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Erich Randal

Theodor Mügge: Erich Randal - Kapitel 13
Quellenangabe
typefiction
booktitleErich Randal
authorTheodor Mügge
year1856
firstpub1856
publisherVerlag von Meidinger Sohn
addressFrankfurt a. M.
titleErich Randal
pages830
created20090617
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Dreizehntes Kapitel.

Der Propst erwiederte die Artigkeiten des Schloßherrn von Halljala durch eine Einladung, bei der er seine Abneigung gegen Otho Waimon so weit überwand, daß auch auf diesen und seine Schwester seine Gastfreundschaft sich ausdehnte. Mancherlei Rücksichten bewogen ihn dazu, denn Serbinoff lebte mit den Geschwistern fortgesetzt in inniger Freundschaft und jener störende Unfall, den die wachsame Eifersucht des jungen Munk herbeigeführt hatte, schien nur dazu gedient zu haben, die gegenseitige Anhänglichkeit noch mehr zu befestigen. Es konnte Niemand verborgen bleiben, daß der vornehme Gast sich lebhaft mit dem kleinen Fräulein vom See beschäftigte, und wahrscheinlich gab es außer dem Kammerherrn noch Andere, welche nicht daran zweifelten, daß Magnus keine Lüge gesagt hatte. Aber der unglückliche Knabe war verlacht und vergessen, oder man gedachte seiner nur mit Spöttereien und der alte Invalide saß in seinem einsamen Hause, ohne sich blicken zu lassen. Niemand fühlte Lust dazu, ihn in den Wolken von Tabaksrauch aufzusuchen, in welche er sich und seinen Ärger und Kummer einhüllte.

295 Am wenigsten hatte Louisa Lust dazu, die, während es draußen fast unausgesetzt schneite, in heiterster Weise glückliche Tage lebte. Alexei Serbinoff war bei ihr, beschäftigte sich mit ihr, lachte und scherzte mit ihr von früh bis spät und hörte mit unermüdlichem Wohlgefallen ihre Plaudereien, ihren Gesang und ihre unschuldigen ergötzlichen Einfälle. Wenn er ihr dagegen von den Festen und Palästen in Petersburg, von dem Glanz und der Pracht der hohen Gesellschaft, von all dem Reichthum und den Genüssen erzählte, welche dort unaufhörlich sich aneinander reihten, lauschte sie darauf mit lachenden Augen. Ihre lebhafte Einbildung malte alle diese Wunder aus, nur zuweilen überkam sie mit dem Staunen davor auch eine ungewisse Angst, welche Serbinoff durch seine Betheuerungen fortscherzte, daß alle Pracht und Herrlichkeit doch nur leerer Tand blieben, die ein Soldat, wie er, verachte.

Sein natürliches Wesen, seine Einfachheit und Offenheit waren wohl geeignet, diese Versicherungen zu unterstützen. Otho selbst war dabei häufig zugegen und betrachtete dann den Freund und seine Schwester mit Blicken, aus denen seine geheimen Wünsche sprachen. Alexei Serbinoff hatte sein ganzes Vertrauen gewonnen, er verhehlte es Niemand, daß er ihn bewunderte und sich ihm unterordnete. Als ein Musterbild männlicher Kraft und Tüchtigkeit stand er vor ihm, zugleich aber ihm überlegen an Weltkenntniß und Verstand. Unbekümmert um seine Schwester überließ er sie seinem Freunde und gab sich willig den frohsten Gedanken hin, daß keine edlere Hand Louisa beschützen und behüten könnte.

Mit ganz andern Augen sah dagegen der Kammerherr diesen Handel des Grafen an. An dem Abend, wo der Propst die Gesellschaft in seinem Hause vereinigte, hatte er mit Serbinoff eine Unterredung.

Nun, lachte der Graf, als er Arwed fein gekleidet im Kammerherrnschmuck und einem Orden im Knopfloch hereintreten sah, morgen reist Mary Halset nach Tavastehuus und mit einigen Umwegen werden wir sie im Ballsaale zu Liliendal wieder finden. Sie wollen nicht so lange warten und sind unwiderstehlich, mein Freund; ich sehe Sie als Sieger zurückkehren.

296 Im Ernst, erwiederte Baron Bungen, indem er sich niedersetzte, ich will nicht warten und eben darum muß ich mit Ihnen reden.

So fangen Sie an, sagte Alexei, ich werde inzwischen meinen Anzug beenden. Wie weit sind Sie in Ihren Bewerbungen gekommen?

So weit dies überhaupt möglich ist bei einer Dame, die ein so stilles und leidenschaftsloses Gemüth besitzt.

