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Erich Randal

Theodor Mügge: Erich Randal - Kapitel 17
Quellenangabe
typefiction
booktitleErich Randal
authorTheodor Mügge
year1856
firstpub1856
publisherVerlag von Meidinger Sohn
addressFrankfurt a. M.
titleErich Randal
pages830
created20090617
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Siebzehntes Kapitel.

Fast zu gleicher Zeit langten die verschiedenen vornehmen Gäste an, um derentwillen in Schloß Liliendal so viele glänzende Einrichtungen getroffen wurden. Der Tag war dunkel, und, wie es in dieser nördlichen Breite zu dieser Jahreszeit geschieht, die Nacht schon mit der zweiten Nachmittagsstunde eingetreten. Ehe jedoch die Finsterniß sich verdichtete, erschienen in einer Reihe Schlitten die russischen Offiziere. Als sie Mäntel und Pelze abgeworfen hatten, sah man meist junge und schöne Männer, die in ihren reichen und glänzenden Uniformen einen äußerst vortheilhaften Eindruck machten. Nur der General, dem sie in den Saal folgten, war ein betagter Herr von beinahe sechszig Jahren; allein dies Alter hatte ihm von seiner Rüstigkeit wenig genommen. Seiner kräftigen breiten Gestalt mangelte es nicht an Gelenkigkeit. Die Artillerieuniform mit breiten goldenen Achselschnüren stand ihm gut, und wer in sein Gesicht sah, konnte nicht zweifeln, daß dies einem klugen oder schlauen Manne 350 gehörte. Seine Augen blickten gewinnend freundlich und fest umher; sein schlichtes blondes Haar, das seine Farbe noch nicht verändert hatte, lag kurz abgeschnitten auf einer hohen Stirn; ein äußerst feines Lächeln füllte die tiefen Falten, welche zu beiden Seiten von der geraden starken Nase zum Munde niederliefen. General Peter Suchtelen machte mit seinen vielen gewandten Verbeugungen und dem höflichen Wortreichthum, in welchem er dem Freiherrn Wright seinen Dank ausdrückte, mehr den Eindruck eines Hofmannes, als eines Soldaten, obwohl er als solcher im russischen Heere hochgeschätzt wurde und erst später auch als Diplomat noch mehrfache Dienste leistete. In Finnland verdiente er sich die Sporen dazu; denn die geheimen Unterhandlungen mit manchen Offizieren im schwedischen Heere, mit adeligen Herren, Beamten und Priestern gingen zum Theil durch seine Hände. Die Krone aller dieser Vorbereitungen zur Eroberung Finnlands blieb jedoch die Unterhandlung mit dem Befehlshaber des mächtigen schwedischen Bollwerkes, dem Manne, zu welchem alle Schweden einen eben so unbedingten Glauben hatten, wie zu den Felsenwällen, welche ihm anvertraut waren. General Suchtelen hatte dem Admiral in Sweaborg einen höflichen Besuch schon vor einigen Monaten gemacht, jetzt, wo die Sachlage sich ernster gestaltete, konnte ein freundschaftlicher Verkehr nicht mehr gut stattfinden; allein der Zufall machte es weder unmöglich noch anstößig, daß ein Zusammentreffen in einer Familie sich ereignete, die nach beiden Seiten hin ein vermittelndes Band bildete. Frau von Gurschin war die Wittwe eines russischen hohen Beamten, Oberst Wright, ihr Oheim, ein schwedischer hoher Offizier. Noch schienen die gespannten Verhältnisse zwischen den beiden verwandten Höfen nicht von der Art zu sein, um nicht noch immer an Erhaltung des Friedens glauben zu dürfen. In Stockholm wenigstens glaubte man daran ganz bestimmt, trotz einiger Warnungen des Gesandten in Petersburg; denn bei aller Freundlichkeit, schmeichelhafter