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Gutenberg > Theodor Mügge >

Erich Randal

Theodor Mügge: Erich Randal - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
booktitleErich Randal
authorTheodor Mügge
year1856
firstpub1856
publisherVerlag von Meidinger Sohn
addressFrankfurt a. M.
titleErich Randal
pages830
created20090617
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Zwölftes Kapitel.

Am nächsten Morgen saß Erich Randal vor einem Haufen Rechnungen und aufgeschlagenen Briefen an seinem Schreibtische in der Bibliothek. Vor ihm standen niedergebrannte Lichte, welche bewiesen, daß er lange schon gearbeitet haben mußte; sein nachdenkendes Gesicht 275 wurde von Zeit zu Zeit von dem Feuerschein der großen Holzscheite beleuchtet, die in dem Ofen brannten, und mehr als einmal schien ihn eine Unruhe zu überkommen, die ihre Schatten auf seine Züge warf, doch bald wieder vor dem Lächeln verschwand, welches versöhnend darin zurückkehrte. Er schrieb Zahlen und Bemerkungen auf ein Blatt, verglich und rechnete und schien damit endlich zufrieden zu sein. Jetzt aber wandte er sich nach der Thür um, legte seine Feder fort und stand auf; denn der, welcher angeklopft hatte und hereintrat, war ein Fremder – es war Samuel Halset.

Der Kaufmann erschien eingehüllt in seinen großen Pelz, die Zobelmütze mit breiten Klappen über Kopf und Ohren gezogen.

Eh! rief er, die Hand des Freiherrn schüttelnd, da bin ich; bringe scharfe Kälte und warme Freundschaft mit, Freiherr Randal. Wir werden einen langen Winter aushalten müssen, prophezeihe es Ihnen. Haben zu lange bei gutem Wetter gelebt, sind damit über die gewöhnlichen Regen und Schlackenstürme hinausgekommen; daher wird es jetzt frieren in einem Zug weit über Weihnachten hinaus, vielleicht bis März oder April hinein, oder bis zum Mai, bis die Schneeschmelze da ist.

Er warf seinen Pelz, da er keinen anderen Platz fand, auf den großen Tisch über die Bücher hin, welche dort lagen, betrachtete diese einen Augenblick, und fuhr dann lachend fort. Es sieht schrecklich gelehrt noch immer hier aus, Freiherr Randal. Hatte beinahe gemeint, die schöne Cousine aus Stockholm würde den ganzen Bücherkram ausfegen und Haubenstöcke oder Kantenkragen in die guten Schränke setzen.

Meine Cousine Ebba, erwiederte Erich, beschäftigt sich gern auch mit Büchern und leistet mir oft dabei Gesellschaft.

Sam Halset that seine runden Augen auf und zwinkte sie zusammen. Es ist eine Seltenheit bei jungen Damen von so vornehmer Art, und ist um so mehr zu verwundern, weil das gnädige Fräulein zu Pferde sitzt im Sturm und Wetter, tanzt und singt, wie es nicht besser geschehen kann. Wird eine Lücke sein für die jungen Herren in Liliendal, für den Obersten Wright, der ein Kenner ist, und für den Herrn Serbinoff, den es zumeist angeht.

276 O! sagte Erich, glauben Sie das, Herr Halset?

Halset rückte einen Stuhl neben ihn an den Schreibtisch, setzte sich gemächlich nieder und legte seine Beine über einander. Ob ich's glaube? fragte er pfiffig blinzelnd, warum sollte ich es nicht thun? Erst in letzter Woche habe ich von Stockholm eine Anfrage bekommen, wie es denn mit der Verlobung stehe? Scheint eine abgemachte Sache zu sein, Freiherr Randal. Meinen da drüben, der Herr Graf wäre einzig nach Finnland gekommen, um das schöne Fräulein nicht zu verlassen.

Mit aller Aufmerksamkeit konnte Halset keine Veränderung an dem Freiherrn entdecken, der ihn ruhig anhörte und vor sich hin lächelte. Eh, fuhr er fort, ist aber auch ein feiner Herr von der rechten Sorte. Seine Familie gilt viel beim Kaiser in Petersburg, und reich ist er, allmächtig reich. Bergwerke im Ural und an die hundert tausend Seelen. Eine schnurrige Sache, die Seelenrechnung! Ihre Cousine, Freiherr, gehört dagegen nicht zu den Goldfischen, die in Stockholm überhaupt selten sind. Wir haben Alles in Schweden und in Finnland, nur kein Geld. Geld ist selten bei uns, habe ich Recht, Herr? Er lachte scharf auf und rieb seine dicken Hände.

Allerdings haben Sie Recht, erwiederte Erich sanftmüthig. Ich selbst, Herr Halset, bin ein Beispiel für die Wahrheit.

