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Erich Randal

Theodor Mügge: Erich Randal - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
booktitleErich Randal
authorTheodor Mügge
year1856
firstpub1856
publisherVerlag von Meidinger Sohn
addressFrankfurt a. M.
titleErich Randal
pages830
created20090617
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Vierzehntes Kapitel.

Endlich war der Tag gekommen, an welchem die Reise nach Liliendal begonnen werden konnte. Der Schneefall hatte aufgehört, die Schlittenbahn war gut, der Himmel klar und alle Anstalten getroffen, um den langen Weg in möglichst kurzer Zeit zurückzulegen. An bestimmten Stellen erwarteten frische Pferde die Reisenden und diese selbst besaßen einen Überfluß von guten Pelzen und Schutzmitteln gegen die Kälte, welche überdies keineswegs empfindlich war. Ihre nordischen Leiber waren daran gewöhnt, ein strenges Klima zu ertragen und sich wohl und heiter dabei zu fühlen, in dieser Jahreszeit aber, wo die scharfe reine Luft alle Nerven stählt, wo der Himmel so wolkenlos blau erscheint, wie zu keiner andern Zeit, die Sonne 309 mit Diamantglanz leuchtet ohne zu wärmen und die Natur in ihren unermeßlichen silbernen Gewändern, wie in einem schönen Feierkleide schlafend liegt, sind die Bewohner des Nordens voller Lust und Geschmeidigkeit, voller Lob auf ihr Vaterland, und voll trotziger selbstbewußter Kraft, um die Verweichlichung des Südens und der Südländer zu verspotten. Die schmalen Schlitten, nur mit einem Pferd in breiter Gabel bespannt, haben höchstens für zwei Personen Platz, von denen eine die Zügel handhaben muß. So geschah es auch hier, denn Otho eröffnete mit dem Kammerherrn Bungen den Zug. Der Freiherr Erich Randal sorgte für Ebba's Sicherheit, Serbinoff, in allen Künsten wohl erfahren, führte Louisa ihnen nach und den Schluß machten die Diener der Gäste.

Eine ungeheure viele Meilen lange glänzende Ebene dehnte der Pajäne sich aus, mit seinen Eisspiegeln, auf denen die Sonnenstrahlen wunderbar abprallten, und der glatten, köstlichen Schneebahn, auf welcher die Rosse pfeilschnell dahin jagten. Auf dem erstarrten Rücken des gewaltigen Sees wollte die Gesellschaft den größten Theil ihrer Reise bis nach Heinola hinab zurücklegen; ehe sie jedoch diesen fröhlichen Zug begann, blieb ihr übrig, dem alten Freunde in Lomnäs, dessen Thür sie fast berührten, einen Abschiedsbesuch zu machen.

Der Invalide hatte sich fast gar nicht mehr in Halljala blicken lassen. So lange das Wetter böse war, saß er in seinem Hause, das in einem der kleinen Thäler lag, welche sich gegen den Pajäne öffnen, und als der Himmel klar wurde, sprach er zwar einige Male im Schlosse vor, doch nur, um bald wieder aufzubrechen. Es war eine Verstimmung in ihm, die er nicht zu bewältigen vermochte; eine Falte saß zwischen seinen weißen Augenbrauen und sie ging nicht fort, er konnte den alten, spottenden und doch herzlichen Ton nicht wiederfinden.