Auszeichnung und Liebenswürdigkeit des Kaisers Alexander war der vorsichtige Baron Stedingk mißtrauisch geworden durch die enormen Massen Kriegsmaterial und Vorräthe aller Art, welche in das russische Finnland geschickt wurden. Seine vertrauten Berichte hatten jedoch keine andere Wirkung, als daß das kleine finnische Heer sich an 351 der Grenze beobachtend zusammenzog. Höchstens waren es 12,000 Mann, von denen die Hälfte in Sweaborg lag, die andere Hälfte gegen den Grenzstrom Kymene vorgeschoben wurde. In Schweden rührte sich kein Fuß, nicht ein Mann an Verstärkung kam nach Finnland herüber; eine seltsame verblendete Sicherheit wiegte den König ein, der alle Macht, welche er besaß, in Schonen und an Norwegens Grenze festhielt, überzeugt, daß Dänen und Franzosen ihn weit näher bedrohten, als sein Schwager, der Russenkaiser, der ja noch vor wenigen Monaten mit ihm gemeinsam gegen die wälschen Teufelskinder gefochten und ihm die freundschaftlichsten Briefe geschrieben hatte. Dieser blinde Glaube ging so weit, daß wirklich noch während des Cabinetsstreites den Russen Kanonen sammt Pulver und Kugeln geliefert wurden, mit denen sie bald darauf Sweaborg beschossen, und wie der König den ganzen russischen Grenzspektakel für leere Demonstration hielt, womit Alexander seinem neuen Freunde Napoleon Sand in die Augen streuen wolle, so thaten es seine Minister, seine Offiziere und alle seine Günstlinge. Weil die Russen ihr Finnland stark besetzten, schien es schicklich, auch das schwedisch-finnländische Heer auf die Beine zu bringen und einige Tausend Mann der Ehre wegen zu zeigen; mehr jedoch zu thun, sich bis an die Zähne zu bewaffnen, alle Kraft des Landes aufzurufen, wurde als thöricht verlacht. Der König hatte dabei noch einen Grund, es nicht zu thun; denn er hätte die Reichsstände berufen müssen, und das wollte er nicht. Er, der sich vorgenommen hatte, die Revolution zu bändigen, der von seinem Vater den Gedanken geerbt, er sei dazu berufen, die vertriebene Königsfamilie wieder nach Frankreich, nach Paris zu führen und den Thron der Lilien von Gottes Gnaden wieder aufzurichten, er konnte unmöglich unzufriedene Stände versammeln, welche ohne Zweifel den heftigsten Widerspruch erhoben hätten. Frieden mit Frankreich war das große Losungswort in Schweden geworden. Napoleon wurde vergöttert. Je mehr der König diesen der Hölle entstiegenen Apollo verabscheute, den die Offenbarung des heiligen Johannes schon vor so vielen Jahrhunderten ankündigte, um so mehr liebten ihn seine Schweden; je hartnäckiger er jede Unterhandlung mit diesem von Gott verworfenen Wesen verweigerte und mit seinem Schwager, dem Kaiser, 352 sich immer heftiger überwarf, um so einstimmiger wurde er dafür verlacht und ein Narr genannt, von dem man alle nur mögliche Tollheiten erzählte. Der Schwedenkönig, wie er sich selbst am liebsten hieß, blieb dagegen nicht unempfindlich; doch nicht um nachzudenken und nachzugeben, sondern um noch weit heftiger, erbitterter und halsstarriger zu werden. Seine Männer und Diener mußten seine Launen oft empfinden, und das hatte auch der empfunden, den er bald darauf eben so willkürlich zum Befehlshaber von Sweaborg erhoben. Alle diese Generale aber dachten nicht daran, daß die Felsenfestung jemals angegriffen werden könne, nachlässig genug wurde der Befehl erfüllt, wenigstens für vier Monate ausreichenden Proviant anzuschaffen.

