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Erich Randal

Theodor Mügge: Erich Randal - Kapitel 21
Quellenangabe
typefiction
booktitleErich Randal
authorTheodor Mügge
year1856
firstpub1856
publisherVerlag von Meidinger Sohn
addressFrankfurt a. M.
titleErich Randal
pages830
created20090617
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Erstes Kapitel.

Jönsson, der greise Pfarrer, saß an seinem Tische auf der Ofenbank mit dem Rücken an den wärmenden Freund seines Alters gelehnt. Es war einsam in der großen niedrigen Stube und der alte Pfarrer schien in seinen Gedanken versunken. Trübe flackerte seine kleine Lampe, die mit Fischfett getränkt war, über das sanfte stille Gesicht, in welchem ein Lächeln schwebte, mit dem er auf einen seltsamen Gegenstand blickte, der vor ihm stand. Ehmals war dies sicherlich ein großer Tannenzweig gewesen, doch seit der Zeit, wo er grün und frisch im Walde stand, mußte mancher Tag vergangen sein. Morsch und verdorrt streckte er jetzt das dürre Geäst aus, an dem kaum noch eine der vergilbten in Staub zerfallenen Nadeln haftete. Ein Christbaum war es gewesen und zu des Hauses Freude hatte er einst am Weihnachtsabend herrlich geglänzt, denn noch waren um den Stamm, welcher aufrecht auf einem Brette stand, von Holz und Draht viele lange Arme befestigt, die als Leuchter gedient hatten, und noch hingen auf den dürren Reisern verblaßte zermürbte Seidenbänder, Streifen von Goldpapier und an einigen Fäden die Reste kleiner Bilder, bunte Steine, Glasperlen und Muscheln.

Der greise Priester blickte den armseligen, verwitterten Christbaum zärtlich an und indem er seine Hände zusammenfaltete, füllten sich seine Augen mit unbeschreiblicher liebevoller Wehmuth und Rührung. Draußen tobte das wilde Wetter; das hölzerne Haus knarrte und ächzte 448 und wie die kleine Flamme der Lampe unruhig hin und her geworfen wurde von dem Zugwinde, der durch die Ritzen der Fenster drang, schien es zuweilen, als wankten die Balken ihr nach und der ganze Bau geriethe in eine wellenförmige Bewegung. Axel Jönsson achtete nicht darauf, daß die Sturmstöße mit donnerartigem Gepolter den Schlott herunter fuhren, er schien es auch nicht zu hören wie die Teller und Tassen auf den Brettern über dem Herde klangen, wie die große Zinnschüssel in der Mitte die Theekanne anstieß, als wollte sie diese ermahnen, vorsichtig zu sein und nicht noch weiter seitwärts zu rutschen, und wie die Bündel trockener Kräuter und Wurzeln auf dem Schranke und an den Wandleisten mit einander rasselnd flüsterten, daß solch grausiger Winter den Menschen mancherlei Wunden und Schmerzen bringen müsse und sie dann helfen und heilen würden.

Der alte Mann blieb lange bewegungslos in seinen Betrachtungen, bis sein Gesicht immer heller und freundlicher wurde, und dann stand er auf, ging an den Schrank, öffnete die Kasten und nahm allerlei heraus. Ein großes weißes Linnentuch breitete er über den Tisch, setzte den dürren Christbaum in die Mitte, holte kleine bunte Lichter aus einem Schubfach und besteckte damit die Leuchter. Hierauf immer lebendiger und heiterer lächelnd, trug er mancherlei Gaben herbei, die er an verschiedenen Seiten des Tisches aufstellte. Da waren Äpfel und Waizenkuchen, da gab es Strümpfe und Schuhe, Handschuhe und Wolltücher. Ein dickes warmes Kleid und eine mit Pelz besetzte schöne Kappe wurden besonders über einen Stuhl gebreitet und allerlei Schürzen und Jacken nebst Anderem, was zur Weihnachtsbescheerung gehört, folgte nach. Vieles befand sich darunter was Kindern Freude macht und Alles ordnete der Greis, theilte es ein und blickte dann und wann nach der Nebenthür, als warte dort ein froher Schwarm, der auf sein Zeichen freudig schreiend hereinstürzen werde.

Und als er hin und her eilend endlich mit seinem Werke fertig war und mit innigem Lächeln es überblickte, zündete er die Lichter an, daß der helle Weihnachtsglanz die düstere, stille Stube überstrahlte. Die Fenster funkelten davon, die düsteren Ecken schimmerten wie voll Sonnenschein und dieser lag auf dem Haupte des Greises, der lächelnd um sich schaute und seine Arme ausgebreitet hatte, als wolle er die 449 Glücklichen, für die er den Weihnachtstisch bereitet, liebend an sein Herz ziehen.

Aber Axel Jönsson wurde nicht traurig, als es still und einsam um ihn blieb. Die Wuth der Elemente schien sich zu vermehren. Die See brüllte an den Klippen und der Sturm bog und rüttelte an dem Hause, als erregte der Glanz und die Lust drinnen seinen tödtlichen Grimm. O! sagte Axel Jönsson mit seiner sanften Stimme, ich danke dir, mein Herr und Gott! daß du wiederum mich diesen glückseligen Tag erleben ließest. Ich danke dir, Allmächtiger, für so viele Gnade und so viele Freude. O! segne viele, segne alle Menschen, wie du mich gesegnet hast.

In dem Augenblick wurde die Thür geöffnet und Karina, die alte taube Magd, zeigte sich auf der Schwelle.

Komm näher! komm näher, meine liebe, treue Freundin! rief der gute Pfarrer. Ich erwartete dich, wollte dich holen. Sieh hier, gute Karin, das ist dein. Der warme Rock wird dir gefallen, und die Pelzmütze wird dich schützen; dazu die Schürzen und die Winterstiefeln und der Tuch dort. Freue dich, liebe Karin, es ist Alles dein und sieh doch, sieh doch – auch einen Latz für den Sonntag habe ich dir ausgesucht.

Die alte Frau hielt die Hand fest, welche er ihr gereicht hatte. Thränen flossen über ihr hartes Gesicht, das sie mit der freien Hand bedeckte. Ach, Herr! rief sie schluchzend, allein, ganz allein, ist die arme Karin bei dir.

Allein! antwortete er und seine Augen schlugen sich auf und es glühte und glänzte darin. Nein, Karin, nein! sagte er mit sanfter Festigkeit, wir sind nicht allein, denn die sind unter uns, die wir lieben. Sieh doch hier, sich den Tisch, ist das nicht der Platz, wo meine liebe Natta sonst immer am Weihnachtsabend saß? Hat ihre Hand nicht den Baum dort geschmückt? Sind das nicht noch die Bänder, welche sie daran knüpfte? Und dort, Karin, dort steht der Sessel, auf dem sie so gern saß, da steht das Nähkästchen, das sie so lieb hatte. – Er legte seinen zitternden Finger auf den Kasten und auf eine halb vollendete Arbeit daneben. – O, nein! fuhr er fort, Gottes Güte währet ewiglich! Ich sehe meine liebe Natta noch immer bei mir, ich 450 sehe meine lieben Kinder, meinen Axel, meine Margareth, wie sie um diesen Tisch sprangen voll Lust und Glück, wenn die hellen Lichter brannten, und wie würden sie sich freuen, gute Karin, wenn sie alle die schönen Sachen sähen, wenn sie jubelnd damit durch dies Zimmer tanzen könnten, wie sie es so oft gethan haben.

Ach, Herr, es ist Alles vorbei, Alles! seufzte die Magd.

Jegliches hat seine Zeit, Karin, sagte der Greis und seine Stimme aufhebend sprach er mit Salomonis Worten: Geboren werden und sterben, pflanzen und ausrotten, tödten und heilen, bauen und einreißen, weinen, lachen, klagen, tanzen, Steine sammeln und Steine streuen, Herzen fernen von Herzen; suchen, verlieren, behalten, wegwerfen, schweigen und reden, zerreißen und zunähen, lieben und hassen, Streit und Frieden, Alles, Alles hat seine Zeit! – Aber wo ein Menschenherz ist, gute Karin, das voll von Liebe und Güte war, das lebt von seiner Liebe bis in Ewigkeit; das lebt von den Erinnerungen seines Glückes und fürchtet keinen Schmerz und kein Scheiden.

Freude ist in mir, denn ich weiß ja, daß meine Lieben sich freuen und bei mir sind ihre seligen Geister. Ich sehe sie, wie sie lächelnd mich anschauen und wenn ich schlafe, flüstern sie mir zu: es ist Alles recht, was du thust. Morgen werden die armen Inselleute kommen und ihre Kinder werden kommen. Ich werde ihnen viele Freude bereiten, denn ich werde sie mit dem beschenken, was ich einkaufte und meinen lieben Kindern geschenkt hätte. In ihrem Namen theile ich meine Gaben aus und nächtlich steigen sie dann vom Himmel und freuen sich mit mir.

Ach! sagte die alte Frau, das ganze Jahr über sparst du, Herr, und darbst in deinen alten Tagen, um am Christfest uns Alle zu beschenken.