Glauben Sie denn, daß hinter diesen dunkeln Augen kein Feuer brennt? fragte Serbinoff.

Ein ausgebrannter Vulkan vielleicht, erwiederte der Kammerherr, mir jedoch einerlei, ich werde ihn nicht wieder in Thätigkeit setzen. Die Hauptsache ist für mein Ziel nicht unmittelbar sie, sondern ihr Vater. Ist er mit meinem Antrage zufrieden, so bedarf es nur einer bestimmten Erklärung. Halset ist der Mann nicht, Widerstand zu dulden. Dies gegen die Außenwelt gleichgiltige Mädchen wird sich auch gewiß nicht widersetzen. Erzeigen Sie mir also den großen Dienst, den ich von Ihnen erwarte. Nehmen Sie die Gelegenheit wahr und sprechen Sie mit Halset. Sie haben Einfluß auf ihn, führen Sie meine Sache.

Zum russischen Commercienrath habe ich ihn schon gemacht, sagte Serbinoff leise und lachend, den Annenorden habe ich ihm auch zugesichert, sobald Buxthövden in Abo einzieht; was ich ihm jetzt versprechen soll, damit er seine Tochter zur Baronin Bungen macht, weiß ich noch nicht.

Ich hoffe, daß es keiner allzugroßen Versprechungen dazu bedarf, antwortete der Kammerherr.

Möglich, mein Freund, aber dieser alte Schlaukopf verlangt von seinem Schwiegersohn keine Titel, sondern reelle Eigenschaften. Beruhigen Sie sich, fuhr er fort. Sie haben meinem und künftig auch Ihrem Kaiser so wichtige Dienste geleistet und werden diese fernerhin leisten, daß Halset zufrieden gestellt sein wird. Ich werde Ihren Wunsch erfüllen und zweifle nicht an dem Erfolg; bedenken Sie jedoch noch einmal Alles, ehe wir handeln. Halset ist reich, er wird Orden und Titel bekommen, vielleicht sogar den Adel, wenn er will; aber seine schlechten Eigenschaften wird er nicht los. Ehrenvoll wird sein Ruf niemals sein; Hochachtung kann er selbst von denen nicht 297 erwarten, die ihn brauchen, und ein Finne bleibt er, hervorgegangen aus den untersten Schichten der Gesellschaft.

Wenn das ein Anstoß sein könnte, versetzte der Baron, so würden wir jede Verbindung mit seinen Verwandten ebenfalls vermeiden müssen. Ihre intime Freundschaft mit den Waimon's ließe sich nicht rechtfertigen, und wenn etwa gar diese so weit ausartete, daß Graf Serbinoff vergäße, daß er mit Finnen zu thun hat –

Sie sorgen zu viel um mich, mein Freund, fiel Serbinoff lächelnd ein, ich werde das niemals vergessen.

Und dennoch drückt mich eine böse Ahndung, die ich nicht zu überwinden vermag, sagte der Kammerherr. Ich habe heut Nacht einen Traum gehabt, einen wahrhaft teuflischen Traum. Sie flohen vor diesem Finnen, der wie ein Tiger hinter Ihnen her war und auch so aussah, als ob er Sie zerreißen würde.

Ich werde niemals vor ihm fliehen, versetzte Serbinoff, doch auch nicht vor dem süßen Kinde, das mir so viele zweckmäßige Zerstreuungen bereitet.

Armes Kind! Es dauert mich, flüsterte Arwed.

Schonen Sie Ihre Sentimentalität, sagte Graf Alexei, alle Unschuld ist Heuchelei. Diese Kleine hat in einigen Wochen so viel gelernt, das es ohne angeborenes Talent ein Wunder sein würde. Sie ist plötzlich zu der Kunst gekommen, zu täuschen, auf Ausflüchte zu sinnen, ihren Bruder und ihre Freunde zu betrügen, und mit dreister Stirn zu lügen. Als der alberne Junge bemerkte, daß ich sie geküßt hatte, und tölpelhaft auf mich los fuhr, war ich bange, daß sie uns verrathen könnte; allein, sie hat sich bewunderungswürdig benommen, und seit dieser Zeit bin ich überzeugt, daß nichts zu besorgen ist. Sie wird mir immer anhängen, und ich werde dafür ihr Beschützer bleiben, nachdem ich sie erzogen habe. Lassen Sie uns abbrechen und gehen, um Ihnen ähnliche Freuden bei Ihrer Auserwählten zu bereiten.

