen.

Dank Ihnen, Herr Waimon, ich habe leider keine Zeit sie anzuhören, fiel der Marschall ein. Suchen Sie nur fleißig, vielleicht glückt es doch, und wenn Sie die Verbrecher haben, halten Sie sie fest. Ein tugendhafter Sohn muß belohnt werden. – Ein hohnvolles Grinsen spielte um seine breiten fleischigen Lippen. Das Beste aber ist, Sie bleiben hier, fuhr er fort. Es ist heut Abend noch eine Nachricht gekommen. Die Russen sind in Tavastehuus, haben das Schloß genommen und Proclamationen ausgestreut. Alle Finnen sollen dem Russenkaiser Treue schwören und sich ruhig verhalten, wer es nicht thut wird todtgeschossen. Dem Russen Treue schwören werden Sie nicht, und ruhig verhalten werden Sie sich auch nicht; ich sehe es Ihnen an, Sie haben heißes Blut, Ihr Vater war auch so. Er mischte sich in viele Dinge, wo es besser gewesen wäre, er hätte es nicht gethan. Bleiben Sie also hier, der König wird für Sie sorgen; oder gehen Sie mit dem Major da zur Westarmee.

Nach Finnland will ich, dahin gehöre ich! sagte Otho.

Dann macht's wie es Euch beliebt, erwiederte der Feldmarschall im derben Tone. Sagt's ihm rund heraus, daß Ihr seine Gnade nicht brauchen könnt. Zum Henker mit vermoderten Geschichten! wir haben mit uns genug zu thun. Und nun lebt wohl, Major Adlersparre. Macht es wie ich, macht daß Ihr fortkommt. Ich sage es Euch noch einmal, der Teufel ist los!

Er schüttete den großen Pelz über seine Schultern, drückte den Hut in seine Stirn und ging hinaus. Gleich darauf war er im Schlitten und Adlersparre kehrte zurück und legte seine Hand auf Otho's Schulter, der nachdenkend den Feldmarschall abfahren sah. Das war ein merkwürdiger, unerwarteter Besuch, sagte der Major. Er, der sonst so stolz ist und so übermüthig, vor dem sich Alle bis auf die Schuhspitzen beugen, er kommt hierher, um uns die neuesten Neuigkeiten zu bringen. Doch deßwegen kam er nicht; er wollte Sie noch einmal sehen!

Mich? Meinen Sie? fragte Otho lebhaft.

Ich möchte mich dafür verbürgen, fuhr Adlersparre fort, daß er von Ihren Eltern mehr weiß, als er sagen will.

529 Wenn ich das wüßte! Der Gedanke überkam mich auch! rief der junge Mann. Ich will –

Was wollen Sie? versetzte der Major, indem er ihn festhielt.

Ich will ihm nach!

Halt! Wenn Sie ihn wirklich noch erreichen könnten, es würde Ihnen gewiß nichts helfen. Wissen Sie nicht, daß dieser Mann eben so gefürchtet ist durch seine Schlauheit, wie durch seine Rachsucht. Womit wollen Sie ihn denn zwingen, den Mund zu öffnen, wenn er dazu keine Lust hat? Und was könnten Sie gegen ihn thun, selbst wenn er Theil an der Sache hätte, der Sie nachspüren?

Wäre das möglich? murmelte Otho.

Ich weiß es nicht, versetzte der Major, doch jedenfalls ist für jetzt nichts zu machen. Toll ist der mächtigste Mann in Schweden, jeder falsche Schritt würde Sie verderben. Immer muß man Anfang und Ende berechnen, mein junger Freund, ehe man handelt, und nie muß man etwas beginnen, was man nicht gewiß ist zu vollbringen.

Er ging in dem Zimmer auf und ab als er dies sagte, und um seinen Mund spielte das falsche Lächeln, während seine Augen einen düsteren, unheimlichen Ausdruck erhielten. – Er hat übrigens Ihnen noch zu guter Letzt eine Falle gestellt, begann er nach einem Weilchen. Ich glaube nicht, daß es sein Wunsch ist, der König behielte Sie in seiner Nähe, ich meine vielmehr er wünscht, daß Sie recht bald nach Finnland zurückkehren, da Sie mich nicht begleiten wollen, was ich gern sehen würde. Ich weiß, Sie wollen nicht, und Toll weiß es auch; sein Rath aber, dem Könige kurzweg zu erklären, daß Sie seine Gnade nicht mögen, ist ein schlechter Rath, denn Gustav Adolph ist so eigensinnig, daß er auch bei seinen Wohlthaten keinen Widerspruch ertragen kann.