Mich beschenke ich, Karin, mich selbst, fiel Axel Jönsson freudig ein. Ich hole den alten dürren Baum dann hervor und was fällt mir Alles bei seinem Anblick ein! – Ich sehe ihn wieder grün und frisch, wie er war, und sehe mich in meiner Kraft und Jugend. Wie viele schöne herrliche Erinnerungen kommen dabei in mein Gedächtniß, wie viele Stimmen reden zu mir mit Engelszungen. Bin ich denn nicht glücklich, meine arme Freundin? Ist es nicht ein großes 451 wunderbares Glück, Freude und Liebe verbreiten zu können, und Freude und Liebe in sich zu tragen.

Ja, Herr, ja! rief die Magd ihre Hände faltend und ihn mit gläubiger Ehrfurcht anblickend. Die Leute sagen, du seiest ein Engel Gottes, der Allen hilft, die ihn anrufen.

Der Herr segnet mich, daß er durch meine schwachen Hände Gutes thun läßt, und manche Mühseligen und Leidenden sendet er zu mir, antwortete der Greis. Das ist seine höchste Huld, die er einem seiner Geschöpfe angedeihen lassen kann. – Aber was war das? fuhr er aufhorchend fort: war es der Sturm, der an unsere Fenster schlägt, oder war es der Knall eines Feuergewehrs? Hörtest du nichts, Karina? Aber ach! du kannst es nicht hören, arme Karin.

Karina verstand überhaupt, was ihr Herr zu ihr sprach, mehr an den Bewegungen seiner Lippen aus langjähriger Gewohnheit und mit Hilfe ihrer Augen, als mit den dicken Ohren. Als sie jedoch sah, daß er ans Fenster lief und gleich darauf sich wieder umwandte, hörte sie deutlich wie er laut und heftig ausrief: Es muß ein Mensch sein, der in Noth ist. Ich habe den Blitz eines Gewehres gesehen; das war kein Nordlichtzucken. Laß mich hinaus, Karin. Wo ist die Laterne, schnell die Laterne!

Hinaus? schrie die Magd. Bist du besessen, Herr?! Du sollst nicht hinaus. Der Wind weht dich von den Klippen. Eis und Schnee fallen vom Himmel. Du sollst nicht hinaus, die Trollen reiten auf Nebel und See, die bösen Hexen, die aus den Abgründen steigen.

Schäme dich, Karin! antwortete der Greis. Es ist ein Mensch in großer Gefahr. Vielleicht ein Boot, das von Schweden herüber kommt.

Niemand ist in Gefahr, fiel Karin ein, indem sie ihn an dem Pelzmantel festhielt, den er umgeworfen hatte. Kein Boot wagt sich jetzt hinaus, überall ist treibendes Eis, alle Häfen und Buchten liegen voll. Die Hexen sind es, Herr, oder der Teufel selbst, der dich verlocken will. Du sollst nicht gehen. Herr Jesu Christ! steh' uns bei.

Freilich ist es kaum zu denken, daß ein Boot in solcher Nacht auf dieser wilden eisigen See sein sollte, sagte der Pfarrer. Dennoch aber 452 muß es so sein. Gott sei den armen Menschen gnädig! Wenig vermag ich zu helfen. Aber ich will bis an die Bucht hinabgehen. Ich will, wenn es möglich ist, meine Laterne an das Pfahlwerk festbinden; ich will thun, was ich vermag, um den Unglücklichen beizustehen.

Als Karina sah, daß ihr Herr sich nicht hindern ließ, sondern die Laterne anzündete und seine Pelzkappe festband, schrie sie entschlossen, daß, wenn er umkommen wolle, sie auch nicht länger leben möge, und da Axel Jönsson hierauf keine Antwort gab, sondern das Zimmer verließ und den Riegel von der Hausthür schob, warf sie ihr Tuch über den Kopf und folgte ihm nach.

Viel fehlte nicht, so wäre der gute Pfarrer beim ersten Schritt, den er hinaus that, zu Boden geworfen worden, so heftig wüthete der Sturm. Mühsam hielt er sich aufrecht, unterstützt von Karina, die neben ihm herging und ihn vorwärts schob, dabei aber um Gottes Barmherzigkeit flehte, daß er umkehren möchte, um sich nicht den Tod zu holen.

Wir stehen Alle in Gottes Hand, Karin, antwortete der Greis; laß uns die Stufen hinabsteigen, aber falle nicht, denn es ist sehr glatt und oben auf der Klippe ist es wirklich unmöglich, sich aufrecht zu erhalten.

Während er die alte Dienerin zu stützen suchte, war diese eben so sehr darauf bedacht, ihn zu beschirmen, doch Axel Jönsson hatte trotz seines hohen Alters eine ungewöhnliche Rüstigkeit behalten und zu dieser gesellte sich sein freudiges Gottvertrauen, daß er vollbringen müsse, was der Herr von ihm begehre. Er, der die Sterne zählt und die Grashalme, hatte einen Schiffbrüchigen in seine Nähe geführt, dessen Hilferuf in sein Ohr gesandt und um seines Lebens Preis mußte er gehen und erforschen, ob es keine Täuschung sei, ob er nicht etwas thun könne, seinen Mitmenschen in ihrer Noth beizustehen.

Der Himmel war voll undurchdringlicher Finsterniß, die mit schwarzen Händen Meer und Land bedeckte. Nur das Toben der Wellen, das Rasseln und Brechen der Eismassen, welche gegen die Klippen geschleudert wurden, um daran zermalmt zu werden, ließ allein erkennen, wo die nasse Tiefe begann. Schneestaub und 453 Eiskörner wurden mit fürchterlicher Gewalt von dem Winde gepeitscht, vor dessen schneidender und erstarrender Kälte Axel Jönsson sich fester in seinen Pelz zu wickeln suchte. Vorsichtig beleuchtete er die großen Steine, über welche man in die Bucht hinab kommen konnte und stieg von einer Stufe auf die andere, während Karin ihn am Gurt festhielt und ihm nachfolgte. Der Sturm hatte Eis und Wasser hoch in die Bucht hineingetrieben und die Magd schrie ihrem alten Herrn kläglich zu, doch um Gotteswillen nicht bis an das Pfahlwerk vorzugehen, wo das Wasser hinaufspielte und die Kälte den Boden mit spiegelblankem Eis überzogen hatte.

Es ist keine Menschenseele hier! jammerte sie, und wo sollte auch eine herkommen? Jesus Christus! sieh wie die Schollen sich über einander gewälzt haben, wie ein Wall von Eis dort steht, über den die Brandung fortgeht. Heiliger Olaf, behüte uns! der Sturm wirft die Schollen über unsere Köpfe. Komm herauf, Axel Jönsson. Komm herauf, Herr, der Gischt fliegt über dich hin und macht dich naß. Hilf uns, Gott, hilf uns! er ist nicht mehr bei Sinnen. Der Teufel hat ihn. Herr, Herr! du mußt umkommen in dieser Nacht.

Diese letzten Worte beendet mit einem fürchterlichen Schrei stieß Karin hervor, als sie den Priester trotz aller Warnungen, seine Leuchte hoch aufgehoben, auf das Pfahlwerk zuschreiten sah, an welchem zur guten Jahreszeit die Fischerboote festgelegt wurden. Jetzt waren diese hoch am Lande geborgen und wie die Magd es sagte, hatte sich überall eine glatte Eisdecke gebildet, über welche Jönsson muthig fortschritt und seine Begleiterin trotz aller Ausbrüche ihres Ärgers und ihrer Angst ihm folgte. – Wohin willst du denn, Herr? sieh doch das Toben des Sturms, schrie sie unermüdlich. O Herr! so halt doch ein. Siehst du nicht wie die großen Schollen auf uns zugetrieben werden? Wie mit einem Messer werden sie die Pfähle zerschneiden.

Da liegt er! antwortete der Pfarrer. Siehst du ihn? Nimm die Laterne, Karin; da liegt er!

Der Sturm hatte die ineinander getriebenen Eisstücke am Eingange der kleinen Bucht zerrissen und dieselbe ungeheuere Woge, welche dies bewirkte, warf Blöcke und Schollen dem Lande zu. Bei dem Scheine seiner Laterne sah Jönsson vor sich ein großes Eisstück, 454 auf welchem eine dunkele Masse lag, die ihm ein Mensch zu sein schien. In seiner Angst und seiner Liebe schleuderte er Karin's Hände, welche sich an ihn festklammerten, mit Gewalt von sich, drückte ihr die Leuchte in die Finger und kroch hinter den Pfählen hinab bis an den Fels, wo in demselben Augenblick die Scholle über eine andere schon dort abgelagerte hinstürzte. Wasser, Schaum und Schlamm rollten darüber fort und würden den schwarzen Körper mit sich fortgewaschen haben, wenn der Pfarrer ihn nicht festgehalten und zu sich hingezogen hätte. Ja, es war ein Gottesgeschöpf, es war ein Gebild von Fleisch und Bein, aber ohne Gefühl, ohne Bewegung, vom eisigen Wasser schon erstarrt, und er hielt es zitternd an sich gedrückt, während neue Trümmer, Schollen und Wasserströme über die Stelle stürzten, wo er es gefunden hatte.

Was sollte er beginnen mit dem Leichnam des Unglücklichen? Ein Schauder durchlief ihn, eine entsetzliche Angst füllte sein Herz: Karina hielt die Laterne hinunter. Jesus, Gottes Sohn! schrie sie, als sie die Gestalt erblickte, die ihr Herr mit Aufbietung aller Kraft aufzuheben suchte. Laßt ihn liegen, er ist todt, längst todt! Unglück bringt es, Einen anzufassen, dessen Seele die Hexen haben.

