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Erich Randal

Theodor Mügge: Erich Randal - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
booktitleErich Randal
authorTheodor Mügge
year1856
firstpub1856
publisherVerlag von Meidinger Sohn
addressFrankfurt a. M.
titleErich Randal
pages830
created20090617
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Zweites Kapitel.

Am Nachmittage lag Abo vor den Reisenden. Der Wind war fortgesetzt günstig geblieben, das Wetter ausnehmend schön, die Fahrt angenehm; dennoch wurde sie ermüdend durch die Eintönigkeit des Charakters aller dieser Eilande, welche immer denselben Wechsel von 42 niedern Felswänden und Lagern, Hügeln, Buchten, flachen Ufern, Schluchten voll dunklem Wald und kleinen grünen Thälern zeigte. Da und dort wurden Bauern- und Fischerhäuser sichtbar, und zuweilen schob sich eine Gruppe derselben dichter zusammen. Eine etwas großartigere Natur begann jedoch erst näher an der finnischen Küste, und diese selbst trat zuletzt mit Vorgebirgen und steil aufsteigenden Landzungen, hinter welchen sich höhere Berge blicken ließen, vor die Augen der seemüden Gesellschaft. Als diese den Sund von Rimito erreichte, mehrten sich die kleinen und größeren Fahrzeuge, welche demselben Ziele entgegen gingen. Ein Fluß mündete zwischen Hügelketten und vor ihm ankerten eine Anzahl Handelsschiffe unter verschiedenen Wimpeln und Flaggen. Klippen, welche kaum aus dem Wasser ragten, zeigten an, daß die Fahrt gefährlich werde und die großen Schiffe nöthige, nicht weiter den Fluß heraufzugehen, sondern ihre Ladungen hier außen zu löschen und einzunehmen. Auf der Landspitze, wo Meer und Land zusammenstießen, lag ein gezacktes Gemäuer, das der Seeoffizier die Festung Abohus nannte, und vor ihr schwankten mehrere Kanonenboote und flache Fahrzeuge der Scheerenflotte langsam auf und ab, die Buge gegen den abfließenden Strom gewandt, der rasch sein Wasser in den weiten Seekessel trieb.

Es ist der Aurajocki, sagte Lindström, und dort liegt die alte Schwedenstadt Erich's des Heiligen, der meines Erachtens sehr wohl gethan hätte, auch dem Flusse einen guten schwedischen Namen zu geben.

Noch viel besser wäre es gewesen, erwiederte Arwed, wenn er der Stadt selbst einen guten Hafen hätte verschaffen können. Der Bach oder Fluß ist jedoch dazu weder breit noch tief genug. Abo wird niemals zu einer großen Handelsbedeutsamkeit kommen können. Jedoch versorgt es das Land, und wie unter den Blinden der Einäugige König ist, so ist es der Mittelpunkt alles geistigen und materiellen Lebens und Strebens der Finnen.

Man hat wenig für dies weite Gebiet bisher gethan, wie ich glaube, sagte Serbinoff.

Jahrhunderte lang, war Arwed's Antwort, ist es wie eine Eroberung behandelt worden, dann hat es das Schicksal gehabt, das 43 Colonien und abgetrennte Provinzen gewöhnlich trifft. Man läßt sie von Gouverneuren regieren, fordert hohe Abgaben und Lasten, benutzt alle vorhandenen Mittel so viel man kann, kümmert sich jedoch nicht um Gedeihen und Fortschritte mehr, als durchaus nöthig ist. Die Finnen sind nun überdies eine eigenthümliche Menschenrace. Wären sie schwedischen Stammes, so würden sie wenigstens so weit sein, wie unsere Bauern. Eigensinnig sein wie ein Finne, ist bei uns zum Sprichwort geworden. Sie hängen an alten Gebräuchen und Sitten so fest, wie an ihrer schrecklichen Sprache. Im Innern des Landes wird diese allein gesprochen, und so viele Mühe man sich auch gegeben hat, durch Kirche und Schule ihre Bekehrung ins Schwedische zu vollenden, so gibt es doch große Districte, wo es schwer wird, sich verständlich zu machen. Denken Sie sich nur ein Land, das nach der Schätzung wenigstens 5 bis 6000 Quadratmeilen groß ist, dabei fast ans nördliche Eismeer reicht, mit Wäldern, Sümpfen, einer unermeßlichen Menge großer und kleiner Seen und mit Wüsteneien gefüllt, die oft so gut wie gänzlich unbekannt und unerforscht sind, und Sie werden eingestehen müssen, daß die Civilisation der einen Million Menschen, welche auf diesem mächtigen Raume wohnt, große Schwierigkeiten findet.

Die Sprache ist ganz verschieden von der schwedischen? fragte Serbinoff weiter.

So verschieden selbst in ihren Dialecten, erwiederte Arwed, daß der Finne aus dem Süden den aus dem Westen oder Norden kaum versteht. Es ist auch auf diesem Boden in alter Zeit ein Völkertreiben und Völkerwandern gewesen, fuhr er fort. Die allerrohsten Menschenzeiten spiegeln sich darin ab. Hirtenstämme, verdrängt aus milderen Ländern, suchten in diesen Sümpfen und Wäldern Zuflucht; doch auch sie wurden ihnen streitig gemacht von Savolaxern, Carelern und ähnlichen liebenswürdigen Wesen in Thierfellen und Helmen, aus ihren struppigen Haaren geflochten. An den Südküsten und im Osten vermischten sie sich, im Norden blieb der uralte finnische Stamm rein und wandert dort noch jetzt mit seinen Rennthieren auf und ab, während südwärts nach und nach mit schwedischer Beihilfe die 44 Civilisation Fortschritte machte, an der Küste Städte entstanden, der Ackerbau in Aufnahme kam und schwedische Einwanderer sich festsetzten.

Auch der schwedische Adel kam und hat einen finnländischen Adel gebildet, sagte Serbinoff lachend.

Es gibt große, reiche Güter genug in Finnland! rief Lindström dazwischen. Viele alte Familien sind hier angesessen.

Er hat Recht, fiel Arwed ein. Durch die Kriegszüge kam ein kriegerischer Adel herüber, der großen Grundbesitz erhielt und reich wurde. Sie werden sich davon überzeugen können. Diese Finnländer, wie sie sich gern nennen, sind sehr stolz auf ihr Vaterland.

Wie alle Schweden, sagte Ebba, und indem sie auf eine Kirchenspitze deutete, auf welche eben ein heller Sonnenblitz fiel, fügte sie hinzu: Dort liegt Abo und sein berühmter alter Dom!

Ihr Bruder bestätigte es. Bei einer Wendung des Flusses kam die Stadt zum Vorschein, überragt von gelben, nackten Hügeln, die den Hintergrund schlossen, während an den Ufern, im Thale und an den aufsteigenden Lehnen sich Häuserreihen hinzogen. – Abo ist jetzt eine neue und eine russische Stadt mit geraden, breiten Straßen, niedrigen Häusern und Bauwerken von Stein, nachdem der große Brand vom Jahre 1827 fast nichts übrig gelassen hatte, als verkohlte Trümmerhaufen; zu jener Zeit aber, wo der kleine Lugger den Aurajocki hinaufsegelte, an dem rechten Ufer hinfuhr, dessen Abhänge sich mit den Gärten und Wohnungen der Kaufleute, der Beamten, der Universitätsprofessoren und mancher reichen Einwohner bedeckten, und endlich an dem Bollwerke des innern Hafens landete, waren die engen Straßen mit alten hohen Holzhäusern besetzt. Ein lebendiges Gewimmel von kleinen Last- und Lustfahrzeugen aller Art füllte den Fluß, ein Menschengewühl die anstoßenden Kais. Abo versorgte Stockholm und zu Zeiten halb Schweden mit Korn und Fleisch sammt allerlei Producten, welche Ackerbau und Viehzucht, Wald und Jagd liefern, und immer waren Hunderte kleiner Schaluppen und Boote beschäftigt, hin und her zu fahren, Güter zu holen und zu bringen, dabei auch den Verkehr mit den großen Handelsschiffen zu vermitteln, welche nicht durch die Klippengewinde des Flusses bis vor die Stadt kommen konnten. Männer und Weiber in weißen und blauen Jacken, rothe 45 oder braune Mützen auf den dicken Köpfen, oder auch ihr langes Haar in strehnig geflochtenen Doppelzöpfen weit über den Rücken hängend, führten die Ruder, und zwischen ihnen hin flogen die leichten Jollen der Matrosen. Aus den Packhäusern wurden Waarenballen auf und niedergewunden und über die Pflastersteine rasselten viele kleine zweirädrige Karren, bespannt mit eben so kleinen Pferden, welche vom Lande herein Vorräthe gebracht hatten und deren Eigenthümer dafür andere eingekaufte und eingetauschte gute Dinge mit nach Haus nahmen.

