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Gutenberg > Theodor Mügge >

Erich Randal

Theodor Mügge: Erich Randal - Kapitel 22
Quellenangabe
typefiction
booktitleErich Randal
authorTheodor Mügge
year1856
firstpub1856
publisherVerlag von Meidinger Sohn
addressFrankfurt a. M.
titleErich Randal
pages830
created20090617
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Zweites Kapitel.

Und es weiß kein Mensch, was aus ihm geworden ist, sagte die Haushälterin im Schloß Halljala, Frau Ulla, zu dem Propst Ridderstern, der vor ihr stand in seinen weiten, kostbaren Pelz gehüllt. Es geht Alles verkehrt jetzt in der Welt zu, hochwürdiger Herr, denn hat man je gehört, daß es im März so kalt war, wie in diesem Jahre? Die Bäume erfrieren bis in die Wurzeln, die Vögel fallen todt aus der Luft. Birnen und Äpfel wird man im nächsten Herbst gewiß zählen können, und wie es mit der Ernte werden soll, weiß Gott allein, Lars Normark sagt, es wird werden wie 1789, wo kein Halm fortkam und die Gewässer brachen sich neue Wege, schwemmten das Land fort, 477 daß es ein Jammer war, und dabei tobte der Krieg und das Wasser war blutig roth, die Noth nahm viele Leute fort.

Der Propst hörte geduldig zu bis sie schwieg, nur als sie den Schulmeister erwähnte, zog er die Stirne zusammen. Der Herr straft die Sünder, sagte er dann, und seine Hand streckt sich auch jetzt wieder über uns aus; denn es ist allerdings ein harter Winter, Frau Ulla, und der Krieg wird über uns kommen mit feurigen Ruthen.

Ach! mein Jesus! rief die Haushälterin, sollte es denn wirklich wahr sein, daß die Russen schon ins Land gefallen sind und alle Kinder schlachten und braten.

Der Propst schüttelte mit würdigem Ernste den Kopf. Wir wissen noch nicht mit Gewißheit, erwiederte er, ob es sich bestätigt, daß ein russisches Heer in Finnland eingerückt ist und ob unsere Leute sich vor ihm zurückgezogen haben. Gottes Wille wird geschehen, Frau! Doch dürfen wir uns trösten, daß die Russen keine so wilde und grausame Feinde jetzt sind, wie vor hundert Jahren. Es sind tapfere Männer, aber von mildem Sinn, und ihre Anführer lassen nicht zu, daß denen Leid geschieht, die sich ihnen nicht widersetzen.

Also ist es nicht wahr, daß sie brennen, rauben und morden, fiel die Haushälterin getröstet ein, und was Lars Normark erzählt, daß jeder ehrbaren Frau die Haut davor schaudert, ist auch nicht wahr?

Der alte Herumtreiber ist eine Schande für unser Kirchspiel, antwortete Herr Ridderstern. Er hat die Bauern mit Hilfe einiger andern Burschen seines Schlages aufgewiegelt, daß sie, wie ich höre, sich bewaffnet haben.

Ja, hochwürdiger Herr, sagte Ulla, das haben sie gethan. Lars ist einmal selbst Soldat gewesen und versteht noch etwas vom Hauen und Schießen, und dann ist Jem Olikainen da, der hält's ganz mit ihm. Seit Herr Otho Waimon nicht mehr zu Haus ist, hat Jem nichts mehr zu thun.

Weiß denn der Freiherr nicht, was aus seinem Vetter geworden? fragte der Propst.

Nicht ein Wort weiß er. Ich hab's in letzter Woche erst mit angehört, wie er mit dem Major darüber sprach. Es war ein Brief von dem Herrn Offizier Lindström aus Sweaborg gekommen.

4780 Was schrieb der denn? lächelte der Propst, seine Hand auf ihre Hand legend.

Das will ich Ihnen genau sagen, versetzte Ulla, geschmeichelt von dieser Herablassung; sehen Sie, hochwürdiger Herr, ich weiß es nicht, aber der Major stampfte mit seinem Stock auf und schrie und fluchte, wie er immer thut, wenn er sich ärgert. Es ist also keine Spur von ihm aufzufinden, schrie er. Das Weib sitzt mit dem armen, lieben Nixchen in Wiborg mitten unter den verdammten Russen, und jetzt ist der Lindström auch fort nach Abo! Ich will nichts mehr hören, nichts mehr sehen, will mich begraben lassen, damit es ein Ende hat mit aller Noth.

Der arme Major! seufzte der Propst. Sein Sohn macht ihm auch wenige Freude.

Und es war ein guter Knabe, sagte Ulla, den Jeder gerne anblickte; wie er aber damals dem fremden vornehmen Grafen ins Gesicht geschlagen hatte, mußten die Capeetas ihm ins Gehirn gekrochen sein.

Ich beklage den unglücklichen Vater, fuhr Ridderstern seufzend fort, aber sagt mir doch, liebe Frau Ulla, ob der Freiherr und – ja wie soll ich sagen, lächelte er – seine Braut, Fräulein Ebba Bungen, seine Cousine, zuweilen noch von dem Grafen Serbinoff sprechen, der ihnen sehr nützlich sein könnte, wenn die Russen kommen sollten. Denn ich habe erfahren, daß er bei dem russischen Obergeneral als Adjutant ist und sein Kaiser ihn zum Obersten ernannt hat.

Sie sprechen nicht von ihm, ich habe es wenigstens nicht gehört, sagte Ulla, nur der Major schrie neulich, er möchte den schlechten Kerl noch einmal vor sich haben, um ihm auf gut schwedisch zu sagen, was er von ihm dächte.

Das könnte sich wohl ereignen, lächelte Herr Ridderstern.

Der Major haßt Alles was russisch ist, fuhr die Haushälterin fort, spuckt aus wenn Einer das Wort nennt, und hat sogar seine Juchtenstiefeln fortgeworfen, weil sie russisch riechen. Aber mit Lars Normark und Jem Olikainen und einem paar alten Soldaten aus der Umgegend hält er gute Freundschaft und hilft sogar die Bauern exerciren, die sich lange Piken anschaffen mußten, wenn sie keine Gewehre hatten.

