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Erich Randal

Theodor Mügge: Erich Randal - Kapitel 16
Quellenangabe
typefiction
booktitleErich Randal
authorTheodor Mügge
year1856
firstpub1856
publisherVerlag von Meidinger Sohn
addressFrankfurt a. M.
titleErich Randal
pages830
created20090617
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Sechzehntes Kapitel.

Serbinoff war fort, und Frau von Gurschin hatte viele Mühe, um die Thränen aus Louisa's Augen und den Kummer von ihren Lippen zu bringen. Sie war jedoch so voll unerschöpflicher Laune und voll süßer Tröstungen, daß das kleine Fräulein gar nicht anders konnte, ihres Herzens Freudigkeit mußte zurückkehren. Frau von Gurschin war so ganz ihre Vertraute geworden, daß sie Ebba und alle Andere darüber vernachläßigte, und sie wußte selbst nicht wie es kam, aber die Scheu, welche sie vor ihrer sonst so sehr geliebten Ebba empfand, vermehrte sich mit jedem Tage. Sie hatte ein dunkles Gefühl, daß Ebba sie tadle, sie wurde unruhig, wenn sie mit ihr sprach, und die klaren tiefblauen Augen auf ihr ruhten. Ein magnetisches Gefühl der Einwirkung einer abstoßenden Kraft, die auf sie drückte, machte, daß sie so schnell als möglich sich davor zurückzog, um zu Constanze Gurschin zu eilen, wo sie Alles sagen konnte was sie dachte, wo sie von Serbinoff plaudern, lachen, singen, und dabei prächtige Geschichten über das Leben und Treiben in der großen Welt hören konnte, die ihr ganz besonders gefielen.

Da Louisa mit äußerst einfachen und ländlichen Kleidern nach Liliendal gekommen war, mußte eine kunstfertige Kammerjungfer der Frau von Gurschin sich alsbald dabei machen, ihre Garderobe zu ändern, zu bessern und zu vermehren. Zu dem großen Balle und den Festlichkeiten im Schlosse, welche immer näher rückten, behielt sich die schöne Beschützerin eine besondere Überraschung vor; denn heimlich ließ sie für ihren Liebling einen kostbaren Anzug anfertigen, und wie 337 sie gegen ihre vertraute Dienerin behauptete, verdiente dies reizende Kind diese Bevorzugung vollkommen, denn sie zeigte ein wunderbares Talent für den Putz, und hatte die köstlichsten Einfälle, wenn sie mit ihr am Toilettentisch saß, und alle Herrlichkeiten der zahlreichen Cartons musterte. Frau von Gurschin widmete diesen Studien einen nicht unbedeutenden Theil ihrer Zeit. Sie besaß eine Fülle der prächtigsten Gewänder, reichen und auserlesenen Schmuck, Alles, was eine Dame aus den ersten Kreisen bedarf, im Überfluß, und sie liebte es, zu jeder Tageszeit damit zu wechseln, obwohl für jetzt noch immer wenige Bewunderer und noch weniger Kenner in diesem finnischen Schlosse vorhanden waren.

Louisa staunte diese immer neue Pracht mit der kindlichen Freude einer Indianerin an, denn der Werth dieser Dinge war für sie nicht ungeheuerlicher, wie für jene das Halsband von Glasperlen. Die Zahlen, welche Frau von Gurschin ihr zuweilen nannte, wenn sie die blitzenden Steine und Perlen entzückt bewunderte, blieben für sie unbekannte Größen; sie klatschte vor Freude in ihre kleinen Hände, wenn sie die schöne Frau so wundervoll glänzen sah, und verglich sie mit den Feen und Geisterköniginnen, welche Jumala's Paradies so reichlich aufzuweisen hatte. Constanze Gurschin nahm ihre Schmeicheleien wohlgefällig an. Die Bewunderung dieses Kindes machte ihr um so größeres Vergnügen, weil sie wußte, daß sie gänzlich ungeheuchelt war, daneben ließ sie sich von ihr vorsingen und vorplaudern von der Heimath, von dem Leben in Halljala, von ihrer Mutter, vom alten Schulmeister Lars, seinem Hahn und seiner Pfeife, und endlich auch Viel und Mancherlei von Erich Randal, von Ebba und ihrem Bruder Otho, dem sie mit übermäßiger Verehrung zugethan war.