Ich werde aber dennoch thun, was der Marschall rieth, sagte Otho.

Weil Sie ein Finne sind, lachte Adlersparre. Inzwischen haben Sie Zeit zum Überlegen. Es war ein harter Tag für Sie, ruhen Sie aus, schlafen Sie, während ich arbeite, denn ich habe viel zu thun, um meine Angelegenheiten zu ordnen.

Er setzte sich an den Tisch und war bald damit beschäftigt, Briefe zu schreiben, während Otho seiner Aufforderung nachkam und sich auf 530 dem Bett im Nebenzimmer ausstreckte. Durch die offene Thür konnte er dem Major ins Gesicht sehen und eine Zeit lang hefteten sich seine Augen und Gedanken mit Theilnahme auf die hohe feste Stirn, auf dies eiserne, harte, stolze Gesicht, das dann und wann seinen Ernst und seine Strenge noch zu vermehren schien. Endlich aber verwirrte sich sein Denken; andere Bilder und Gestalten drängten sich in seinen Kopf, dann plötzlich war es mit allem Denken und Sinnen vorbei. Der bewußtlose, seltsame Zustand, den jedes Wesen braucht um zu leben, drückte seine müden Augen zu und befreite ihn von allen Sorgen.

Wie lange er geschlafen hatte als er seine Augen wieder öffnete, war ihm unbekannt. Es dünkte ihm, daß er sich eben erst niedergelegt habe und noch fiel der Lichtschein aus dem Nebenzimmer auf sein Bett, nur waren die Lichter selbst nicht mehr zu sehen und eben so wenig sein Beschützer Adlersparre. Nach einigen Augenblicken, in denen er sich ermunterte, hörte er leises Sprechen und aufmerksamer horchend konnte er unterscheiden, daß es zwei Stimmen waren, zwei Männer eine Unterredung führten. Bewegungslos blickte er nach den Fenstern und es kam ihm vor, als mische sich ein leises Tagesgrauen mit dem nächtlichen Dunkel.

Sie werden somit nach Karlstad gehen, mein lieber Adlersparre, hörte er ein wenig lauter sagen, und dort wahrscheinlich schon einen Oberbefehlshaber antreffen.

Und was wird aus Finnland, bester General. Will der König wirklich nichts thun? fragte Adlersparre.

Nichts vor dem Frühjahr, war die Antwort. Dann sollen die Garden hinüber und er selbst wird sich auf den Weg machen.

Bis dahin aber sind die Russen im Besitz des ganzen Landes und das kleine Heer aufgerieben.

Was ist zu thun! rief der Andere lebhafter. Er ist der Herr, alle Gewalt ist bei ihm, Widerspruch nicht möglich. Wir haben ihm gestern noch unterthänigst vorgestellt, daß der alte Klingspor so wenig zum Oberbefehl in solcher Lage paßt, wie Klerker.

Sie müssen hinüber, General Adlercreutz, Sie sind der Mann, der dort fehlt, sagte der Major.

531 Es ist möglich, daß ich es besser machte, erwiederte der Generaladjutant; lange genug und bis vor kurzem bin ich ja in Finnland gewesen, und wenigstens fehlt es mir nicht an gutem Willen dazu, mein Bestes zu thun. Es ist einige Aussicht, daß der König mich schickt, entweder mich oder Armfeld. Doch Armfeld ist ein Finne und der König ist mißtrauisch gegen den finnischen Adel. Was aber auch geschehen mag, mein lieber Adlersparre, mit leichtem Herzen kann Niemand gehen, der die Personen und Zustände kennt, welche er hier zurückläßt.

Daran ist nichts zu ändern, murmelte Adlersparre.

Nichts, sagte der General, Sie haben Recht. Über Finnland hat sich der König beruhigt; Gott weiß es, was ihm diese Sicherheit gibt, wenn es nicht der unglückliche Gedanke ist, daß Finnland ihm nicht zu nehmen sei, ihm bei jedem Frieden doch zurückgegeben werden müsse.

Sie theilen diesen so allgemein beliebten Gedanken nicht?

Nein. Ich war gestern bei dem Herzog, fuhr er leiser fort, und ich fand ihn sehr lebhaft gegen seine Gewohnheit. Ich erzählte ihm die Nachrichten, welche der junge Finne uns gebracht hat, und er nahm die Pfeife aus dem Munde, sah mich stier an und lachte dann grimmig auf. Ich habe es lange schon gewußt, sagte er, so wird es geschehen. Die deutschen Provinzen sind verloren gegangen, wir werden sie niemals wieder bekommen; so wird auch Finnland verloren gehen. Gebt euch keine Mühe weiter, ihr werdet es doch nicht ändern können.