479 Ich habe von dem Unwesen gehört, murmelte der Propst kopfschüttelnd, und Einiges davon sogar mit ansehen müssen. Die Regierung ist klüger als diese thörichten Männer. Sie hatte noch vor Kurzem streng geboten, daß jeder sich ruhig verhalten sollte, allein es ist so weit gekommen, daß ihre Befehle alle Kraft verloren haben. Ein Wunder nur, daß der Freiherr selbst sich nicht an die Spitze dieser Volksbewaffnung stellt.

Na, lachte Frau Ulla, was das anbelangt, so hat's gute Wege damit. Herr Erich ist die Sanftmuth selbst und nimmt ohne Noth gewiß kein Gewehr in die Hand. In seiner Stube hängt freilich eine ganze Reihe von Büchsen und Flinten, große und kleine, aber von Vaters und Großvaters Zeiten her, und wenn Herr Otho nicht gewesen wäre, der fürs Putzen und Einschmieren sorgte, wären sie längst verrostet und verkommen. Seine Gewehre hat Herr Erich den Bauern nicht gegeben, aber aus Louisa und Lomnäs haben sie genommen was da war. Nimmermehr hätt's Erich Randal zugelassen, wenn's das Fräulein nicht durchaus so gewollt hätte.

Ich glaube es gern, sagte der Propst vor sich hin. Die Dame ist von unbesonnenem und heftigem Gemüth.

Besser und verständiger ist das edle Fräulein als viele Andere! rief Ulla eifrig. Länger als zwei Monate wohnt sie nun hier mit dem herzliebsten Bräutigam und gesegnet soll der Tag sein, wo der hochwürdigste Herr Propst ihre Hände zusammen legt. Es fehlt weiter nichts mehr, fuhr sie gesprächig fort, als der geistliche Herr ohne zu antworten seinen Augen einen Ausdruck des Unwillens gab, wahrhaftig! es fehlt nichts mehr, denn eine Hausfrau kann es nicht besser machen, wie sie. Für den Herrn Erich sorgt sie, als wäre es schon ihr Eheherr, und nach Küche und Vorrathskammer kann Keine eifriger sehen, als sie es thut.

Ich freue mich, Frau Ulla, unterbrach sie der Propst, daß deine junge Herrschaft so vieles Lob bei dir findet.

Jeder, der sehen kann, muß sie loben! rief Ulla. Da sitzen sie beisammen in der großen Halle und im Büchersaale einen Tag wie den andern, und es ist in Beiden ein Herz und eine Seele. Herr Erich 480 liest mit ihr in schönen Büchern, oder er liest ihr vor und sie arbeitet dabei an feinen Arbeiten, wie vornehme Damen es verstehen.

Und immer sind sie allein? fragte der Propst.

Gott behüt's! antwortete die Frau, der Major kommt oft genug, und wenn's Wetter darnach ist, fahren sie im Schlitten zu ihm oder nach Louisa hinüber, um dort nach Haus und Wirthschaft zu schauen. Und dann arbeitet Herr Erich wohl auch im eigenen Hause umher, sieht nach Allem was sein ist, und das Fräulein begleitet ihn; wenn's aber so hell draußen ist wie heute, gehen sie über den harten Schnee nach der Insel hinüber, und Lars Normark geht mit, sammt seinem Hahn. Wie die Engel im Himmel leben sie Beide, hochwürdiger Herr, und das liebe Fräulein singt auch wie ein Engel so schön. Wir stehen oft Alle vor der Halle und hören zu wenn sie es thut. – Aber, sagte sie abbrechend und sich an den Geistlichen wendend, warum sind Sie denn so lange nicht zu uns herübergekommen? Es ist eine wahre Gottesfreude, mit anzusehen, wie das Glück in dem alten Schlosse wieder eingezogen ist.

Der Propst gab keine Antwort darauf. – Briefe sind in der letzten Zeit nicht angelangt? fragte er.

Wo sollen denn Briefe herkommen? rief Ulla. Die Post aus Tavastehuus ist ja schon seit länger als einer Woche ausgeblieben. Das Soldatenwesen bringt Alles in Unordnung.

Und wo ist der Freiherr? Frau Ulla.

Wo er ist? Da kommt er eben, und Gottes Segen über den lieben Engel an seiner Seite! Gottes Segen auch über ihn, denn einen besseren Herrn gibt's nicht im ganzen Lande. Wie sie blüht, wie eine junge Rose mitten im Winterschnee, und wie die leichten Füße schreiten können. Gott behüt's! sagt Lars Normark, es ist echt schwedisch Blut darin.

Das Fenster in dem Stübchen der Haushälterin schaute nach dem Garten, und vom See herauf sah der Propst den Freiherrn kommen. An seinem Arm führte er das Fräulein, und Beide blieben auf der Höhe des Gartens stehen und schauten über die winterliche Landschaft hinaus und in den strahlenden Himmel, der darüber hing. Die Kälte hatte Ebba's Gesicht geröthet, aber dem Propst kam es vor, als sei 481 dies Gesicht nicht mehr so jugendlich lebhaft und frisch wie früher. Auch Erich Randal schien ihm graufarbiger und magerer geworden zu sein, und wie sie Beide standen, Ebba ihre Hand auf Erich's Schulter legte und mit der andern in die Ferne deutete und den Kopf schüttelte, lächelte Herr Ridderstern, eine innere Freude machte ihn warm. Sie scheinen doch nicht allzuglücklich zu sein, murmelte er, und ich denke, es wird bald noch mehr Kopfschütteln geben. Meine Mittheilungen werden ihnen die Gesichter noch etwas länger und ernsthafter machen.

In diesem Selbstgespräch wurde er durch einen gewaltigen Lärm unterbrochen, der aus der Küche kam und ihm äußerst unangenehm war. Er konnte nicht daran zweifeln, daß die gellenden Töne der Querpfeife, welche er hörte, von Lars Normark herrührten, dem elenden alten Vagabond, der jetzt hier zu Haus war; zu diesem Gepfeife sangen aber auch ein paar mißtönende Stimmen das abscheuliche Volkslied: Der Russ' ist da, nehmt euch in Acht, ihr Finnen greift zur Wehr! und plumpe Füße stampften dazu und zu den letzten Worten: Haltet Wacht! gebt Acht! haltet Wacht! als sollte das Haus einstürzen, worauf ein mächtiges Geschrei folgte, ein Hahn dazwischen krähte und das Singen, Stampfen und Pfeifen von Neuem begann.