Erich ist beinah wie der alte Gott der Finnen, wie Jumala, sagte Louisa lächelnd. Alle Menschen wußten nur Gutes von ihm, und er liebte sie alle. Er war ein friedliches, immer zum Wohlthun geneigtes Wesen, das Segen um sich her verbreitete, allein die Menschen nahten ihm sich dennoch mit Ehrfurcht und standen vor ihm mit Scheu im Herzen. Otho aber ist wie der schöne, Freude bringende Gott Wainemonen, der in goldenen Locken und blauen Augen in alle Hütten einzog, und wo er seine Kandele erklingen ließ, umringten 338 ihn die Mädchen, führten ihn an der Hand und jauchzten und sprangen.

Otho nimmt es auch gewiß nicht übel, wenn die hübschen Mädchen ihn eben so behandeln, wie den liebenswürdigen Wainemonen, sagte Constanze.

Otho lacht und scherzt gern mit Allen, sagte Louisa, aber – sie lächelte geheimnißvoll.

Nun aber – er hat noch Keine ausgezeichnet? Du hast noch nie bemerkt, daß er verliebt war?

Nein, antwortete sie, gewiß nein! Es ist noch nicht lange her, als ich es mit anhörte, wie Serbinoff ihn neckte, ob es nicht bald Zeit sei, daß an eine Hausfrau gedacht werden müsse.

Er wollte keine, fiel Constanze ein.

Er nahm die Zither und sang ein Lied auf die Liebe, die an Weib und Hütte festschmiedet. Solche lustige Spöttereien gibt es manche in unserer Sprache.

Er soll es mir vorsingen, sagte Frau von Gurschin.

Und dann sprang er auf und rief: Ich tauge nichts für die Liebe am Herdfeuer. Niemals werde ich ein Weib nehmen; die Ungeduld würde mich in ihren Armen verzehren.

Er fürchtet sich vor der Langweiligkeit, lachte die schöne Frau; ich kann es ihm nicht verdenken. Wir wollen ihm beweisen, daß er Unrecht hat, kleine Louisa. Neu müssen wir immer diesen ungenügsamen Männern bleiben. Es ist ein strebender Geist in deinem Bruder, der sich mit dem Gewöhnlichen nicht begnügt. Wir wollen ihn mit uns nach Petersburg nehmen, Louisa, dort wird er ruhig werden, denn Unruhe, die nie aufhört, ist Ruhe, ist der Zustand, der allein sich für denkende Wesen schickt. Wenn man fest und schwer mit den Sohlen an der Erde klebt, kann man sehr gut, sehr verständig, sehr liebenswürdig in seiner Art sein, aber Flügel werden dieser Verständigkeit niemals wachsen. Man kann dabei alt und sehr gelehrt werden, wie unser theuerer Erich, und Erdäpfel für tausendmal trefflicher zum Wohl der Menschheit halten, als goldige süße Pomeranzen, auch kann man tugendhaft, schön und liebreizend schwärmen, wie unsere treffliche Ebba, und dennoch, mein bestes Kind, bleibt diese ehrbare, edle Natur 339 über alle Maßen langweilig, wie ein Schulmeister, dessen Weisheit beständig an seiner Nasenspitze hängt und von seinen Lippen träufelt.

Louisa hörte aufmerksam andächtig zu. Sie verstand nicht Alles, aber sie verstand doch so viel, daß ihre bewunderte Freundin Erich und Ebba für abgeschmackt langweilig erklärte, und manche andere Spöttereien hinzu fügte, die den Kammerherrn lächerlich machten, bis Frau von Gurschin sie endlich nach allerlei neckendem Geplauder in ihre Arme zog, sie streichelte, küßte, ihre Locken strich und ihr dabei zuflüsterte: Sie sind Alle zum Entsetzen langweilig, mein süßes Herz, man weiß nicht was man mit ihnen anfangen soll. Du kleine Louisa, du und dein Bruder, ihr seid die einzigen Blumen in dieser Wüste.