Daß er den Sohn fortgestoßen hatte, der der Trost seines einsamen Alters war, ging ihm tiefer, als er es sich selbst gestehen mochte, und der Anblick des Menschen, um dessentwillen es dahin gekommen, rief eine unwillkommene Erinnerung in ihm wach, die jedenfalls auch durch das Verhalten seiner so lange geliebten Freunde geschärft wurde. Denn Otho hing an diesem Russen so fest, daß er 310 noch immer auf den Knaben schelten mochte, und den alten Major es deutlich genug merken ließ; sein Lieblingskind aber, die kleine Louisa, wich ihm aus, zog sich zurück und Keiner fragte um Nachrichten aus Sweaborg, Keiner sprach von Magnus, um jede weitere Erörterung zu vermelden. Ein Brief von Gustav Lindström war jedoch noch vor der Abreise eingetroffen, der, mit einer ganzen Reihe kräftiger Seemannsausdrücke verbrämt, gemeldet hatte, daß seine Berufung unnütz gewesen sei. Der Frost habe den Hafen gesperrt, noch ehe das Geringste geschehen konnte. Über hundert und vierzig Schiffe aller Art lägen festgefroren, an Fortbringung dieser Flotte sei also nicht mehr zu denken. Magnus Munk sei nun ein Jägercadett in Jägerhorn's Regiment geworden und müsse tapfer sich drillen lassen; sechstausend Mann lägen in der Festung und in Helsingfors und in Borgo, auch kämen fortgesetzt Verstärkungen an, und, wie man sage, sollten alle Regimenter in Finnland zusammengezogen werden, um gegen den Kymene vorzugehen. Aber verdammt seien alle Landratten und verdammt der alte Klingspor, der Generalstatthalter in Finnland sei, dabei jedoch noch immer in Stockholm fest sitze. Am Schlusse hatte Gustav seine Freude ausgedrückt, in Liliendal alle Langeweile zu vergessen. »Ich habe den Freiherrn Wright hier gesehen,« schrieb er, »auch seine Tochter, Frau von Gurschin. Der Teufel soll mich holen, wenn sie mir gefallen, aber sonst sind es prächtige Leute. Die Gurschin ist ein wundervolles Weib, Keiner kann ihr widerstehen. Admiral Cronstedt, so ausgetrocknet er ist, wie ein Schiff, das allen seinen Theer verbraucht hat, setzt seine neuesten Wimpel und Segel auf, wenn sie auf ihn los steuert. Der Admiral wird auch nach Liliendal kommen, was hier irgend dazu gelangen kann, bleibt sicher nicht zurück; wer weiter noch dort ist, weiß ich nicht. Sicher finden wir Russen, Bekanntschaften der Gurschin aus Petersburg, es soll häufig dergleichen Besuch dort anzutreffen sein. Wie es jenseits des Kymene hergeht, weiß Keiner; an Krieg aber glaubt kein Mensch, doch Garde-Kosaken und Husaren habe ich selbst gesehen, als ich neulich in Anjala war, und verdammt will ich sein, wenn Alles in Richtigkeit ist!«

Dieser Brief des treuherzigen Seemanns gab viel zu lachen. Serbinoff las ihn selbst und machte allerlei lustige Bemerkungen, und 311 als am Morgen der Abreise die Schlitten vor dem Hause des alten Majors hielten und dieser erfreut ihnen entgegen hinkte, lief Louisa fast wie sonst freudig in seine offenen Arme und klammerte sich um seinen Hals.

Nachrichten von Magnus, mein Väterchen! rief sie ihm zu, gute Nachrichten. Er ist wohlauf und muß Schildwacht stehen. Was hast du für ihn zu bestellen, wenn wir ihn sehen? Was sollen wir ihm bringen?

Bring' dich selbst, Herzenskind, bring dich selbst! schrie der alte Soldat freudenvoll, indem er sie küßte. Eh! Verlierst den Muth schon? Herein, meine lieben Freunde; ihr dürft nicht von mir gehen, ohne einen Abschiedstrunk.

Er führte sie in sein kleines Haus und ließ in Eile herbeibringen, was er besaß, um seine Glückwünsche damit zu segnen. Die schlichte Wohnung zeigte überall, daß Major Munk keinen Überfluß von den Gütern dieser Erde besaß, wie die Menschen sie ersehnen, aber zur Sommerzeit mochte es doch wohl hier freundlich und behaglich aussehen. Sanfte Höhen faßten das Thal ein, die weißen Stämme an den Abhängen bewiesen, daß überall Birkenwald sich ausbreite, und der Bach, welcher jetzt unter dem Schnee begraben lag, mußte einen besonderen Reiz gewähren. Der alte Soldat deutete dies an, als er Louisa nochmals väterlich küßte und seine Hände auf ihren Kopf legte. – Ich will dich erwarten, mein liebes Kind, sagte er, will hören, was du mir für Nachrichten mitbringst. Wir wollen nicht von alten Geschichten sprechen, wirst den alten Vater nicht wieder so lange allein lassen. Bring' mir Grüße von Magnus, mach's mit ihm wie mit mir, du lieber Nix. Er wird auch wieder kommen, der arme Junge wird dir zeigen, wie ein schwedischer Mann aussieht und wir werden wieder an dem Wasserfall sitzen; wirst wieder rufen: Es ist doch nirgends schöner in der ganzen Welt, als bei dir, Vater Munk!