Sam Halset, der große Getreidehändler in Abo, öffnete bei dieser Gelegenheit seine Magazine und kam öfter nach Sweaborg. Er kaufte bis an die Grenze hin und darüber hinaus Vorräthe ein, und da der Verkehr nirgend gehemmt war, erschien er auch in Frederiksham und in anderen Küstenplätzen. Mancher russische General wurde mit ihm bekannt, und mancher stattliche Offizier reiste in seiner Kalesche in's schwedische Land hinüber. Überhaupt entwickelte sich ein lebhafter freundschaftlicher Verkehr zwischen den sich gegenüberstehenden schwedischen und russischen Schaaren. Es war beinahe so, als läge eine gewisse Absichtlichkeit darin, kameradschaftliche, fröhliche Besuche und Feste zu veranstalten und in liebenswürdigster Weise mit einander umzugehen.

Im russischen Heere, das zum Theil aus Garderegimentern bestand, dienten edle junge Herren aus den ersten und reichsten Familien des Landes, dazu kamen mancherlei Fremde, welche Aufnahme und Beförderung gefunden. Die langen Kämpfe der Russen in Deutschland, Italien, am Rhein und an der Donau hatten einen ritterlichen Geist der Offiziere erzeugt. Das russische Heer enthielt den geistreichsten, thätigsten, lebendigsten Theil des großen Volkes; Alles, was Kraft und Muth, was Ehrgeiz und Leidenschaft besaß, warf sich in diesen großen Strom, der zu allem möglichen Glück und aller möglichen Ehre führte. Alle die wilden, übermüthigen, ausschweifenden Männer, welche sich in Petersburg herumtummelten, schmückten sich gern mit glänzenden Uniformen und rangen nach Ruhm und 353 Orden, oft mit beispielloser Kühnheit und Tapferkeit. In Liliendal befand sich daher ein Kranz von edlen Namen und herrlichen Gestalten, und dieser wurde nach einer Stunde nicht wenig vermehrt, als abermals eine Anzahl Schlitten den Schloßhof füllte und beim Fackelschein die schwedischen Gäste des Barons daraus hervorsprangen.

Auch im schwedischen Heere und im finnischen Theile desselben befand sich ein großer Theil des jungen Landesadels, und von frühen Zeiten an sind die Schweden als körperschöne Männer berühmt gewesen. Ihre Uniformen waren freilich weit weniger prächtig und kleidsam als die ihrer Nebenbuhler, und eben so wenig konnten sie in Gewandtheit der Formen sich mit Jenen messen, die in den Sälen der russischen Hauptstadt Unterricht darin erhalten hatten; allein ihre hohen, schlanken und kräftigen Gestalten, ihre frischen Gesichter und die muthvoll blitzenden blauen Augen gaben ihnen andere Vorzüge.

Die beiden Generale kamen darin überein, daß sie dies Begegnen als ein vollkommen unerwartetes und überraschendes erklärten und mit ihrer Verwunderung ihr Vergnügen ausdrückten, sich in solcher Weise wieder zu sehen. Keiner der Umstehenden hätte daran zweifeln mögen, wenn er den tapferen Admiral Cronstedt betrachtete, in dessen langem, trocknem Gesicht sich ein Widerstreben ausdrückte, als wäre es ihm am liebsten, tausend Meilen weit davon zu sein. – Graf Olaf Cronstedt schien ein ausgewetterter alter Seemann zu sein, knochig und fest, wo man ihn anfassen mochte. Sein Haar war gepudert und gebunden, er trug den Körper gerade und steif, und in dem verlegenen Lächeln, das seine harten Züge weder verschönte noch erweichte, ließ sich wenig von der kaltblütigen, unerschütterlichen Sicherheit erkennen, die er bei manchen Kriegsthaten bewiesen hatte. Der Admiral war jedoch von dem Obersten Jägerhorn begleitet, der es mit Suchtelen und allen Russen an Gewandtheit der Formen aufnehmen konnte, und unter dessen Beihilfe bald die üblichen gegenseitigen Höflichkeiten in Fluß gebracht waren. Die Vorstellung wurde dann allgemein, und als Frau von Gurschin mit Ebba herantrat, gefolgt von Sam Halset's Tochter und Otho's Schwester, belebte die ritterliche Galanterie der jungen Offiziere bald den ganzen Saal.

354 Alle bedienten sich hierbei der französischen Sprache, welche als Verständigungsmittel für so verschiedene Nationalitäten auch hier ihr Vorrecht behauptete. Die russischen Herren redeten diese Sprache mit größter Fertigkeit, auch bei den Schweden war sie seit alten Zeiten die Sprache der höheren Gesellschaftskreise, die Finnen endlich, welche unter allen Völkern Europa's wohl das meiste Sprachtalent besitzen, zeigten sich nicht weniger vertraut mit ihr. Die schöne Frau von Gurschin war bald mit den beiden vornehmen Offizieren in die munterste Unterhaltung verwickelt, um welche sich ein Theil der glänzenden Herren schaarte, welche sie mit ihren Blicken und ihrem Lächeln festhielt. Ebba wurde von dem jungen Fürsten Dolgorucki beschäftigt, der sich als Serbinoff's bester Freund ankündigte, ihn vor wenigen Tagen erst gesehen hatte und viel von ihm zu erzählen wußte. Baron Arwed brachte seine Huldigungen dem Gegenstande seiner Berechnung und ließ sich von der unzerstörbaren Ruhe dieser spröden Jungfrau nicht abhalten, seine launigen Fragen und witzigen Antworten fortzusetzen, wenn er auch mit geheimem Verdruß bemerkte, daß Mary's Augen bald auf Otho hafteten, der von einem schwedischen Seemann aus dem Gefolge des Admirals festgehalten ward und welcher kein anderer war, als Gustav Lindström, bald zu Erich Randal hinüberschauten, der soeben von dem Freiherrn Wright dem russischen General vorgestellt wurde. Arwed hatte seinen ungestümen lustigen Vetter eilig abgeschüttelt, um sich der Dame, welcher er zu gefallen wünschte, zu nähern; er hatte gehofft, daß seine erneute Aufmerksamkeit ihr Wohlwollen erwecken würde und daß sie überhaupt mit freundlicheren Empfindungen nach Liliendal gekommen sei, allein er sah sich darin getäuscht. Mary Halset schien noch ernster und in sich gekehrter zu sein. Mitten in dieser glänzenden lebhaften Gesellschaft stand sie ohne Zeichen der Theilnahme und häufig beantwortete sie seine Anreden mit so leeren starren Blicken, als habe sie nichts davon gehört.