Und Serbinoff, antwortete Louisa flehend.

O, du Schelm! ja, Serbinoff; du hast Recht, der fehlt uns dabei. Er wird wieder kommen, und dann wird es hoffentlich hier nicht mehr lange dauern. Ihr müßt mit mir nach Petersburg, Serbinoff kommt dann auch, und welch glückliches Dasein wollen wir genießen.

Louisa kniete zu ihren Füßen, Constanze Gurschin wickelte die Locken des schönen Kindes spielend um ihre Finger. Sie erzählte ihr von den Festen und Freuden in den großen Palästen so Vieles, und erzählte von Serbinoff, der zu den ersten und glänzendsten dieser glänzenden Jugend gehöre, zu den Bewunderten und Bevorzugten durch seine tapferen Thaten, durch seinen Geist, durch seine Gestalt, durch seine Geburt und seinen Reichthum, bis Louisa's Augen leuchteten, ihre Wangen glühten und ihre kleinen Hände sich krampfhaft freudig zusammenfalteten. Sie sah Alles wie in einem Zauberspiegel. Der Geliebte, den kein anderer Mann erreichte, gegen den sie alle in den Staub sanken, wie herrlich stand er mitten in dieser wunderbaren Welt. Keine Furcht war in ihrem Herzen; ein süßer heiliger Glaube füllte es ganz aus. Sie wußte nichts von einer Kluft zwischen ihm und ihr, sie kannte keine Gefahr. Keine Ahnung sagte ihr, daß ein solcher Mann lügen und heucheln könnte, daß ihre armselige unschuldvolle Anbetung in der Welt, der er angehörte eine Lächerlichkeit sei, und sie selbst höchstens eine Spielerei, mit der ein so ausgezeichnetes Mitglied der hohen Gesellschaft seine müßigen Stunden ausfüllte.

340 Der Freiherr Wright hatte seinen Bruder, den Obersten, inzwischen schon seit einigen Tagen erwartet, und endlich traf dieser von Sweaborg ein und brachte Sam Halset sammt seiner Tochter mit, indem er zu gleicher Zeit die nahe Ankunft des Admirals Cronstedt und einer bedeutenden Zahl seiner Offiziere ankündigte. Der Oberst war eine Anzahl Jahre jünger als sein Bruder, ein stolzblickender Soldat von steifer Haltung, der seinem ganzen Wesen nach nicht besonders zuvorkommend und einnehmend schien.

Er umarmte seinen Bruder, drückte Erich Randal mit einigen höflichen Worten die Hand und warf einen noch viel kälteren und messenden Blick auf Otho Waimon, als dieser ihm vorgestellt wurde. Sein Gesicht erheiterte sich jedoch, als der Kammerherr hereintrat, dem er entgegen ging und in wärmerer Weise begrüßte. Ich habe von Ihrer Anwesenheit schon durch Freund Halset gehört, Baron Bungen, sagte er, und bin sehr erfreut darüber. Sie haben sich von der Wirthschaft in Stockholm los gemacht, und haben sehr recht daran gethan, denn es muß ein schlechtes Ende nehmen.

Was man schlecht nennt ist häufig gut, erwiederte Arwed.

Sie treffen in's Schwarze. Bei meiner Ehre! mitten in's Schwarze, rief Oberst Wright. Nach den mageren Kühen Pharaonis werden die fetten kommen.

Wenn solche Männer dies sagen, entgegnete Arwed, wird es wenige Zweifler geben.

Der Oberst lächelte geschmeichelt. Es gibt Männer, die noch besser und klarer sehen, fuhr er fort. Auf mein Wort! Wir haben es sämmtlich nöthig, die Augen weit aufzuthun; besonders wir in Finnland, denn über unsere Köpft wird der Topf umgestülpt. Wir sollen den Brei verschlucken, den sie uns im Stockholmer Schloß eingerührt haben.

Es ist allerdings ein etwas heißes Gericht, sagte Arwed.

Von dem uns so bald nicht Kehle und Magen heilen würden, wenn wir es genießen müßten, sagte der Freiherr Wright. Kommt es zum Kriege mit Rußland, und werden wir als Feinde behandelt, so sind wir sämmtlich ruinirt.