Ich kann nicht denken, sagte Adlersparre in einem Tone als lache er, daß Sie, General, auf diese prophetische Laune des Herzogs besonderes Gewicht legen. Irgend ein Zeichendeuter, irgend ein altes Weib, oder eine kabbalistische Berechnung hat ihm dazu verholfen.

Als er das sagte, fuhr Adlercreutz fort, fügte er noch etwas hinzu, das für mich allerdings größeres Gewicht hatte. Erinnert Ihr Euch wohl, fragte er mich, an das Gesicht, das Karl der Elfte in der Nacht vom 16. zum 17. December im Jahre 1676 gehabt hat?

Ich habe davon gehört, mein gnädigster Herr, erwiederte ich ihm, aber die darüber vorhandene Aufzeichnung niemals gesehen.

Er ging an einen Schrank, wühlte darin umher und zog endlich ein Papier heraus. Das lest, Adlercreutz, sagte er, da werdet Ihr 532 sehen, wie Alles kommen wird. Unter der sechsten Regierung soll es geschehen, die auf Karl den Elften folgte, nun dabei sind wir jetzt. Krieg, Blut, Mord und Auflösung des alten Schwedenreichs, bis das Gesicht sich erfüllt hat.

Und er gab Ihnen das Papier? fragte Adlersparre.

Er gab es mir und hier ist es, antwortete der General. Mag man glauben davon was man will, es ist merkwürdig genug; ich will es Ihnen vorlesen. Otho hörte ein Papier rauschen, dann las der General:

»Ich, Karl der Elfte, heute König von Schweden, war die Nacht zwischen dem 16. und 17. December 1676 mehr als gewöhnlich von einer melancholischen Krankheit geplagt. Ich erwachte um halb zwölf Uhr, da ich meine Augen von ungefähr auf das Fenster warf und gewahr ward, daß ein heller Schein aus dem Reichssaale leuchtete. Ich sagte da zu dem Reichsdrost Bjelke, der bei mir im Zimmer war: Was ist das für ein Schein im Reichssaal? Ich glaube, da ist Feuer. Er antwortete mir: O nein, Ew. Majestät, es ist der Schein des Mondes, der gegen das Fenster glitzert. Ich ward vergnügt über diese Antwort, und wandte mich gegen die Wand, um einige Ruhe zu genießen, aber ich wurde unbeschreiblich ängstlich, wandte mich hin und her und ward den Schein wieder gewahr. Ich sagte noch einmal: Was ist das für ein Schein? Dort kann es nimmer richtig zugehen, worauf der große und geliebte Reichsdrost Bjelke erwiederte: Es ist nichts Anderes als der Mond. Aber in demselben Augenblick trat der Reichsrath Bjelke herein, um sich zu erkundigen, wie ich mich befände. Ich fragte da diesen wackeren Mann, ob er irgend ein Unglück oder Feuer im Reichssaal gewahr geworden? Er antwortete da nach einer kleinen Weile: Nein, gottlob! das ist nichts. Es ist der Mondschein, der verursacht, als wäre Licht im Reichssaale. Ich war wiederum befriedigt, aber, indem ich meine Augen nochmals dorthin warf, ward ich gewahr, daß es aussah, als gingen Menschen in dem Saale umher. Ich stand alsdann auf, nahm meinen Schlafrock und ging an das Fenster und öffnete es, wo ich gewahr ward, daß es darin ganz voll von Lichtern war. Da sagte ich: Gute Herren, da geht es nicht richtig zu. Ihr verlasset euch darauf, daß der, welcher Gott fürchtet, sich 533 vor nichts in der Welt fürchten muß; so will ich nun hingehen und erfahren, was es sein kann. Ich bestellte da bei den Anwesenden, herunter zu gehen zum Kastellan, um ihn zu bitten mit den Schlüsseln herauf zu kommen. Als er heraufgekommen war, ging ich im Gefolge der Männer zu dem geschlossenen heimlichen Gang, der über meinem Zimmer ist, zur Rechten von Gustav Erichson's Schlafzimmer. Als wir dahin kamen befahl ich dem Kastellan, die Thür zu öffnen, aber aus Bangigkeit bat er um die Gnade, ihn damit zu verschonen. Ich bat darauf den Reichsdrost, aber er weigerte sich dessen. Ich bat darauf den Reichsrath Oxenstierna, dem nie vor etwas bange war, die Thür aufzuschließen, aber er antwortete mir: Ich habe einmal geschworen, für Ew. Majestät Leib und Blut zu wagen, doch nie, diese Thür aufzuschließen. Nun begann ich selbst bestürzt zu werden, allein ich faßte Muth, nahm selbst den Schlüssel und schloß die Thür auf, da wir das Zimmer, dann sogar den Fußboden, überall schwarz bekleidet fanden. Ich, nebst meiner ganzen Gesellschaft, wir zitterten sehr, doch gingen wir zur Thür des Reichssaales, wo ich dem Kastellan wieder befahl, diese Thür zu öffnen, und so die Anderen auch, doch Alle baten sich die Gnade aus, sie damit zu verschonen. Ich nahm darum auch hier selbst die Schlüssel und öffnete die Thür, doch als ich meinen Fuß hineinsetzte, zog ich ihn vor Bestürzung hastig zurück. Ich stutzte so ein wenig, aber dann sagte ich: Gute Herren, wollt ihr mir folgen, so werden wir sehen, wie es sich hier verhält; vielleicht, daß der gnädige Gott uns etwas offenbaren will. Sie antworteten Alle mit bebenden Stimmen: Ja! Wir gingen da hinein.