Nach einer Stunde waren die Gäste des Propsts damit beschäftigt, sich in behaglicher Weise allen Genüssen seiner Gastfreundschaft zu überlassen, welche ihnen in reichster Weise geboten wurden. Herr Ridderstern hatte nichts gespart, um den Abschiedsschmaus für seinen Freund Halset so herrlich als möglich zu feiern. Ein paar Amtsbrüder aus 298 der Umgegend waren mit ihren Familien, trotz des Schneewetters, gekommen, denn die Braten und Torten der Frau Propstin hatten solchen Ruf, daß man wohl etwas Ungemach darum ertragen konnte; der Amtsvoigt und der Landrichter ließen sich auch nicht vergebens bitten, mit Frauen und Kindern zu erscheinen, so daß das Haus gefüllt war, und ein gutes halbes Dutzend würdiger Herren, mit stattlichen Schultern und wohlgepflegten Leibern sich an den Tisch setzen konnten, um sich ihren Punsch oder Toddy zu mischen. Unter den ungeheuren Dampfwolken ihrer Pfeifen sprachen sie mit vielem Ernst über die neuesten Welthändel, über den König und über die schrecklichen Aussichten. Der Propst, Halset, und ab und zu auch der Kammerherr und Graf Serbinoff erzählten ihnen mancherlei seltsame Dinge. Bald war es lustig anzuhören, was Se. Majestät für wunderliche Einfälle hatten, bald wieder lief ein gelinder Schauder dabei über die Rücken der wackeren Männer und mit Kopfschütteln und Seufzen wurden Fragen laut, was denn zuletzt aus solchen himmelschreienden Zuständen herauskomme, was aus Land und Volk werden solle? – Die vornehmen Herren wurden mit besonderer Hochachtung betrachtet und gehört, und der russische Graf mit seiner feinen Höflichkeit und Freundlichkeit gewann alle Herzen. Nicht allein die Herzen der Männer, denen er über die sogenannten russischen Rüstungen, von denen schreckende Gerüchte sich verbreiteten, den besten Trost gab, sondern auch wohl noch mehr die Herzen der Damen, weil er diesen seine vorzügliche Aufmerksamkeit zuwandte. Allen wußte er etwas Angenehmes und Schmeichelhaftes zu sagen, und so unwiderstehlich war seine Kunst der Unterhaltung, daß er selbst längere Zeit die schweigsame Jungfrau Mary Halset zum Reden brachte, neben welcher Ebba sich vergebens abgemüht hatte.

Bald mit dieser plaudernd und lachend, bald sich an Mary wendend, und in geschickter Weise ihre Antworten zu neuen Fragen und Einfällen benutzend, gelang es ihm ein Gespräch zu entwickeln, das sich hauptsächlich auf das Haus und die Familie des Freiherrn Wright bezog, in welcher sie Alle bald wieder sich zusammenfinden sollten.

Ihr Vater ist ein alter Freund des Freiherrn? fragte Serbinoff Mary.

299 Mein Vater, antwortete sie, kennt weniger ihn wie den Obersten, seinen Bruder, der in Abo uns oft besuchte.

Ein giltiges Zeugniß für den feinen Geschmack des Obersten, versetzte Serbinoff, der mir nicht umsonst gerühmt wurde.

Sein feiner Geschmack, erwiederte sie mit einem Lächeln, das über das blasse ernste Gesicht leuchtete, wird von meinem Vater besser beurtheilt werden können. Oberst Wright ist als unübertrefflicher Weinkenner allerdings sehr berühmt.

Es war das erstemal, daß Ebba eine Spötterei von ihr hörte, und die Art, mit welcher sie damit Serbinoff's zweideutiges Compliment zurückwies, gefiel ihr ganz besonders. Heimlich drückte sie ihr die Hand dafür, während Serbinoff die Bemerkung machte, daß ein solcher geisterfüllter Herr und dessen joviale Laune immer das beste Beispiel für seine Freunde seien.

In der That, sagte Mary Halset, ihre dunkeln Augen auf ihn richtend, ist der Geist, welcher aus solchen Launen spricht, immer noch manchem anderen Geiste vorzuziehen, der weit verderblicher auf seine Umgebungen wirkt.

Am besten also, so wenig Geist als möglich besitzen! rief er mit seiner geschmeidigen Bosheit.

Am besten, erwiederte sie, vor dem falschen Geiste sich mit dem altfinnischen Sprichworte zu behüten: Klugheit lernst du auch von dem Bösen, aber das Gute nur von dem Gerechten.

Ein langer, lächelnder und doch fast drohender Blick fiel auf Sam Halset's Tochter, die ihn unerschrocken erwiederte.