Das seid ihr auch ohne dies, murmelte Otho vor sich hin.

341 Die Gäste wurden von dem Freiherrn eingeladen, am Tische Platz zu nehmen, der mit Wein und Speisen bedeckt war. Eben kam Halset auch, der sofort das Wort ergriff und die letzte Äußerung, die er gehört, in seiner praktischen Art beantwortete. Sieht hier es nicht danach aus, als ob der Hunger schon an der Thür sitzt, Freiherr Wright, schrie er. Kein schwereres Silbergeschirr ist in ganz Finnland als in Liliendal zu finden. Könnte für die Herren Kosaken keinen heiligeren Tag im Kalender geben, als der, wo sie der Armuth hier ein Ende machen könnten.

Mit solchen Scherzen und Grüßen führte er sich ein, und für jeden hatte er ein lustig Wort, bis er endlich Erich Randal und dem Kammerherrn unter die Arme griff und sie an den Tisch führte. Das Weiseste, was wir thun können, sagte er, ist, daß wir den Herren Kosaken nichts übrig lassen als die leeren Schüsseln und Flaschen; im Übrigen sind's höfliche Leute, wenn sie nichts finden, und dafür ist in Finnland seit langen Zeiten bestens gesorgt worden. Nur in Halljala gibt's volle Kammern, Kisten und Kasten voll verschimmelter Speziesthaler, Seidenmützen und Franzentücher vollauf. Um des Himmels Willen, laßt die Kosaken nicht nach Halljala kommen.

Erich wird es ihnen schon auseinander setzen, wie unschicklich und unmoralisch das Stehlen ist, sagte Arwed.

Auf mein Wort! ja, lachte der Oberst, unser gelehrter Vetter könnte ihnen Vorlesungen halten; allein ich fürchte, daß diese Bursche um nichts besser sind als jener verdammte ungläubige Sultan Omer, der mit der großen alexandrinischen Bibliothek seine Öfen heizen ließ. Sie würden ein Feuer machen, das vielleicht über dem Hompusthurm zusammenschlüge. Es ist daher jedenfalls am besten, Vetter Randal, wenn wir es nicht dazu kommen lassen.

Das Beste wird sein, daß es uns wohl geht und wir lange leben auf Erden! rief Halset. Trinke Ihnen zu, Freiherr Randal, auf eine gute gesegnete Zukunft, wo Handel und Wandel geschützt sind, Jeder weiß, was sein ist, und das Privilegium seiner Rechte nimmer angetastet wird.

Ein goldener Spruch, auf mein Wort! fiel der Oberst ein.

342 Die verdammten Neuerungen, sagte sein Bruder, zerrütten unsere Wohlfahrt. Wo ist noch Schutz für den Adel und für Alle, die Privilegien zu bewahren haben? Hätte der König Reichsrath und Ständen ihre politischen Rechte nur zerrissen, so wär's zu ertragen, wenn er sie anderweitig schützte und entschädigte. Statt dessen aber greift er überall ein, will den Bauern helfen, wie er sagt. Keiner soll im Lande Vorrechte haben, das Gesetz soll für Alle sein.

Das heißt, Alle sollen hergeben, was sie haben, lachte Sam.

Ein Volk von Bettlern entspricht vielleicht am besten dem Grundsatz der Gleichheit, spottete Arwed. Leider ist es wahr, daß der Landesadel absichtlich zurückgesetzt und beleidigt wird, und eine größere Thorheit kann es nicht geben. Gustav der Dritte war klüger. Er hielt, so viel er konnte, den Grundsatz absoluter Regenten fest, den Adel an sich zu ziehen und zu belohnen, einen glänzenden Hofhalt zu führen, Ämter und Würden dem Adel zuzuwenden und durch materielle Vortheile sich seiner Treue zu versichern. Es war ein frohes bewegliches Leben, und wer dem Könige Dienste leistete, konnte darauf rechnen, auch Dankbarkeit zu finden.