»Allzusammen wurden wir einen großen Tisch gewahr, von sechszehn würdigen Männern umgeben. Alle hatten große Bücher vor sich, unter ihnen aber saß ein junger König von siebenzehn oder achtzehn Jahren mit der Krone auf dem Haupt und dem Scepter in der Hand. Zu seiner rechten Seite saß ein langer, schöner Herr von ungefähr vierzig Jahren, sein Angesicht verkündigte Ehrlichkeit. Zu seiner Linken saß ein alter Mann, der siebenzig Jahre alt sein mochte. Es war besonders, daß der junge König mehrmals den Kopf schüttelte, da alle diese würdige Männer mit der einen Hand hart auf die Bücher schlugen. Ich wandte dann meine Augen von ihnen fort und ward sogleich neben 534 dem Tisch Richtblock bei Richtblock und Henker gewahr, alle mit aufgestreiften Hemdärmeln, und hieben einen Kopf nach dem anderen ab, so, daß das Blut längs dem Fußboden fortzuströmen anfing. Gott soll mein Zeuge sein, daß mir sehr bange war. Ich sah auf meine Pantoffeln, ob etwa einiges Blut auf sie gekommen wäre, aber das war nicht der Fall. Die, welche enthauptet wurden, waren meist junge Edelleute. Ich warf meine Augen dann weg und ward hinter dem Tische in der Ecke einen Thron gewahr, der fast umgestürzt lag, und daneben stand Einer, der aussah, als sollte er Reichsvorsteher sein. Er war ungefähr vierzig Jahre alt.

»Ich zitterte und bebte, indem ich mich zur Thüre zurückzog und laut rief: Welche ist des Herrn Stimme, die ich hören soll? Gott! wann soll dies geschehen? Es wurde mir nicht geantwortet. Ich rief wiederum: O, Gott! wann soll dies geschehen? Aber es wurde mir nicht geantwortet; allein, der junge König schüttelte mehrmals den Kopf, während die anderm würdigen Männer hart auf ihre Bücher schlugen. Ich rief wieder stärker als zuvor: O, Gott! wann soll dies geschehen? So sei denn großer Gott, so gnädig, und sage, wie man sich dann verhalten soll? Da antwortete mir der König: Nicht soll dies geschehen in deiner Zeit, sondern in der Zeit des sechsten Herrschers nach dir. Und er wird sein von eben dem Alter und Gestalt, wie du mich siehst, und der welcher hier steht, offenbart, daß sein Vormund aussehen wird, wie dieser. Und der Thron wird gerade in des Vormunds letzten Jahren in seinem Fall sein durch den jungen König und seine Diener; aber der Vormund, der während seiner Regierung den jungen König verfolgt, wird sich dann seiner Sache annehmen und wird den Thron stärker befestigen, daß nie zuvor ein so großer König in Schweden gewesen und später kommen wird, und daß das schwedische Volk in seiner Zeit glücklich werden wird, und er wird ein seltenes Alter erreichen. Er wird sein Reich ohne Schulden und mehre Millionen in der Schatzkammer hinter sich lassen. Aber ehe er sich auf den Thron befestigen kann, wird ein großes Blutbad kommen, daß nie dergleichen im schwedischen Lande gewesen und auch nimmer wieder werden wird. Gib du ihm als König im Schwedenlande deine guten Vermachungen.