Louisa hörte dem alten Invaliden lächelnd zu. Sie sah ihn starr dabei an, bis sie endlich, wie von Bangigkeit überwältigt, eine Bewegung machte, als wollte sie sich entfernen, dann aber ihn um so fester hielt, während Thränen ihre Augen füllten.

312 Hast Furcht, mein Töchterchen, vor der weiten Reise? lachte der Major. Wirst mir viele schöne Sachen erzählen können, wenn wir uns wiedersehen, und kein Mensch auf Erden wird dich lieber erwarten, wie ich es thue zu aller Zeit. Stoß an, mein Nixchen, stoßt Alle an, meine lieben Freunde. Auf ein frohes Wiedersehen, und daß mir Keiner den alten lahmen Soldaten in Lomnäs vergißt, mag's auch noch so hochhergehen bei den vornehmen Herrschaften.

Für Jeden hatte der Major noch einen Scherz beim Abschiede, und Ebba sagte er etwas in's Ohr, indem er auf Erich deutete, was sie mit einem Handschlag bekräftigen mußte. Dann stellte er sich auf seine Schwelle, schwenkte seine Pelzmütze und brachte ein letztes kräftiges Lebehoch aus. Bringt gute Nachrichten heim! rief er. Guten frischen Tabak, Erich, extra gute Blätter, um die Friedenspfeife zu stopfen. Bring' dein finnisch Herz zurück, Otho Waimon, damit Satan keinen Theil an dir habe. Die Russen, murmelte er in sich hin, die mag er ohne alle Ausnahme bei lebendigem Leib holen, den dort – er blickte auf Serbinoff, der seine Dame in die Pelze wickelte – den vor allen andern!

Von diesem letzten Abschiedswunsche des Invaliden hörten die Reisenden nichts mehr. Ihre Pferde flogen dem Pajäne zu und bald befanden sie sich auf der glänzenden, glatten Ebene, bald donnerten die Hufe ihrer schnellen Thiere über Eisblinken, deren Gekrach den Kammerherrn so ängstlich machte, daß er Otho Waimon fragte, wie tief das Wasser hier sei?

Wenigstens vierhundert Fuß! rief Otho lachend, und darüber liegen auf's höchste sechs, oder acht Zoll Eis. Es kommt zuweilen vor, daß die ganze gefrorne Decke in eine wellenförmige Bewegung geräth, und es scheint mir beinahe, als fühlte ich eben jetzt ein solches Schwanken unter uns.

Um des Himmels Willen! schrie Baron Arwed, so halten Sie an.

Im Gegentheil, je rascher, je sicherer fahren wir! erwiederte der junge Mann, indem er das feurige Pferd antrieb. Seien Sie ohne Sorge! finnisches Eis ist so zähe, wie finnische Haut.

Der Kammerherr mußte sich fügen, allein er verwünschte mehr als einmal an diesem Tage die Unbesonnenheit dieses starrköpfigen 313 finnischen Bauers, der ohne alle Rücksicht seinem Eigendünkel folgte. Es geschah aber dennoch kein Unglück, denn mit größerer Sicherheit und genauerer Kenntniß dieser seltsamen Landstraße von Eis konnte Niemand ausgerüstet sein. Auch war Otto Waimon diesmal kein so übler Gesellschafter, als bei der Reise von Abo. Er stritt nicht und machte keine groben Bemerkungen, weit eher war er schweigsam und nachdenkend, antwortete, wenn er gefragt wurde, einsylbig oder gar nicht, häufig aber auch wieder fröhlich und gesprächig, so daß er ersichtlich den verschiedensten Stimmungen unterworfen war.