Seinen Günstlingen und seinen Creaturen hat er Brocken hingeworfen, versetzte der Freiherr Wright; aber den Adel, als ersten Stand im Staate, hat er herabgewürdigt, dem Bürger und Bauern zu gefallen, die denn auch immer anmaßender und nichtsnutziger geworden sind und zuletzt noch ärger über ihn schrien als wir. Seht nach Rußland hinüber, da werden die Privilegien geschützt. Da hat Jeder ein gesichertes Recht. Ich will uns nicht zu Russen machen, Gott bewahre mich davor! wir stehen auf einer anderen Stufe; allein Jeder soll Schutz haben in dem, was ihm gehört. Der Bauer soll ein Bauer bleiben, der Edelmann ein Edelmann, und dazu ist dort eine mächtige Hand, die über Allen schwebt und Ordnung hält.

Ordnung und Zucht, daran liegt es! rief der Oberst, sein Glas leerend.

Und es ist prächtig zu sehen, fuhr sein Bruder fort, wie die Regierung thätig ist, sorgt und schafft, dem Adel mit Vorschüssen und Geschenken hilft und das Land heraufbringt. Wie der Grundwerth 343 alle Jahre steigt, wie in den Städten Kaufleute und Fabrikanten begünstigt werden, Jeder sich durch sein Privilegium gesichert fühlt.

Es ist eine mächtige Regierung, sagte Halset, der es nicht an Kräften und Mitteln fehlt, mit vollen Händen Gutes zu thun. Was hilft alles Schreien über Freiheit und Recht! Das beste Recht und die beste Freiheit bleibt es immer, wie ein König von Frankreich einmal gesagt hat, daß Jeder seinen Topf voll hat und gute Dinge darin kochen und braten.

Es ist eine gute Regierung, die dafür sorgt und es beim alten Recht läßt, und nichts an dem ändert, was unsere Väter erworben haben, sprach der Freiherr.

Otho Waimon hatte bisher schweigend zugehört; jung und reizbar, wie er war, konnte er jedoch seinen Widerspruch nicht länger zurückhalten. Für immer läßt sich nichts festhalten, begann er, und was nicht vorwärts kann, wird rückwärts müssen. Privilegien haben noch niemals Gutes gestiftet, sie erstarren, statt zu beleben, und helfen den Kastengeist befördern, der die Entwicklungen der Völker zu Boden drückt.

Der Oberst zog die breiten Augenbrauen zusammen und warf dem Sprecher einen finsteren Blick zu, welcher ihm zu schweigen befahl; allein Otho ließ sich dadurch nicht im Mindesten schrecken. Mit furchtloser Offenheit sah er den barschen Offizier an und fuhr dabei fort: Mag es den Finnen, die jetzt unter russischer Herrschaft leben, immerhin wohler gehen als früher; die Sehnsucht, mit ihren Landsleuten wieder vereinigt zu sein, wird sie darum doch nicht verlassen.

Es ist recht! schrie Sam Halset, daran liegt's. Vereinigt muß Finnland wieder werden.

Russen wollen wir nicht werden, mit der glücklichen Aussicht, daß auch bei uns nichts geändert werden kann, fügte Otho hinzu.

Aber, mein Bester, lachte der Kammerherr übermüthig auf, was wollen Sie denn aus dem Bauern machen?

Einen freien Menschen, der werden mag, wozu er Geschick und Lust hat, Freiherr, Kammerherr, Oberst oder Minister.

Vielleicht sogar Staatsoberhaupt, Regent, Präsident oder dergleichen.

344 Auch das, sagte Otho. Mancher Bauer ist schon ein guter König geworden, kein König aber jemals ein guter Bauer.

Eh! schrie Sam Halset, ich werde es erleben, daß König Otho der Erste seinen Thron besteigt.

Wünschen Sie das nicht, antwortete Otho lachend, meine Regierung würde Ihnen wenig gefallen.

Glaub's! sagte der Kaufmann; allein ich würde den Trost haben, daß sie nicht lange dauert.

Wenn wir Zeit hätten, uns mit Phantastereien aufzuhalten, würde sich der Spaß fortsetzen lassen, fiel Freiherr Wright ein; jedoch bei dem Ernste unserer Lage können wir dergleichen nur mißbilligen. Rußland droht uns mit einem Angriff, wer weiß, was geschieht? Der Adel muß auf Alles gefaßt sein, er muß das Landesschicksal wohl bedenken. Zu beklagen ist es daher, daß von mancher Seite so viel gethan worden ist, um den Bauern anmaßend zu machen und solche Schattenspiele hervorzurufen, wie sie uns eben gezeigt wurden.