Während dies geschah, begab es sich an der anderen Seite des Saales, daß Louisa rasch durch die Gruppen der Offiziere eilte, um zu ihrer Beschützerin zu gelangen. Neugierig und erstaunt blickten die jungen Herren auf dies schöne Kind, das ihre Theilnahme in hohem Grade rege machte, denn seine zarte Formen sowohl, wie die 355 ein wenig phantastische Tracht mußte alle Blicke auf sich ziehen. Ihre langen glänzenden Haare mit Korallenschnüren durchflochten, hingen nach finnischer Sitte weit über den Rücken nieder. Ein rothes Band mit einem Goldgehänge schmückte ihre Stirn und das weiße einfache Kleid, in reichen Falten niederfallend, erhöhte den Reiz ihrer lieblichen Erscheinung. Die furchtsamen Blicke ihrer großen bittenden Augen begleitete sie mit einem Lächeln, das ihr selbst Muth machen sollte, unter so viele fremde stolze Männer zu treten; plötzlich aber tauchte sich ihr ganzes Gesicht in dunkle Röthe und gleich darauf strahlte es hell und freudig darin auf. Sie streckte ihre Hand aus und ließ sie wieder sinken. Magnus! rief sie laut, und einen Augenblick schien es, als wollte sie auf den jungen Mann, der in der Tracht eines Junkers der finnischen Jäger drei Schritte entfernt von ihr stand, loseilen, gleich aber stand sie wieder still und verbeugte sich, wie es Sitte war.

Magnus Munk war in ähnlicher Weise überrascht. Als er seinen Namen rufen hörte, wie in der alten frohen Zeit, ging der Ton ihm so tief durch's Herz, daß er alle Vergangenheit vergaß; allein es war in der nächsten Minute damit vorbei. Er sah Louisa zurücktreten und als sie sich verbeugte, machte er es eben so. Um ihn her standen Offiziere, das Soldatenwesen hatte ihn schon gelehrt, was sich schickt, und mehr noch that's ein Weh, das in seiner Brust aufwachte.

Es geht dir wohl, Louisa? fragte er.

Mir geht es sehr wohl, antwortete sie. Auch habe ich deinen Vater gesprochen und ihm versprochen, dir seine Grüße zu bringen, wenn ich dich antreffen würde, was ich freilich fast nicht erwartete.

Das erwartetest du nicht, sagte Magnus, und er lächelte, obwohl es ihm schwer wurde. Er richtete seine Augen auf sie, Louisa bemerkte, daß er magerer und blässer geworden sei.

Du siehst nicht ganz munter aus, begann sie nochmals und es überkam sie eine Furcht, als er sie so sonderbar starr darauf anblickte.

Ein anderer junger Mann trat jetzt herbei, auch ein Junker von demselben Regiment, aber größer und stärker als Magnus Munk. Wahrhaftig, rief er, es ist meine kleine süße Nachbarin, Louisa. Welch Ehre, Sie hier zu sehen, und wie groß sind Sie geworden, 356 dabei aber doch noch der allerliebste kleine Elf, wie Sie immer genannt wurden.

Es war der Junker Ridderstern, der in dieser Weise sich einmischte und Magnus zurückdrängte. Er fragte und lachte, erkundigte sich nach Neuigkeiten aus Halljala, erzählte dabei, daß er seinen Verwandten, Oberst Jägerhorn, hieher begleitete, der auf seine und Lindström's Bitten auch den kleinen Magnus mit aufpacken ließ. Nun wollen wir auf's tapferste tanzen, schöne Louisa, sagte er, wollen nicht darnach fragen, was mein Papa etwa dagegen einzuwenden hätte. Ich bitte um die Ehre, morgen Ihr Tänzer zu sein.