Es war ein Markttag gewesen, der die Geschäftigkeit erhöhte und mancherlei Besuch aus größerer Ferne herbeiführte. Viele Landleute in weißen, kurzen Röcken oder graublauen Jacken, blondhaarige, rüstige Gestalten, liefen lärmend umher. Ihre Weiber und Mädchen prangten in weiten Faltenschürzen und rothen Strümpfen, und zwischen diesen Gruppen strichen Soldaten in blauen und gelben Umformen, Dragoner und Jäger mit aufgeschlagenen und spitzen Hüten, schwarzröckige Studenten und geistliche Herren in Schnallenschuhen und seidenen Zwickelstrümpfen. Junge Offiziere äugelten nach den Fräulein hin, das unter seiner Kappe hervor lebhafte Blicke auf alle Gegenstände richtete und mit seinen Begleitern eben so lebhafte Worte wechselte, endlich lustwandelten Damen und Herren zwischen geschäftigen Handelsleuten, ehrbaren Bürgern und kräftigen Seemännern, Kinder schrien halbtrunkenen, zankenden und singenden Bauern nach, kurz es war der Lärm eines thätigen Hafenplatzes, der freilich keine Weltbedeutung besaß, aber doch ein ganz anderes Bild bot, als die öde Stille, welche jetzt dort herrscht.

Als das Boot zuletzt sich einer Landungsstelle näherte, erblickte Arwed, durch sein Glas schauend, seinen wartenden Diener, neben diesem aber stand ein junger Mann, in welchem er sogleich seinen Verwandten vermuthete. – Da ist Erich! rief er, es ist Alles in Ordnung. Wir werden morgen gleich weiter können; doch, auf mein Wort! er sieht schmuck aus, unser halbwilder Vetter. Sie wissen, Serbinoff, daß dieser junge Mann uns noch niemals in Stockholm besucht, und alle unsere Einladungen ausgeschlagen hat.

Er hält es mit dem heimathlichen, ländlichen Stillleben und verachtet Kunst und Wissenschaft, erwiederte Serbinoff.

46 Das will ich nicht behaupten. Er hat in Abo studirt, soll sogar eine Art Gelehrter sein, denn er hat sich, wie ich von anderer Seite gehört habe, viel mit Alterthümern und allerhand Forschungen über Finnland beschäftigt. Auch soll er Musik und Sprachen treiben und mehrere derselben vortrefflich sprechen, wie denn überhaupt die Finnen ein vorzügliches Geschick dafür besitzen.

Die Finnen, sagen Sie, antwortete Serbinoff. Ihr Vetter ist doch jeden Falls von reinster schwedischer Abkunft.

Das ist er allerdings, erwiederte der Baron, aber seines Vaters Schwester hat einen Mann geheirathet, der sicher mehr finnisches als schwedisches Blut in seinen Adern hatte. Einen Obersten Waimon, der in englischen Kriegsdiensten und lange in den amerikanischen Colonien war. Eine Art Abenteurer, dessen Nachkommen in der Nähe von Halljala leben und von denen mein Vetter Erich, als von seinen liebsten Freunden spricht. Aber sehen Sie da! Ebba ist rascher als wir dabei, unsern Vetter zu bewillkommnen.

Wirklich hatte das Fräulein, von Lindström begleitet, schon das Boot verlassen und Beide eilten auf den jungen Mann zu, der ihnen entgegen kam. Serbinoff richtete seine Blicke auf ihn und eine unmuthige Empfindung stieg in ihm auf. Der Fremde war ungemein kräftig und dabei doch zierlich von Gestalt. Ohne übergroß zu sein, besaß er eine stattliche Leibeslänge. Seine Brust war außerordentlich breit, dennoch aber sein Wuchs schlank und biegsam. Nie hatte Serbinoff ein Gesicht gesehen, das ihn so eigenthümlich, obwohl nicht eben in angenehmer Weise, fesselte. Er selbst war, was körperliche Vorzüge anbelangt, ein Mann, der es mit Vielen aufnehmen konnte und seines Übergewichtes sich bewußt blieb. Vielleicht zum erstenmale in seinem Leben empfand er jetzt einen gewissen Neid gegen einen andern Mann, wozu freilich kommen mochte, daß dieser ein Verwandter Ebba's war. – Sein Haar war roth, aber von jenem goldigen Roth, wie es Tacitus an den Ureinwohnern des Nordens schildert, seine Gesichtszüge männlich fest ausgeprägt und gebräunt vom Leben in Luft und Sonnenschein; wie Sonnenschein schimmerten auch die hellen durchsichtigen Augen, welche einen feurigen und stolzen Geist ankündigten.

47 Alexei Serbinoff war nahe genug, um zu hören was Ebba sprach und was er antwortete. Endlich, mein lieber Erich! rief sie ihm die Hände entgegenstreckend und ihre Stirn nach der Sitte zum Kusse bietend, endlich sind wir zur Stelle. Da ist mein Bruder Arwed, und dies ist Gustav Lindström. Wie die Vorstellungen täuschen können, fuhr sie ihn betrachtend fort. Ich hatte mir nach Ihren Briefen ein ganz anderes Bild von Ihnen gemacht.

Der finnische Edelmann, der die Stirn seiner schönen Cousine mit seinen Lippen berührte, hörte lächelnd an, was sie sprach, dann antwortete er mit einer höflichen Verneigung: Das kommt daher, weil ich nicht Erich bin. Als Ihr Schreiben uns Ihre nahe Ankunft meldete, war Erich auf einer Reise begriffen. So wurde mir das Glück zu Theil, Sie in Abo zu empfangen.

Und wer – wer sind Sie denn? fragte Ebba überrascht, indem sie ihre Hände zurückziehen wollte.

Ich bin Otho Waimon, sagte er. Sie sollen mir Ihre Hand nicht entziehen, Cousine Ebba, meiner Kühnheit nicht zürnen; ich mache, wie Erich selbst, meine Rechte als ein Verwandter und Freund geltend.

Seine bittende Höflichkeit wirkte eben so versöhnend wie seine männlich sichere Haltung. Er wechselte mit dem Offizier einige bewillkommnende Worte, und Arwed, der inzwischen herbeigekommen war, entfernte mit weltmännischem Geschick sogleich jede Verlegenheit, die etwa aus dieser Verwechselung zurückbleiben konnte.

Er umarmte den jungen Mann, freute sich seiner unverhofften überraschenden Bekanntschaft, nannte ihn Freund und Vetter, lachte über den Irrthum seiner Schwester, zog diese ins Gespräch, und stellte den Grafen Serbinoff als einen intimen Freund vor, der Finnland und finnisches Leben kennen zu lernen wünsche, ein liebenswürdiger Cavalier und ein eben so ausgezeichneter Jäger sei. Nach einigen Scherzen darüber fragte er dann, ob der Herr Reisemarschall auch für einen gastlichen Empfang gesorgt habe, und auf die Antwort desselben, daß die besten Zimmer des besten, das heißt des einzigen Gasthauses zum schwedischen Löwen, schon seit gestern von ihm mit Beschlag belegt wurden, bat er ihn erfreut, seiner Schwester den 48 Arm zu reichen, befahl seinem Diener, was zu befehlen war, und folgte mit Serbinoff den Vorangehenden nach. Nun, das ist meiner Treu lustig genug, sagte er zu diesem, daß wir den Sperling für die Drossel hielten, aber was thut's. Es scheint ein rühriger frischer Bursch zu sein, der uns wenigstens gut unterhalten und versorgen wird.

Sie hatten nicht weit zu wandern, denn das Gasthaus befand sich in der Nähe, ein großes altes Gebäude, in dessen untern Räumen Bauern und Schiffer zechten und sangen, und auf dessen mit Ziegelsteinen gepflasterter Flur ein Gewirr von Fässern, Kisten und Kasten wild durch einander lag, umlagert von den Gruppen ihrer Eigenthümer: Marktleute der verschiedensten Art mit Frauen und Kindern, bellenden Hunden und aufflatternden Hühnern, sammt anderm Federvieh, das aus verschiedenen Tonarten den Lärm vermehrte.

Gasthöfe waren damals im ganzen Norden eine ziemlich unbekannte Sache, sie haben sich überhaupt erst in neuester Zeit und in den größten Städten in etwas verbesserter Gestalt eingerichtet. Damals konnte man lange umhersuchen, um zu einem Nachtquartier zu kommen, das der fremde Reisende höchstens bei dem Posthalter fand, der ihm vielleicht sein eignes Bett abtrat. Nach Abo kamen aber doch zuweilen Leute, die keinen Gastfreund und keine Empfehlung besaßen, welche ihnen solchen auf der Stelle verschaffte, und deßhalb gab es hier einen Gasthof, der einige größere und kleinere Kammern zu vermiethen hatte.