Da Sie die Familie Wright kennen, fragte Ebba, ist Ihnen gewiß auch Constanze Gurschin bekannt, die eben so schön als geistreich sein soll.

Ich habe sie früher gesehen, als sie in Abo erzogen wurde, antwortete sie; dann habe ich sie vor einiger Zeit angetroffen, da sie als Wittwe zu ihrem Vater zurückgekehrt war.

Und was sagen Sie von ihr?

Ein Urtheil zu fällen oder zu bestätigen vermag ich nicht, antwortete Mary.

300 Was ich von ihr in Petersburg gehört habe, sagte Serbinoff, läßt Ungewöhnliches erwarten. Madame Gurschin glänzte dort in den ersten Kreisen, und versammelte eine Schaar schwärmerischer Verehrer um sich.

Und das will etwas bedeuten, setzte Mary Halset hinzu, ohne einen Zug ihres pedantischen Ernstes aufzugeben, wenn sie solche Dinge an dem Orte vollbrachte, von dem heut zu Tage aller Geist und das Licht der Welt ausgeht.

Serbinoff entfernte sich, und that, als hörte er diese Antwort nicht. Er ging auf Sam Halset los, der eben allein, mitten in dem großen Zimmer stand, nahm ihn beim Arm, und führte ihn mit sich fort in ein anderes Nebengemach.

Sie wollen uns also durchaus verlassen? fragte er, als er sich mit ihm auf ein Sopha gesetzt hatte, von dem aus die Gesellschaft zu überblicken war.

Ich habe hier nichts mehr zu suchen, versetzte Halset, nachdem Sie mir großmüthig meine Anweisungen bezahlt haben.

Sie haben mich vortrefflich unterstützt, erwiederte Alexei verbindlich, nun schmollen Sie nicht weiter. Was wollen Sie überhaupt mit einem Schwiegersohn, der so wenig für Sie paßt? Wählen Sie einen anderen, der Ihre edeln Eigenschaften und Absichten besser zu würdigen weiß.

Glauben Sie denn, sagte Halset in seiner Weise grinsend, daß ich besondere Sehnsucht nach jenem da verspüre? Ich möchte manchen vorziehen, aber ich habe einmal den Wunsch ihm meine Tochter zu geben, weil mancherlei Gründe dafür sprechen.

Darf ich nach diesen Gründen mich näher erkundigen?

Erstens, begann Halset, weil Mary ihn liebt.

Sollte dies sich in der That so verhalten? lächelte Serbinoff.

Verlassen Sie sich darauf. Sie liebt ihn, so wunderlich dies scheinen mag, trotz dessen, daß er weder schön noch reich ist. Liebt ihn auch nicht um dessentwegen, weil er Rang und Titel hat. Es ist ein seltsam Mädchen, meine Mary, Herr Graf, gerade so seltsam wie er, eigensinnig und voller Einbildungen.

Ich unterlasse es dies zu bestreiten, sagte Serbinoff, auch ist die sogenannte Liebe eine so außerordentliche himmlische Erfindung, daß kein 301 Sterblicher sich vermessen darf sie zu erklären. Ich bestreite jedoch, Herr Halset, daß Sie als ein kluger Mann und calculirender Hausvater von dieser Herzensneigung besondere Notiz genommen haben würden, wenn nicht andere gewichtigere Gründe dafür vorhanden wären.

Sie haben's getroffen! lachte Halset, der seinen Kopf wie eine Schildkröte unter den hohen Kragen seines Rockes zurückzog. Ich hätte mich den Teufel um ihre Liebe gekümmert, wär's mir nicht selbst in's Blut gegangen. Ich will Ihnen einfach sagen, wie die Sache stand. Ingar Waimon, Otho's Vater, kannte mich von jung auf, war mein Vetter, half mir mit Geld durch seines Vaters Hand, daß ich Handel anfangen konnte. Als er aus Amerika wiederkam, gab er eine bedeutende Summe aus seinem Erbtheil her, womit ich mein Haus in Abo kaufte. Lange Zeit ging es gut mit uns, und als er starb, blieb ein Versprechen stehen zwischen unseren Kinder. – Daraus wurde nichts durch den unbändigen Sinn des Jungen, und weil's seine Mutter so wenig wollte, wie er und Alle. Es war ein trotzig Weib, Herr, eine Art Heilige, dabei so tugendhaft grob wie Heilige sind. Sagte mir den Kauf auf, weil sie trotz aller meiner genauen Rechnungen meinte, ich hätte nicht ehrlich gegen ihren Mann, meinen besten Freund, verfahren, auch weil ich mancherlei Landgüter an mich gebracht, deren Eigenthümer meine gerechten Forderungen nicht erfüllen konnten. Inzwischen hatten sie selbst von mir geborgt; der alte Freiherr, bedeutende Summen, ohne es wieder zahlen zu können.