Trotz des wüsten und anmaßlichen Tones, in welchem der Junker redete, war Louisa doch freundlicher zu ihm als zu Magnus, der schweigend zuhörte. Ohne sich wieder an ihn zu wenden, ging sie endlich fort und kaum streifte ihr Blick über den armen Knaben hin, der mit seinen Augen sie verfolgte, bis er sah, daß Frau von Gurschin sie umarmte und küßte und alle die großen und glänzenden Herren sich mit ihr beschäftigten. –

Auf mein Wort, kleiner Magnus, sagte Ridderstern, ihn auf die Schulter drückend, sie ist so hübsch geworden, daß ich mich verlieben werde. Aber wie siehst du denn aus! Als ob du mich verschlingen wolltest, mein Sohn.

Magnus antwortete ihm nichts, er suchte die Thränen zu verbergen, die unwillkürlich in seine Augen drangen. Es war ihm, als müßte er hinaus in die Schneewüste laufen und sein Herz auf das Eis drücken. Eben zur rechten Zeit suchte ihn Lindström und führte ihn zu Erich und Ebba. Sei froh, lieber Magnus, sagte er ihm, Serbinoff ist nicht hier, du wirst ihn nicht sehen. Der schwarze Herr hole alle Russen! Blanke geputzte Bursche sind es, geschniegelt wie Kätzchen, aber ihre Krallen stecken in den Scheiden. Sieh die russische Hexe da, Magnus. Nimm dich in Acht vor ihr, mein Junge. Den alten Admiral wickelt sie um ihre Finger, und schau' den Otho an, wie er um sie her ist und wie süß er aussieht, als reichte sie ihm Zuckerkuchen. – Oho! da brechen sie auf, um sich an den Tisch zu setzen. Meiner Treu! sie hängt sich dem alten Seehund an den Arm, aber Otho ihr von der anderen Seite. Ich sage dir, Magnus, wir müssen 357 auch dabei sein, und verdammt will ich sterben, wenn das Alles Zufall ist!

An der Tafel des Freiherrn ging es fröhlich her und den Rest des Abends über gab es abwechselnd mancherlei heitere Lust. Welche verschiedene Gegenstände aber auch zur Unterhaltung dienten, die Politik und die Fragen, welche damit zusammen hingen, Alles was irgend einen Mißton hervorrufen konnte, blieben streng ausgeschlossen. Schweden und Russen saßen in bunter Reihe und bestrebten sich um den ersten Rang in gegenseitiger Zuvorkommenheit. Die beiden Generale hatten ihre Plätze getrennt genommen, jedenfalls mit einiger Absichtlichkeit, und während die beiden Freiherren Wright neben dem General Suchtelen saßen, sah Frau von Gurschin den Admiral an ihrer Seite und an der andern den Oberst Jägerhorn. Um jeden Anlaß zu einer Störung abzuschneiden, wurden selbst die Trinksprüche vermieden, weder des Königs in Stockholm noch des Kaisers in Petersburg gedacht, nur der Freiherr Wright trank auf das Wohl seiner Gäste, und sein Bruder, der Oberst, ließ die Hoffnung leben, daß der Besuch in Liliendal Jedem zu solcher Freude gereichen möge, wie er diese empfinde.

Als die Nase des tapferen Obersten endlich bedenklich röther wurde und die Weinlaune sich überhaupt an manchen Orten merklich zu regen begann, erhob sich Frau von Gurschin und beendete damit die Tafelvergnüglichkeiten. Nach nordischer Sitte hörten jedoch die Genüsse damit nicht auf, denn nun erst wurden die Schenktische in verschwenderischer Fülle mit heißen und kalten ausgewählten dunkeln und hellen Getränken besetzt. Das Gläserleeren unter den herzlichsten Glückwünschen wurde daher zwischen Russen und Schweden noch eine Zeit lang aufs eifrigste fortgesetzt, dann aber bildete sich ein aufmerksamer Zuhörerkreis in dem Saale, denn Constanze Gurschin hatte sich bewegen lassen, ihre Meisterschaft in Spiel und Gesang zu zeigen. Frau von Gurschin brachte aus Petersburg einen äußerst kostbaren wiener Flügel herüber, den sie vollkommen beherrschte und alle Hörer entzückte. Ohne Zweifel war weder in Finnland noch in Schweden damals ein ähnliches Instrument vorhanden, und die meisten Anwesenden hatten nie ein solches gesehen, nur in Rußland konnten 358 sie bezahlt werden; aber die schöne Frau that noch mehr. Sie sang, nachdem sie ein schweres brillantes Opernstück gespielt hatte, Volkslieder, und zwar abwechselnd, bald schwedische, bald russische, zum Wohlgefallen der jungen Offiziere, die ihr den ungemessensten Beifall dafür bezeugten.