Der Tag verging in angenehmer Weise durch die Gemeinsamkeit der Reisenden, welche in ihren Schlitten sich dicht folgten, und unter frohen Zurufen und kleinen lustigen Abenteuern die verschiedenen Plätze erreichten, wo sie rasten, ihre Pferde wechseln und sich erfrischen konnten. Auf der breiten, freien Bahn ging es dann wieder mit verdoppelter Schnelle weiter und die Berge und Wälder der hohen Ufer flogen zu beiden Seiten reißend schnell vorüber. Die Eintönigkeit der Natur in diesem endlosen weißen Schleppkleide wurde dadurch weniger ermüdend und ganz leblos blieb die ungeheure Fläche nicht, denn zuweilen kamen lange Schlittenzüge zum Vorschein, die mit Holz und mit Heu beladen, von Bauern in dicken Schaafpelzen und hohen Pelzmützen geführt wurden und um sie her jagten, als der Abend sich näherte, dunkelfarbige Thiere in weiten Kreisen, die flüchtig scheu bald in den Wäldern verschwanden, bald wieder daraus hervorbrachen.

Die Schlitten mit Heu und Holz, unsern beiden Hauptproducten, beladen, sagte Otho, gehen in die Küstenstädte hinab, denn der Winter ist die Zeit, wo es unsern Bauern allein möglich wird, in leichter Weise mit Hilfe der Seespiegel und der vortrefflichen festen Eisbahn darauf so weit von Haus zu fahren. Sind die beiden Meerbusen erst zugefroren, dann geht dieser Handel und das Wanderleben unserer Bauern erst recht an. In alten Zeiten zogen sie zur Sommerzeit in ihren schnellen Schiffen aus, um fremde Küsten zu verheeren, jetzt hat ihre Abenteuerlust sich friedlich umgekehrt. Aus den verwegenen Seeräubern sind unerschrockene Handelsleute geworden, welche über den bottnischen Meerbusen Karavanenzüge durch die Eiswüste machen, und 314 eben so über den finnischen Busen bis nach Petersburg und Reval gelangen.

Seit es ein russisches Finnland gibt, fügte Serbinoff hinzu, ist dieser Winterhandel ein sehr einträglicher geworden. Viele tausend finnische Schlitten kommen nach Petersburg und nehmen manchen blanken Rubel mit zurück. Der wachsende Wohlstand in Wiborg und im ganzen Lande hat eine seiner Hauptquellen in diesem Verkehr, wozu dann freilich auch kommt, daß die Regierung unausgesetzt Sorge trägt, alle Verbindungen zu erleichtern, gute Straßen zu bauen und durch Kanäle den mächtigen Saima-See und dessen reiche Wasserstraßen mit dem Ladoga und dem Meere in Zusammenhang bringt.

Gegen diese Bemerkung ließ sich nichts einwenden, denn es war bekannt genug, daß Rußland wirklich große Mittel anwandte, um den Unterschied seiner Sorgfalt für Finnland gegen die schwedische Sorglosigkeit einleuchtend zu machen; aber die Rede betraf einen Gegenstand, den man nicht weiter berühren mochte.

Gibt es auch Wölfe in dem gesegneten Rußland? fragte Ebba, als der Graf schwieg, und lachend fügte sie hinzu: Es ist vielleicht Ihrer aufgeklärten Regierung noch nicht ganz gelungen, diese widerspänstigen Unterthanen zum Gehorsam zu erziehen; allein eine höhere Civilisation ist ihnen jedenfalls schon eingeimpft, wie diesen abscheulichen finnischen Wegelagerern, die uns am hellen Tage umschwärmen.

Sagen Sie das nicht, Cousine Ebba, fiel Erich ein. Sie haben selbst schon erfahren, daß die finnischen Wölfe friedliche Thiere sind, und unsere Bauern lassen es sich nicht nehmen, daß, wenn ein Unglück vorkommt, ein russischer Wolf es angerichtet hat.

Welch ungerechtes Mißtrauen gegen die Vorkämpfer der Zukunft! rief das Fräulein.