Das geht ja wirklich sehr lustig hier zu, sagte Herr Ridderstern böse lächelnd. Man sollte beinahe meinen, mitten unter Heiden zu sein. Ich will mit dem Freiherrn sprechen, Frau Ulla, aber ich fürchte vorher taub zu werden.

Mit diesen Worten öffnete er die Thür, welche nach der Küche führte, und blickte stolz und strafend hinein, bereit dem Unfug ein Ende zu machen; allein er war doch so überrascht von dem, was er sah, daß er ohne seine Stimme zu erheben nicht weiter ging, obwohl er sich ärgerte, daß die lustigen Vögel sich von seinem Anblick nicht einschüchtern ließen. Der Erste, auf den seine Augen fielen, war der Hahn, der nach der Melodie des Marsches, den sein Herr blies, die Beine tactmäßig ausstreckte und wie ein Soldat mit langem Hals und festem Tritt voranmarschirte. Hinter ihm her kam Lars mit der Pfeife und neben an stolzirte Jem Olikainen, der ein Gewehr, steif angezogen an der Schulter, hielt und aus vollem Halse dazu sang. 482 Dies that er jedoch nicht allein, sondern ihn begleitete eine dritte Person, die Herr Ridderstern voll mißtrauischer Verwunderung betrachtete. Denn es war dies ein Fremder von höchst seltsamer Gestalt. Gewaltig breitschulterig und dabei kurzbeinig, dabei so rasch auf diesen stämmigen Beinen, daß er damit das meiste und fürchterlichste Gestampfe hervorbrachte und sich rechts und links wie ein Kreisel wandte. Sein Kopf war so dick, rund und roth wie ein Kürbiskopf, oder wie ein riesenhafter Nußknacker. Von oben bis unten hüllte ihn ein langer, grauer Mantel ein, und unter diesem trug er einen Schaafpelz. Von seiner Stirn war wenig zu sehen, weil eine dicke Wollmütze diese fast bis an die Augen bedeckte, über seine Schultern aber liefen zwei breite Riemen, und an diesen hingen eine Patrontasche und ein kurzer Säbel, neben welchem ein ungemein langes Bajonnet steckte.

Dies sonderbare Wesen mußte ein Soldat sein und in seiner Vermuthung wurde der Propst durch den Anblick eines Zweiten bestärkt, der in ähnlicher Weise bekleidet und bewaffnet, sich auf die Bank an den Herd gesetzt hatte, wo er zwei außerordentlich lange Beine gegen das Feuer ausstreckte, sein dürres schmales grinsendes Gesicht dagegen dem Hahn und dem Aufzuge zuwandte, der ihm außerordentliches Vergnügen zu machen schien.

Während dessen war der Hahn in seinem gravitätischem Marsche ganz in die Nähe des Geistlichen gelangt, der zornig seinen Fuß aufhob und ihn von sich stieß. Was sind das für Possen! rief er vortretend, indem er sich zu dem Schulmeister wandte. Was sind das für fremde Leute? Höre auf mit deinem Pfeifen und Schreien, und bring' das unvernünftige Thier fort; ich befehle es dir!

Der Hahn schien nicht übel Lust zu haben, sich wegen des empfangenen Stoßes zu rächen. Er stand so stolz herausfordernd vor dem Propst wie ein beleidigter Junker, hob trotzig sein Haupt zu ihm auf, schüttelte den rothen Kamm gegen ihn und schrie ihm drohende Worte zu, die, wenn ein Übersetzer ins Menschliche sich gefunden hatte, gewiß arg genug gelautet haben würden. Lars ließ seine Querpfeife zwar auf die Anrede des Geistlichen sinken, aber doch nicht eher, als die Strophe beendet war, und dann antwortete er dem Hochwürdigen nicht, sondern er sprach zu seinem Hahne: Komm her, Hans! rief er seinen Arm 483 ausstreckend, auf den das kluge Thier hüpfte, es ist die schönste Tugend in der Welt die Großmuth, und es ist die erste christliche Tugend sanftmüthig und geduldig zu sein.

Millionen Schock Tonnen! schrie der dicke Soldat, Feldwebel, hast du je ein solches Ding gesehen. Ein Russe will ich werden, wenn's ein richtiger Hahn ist. Alle Tage könnt' er ins Regiment eintreten, so gut macht er seinen Marsch.

Hast Recht, Korporal Spuf! antwortete der Feldwebel, wir wollen ihn mitnehmen und dem Kapitän vorstellen.

Und 's Tractement nehme ich in Empfang, lachte Lars. Haben die Kugeln schon pfeifen hören, was sagst du, Hans? Bei Willmannsstrand, wo Männer rechts und links fielen, daß der Fluß sich verstopfte und nicht weiter fließen wollte. Was meinst du, Hans, sollen wir's noch einmal wagen?

Der Hahn nickte und kollerte, daß es wie ein helles Ja klang.

Gut, Hans, gut! fuhr der Schulmeister fort. Wird's aber auch wieder so her gehen, wie damals. Zogen damals viele Bauern aus mit Sensen und Piken und die Priester voran, es wollte Keiner ein Russe werden, hochwürdiger Herr. Macht's auch so, wenn Ihr es könnt. Es ist echt schwedisch Blut in mir und in dem Hans, Propst von Halljala.

Ich mag das nicht untersuchen, sagte Ridderstern, überhaupt will ich dir keine Rede stehen, aber, fügte er mit einem Blick auf den Haufen der jungen Männer hinzu, der sich in der Küche gesammelt hatte, wahrscheinlich von Neugierde bewogen, um die Soldaten zu schauen, bei deinem weißen Haar und deinem hohen Alter sollst du mehr Verstand besitzen, und über deine Mitmenschen kein Unglück zu bringen suchen. Gott möge die Waffen unseres Heeres segnen, damit dies den Feind von uns abhalte, wenn es aber geschehen sollte, daß dieser in unser Thal dränge, wäre es Thorheit und Sünde sich ihm zu widersetzen. Thorheit, weil wir ihn nicht besiegen würden, Sünde aber, weil wir seine Rache auf uns lenken und ihm Weib und Kind, und Alles was wir haben, preis geben.