Sie haben kein Geld, eh! rief der Kaufmann; ich auch nicht. Leere Taschen, Herr, leere Taschen! es kann nicht anders sein. Er stützte sich auf den Ellenbogen, legte seine Hand unter sein Kinn und beugte sich nach vorn, indem er den Gutsherrn betrachtete. Haben Sie mich erwartet, Freiherr Randal? fragte er.

In Wahrheit, nein, sagte dieser; da Sie jedoch gekommen sind, ist es mir lieb, Sie zu sehen, um mit Ihnen über unsere beiderseitige Angelegenheit offen zu sprechen.

Ich bin's gerne zufrieden, erwiederte Halset; denn ich liebe ein offnes Wort, will auch nicht damit zurückhalten. Unsere beiderseitige Angelegenheit aber besteht darin, daß ich hier in meiner Tasche eine Reihe verbriefter Pfand- und Schuldscheine habe, zusammen lautend auf ein Capital von mehr als vierzigtausend Bankthalern, die ich 277 nach und nach Ihrem Vater vorstreckte, dazu ein Papier über zehntausend, das heut gezahlt werden soll.

Für welche ich mich verbürgt habe, fügte Erich hinzu.

Das thaten Sie, nahmen es auf eigene Schultern, und ich war's zufrieden bis auf diese Stunde, fuhr Halset fort. Es ist jetzt die Zeit gekommen, wo ich mein Geld flüssig machen muß.

Sie haben mir versprochen, mich niemals zu drängen, erwiederte Erich in seiner ruhigen Weise.

Ich habe es versprochen und thue es auch nicht, versetzte Halset. Als Ihr Vater starb, verlängerten wir die Zahlungsfrist auf ein Jahr. Das Jahr ist um, Freiherr Randal. Damals gelobten Sie, wenigstens einen Theil vom Capital zurückzugeben.

Ich werde Wort halten, so viel ich es vermag, sagte Erich. Sie wissen, daß ich Holzgeschäfte begonnen habe, die mir Gewinn bringen, auch aus der Ernte dieses Jahres bin ich im Stande, Ihnen Abzahlungen zu machen.

Halset lachte. Von alledem werde ich wenig bekommen! rief er. Ihr Holzhandel ist eine faule Speculation, es kann nichts Gutes dabei herauskommen. So lange keine geregelte Wasserstraße da ist, kostet er mehr als er einbringt, und was soll Ihnen von der Ernte übrig bleiben, wenn Sie überall geben, den Leuten Vorschüsse machen, Straßen bauen lassen, Wald roden lassen, viele Arbeiter beschäftigen, die davon leben? Alles das kostet Geld, Herr, viel Geld, und dazu kommen Ihre Neuerungen, Ihre Lust, Tagedieben zu helfen, die es Ihnen nicht lohnen.

Sie thun mir Unrecht, antwortete Erich. Mein Vater hat unser Besitzthum damit wesentlich verbessert; ich fahre fort, es zu thun, in der Gewißheit, daß die guten Früchte nicht ausbleiben.

Ich verkenne das Gute nicht, fiel Halset ein; aber es sorgt Jeder in der Welt für sich zunächst; geschieht das nicht, verkehrt sich das Richtige ins Falsche. Wo die Herren groß und reich sind, sind die Bauern arm, heißt es in dem alten Sprichwort; aber wo es reiche Bauern gibt, kommen die Herren herunter. Die Bauern in Halljala werden alle Jahr übermüthiger. Wie soll der Herr reich werden, der ihnen sein Gut mit vollen Händen zureicht?

278 Mein lieber Herr Halset, sagte Erich, wir werden über unsere Grundsätze nicht streiten wollen.

Das heißt, was Sie thun, geht mich nichts an, oder ich verstehe es nicht, erwiederte der Kaufmann. Ich will's zugeben, Freiherr Randal; doch mein Geld soll dabei nicht länger mitspielen. Die Sache ist, daß ich es brauche, große Lieferungen gemacht habe, von der Regierung auch kein Geld bekommen kann, aber meine Verpflichtungen erfüllen muß.

Die Summen, welche Sie von mir zu fordern haben, sind so bedeutend nicht, um Ihnen viel zu helfen, war Erich's Antwort. Überdies haftet ja meine ganze Habe dafür.

Es nützt wenig in solcher Zeit! schrie Halset. Wer dem Könige borgt, sollte meinen, er hätte einen ganzen Staat als Sicherheit; was kann es helfen, wenn der Staat immer unsicherer wird. Die Engländer schicken monatlich hunderttausend Pfund Sterlinge, die pünktlich ausgezahlt werden, dazu kommen alle Landeskassen, doch die sind leer bis auf den Boden. Eine neue Grundsteuererhöhung wird eben wieder ausgeschrieben, die Bank hat hergeben müssen, was sie noch an Reichsgeldern besaß; wir aber können bei alledem nichts bekommen. Muß also jeder Kaufmann sein Geld zusammenhalten.

Der Grundbesitz verschwindet nicht, erwiederte der Freiherr, und was mir gehört, ist groß genug, um Ihnen keine Besorgniß zu erregen.