Nachdem das Labyrinth von Menschen, Thieren und Geräthen glücklich überwunden war, erkletterte die Gesellschaft eine steile, schmale Treppe, welche sie in das obere Stockwerk des Hauses brachte. Das Gebäude war geräumig genug, um einen breiten Mittelgang zu gestatten, der die verschiedenen Gemächer trennte, unter denen die größten mit der Aussicht auf Fluß und Hafen von Otho Waimon in Besitz genommen waren. Sie hatten allerdings fast leere Wände und boten nicht die geringsten Bequemlichkeiten, welche man jetzt von der allergewöhnlichsten Herberge fordern würde, allein sie sahen doch freundlich aus, denn sie waren reinlich gehalten, nach der Landessitte mit Tannennadeln bestreut, und die sinkende Sonne schickte ihr rothes Licht durch die geöffneten Fenster.

49 Es thut mir leid, sagte der junge Mann entschuldigend, daß ich Ihnen kein besseres Quartier bereit halten konnte; da wir jedoch morgen früh weiter wollen, glaubte ich, daß es am besten sein würde, wenn ich Sie bäte, damit vorlieb zu nehmen.

Es wird uns nichts weiter übrig bleiben, erwiederte Arwed lachend, und weil wir eben nichts Besseres haben, begnügen wir uns sehr gern mit dem, was zu erreichen ist. Eine vortreffliche Aussicht, fuhr er fort, indem er an ein Fenster trat, hoffentlich macht sich die Einsicht noch besser. Gewiß gibt es doch einige Betten und Decken in diesem vortrefflichen Hause.

Ich zweifle nicht daran, erwiederte Otho, daß Sie gute weiche Betten erhalten.

Und nach den verschiedenartigen Dämpfen und Dünsten zu urtheilen, welche von unten zu uns aufsteigen, scheint es mir, als gäbe es auch eine Küche hier?

Ich habe dafür gesorgt, daß, was überhaupt zu bekommen ist, auf Ihrem Tische nicht fehlen wird, sagte Otho.

Eine bessere Neuigkeit können Sie uns nicht mittheilen, rief der Baron erfreut, denn wir haben frugale Tage verlebt, und sehnen uns nach den finnischen Fleischtöpfen.

Dann erlauben Sie mir, erwiederte der junge Mann höflich, daß ich den Wirth antreibe, seine Pflicht zu thun.

Noch einen Augenblick, mein bester Cousin! rief der Baron ihm nach, ich muß mich doch nach Ihrer Familie erkundigen. Ich weiß, daß Ihr Vater Erich's Tante heirathete, und ich dadurch die Ehre habe, mit Ihnen verwandt zu sein. Ihre Familie ist eine aus England oder Schottland eingewandert?

Nein, mein Herr Cousin, erwiederte Otho höflich, meine Familie ist eine echt finnische, die von den ältesten Zeiten an im Lande war.

Aber sich in Kriegsdiensten vielfach verdient gemacht hat, fiel der Baron ein.

Auch das nicht, sagte der starrköpfige Waimon. Mein Vater war allerdings ein Kriegsmann, mein Großvater aber hat Handel getrieben, und meine übrigen Vorfahren, setzte er lächelnd hinzu, waren Bauern im Tavastlande und in Savolax.

50 Als er sich entfernt hatte, zuckte Baron Arwed spöttisch die Schultern. Seine Schwester hatte sich in ein Nebengemach zurückgezogen, er war mit seinem Freunde allein. Dieser junge liebenswürdige Vetter, der uns plötzlich aus den Wolken fällt und durchaus ein Bauer sein will, sagte er, scheint durchdringende Verständigkeit zu besitzen. Doch auf Reisen muß man genügsam sein, und unser Eintritt in Finnland ist so übel nicht; auch ist es ein von vielen achtbaren Leuten gerühmter angenehmer Aufenthalt. Es gibt vortreffliches Wild in diesen Wäldern, dazu die schönsten Lachsforellen und Bläulinge in der Welt, nicht minder sind die finnischen Köche wegen ihrer Torten berühmt. Gustav der Dritte wußte das zu würdigen; er hat häufig Abo besucht. Überhaupt haben unsere Könige sich immer gern nach Finnland begeben und nicht etwa des Betens und Fastens wegen, wie der heilige Erich, mein theurer Serbinoff.

Er fuhr fort, in dieser Weise über die Annehmlichkeiten einer in finnischer Weise wohlbesetzten Tafel zu sprechen, während Serbinoff wenig davon zu hören schien, denn er hatte sein Taschenbuch hervorgezogen, in welchem er umherblätterte.

Die Gastfreundschaft in Finnland steht aber auch auf einer noch höheren Stufe, als selbst in Schweden, fuhr Arwed auf und abgehend fort. Die Rittersitze und Schlösser des Adels sind selten leer von Freunden und Gästen gewesen, so lange die alte gute Zeit im Lande war. Gustav der Dritte, der vielgeliebte und vielgehaßte, hatte seine getreuesten Anhänger unter diesen vergnügungslustigen, heitern, allen Freuden der Tafel und allen Lebensgenüssen nachjagenden finnischen Herren. In Schweden wurde er verflucht und verachtet, in Finnland vergaß man, daß er den Adel gedemüthigt, das Land in Schulden gestürzt, das Volk verknechtet hatte, denn wahrlich, liebenswürdiger, verführerischer konnte Phöbus Apollo selbst nicht sein. Jetzt freilich hat sich Manches auch in dem lustigen Finnland geändert, allein es ist immer noch viel davon übrig geblieben, und wenn Erich Randal auch nur der Schatten seiner Vorfahren ist, wird er uns genug zu schaffen machen.

Wir werden wohlthun, einige Erkundigungen einzuziehen, sagte Serbinoff aufblickend; aber nehmen Sie sich in Acht.

51 Vor wem? fragte Arwed.

Vor diesem rothhaarigen Burschen.

Arwed lachte. Ihnen scheint er nicht zu gefallen? sagte er.

Im Gegentheil, erwiederte Serbinoff, er gefällt mir so gut, daß ich um seine Freundschaft mich bewerben werde.

Das wird Ihnen nicht schwer fallen bei diesem da, der so viele Natürlichkeit und Einfalt besitzt.

Ich müßte mich sehr irren, sagte Serbinoff, oder er fühlt sich von uns Beiden nicht sehr angezogen. Von mir nicht schon um dessentwegen, weil ich ein Russe bin. Das schadet jedoch nichts, wir werden uns dennoch näher kommen. Wenn man Zwecke verfolgt, muß man alle Steine und Stöcke zu benutzen suchen, und dabei sind die härtesten und unbiegsamsten oft die besten. Seien Sie freundlich zu ihm, auch wenn das Abendessen nicht besonders ausfällt. Menschen wie dieser, keck, kräftig und eingebildet, verachten nichts mehr als sogenannte Verweichlichung. Da kommt er, lassen Sie mich mit ihm reden.

Otho trat wieder herein und Graf Serbinoff schlug sein Buch zu und ging ihm mit gewinnender Freundlichkeit entgegen. Nun, begann er, ihm die Hand reichend, ich sehe es Ihnen an, Sie bringen keine erfreulichen Nachrichten aus der Küche.

In der That, nein, erwiederte der junge Mann verlegen lächelnd. Das ganze Haus ist noch voller Gäste, und was das Übelste ist, diese haben sämmtliche Vorräthe aufgezehrt.

Der Kammerherr konnte sich nicht enthalten, trotz der Warnungen seines Freundes, seinen Unwillen merken zu lassen. Sie hätten gleich Hand darauf legen sollen, statt sich mit Versprechungen zu begnügen, sagte er verdrießlich. Was soll denn nun geschehen?

Serbinoff und Ebba, welche eben wieder hereintrat, lachten über diesen Ärger und versuchten einige Vorschläge, wie man dem Hungertode entgehen könne. Otho dagegen sah ihn mit einem Blicke an, der allerdings etwas von der Verachtung enthielt, die ihm Serbinoff prophezeit hatte.

Beruhigen Sie sich, sagte er hierauf, ich denke, daß ich dennoch mein Versprechen halten kann; wenn nicht hier im Hause, so doch an einem andern Ort.

52 Darf ich fragen, Herr Waimon, fiel Graf Alexei ein, ob Sie in Abo bekannt sind?

Ich bin ziemlich gut darin bekannt, war die Antwort.

Dann wissen Sie vielleicht, fuhr Serbinoff fort, indem er sein Taschenbuch wieder herausnahm, wo ein gewisser Samuel Halset wohnt.

Dieser Name schien die Verwunderung des jungen Mannes zu erregen. Sam Halset, sagte er, der Großhändler, wenn Sie den meinen.

Ohne Zweifel ist es derselbe. Ich habe einen Brief an ihn, für den Fall, daß ich Geld nöthig hätte. In unserer jetzigen Verlegenheit wäre es vielleicht so übel nicht, seine Bekanntschaft noch heut' zu machen, und die finnische Gastlichkeit, welche so viel gerühmt wird, auf die Probe zu stellen.

Es trifft sich wie eine Schickung, erwiederte Otho, denn ich kam, um Ihnen denselben Vorschlag zu machen. Halset ist mit mir verwandt, er war ein genauer Freund meines Vaters und wird die Ehre, Sie in seinem Hause zu sehen, hoch anschlagen. Ist es Ihnen gefällig, so sende ich meinen Diener zu ihm, und während dessen benutzen wir den Tagesrest, den Dom von Abo zu betrachten. Es ist das einzige alte Baudenkmal der Stadt, die keine andere Merkwürdigkeit besitzt.