Millionen Schock! rief Korporal Spuf, indem er den Propst wild anblickte. Was sagst du dazu, Feldwebel?

484 Ich sage, daß der Hahn mehr Muth hat als der Propst, antwortete dieser.

Und wenn der Propst es auch nicht thut, wird der Hans voran marschiren, und die Männer von Halljala werden ihm lieber folgen, als es der hochwürdige Herr jemals von sich selbst sagen kann, lachte Lars.

Wenn er mit uns gehen wollte, ging ich lieber mit den Russen, fiel Jem halblaut ein. Doch Furcht soll er uns nicht einjagen. Es wackeln so schon Manchem die Kinnladen, wenn er an Weib und Kind denkt.

Der Propst that, als höre er diese schnöden Antworten nicht, er wandte sich an den Feldwebel und befragte ihn über seine unerwartete Ankunft. Feldwebel Roth erklärte dem Geistlichen, daß er mit Korporal Spuf abgeschickt worden sei, um aus Wasa die Verstärkungsmannschaften für das Bataillon abzuholen, welche sich dort gesammelt hatten, und daß diese Mannschaften in einer Stunde spätestens aus Luovesi eintreffen würden und in Halljala untergebracht werden müßten.

Und wohin wollen Sie von hier aus weiter gehen? fragte Herr Ridderstern.

Das Regiment stand in Heinola, sagte der Feldwebel, und dahin bin ich beordert. Ich will jedoch hier ausruhen auf einige Tage bis ich nähere Nachrichten eingezogen, und dann den Pajäne hinab gehen, wenn ich weiß, wohin ich mich wenden soll.

Wie viele Mannschaften haben Sie bei sich? fragte der Propst.

Der Feldwebel sagte, daß es sechszig Mann wären.

Und es ist Keiner dabei, der ausreißen thäte und hinter den Ofen kröche, wenn er hörte die Russen seien da, brummte Spuf, indem er den Pfarrer grimmig ansah.

Sechszig vom Björneborg Regiment! rief Lars, und dazu einhundert flinke Bursche von Halljala, die nehmen's auf mit dreimal so vielen Russen. Waren bei Willmannsstrand nur viertausend Finnen; an die zwanzigtausend Grünröcke gegen uns, und konnten uns doch nicht zwingen.

485 Bis die Retirade los ging, fiel Jem ein, dabei machte Lars den Anfang.

Bist im Irrthum, antwortete der Schulmeister. Den Anfang machten die Anführer, wie's gewöhnlich geschieht, und da du Hauptmann von der Freicompagnie in Halljala bist, hast du die Pflicht, zuerst davonzulaufen; das wird auch so kommen, mein Kind. Gerade so, wie du vor dem Bären deinen Sprung machtest.

Schweig' doch endlich still davon, sagte Jem ärgerlich. Ach! ich wollte weder Hauptmann noch Korporal sein, wenn ein Anderer hier wäre, der's besser machen würde, wie irgend ein Mensch in Halljala und in ganz Finnland. Aber Gott weiß es, ob je ein Auge ihn wieder sieht, denn was sie heimlich sich erzählen und es unter die Leute bringen, ist doch nichts als Lüge und Bosheit, um ihn zu schänden. Er blickte dabei nach dem Propst hin, ballte die Faust und schrie zornig: So wenig Sterne vom Himmel fallen, so wenig wird Otho Waimon jemals ein Russe werden. Die das sagen sind Schelme und Verräther, und wer's behaupten will, dem will ich, Jem Olikainen, beweisen, daß er ein Lügner und Verleumder ist.

Hörst du wohl, Hans, hörst du wohl? fiel der Schulmeister ein. Die Sanftmuth ist eine herrliche christliche Tugend, aber was denkst du von einer Lüge, Hans? Meinst du, daß ein Lügner ein frommer Christ sein kann? Daß ein Verleumder seinen Mitmenschen Gutes thut und dafür in den Himmel kommt?

Der Hahn saß auf dem Tisch, schlürfte aus dem Branntweinglase des Korporals und schlug, als sein Herr ihn befragte, ein Hohngelächter auf, in welches Korporal Spuf aus vollem Halse einstimmte. Feldwebel! schrie er, dies Vieh muß in Björneborg's Regiment. Siebenundsiebenzig Schock Tonnen, er muß seine volle Ration haben.

Und Jeder soll haben was er verdient! rief Jem. Jedem Mann seinen Lohn und jedem Hund seinen Strick; wie es im Sprichwort heißt. Wer aber sagt, mein lieber junger Herr habe sein Vaterland verrathen, ist selbst ein Verräther, und wer da sagt, seine Schwester, die Gott segne! das Herzenskind, die Keiner sehen konnte, ohne daß ihm das Herz im Leibe lachte – o, in aller Hexen und Trollen 486 Namen! ich wollte, ich könnte Jeden krumm und lahm schlagen, der da sagt, mit einem Russen sei sie davon gelaufen.

Der Propst befand sich in großer Verlegenheit. Er sah, daß er der Gegenstand dieser unverhüllten groben Angriffe war, auf welche er sich nicht vertheidigen mochte, es aber auch nicht konnte, denn, daß aus seinem Hause sich die gehässigen Nachrichten über Otho und seine Schwester verbreitet hatten, war nicht abzuleugnen. Es war ihm daher sehr erwünscht, als der Feldwebel seine Stimme erhob und Jem fragte, ob sein junger Herr etwa Herr Otho Waimon gewesen?

Das war er und das ist er noch, antwortete Jem.

Es wäre möglich, Korporal Spuf, daß er Recht hätte, sagte der Feldwebel.

Spuf schüttelte seinen dicken Kopf. Es ist der allergrößte Verlust, den's Regiment Björneborg je erlitten hat, brummte er. Aber Schock Tonnen! es ist nicht anders.