Ich nehme es an, sagte sie endlich lachend, daß die Herren mich ohne Ausnahme als ihre unterthänige Angehörige betrachten, und thue dies um so lieber, da ich nicht wüßte, für was ich mich entscheiden sollte. Soll ich mich auf die Seite Schwedens oder Rußlands stellen, es würde eine schwere Wahl werden. Ich ziehe es daher vor, beide Nationen zu vereinigen und daraus für mich einen Gesammtstaat zu bilden. Russisch-schwedisch oder schwedisch-russisch soll somit immer mein Vaterland sein.

Aber es gibt hier ja noch eine Nationalität, sagte General Suchtelen. Würden Sie nicht auch diese mit Ihrem Reiche verbinden und uns ein finnisches Lied vortragen?

Constanze schlug ihre Augen zu Otho auf und antwortete lebhaft: Davon verstehe ich nichts. Es gibt allerdings eine finnische Sprache und sie ist so drollig und eigenthümlich wie Volkssprachen sind, allein aus der guten Gesellschaft ist sie verbannt oder vielmehr niemals dort eingedrungen. Die Finnen selbst sind immer lieber entweder Schweden oder Russen gewesen und, wie ich denke, mit allem Rechte.

Man hat mir gesagt, fuhr General Suchtelen fort, daß fast jeder Finne ein Improvisator sei, der zu seiner Zither schöne Gesänge zu dichten verstehe.

Hier haben Sie einen sehr kenntnißreichen und liebenswürdigen finnischen Herrn, rief Frau von Gurschin, der, wie ich vernommen habe, in dieser edlen Kunst ein Meister ist. Er wird auf unsere Bitten uns gewiß eine Probe nicht versagen.

Alle Blicke richteten sich auf den jungen Mann, der wohl schon vorher manche Augen auf sich gezogen hatte. So viele herrlich ausgestattete Männer hier vereinigt waren, stand Otho Waimon doch Keinem nach. Ohne irgend einen Schmuck zu tragen, ohne durch Pracht oder Feinheit modischer Kleider zu glänzen, glänzte er durch mancherlei Vorzüge, welche dies Alles und mehr ersetzten. Sein Kopf mit den 359 großen dunkelblauen Augen, sein goldiges Haar, das in dichten Locken und Ringen auf seine Stirn fiel, und diese Stirn selbst, so edel gewölbt und kühn geformt, konnten nicht gleichgiltig betrachtet werden. Dabei lag der Ausdruck stolzer Festigkeit in allen seinen Zügen und doch waren diese mild und äußerst klar. Ein Schatten wie von Trauer oder Kummer breitete sich darüber aus und verschmolz sich mit dem Lächeln, das diese düstere Anwandelung zu überwältigen suchte.

Otho war in den letzten Tagen viel in Frau von Gurschin's Nähe gewesen. Sie hatte ihn zu ihrem Begleiter auf ihren Spaziergängen in das Pflanzenhaus und im Gange des Parks gemacht, hatte ihn in ihre Zimmer gerufen, wenn sie allein war, und ihn bevorzugt im gesellschaftlichen Umgang. Trotz der Ankunft der vornehmen Gäste hatte sie auch heute ihm manche Zeichen ihrer Gunst geschenkt, ihm zugelacht, ihn herbei gewinkt, lächelnde, muthwillige Fragen an ihn gethan und bedenklich über ihre Stirn gestrichen. Er war, als er nach Liliendal kam, schon nicht mehr der fröhliche, unbefangene Mann, der er gewesen, allein während seines Aufenthalts hatte er sich noch weit mehr geändert. Eine Unruhe schien ihn zu beherrschen, welche sich durch die stärksten Gegensätze äußerte. Zuweilen war er stumm, scheu und wie von Phantomen geängstigt, die ihn umringten, dann wieder wurde er in hohem Grade lebhaft, gesprächig, zum Scherz aufgelegt, als wollte er gewaltsam Alles was ihn drückte von sich werfen. Er war zu den muthwilligsten Äußerungen aufgelegt, Frau von Gurschin fand diese Natürlichkeit allerliebst und blickte mit eben so vielem Vergnügen in seine flammenden Augen, wie sie gern hörte, was er in wilden Bildern und Gedanken zum Besten gab. Nur war es schade, daß ihn sobald wieder diese fröhliche Laune verließ und er dann wohl in unruhiger Hast davon lief, eben wo sie an der besten Stelle angelangt war.