Alle waren damit einverstanden, des Kammerherrn Gesicht erheiterte sich wieder. Thun Sie das, mein lieber Cousin, sagte er beistimmend, es ist gewiß das Beste. Der Dom ist sehr alt, lieber Serbinoff, er stammt aus der frühesten Zeit des Christenthums und wenn es weiter nichts ist, so kommen wir doch aus dieser Höhle. Ich habe einmal etwas über diese merkwürdige Kathedrale gelesen, es soll mancherlei Sehenswerthes darin sein.

Wenn Erich hier wäre, erwiederte der junge Mann, so könnte er Ihnen ein besserer Führer sein als ich. Ich verstehe nichts Von dem drei- oder vierfach verschiedenen Baustyl darin, doch ist er voll alter Denkmäler und Andenken der Vergangenheit, welche anziehend genug für Fremde sind.

O, richtig, fiel Arwed ein, es ist die Grabstätte für viele berühmte Personen und Familien aus dem finnischen Adel. Ich erinnere 53 mich, daß auch die Randal's dort eine Art Kapelle haben, und da wir zu ihnen gehören, ist es schicklich, daß wir unsern todten Verwandten einen Besuch abstatten, wenn wir so nahe bei ihnen sind.

So verließen sie das lärmende und dumpfige Haus, und Niemand kümmerte sich um sie; denn die Gaststuben und die Flur waren noch immer voll schreiender, trinkender und singender Menschen. Mitten darunter saß auf einem Kasten an der Thür ein junger Bursch in blauer Jacke und schwarzer, eckiger, fest auf dem Kopfe liegender Mütze. Die Jacke war mit dichten Reihen kleiner blanker Knöpfe besetzt, um den Hals trug er ein grellfarbig buntes Tuch und an der Seite hing ihm in einer Lederscheide ein Messer mit langem Horngriff. Auf Otho's Wink sprang er aus der Gruppe von Mädchen und lustigen Burschen hervor, welche er vortrefflich unterhalten haben mußte; denn ihre lachenden und erhitzten Gesichter hingen an seinem Munde und seinen hellen Augen. Er stellte rasch das Glas fort, das er in der Hand hielt, und betrachtete, während Otho mit ihm sprach, dessen Begleiterin mit Blicken, in denen Neugier, mit einer gewissen Schelmerei gemischt, sich unverkennbar kund gab. Die fremden Herren verstanden nicht eine Sylbe von dem, was ihr Führer mit ihm verhandelte; denn es waren völlig fremdklingende Laute, welche damit endeten, daß der junge Mensch seinen Freunden und Bekannten auf den Tonnen, Kisten und Packen ein paar eben so unverständliche Worte zurief, die mit einem allgemeinen Geschnatter und Gelächter beantwortet wurden, worauf er mit einem Satze aus dem Hause sprang und davon eilte.

Ist dies Ihr Diener? fragte Arwed, und seine Schwester fragte zu gleicher Zeit, ob er in finnischer Sprache gesprochen habe?

Otho bejahte Beides. Sie sprechen also diese Sprache? fuhr Ebba fort.

Besser als jede andere, erwiederte er, denn es ist meine eigentliche Muttersprache.

Das dürfen wir nicht gelten lassen, erwiederte das Fräulein. Finnland ist ein schwedisches Land, und die süße schwedische Sprache soll nicht von Ihnen verleugnet werden.

54 Ich verleugne sie auch nicht, erwiederte der junge Mann; doch denken Sie nicht gering von unserm uralten Erbe. Sie ist die Sprache des Gesanges und der Dichtkunst. Wissen Sie, womit mein Diener Jem diese ganze Gesellschaft unterhielt, die ihm so lustig zulachte und zuwinkte und ihn gewiß sehr ungern davon gehen sah? Er besang den Markt, das prächtige Wetter und alle Herrlichkeiten und Schönheiten, welche hier beisammen waren, allein es fehlte gewiß auch nicht dabei an Spöttereien; denn dieser Hang zur Satyre bildet immer die beste Würze zur allgemeinen Belustigung.

Herr Jem ist somit ein Naturdichter, sagte Ebba.

Und dabei ein netter Bursch, der wohl im Stande ist, den Mädchen die Köpfe zu verdrehen, fügte Arwed hinzu.

Wir haben von beiden keinen geringen Vorrath, erwiederte Otho wohlgefällig umherblickend. Sehen Sie alle diese Landleute an, ob nicht die meisten schlanke, kräftige und tüchtige Gestalten sind.

Er hätte uns eigentlich bitten können, ihn zunächst zu betrachten, flüsterte der Kammerherr seiner Schwester zu, indem sie weiter gingen. Wie steht es denn mit Ihnen? fragte er laut. Haben Sie auch etwas von der poetischen Nationalbegabung abbekommen?

Sehr wenig, antwortete Otho, ich vermuthe jedoch beinah, daß der unbekannte Stammvater meines Geschlechts ein berühmter Dichter gewesen ist. Sie müssen wissen, fuhr er zu dem Fräulein gewandt fort, daß der verehrteste und erste der alten Götter meines Volks kein wilder Gott der Schlachten und des Krieges war, sondern ein schöner Jüngling voller Abenteuerlust, der mit seiner Harfe die Welt durchzog und viel Merkwürdiges erlebte, ehe er von dem Christengotte überwältigt wurde. Dieser Gott des Gesanges, der Dichtkunst und des belebenden Feuers hieß Wainemonen. Ich glaube daher, daß mein Name eine Ableitung davon ist und mein Urvater ihn auf würdige Weise erwarb.

Vielleicht auch, sagte Serbinoff, war dieser liebenswürdige Gott selbst ihr Stammvater, eben so wohl, wie schon manche berühmte Familie ihre Abstammung von Jupiter oder Odin herleitete.

Möglich, lachte der junge Finne, in diesen Ton einstimmend, jedenfalls ist es meine Pflicht, mich solcher Abstammung würdig zu zeigen.

55 An dem Ufer des Flusses gesellte sich Lindström zu ihnen, der seine Schaluppe in Sicherheit gebracht hatte und nun vergnügt betheuerte, daß er vier Wochen lang ganz vergessen wolle, daß es Salzwasser in der Welt gäbe. Er hing sich an Waimon's Arm und ließ sich von diesem das Paradies beschreiben, nach welchem er trachtete. Er wollte reiten und jagen, fischen und tanzen und das alte Schloß Halljala wo möglich auf den Kopf stellen.

Nach einem Wege durch mancherlei krumme und enge Gassen der alten Stadt, die nichts Einladendes enthielten, näherten sie sich dem Dome, einem unförmigen alten Bauwerk aus Backsteinen. Ein niederes Portal bildete den Eingang, und durch die hohen trüben Fenster fiel das rothe Abendlicht herein und beleuchtete die Fahnen und Wappenschilde, verrostete Helme und verdunkelte Bilder, welche an Pfeilern, Altären und in den Seitenkapellen aufgehängt waren. Dieser erste christliche Tempel Finnlands war schon seit Jahrhunderten der Begräbnißplatz für sehr viele Geschlechter des finnischen Adels. Statuen von Marmor und Erz lagen hinter rostigen Gittern, und mancherlei goldiger Schmuck und verstäubte Pracht dämmerte aus den Ecken und Nischen.

Ich denke, wir empfinden sämmtlich einigen Überdruß an Nachforschungen in alten Kirchen, lächelte der Kammerherr, und geben uns mit ihnen so wenig als möglich ab. Sie selbst haben wohl hier keine Ahnen aufzusuchen, Herr Waimon?

Nein, erwiederte Otho. Meine Ahnen haben zwar sehr wahrscheinlich auch diesen Dom bauen helfen, allein als überwundene Sclaven und um die Steine herbeizuschleppen. Ihre Gebeine sind im Urwalde oder in den heiligen Kreisen Jumala's, des Weltengottes, Staub geworden.

Wo ist die Kapelle der Freiherren Randal? fragte Arwed.

Hier, erwiederte der junge Mann, indem er ein Gitter öffnete. Was ich von diesen Denkmälern weiß, will ich Ihnen mittheilen. – Das Marmorbild eines gewaltigen Ritters in voller Rüstung lag auf einem Sarkophag von demselben Stoff; ihm zur Seite aber befand sich die Gestalt einer Dame, in eine lange faltige Robe gehüllt, einen gezackten Spitzenkragen um den Hals und Armbänder um ihre Hände, 56 welche zum Gebet über ihre Brust gefaltet waren. – Dies ist der Freiherr Hompus Randal, sagte Otho, und neben ihm sehen Sie seine Gemahlin Signa. Er kam mit Birger Jarl nach Finnland und hat die Heiden in Tavastland und Carelien so tapfer ausgerottet, daß er großen Besitz am Pajänesee empfing und dort das feste Schloß Halljala erbaute. Einer seiner Enkel, Erich, Karl Knudson's Feldherr und des Königs Statthalter, ließ diese Denkmäler von einem italienischen Meister anfertigen. Jene schwarzen Säulen dort nahm Klas Randal den Russen ab, als er mit Karl dem Neunten nach Nowgorod gezogen war. Bei ihm liegt sein Sohn Thomas, der unter Gustav Adolph die finnische Brigade nach Deutschland führte, und hier in der tiefen Gruft ruht eine lange Reihe seiner Nachkommen.