Weißt du etwas von Otho Waimon zu erzählen, Feldwebel, sagte Lars Normark, so laß uns nicht warten.

Sage uns vor allen Dingen, ob er wirklich nach Rußland gegangen ist, fiel Jem ein.

In ein anderes Land ist er freilich gegangen, antwortete der dürre Soldat, doch Russen gibt's da nicht.

Habe ich nun Recht! schrie Jem mit blitzenden Augen. Ist es nicht Schande und Lüge, ist es nicht erfunden, um Otho Waimon zu verleumden?

Was wissen Sie von diesem jungen Manne, der seit mehren Monaten sich entfernt hat, sagte der Propst, ohne seinen besorgten Freunden eine Nachricht zugehen zu lassen?

Siehst du wohl, Hans, wie ein besorgter Freund aussieht? rief der Schulmeister. Otho Waimon ist ein echter Finne, Feldwebel, und der kommt, wie das Sprichwort sagt, glücklich bis Konstantinopel und findet sich doch wieder nach Haus.

Daran halte fest, alter Vater, versetzte Roth. Was ich darüber weiß, will ich dem Freiherrn Randal mittheilen. Meine Soldaten müssen untergebracht werden, dazu soll er mir helfen; dafür will ich ihm 487 eine Nachricht bringen, von der ich wünschte, sie wäre besser als sie ist.

Und was ist es, was Sie mir zu sagen haben? fragte Erich Randal, der mit Ebba hereingetreten war.

Der Kreis der Bauern und Diener öffnete sich vor ihm; Alle schwiegen, als er vor den beiden Soldaten stand. Der Feldwebel verbeugte sich und sah nach dem Korporal hin, der mit grämlicher Miene die hübsche Dame anstarrte, und seine mächtigen Schultern in die Höhe ziehend brummte: Ich wollte, ich hätte niemals Per Stahl dazu beredet. Aber geändert kann's nicht werden, also mach's kurz, Feldwebel, und thue dein Maul auf, hast es ja sonst immer bereit genug.

Der Feldwebel holte eine große Brieftasche aus seinem Mantel und zog ein Papier daraus hervor. Dies bringe ich Ihnen, sagte er, von einem Herrn, der es mir übergeben hat. Und es trifft sich eben jetzt, daß ich nach Halljala komme, sonst wäre es so leicht wohl nicht in Ihre Hände gelangt.

Von Otho! rief Erich, als er einen Blick auf die Handschrift warf. »Ich hoffe,« las er laut, »daß ich eher wieder bei Dir bin, ehe Du diese Zeilen empfängst, wenn es aber nicht sein sollte, so werden sie Dir wenigstens sagen, wo ich geblieben bin. Ich schreibe dies in Ecknäs, auf dem Wege nach Stockholm; ein erfahrener Schiffer wird mich über das Meer bringen. Ich hoffe wohlbehalten zu landen, dann sollst Du bald mehr hören. Trifft mich ein Unglück, so sorge für Louisa. Deiner brüderlichen Sorge und Liebe übergebe ich sie, bis zum Wiedersehen, mein Freund, mein Bruder. Dein getreuer Otho.«

Lautlos hörten Alle zu, bis der Freiherr geendet hatte. Was haben Sie diesen Zeilen hinzuzufügen? fragte er den Feldwebel.

Ja so! sagte dieser, ich soll noch etwas hinzufügen. Nun, um es kurz zu machen, Freiherr Randal, ich bin vor zwei Wochen mit dem Korporal hier wieder in Ecknäs gewesen, und Peder Stahl war noch immer nicht zurück. Der ganze bottnische Wiek ist jetzt zugefroren und es gehen Schlittenzüge herüber und hinüber, keiner aber hat den armen Per mitgebracht.

So meinen Sie, daß ein Unglück geschehen sein kann? fragte Erich mit leiser banger Stimme.

488 Ja so! antwortete der Feldwebel, ein Unglück. Ich habe es nicht gesagt, aber die Leute in Ecknäs erzählen, daß am Abend, wo der junge Herr mit Peder Stahl sich auf den Weg machte, ein fürchterliches Unwetter in der See getobt habe. Es war gerade am Christabend, wo das große Nordlicht aufzog, das in ganz Finnland gesehen wurde und so viele Menschen erschreckte. Es gab einen Sturm hinterher, daß die Leute meinen, kein Boot hätte ausdauern können.

Es kann einen Zufluchtsort gefunden haben.

Ja so! einen Zufluchtsort, fuhr der Feldwebel fort, das wäre allerdings möglich; allein das Wetter wechselte mit fürchterlicher Schnelle und wenn das Boot irgend einen Schutz gefunden hätte, meinen die Leute in Ecknäs, so würde längst eine Nachricht gekommen sein.

So glauben Sie, daß Beide todt sind?!

Ich? Ja so! sagte der dürre Feldwebel, ich mag's nicht glauben. So oft ich's auch gehört habe, es will mir nicht in den Kopf und dem Korporal Spuf geht es eben so. Wir haben den jungen Herrn lieb gewonnen und fürs Regiment Björneborg, setzte er mit einem blinzelnden Blick auf den Korporal hinzu, den er auch jetzt nicht unterdrücken konnte, ist es ein harter Verlust.

Ein harter Verlust! rief Erich Randal mit ausbrechendem Schmerz. O! das ist es für uns Alle, Alle, die ihn kannten, Alle, die ihn liebten, werden lange daran zu tragen haben.

Der tiefe kummervolle Ton seiner Worte rührte selbst den Korporal Spuf. Er fuhr mit der Hand über sein Gesicht und brummte ärgerlich: Es war eine Fügung, daß er sich nicht warnen und halten ließ. Damit muß sich jeder Mensch trösten. Fort müssen wir Alle, der Eine heut, der Andere morgen. Es kann Keiner sagen, er bleibt übrig.