Auch an diesem Tag war Otho in derselben wechselnden Stimmung, froh mit den Fröhlichen, zutraulich gegen die russischen Herren, besonders freundlich und gesprächig zu dem jungen Fürsten Dolgorucki, der ihm einige mit Bleistift geschriebene Zeilen von Serbinoff mitgebracht hatte, welche gute Nachrichten enthalten mußten, denn die ihn 360 beobachteten sahen, wie sein Gesicht sich heller röthete und seine Augen einen eigenthümlichen Glanz erhielten. Dann ging er mit dem Fürsten eine Zeit lang durch den Saal und dieser fand sicher Wohlgefallen an ihm. Mehrmals kehrte er zu Otho zurück und bei Tische saß er neben ihm, trank und lachte mit ihm, und rüttelte ihn aus seinem Nachdenken.

Jetzt, als Frau von Gurschin ihn als einen Dichter seines Volks zu einer Probe seiner Kunst aufforderte, wußte er wohl, was der geheime Spott in ihren Mienen bedeutete. Erst an diesem Morgen hatte er mit ihr über die finnische Sprache gestritten. Er hatte sie gerühmt und ihre Schönheit in Scherz und Ernst vertheidigt, während sie eine Sprache, die von einem kleinen, armen und halbwilden Volke gesprochen werde, das kaum eine Schrift aufzuweisen habe, und dessen gebildete Männer sich immer einer anderen Zunge bedienen mußten, um sich verständlich zu machen, als barbarisch verlachte. Constanze verstand selbst genug Finnisch, um ihre Spöttereien dadurch zu unterstützen, daß sie manche Begriffe des civilisirten Lebens aufzählte, für welche die finnische Sprache keine Worte hat, weil jene Dinge erst von den Eroberern des Landes mitgebracht wurden, und sie verglich damit die russische Sprache, deren Reichthum, Biegsamkeit und Feinheit sie übermäßig pries.

Wer russisch spricht, hatte sie ihm gesagt, den verstehen sechszig Millionen Menschen. Er kann von der chinesischen Mauer bis nach Deutschland, vom Eismeere bis an's schwarze Meer und in den Kaukasus reisen, überall wird sein Wort vernommen. Wenn Rußland erst Konstantinopel in seinem linken Arm hält, und Kopenhagen in seinem rechten, umklammert es ganz Europa, und es wird gar nicht so lange dauern, bis Rußlands Sprache alle anderen Sprachen überflüssig macht. Da Rußland ein Weltreich aufbaut, wird seine Sprache auch Weltsprache sein. Russisch sollen Sie 1ernen, Herr Otho, je eher je lieber, ich will Ihre Lehrerin werden.

Louisa war fortgelaufen, und kehrte jetzt mit einer Kandele zurück, die sie ihrem Bruder reichte und ihm dabei sagte: Laß uns nicht zu Schanden werden, nicht verspotten, Otho.

361 Es fiel mancher lächelnde Blick auf das ärmliche Instrument mit den wenigen zitternden schwachen Saiten, aber Otho nahm es, und als er mit seinen Händen darüber fuhr, brachte er Töne hervor, welche stärker und anmuthiger klangen, als die meisten der Zuhörer es vermutheten. Wie er in dem glänzenden Kreise saß, hell bestrahlt von zahlreichen Wachskerzen, mußte Ebba an den Gott Wainemonen denken, wie dieser einst göttlich schön und stark durch dies Land wanderte, und alle Wesen folgten ihm und seinen Gesängen. War dies nicht auch ein Mann in goldigen Locken? Funkelten in seinen Augen nicht Glück und Jugendlust, schimmerte auf seiner Stirn nicht eine edle himmlische Begeisterung, die Alle, die ihn schauten, mit Freude und Sehnsucht erfüllte? Otho saß sinnend, während er jene langhallenden, langsamen Accorde aus den Saiten lockte, die den Gesang der Finnen begleiten, bald aber klangen die Töne heller und frischer. Sein Gesicht hob sich mit einem sanften Ausdruck auf, das Lächeln um seine Lippen war ein schmerzlich-schönes, und seine Locken von der hohen Stirn schüttelnd, hob er diese auf und schien seine Umgebung zu vergessen.