535 »Und als er dies gesagt verschwand Alles, und allein wir mit unseren Lichtern waren noch da. Wir gingen mit dem allergrößten Erstaunen, wie Jedermann sich vorstellen kann, und als wir in das schwarze Zimmer kamen, war es auch weg und Alles in seiner gewöhnlichen Ordnung. Wir gingen da hinauf in meine Zimmer und gleich setzte ich mich die Ermahnungen zu schreibenDie Ermahnungen Karl's des Elften liegen versiegelt im Archiv, und werden von jedem Könige erbrochen, gelesen und wieder versiegelt. in Briefen, so gut ich konnte. Und Alles dies ist wahr, dies bekräftige ich mit meinem leiblichen Eide, so wahr mir Gott helfe.

Karl der Elfte,
heute König in Schweden.
       

»Als auf der Stelle gegenwärtige Zeugen haben wir Alles gesehen wie Se. königliche Majestät es aufgezeichnet hat, und bekräftigen es mit unserem leiblichen Eide, so wahr uns Gott helfen soll.

Karl Bjelke, Reichsdrost; U. W. Bjelke, Reichsrath;
A. Oxenstierna, Reichsrath; Petter Granslén, Kastellan.«

Nun, was sagen Sie dazu? rief Adlercreutz, als er zu lesen aufhörte.

Ich habe von diesem Märchen schon vor Jahren gehört, antwortete Adlersparre, obwohl auch ich erst jetzt eine Abschrift des Documents sehe, das so ängstlich im Archiv bewahrt werden soll.

Ist es aber nicht sonderbar, daß der Herzog mir das mittheilt?

Der Major lächelte und machte eine kleine Verbeugung.

Sie meinen, ich sei sein besonderer Günstling, fuhr der General lebhaft fort, und ich will nicht leugnen, daß Se. königliche Hoheit der Großadmiral mir sehr gnädig ist; mehr aber noch ist er ja Ihnen gewogen, Adlersparre. Sie wissen, wie lebhaft er sich für Ihre Wiederanstellung verwandte, Toll und Ehrenheim dafür interessirte, und wie viele Schwierigkeiten es bei dem Könige machte, der Anfangs nichts davon hören wollte.

Ich weiß es, erwiederte Adlersparre mit seiner tiefen, harten Stimme. Er schlug es zweimal ab – vielleicht hatte er Recht!

536 Dafür hat er Sie, statt zum Oberstlieutenant, wie der Herzog es wollte, zum Major ernannt, doch sorgen Sie nicht. Sie werden keinen Monat bei der Armee sein, so wird das Oberstlieutenantpatent nachkommen.

Ich bin zufrieden und kann warten, sagte Adlersparre. Ich habe, fügte er hinzu, in meinem Schlupfwinkel Ohludden, wie die Spötter in Stockholm sagen, Jahre lang von saurer Milch gelebt und bin dabei ein Philosoph geworden, das heißt, ein Mensch, der genügsam und geduldig ausharrt. Nun, wir werden sehen, was wahr daran ist, und wohin wir damit kommen. Sie, der immer frohe, heitere, liebenswürdige General, müssen sich in diese fromme, strenge Nüchternheit, wie man sie jetzt im königlichen Hause führt, schlechter gefallen, wie ich, der ich dennoch froh bin, rasch fortzukommen, um in ein ödes Winterlager geschickt zu werden.

Bei Gott! Sie haben Recht, mein Freund! rief Adlercreutz. Ich will aufathmen, wenn ich wirklich nach Finnland geschickt werde. Hier fängt der Boden mir unter den Füßen zu brennen an.

Wir gehen schlimmen Zeiten entgegen.

Sind diese nicht schon schlimm genug? Feinde überall. Russen, Franzosen, Dänen und Norweger vor und hinter uns, kein Geld vorhanden, überall Unordnung und Verwirrung.

Der schlimmste Feind des Königs ist er selbst, antwortete Adlersparre.

Sie sagen leider das Richtige. Was er heute will, wird morgen umgedreht, was ihm morgen beliebt, ist in der nächsten Woche eine Thorheit. Es fehlt jetzt nur noch, rief er lachend, daß er unsere einzigen Freunde, die Engländer, beleidigt, wozu die beste Aussicht vorhanden ist.

Welche Aussicht?