Mit diesem rauhen Troste blickte er die junge Dame an, die vor ihm stand und ihre großen offenen Augen auf ihn heftete. Sie schien am meisten gefaßt bei dieser Schreckensnachricht, und als der Korporal geendet hatte, war es als schwebte ein Lächeln um ihre Lippen. Erich reichte ihr seine Hand und führte sie fort, der Propst folgte ihnen nach, die Zurückbleibenden aber, überließen sich ihrer mitleidigen Theilnahme, denn Otho hatte viele Freunde und sein unglückliches Ende rührte 489 alle Herzen. Frau Ulla vergoß helle Thränen und ihre Mägde kamen ihr dabei zu Hilfe. Alle hatten zu loben und erinnerten sich jammernd wechselseitig, wie der junge Herr von Louisa immer rasch bei der Hand gewesen, Jedem zu helfen, der Hilfe nöthig hatte, wie muthig und wie klug, wie schön und wie stark er war.

Es wird so bald nicht wieder so Einer geboren werden, rief Frau Ulla, die Augen an ihrer Schürze trocknend. Herr Erich wurde so weiß, wie das Papier in seiner Hand, er konnte es vor Zittern kaum halten; denn wie einen Bruder hat er den armen Herrn Otho geliebt. Anderen geht es wohl nicht so nahe, fuhr sie fort, die behalten ihre trockenen Augen und rothe Backen; aber das Fräulein hat ihn ja auch wenig gekannt, sie weiß nicht, wie die Kinder aus Louisa und die hier im Schlosse zusammen aufgewachsen sind, als wären es Äste aus einem Stamm.

Ach! der schönste unter allen, der die Krone am Baume war, er liegt verdorrt! seufzte Jem Olikainen und von der poetischen Begeisterung seines Volkes ergriffen, hob er Hände und Augen auf und stimmte eine jener Todtenklagen an, die in Finnland an den Bahren der Geschiedenen gedichtet und gesungen werden.

War er nicht schneller wie der junge Hirsch? War er nicht milder wie der Thau der Sommernacht? War er nicht muthiger wie der König der Wälder? begann Jem in weichem bangen Tone. Wer ihn sah, vertraute ihm, wer Sorgen hatte, ging zu ihm, wer in Gefahr war, der fand Hilfe bei ihm. Sein Auge war wie die Sonne, sein Mund war des Trostes voll, seine Stirn voll Weisheit, sein Arm immer bereit, sein Herz das Herz eines Freundes. Wer hat ihn weinen sehen in kummervoller Zeit? Wer hörte ihn klagen in einer Noth? Wer sah ihn fliehen vor einem Feind? Wer weiß von ihm was einem Manne nicht ziemt? O! daß er von uns gegangen ist, ohne wiederzukehren. O! mein Herr, du meine Seele, warum durfte ich nicht bei dir sein; warum hast du den armen Jem verlassen, der niemals dich verlassen wollte!

Diese traurigen Worte wurden von dem Schluchzen der Weiber und dem leisen Gemurmel der Männer begleitet, nur der Schulmeister saß auf der Bank vor dem Feuer und er schüttelte den grauen Kopf, 490 indem er mit seinem Hahn sprach. O du Narr, sagte er, tanze niemals wieder und schäme dich, schäme dich, Hans, es ist aus mit uns Beiden. Nach Kipomäki wollen wir wandern zu dem Hügel der Qualen; in die Gruben wollen wir steigen, wo die Plagen und die Schmerzen wohnen. Du streckst deinen Hals aus und siehst mich trotzig an. Siehst du hinunter nach Tuonala und kannst ihn nicht finden? Der Hahn sträubte seine Federn auf und that einen freudigen Schrei und der Schulmeister zog ihn an sich und murmelte liebkosend: Ich will's glauben, Hans. Wir wollen warten und hoffen; doch wenn er nicht wiederkehrt, dann, du armer Narr, wird's doch nicht lange dauern, und wir sind bei ihm. Wir suchen und finden ihn doch, Hans.

Erich hatte inzwischen Ebba in die Halle zurückgeführt und hier erst, als er allein war, ergriff ihn die Gewalt der Schmerzen, gegen welche er vergebens rang. Er lehnte sich an den Kamin und seine Hände über sein Gesicht deckend, überließ er sich dem Kummer, der ihn überwältigte.

Was ist es denn mehr, sagte Ebba, endlich das Schweigen unterbrechend, als der Ruf in das unbekannte Land, der eine Stunde früher kam als es Zeit schien. Es ist noch Keiner übrig geblieben, Erich, darin liegt ein großer Trost.

Alle unsere Philosophie, antwortete der Philosoph seufzend, kann den menschlichen Schmerz in uns doch nicht betäuben. Unser menschliches Leid trifft unser Herz. O! Ebba, Otho war auch dein Freund. Gemeinsam werden wir lange um ihn klagen.

Selig sind die Todten! antwortete sie mit sanfter fester Stimme, denn alle Erdennoth ist von ihnen genommen.

Er war jung, er liebte das Leben, er hing mit seiner Jugend, seinen Hoffnungen, seinen feurigen Wünschen daran, erwiederte Erich. Selig sind die Lebendigen, Ebba, die ihres irdischen Glückes sich freuen, die ein reiches schönes Leben durchleben, von Liebe und Freundschaft begleitet. Und er war kühn, stark und treu, wie Wenige. Sein Herz war so muthig, seine Seele so frei und stolz. Was er liebte war Liebe würdig. Edel war sein Denken und sein Handeln, denn vor keinem Opfer, keiner Überwindung bangte er. Recht und Unrecht hatten keinen besseren Richter und vor ihm lag die Zukunft wie ein 491 langer Sonnentag. Wie viel Gutes und Edles konnte er noch schaffen, wie viel Liebe konnte er finden, wie viel Glück und Frieden!

Hat ihn denn das Glück von uns getrieben, sagte Ebba mit schmerzlicher Schärfe, indem sie ihre Hände faltete, oder welche finstere Macht hat uns getrennt. Frieden war nicht in ihm und Glück – O! wenn er Glück zu hoffen hatte, warum half es ihm nicht!

An Stelle des Freiherrn antwortete der Propst, welcher so eben hereintrat: Die Wege Gottes, sagte er salbungsvoll, sind unerforschlich. Demüthig müssen wir uns unterwerfen, denn er weiß am besten was uns gut ist.