Hilf mir, sagte der Greis unerschrocken, er lebt noch. Ich habe ihn seinen Arm aufheben, seinen Kopf zucken sehen. Faß an seine Schultern, seine Glieder sind noch geschmeidig. Und ohne abzuwarten, ob die alte Magd ihm beistehen würde, suchte er den Körper an dem Pfahlwerk emporzurichten, wo Karin, die ihre Laterne niedergesetzt hatte, ihn ergriff und glücklich festhielt.

Aber sei es, daß diese heftige Bewegung den Rest des Leben in dem Verunglückten zu einer letzten Anstrengung brachte, oder der ohnmächtige Zustand dadurch von ihm wich, daß der gute Pfarrer sogleich seinen Pelzmantel über ihn warf; er schien zu erwachen als dies geschah und stand auf seinen Füßen, wobei er nach der Laterne griff, die Karina an einen der Pfähle gehängt hatte. Da ist das Licht! rief er mit gebrochener dumpfer Stimme. Holla! Per! Einige andere unverständliche Worte folgten, zugleich machte er eine Bewegung als wolle er seine Füße gebrauchen.

Stütze ihn, Karin! rief der Greis. Komm, armes Kind, komm! Gottes Gnade hat dich und mich geführt. Hier sind die Stufen. Nimm 455 alle deine Kraft zusammen. Es sind nur wenige Schritte. Halte ihn ja fest, liebe Karin. O! wie ist die Huld des Herrn sichtbar an diesem Mann! Jetzt haben wir glücklich die Gefahr überwunden. Pflege soll dir werden. Hier ist Sicherheit für dich, mein Sohn. Nur hier herein, hier ist es warm, und herunter mit den Kleidern, in mein Bett. Geh, gute Karina, eile! Mache heiße Steine, heißes Wasser. Gott wird uns beistehen, daß wir dies Leben erretten, das dem Tode verfallen war.

Alle diese tröstenden und hoffenden Ausrufungen brauchte der gute Pfarrer nach und nach, während er unter beständigem Beistande seiner alten Dienerin den Seemann bis an sein Haus und endlich bis in sein Zimmer brachte. Es gelang dies ziemlich gut, denn obwohl Otho manche schwankende und ungewisse Schritte machte, so kam er doch vorwärts und sprach selbst einige verständliche Worte. Kaum aber hatte er die Thür der Stube erreicht, aus der wärmere Luft ihm entgegenströmte, als er taumelnd die Augen schloß und nur mit großer Mühe in einen der Holzsessel gelegt werden konnte.

Aller Muth und alle standhafte Menschenliebe des greisen Priesters gehörten dazu, um seinen Schützling von den nassen halb gefrorenen Kleidern zu befreien und ihn in sein Bett zu bringen, das er willig dazu hergab. Der Christbaum brannte noch hell und beleuchtete den jungen Mann, der, erschöpft von so großer Noth, regungslos lag, als werde er nie wieder erwachen. Aber der erfahrene Greis fühlte den leisen Schlag seines Herzens und mit verdoppelter Hast vermehrte er seine Anstrengungen. Kissen und Decken wurden schnell durchwärmt, die starren Glieder rieb er mit wollenen Tüchern, was sein Haushalt an Mitteln besaß, an Thee, Tropfen und wärmenden Getränken brachte er herbei und flößte es ihm mühevoll ein, während Karina heiße Steine an die Fußsohle des Kranken legte und andere auf dessen Leib.

Es ist ein Fischer, murmelte die alte Magd, als sie ihm die dicke Jacke abzog. Jung ist er auch, doch ich kenne ihn nicht.

Wer er auch sein mag, antwortete Axel Jönsson, Gott hat ihm wunderbar geholfen. Aber diese Wäsche ist besser, als Fischer sie besitzen, fuhr er fort, und die Gestalt dieses Jünglings ist von ungewöhnlicher Art. Allein was haben wir jetzt darnach zu fragen? Er ist 456 ein Unglücklicher, dem wir Beistand leisten, mehr ist uns nicht zu wissen nöthig.

Daß uns am heiligen Weihnachtsabend solch Unheil begegnen muß, jammerte die alte Magd. Wir haben einen Todten im Hause.

Ein Weihnachtsgeschenk von Gott! erwiederte der Greis dankbar lächelnd. Hat er nicht meinen lieben alten Weihnachtsbaum gesehen? Hat sein Licht ihm nicht geleuchtet? O! mein Herr, du Gewaltiger! so lohnst du mir! – Eile, gute Karin, eile so sehr du kannst. Lege mehr Holz auf dein Feuer, wir müssen wärmende Kräuterumschläge machen, damit kein Frost in ihm bleibt. Dieser Jüngling wird zum neuen Leben erwachen, deß sei gewiß. Ich will ihm jetzt von den stärkenden Tropfen reichen, die wir aus dem Wachholder ziehen. Gehe, Karin, hole auch meinen neuen Pelz, daß wir ihm Alles geben, was wir haben.

Nach mehreren Stunden fruchteten die Bemühungen des guten Pfarrers, denn nachdem er alle seine Mittel angewandt und nicht aufgehört hatte, mit vorsichtiger Geduld dem Kranken beizustehen, wurde dessen Körper warm und gerieth nach und nach in einen Schweiß, den Jönsson so viel er vermochte unterstützte. Alle seine Decken und Pelze verwandte er dazu und seine Gaben an Thee und Tropfen, welche er Otho einzuflößen wußte, halfen nicht wenig dabei mit. Während der ganzen Nacht saß der greise Mann an dem Bett seines Schützlings und mit süßer Freude beobachtete er dessen Athemzüge, welche immer länger und kräftiger wurden, bis die Röthe des Lebens ihm auf Stirn und Wangen auftauchte. Er legte seine Hand auf die Fülle des blonden Haares und blickte ihn voll mitleidsvoller Liebe an. Ach! sagte er sanftmüthig, wie herrlich bist du anzuschauen, mein armes Kind, und wie würden die dich lieben um dich trauern, wenn du in der fürchterlichen Tiefe zermalmt lägest? Hatte ich nicht auch einen Sohn und er war schön und jung und stark wie du; dennoch riß ihn die finstere Hand von meinem Herzen und trostlos, ach! geschlagen von Schmerzen, saß ich hier an seinem Lager. Du aber wirst erwachen, mein Kind, und deine Mutter wird nicht um dich weinen. Du wirst zu ihr zurückkehren, und wirst ihre Liebe vergelten. Es liegt etwas in deinem Gesicht, das zu mir spricht, als seist du mir bekannt und Gottes Güte in dir.

457 Eben schlug Otho die Augen auf, blickte verwundert um sich her und blickte den Greis an. Ich bin noch am Leben? fragte er leise.

Ja, mein Sohn, du lebst, sagte der Greis.

Ihr wart es, Ihr zogt mich von der Eisscholle?

Gott war es, der mich zu deiner Hilfe ausschickte, antwortete Axel Jönsson.

Habet Dank, mein Vater; vielen Herzensdank! murmelte der Kranke seine Hand ausstreckend.

Der alte Mann legte diese sanft unter die Decke zurück; dann drückte er ihm die Tasse an die Lippen und Otho fiel in die Kissen und schlummerte weiter, bis der Morgen kam.

Allein dieser Morgen brachte nicht, wie der Pfarrer vermuthet hatte, seinem Schützling größere Stärke und klareres Denken, denn er lag im heftigen Fieber und dies steigerte sich in der nächsten Zeit so gefahrvoll, daß mehr die außerordentliche Lebenskraft des jungen Mannes als die Geschicklichkeit des Arztes ihn vom Tode errettete. Das Beste was Jönsson thun konnte bestand in seiner treuen Pflege, unterstützt von den wenigen Arzeneien, die er dem Kranken zu reichen vermochte. So vergingen viele Tage, wo der gute Pfarrer abwechselnd mit Karina bei Otho wachte, ihm kühlende Getränke reichte, seinen glühenden Kopf mit feuchten kalten Binden bedeckte und ihn in den Betten festhielt, wenn er in seinen Phantasien aufspringen und nach Stockholm wollte.