Er hat gestern den englischen Gesandten rufen lassen, ein Heer und eine Flotte gefordert, zugleich aber das Verlangen hinzugefügt, daß Beide unter seinen unmittelbaren Befehl gestellt werden müßten. Der Gesandte wies ihn an seine Regierung, rieth jedoch von der letzten Forderung ab und machte Bemerkungen darüber, die den König in den heftigsten Zorn versetzten. Herr Thornton ist dagegen nicht der Mann, 537 sich beleidigen zu lassen, und wenn der alte Ehrenheim nicht dazwischen gesprungen wäre und besänftigt hätte, würde der Engländer, wie er gedroht, sich von allen Geschäften zurückgezogen haben, bis seine Regierung entscheide.

Er wird zuletzt alle Welt beleidigen, murmelte Adlersparre, und keinen Freund mehr haben.

Wenn sie ihn Alle verlassen, rief der General, einen treuen Freund behält er doch, die Königin! Aufrichtig gesagt, wenn ich sie sehe, ist mir als stände ein versöhnender Engel an seiner Seite. So sanft, so schön und gut, wie sie ist, muß man glauben, daß der Mann, den sie liebt, auch diese Liebe verdient, und hat er nicht auch manche edle und große Eigenschaften? Ein warmes Herz für menschliche Leiden, einen scharfen Verstand, das Rechte zu erkennen, lebhaftes Rechtsgefühl, zu lebhaft, zu einseitig vielleicht in vorgefaßten Meinungen; unglückselig nur ist dieser trostlose Eigensinn, der auf keine Vorstellungen achtet.

Das wird sein Verderben sein, murmelte der Major.

Die Königin macht gut, so viel sie vermag, fuhr Adlercreutz fort, sie bittet für Jeden, der hart behandelt wurde. Sie kennen doch die Geschichte mit dem Grafen Cederström, der in Pommern ein Bein verloren hat und neulich um Erlaubniß nachsuchte, sich aus Paris ein künstliches Bein kommen zu lassen, wie man diese dort verfertigt. Der König schlug es ab, weil alle französischen Waaren in Schweden verboten seien.

Das charakterisirt den Mann! sagte Adlersparre.

Er ist für diesen starrsinnigen Haß gegen Alles, was französisch heißt, und für den Eigensinn, daß, was er verboten hat, auch Jedem, ohne Ausnahme, verboten bleibe, durch das laute Geschrei über seine Tyrannei bestraft worden. Seine Feinde im Lande haben sich dadurch vermehrt; jetzt hat die Königin durch ihre Bitten erreicht, daß Cederström das Bein kommen lassen darf.

Nun es zu spät ist für ihn, sagte der Major. So wird alle Einsicht für ihn zu spät kommen.

Er hat Kinder, antwortete Adlercreutz. Wenn ein Volk leidet, denkt es an die Zukunft und wartet. Der Kronprinz ist ein Knabe von vielen Fähigkeiten, der das Beste hoffen läßt.

538 Mein lieber Freund, erwiederte Adlersparre mit rauhem Lachen, die Hoffnung auf die Kronprinzen ist ein verkommenes Märchen, nicht mehr werth, als Karl's des Elften gespenstisches Gesicht. Man muß nicht daran glauben, sondern seine Hoffnungen auf bessere Gründe stützen, als auf Kinder, die erst Männer werden sollen.

Es trat eine kleine Stille ein, dann hörte Otho seinen Beschützer sagen: Wir müssen auch dabei geduldig und vorsichtig sein, theurer General. Unser Vaterland fordert Männer, und wenn nichts wahr ist, was in diesem Gesicht steht, so ist doch das wahr, daß der Thron im Fall begriffen ist, und das alte Schwedenreich seiner inneren Auflösung entgegen geht. Wenn ich Ihnen rathen darf, geben Sie dies Papier dem Herzog zurück und sprechen Sie nicht von seinem Inhalt. Der Herzog wird es Ihnen später danken, ich selbst werde mich heut noch bei ihm verabschieden und über diese Sache mein Wort anbringen.

Ich habe mir schon dasselbe vorgenommen, entgegnete der General, und stimme Ihnen bei. Dem Könige wird es nicht lieb sein, wenn diese Gespenstergeschichte in Stockholm bekannt wird, und wenn ich auch überzeugt bin, daß dies nicht zu vermeiden ist, so mag ich doch als Generaladjutant nicht dabei betheiligt sein.

Eben so wenig darf es der Herzog sein, sagte Adlersparre.