Was Sie Schattenspiele nennen, ist wohl geeignet, bald einmal Fleisch und Bein zu werden, versetzte Otho. Wenn es zu einem Kriege kommt, muß nicht der Adel allein das Landeswohl bedenken, sondern mit ihm der Bauer und das ganze finnische Volk.

Das ist auch eine von den verdammten neumodischen Redensarten! rief der Oberst. Das Volk! Was heißt Volk? Lumpiges Gesindel!

Sein Blut und seine Knochen sind bis jetzt immer nothwendig gewesen, um die Kriege der Könige zu führen, versetzte Otho.

Dafür ist es da! schrie der Oberst rauh.

Dafür ist es nicht da, erwiederte Otho unerschrocken.

Das Gesicht des Offiziers färbte sich zornig. Ich will doch Jedem rathen, sich nicht um Dinge zu kümmern, die er nicht versteht, sagte er.

Was des Vaterlandes Wohl betrifft, darum muß sich Jeder kümmern, denn es ist seine Pflicht, entgegnete der junge Mann.

Vaterland! dummes Zeug! rief Oberst Wright. Alles Geschrei ist keine Haselnuß werth und die Schreier dazu. Wir hier an der Grenze, wir sind das Vaterland. Meine Dragoner mit ihren eisernen 345 Ellen werden die Röcke anmessen, die für uns passen. Finnisches Volk! oho! alter Kuckuksruf!

Dafür, Oberst Wright, dürfen Sie es wohl schwerlich im Ernst erklären, sagte Erich Randal mit seiner sanften und festen Stimme. Gehören Sie doch so gut zum Volke, wie ich und wir Alle. Volk und Vaterland sind heilige Namen, die kein Mensch vergessen darf, wenn er nicht sein edelstes Menschengut fortwerfen will. Ihre Dragoner werden das ebenfalls begreifen und wie ich überzeugt bin, auch wissen, daß sie ein Vaterland haben. Sie werden getreulich dafür ihr Leben lassen, wenn dies nöthig wird, gewiß aber nicht für Rußland fechten.

Verräther an Volk und Vaterland werden! fiel Otho ein.

Wer sagt das? rief Oberst Wright heftig aufstehend; gleich darauf aber setzte er sich wieder nieder, und, seinen langen halb ergrauten Backenbart streichelnd, fuhr er rauh lachend fort: Ich bin kein Gelehrter, Vetter Randal, frage nichts nach aller Federfuchserei, eben so wenig nach Franzosengedanken von Freiheit und Gleichheit. Wir werden sehen, was zuletzt geschieht, wenn die Russen uns wirklich auf den Leib fallen sollten. Meine Dragoner werden dann thun, was ich thue und meine Offiziere thun, und die Bauern werden thun, was ihre Herren ihnen befehlen. So muß es sein, das ist Zucht und Ordnung.

Die aus den Menschen Maschinen macht, nach Ihrer Meinung, sagte Erich, was ein bedauerlicher Irrthum ist.

Wir werden sehen, versetzte der Oberst. Es wird Alles kommen, wie es kommen muß; noch aber sind wir nicht so weit.

Leben ja auf dem Friedens- und Freundschaftsfuße mit unseren guten Nachbarn! schrie Halset.

Und hier in meinem Hause soll kein Streit darüber sein, Ihr Herren, sprach der Freiherr. Wir wohnen in Liliendal auf einer neutralen glücklichen Insel. Morgen kommt General Suchtelen von Frederiksham, er hat es mir geschrieben; von der anderen Seite aber kommt unser lieber Freund Cronstedt. Frohe Tage wollen wir verleben. Gott bewahre uns vor allem Schaden und lasse alle unsere Wünsche erfüllen. Stoßt an, Ihr Herren, stoßt an!