Das Übrige weiß ich aus Ihren Erzählungen, fiel Serbinoff ein. Sie machten dem Freiherrn den Antrag, sein Sohn solle an Otho's Stelle treten, und wurden abgewiesen.

Richtig, ich wurde abgewiesen, nickte ihm Halset zu, neulich erst nochmals abgewiesen; bei alledem bleibt's dabei, was ich gelobt und geschworen.

Eide sind in neuester Zeit eine Waare geworden, die immer mehr an Gewicht verliert, lächelte der Graf.

Keine andere als Mary soll in Halljala Frau sein, sagte Halset. Es wird endlich so geschehen, ich bin dessen gewisser als je.

Wenn Herr Erich seine schöne Cousine aus Stockholm heirathet?

Er wird sie nicht heirathen, antwortete Sam.

302 Wer wird ihn daran hindern?

Halset sah ihn mit seinen schlauen Augen in's Gesicht. Sie werden's hindern, sagte er kaltblütig.

Und wenn Sie dies wirklich annehmen könnten, wird er darum Ihren Vorschlägen williger entgegen kommen?

Ich will Ihnen meine Meinung sagen, Herr Serbinoff, erwiederte Sam, indem er näher rückte und ihm gemüthlich zunickte. Sie spielen jetzt Ihr Spiel mit ihm und den leichtgläubigen Narren und Kindern, die zu ihm gehören. Darin mische ich mich nicht, wünsche Ihnen guten Erfolg, wenn Ihr Spiel aber verloren geht, Herr, so machen Sie es eben so. Überlassen Sie es mir dann in meiner Weise, das Conto zu schreiben.

Ein sehr bündiger Vertrag zwischen uns, Herr Halset, gegen den ich im Grunde nichts einzuwenden habe. Nur eine Bemerkung erlauben Sie mir, an welche ich eine Frage knüpfen werde. Wenn, was Sie mein Spiel nennen, verloren geht, so wird das Ihrige gewiß nicht gewonnen werden. Der Mann, welcher Ihnen jetzt schon sagt, daß er um keinen Preis mit Ihnen in eine verwandtschaftliche Verbindung treten will, der, wie ich vermuthe, dieser Überzeugung selbst die zärtlichen Neigungen geopfert hat, welche er empfand, wird dann noch viel weniger sich dazu verstehen.

Das ist ganz gewiß! rief Halset vergnügt grinsend. Ich bin auch ganz damit einverstanden, Herr Graf, und will verdammt sein, wenn ich ihm dann noch einen Finger reichen möchte.

Serbinoff sah ihn forschend an. Ist Halljala so viel werth? fragte er nach einem kurzen Schweigen.

Es ist ein mächtiger Besitz, antwortete der Kaufmann, kommt er in die rechten Hände, kann's der reichste in Finnland werden. Große Wälder, Herr, wunderbar fruchtbarer Boden, dazu mancherlei Anlagen, die gezeigt haben, was daraus zu machen ist. Es ist ein gewisser Verstand in Erich Randal's Kopf. Manches Ding hat er ausgedacht und angefangen, das der Klügste nicht besser machen könnte, und es ist eine Wahrheit, daß Halljala jetzt schon doppelt so viel werth ist, als zu seines Großvaters Zeiten.

Und wenn eine geordnete Regierung Finnland verwaltet und alle Hilfsquellen öffnet, wird Halljala zehnmal höher im Preise steigen, sagte Alexei Serbinoff.

303 Richtig, Herr, im Fall die Hand da ist, die es versteht. Kommt aber ein Krieg über das Land, so werden große Güter zum Spottpreis zu haben sein.

Wenn somit vielleicht Herr Samuel Halset zufällig eine bedeutende Forderung an das Gut Halljala zu machen hätte, flüsterte der russische Graf lächelnd, so läßt sich vermuthen, daß, im Fall der Freiherr kein Geld auftreiben könnte, der Herr Commerzienrath es sehr billig erstehen würde.

Halset kniff seine pfiffigen Augen zusammen, schüttelte jedoch den Kopf dazu. Es ist dennoch falsch calculirt, Herr, antwortete er, falsch aus allerlei Gründen. Kommt es zum Kriege, so wird die russische Regierung es diesmal sicherlich eben so machen wie früher schon zu Zeiten Peter's des Großen und der Kaiserin Elisabeth. Der Kaiser wird Huldigung verlangen als Landesherr und wird Jeden als Hochverräther erklären, der sich weigert oder gar Widerstand leistet.