Seine tiefe Stimme war rein und von solchem Umfange, daß, als er seinen Gesang begonnen, Alle davon überrascht waren, und obwohl die Meisten ihn nicht verstanden, hörten sie ihn gern, und fühlten etwas von der Begeisterung, die ihn ergriffen hatte.

Die Lieder der Finnen kennen den Reim nicht. Wenn sie in der Form kunstvoll sein sollen, beschränken sie sich auf gleiche Zahl der Sylbenpaare und Wiederkehr gleicher Buchstaben, Assonanz und Alliteration; bei den Improvisatoren aber ordnet sich die Form ganz der Phantasie unter, welche den Strom ihrer Eingebungen frei walten läßt, ohne die Fassung sonderlich zu beachten. So war es auch mit dem Liede, das Otho erfand und bildete, und das er mit abwechselnd langsamer und lebhafter Musik begleitete.

Hier ist Otho Waimon, so begann er in der herkömmlichen Weise aller finnischen Dichter, der bereit ist einen Gesang zu singen. Hört ihn an, meine Freunde, schenkt ihm eure Augen und eure Ohren, eure Herzen und laßt diese freudiger klopfen, wenn es ihm gelingt euch zu rühren. Hört, o hört! was ich euch berichte, traurig ist es, 362 klagend und traurig, doch hoffet, meine Freunde, hoffet, daß der Schmerz sich in Freude verwandelt.

Es lebte einst eine Jungfrau, groß war sie und schön. Ihr Gesicht war lieblich wie Frühlingsblüthen, ihr Körper hoch und stolz, wie unsere Tannen. Ihre Wangen waren den Rosen gleich, ihre Züge voll Güte, und was sie sprach war Wohlklang. Alles wußte sie süß zu sagen, süß und scharf doch zugleich. Niemand konnte sie sehen ohne sie zu lieben, und dennoch – wunderbares Schicksal! – alle ihre Gespielen vermählten sich, sie allein fand keinen Gatten.

Einsam blieb sie lange Jahre ihren Wünschen überlassen; da, o! Tag des Jammers! kamen Fremde über das Meer. Sie drangen in das Haus der Jungfrau; ungerührt von ihrem Flehen banden sie ihre Glieder, zogen sie ihre Messer, schnitten sie ihr die Zunge aus. Weinend lag sie auf ihren Knien, schreiend nach dem Retter, der sie erlösen und heilen soll. Weinend noch liegt sie lange, kalte Tage, lange trübe Nächte, hoffend auf den starken Gatten. Ihre Thränen rollten fort und fort; auf zum Himmel schaut sie, flehend um Gerechtigkeit.

Wollt ihr wissen, wie diese arme verlassene Jungfrau heißt? Man nennt sie die finnische Sprache! Andere tanzen leicht und glücklich durch die Welt. O! sie haben weniger Werth als diese, die so reich ist und so schön, so hold und doch so tief in Leid. Theure Sprache meiner Väter! wie lange wirst du umherirren durch Sturm und Nebel? Wie lange wird deine zitternde Hand vergebens an verschlossene Thüren klopfen? Wie lange wirst du bange Klagen seufzen, die in Nacht und Eis verwehen.

Bist du eine Bettlerin, schöne Jungfrau? Bist du ein verstoßenes Kind, das vergebens nach Erbarmen ruft? Weine nicht länger, raffe dich auf. Hebe deine stolze Stirn empor, blicke sie an mit deinen klaren blauen Augen. Laß sie schmähen, o! sie kennen dich nicht. Wie süß du bist, wie herrlich deine Stimme den Wald wach ruft, die Sonne und die Vögel, die Fische im See, das Wild im Busch. Laß sie schmähen, komm zu mir, komm an meine Brust! Ich liebe dich mehr als ich sagen kann. Treu will ich sein zu aller Zeit; nie und nimmer will ich dich verlassen!

363 Als Otho Waimon bei diesen letzen Worten seines Gesanges mächtig in die Saiten griff, sprangen sie unter seinen Fingern, und langsam ließ er die Harfe und den Kopf sinken. Er starrte die zerrissenen Fäden an, seine Stirn wurde blaß, eine Ahnung kam in seine Seele. Louisa schlug ihre Arme um seinen Hals, sie weinte. Alle die fremden Damen und Herren blickten theilnehmend und besorgt auf die Geschwister.

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