Er weiß am besten was uns gut ist, flüsterte Ebba tonlos. Der Tod löscht Alles aus, auch die Sehnsucht.

Ich habe noch immer gemeint, es könnte ein Irrthum sein und der Feldwebel möchte sich getäuscht haben, fuhr Herr Ridderstern fort, leider aber haben meine Fragen nur zu sehr bestätigt, was er berichtete. Der Feldwebel hat den Herrn Otho schon früher gesehen, und dieser hat ihm auch seinen Namen genannt; hartnäckig jedoch hat er verschwiegen, weßhalb er in dieser Jahreszeit und mit solcher Eile die gefährliche Reise machen wollte.

Erich Randal konnte die Neugier des Propstes eben so wenig befriedigen. Ich zweifle nicht, sagte er, daß es Otho war, denn seine Schriftzüge beweisen es eben so wohl, wie der Inhalt jener Zeilen; allein ich bin außer Stande die Ursache zu entdecken, weßhalb er uns so plötzlich verließ und was ihn nach Stockholm getrieben hat.

Ich glaube nicht, daß Herr Waimon in Schweden Verwandte hat, fuhr der Propst fort, vielleicht aber reiste er, um einen besonderen Auftrag zu erfüllen; denn wie der Feldwebel behauptet, hat er einmal erwähnt, daß er den König sehen und sprechen würde.

Wenn Otho dies nicht im Scherz etwa sagte, antwortete Erich, so weiß ich nicht, wie es anders zu deuten wäre. Verwandte und Freunde hat er in Stockholm nicht; Aufträge und Empfehlungen könnte er nur durch den Kammerherrn Bungen erhalten haben, was ich nicht glaube.

Nein, gewiß nicht, versetzte der Propst. Baron Arwed weiß nichts von ihm, ebenso wenig ein Anderer, dem diese Nachricht sehr schmerzlich sein wird.

492 Wie es mir scheint, sagte Erich, als der Propst schwieg, haben Sie Nachrichten erhalten.

Verschiedene und äußerst wichtige Nachrichten, antwortete Herr Ridderstern, die ich Ihnen mitzutheilen kam. Die Russen sind über den Kymene gegangen!

Nach einem augenblicklichen Schweigen rief Erich, betroffen über diese folgenschwere Mittheilung: Ist das wahr?! Jetzt, in dieser furchtbaren Winterkälte beginnt der Krieg? Wann soll es geschehen sein?

Am 23. Februar, erwiederte Herr Ridderstern, es ist völlig gewiß. Ich habe vor einer Stunde einen Brief von Halset empfangen. Die Schweden sind zurückgedrängt und haben den Paß bei Borgo auch nur mit wenigen Schüssen vertheidigt. General Klerker setzt seinen Rückzug fort. Graf Buxthövden hat sogleich ein Corps abgesandt, das Sweaborg belagern soll; er selbst mit seiner Hauptmacht dringt gerade auf Abo los, und wie Halset schreibt, stecken die Schweden wie ein Fisch im Netze, denn ein zweites Corps Russen geht durch Savolax ins eigentliche Finnland und wird die Schweden von Norden abschneiden, denn es wird eher dort sein als sie.

Wo befindet sich Herr Halset? Ist er in Abo?

Nein, sagte der Propst, er ist mit seiner Tochter und in Begleitung des Herrn Kammerherrn gegenwärtig in Tavastehuus.

So nahe bei uns ist dein Bruder, fuhr Erich gegen Ebba gewandt fort. Sie haben Briefe erhalten; darf ich fragen, ob kein solcher für uns eingeschlossen war?

Herr Ridderstern verneinte es. Halset hat allein an mich geschrieben und wie Sie denken können, sehr flüchtig, denn in Tavastehuus ist die Verwirrung sehr groß. Gerüchte sagen, daß Kosacken schon in der Nähe seien. Die kleine schwedische Garnison will das Schloß vertheidigen; ein Theil der Einwohner ist daher entflohen, obwohl Graf Buxthövden eine Proclamation erlassen hat, die Jeden für sein Leben und Eigenthum beruhigen könnte.

Hat Herr Halset Ihnen diese Proclamation geschickt? fragte Ebba.

Der Propst schwieg, ein wenig verlegen über diese Frage und die Blicke, welche sie begleiteten. Nein, sagte er dann, ich glaube auch nicht, daß sie in Tavastehuus verbreitet wurde, da es die Schweden 493 noch besetzt halten. Halset hat mir nur davon geschrieben. Die Russen sollen so strenge Mannszucht halten, daß Niemand etwas zu fürchten hat; auch sollen sie mit baarem Gelde Alles was sie brauchen reichlich bezahlen. Nur verlangen sie, daß Jedermann sich friedlich verhalte, und Halset schreibt daß jede Bewaffnung der Bauern schreckliche Folgen haben würde. Gebrauchen Sie darum Ihr Ansehen, mein gnädiger Herr, damit kein Unglück entsteht. Die Waffen müssen abgelegt werden, dann können wir ruhig und friedlich die Russen erwarten.

Ruhig und friedlich können wir den Feind, der uns ins Land fällt, nicht erwarten, Herr Ridderstern, erwiederte Erich, aber wir müssen das Unvermeidliche ertragen und der Gewalt uns unterwerfen. Noch aber wissen wir ja nichts Gewisses. Da Herr Halset und mein Vetter in Tavastehuus sind, dürfen wir hoffen, sie bei uns zu sehen.

Ich glaube, daß dies in den nächsten Tagen geschehen wird, sagte der Propst, und der Herr Baron meinen lieben Freund Halset begleitet, da seine Anwesenheit nöthig sein dürfte.

Hat Ihr Lächeln eine besondere Bedeutung, hochwürdiger Herr?

Das hat es allerdings, versetzte der Propst, und da es etwas Freudiges ist, will ich es nicht verschweigen. Samuel Halset bringt seine Tochter mit, und hat mich dazu ausersehen, den Segen über ihren Bund zu sprechen.

Mit Arwed!