Glauben Sie, daß der philosophische und tugendhafte Schloßherr von Halljala dahin gelangen könnte?

Ich habe die Meinung, es könnte so sein, erwiederte Sam, und in diesem Falle würde das ganze reiche Gut eingezogen werden.

Um die Treue eines würdigen und verdienstvollen Freundes damit zu belohnen.

Ich möchte mich doch lieber nicht ganz bestimmt darauf verlassen, sagte Herr Halset, eine Priese aus seiner goldenen Dose schnupfend. Nicht daß ich dächte, große Herren vergäßen ihre Freunde am leichtesten, wenn sie diese nicht mehr brauchen, fuhr er schelmisch blinzelnd fort, der alte Sam wird noch öfter nöthig sein, wie ich denke; allein es gibt andere Leute, welche man nicht vergessen darf, und die neue Regierung wird so klug sein, Landesrechte und Privilegien zu schützen; somit auch Halljala den rechtmäßigen Erben nicht vorenthalten, welche Ansprüche darauf zu machen haben.

Wer ist der nächste Erbe? fragte der Graf. Otho Waimon?

Es wäre der nächste ohne Zweifel, versetzte Sam, allein wenn wir doch einmal vertraulich allerlei Vermuthungen und Möglichkeiten bedenken, liegt es wahrlich nahe genug, den tollköpfigen Burschen unter den Hochverräthern obenan zu sehen. Wenn es nicht so ist, um so besser, 304 Herr Graf. Er macht mir bei alledem die geringste Sorge; müssen zusehen, wer Recht behält. Aber da sind die Wright's, die von Mutterseite mit Erich Randal verwandt sind, und gibt's in Finnland eine Sippschaft, die ihm nahe steht, so gibt's schwedische Familien, mit hohen Gönnern und Freunden. Es wäre der nächste ohne Zweifel, versetzte Sam, allein wenn wir doch einmal vertraulich allerlei Vermuthungen und Möglichkeiten bedenken, liegt es wahrlich nahe genug, den tollköpfigen Burschen unter den Hochverräthern obenan zu sehen. Wenn es nicht so ist, um so besser, Herr Graf. Er macht mir bei alledem die geringste Sorge; müssen zusehen, wer Recht behält. Aber da sind die Wright's, die von Mutterseite mit Erich Randal verwandt sind, und gibt's in Finnland eine Sippschaft, die ihm nahe steht, so gibt's schwedische Familien, mit hohen Gönnern und Freunden.

Sie sehen klug und weit in die Zukunft, sagte Serbinoff vor sich hinsinnend, dennoch könnte es sein, daß Sie Unrecht behielten. Nehme ich selbst an, daß der Freiherr Randal seine wahren Vortheile und meine freundschaftlichen Bemühungen verkennt, mein theurer Freund Otho auch nicht, wie ich hoffe, in meines Kaisers Dienste tritt, so sind doch beide noch weit davon, das Volk aufzuwiegeln und als Hochverräther verurtheilt zu werden. Der Freiherr Erich ist ein viel zu friedliebender, wohldenkender Landmann, Otho aber haßt die Schweden und ihre Herrschaft weit mehr, als die Russen. Ich sehe daher nicht ein, wie seine nahen Ansprüche Ihnen so geringe Sorgen machen können.

Halset grinste ihn an. Wenn Alles so wäre, erwiederte er, würde ihm immer noch übrig bleiben, seine eheliche Geburt zu beweisen.

Wie? fragte Serbinoff erstaunt, ist die zweifelhaft?

Wenn's einmal erforderlich würde, den Beweis zu liefern, könnte ein arges Geschrei entstehen, fuhr Sam fort. Als Otho's Mutter gestorben war, hat sich kein Trauschein unter der Nachlassenschaft gefunden und da der Freiherr, ihr Bruder, bald darauf ihr nachfolgte, war Niemand, der danach gefragt werden konnte.

Als Sie allein, sagte der Graf.

Richtig. Sie haben mich auch gefragt, aber ich wußte nichts.

Ich meine dennoch, lächelte Serbinoff, daß Sie wohl einige Auskunft geben könnten.