Vielfach hörte der Greis den Irrereden des Leidenden zu, aus denen er seltsam verworrene Dinge erfuhr, welche er sich nicht zu erklären wußte. Er hörte den Kranken zuweilen Namen nennen, die seine Aufmerksamkeit erregten. Häufig rief er nach Serbinoff, den er aufforderte, ihm beizustehen, ihm betheuerte, daß er ihm vertraue, und ihn beschwor, nimmer von ihm zu lassen. Dann wieder folgten wirre Träume, in denen er mit Personen verkehrte, von denen der arme Priester nie etwas gehört hatte, bis er in Angst und Aufregung von seinem Lager zu springen versuchte, um mit dem Könige zu sprechen. Was er von Russen und Finnen, von Admiral Cronstedt und dem Obersten Jägerhorn, von Überfall und Verrätherei, von den Wrights, von Constanze Gurschin und von vielen andern Menschen und 458 Verhältnissen erzählte, hielt der alte Mann für krankhafte Ausgeburten seines tobenden Gehirns, hervorgerufen durch die drohenden Zeitverhältnisse; so viel aber wurde ihm bald gewiß, daß dieser junge Mann kein gewöhnlicher Fischer sein könne. Weder seine Hände, noch sein Gesicht sahen darnach aus, noch paßte seine Sprache dazu. In seiner Tasche hatte Jönsson eine Geldbörse mit werthvollem Inhalt gefunden, abwechselnd sprach er in seinen Phantasien gutes Schwedisch, aber auch Finnisch, von dem der Pfarrer genug verstand um zu erkennen, daß dieser Jüngling ein geborener Finne sein müsse. Zuweilen aber redete er auch in unverständlichen Lauten, von welchen Jönsson annahm, daß es Französisch sei, und da alle Leute aus den obern Volksklassen damals gern und gut Französisch sprachen, so schien es ihm nicht zweifelhaft, daß er es mit einem jungen Edelmann, wahrscheinlich mit einem Offizier zu thun habe, der mit wichtiger Botschaft nach Stockholm geschickt worden sei. Wahrscheinlich war das Boot, in welchem er den gefährlichen Übergang versuchte, umgeschlagen, oder vom Eise zertrümmert worden, und dies bestätigte sich durch die Trümmer von Maststangen und Brettern, welche in den nächsten Tagen zwischen den Klippen gefunden wurden.

Wie wenig von Neugierde geplagt aber auch der gute Priester war und wie liebevoll großmüthig er dieselbe unermüdliche Pflege jedem Verunglückten zugewandt haben würde, so wuchs dennoch der innige Antheil, den er an seinem Schützlinge nahm, immer mehr. War Serbinoff, den er so oft herbeirief, nicht jener russische Herr, der vor einigen Monaten erst hier übernachtet hatte? Seine Zweifel wurden umgestoßen als der Kranke auch den Namen Ebba murmelte, den Kammerherrn, ihren Bruder, an seinem Lager zu sehen glaubte und ziemlich verächtlich und spöttisch von seinen Bewerbungen um eine Dame sprach, mit welcher sich der Kranke überhaupt viel zu schaffen machte. Ja gewiß, dieser junge Mann mußte mit den schwedischen Herrschaften in Verbindung stehen, welche an jenem merkwürdigen Abend hier ein Obdach suchten, und wie wunderbar war diese Fügung. Noch immer dachte Axel Jönsson mit Freudigkeit an das schöne junge Fräulein, das ihm so viele Theilnahme und Huld bewiesen, noch immer dachte er auch an das seltsame Abenteuer, das durch ihren 459 Besuch hervorgerufen wurde, und an das Ende desselben, wodurch er von so großer Sorge befreit ward. Lange Zeit hatte er darüber gegrübelt, ob die übermüthigen Herrn mit ihrem Spott und ihrer Auflösung des Räthsels auch wirklich Recht gehabt, und wie viele Zweifel ihn auch dabei überkamen, er gab sich doch zuletzt gefangen. Jetzt wo er am Lager dieses von der See ausgeworfenen Jünglings saß, hatte er zuweilen wunderliche Anwandelungen. Die alten Erinnerungen, welche so viele Jahre lang in seinem Gedächtniß hafteten und noch immer nicht daraus verschwinden wollten, wurden sonderlich lebendig. Wie damals, als er das fremde Fräulein erblickte, ihm sogleich die unglückliche Frau mit solcher Klarheit vorschwebte, daß er davor erstarrte, so überkam es ihn jetzt zuweilen, als gleiche dieser Jüngling dem Manne, den er in jener furchtbaren Nacht in der Kirche unter den Schwertern seiner Mörder fand. Wenn der Kranke in seinen Phantasien die Augen öffnete, wenn Zorn und Kummer sein Gesicht füllten und seine hohe Stirn sich auf eine eigenthümliche Weise zusammenzog, glaubte er, daß er dies ganz ebenso damals gesehen habe. Mit aller Kraft wehrte er diese Einbildungen von sich ab und schob sie den Äußerungen des Kranken zu, die ihn zu solcher Selbsttäuschung verleiteten; doch immer wieder kam er darauf zurück und je mehr er sich selbst schalt und kopfschüttelnd sich selbst belächelte, um so begieriger wurde er danach, nähere Auskunft über seinen unglücklichen Gast zu erhalten. Zuweilen führte dieser halb verständliche Gespräche mit dem schönen Fräulein, und was er sagte rührte und bewegte den alten Mann innig genug. Er glaubte zu verstehen, daß eine heftige und unglückliche Leidenschaft ihn beherrsche, und daß er diese verberge, weil er keine Erhörung gefunden. Die Art wie der Kranke ihren Namen aussprach, der Schmerz in seinem Gesicht, die Angst, welche ihn peinigte, und die wilden Träume, in denen er sich umherwarf, flößten dem weichherzigen Mann viel Mitleid ein. Bald sah er sie in Gefahren und er suchte sie daraus zu befreien, bald wurde sie von Räubern fortgeschleppt, mit denen er kämpfte, oder sie sollte, wie es dem Pfarrer schien, von ihrem eigenen Bruder zu etwas gezwungen werden, was sie nicht wollte, und er vertheidigte sie gegen diesen. Immer aber 460 folgte diesen Phantasien eine tiefe Traurigkeit und die leidenschaftlichen Ausbrüche eines großen Schmerzes.

Armer Knabe! seufzte der alte Mann, wenn es ihm gelungen war diesen erschöpfenden Rasereien ein Ende zu machen, welch hartes Schicksal hat dich getroffen! Der er seine Liebe schenkte, sie wendet sich von ihm und gehört einem Anderen an. Manche Schmerzen hat der Herr auch mir geschickt, doch vor diesem Kummer hat er mich gnädiglich bewahrt. Alle die ich liebte haben auch mich geliebt. Meine theure Natta hätte um aller Schätze der Welt und aller irdischen Hoheit willen niemals von mir abgelassen. Ruhe aus, mein Kind, ruhe aus und vergiß dein Weh. Gieße deinen Frieden über ihn, du himmlischer Vater, gieße die Kraft deines Glaubens in sein wundes Herz!

Nach einigen Wochen endlich wurden die Fieber leichter und an Stelle der heftigen Aufregung verfiel der Kranke in anhaltend langen und tiefen Schlaf, der die entscheidende Krisis für seine Herstellung bildete. Der gute Pfarrer schaffte Alles herbei was ihm möglich war um den Genesenden zu stärken, allein in dieser wilden und einsamen Abgeschiedenheit gab es weder gute Speisen, noch Wein, noch Kraftsuppen und belebende Getränke. Trotz dessen ersetzten die Jugendkräfte das Fehlende und als der Januar sein Ende erreichte, konnte Otho sich aufrichten und in längeren Gesprächen mit dem liebenswürdigen Greis ihm seinen Dank und seine Bewunderung darbringen.

Als er dies zuerst that, wandten sich seine Blicke aber auch sogleich auf Luft und See hinaus und seine erste Frage war, ob es möglich sei nach Schwedens Küsten hinüber zu kommen?

Es würde jetzt noch weniger möglich sein, mein lieber junger Freund, erwiederte Jönsson, als damals, wo Sie dies Wagestück versuchten. Jetzt sind die meisten Meeresstraßen zwischen den Inseln und die zahllosen Canäle und Buchten zwar fest zugefroren, aber die breite See, bis zur schwedischen Küste ist noch immer voll Schollen und Treibeis, das, wenn es heut auch zusammen friert, morgen wohl schon von Stürmen wieder aufgerissen wird. Auch die verwegensten Männer auf diesen Inseln würden es nimmer wagen, eher den Übergang zu versuchen, ehe sie nicht ihre Schlitten über das Eis bringen können.

461 Aus den Erkundigungen, welche Otho angestellt hatte, wußte er, wie der Pfarrer ihn aufgefischt und daß mit dem zertrümmerten Boote auch sein unglücklicher Gefährte umgekommen sei.

Wenn der gierige Mann, der mein Geld allein verdienen wollte, noch einen oder zwei tüchtige Bootsleute mitgenommen hätte, sagte er zürnend, so würden wir ungefährdet hinüber gekommen sein. Jetzt liegt er bei den Riesen und Nixen und ich sitze hier ohne zu wissen, was ich beginnen soll.

Zunächst, mein junger Freund, sagte der gute Priester, der tröstend seine Hände drückte, müssen Sie gesund werden.

Und wie lange kann das dauern? rief Otho sich hastig aufrichtend. Ich bin gesund, ehrwürdiger Herr. Ich will aufstehen.

Der Greis hielt ihn mit sanfter Gewalt fest. Wenn es wirklich der Fall wäre, erwiederte er, würden Sie leicht in Versuchung gerathen, durch Ihre Ungeduld neue Leiden über sich zu bringen. Es werden noch einige Wochen vergehen, ehe das Eis im Bottnischen Meerbusen eine sichere und feste Decke bildet. Wir haben zwar einen strengen Winter, doch tritt die stärkste Kälte bei uns wie überall in diesem Norden erst im Laufe des Februarmonats ein. Dann wird man von diesen Inseln aus nach den Küsten von Finnland wie nach Schweden hinüber sicher gelangen. Sie werden Ihren besorgten Freunden eben so wohl Nachricht geben können, wie Sie selbst Ihre Reise fortsetzen mögen und gerne werde ich selbst Ihnen zu Beidem allen Beistand leisten. Bis dahin, mein lieber Freund, haben Sie Geduld.