Alle Wölfe sind tückisch und hinterlistig, sehen aber so unschuldig aus, als könnten Kinder mit ihnen spielen, sagte Otho.

Darum müssen sich alle Kinder vor solchen unschuldigen Gefährten wohl behüten, sagte Ebba.

Sie thun es dennoch nicht, fuhr Otho fort. Es kommt vor, daß junge Mädchen Wölfe aus den Häusern jagen, wo sie sich zuweilen einschleichen.

315 Wenn sie sie fortjagen, und die Wölfe sich fortjagen lassen, mag es angehen. Ich möchte jedoch behaupten, ein russischer Wolf ist nicht so liebenswürdig, seine Jagd leichthin aufzugeben.

Allerdings nein; man hat Beispiele, daß Kinder zerrissen wurden. Aber seltsam genug ist es, was man von den großen Zusammenkünften der Wölfe auf dem Eise erzählt. Gewiß ist, daß im Winter die Seen ihre beliebtesten Tummelplätze sind, und ganze Schaaren dort oft beisammen getroffen werden, was sich aus den Schlittenzügen und aus der freien Umgebung, die jede Gefahr schon von weitem zeigt, erklären läßt. Dagegen behaupten die Bauern, welche über den finnischen Meerbusen fahren, daß dort zuweilen wahre Reichsversammlungen abgehalten werden. Aus Finnland und Rußland treffen die Abgeordneten in Massen ein, setzen sich nieder, stecken die Köpfe zusammen und beginnen geheimnißvolle Unterhandlungen, welche ganze Nächte anhalten.

Wahrscheinlich verhandeln sie über die besten Mittel zur Erhaltung ihrer guten Konstitution, meinte der Kammerherr.

Oder sie verhandeln über eine gemeinsame Reichsverschmelzung, setzte Ebba hinzu.

Oder sie debattiren über Auswanderung und Freizügigkeitsrechte, sagte Erich; denn man will bemerkt haben, daß nach diesen Conferenzen immer einige russische Ansiedler nach Finnland kamen.

Um Familienverbindungen anzuknüpfen und höhere Cultur zu verbreiten, lachte das Fräulein.

So viel ist sicher, daß es wilde starke Gesellen sind, vor deren fremden Sitten man sich zu hüten hat, versetzte Otho. Wenn die Bauern eine solche Versammlung bemerken, fahren sie sogleich alle ihre Schlitten in einen Kreis zusammen, die Pferde nach innen, und zünden dann rund umher Feuer an.

So ist die Aufklärung also das beste Mittel, um sich vor dem Wolfe zu behüten! rief Ebba. Daher wünsche ich, daß ein Jeder sich das merke, der in Dunkelheit umherirrt.

Serbinoff hatte nur mit wenigen scherzenden Zwischenworten sich in dies Reisegeplauder gemischt, aber er flüsterte dafür mit seiner Nachbarin und lachte mit ihr.

316 Fürchten Sie sich auch vor dem russischen Wolf? fragte er leise.

Warum sollte ich ihn fürchten, wenn Alexei bei mir ist? antwortete sie.

Ja, Alexei wird dich vor allen Wölfen behüten, vor allen, die dich mir entreißen wollen, murmelte er. Wir müssen vorsichtig sein, Louisa. Vertrauen Sie Keinem, als mir allein.

Sie lächelte ihm zu, Ihre Augen glänzten durch die Dämmerung des Abends, der sein rothes Licht um die weißen Berghäupter band. – Wir werden in Liliendal viele Menschen finden, die uns beobachten, fuhr er fort. Das wird uns größeren Zwang auflegen. Ruhig, theure Louisa – ich werde Mittel finden, damit wir ungestört uns entschädigen können.

Sie war erfreut über seinen Trost. O! das wünsche ich sehr, sagte sie. Die vielen fremden Menschen werden mich peinigen. Otho geht es ebenso.

Hat er mit Ihnen noch etwas gesprochen, was ich nicht weiß? fragte Serbinoff.

Nicht viel, sagte sie. Er ist seit einiger Zeit viel stiller und in sich gekehrter, als früher. Heut früh nahm er mich in seine Arme und küßte mich; aber er war sehr ernsthaft dabei. Ich fragte ihn, warum er mich so sorgend betrachte?