Ein edles Haus, sagte Arwed, nach einigen Minuten schweigender Betrachtung. Man sage was man will; dem Todten ist es freilich gleichgiltig, ob er unter einem Mooshügel oder unter einem Marmorblock liegt, die aber, welche lebendig daneben stehen, haben denn doch einige Unterschiede zu machen. Ein solches Andenken weckt den Stolz der Enkel. Es sagt ihnen, daß vor Jahrhunderten schon ihre Vorfahren geachtet und bedeutend aus dem großen Haufen hervorragten und daß sie zu den Ersten und Angesehensten gehörten, deren Namen und Thaten noch jetzt im Munde des Volkes fortleben.

Wenn das wahr wäre, erwiederte Otho lächelnd, wenn das Volk die Thaten derer kennte und bewahrte, denen Bildsäulen und kostbare Grabmäler errichtet wurden, so möchte die Ehrfurcht vor den Mächtigen und Gewaltigen nicht besonders dadurch vermehrt werden. Was sollen die jetzt Lebenden daran loben oder preisen, daß dieser Mann aus Marmor Tausende seiner Mitmenschen gemartert und geschlachtet hat; dieser andere da, der es mit Karl dem Neunten hielt, seinen rechtmäßigen König und seine Freunde und Verwandten verrieth, um sich mit deren Gütern zu bereichern? Wer weiß noch etwas davon? Die Gaffer gehen gedankenlos vorüber, das Grab verhüllt Grausamkeit und Schande.

Wie man aber auch über Menschen und Menschenwerth denken mag, fuhr er lebhaft fort, als der Baron schwieg, so ist es doch ein gutes Zeichen, daß das ärmliche Kreuz der Gerechten oft länger 57 aushält, als der stolzeste Marmor. Sehen Sie dort die verwitterte Tafel in der Wand. Jeder Bettler wird Ihnen sagen wer dort liegt und mit Ehrfurcht den Namen aussprechen, während er von allen diesen Statuen nichts weiß.

Wer ist es? fragte Ebba.

Ein Weib, von der man nichts Großes weiß, als daß sie mit unwandelbarer Treue an dem Mann hing, der sie geliebt, und den sie niemals verrieth und verließ, als die Ersten und Größten ihn verließen, verriethen und mordeten. Katarina Mönsdotter liegt dort, eine Frau aus dem Volk, ein armes Soldatenkind, das Erich der Vierzehnte auf den Thron erhob, von dem er heruntergestürzt wurde durch die, denen man Statuen errichtet hat.

Der Kammerherr war durch diesen Widerspruch gereizt und beleidigt, um so mehr, da er bemerkte, daß seine Schwester dem rücksichtslosen Sprecher wohlwollend zunickte. Serbinoff gab ihm jedoch ein heimliches Zeichen, nicht weiter zu streiten, und um dies zu vermeiden, sagte er: Sie haben unzweifelhaft Recht. Die Nachwelt ist zwar nicht immer ein gerechter Richter, allein dennoch der einzige, der den Verkannten und Verschmähten zum Rechte hilft und die Mächtigsten nicht verschont.

Was kümmert mich die Nachwelt und was hat man von ihren weisen Urtheilen, rief Lindström, der sich jetzt auch einmischte, besonders wenn man zu denen gehört, die weder ein Kreuz noch einen Stein von ihrem Dasein auf Erden hinterlassen. Wer weiß etwas von den vielen Millionen Wesen, die Jahr aus Jahr ein kommen und gehen? Für guten Ankergrund muß man sorgen und sein Schiff flott halten in allen Stürmen. Ist es zum Wrak geworden, so ist es gleichgiltig, wo die Trümmer ihr Ende nehmen.

Sehr wahr! sagte Serbinoff. Marmor und Erz zerfallen in Staub, aller Nachruhm verweht; dagegen sind alle Lebendigen ohne Unterschied darauf angewiesen, für ihr Wohlbefinden zu sorgen, so lange sie fühlen und empfinden, und darum dächte ich, wir thäten dies auch, denn es wird finster in diesem alten Gemäuer und die Gespenster wachen auf.

58 Die alten Gräber umher gaben aus ihrem Dunkel die Worte zurück, Niemand hatte jedoch bemerkt, daß ein kleiner gelenkiger Mann in die Kirche getreten und nahe herangeschlichen war, der jetzt plötzlich zu sprechen begann.

Erschrecken Sie nicht, meine besten Herren und gnädiges Fräulein, sagte er, indem er seinen Hut abnahm und sich mit einer Schwenkung gegen Alle verbeugte. Ich bin durchaus kein Gespenst, sondern ihr unterthäniger Diener, Samuel Halset. – Von Ihnen, Vetter Otho, fuhr er dann ohne Unterbrechung fort, war es in keinem Falle gut gethan, daß Sie nicht sofort diese edlen und willkommenen Gäste mir zuführten. Das Gasthaus genügt wohl als Nothbehelf, wenn ein Reisender ganz ohne Freunde ist, allein an einem Markttage und obenein für eine vornehme Dame aus Stockholm ist es nicht zu empfehlen. Ist denn der alte Sam so heruntergekommen, daß man seine Schwelle vermeiden muß, Otho Waimon? Ich sage, wir wollen einen Gang machen, der Dir nicht gefallen soll. Aber Friede, Herr, Friede! denn ich bin ein friedlicher Mann und ein dankbarer Mann, darum bin ich selbst gekommen, weil der Schelm, Jem, mir sagte, es wären fromme Leute aus Stockholm im Dom, welche sich hungrig beten wollten, damit sie meinem Abendessen alle Ehre anthun könnten.

Er fing herzlich zu lachen an und rief dazu: Ich hoffe somit, meine besten Herren, daß der Bursche wenigstens darin Recht hat, daß Sie Lust zum Essen mitbringen; aber es war nicht Recht, Otho, nein, es war nicht Recht! Mein Haus ist groß genug, und es muß gut gemacht werden durch eine lange Einkehr.

Ich wollte Ihnen keine Beschwerde verursachen, sagte der junge Mann, da wir morgen früh unsern Weg fortsetzen.

Keine Beschwerde verursachen? rief der Kaufmann, ist das finnische Sitte? Und morgen früh weiter reisen, obenein ins Tavastland hinauf, ohne in Abo auszuruhen? Das geht nicht an, meine lieben Herren; es bringt kein Glück, aus der Stadt des heiligen Erich zu gehen, ohne sich darin umgeschaut zu haben. Aber die Leute von den Bergen und Seen glauben, es sei bei ihnen am schönsten in der ganzen Welt. Bleiben Sie ein paar Tage bei uns, edles Fräulein, 59 es gibt noch mancherlei Gutes hier unten, und meiner Mary könnte nichts Lieberes geschehen, als das gnädige Fräulein zu bedienen.

Seine freundliche Einladung fand von allen Seiten den verdienten Dank, aber auch bestimmte Ablehnung, da die Weiterreise nicht länger verzögert werden könne. Samuel Halset ließ sich jedoch so leicht nicht befriedigen. Während er mit seinen Gästen die Kirche verließ, bemühte er sich, seine Verlockungen zu erneuen, und zählte ihnen alle Herrlichkeiten auf, welche in Abo zu sehen waren.

Sie müssen die neuen Anlagen besuchen, den botanischen Garten, die Universität und die schönen Aussichten vom Hafen. An Gesellschaften fehlt es uns nicht, wir haben viele junge Herren und Damen von feinen Sitten. Offiziere und Regierungsmänner, Gelehrte und Kaufleute und dazu an die dreihundert Studenten. Abo ist immer eine Stadt gewesen, wo es munter hergeht, um so mehr in dieser fröhlichen Zeit.

Warum nennen Sie diese Zeit fröhlich? fragte Arwed.

Ei, mein bester Herr Baron, erwiederte der Kaufmann, weil man sich so wohl darin fühlt. Erst heut sind Nachrichten gekommen, die besonders große Freude erregen. Der König ist glücklich zurück aus Pommern. Ist es nicht wahr?

Und die deutsche Provinz ist in den Händen der Franzosen, Stralsund ihnen übergeben. Es ist ein Vertrag geschlossen worden, daß auch Rügen geräumt wird, also hat das gräuliche Blutvergießen sein Ende erreicht.

Es ist jedoch kein Friede geschlossen worden, sagte der Kammerherr. Die Engländer sind noch immer unsere Verbündete.