Auch er nicht, das ist meine Meinung; deßwegen habe ich dies Papier Niemanden gezeigt als Ihnen, von dem ich weiß, daß Sie des Herzogs besonderes Vertrauen besitzen. Es ist zwischen dem alten Herrn und seinem königlichen Neffen böses Blut genug, man braucht es nicht zu vermehren. Seit einiger Zeit sehen sie sich fast nicht mehr, und wenn es geschieht, pflegt es nicht ohne einige spitzige Redensarten von beiden Seiten abzugehen.

Kann das anders sein, erwiederte der Major, wo so verschiedene Eigenschaften sich entgegenstehen?

Der König ist die Sparsamkeit selbst, lachte Adlercreutz, der Herzog war immer ein Verschwender, immer in Geldverlegenheiten und in Schulden. Der König besitzt den nüchternsten Verstand, des Herzogs Kopf ist trotz seiner sechszig Jahre noch voll romantischer Schwärmerei. Sein meistes Geld hat er verthan mit Rosenkreuzern, Freimaurern, 539 Alchemisten, Geisterbeschwörern und Wunderthätern aller Art, um Gold und Universalmittel für seine Unsterblichkeit zu machen, und dabei hat er das Unglück gehabt, so listigen Betrügern in die Hände zu fallen, daß er noch an ihren Unsinn glaubt und daß die Erinnerung an seine Regentschaftszeit noch immer Schrecken, Gelächter und Abscheu hervorrufen.

Dennoch aber, antwortete Adlersparre, haben die Propheten ihm versprochen, daß eine Krone, ehe er stirbt, auf sein Haupt kommen soll.

Wissen Sie auch, sagte der General mit gedämpfter Stimme, daß der König davon unterrichtet ist? Wie ich meine, ist seit dieser Zeit die Abneigung zwischen Onkel und Neffe noch mehr gewachsen.

Um so mehr ist es nöthig, daß des Herzogs Name nicht mit dem Bekanntwerden dieser Phantasie des elften Karl's in Verbindung kommt, versetzte der Major. Die Anspielungen auf den guten Vormund, der die schlechte Regierung seines Neffen in Ordnung bringt, damit er Schweden beglückt, wie es nie gewesen, sind zu verfänglich und handgreiflich, um nicht die übelste Deutung zuzulassen.

Ich habe den Herzog bei alledem sehr lieb, sagte Adlercreutz, denn er ist mild von Gemüth, weiß Freunde zu schätzen und ist großmüthig, dabei weder kleinlich noch eigensinnig. Der König wird es ihm aber nie verzeihen, daß er seinen Vater, Gustav den Dritten, so unbrüderlich haßte, daß er dessen Mörder sogar entwischen ließ, und nur Ankerström den Henkern überlieferte.

Auch um dessentwegen hat der Herzog Vorsicht nöthig, murmelte der Major. Was Sie irgend thun können, um ihn zu einem guten Verhältniß mit dem Könige zu bewegen, verabsäumen Sie nicht.

Auch darin sind wir derselben Meinung, antwortete der General. Ich habe dem Herzog schon öfter, wie ich denke, gute Nachrichten gegeben, wie es in dem Cabinette des Königs aussah, und habe ihm gestern erst dringend gerathen, bei der jetzigen Lage der Dinge, sich dem Könige zu nähern.

Sie haben wohl daran gethan, flüsterte Adlersparre, der Herzog muß am Hofe erscheinen. Einfluß wird er niemals dort gewinnen können, 540 allein er muß sich sehen lassen. Schade doch, daß Sie Stockholm bald verlassen.

Nun, Freund! rief der General fröhlich, wer weiß, wie bald ich wieder hier bin. Es gehört nicht sehr viel dazu, in Ungnade zu fallen, und schwerlich werden sie mich wie Cronstedt dann zum Commandanten in Sweaborg machen.

Kein schwedischer König wird jemals wieder einen Commandanten in Sweaborg ernennen, sagte Jöran Adlersparre dumpf vor sich hin.

Schande über uns, wenn es wahr ist! Glauben Sie denn Alles, was der junge Mensch berichtete?

Ich glaube ihm Alles, war die Antwort des Majors, denn sein Mund ist keiner Lüge fähig, und ist denn nicht schon Vieles, was er ankündigte, eingetroffen?

Leider ja. Ich wollte er hätte gelogen, und statt den Burschen hier abzuholen, wollte ich, daß ich commandirt wäre, ihm sechs Kugeln durch den Kopf jagen zu lassen.

Das ist ein sehr freundlicher Wunsch, den ich nicht vergessen werde, murmelte Otho leise vor sich hin.