Geduld! seufzte Otho, Geduld! und er schloß seine Augen und murmelte vor sich hin: So lange es Menschen gibt, gibt es den bittern Zwang, den man Geduld nennt. Alles Unrecht, alle Qual soll mit Geduld getragen werden.

Alle Schickungen kommen von Gott, sagte der Greis sanftmüthig; ohne seinen Willen fällt kein Sperling vom Dache, kein Zweig vom Baume, und was er zuläßt durch seinen allmächtigen Willen, ward mit Weisheit erwogen.

Glauben Sie das, mein Vater? fragte Otho, indem er ihn mit heißen Blicken anschaute und ein finstres Lächeln über sein Gesicht flog.

462 Ja, mein liebes Kind, das glaube ich, erwiederte Jönsson, und auch Sie, alle Menschen müssen es glauben, wenn sie auch in ihrer Schwäche nicht erkennen können, was der Herr thut zu ihrem Besten. Unterwerfen müssen wir uns dem göttlichen Willen; ach! was hülfe uns auch unser Trotz und unser Murren. Demüthig und stark sollen wir tragen was uns auferlegt wird und dem Herrn vertrauen, der über den ärmsten Wurm wacht.

Nein, mein Vater, antwortete Otho erregt, ich kann Ihren frommen Glauben nicht theilen, ich kann nicht demüthig sein. Wenn ein Gott sich um jeden Wurm kümmerte, wenn er das Gerechte beschützte, das Gute gegen das Schlechte schirmte, so müßte ich nicht hier liegen. Und, fuhr er fort, wenn ich es allein wäre; aber seht auf die Schicksale aller Menschen, seht, was die Geschichte Euch erzählt; lest, wenn Ihr lesen könnt, wie die Gerechten von je an gelitten haben, wie viel Elend, wie viel Unglück jeden Erdentag ausfüllen; wie viele unerhörte Gräuel aller Art noch jetzt geschehen, ohne daß ein Gott sich der Zertretenen erbarmt.

Und er, der am Kreuze starb, erwiederte der Priester leise strafend, er sagte: Dein Wille geschehe, mein Vater! Seinen Geist, den kein irdisches Leid antasten konnte, gab er in die Hände Gottes.

Otho warf sich heftig auf seinem Lager. Ich bin kein Heiliger und kein Märtyrer, rief er aus. Ich widersetze mich dem Leid, das mir geschieht, so lange ich es vermag, halte nicht meine linke Wange hin, wenn meine rechte einen Streich erhalten hat.

Und was, mein liebes Kind, fuhr Jönsson in seiner Milde fort, was hat dies trotzige Selbstvertrauen Ihnen geholfen? Ich weiß es wohl wie menschliche Kraft und Stärke aufschreit gegen die Hand des Herrn, wie unbändiger Sinn sich nicht beugen will vor dem Gewaltigen, den kein Flehen und kein Wüthen rührt, wenn er seinen Willen vollzieht.

Kann nichts ihn rühren, wie Sie sagen, antwortete Otho, dann wahrlich müssen wir um so mehr suchen uns selbst zu helfen.

Und wo wäre denn Hilfe anders als bei ihm? versetzte der Greis demüthig; wo wäre Trost im Unglück, als in seinem Glauben.

463 Mein Trost, fiel der Kranke ein, ist der, gethan zu haben was ich vermochte, und diesen Trost will ich fest halten, so lange ich lebe.

Ihr Gemüth, mein junger Freund, erwiederte Jönsson, ist erbittert über den Unfall, den Sie erlitten, dennoch haben Sie mehr Ursach als viele Menschen, um mit tiefer Dankbarkeit den Herrn zu preisen. Ihr Boot zertrümmerte dicht an dieser Insel, es gelang Ihnen, auf eine Eisscholle zu springen und sich darauf zu erhalten. Die Wogen schleuderten dies Eisstück gerade in die Bucht, wäre es seitwärts an eine der Klippen gerathen, so würde es zermalmt worden sein. Ich aber mußte bei Ihrer größten Noth an ein Fenster treten und sehen, wie Sie Ihr Geschoß abfeuerten, und eine göttliche Stimme rief mir zu hinabzueilen, damit ich im rechten Augenblick Ihnen Beistand zu leisten vermöchte.

Das haben Sie gethan, ehrwürdiger Herr, das danke ich Ihnen! fiel Otho ein, doch ach! was ist vereitelt durch diesen unseligen Schiffbruch. Warum mußte es geschehen, um Unheil zu bestärken.

Mein liebes Kind, sagte der Greis, ich habe noch nicht gefragt, was Sie zu dem gefahrvollen Unternehmen trieb, Sie haben mir nichts anvertraut. Aus Ihren Äußerungen während Ihrer Krankheit vernahm ich jedoch so viel, daß Sie ein Offizier im königlichen Heere sein müssen, der mit wichtiger Botschaft nach Stockholm geschickt wurde.

Diese Botschaft ist so wichtig, antwortete Otho beunruhigt, daß des Königs Heil und meines Vaterlandes Zukunft davon abhängt. Was kann ich jetzt thun? Was soll ich beginnen, um meine Sendung zu erfüllen?

Auf Gott vertrauen! antwortete der Priester. Wenn es sein Wille ist, daß Ihr Werk glücken soll, so wird es geschehen trotz aller Noth und Schrecken; wäre Er dagegen, was hülfe es Ihnen, wären Sie auch mit den Flügeln des Adlers ausgerüstet?

Ach! rief Otho den Kopf schüttelnd, ich bewundere Ihren starken Glauben, mein Vater, aber was hilft mir Trost, der mich nicht heilt und über das eisige Meer schafft. Ich bin dem Tode entronnen, doch wenig besser daran.

Undankbarer Mann, lächelte der gute Pfarrer; selbst die Engel wissen nicht, was des Meisters Weisheit bezweckt, aber sie sind 464 gehorsam seinen Befehlen und das sollen Sie auch sein. Er hat Sie errettet und hierher geführt, auch weiter wird Er helfen und wenn ich nicht zu sagen vermag warum es geschehen ist, so zweifle ich doch nicht daran. Er hatte seine Zwecke dabei und sicher war es das Beste und Heilsamste, das Sie erfahren konnten.

Otho war von der frommen Zuversicht des greisen Mannes gerührt, und obwohl er anderer Meinung blieb, mochte er doch nicht länger widersprechen. Die ehrwürdigen Mienen des Greises drückten seine innige Überzeugung aus, in seinen Augen schimmerte die inbrünstige Wahrheit, mit welcher seine Seele gefüllt war, und liebevoll warnend und bekehrend schaute er den Zweifler mit der treuen Sorgfalt eines Vaters an.

Während der folgenden Tage und bis Otho endlich aufstand und seine wiederkehrenden Kräfte zu gebrauchen suchte, wurden diese Gespräche häufig fortgesetzt, und sie hatten nicht selten dasselbe Ziel und Ende, wie das so eben erwähnte. Die Ungeduld des jungen Mannes ließ sich nicht durch die Hinweisungen auf die Weisheit seines Schöpfers so leicht unterdrücken; er war nicht aus dem Thon gemacht, der sich geschmeidig biegen und kneten läßt, und je stärker er sich fühlte, je rascher sein Blut wallte, um so heftiger wurde sein Verlangen, diese Hütte und dies eisbedeckte Eiland zu verlassen. Dazu zeigte sich jedoch noch immer keine Möglichkeit. Aus den Fenstern des hochliegenden Hauses konnte Otho weit über das Meer blicken, und wohin immer das Auge reichte, nirgend war eine Bewegung zu bemerken. Der alte Pfarrer besaß unter den wenigen Habseligkeiten, die er sein Eigenthum nannte, doch etwas Seltenes, nämlich einen guten Thermometer, und in diesem war das Quecksilber einige Tage lang bis auf dreißig Grad gesunken. Bei solcher grausamen Kälte, die selbst auf diesen Inseln nicht allzuhäufig ist, zweifelte doch Jönsson nicht mehr, daß der ganze Meerbusen fest zugefroren sei, allein damit war noch nicht die Abreise nahe. Schneemassen hatten sich auf dem Eise gelagert. Hier waren sie vom Winde zusammengehäuft, dort kahl abgefegt und wie Berge und Thäler konnte man diese endlosen Hügelketten verfolgen, die mit jedem Sturme sich veränderten. Dies war jedoch nicht die einzige Schwierigkeit, welche sich einem verwegenen Wanderer entgegenstellte, weit 465 schlimmer war das Eis selbst, wo es unbedeckt lag. Der Spiegel des Meeres friert nicht so glatt wie ein Teich oder Fluß, sondern seine Oberfläche wird von Schollen, Blöcken und Eisfeldern bedeckt, die wild durcheinander geschüttelt, zerbrochen, zerborsten und über einander geschleudert, so lange sich bekämpfen und gegen einander aufbäumen, bis sie endlich mitten in ihrer Arbeit erstarren. Die rollende Woge verliert ihre Macht vor der vernichtenden Kälte der Luft. Das vorquellende Wasser wird der Kitt, um das krachende in Eis verwandelte Element zusammenzuleimen, und keine Gewalt vermag es dann, die Schollen und Blöcke wieder zu trennen. Aber hoch und spitz, mit scharfen Kanten, ein Gewirr von mächtigen Scherben, bilden sie dann eine Brücke, auf der das Fortkommen fast unmöglich ist. Die festeste Sohle ist bald zerschnitten, der beste Fuß kann nicht darauf ausdauern, der kräftigste Mann ermüdet an diesen Klippen und Untiefen. Nur wenn der Schnee hart wird und festfriert, bilden die Schlittenzüge der Inselbewohner nach und nach eine Straße. Harte kühne Männer bahnen sich dann Wege durch diese Eiswüste, welche sie in Nacht und Nebel zu finden wissen; doch daran war jetzt noch nicht zu denken. Ingrimmig blickte Otho jeden Morgen auf die funkelnden chaotischen Spitzen und Trümmer und hörte zornig die Erklärungen seines alten Freundes an, welche schreckend genug lauteten. Es ist nicht selten, daß auch der Kundigste verunglückt und ehe der Genesende nicht vollkommen hergestellt war und in sicherer Begleitung die Reise machen konnte, wäre es Thorheit gewesen, diese zu beginnen. Die Bewohner der benachbarten Inseln brachten gern ihr Holz und ihre getrockneten Fische nach der schwedischen Hauptstadt und zögerten gewiß nicht damit, sobald es ihnen thunlich schien; bis dahin sollte Otho sich gedulden, und er wußte, daß er nicht anders konnte, er fühlte auch, daß er großen Anstrengungen noch nicht gewachsen sei.