Dem Himmel sei Dank! rief der kleine Handelsherr lustig lachend, hätten wir diese Engländer nicht, so ginge uns der letzte Verbündete, das Meer, aus dem Sack. Der Kaiser von Rußland hat mit den Franzosen Frieden gemacht. In Tilsit haben sie sich umarmt; Napoleon hat mit Alexander in einem Zelte geschlafen. Ganz Deutschland ist den Franzosen nun untergeben, das ganze Europa bis auf England.

Und bis auf Schweden, sagte Ebba.

60 Es ist wahr, es ist wunderbar richtig! nickte Halset. Es ist ein energischer Mann, unser König. Ganz wie Karl der Zwölfte, nur daß er noch keine Schlachten gewonnen hat.

Eh, es wird schon kommen, fuhr er pfiffig blinzelnd fort, es geht Alles gut, Alles vortrefflich! Wir lieben unser Vaterland und ehren unsern König, der dem Napoleon nicht nachgeben will.

Darum lob' ich ihn, sagte Lindström. Ein Schwedenkönig hat wahrlich nicht nöthig, sich vor dem Franzosen zu bücken.

Recht so! lachte der alte Herr, es ist eine Freude zu sehen, wie stolz er ist.

Ist es wahr, Herr Kammerherr, daß am Hofe kein französisches Wort mehr gesprochen werden darf?

Es ist allerdings wahr, erwiederte Arwed.

Sehr gut, ganz wie es sein muß, damit wir das Ausländische ablegen, rief Halset. Somit, meine werthen Gäste, lassen Sie uns echte Schweden bleiben. Treten Sie ein in mein bescheidenes Haus und möge es Ihnen darin gefallen.

Mit diesem Wunsche öffnete er eine Gitterthür, welche zu einem Vorgarten führte, hinter dem ein ansehnliches Gebäude lag, mit einem Balkon versehen, der auf Säulen von Holz ruhte und mit breiten Fenstern, deren mehrere hell erleuchtet waren. Ein Diener, der einen blitzenden Doppelleuchter trug, kam ihnen entgegen und die breite Treppe hinauf leitete Samuel Halset das Fräulein, der er seinen Arm bot, in das obere Geschoß, wo seine Tochter die Fremden erwartete.

Mary Halset hatte sich zu diesem Empfange mit Seide und Gold geschmückt, aber ihr erster Anblick war wenig geeignet, sie für die Tochter ihres Vaters zu halten. Der kleine bewegliche Mann in seinem braunen Klappenrock, dem runden freundlichen Gesicht, den blauen lebhaften Augen darin und dem weißlichen Haar, das einen dicken Puderstrich quer über seine Stirn gezogen hatte und an beiden Seiten seines Kopfes zwei gewaltige Wülsten bildete, war ganz verschieden von seiner blassen und schwarzen Tochter, die so ernst und schweigsam schien, wie er munter und beweglich. In ihren Zügen lag etwas Finsteres und Verschlossenes. Dichte Augenbrauen von besonderer Breite gaben ihr ein fast männliches Ansehen und paßten 61 zu den dunkeln Augen, deren durchdringender Blick nichts Angenehmes hatte.

Ihr Vater stellte sie seinen Gästen vor, die es an üblichen Begrüßungen und höflichen Worten nicht fehlen ließen, ohne dadurch eine vermehrte Belebung der stillen schwarzen Gestalt bewirken zu können. Mary Halset führte das Fräulein zu dem Ehrenplatze auf dem großen hochbeinigen Sopha, der im Zimmer stand, fragte nach ihrer Reise in kalter förmlicher Art und ließ Ebba sprechen und erzählen, während sie diese aufmerksam musternd betrachtete. Um die übrigen Gäste ihres Vaters schien sie sich gar nicht zu kümmern. Es stand eine gedeckte Tafel in dem großen Zimmer; auf silbernen Armleuchtern brannten viele Kerzen und die sauber mit französischen Tapeten bedeckten Wände, wie alle Einrichtungen des Hauses zeigten an, daß Samuel Halset ein wohlhabender Mann sei. Nach der Sitte reichte einer seiner Diener Wein und Backwerk umher, um das Willkommen im Hause zunächst zu trinken, dann nöthigte der verjüngte Handelsherr zum Platz nehmen an seinem Tische, und vertheilte seine Ermunterungen nach allen Seiten. Dem Kammerherrn und dem russischen Gräfin theilte er seine Tochter zu, er selbst nahm das Fräulein in Beschlag und nun begann ein Mahl, mit dem Arwed sehr zufrieden sein konnte, denn es fehlte nichts um dies zu bewirken.

Wir leben in einfach bürgerlicher Weise, sagte Halset sich entschuldigend, und haben keine Umstände machen können, aber wenn wir auch durch die Gnade unseres verehrten Königs von mancherlei leichtsinnigen französischen Gerichten befreit worden sind, welche sonst wohl mit französischen Schiffen auch zu uns kamen, so haben wir doch noch einige Ecken und Winkel in unsern Kellern, wo alte bestaubte Franzosen verborgen lauern, denen wir als gute Patrioten die Hälse brechen müssen.

Seine Weine aus Bordeaux und der Champagne wurden damit eingeführt und der lustige Handelsherr hatte immer neue Scherze in Bereitschaft, um die gute Laune seiner Gäste anzuregen. Dabei war er gut unterrichtet, sowohl über das, was in der Welt vorging, wie über nahe liegende Angelegenheiten, und Alles was er sagte gab sich bündig und verständig.

62 Die Reise, welche von seinen Gästen am nächsten Tage gemacht werden sollte, war ein Gegenstand, über den er längere Zeit sprach und Otho Waimon mit Neckereien überschüttete. Es ist ein vortreffliches Land da oben, rief er endlich, aber die Menschen darin haben von je her wenig getaugt. Die alten Tavasten waren hartnäckige eigensinnige Leute, und die neuen sollen nicht besser sein. Dabei stieß er mit Otho an und warnte seine Nachbarin sich vor ihm zu hüten.

Glauben Sie, daß ich es nöthig habe? fragte Ebba.

Halset betrachtete sie mit schelmischem Augenzwinken. Meiner Treu! schrie er, ich glaube es. Sie haben etwas in Ihrem Gesicht, was so aussieht als liebten Sie ein rasches Pferd, einen jähen Pfad und einen wilden Busch, und hat er Sie erst dort oben, so wird er Ihnen so viele romantische Schönheiten zu kosten geben, daß Glück dazu gehört, um sich den Kopf von Schwindel frei zu halten.

Sein Lachen erhielt den gutmüthigsten Ausdruck durch seine Geberden, aber Ebba bemerkte doch, daß Otho sich Zwang anthat, um seine Gleichgiltigkeit und Freundlichkeit zu behaupten. In seinen Augen loderte zuweilen ein Feuer auf, das eine ganz andre Antwort gab, wie seine Lippen, welche betheuerten, daß noch Niemand Schaden genommen, den er geführt.

Ist das Land denn so wild und gefährlich? fragte der Kammerherr.

Es ist meistentheils eher ein edler Garten zu nennen, erwiederte der junge Mann.

Aber, wie ich sagte, bewohnt von den Nachkommen der allergrimmigsten Heiden, fiel Halset ein, die noch jetzt voller Einbildungen stecken und sich nicht einmal entschließen können, die christliche schwedische Sprache zu sprechen, sondern lieber bei der altfinnischen bleiben, welche sie weit über alle andern stellen.

Nichts ist natürlicher für den Finnen, als daß er seine Sprache liebt und ehrt, erwiederte der junge Mann. Thäte das ein Jeder, und meinte es aufrichtig und ehrlich mit seinem eigenen Blut, so würde Manches besser sein, was schlecht ist.

Genug, genug! rief Halset lachend, wir wollen nicht darum streiten. Unsere werthen Gäste werden bald selbst erfahren, wie es in den 63 Thälern und Bergen an Pajänesee hergeht und da sie sich nicht zurückhalten lassen, wüßte ich Keinen, der ihnen ein besserer Gefährte sein könnte, als Otho Waimon.

Damit brach er das Gespräch ab und winkte einen Diener herbei, der eine große Schale voll starken Punsch vor ihn hinstellte, welcher nach dem Landesgebrauch den Schluß des Mahles machen sollte. Pfeifen wurden umhergereicht, die Damen standen auf und überließen es den Herren, ungestörter über Politik und was sie sonst wollten zu plaudern. Die Thüren des Balkons wurden geöffnet und die beiden jungen Mädchen traten in die milde Nacht hinaus. Ein lauer Wind fächelte durch die Bäume, der Himmel hing voll großer funkelnder Sterne und unter ihnen lag die Stadt in Dunkel und Stille. Nur auf dem Flusse blitzte da und dort ein Licht von einem Schiffe, ein Boot mit einer Leuchte am Mast zog rasch den Strom hinab und in der Ferne verhallte der Gesang von Männern, ihr Rufen und Lachen.

Wie schön ist es hier! sagte Ebba, um das Schweigen zu unterbrechen.

Sie werden morgen gutes Wetter haben und bedürfen es auch, erwiederte Mary.

Sind die Wege beschwerlich?