Gehst du denn gern mit uns nach Liliendal? antwortete er.

Ich sagte ja, er gehe ja auch dahin, und Alexei sei mit uns.

Da lachte er, nickte mir zu und sah mich so wunderlich an, daß ich meinen Kopf an seine Brust drückte. Ich möchte lieber hier bleiben, rief er endlich; aber es muß so sein, und wer weiß denn, Louisa, ob wir wieder zurückkehren?

Es wird uns doch kein Unglück begegnen? sagte ich erschrocken.

Auch was wir Glück nennen, kann es ja sein, antwortete er. Möchtest du nicht auch aus dieser Hütte, um eine glänzende Dame zu werden, die einen Palast bewohnt? Es wird dir gefallen, wenn du in Liliendal das bunte Leben siehst.

Wo du bist, Otho, da will ich auch sein, sagte ich, und er –

Er! fiel er ein und faßte mit beiden Händen meinen Kopf, armes Kind, nimm dich in Acht! Glaube nicht zu viel!

317 Sagte er das? murmelte Serbinoff.

Ist er nicht unser lieber treuer Freund? sagte ich ihm.

Das ist er, antwortete er, ein edler stolzer Freund, dem ich ja selbst vertraue. Wir werden sehen, Louisa, wessen Hand uns leitet. Es könnte jedoch sein, daß wir uns trennen müßten, daß ich weit fortginge und dich zurückließe. In wessen Schutz sollst du dann bleiben?

Als er dies sagte, wurden wir unterbrochen. Jem rief ihn hinaus, und wie er zurückkehrte, kamen Sie mit ihm; Alles war gut! Er bat mich nur noch, freundlich gegen den alten Vater Munk zu sein, und Sie stimmten ihm bei.

Alles wird sich gut gestalten, erwiederte Serbinoff. Ich hoffe, theure Louisa, daß in kurzer Zeit Ihr Bruder mir Gelegenheit gibt, ihm mein ganzes Herz zu öffnen. Bis dahin wollen wir uns gedulden. Wenn es aber so sein sollte, wenn er fortginge und Sie zurückließe, soll Niemand Sie schützen als ich. Kein Anderer als Ihr Freund Alexei.

Ich sehe ein Licht! rief Ebba, und mit diesem Ausrufe zugleich sagte Otho: Es sind die Lichter von Heinola, die uns einladen, unsere Plätze am warmen Herde und am gedeckten Tische einzunehmen.

Das waren erfreuliche Aussichten für Baron Arwed, der dadurch in die versöhnlichste Laune gesetzt wurde. Die Dunkelheit war jedoch schon vollständig und Nebel verdichteten sie noch mehr, ehe der kleine Ort erreicht wurde, welcher am immer schmaler werdenden Ende des Pajäne liegt.

Am nächsten Morgen fuhren die Schlitten dann südwärts weiter gegen die Küste hinab, überstiegen den Bergzug, welcher sich östlich gegen den Kymene zieht und jagten durch die langen tiefen Thäler, deren malerische Wildheit selbst von ihrer winterlichen Decke nicht ganz eingehüllt wurde. Noch war der Frost nicht so stark, um die Gewässer bis auf den Grund frieren zu lassen; noch brausten Bäche von Felsen herunter und sprangen über Blöcke und Trümmer, die von dem Sprühregen in ungeheure Eispyramiden und Säulen verwandelt waren. Eisgewölbe hatten sich über die fallenden Wasser gebildet, und in seltsamer Weise zischte und kochte die bewegliche 318 Masse in diesen erstarrten Schalen, welche mit unwiderstehlicher Macht sie immer dichter umschlossen, um endlich den letzten lebendigen Tropfen zu tödten. Schwarze endlose Wälder hingen auch hier von jähen Bergen in die Thäler hinab. Doch diese zeigten mit ihren dichter stehenden Hütten, daß die Bevölkerung beträchtlicher sei als im inneren Lande. Zugleich war es nicht zu verkennen, daß Menschen schwedischer Abkunft sich zwischen den Finnen angesiedelt hatten. Denn aus dem hohen Schnee, welcher die Dächer bedeckte, ragten verschiedentlich Schornsteine auf, welche ihre Rauchsäulen in die Luft schickten, während an den meisten anderen Gebäuden der Qualm aus den verschiedenen Löchern und Ritzen über Fenstern und Thüren sich seinen Weg suchte.