So widerstrebend die Naturen der beiden Männer waren und so verschieden ihr Wesen und ihr Sinnen – der Eine fast an der äußersten Grenze des menschlichen Daseins, der Andere jung an Jahren, Dieser mild gesinnt, demüthig, fromm und gütig, der Andere stolz, feurig und leidenschaftlich – so wurden sie doch bald durch zärtliche Freundschaft vereinigt. Nie hatte Otho einen Greis gesehen, der die Ehrfurcht und 466 Liebe, welche ihm gezollt wurde, so sehr verdiente. Immer bereit, immer opferfreudig und sich selbst vergessend, war sein ganzes Dasein dem Wohlthun gewidmet, und wie Otho selbst ihm sein Leben dankte, so fand er bald, daß es kaum Einen unter allen seinen Nachbarn gab, der ihm viel weniger schuldete. Als die Kanäle zwischen den Inseln zufroren, kamen von vielen der felsigen Landstückchen in der wilden See Männer und Frauen, um bei ihrem unermüdlichem Freund Rath und Hilfe zu holen. Bald waren es Krankheiten, in denen er Beistand leisten sollte, bald waren es häusliche Sorgen, Zwistigkeiten in den Familien oder die bittre Noth des Lebens. In dem schlechten kalten Sommer waren Buchweizen, Hafer und Gerste, die gewöhnlichen Nahrungsmittel, nicht zum besten gerathen und damals war der Kartoffelanbau noch überall gering. Doch Keiner ging ungetröstet und hilflos von des guten Pfarrers Thür. Er theilte aus und brach sein Brod mit Allen, die hungrig kamen, und als seine Vorräthe zu Ende gingen, als Karin gar zu sehr schalt und die Reste festhielt, da gab Otho einige Goldstücke aus seinem geretteten Beutel und Jönsson hielt eine Versammlung in der Kirche und bewog Manchen dort, etwas von seinem Winterbedarf herzugeben, kaufte von Anderen für Otho's Geld ein und fürchtete nicht Eis, nicht grimmige Kälte, um die Hungernden zu speisen und die Darbenden zu erquicken.

Seit dieser Zeit war das Verhältniß des Jünglings zu seinem alten Pfleger noch inniger geworden. Dieser hatte den Fremdling lieb gewonnen, als gehöre er zu ihm. Er empfand Freude bei seinem Anblick, Freude über den edlen Geist, der aus ihm sprach, Freude noch mehr über die Herzensgüte, welche, trotz aller stolzen und heftigen Worte, aus seinen Handlungen leuchtete. Otho hatte ihm mitgetheilt, daß er ein Finne sei, ihm auch seinen Namen genannt und ihm einige allgemeine Kenntniß über sich gegeben; allein, da er den Pfarrer, in Betreff seines Offizierranges, bei dessen Annahme ließ, und über die Geheimnisse seiner Sendung ihm nichts offenbarte, so blieben seine Mittheilungen doch immer lückenhaft und wurden absichtlich von ihm so viel als möglich vermieden. Jönsson bemerkte recht gut, in welche Unruhe sein Gast gerieth, sobald eine Frage dessen Vergangenheit berührte. Er sah deutlich, daß Otho nicht darüber sprechen wollte, daß 467 es ihm Qual machte ausgeforscht zu werden, und er vermied es schon nach den ersten Tagen. Ebenso zögerte er, nach Ebba zu forschen und ihm mitzutheilen, was hier in dieser Stuga und in der kleinen Strandkirche sich begeben, denn als zufällig einmal der Name Ebba genannt wurde, sah er, wie eine plötzliche Gluth Otho's Gesicht bedeckte, und dann wurde dies finster und still, und es dauerte einige Zeit, ehe der Eindruck überwunden war. Ah! sagte der alte Mann seufzend zu sich selbst, er muß vielen tiefen Herzenskummer um dies stolze Mädchen leiden. Die Krankheit hat seine Reizbarkeit erhöht und ehe seine Nerven sich nicht wieder kräftigen, werde ich ihm nichts von ihr erzählen, nicht nach ihr fragen, sie nicht rühmen, was ich doch thun müßte, wenn ich von ihr spräche.

Nach einigen Wochen endlich war Otho im Stande, sich in guten Stunden hinaus zu wagen und die Klippen zu besteigen, von denen aus er die unermeßlichen Eiswälle des Meeres besser überblicken konnte, aber dieser Anblick vermehrte seine Unruhe. Als er von einem dieser Spaziergänge zurückkehrte mit der Gewißheit, daß er noch immer warten müsse, setzte er sich trübsinnig an dem Herde nieder, wo ihn Jönsson ein Weilchen betrachtete, ehe er ihn anredete.

Der Feuerschein, der das Gesicht des jungen Mannes beleuchtete, zeigte deutlich, welche verschiedene Empfindungen ihn beherrschten. Der Ausdruck von Kraft und Kühnheit in seinen Zügen verdoppelte sich zuweilen und mit Aufmerksamkeit und großer Theilnahme sah der Greis die zornige und heftige Beweglichkeit in seinen Mienen, mit noch größerer Theilnahme aber den Kummer und die Traurigkeit, welche häufig damit wechselten. Er blickte liebevoll zu ihm hin und näherte sich ihm endlich, indem er tröstend zu ihm sprach.

Bald, sagte er, werden Ihre Prüfungen ein Ende nehmen, mein lieber junger Freund, denn jeden Tag hoffe ich Nachricht zu erhalten, daß die Schlittenreisen über das Eis begonnen haben. Dann werden Sie mich verlassen und mit Gottes Hilfe erfüllen, was Ihnen aufgegeben wurde.

Ich wollte, erwiederte Otho, daß ich mich nicht von Ihnen trennen müßte.

Das müssen Sie, mein Kind, antwortete der gute Pfarrer. Was wollten Sie auch mit Ihrer Jugendlust und Ihrer Sehnsucht auf diesem ärmlichen Stückchen Erde beginnen?

468 Könnte ich nicht auch hier mein Feld bestellen, meine Netze werfen, mein Boot lenken und in meiner Hütte in Frieden schlafen? sagte Otho mit dem Ausdruck der Unzufriedenheit mit sich und seinem Loose.

Das könnten Sie, wenn Sie dazu geboren wären, versetzte der Greis sanftmüthig; da dies aber nicht der Fall ist, würden Sie weit mehr noch mit dem Willen Gottes hadern, als Sie es jetzt schon thun. Ein so stolzer, von dem Ehrgeiz und dem Drange nach dem wechselvollen Glück dieser Welt beherrschter Mann, wie Sie, mein junger Freund, fügte er dann lächelnd hinzu, kann nicht in dem Frieden einer Hütte gedeihen. Er muß hinaus in das Getümmel des Lebens, muß nach dessen Schätzen ringen, mit dessen Leiden und Freuden kämpfen. Schon nach wenigen Wochen sehnen Sie sich fort von hier, und wie bald werden Sie den alten, müden Pfarrer vergessen haben.

Glauben Sie, daß ich das jemals könnte? fragte Otho, seine Augen aufhebend und seine Hände ausstreckend.

Nein, mein Kind, nein, antwortete Jönsson mit Innigkeit. Sie werden mich nicht vergessen, so wenig, wie ich selbst dies vermöchte. Vielleicht sogar werden Tage kommen, wo diese arme Hütte Ihre Sehnsucht erregen wird.

O! das wird sie, rief Otho aus. Denn ich fühle es schon jetzt. Zuweilen ist mir so heimisch hier, als könnte ich immer bleiben, oder als hätte meine Mutter mir eine wunderbare Geschichte von ihr und dem ehrwürdigen Greis erzählt, der darin wohnt und den auch sie geliebt hat.