Es sind zum Theil enge felsige Straßen zwischen hohen Bergen.

Sie kennen also das Land?

Ich habe eine Zeit lang darin gelebt.

Wo? In Halljala?

Wenigstens in der Nähe.

Dann kennen Sie auch meinen Verwandten Erich, sagte das Fräulein. Sie müssen mir von ihm erzählen, denn ich habe ihn niemals gesehen.

Ich weiß wenig von ihm, erwiederte sie.

Er muß ein Sonderling sein, der in seinem Hause ein eigenthümliches Leben führt.

Was ich von ihm gehört habe, sagte Mary, berechtigt mich zu glauben, daß er sehr edel und groß denkt.

64 Sie sahen ihn also öfter? fragte das Fräulein nach einem kleinen Schweigen.

Ja, er kam häufig zu uns – zu der Familie Waimon.

Dort lebten Sie. Die Familie wohnt nicht weit davon?

Nicht weit.

Aber auch auf dem Lande?

Es gibt dort keine Städte, nur Kirchspiele, zerstreute Häuser und Höfe oder Güter.

Herr Waimon besitzt ein solches Gut?

Ein kleines Gut, das ihm gehört, seit seine Mutter todt ist.

Wie heißt es?

Louisa.

Nach einer Frau benannt.

Nach seiner Mutter.

Herr Otho Waimon ist deren einziger Erbe?

Nein.

Er hat also noch mehrere Geschwister?

Eine Schwester.

Wie heißt sie?

Louisa.

Ist sie schön? fragte Ebba nachsinnend.

Davon ist nichts zu besorgen, erwiederte Mary im fast höhnend scharfem Tone und indem sie von dem Geländer zurücktrat, fügte sie hinzu: Der Wind wird heftiger, das gnädige Fräulein könnte sich erkälten. Ist es Ihnen gefällig, so gehen wir hinein.

Die kurzen, gewaltsam abgepreßten Antworten und das ganze Benehmen dieser schweigsamen Jungfrau waren nicht geeignet, in Ebba die Lust zu vermehren, diese Unterhaltung fortzusetzen. Eine widerwillige Empfindung regte sich in ihr, und ohne den Faden von neuem aufzunehmen, blieb sie eine Zeit lang neben ihrer stummen Nachbarin sitzen und überlegte, was sie von ihr gehört hatte.

Während dessen war die Unterhaltung der Herren weit lebhafter gewesen und hatte mit Hilfe der feurigen Getränke an Zwanglosigkeit zugenommen. Sie erzählten von Stockholm, von dem Könige, der sich selten dort sehen lasse, und jetzt wohl bald wieder bei dem Manne 65 verweilen werde, dem er sein ganzes Vertrauen schenke, nämlich bei dem alten Feldmarschall Toll. Die höhnenden Witzeleien in der Hauptstadt, Toll habe den König in der Tasche und lasse ihn nur heraus, wenn er ein neues lächerliches Kunststück vor ganz Europa produciren solle, wurden mit andern ähnlichen Geschichten nicht vorenthalten. Serbinoff allein blieb zurückhaltend.

Es ist wunderbar, was Alles aus einem Menschen werden kann! rief der Handelsherr endlich, indem er seine schlauen Augen umherblitzen ließ. Ich habe den berühmten Feldmarschall gekannt, als er noch ein kleiner Landrichter war, den man seiner lustigen Streiche wegen absetzte. Im Jahre 1772 aber, wo er Gustav dem Dritten bei der Revolution half, wurde er ein großer Herr, und das muß man sagen, er hat das Allermeiste dazu gethan, daß das Ritterhaus gedemüthigt wurde und endlich Keiner mehr etwas in Schweden zu sagen hatte, als der herrliche ritterliche König.

Daher auch behaupten manche Leute, erwiederte Arwed, daß, wenn Gustav der Dritte diesen berühmten General nicht kennen gelernt hätte, er noch sehr lange regiert haben würde.

Fiel der General nicht während der Regentschaft in Ungnade? fragte Serbinoff.

Er zumeist und zunächst, sagte der Kammerherr. Als Gustav der Dritte auf dem Maskenballe im Opernhause von Stockholm, am 10. März 1792, von dem fanatischen Narren Ankerström niedergeschossen wurde, bat er auf seinem Sterbebett noch seinen Bruder, den Regenten, alle seine Günstlinge in ihren Stellen zu lassen, ganz besonders aber bat er für Toll und empfahl ihn als den Getreusten der Getreuen. Kaum aber saß der Herzog Karl in dem königlichen Stuhl, so wurde Toll mit allen Andern abgelohnt und die Wirthschaft des Freiherrn Reuterholm begann. Die Freimaurer und Wunderthäter verbreiteten sich über Schweden, der Stein der Weisen sollte gefunden werden, die Sterne sollten Gold und Seligkeit verschaffen, auf der schwedischen Erde aber ging es um so nichtswürdiger her.

Unglücklicher Weise regierten die Sterndeuter und Propheten nur vier Jahre lang, rief Halset, sonst wären wir sämmtlich selig geworden, da bekanntlich kein Reicher das Himmelreich erlangt.

66 Glauben Sie denn jetzt außen bleiben zu müssen? fragte Arwed lachend.

Da unser glorreicher König den alten Toll wieder hervorgeholt hat, sobald er zur Regierung kam und diesen tapfern und berühmten General, der niemals eine Schlacht gewonnen, als seinen ersten Rathgeber hält, so sind meine Hoffnungen wieder gewachsen, erwiederte der lustige Handelsherr. Dem Himmel sei Dank dafür, daß wir endlich die barbarische deutsche Provinz los sind, und der Himmel segne Finnland, das so glücklich ist, von dem Kriegslärm nichts zu sehen und zu hören!

Es sind wenige Soldaten in diesem Lande? fragte Serbinoff den jungen Waimon, der neben ihm saß.

Nur die eingetheilten Regimenter, antwortete dieser; im Ganzen vielleicht neun- bis zehntausend Mann.

Wir hätten gar keine nöthig, sagte Halset, denn wer wollte Finnland etwas anhaben?

Die es möchten, haben sich oft schon die Finger daran verbrannt, rief Lindström.

Es ist Alles in bester Ordnung, fuhr der Kaufmann fort. Die Flotte liegt abgetakelt in den Häfen und die jungen Seeoffiziere machen Reisen in die finnischen Wälder, um Bären zu fangen. Aber weckt den schwedischen Löwen nicht auf, es ist kein Spaßen mit ihm!

Wart nur ein Weilchen, sagte Lindström, in das Gelächter einstimmend, es wird sich wohl noch etwas zusammenbrauen, wo die schwedische Flotte sich wieder einmal zeigen kann. In Karlskrona ging das Gerede, daß der König unsern Admiral Olaf Cronstedt zum Commandanten in Sweaborg ernannt hat. Das ist ein Name und das ist ein Mann, bei dem jedem Schweden das Herz hüpft, denn wo wäre ein schwedisches Herz, das dabei nicht an die Svensksundbucht dächte und an den 9. Juli 1790. Wenn es jemals wieder den verdammten –

Still! rief Arwed ihn unterbrechend.

Ei was, lachte der junge Mann sich besinnend, ich will Niemand beleidigen, aber wenn in Finnland und Schweden vom Reichsfeinde 67 die Rede ist, gibt es kein Kind, das nicht wüßte, wer damit gemeint wäre.

Lassen Sie ihn, sagte Serbinoff, denn er spricht die Wahrheit und warum sollte er sein patriotisches Gemüth nicht erleichtern? Jahrhunderte lang haben die beiden Nationen sich bekämpft. Ich stoße mit Euch an, ihr Herren, daß die Russen nie wieder die Finnen sich gegenüber sehen mögen.

Die Gläser klangen und nach einer Auswechselung freundlicher Worte verwickelte sich der junge Offizier in ein langes Gespräch über die berühmte Veste Sweaborg, über deren Unüberwindlichkeit und über die Flotte in ihrem Hafen, welche den besten und bedeutendsten Theil der gesammten schwedischen Scheerenflotte ausmachte. Er gerieth dabei in Streit mit seinem Verwandten, der es tadelte, daß ein Admiral zum Befehlshaber einer Festung gemacht werde, auch in Streit mit Otho, welcher kürzlich in Sweaborg gewesen war und Klagen über allerlei Mängel gehört hatte. Mitten in dieser lebhaften Unterhaltung stand Graf Serbinoff auf und nachdem er mit Halset einigemale auf und niedergegangen war, traten Beide auf den Balkon hinaus und blieben unter dessen Thür stehen.

Es ist mir lieb, Herr Halset, sagte Serbinoff hier mit gedämpfter Stimme, daß der günstigste Zufall mich zu Ihnen führte. Auf jeden Fall würde ich nicht aus Abo gegangen sein, ohne Ihre Bekanntschaft gemacht zu haben.