Meinen Sie nichts, sagte Sam Halset, ich habe vergebens Nachforschungen gemacht. So viel ist gewiß, daß die Heirath hier nicht statt fand. Sie kamen an als Mann und Frau und weil die Sache Aufsehen machte, wurde Mancherlei davon gesprochen, doch Niemand konnte in ihre Karten sehen. Einmal sprach ich mit Ingar Waimon darüber, machte einen Spaß von dem Gerede, that es aber nicht wieder. Er hatte etwas an sich, das sein Sohn von ihm geerbt hat, einen 305 Blick, der bis in Leber und Zwergfell reicht. Kein Wort sprach er, kehrte sich um und ging hinaus.

Sollte der Freiherr Randal ein solches Verhältniß geduldet haben? fragte Serbinoff, das, wäre es ohne Priesterbund geschlossen worden, doch später noch kirchlich besiegelt werden konnte?

Ich weiß es nicht, fiel Sam ein, kümmere mich auch nicht darum, halte mich lediglich daran, daß kein Document vorhanden ist. Niemand kennt den Priester, der die Trauung verrichtete, Niemand die Kirche und Keiner lebt, der Zeugniß geben kann. Sollte es jemals zu einer Rechtsfrage kommen, würden alle seine Ansprüche damit zu Boden fallen.

So wollen wir uns bis dahin beruhigen, sagte Serbinoff und uns zu erfreulicheren Dingen wenden. Da Erich Randal die Hand verschmäht, welche Sie ihm bieten, Otho ihrer unwürdig ist, so weiß ich einen andern mit Vorzügen reich begabten Mann, der sich glücklich schätzt, wenn Sie ihm Ihre Gunst und Ihre Tochter zusagen wollten.

Sie brauchen den Namen nicht zu nennen, erwiederte Sam. Ihre Rede ist deutlich genug; muß Ihnen auch bekennen, daß ich sie erwartet habe. Ich will Ihnen eben so deutlich meine Meinung darüber sagen. Ich habe nichts dagegen, sehe es gern und freue mich darüber, kann jedoch kein entscheidendes Wort sprechen. Lassen Sie uns gemeinsam abwarten, wer Recht behält. Kommt es so wie ich denke, so trifft Alles zusammen, was ich wünschen kann. – Wir haben ein langes Gespräch gehalten, Herr Graf, drinnen fangen die jungen Leute zu tanzen an, dabei dürfen Sie nicht fehlen. Ich wiederhole also nur noch einmal, was ich zum Anfang sagte. Ich hab's gelobt und geschworen, keine Andere soll Schloßfrau in Halljala sein, als Mary. Denke auch ist klar und verständlich. Kammerherr Bungen ist ein Mann, der zugreifen wird, wenn die richtige Zeit kommt, er hat die besten Ansprüche darauf. Sam Halset wird ihm nicht fehlen. Achte und schätze ihn, alles Andere wird sich finden. Damit stand er auf. Serbinoff war befriedigt. In meines Freundes Namen danke ich für Ihre Antwort, sagte er. Baron Arwed wird fortfahren zu beweisen, wie ernstlich sein Bestreben ist, Ihnen und dem Fräulein zu gefallen, und wie es auch kommen möge, so wird er doch immer durch die 306 Gnade des Kaisers ein Schwiegersohn sein, der Ihnen Ehre und Freude macht.

Propst Ridderstern zeigte sich an der Thür und hinter ihm ließen sich die dünnen, scharfen Töne eines verstimmten Klaviers hören. Damals war die Kunst, dergleichen Instrumente zu bauen, noch so ziemlich in den Anfängen und in dies äußerste Thule hatte sich überdies um ein Klapperkasten der schlechtesten Art verirrt, der aber dennoch viel bewundert und angestaunt wurde. Weiß lackirt stand er auf vier hohen steifen Beinen und die älteste Tochter des Propstes zeigte, was sie von ihrer Mutter erlernt, in einigen altherkömmlichen Tanzmelodien, welche trotz der falschen Griffe und Mißtöne doch mit Entzücken gehört und von allgemeinem Beifall begleitet wurden. Lange dauerte es nicht, so wirbelte was sich drehen mochte im Kreise herum und Niemand durfte sich ausschließen; selbst die geistlichen Herren konnten der Versuchung nicht widerstehen.

Nach einiger Zeit aber, als die Lust am lautesten war, entfernte sich Erich Randal von dem Tanzplatze und durch die Zimmer gehend stand er in dem letzten still. In dem dämmernden Dunkel bemerkte er am Fenster gelehnt eine schwarze stille Gestalt, die bewegungslos blieb, als er näher tretend ihre Hand berührte.

Mary, sagte er leise, darf ich noch einmal dich aufsuchen?

Warum mich aufsuchen? fragte sie.