Vielleicht, antwortete Jönsson sanftmüthig lächelnd, hat wirklich schon eine Stimme zu Ihnen von dem armen alten Gottesdiener gesprochen.

In meinen Träumen vielleicht, wenn diese mir das patriarchalische Glück eines guten Menschen malten, dessen ganzes Wesen Liebe und Frieden ist, sagte Otho.

Vor wenigen Monaten, fuhr der Greis fort, saß an derselben Stelle, auf demselben Stuhle, auf dem Sie jetzt sitzen, eine junge edle Dame, die, so stolz und hochgeartet sie war, dennoch ein warmes gütiges Herz besaß, das mir viele Theilnahme schenkte. Sie kam mit 469 ihren Freunden von Schweden herüber, um in Finnland Verwandte zu besuchen. Ich denke ihrer mit Liebe und Segen.

Eine Dame war hier? fragte Otho. Wissen Sie ihren Namen?

Ja, erwiederte Jönsson. Sie nannte sich Ebba Bungen. Wie ich glaube, ist sie Ihnen nicht unbekannt.

Ebba! rief Otho von einer jähen Röthe übergossen. Sie haben Recht, ich kenne sie, fügte er ruhiger hinzu, doch niemals hat sie ihren Besuch auf dieser Insel erwähnt. Weder sie noch ihr Bruder, noch ein Anderer, der zugegen gewesen sein muß.

Dann haben sie Alle ihre Versprechen treu gehalten, Niemanden von dem, was sie hier erlebten, etwas mitzutheilen, erwiederte der Pfarrer.

Und was gab es denn so Geheimnißvolles? Warum gelobten sie sich Verschwiegenheit?

Sie kamen hieher, erwiederte Jönsson, weil ihr Boot von seinem Wege abgekommen war, und als die junge Dame mir entgegentrat, erschrack ich vor ihrem Anblick, daß ich zitterte.

Nun, lächelte Otho, zum Erschrecken sieht meine Muhme Ebba nicht aus.

Es ist ein edles Gebild! So schön und lieblich, wie Gottes Huld wenige seiner Geschöpfe schmückt.

Otho schwieg einige Augenblicke, während er vor sich hin in das Feuer blickte. Was konnte Sie also zum Zittern vor einem Mädchen bringen, das allen Augen gefällt? fragte er, als Jönsson nicht weiter sprach.

Das ist eine lange, wunderliche Geschichte. Ich glaubte eine Erscheinung zu erblicken, die aus dem Grabe kommend mich aufsuchte. Doch der Herr schickte mir diese lieben Gäste zu, um eine große Last von mir zu nehmen.

Ebba trug dazu bei?

Ihr verdanke ich, daß mein Schlaf nicht mehr beängstigt wird, und meine einsamen Stunden sich nicht länger mit schrecklichen Erinnerungen füllen. Voll feuriger Liebe für das Gerechte rief sie ihre 470 Begleiter auf, nicht eher von dannen zu gehen, bis die Wahrheit erforscht sei.

Sie setzen mich in Erstaunen, sagte Otho. Auch Serbinoff hat mir von diesen Vorfällen niemals etwas mitgetheilt.

Der russische Graf schien mit dem Herrn Baron in inniger Freundschaft zu sein und aus einigen Äußerungen glaubte ich annehmen zu können, daß die junge Dame ein Herzensbündniß mit ihm geschlossen habe.

Darin irren Sie! antwortete Otho lebhaft, indem sein Gesicht sich von Neuem röthete.

Das erfreut mich, versetzte Jönsson. Gerne will ich es glauben, denn dieser russische Herr, obwohl sicher von großer Klugheit und herrlich anzuschauen, jagte mir Furcht ein, wenn ich daran dachte, er könne diesen Schatz rauben und verderben.

Sie urtheilen hart über ihn. Serbinoff ist mein Freund; ein edler trefflicher Mann, den ich sehr hoch schätze.

Thun Sie das? sagte der gute Pfarrer sanftmüthig. Ist er Ihr Freund und Sie haben ihn erprobt? O! dann zürnen Sie nicht auf mich, mein liebes Kind. Ich bin ein unerfahrener Greis, dessen Leben unter schlichten Menschen vergangen ist und welcher immer nur nach den Eindrücken urtheilte, die sein Herz empfing. Die Fehler und Schwächen meiner armen und unwissenden Nachbarn erregen mein Bedauern und den Wunsch, bessere Einsicht, Liebe und Erkenntniß des Guten bei ihnen zu wecken; ein solcher vornehmer Herr aber, der klüger und einsichtiger ist als ich es bin, erschreckt mich, wenn ich bemerke, daß ihm die Milde des Herzens fehlt. Es ist wohl nicht der Fall, fuhr er schüchtern fort, ich täusche mich durch meine geringe Bekanntschaft mit der Welt, in welcher die Schärfe des Verstandes am meisten gilt und gelten muß, aber wir sind doch Wesen, die von Gott ein geheimes Fühlen erhalten haben, daß wir die erkennen, die zu uns gehören. Die Stimme in unserm Herzen, fuhr er sanftmüthig lächelnd fort, ist Gottes Stimme und sie sprach zu mir, als ich Sie erblickte, mein lieber junger Freund. Als ich zuerst in Ihr blasses Angesicht sah, fühlte ich, daß ein verwandtes Wesen bei mir sei; 471 dasselbe Gefühl empfand ich bei dem Anblicke des edlen Fräuleins, sobald mein Erschrecken sich verloren hatte.

Warum aber erschracken Sie? fragte Otho, und was geschah hier? Darf ich es nicht wissen?

Sie sollen es wissen, antwortete Jönsson. Setzen Sie sich her zu mir, ich will Ihnen nichts verschweigen. Und er legte Otho's Rechte in seine Hände und lächelte ihm freundlich zu. Sie werden nicht lachen und spotten über die Noth, welche mich viele Jahre lang gequält hat, sagte er, auch nicht darüber lachen, daß es mir noch jetzt zuweilen vorkömmt, als habe das grauenvolle Ereigniß dennoch Statt gefunden, wie ich es gesehen, und die klugen Auslegungen der edlen Herren seien falsch.

Was es auch sein mag, versetzte Otho, ich werke nicht über etwas spotten, das den ängstigen konnte, den ich von ganzem Herzen liebe und verehre.

Jönsson drückte ihm dankbar die Hand, dann begann er seine Geschichte fast in derselben Weise, wie er sie in jener Nacht Ebba und ihren Freunden mittheilte, und mit wachsender Theilnahme hörte Otho zu, ohne durch eine Frage den Pfarrer zu unterbrechen. Von Zeit zu Zeit aber wuchs das Erstaunen in seinen Mienen und seine Augen hefteten sich ausdrucksvoll an die Lippen des alten Mannes. Eine dunkle Röthe bedeckte seine Stirn und endlich stützte er seinen Kopf in beide Hände und schien in Nachdenken zu versinken. Erst als Jönsson erwähnte, wie er den Handschuh im Kirchstuhl entdeckt, der ihm bestätigte, daß er nicht geträumt, fuhr Otho auf und fragte hastig, wo dieser Handschuh sei?

Als ein Andenken, sagte der Pfarrer, hat ihn das Fräulein mitgenommen. Sie allein zweifelte an der Wahrheit unserer Entdeckung und auch mir drängte sich viel Widerstrebendes auf. All zu gewiß wußte ich, daß ich diese angsterfüllten Menschen wirklich sah, und unglaublich schien es mir, daß dies Alles nichts gewesen sein sollte, als ein Possenspiel. Dennoch muß es wohl so sein, fügte er leiser hinzu, denn der Inhalt der Gruft läßt keine andere Deutung zu.

Wer kann das wissen? rief Otho. Wie sah der Handschuh aus? War er weiß?

472 Es war ein weißer, langer Handschuh von sehr feiner Art.

Mit Silberfäden gestickt, welche Schlangenlinien und Kreuze bildeten?

So war es in der That, sagte Jönsson.

Am oberen Ende mit weißem Pelz besetzt?

Damit war er besetzt.

Und er gehörte zur linken Hand.

Sie haben den Handschuh also doch schon gesehen, mein Kind?

Nein! sagte Otho, diesen nicht, aber den andern, der zu dem Paare gehört, den habe ich gesehen. Mein Gott! wie kann das sein, wo ist hier der Zusammenhang! Sehen Sie mich an, Herr Jönsson. Bin ich dem Manne ähnlich, den Sie damals sahen? Erinnern Sie sich seiner nicht mehr? Sagen Sie mir die Wahrheit!

Beruhigen Sie sich, antwortete der Greis, erschrocken über seines Gastes Heftigkeit. Wenn ich Sie anblicke, eben jetzt, wo Ihre Augen rollen, Ihre Stirn so düsterfaltig sich zusammenzieht, so könnte ich glauben, es wäre wahr, was mich schon öfter überkommen. Doch wie ließe sich das erklären? Wer sollte jener unglückliche Mann gewesen sein?

Mein Vater! erwiederte Otho aus tiefer Brust.

Ihr Vater! versetzte der Pfarrer ungläubig und verwirrt; was bringt Sie auf solche Muthmaßung? Welche Schicksale hätten Ihren Vater in diese Lage gebracht?