346 Der Streit war damit beendet; als aber nach einiger Zeit sich Baron Arwed entfernte, um Mary Halset seine Huldigungen darzubringen, gingen Erich und Otho mit ihm. Der Freiherr Wright blieb bei seinem Bruder und Sam Halset sitzen; bald waren sie in einer vertraulichen, leise geführten Unterredung begriffen.

Wer hat diese Narren eben jetzt hierher geführt? fragte der Oberst, als die Thür sich geschlossen hatte.

Der diesen Namen zumeist verdient, antwortete der Freiherr, dieser trotzige Bursche, dem der echt finnische dicke Kopf auf seinen Schultern sitzt wie einem Bären, ist freilich ungeladen gekommen; doch Graf Serbinoff hat mir gesagt, daß er ihn zu brauchen denke.

Unsinn! murmelte der Oberst. Das ist eine Brut, von der nichts Gutes zu erwarten ist. Sein Vater schon war halb toll, wollte den Angelabund zum Losschlagen treiben, eine finnische Republik erklären lassen. Der hier ist sicher noch hirnverwirrter.

Mag wohl so sein, lachte Halset. Es gibt aber Mittel, den wildesten Falken abzurichten.

Drei Kugeln und ein sechs Fuß langes Loch auf der Heide würden das Beste für ihn sein, antwortete der Offizier. – Ist es wahr, daß er eine hübsche Schwester hat?

Ei wohl, versetzte Sam. Und ist er nicht selbst so stattlich gebaut, daß manche feine Dame in Petersburg Wohlgefallen an ihm finden könnte?

Laßt Jedem sein Spiel und seine Freuden, sagte der Freiherr Wright. Gibt es nicht auch einen gewissen Baron hier, der bis an die Treppe hinunter kommt, um Mary Halset aus dem Schlitten zu heben?

Richtig, sagte der Kaufmann, denke auch, daß er Mary noch andere Treppen hinauf hilft.

Es ist also ernsthaft gemeint, fuhr der Freiherr fort.

Ich habe nichts dagegen, erwiederte Halset.

Der arme Kammerherr ist in Stockholm gänzlich in Ungnade gefallen, sagte der Freiherr Wright. Ist es nicht so?

Ist so, antwortete Sam Halset; ich denke jedoch, wird bald einen anderen Herrn finden, der es besser mit ihm meint. Sein Vater war 347 in Gnaden bei König Gustav, hatte manche Ämter und Würden; sparte aber nichts, lag nicht in der Art.

Es ist verteufelt wahr, Halset, lachte der Freiherr, auch in meiner Art muß es liegen. Geld ist mir durchaus nöthig.

Herzog Karl, der Regent, stieß den Vater bei Seite, fuhr Halset fort, ohne auf diese Äußerung zu achten, bis der neue König ans Regieren kam, der machte den Sohn zum Kammerherrn und schickte ihn ins auswärtige Amt zum alten Kanzler Ehrenheim, wo er die Kunst lernen sollte, den feinsten Leuten Sand in die Augen zu streuen. Alle Welt glaubte, würde nächsten Tages ein Herr Gesandter zum Vorschein kommen; allein mit dem steifen Kanzler konnte der junge Baron so wenig fertig werden, wie mit dem steifen Könige. Sie mochten ihn Beide nicht leiden, und zum Unglück wurde es bekannt, daß er häufig im Hause des russischen Gesandten sei. Endlich auch kam Graf Serbinoff nach Stockholm, mit dem steckte er noch öfter beisammen. Der König ließ ihm den Umgang verbieten, der Kanzler ließ ihm aufpassen. Plötzlich kommt Nachricht aus Petersburg vom Gesandten Stedingk, das russische Cabinet wisse aufs Haar, was in der Stockholmer Kanzlei geschieht, habe Abschriften von allen Noten, kenne jede geheime Verhandlung bis auf den Grund; es müsse also Jemand da sein, dem es Vergnügen macht, unsere lieben Freunde so gut zu unterrichten. Darauf schreibt eines Tages der alte Kanzler an den Herrn Baron Bungen in aller Höflichkeit, er habe nicht nöthig, sich wieder in die Kanzlei zu bemühen, und kaum hat er's gelesen, bringt ein Bote ein königlich Handbillet aus Haga ohne alle Höflichkeit, worin Se. Majestät sagt, er brauchte keine weiteren Dienste von dem Herrn Baron.