Damals war der Schornstein noch viel mehr, als es gegenwärtig der Fall ist, das untrügliche Zeichen, daß eine schwedische Familie sich unter ihm eingenistet habe; denn, wie der niedersächsische deutsche Bauer noch jetzt den Rauch durch Haus, Tenne und Stall streichen läßt, die sich sämmtlich unter seinem Dache vereinigen, damit das Vieh besser fresse, das Futter um so schmackhafter werde, das Fleisch besser räuchere, Thier und Mensch besser gedeihe, und was der vielen guten Gründe mehr sind, durch welche er sich hartnäckig den Schornstein vom Leibe hält und seine sächsische Abkunft unangetastet bewahrt: so auch der Finne, der eine angestammte Verachtung gegen jene fremde schwedische Sitte und eine eben so innige Zuneigung für Unordnung und Unreinlichkeit besitzt, trotz seiner Badstuben und der damit zusammenhängenden Gewohnheiten.

Die Reisenden konnten vielfach bemerken, wie arm und unwissend der allergrößte Theil dieses Volkes sei, wie elend seine Hütten neben den mancherlei großen Schlössern und Häusern, welche den reichen Baronen des Landes und den geistlichen Hirten gehörten, und doch war auch hier der Menschenschlag ein schöner und kräftiger. Prächtige Männergestalten wickelten sich aus den dicken Pelzen und sprangen in ihren flatternden Wollröcken den Reisenden entgegen. Eine besondere Gelenkigkeit war an ihnen zu bemerken; höflich und gesprächig waren sie Alle. Wenn das helle Feuer von dem Herde aufloderte und die Gesellschaft vor den hochschlagenden Flammen sich wärmte, bis die 319 neuen Pferde kamen, vergaßen sie den Rauch und die blinden, kleinen, zerbrochenen und verklebten Fenster über die Freundlichkeit, mit welcher ihnen jeder mögliche Dienst geleistet wurde; aber der Unterschied zwischen den Zuständen des Landvolks in Halljala machte sich überall geltend. Selbst der Kammerherr konnte nicht umhin, Erich Randal zu fragen, ob denn die Leute auf seinen Besitzungen wirklich früher in demselben Elend gelebt hätten, und als der Freiherr versicherte, daß es vor seines Vaters Zeiten wohl noch ärger dort ausgesehen, wagte er nichts gegen die Lobsprüche einzuwenden, welche seine Schwester für Erich im reichsten Maße hatte.

Der Weg, welcher an diesem Tage zurückgelegt werden sollte, war bei weitem nicht so groß, als am vorhergehenden; dennoch kam der Abend heran, denn Berge und Thäler wechselten beständig, und verschiedene Male mangelte es an Pferden. In mehreren kleinen Orten wurden Soldaten gemustert, in anderen standen Kanonen und Wagenreihen an der Straße. Auf Befragen hörten die Reisenden, daß mehrere Regimenter in der Gegend lägen, die, seit einigen Tagen von Westen her eingetroffen, die Besatzungen der Grenzlinie verstärken sollten. Der kriegerische Lärm und das Ungewöhnliche dieser winterlichen Soldatenzüge hatten die Einwohner wohl erschreckt; allein der Glaube war auch hier allgemein verbreitet, daß es nichts zu bedeuten habe. Übereinstimmend versicherten die Bauern, die großen Herren zankten sich wieder einmal, daher würden arme Leute durch Schnee und Eis gehetzt. Die Russen aber dächten nicht daran, über den Kymene zu kommen bei solcher Winterzeit, wo es in Finnland nichts zu holen gäbe, und der König würde sich mit seinem Schwager schon wieder vertragen.