Otho blickte ins Feuer ohne zu antworten. Jönsson nahm theilnehmend seine Hand, er war beunruhigt über die Einbildung seines Freundes, die er für gefährlich und für Folge seiner Krankheit hielt. Wir dürfen uns nicht von unserer lebhaften Theilnahme täuschen lassen, sagte er. Sie sind sehr aufgeregt, ruhen Sie aus. Ihr Puls schlägt so fieberhaft, daß ich besorgt werde.

Besorgen Sie nichts, erwiederte der junge Mann, ich bin vollkommen gesund und weiß genau was ich sage. Aber ich wiederhole Ihnen, daß ich den Handschuh, der zu dem von Ihnen gefundenen paßt, gesehen habe, und ich fürchte, mein Vater und meine Mutter waren die Unglücklichen, deren Ehe Sie einsegneten.

473 Er sprach mit solcher Überzeugung, daß der Pfarrer ihm Glauben schenken mußte. Prüfend blickte er ihn an und seine Hände faltend rief er aus: Wenn Gottes Wille es so gefügt hätte, daß er Sie hieher leitete durch Nacht und Tod, um dies Geheimniß zu lösen, wer möchte dann noch an seiner Allmacht zweifeln? Aber sagen Sie mir, was Sie zu dieser Vermuthung bewegt? und was diese unterstützen und rechtfertigen kann?

Ebba, erwiederte Otho, soll meiner Mutter ungewöhnlich ähnlich sehen, als diese jung war. So sagt Lars Normark und dasselbe habe ich von einem Verwandten, von Samuel Halset, gehört. Was den Handschuh aber betrifft, von dem ich spreche, so befand sich derselbe im Besitz meiner Mutter. Als ich noch ein Knabe war, blieb ich einst allein in ihrem Zimmer und zog an ihrem Schreibspind einen Kasten auf, hinter welchem ein anderer verborgen ist. Als sich dieser öffnete, weil ich zufällig die Feder entdeckt, durch welche er aufsprang, fand ich einen Handschuh darin, den ich auf meine rechte Hand streifte und neugierig betrachtete. – Er war mit Silberfäden schön gestickt, oben mit Pelz verbrämt, und noch beschäftigte ich mich damit, als meine Mutter mich überraschte. Ich fragte sie, ob der Handschuh, den ich nie gesehen, ihr gehöre und wo der andere sei? Er ist mein, antwortete sie, indem sie mich küßte, der andere ist verloren, Gott weiß wo. Lege ihn fort, ich mag ihn nicht sehen, und doch möchte ich ihn nicht missen. – Das sagte meine Mutter und nachdem sie den Handschuh einige Minuten lang betrachtet hatte, war es, als schaudre sie davor. Mit einer heftigen Bewegung warf sie ihn in den Kasten und verbot mir, diesen jemals wieder zu öffnen.

Und was wissen Sie mehr? fragte Jönsson, als Otho schwieg.

Mehr weiß ich nicht, aber dieser Handschuh ist noch vorhanden und kein Zweifel, daß er zu jenem gehört.

Mein liebes Kind, versetzte der gute Pfarrer bedenklich, wie sollte ich darüber entscheiden können? Allein wenn es auch wirklich so wäre – es wäre seltsam, allerdings, doch noch immer nicht bewiesen, daß Ihre Mutter, Ihr Vater – daß diese beide Ihnen theure Menschen diejenigen gewesen sein müssen, welche ich in den Händen grausamer Feinde fand. Vielleicht erinnern Sie sich noch anderer Umstände, fuhr 474 er fort, als Otho eine ungeduldige Bewegung machte, welche Ihre Muthmaßungen besser unterstützen. Waren die Lebensverhältnisse Ihrer Eltern der Art, daß Sie denken könnten, es sei möglich, daß Haß und Rache, ein mächtiger, unmenschlicher Feind, sie bis hieher verfolgten?

Ich weiß von den früheren Lebensverhältnissen meiner Eltern gar nichts, erwiederte Otho.

Sie wissen nichts?

Nein. Ich weiß nur, daß nach dem Tode meiner Mutter, bei der Ordnung der Hinterlassenschaft, sich ergab, daß die Trauung meiner Eltern nicht in Halljala stattgefunden hat. – Im Kirchenbuche war nichts darüber zu finden und weitere Forschungen bewiesen, daß meine Eltern verheirathet nach Halljala kamen. Wo die Trauung vollzogen wurde, ließ sich nicht entdecken. Es ist kein Trauschein darüber vorhanden.

Kein Trauschein? antwortete der Pfarrer. Das ist nicht gut, da es Fälle geben kann, wo der Beweis rechtmäßiger Geburt nöthig wird.

Ich hoffe nicht, daß man diese jemals antastet, sagte Otho stolz, aber Sie sehen, wie durch diese Thatsache meine Vermuthungen sich vermehren müssen.

Wo lebte Ihr Vater, sagte der Greis nachdenkend, und in welchem Jahre war es, als er nach Finnland kam?

Ich vermuthe, daß er meine Mutter in Stockholm kennen lernte und wahrscheinlich kam er von dort mit ihr nach Halljala. Es ist gewiß, daß er längere Zeit sich in Stockholm aufhielt, da er im Heere des Königs Anstellung suchte. Allein er verließ Schweden, nachdem Gustav der Dritte seine königliche Macht gewaltthätig erweiterte und seit dieser Zeit, seit dem Jahre 1773, wohnte er am Pajänesee.

Was Sie sagen, beängstigt mich! In jener Zeit war es, wo geschah, was ich Ihnen erzählte, und dennoch – wer könnte es gewagt haben, Ihren Vater und seine edle Braut so grausam zu verfolgen? Ach! mein liebes Kind, ich weiß nicht, was ich glauben, was ich Ihnen rathen soll.

475 Auf jeden Fall will ich versuchen, in Stockholm etwas über meines Vaters Schicksale zu entdecken.

In Stockholm, ja gewiß in Stockholm! rief der alte Mann erfreut über diesen Ausweg. Sie werden dort Menschen finden, die ihn gekannt haben und von ihm zu erzählen wissen.

Ich kenne Niemand, sagte Otho, weiß nicht an wen ich mich wenden soll.

Warten Sie, warten Sie, erwiederte Jönsson, mir fällt etwas ein, was Ihnen nützlich sein kann. Freilich bin auch ich gänzlich unbekannt in der großen Stadt, doch zur Zeit, als der Kirchentag in Abo gehalten wurde, lernte ich einen jungen Offizier dort kennen, der vielen guten Sinn hatte sich zu belehren, und dem ich Alles mittheilte, was ich selbst über finnische Geschichte und Poesie wußte. Wir wohnten in demselben Hause und haben manchen Abend beisammen gesessen. Seit jener Zeit sah ich ihn nicht wieder, allein vor einiger Zeit las ich in der Reichszeitung vom Jahre 1805, die der gute Mann, der Krämer aus Sartingo, mir zuschickte, daß mein junger Freund, o! damals war er jung – in Stockholm wohnt, wo er eine Zeitung schreibt, denn er hat das Soldatenkleid abgelegt.

Wie ist sein Name? fragte Otho.

Er heißt Jöran Adlersparre, antwortete Jönsson. Es stand in dem Blatte, daß die Regierung die Zeitung nicht länger dulden wolle und der Hofkanzler Zibet sie verboten habe, denn der Rittmeister Adlersparre sei seit dem Reichstage von Norköping immer ein Feind der Regierung gewesen.

Ich will ihn aufsuchen, sagte Otho. Vielleicht hilft er mir mein Wild jagen. Wollen Sie mir einen Brief an ihn mitgeben?

Gerne will ich es thun, herzlich gerne, mein liebes Kind. Jöran Adlersparre hatte ein warmes, edles Herz; er wird Ihnen beistehen, so viel er immer vermag.

Und wenn es möglich ist, will ich die Wahrheit herausbringen. Ich will wissen, ob mein Vater der Verfolgte war und wer ihn mißhandelte.

Freudig und bereit sollen wir zu allem Rechten und Guten sein in jeder Stunde, erwiederte der Greis sanftmüthig, doch die Liebe nicht vergessen.

476 Die Liebe nicht vergessen! rief Otho. Was habe ich mit der Liebe zu schaffen, ich muß für andere Dinge leben. Aber, was ist das? fuhr er fort, indem er aufstand und an ein Fenster eilte. So wahr ich lebe! Die Schlittenzüge haben begonnen.

Das Geschrei mehrerer Menschen, schallte vom Meere herauf und unter den Klippen bewegte sich ein Schlittenzug, bepackt mit Heu, Holz und allerlei Waaren, geführt von rüstigen finnischen Fischern und Bauern, welche beschäftigt waren, ein Feuer auf dem Eise anzuzünden und dabei zu rasten.

Ich will mit ihnen sprechen, ich will sie begleiten, sagte Otho voller Freude, indem er hinaus eilte, und der alte Pfarrer faltete seine Hände und flüsterte traurig: Es muß so sein, denn wer kann die Wolke halten, die über den Himmel zieht, wer den Jüngling, den sein feuriges Herz in das stürmische Lebensmeer treibt?! Wende dich nicht von ihm, o Herr! – Schütze ihn und mache ihn glücklich! fügte er mild lächelnd hinzu, wenn auch mein Auge ihn nimmer wieder sieht.

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