Der Herr Baron hat sich die väterliche Zuneigung meines edlen Freundes in solchem Grade zu erwerben gewußt, fuhr Ridderstern fort, daß Halset in den Stürmen dieser Zeit, wo die Ungewißheit menschlicher Schicksale jedem verständigen Mann einleuchtet, nichts Besseres thun zu können glaubt, als seiner Tochter einen würdigen Gatten und getreuen Schützer zu geben.

Er hat Recht, sagte Erich, indem er nach Ebba hinüberblickte, die anscheinend theilnahmlos vor dem Kamin saß. Wollte Gott, fügte er hinzu, unsere Freunde kämen in ein Haus, das nicht von so schwerem Leid heimgesucht wäre, und wir könnten sie mit so frohen Gesichtern empfangen, wie sie es wünschen müssen.

Der Propst heftete seine scharfen Augen auf den Freiherrn, als wollte er dessen Gedanken lesen, und obwohl Erich's Gesicht, weder 494 Bestürzung noch Überraschung ausdrückte, sagte er mit tröstlicher Salbung: Jungfrau Mary's glückliche Wahl wird dazu beitragen, Ihren Kummer zu besänftigen. Wie Halset mir schreibt, ist es Baron Bungen's inniges Verlangen, daß auch das gnädige Fräulein sich entschließt in den Bund der heiligen Ehe zu treten.

Die steife Verbeugung des Geistlichen, welche er gegen den Baron machte, blieb unerwiedert, sein verbindliches Lächeln konnte Ebba's schweigsamen Ernst nicht zerstreuen, Herr Ridderstern wandte sich daher wieder zu dem Freiherrn, der seine Andeutungen besser aufnahm: Ich freue mich dies von Ihnen zu hören, sagte er, obwohl ich Arwed's Stillschweigen nicht begreife. Sie wissen, hochwürdiger Herr, daß wir Arwed's Besuch längst erwarten. Als er den Herrn Halset nach Abo begleitete, wollte er bald zu uns zurückkehren. Aus Wochen sind Monate geworden und obenein hat er unsere Briefe zuletzt nicht mehr beantwortet.

Ich sollte meinen, erwiederte der Propst, der Herr Baron hätte von Abo aus Bestimmungen getroffen –

Die wir nicht befolgt haben, fiel Erich ein. Arwed wünschte, als seine Rückkehr sich verzögerte, daß Ebba in Ihrem Hause wohnen möchte.

Erörtern wir dies nicht weiter, sagte Herr Ridderstern. Die edle Braut wünschte in der Nähe des Bräutigams zu bleiben. Wir mußten dies allerdings bedauern, und vielleicht that dies selbst Baron Bungen. Doch darüber läßt sich nicht mehr rechten, fuhr er fort, die innige ewige Vereinigung am Altare des Herrn ist ja nahe, und wie betrübend auch die Nachrichten über das unverhoffte Ende Ihres Verwandten sind, so ist doch auch dabei die Hand Gottes zu erkennen, welche züchtigt, um uns Gutes zu thun.

Sie waren Otho's Freund nicht, Herr Propst, sagte Erich mit ernster Würde, mir aber ist ein Bruder heimgegangen.

Ich war sein Freund nicht, weil ich es nicht sein konnte, antwortete Herr Ridderstern. Mag er in Frieden ruhen und der Herr ihm ein milder Richter sein! Nur an Ihre Zukunft, lieber Freiherr, dachte ich, als ich Gottes Hand bei diesem Todesfalle erkannte. Herr Waimon war von ungestümer Sinnesart, ruhigen Vorstellungen wenig 495 zugänglich. Er würde Ihnen noch vielen Kummer bereitet, Sie vielleicht selbst in sein Schicksal verwickelt haben; denn ich zweifle nicht daran, daß er die Bauern im ganzen Lande umher aufgewiegelt und zu den schrecklichsten Thaten Anlaß gegeben hätte.

Ich vermisse ihn, wir Alle werden ihn vermissen! seufzte Erich schmerzlich. Was ihn auch nach Schweden getrieben hat, es muß eine gute Sache gewesen sein.

Trost und treue Freunde werden Ihnen Beiden zur Seite stehen, wenn Ihre Verwandten bei Ihnen sind, sagte der Geistliche, indem er Erich's Hände drückte. In dieser Zeit der Schrecken und der Angst ist die besonnenste Klugheit nöthig, um schwerem Unglück zu entgehen, doch mit Gottes Hilfe werden wir daraus entkommen. Halset ist ein Mann von großer Erfahrung, weit geachtet und bekannt, Baron Bungen mit Geist und Wissen gerüstet. In ihrer Nähe wird uns wohl sein, theurer Freiherr. Wir werden gemeinsam das Rechte und Vernünftige thun, und ich denke Ihnen zu beweisen, wie gern ich Ihnen Freund und Beistand bin.

Nur keine unüberlegte Handlungen, fuhr er fort, als Erich schwieg. Halten Sie den Major davon ab; verbieten Sie dem alten Vagabond Lars Unfug zu treiben, und nehmen Sie Jem Olikainen und seiner Mannschaft die Gewehre ab.

Hier wurde der Propst von dem Lärm einer Trommel unterbrochen, die im Hofe geschlagen wurde, worauf ein Hurrahgeschrei aus der Halle folgte. Da sind die Soldaten schon! sagte er. Es wäre besser, sie hätten uns mit ihrem Besuche verschont, jetzt müssen wir sie fortschaffen, je eher je lieber.

Er entfernte sich aus der Halle, und als er hinaus war stand Ebba auf, legte ihre Arme auf Erich's Schultern und blickte ihn nachdenkend traurig an. Es geht etwas vor, sagte sie, ich sehe es kommen. In den falschen Augen dieses Priesters steht eine gräuliche Geschichte geschrieben. Er freut sich über Otho's Ende, er kann den Hohn nicht verbergen, und wir – Arwed hat nicht geschrieben, Halset kommt mit ihm. Wo er erscheint, bringt er Unheil. Ich habe eine Ahnung, daß Otho ein Prophet war.

Was er auch bringen mag, antwortete Erich mit seiner ruhigen Freudigkeit, er soll uns gerüstet finden, immer das zu thun, was sich für uns schickt. 496

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