Ich war von Ihrer Ankunft im Voraus benachrichtigt, erwiederte der Kaufmann, wußte auch, daß Waimon Sie und Ihre Begleiter erwartete, und würde mich bei Ihnen eingefunden haben, selbst wenn der trotzige Bursche Sie nicht zu mir gebracht hätte. Daß der Gasthalter im Löwen gar nichts für ihn aufgehoben hatte, fügte er leise lachend hinzu, geschah, weil ich es so wollte.

Hängt es so zusammen? versetzte Serbinoff. Herr Waimon schien ungern genug Ihrer Gastfreundschaft entgegen zu kommen.

Halten wir uns nicht bei ihm auf, fiel Halset ein. Ich kann Ihnen mit wenigen Worten sagen, warum er und seine gesammte Sippschaft mir aus dem Wege gehen. Sein Vater war mein Jugendfreund, es besteht auch Verwandtschaft zwischen uns. Wir passen 68 jedoch nicht zusammen, so ist Trennung in unsere Freundschaft gekommen.

Ich habe meinen Freund, den Baron Bungen, begleitet, sagte Serbinoff, um Finnland kennen zu lernen und mit einflußreichen, klugen Männern Verbindungen anzuknüpfen. Einfluß hat dieser junge Mann wohl so wenig wie Rang und Ansehen.

Sagen Sie das nicht, erwiederte Halset. Unter dem Landvolk im Tavastland gibt es keinen der bekannter wäre als er, denn in Künsten und Geschicklichkeiten, welche solche rohe Menschen lieben, ist er Allen voran. Dazu kommt seine Verwandtschaft mit dem Freiherrn Randal, der noch mehr gilt, denn das Volk läuft zu ihm wie zu einem Wunderthäter, obwohl er weit eher ein Narr genannt werden müßte.

Ist er reich? fragte Serbinoff.

Was, reich! antwortete Samuel Halset, indem er seine Stirn in Falten zog. Viel haben die Waimons nie besessen, aber auch nichts gethan, um ihr Gut klug und ordentlich zu mehren. Sie sind so wenig reich, wie Erich Randal, obwohl dem ein großes Besitzthum gehört. Für Ihren Zweck kann jedoch Nichts besser sein, als Sie halten sich an den Freiherrn. Sie sind jung und fein gebildet, er ist eine Art Gelehrter, sanftmüthig und gutherzig, Sie werden schon sehen; leichtgläubig, wenn man sein Herz aufregt, und großmüthig, was man so nennt. Es ist eine alte Familie, eine der ältesten und angesehensten, auch eine der reichsten, wenn Großvater und Vater besser gewirthschaftet hätten und dieser Haus zu halten verstände.

Ihre Mittheilungen sind mir sehr schätzbar, sagte Serbinoff, ich werde sie zu benutzen wissen.

Sehen Sie sich die Menschen und die Dinge an, fuhr Halset fort. Ich denke, der junge gelehrte Herr wird Ihnen gefallen, und wenn Sie meine Hilfe brauchen können, so komme ich.

Ich werde es nicht vergessen. Zunächst, Herr Halset, sagen Sie mir jedoch, ob ich Geld von Ihnen bekommen kann, wenn ich es brauche?

Geld, so viel Sie haben wollen, Herr Graf.

Und ob ich meine Briefe durch Sie befördern lassen kann, fuhr Serbinoff leiser flüsternd fort.

69 Darauf bin ich vorbereitet, antwortete der Handelsherr, indem er in seine Tasche griff und ein schmales Stück Papier herausholte. Stecken Sie das ein, es ist die Adresse eines Mannes, dem Sie Alles was Sie wollen unter meiner Aufschrift übergeben können. Es wird sicher in meine Hände gelangen.

Und nun erzählen Sie mir etwas über die Stimmung hier in Abo? Was denkt man von den letzten Vorgängen?

In Pommern? Man gönnt es ihm von ganzem Herzen und gönnt ihm noch mehr.

Dem Könige. Er hat also auch hier wenige Freunde?

Wie kann der Freunde haben, der weder die Wahrheit hören noch das Rechte und Richtige jemals thun will? Jede Woche bringt beinahe irgend eine verkehrte Handlung, irgend einen Vorfall oder Befehl, der Ärger oder Lachen erregt. Das Volk auf dem Lande selbst und die untergeordnete arbeitende Klasse erzählt sich schon von seinen Tollheiten und schimpft wenigstens auf den Krieg und auf unnöthige Lasten und Plackereien.

Und die Beamten, die Soldaten?

Wenn er es verstände, sich eine Partei zu machen, wie es sein Vater verstand, sagte Halset, wenn er so liebenswürdig, geistreich und liederlich wäre, wie der es war, so würden ihm die Schweden Manches verzeihen; allein der steife Hochmuth, der seine Gebote und Befehle für göttliche Gebote hält und keinerlei Einsicht zugänglich ist, sein pedantisches Wesen, seine Frömmelei und sein in Narrheit ausartender Eigensinn, Alles zusammen kann nur abschrecken und erbittern. Ich habe ihn kennen lernen auf dem Reichstage vom Jahre 1800 und später bei Deputationen. Gewalt und Willkür gegen alles Recht und, was noch schlimmer ist, gegen alle gesunde Vernunft, setzten damals durch, was der König und sein böser Geist Toll wollten; doch damit nicht genug, wurden die, welche für ihr gutes Recht männlich sich erhoben hatten, obenein vor das Hofgericht gestellt, um als Empörer und Hochverräther gestraft zu werden. Seit jener Zeit wußte jeder, was er zu erwarten hatte. Eine Willkürwirthschaft zehnmal ärger als zu seines Vaters Zeiten. Handel und Wandel zerstört, Druck und Elend überall. – Alte Geschichten, Herr Graf, alte Geschichten! unterbrach 70 er sich, wir könnten lange dabei stehen bleiben. Sehen Sie umher, hören Sie selbst, es wird Ihnen nichts verborgen bleiben. Unzufriedener Adel, unzufriedene Beamte, mißmuthige Offiziere, Sorglosigkeit, schlechte Wirthschaft und Unordnung überall.

Ich höre von Ihnen, erwiederte Serbinoff, was ich in Stockholm von vielen Seiten vernahm, und was speciell der Kammerherr Bungen mir bestätigte.

Der Kammerherr! flüsterte Halset leiser, indem er seine grauen Augenbraunen in die Höhe zog und pfiffig lächelnd nach dem Tische sah. Er gehörte früher zur französischen Partei, nun zur russischen, was jetzt freilich dasselbe ist, Sein Vater war einer der Lieblinge Gustav's des Dritten, und wenn der jetzige König ihn nicht zurückgesetzt hätte –

Er ist ganz mein Freund, fiel Alexei ein. Seinen Einleitungen verdanke ich es, in bester Weise Finnland besuchen zu können.

Und seine Schwester – ein schönes Fräulein! erinnert mich – hm! hm! murmelte Halset mit einem pfiffigen Lächeln auf den russischen Grafen. Sie wird neues Leben in das alte Schloß bringen. Die schwedischen Damen treiben gern Politik und haben manchen harten Kopf schon mürbe gemacht. Diese da scheint mir wohl geeignet, auch eine Rolle zu übernehmen, wenn sie will.

Wir wollen erwarten, was geschieht, sagte Serbinoff. Die Politik der Frauen folgt mit seltenen Ausnahmen immer dem Zuge ihres Herzens.

Eine feine Bemerkung, rief Halset, viel Glück auf den Weg! Romantisch genug ist es an dem Pajänesee, zu den schönsten arkadischen Scenen ausgerüstet.

Sie werden diese durch Ihre Gegenwart verherrlichen, wenn ich darum bitte.

Gewiß, aber noch Eines, ehe wir gehen. Sie werden mit dem Adel in der Umgegend bekannt werden. Versäumen Sie es nicht, oder veranstalten Sie es so, daß der Freiherr Wright dabei nicht fehlt. Das ist ein Mann, den Sie brauchen können. Er wird dazu bereit sein, Ihnen zu dienen.

Die beiden Herren kehrten zu ihren Freunden zurück, und nach ewiger Zeit wurden die letzten Gläser geleert. – Muß denn 71 geschieden sein, sagte Halset, so wollen wir von unseren edeln Gästen doch nicht ohne die Hoffnung Abschied nehmen, sie bald wieder zu sehen. Bleibt der Herbst so gut, wie er sich anläßt, so kommen wir bald nach Halljala hinauf; ich bringe meine Tochter mit, und die frohen Tage sollen dann sobald kein Ende nehmen. Die herzlichsten Grüße, mein lieber Otho, die aller herzlichsten Grüße, an alle meine theuern Freunde, aber was ich gesagt habe, dabei bleibt es. Hüte sich Jeder vor ihm, denn er ist ein Finne, und keinem Finnen darf man trauen.

Nach einer Reihe ähnlicher Abschiedsscherze erfolgte endlich der Aufbruch, den der Diener des Großhändlers mit einer Stocklaterne eröffnete. So behütet erreichte die Gesellschaft das Wirthshaus, das jetzt so still und dunkel war, wie die ganz in Nacht gehüllte Stadt.

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