Um ein offenes Wort mit meiner Freundin zu sprechen. Gib mir deine Hand, theure Mary. Gottes Segen sei mit dir!

Meine Hand kann ich nicht geben, sagte sie, ihre Finger zurückziehend.

Nicht deine Hand, Mary?

Was wünscht der Freiherr Randal von seiner unterthänigen Dienerin? fragte sie mit kalter fester Stimme.

Arme Mary! antwortete er, wie schwer muß es dir werden, mich so zu strafen. Hat die Vergangenheit keine besseren Erinnerungen für mich?

Was will der Freiherr Randal mit der Vergangenheit und deren Erinnerungen, sagte sie. Vor ihm liegt eine Zukunft, an welche allein er sich erinnern soll. Weil dem so ist, darum müssen wir 307 vergessen, daß es einmal eine Mary Halset gab, die thörichten Gedanken nachhing.

Wenn wir vergessen könnten, was wir wollten, entgegnete Erich, würde Vieles auf Erden anders sein. Auch du kannst es nicht; du willst mein Gedächtniß aus deinem Herzen reißen, doch immer wieder wird es kommen und dich bitten mild und gütig zu sein.

Freiherr Randal, antwortete sie mit der bestimmten Schärfe, welche an ihren Vater erinnerte, wir müssen zu einem Verständniß kommen, da dies das letzte Mal sein wird, wo wir allein zusammen treffen. Ich lasse unerörtert, was an Freundschaft, oder wie wir es nennen mögen, einst zwischen uns bestand. Mein Vater hat in seiner Weise verfahren, als er sich herbeiließ, Ihnen eine Verbindung zwischen uns wiederholt vorzuschlagen. – Sie haben mir erklärt, was Sie daran hinderte. Zunächst Ihre Mißachtung meines Vaters, dann Ihres eigenen Vaters Willen und Gebote. – Einem Mann, der ein Kainszeichen auf meiner Stirn erkennt, werde ich niemals anhangen können. Ich gab Ihnen Recht und thue dies noch jetzt. Ich zürne nicht, ich hasse nicht; ich bekämpfe Alles, was mich antreiben konnte, Verachtung mit Verachtung zu bezahlen; allein zwischen uns kann keinerlei Gemeinschaft mehr sein. Darum, Herr Erich Randal, wünsche ich Ihnen Glück zu Allem, was Sie beginnen, und danke Ihnen für Ihre Höflichkeit.

Sie weisen meine Theilnahme ab, erwiederte Erich sanftmüthig und ich gehorche Ihrem Befehle; doch aufzuhören Ihr Freund zu sein, das vermag ich nicht. Meine Cousine Ebba –

Mein gnädiger Herr, fiel die Jungfrau mit scharfem Tone ein, meine letzte eindringliche Bitte ist die, Ihren Einfluß dahin geltend zu machen, daß ich von allen Freundschaftsbeweisen unbelästigt bleibe.

Sie waren hart gegen mich, jetzt sind Sie grausam gegen sich selbst, sagte Erich.

Das Fräulein sucht Sie, fuhr Mary fort. Gehen Sie zu ihr, trösten Sie sie. Ich glaube nicht, daß Sie Ursach haben, länger hier zu verweilen.

Mehr als je und dennoch haben Sie Recht, antwortete er. Leben Sie wohl, liebe Mary, einst vielleicht rufen Sie den Freund zurück. 308 Sehen Sie dort hinauf, da steht ein Stern. Wenn Sie zu den Sternen aufsehen, möge Ihnen immer eine Stimme zurufen: Erich Randal vergißt mich nicht!

Zwischen den düstern Wolken funkelte der helle Stern in ihre Augen, als sie das Gesicht an das kalte Glas drückte, und seine Strahlen sprühten sonnenartig in den großen heißen Tropfen, die zwischen ihren Wimpern hingen. Eine Gluth füllte ihr Herz, daß es zerspringen wollte, ein triumphirender Schrei zitterte durch ihre Seele, während ein verzweifelndes Lachen um ihre Lippen zuckte.

Wo sind Sie denn, bestes Fräulein Mary? rief Baron Arwed. Ich suche Sie überall. Es soll ein deutscher Walzer getanzt werden. Lieben Sie den?

Ganz besonders, erwiederte sie, ihre Augen trocknend.

So machen Sie mich glücklich, indem Sie meinen Arm annehmen.

Alles, was ich zu Ihrem Glücke beitragen kann, beglückt mich selbst, erwiederte Mary, und ganz erstaunt über diese Antwort, führte er sie freudig in den hellen Saal.

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