Was der Verstand der Verständigen nicht sieht, lachte der Baron, das findet in Einfalt das fromme Gemüth! Wo soll Krieg herkommen in diesem Lande ohne Städte, ohne Hilfsmittel, voller Wüsten, obenein jetzt im Winter, wo in einer Nacht das ganze Heer erfrieren müßte. Mit dreifachen Pelzen wäre ich ein todter Mann.

Krieg führt man nicht mit Kammerherrn und Baronen, antwortete Otho. Nordische Soldaten aber scheuen den Winter nicht, und ohne Zweifel ist es wahr, daß Finnland in dieser Zeit leichter anzugreifen 320 ist als im Sommer. Alle unsere Seen sind dann feste Straßen, alle Flüsse sind gefroren, das ganze Land ist ein breiter Weg, der nach allen Seiten hin betreten werden kann. Dazu kommen die unendliche Menge von Fußsteigen und Pfaden, welche nach allen zerstreuten Höfen führen. Ja, wirklich, rief er umherschauend, es ist ein Irrthum zu glauben, der Winter sei uns ein besonderer Schutz. Ist die Schneedecke erst festgefroren, trägt sie Reiter und Kanonen mit aller Sicherheit. Wenn ein entschlossener Feind sich gehörig vorgesehen hat, kann es ihm glücken, und wäre ich ein General, der Finnland erobern wollte, würde ich mich vor Schnee und Kälte am wenigsten fürchten.

Es steckt am Ende noch ein berühmter Feldherr in unserem scharfblickenden Vetter! lachte Arwed.

Feldherrn behalten aber gewöhnlich ihre Gedanken für sich, fiel Ebba ein.

Er erobert Finnland eines schönen Winters, sagte Serbinoff, und proklamirt die finnische Republik.

Und am Pajäne wohnen wir dann Alle, flüsterte Louisa.

Sie setzten ihre Reise fort, und bald darauf lag Liliendal vor ihnen, hellschimmernd und neu, ein stattlicher Landsitz, dessen lange Fensterreihen von der Sonne überglüht wurden. Erwartungsvoll hingen alle Blicke an dem großen, schloßartigen Bau, der sich über einem breiten, anscheinend viel bewohnten Thale erhob. Nicht weit davon lag der Häuserhaufen eines Städtchens, viele zerstreute Höfe waren bis in weite Ferne zu erkennen, und dieser gesammte Besitz gehörte dem Freiherrn.

Er ist wohl sehr reich? fragte Arwed.

Wirklich reiche Familien haben wir kaum noch in Finnland, erwiederte Erich. So groß der Bodenbesitz auch sein mag, soll doch die Zeit erst kommen, wo er bedeutenden Werth erhält; bei wachsenden Bedürfnissen aber und unbeschränkter Gastfreiheit sinkt die Wohlhabenheit häufig weit eher, als sie zunehmen könnte.

Was Erich andeutete wurde bald genügend verstanden, als die Reisenden vor dem Schlosse anlangten und in den Hof einfuhren, der einen bedeutenden Raum umschloß. Gärten schlossen sich unmittelbar daran, welche zur Sommerzeit überall berühmt waren. Ein hohes Treibhaus ließ seine Glaskuppeln sehen, nirgend war ein 321 Wirthschaftsgebäude in der Nähe des prächtigen Herrenhauses zu entdecken, dies selbst aber wurde durch Säulen verziert, die einen großen Balcon mit vergoldeter Umgitterung trugen. Als die Schlitten vor den Stufen der breiten Freitreppe anlangten, sprangen ein halbes Dutzend reich gekleidete Diener herbei, Puder im Haar, stattliche Zöpfe und Locken hinten und an den Seiten. – In wenigen Minuten befanden sich die Gäste in der Vorhalle, wo in zwei mächtigen mit Marmor verzierten Kaminen helle Feuer brannten, und hier kam ihnen der Besitzer des Schlosses entgegen, an seinem Arme eine schöne, geschmückte Dame, die mit anmuthiger Lebendigkeit auf Ebba zueilte, sie umarmte, küßte und mit wunderbarer Schnelle ihr in französischer Sprache ihre Freude und ihr Entzücken, sie endlich hier zu sehen, ausdrückte.

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