So war es also, nickte der Freiherr. Eine Ungerechtigkeit!

Eine schreiende Gewalt! sagte Halset. Der junge Herr konnte sich nun ungestört seiner Freundschaft überlassen und reiste endlich mit dem Grafen Serbinoff hierher, um ihm bei seinen finnischen Studien zu helfen.

Und es werden einträgliche Studien sein, lachte Freiherr Wright.

Der Himmel wird sie segnen, versetzte Halset.

348 Graf Serbinoff ist ein Adjutant des Generals Buxthövden, wie Sie mir sagten? fragte der Oberst.

Ein Cousin des Kanzlers Romanzoff, antwortete sein Bruder. Constanze kennt ihn von Petersburg. Ein glänzender, mit allen Tugenden und Vorzügen geschmückter junger Herr.

Die Laster nicht zu vergessen! grinste Halset dazwischen. Bah! weiß wohl, ein Kapitän in der Reitergarde hat Oberstenrang, und ein Oberst ist niemals lasterhaft. Große Gaben, Oberst Wright, große Gaben! Haben ihn nach Stockholm geschickt zum Beobachten am Hofe und in der vornehmen Gesellschaft und hat da Wunderdinge gethan, der junge Herr. Herr von Alopäus hätte es nicht zu Stande gebracht ohne ihn, wenn der galante liebenswürdige Graf nicht alle Thüren zu öffnen verstand.

Mit goldenen Schlüsseln, Freund, die passen in alle Schlösser.

Mit aller Arten Schlüssel, Freiherr. Gold hatte er genug, fehlte nicht daran; denn es ist keine knauserige Regierung da drüben; gibt aber dennoch mancherlei Pinsel, die solche Schlüssel verachten. Eine miserable Welt, Oberst, viel Dummheit, viel blauer Dunst darin; gehört Kunst dazu, um jeden Narren an seiner Kappe zu fassen. Gelang ihm aber wunderbar. Die Weiber hatte er alle in der Tasche, und wer die zu fassen weiß, dem glückt es, Mondschein in Säcke zu fangen.

Eine ist ihm doch daraus entwischt, sagte Wright, und obenein die Schwester seines vielgetreuen Freundes.

Halset nickte lachend vor sich hin. Ein stattliches Fräulein! rief er, seine Nase voll Tabak stopfend, echt schwedisches Blut, wie der alte Spitzbube, der Schulmeister, sagt. Riss' ihm die Augen aus, wenn sie wüßte, was geschehen sollte; stieße den eigenen Bruder von sich mit Fluch und Schande, könnte sie es denken, er hülfe die Maschen zum Netze machen. Bin neugierig darauf, was endlich aus dem Ei werden wird, wenn's die Sonne bescheint.

Weiber sollen nichts dabei mitreden, wo es sich um Männerwerke handelt, sagte der Oberst.

Und sind dennoch oft die Hauptpersonen, antwortete Halset mit einem schlauen Blicke. Fädeln die Fäden ein, bitten und schmeicheln, 349 haben die Gabe, ausgetrocknete Herzen wieder weich zu machen, eiserne Köpfe zu schmelzen, wie Butter am Feuer.

Die beiden Wright's blickten sich an, der Freiherr sah vergnügt und schelmisch aus. Ich glaube wirklich, sagte er, ohne Constanzen hätten wir den Admiral niemals hierher gebracht. Sie wird auch weiter helfen. Aber Geld, Halset, Geld! Diese Feste kosten viel.

Laßt es kosten, was es will, Freiherr, antwortete der Kaufmann. Kann Ihnen mit Freuden alle Vorschüsse machen, die Sie wünschen.

Der Freiherr Wright schien über diese Zusicherung sehr erfreut. Er schüttelte Halset's Hand und sagte halblaut zu ihm gebeugt: Die Proclamation ist fertig. In Petersburg ist sie gedruckt und an Buxthövden geschickt. Constanze hat ein Exemplar davon bekommen, sobald Jägerhorn hier ist, soll es in seine Hände gelangen.

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