Was in Finnland noch zu retten ist, werden Sie retten, General, sagte Adlersparre.

Und was ist noch zu retten?

Schwedens Ehre! Unser alter Ruf der Tapferkeit.

Nein, Adlersparre! rief der General, sprechen Sie nicht so verzweifelt, noch ist nicht Alles verloren. Wenn man in Stockholm mich nicht im Stich läßt, mich nur halbweg so unterstützt, wie sie es versprechen, denke ich die Russen aus Finnland zu jagen, selbst wenn Cronstedt ein Verräther sein sollte und Sweaborg ihnen überliefert würde. Bei solcher Noth, fuhr er lebhaft fort, wird auch der König endlich von seinen eigensinnigen Grillen ablassen. Die Gefahr wird ihm Kraft geben, er wird sich von Ugglas, von Rosenblad, von Ihrem alten Feinde Zibet und von allen den Pedanten, Heuchlern, Frömmlern und Speichelleckern befreien, die ihn jetzt umlagern. Nein, wir dürfen nicht zu finster in die Zukunft blicken. Es ist ein altes Volk und ein alter Thron. Wanken beide, wollen wir sie aufrichten helfen, und wenn wir auch unzufrieden sind, es kann doch wieder besser werden. 541 Mein Leben will ich daran setzen um Gustav Adolph's und Schwedens Ruhm und Ehre! Aber nun muß ich fort, unterbrach er sich indem er aufstand, der Tag bricht an, und mein Weg ist weit. Der Finne schläft, wie ein satter Wolf. Ich muß ihn wecken.

Er ging rasch auf das Nebenzimmer los. Adlersparre blieb sitzen und murmelte zwischen seinen Zähnen: Schwachkopf!

Der General stand an Otho's Lager still, der es für Zeit hielt, die Augen zu öffnen und sich aufzurichten.

Sind Sie munter? fragte Adlercreutz, als er die Bewegung bemerkte.

Ganz munter. Was gibt's?

Stehen Sie rasch auf und machen Sie sich bereit, mich zu begleiten.

Wohin? wenn ich fragen darf.

Zum Könige nach Gripsholm, sagte der General. Er hat mir aufgetragen, Sie zu ihm zu bringen. Weiter weiß ich nichts.

Der Major kam mit einem Lichte herein und bestätigte was der General sagte. General Adlercreutz ist schon seit einer Stunde bei mir, fügte er hinzu, wir wollten Sie nicht eher wecken als nöthig, bis der Tag angebrochen. Kleiden Sie sich warm, heizen Sie aber auch von Innen ein; hier ist Thee und Arak. Der Weg nach Gripsholm ist weit und eine schreckliche Kälte draußen. Wenn es in Finnland eben so friert, und ich zweifle nicht daran, wird das Blut, ehe es aus den Wunden fließt, zu Eis werden.

Um so besser, antwortete Otho, so werden die Todten nicht wissen, daß sie todt sind, und wie die Lebendigen weiter fechten.

Adlercreutz blickte ihn wohlwollend an. Die jugendliche Rüstigkeit des jungen Abenteurers schien ihm ebenso zu gefallen, wie diese muthigen Worte, und während Otho sich bereit machte, ihm zu folgen, sprach er mit ihm weiter und schien sich an seinen raschen Antworten zu vergnügen.

Wir müssen nun scheiden, sagte Adlersparre endlich, und aufrichtig, mein lieber Waimon, es thut mir leid, daß wir nicht länger beisammen bleiben können. Aber ich weiß, daß es nicht sein kann, doch werden wir, wie ich hoffe, uns nicht zum letztenmale gesehen haben. 542 General Adlercreutz wird mit Ihnen aber wohl eher zusammentreffen, denn sehr wahrscheinlich geht er schon in den nächsten Tagen ebenfalls nach Finnland, um die Russen zu schlagen, wo er sie findet.

Wenn es nicht dennoch Armfeld an meiner Stelle thut, fiel der General lachend ein. Aber sollte ich nach Finnland reisen und Herr Waimon – doch davon wollen wir vor der Hand schweigen, unterbrach er sich, denn zunächst hat Se. Majestät über uns Beide zu bestimmen. Er warf seinen Pelzrock um und horchte auf die Straße hinaus. Ich habe meinen Schlitten hierher bestellt, er wartet auf uns. In drei oder vier Stunden müssen wir in Gripsholm sein. Nehmen Sie Abschied von Adlersparre, und Gott gebe uns Allen ein frohes Wiedersehn!

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