Der Grundbesitz verschwindet nicht, ein ganzes Land noch weniger, sagte Halset; allein die Besitzer könnten verschwinden, und wenn ein Staat nicht untergeht, so könnten doch, wie dies schon öfter sich begeben, die Regierer ein Ende nehmen. Durch Staatsschulden ist schon mehr als einmal ein dicker Strich gemacht worden, und die neuen Herren haben dann bestimmt: geht hin und laßt euch von dem alten bezahlen. Alte Geschichten, Herr! Jeder muß sehen, wo er bleibt, wenn ein Gewitter am Himmel steht.

Sind die Wolken denn so schwarz vor Ihren Augen? fragte Erich.

Wir können aufrichtig sprechen, denn wir sehen die Sache von einer anderen Seite an, wie die Herren mit Degen und Orden, versetzte 279 Halset. Der König gibt nicht nach, ist nicht der Mann dazu; hat aber auch den Geist nicht danach, um große Gefahren zu bestehen. Unordnung ist überall, Unzufriedenheit dazu, Haß und Gespött tausendmal mehr als Vaterlandsliebe. Wenn es dem Könige schlecht geht, lachen sie darüber in Stockholm; wenn er unvernünftig handelt, freuen sie sich. Seine Günstlinge werden verachtet, die er liebt, sind verabscheut. Dem Grafen Ugglas haben sie neulich eine todte Eule an seine Thür genagelt und einen Zettel daneben mit einem Wortspiel auf seinen Namen. Die erste sollte so lange geschlagen werden, bis das Ganze zum Letzten würde, nämlich Uggla, die Eule, zum Aas. – Glauben Sie, daß das die Russen nicht wissen? Glauben Sie, daß man in Petersburg nicht genau kennt, wie es in Stockholm und im ganzen Lande aussieht? Wenn's der Adel allein wäre, möchte es noch gehen; allein auch in den Städten, Stockholm voran, ist keine Spur mehr von Achtung oder Liebe, und selbst unter den Bauern, die sonst immer dumm genug sind, fest zu glauben und wenig zu denken, ist das Elend ein Bekehrer geworden. – Wenn nun die Russen darauf bestehen, der König soll die Engländer aus der Ostsee jagen helfen, soll ihnen seine Häfen sperren, wie es in der nordischen Neutralität geschrieben steht, was wird dann geschehen?

Die nordische Neutralität ist ja von Rußland selbst aufgegeben worden; es hat sich zuerst mit England verbündet.

Aufgegeben wohl, aber nicht aufgehoben, fiel Halset ein. Die Verträge bestehen noch, können alle Tage wieder in Bewegung gebracht werden. Ein Adler thut, was er will, ein Sperber, was er muß, sagt ein altes Sprichwort. Dreißigtausend Russen liegen von Wiborg bis Fredriksham, andere dreißigtausend sind nahe dabei. Wenn's den Russen einfiele, den schwedischen Sperber zu zwingen, daß er thue, was er soll, würde es nicht genug sein, mit sechszigtausend Mann bis Abo und weiter hinauf, bis nach Osterbotten, ja hinüber bis nach Schweden, bis nach Stockholm sogar, zu kommen?

Wenn eine solche blutige Gewaltthat wirklich von dem russischen Kaiser beabsichtigt würde, sagte Erich, könnte es allerdings geschehen.

Gewaltthat! lachte Halset. Bei hohen Herren gibt's keine Gewaltthaten, sie nennen es Politik, Klugheit, beklagenswerthe 280 Nothwendigkeit, wenn sie Land und Volk in ihre Taschen stecken. Was denken Sie, Herr? Denken Sie nicht, daß es in Stockholm eine mächtige Freude sein wird, wenn die Russen in Finnland einfallen, und die Schweden so lange jagen und todtschießen, bis der letzte am Boden liegt?

Es könnte wohl sein, daß es auch solche Verblendete gäbe, sagte Erich.

Verlassen Sie sich darauf, fuhr Halset fort. Der Haß gegen den König ist so hoch gestiegen, daß Alles, was ihm zu Leide geschieht, mit Jubel aufgenommen wird. Wenn die Nachricht käme, Cronstedt hat Sweaborg den Russen überliefert, würden Viele vor Lust tanzen, weil's dem Herrn in Haga so ein rechtes Herzleid machen müßte.

Es würde ihnen bald selbst leid werden, antwortete Erich. Wenn ein solches Unglück käme, würde Finnland verloren sein.

Das würde es sein, versetzte der Kaufmann, aber alles Leidwerden käme zu spät, denn herausgeben thun's die Russen nimmer mehr. Der Leichtsinn ist groß, Freiherr Randal, es kann es Niemand leugnen. Sorge jeder darum für sich. Was würden Sie thun, Herr, wenn uns die Schickung träfe?

Was ich thun kann, Herr Halset.

Das heißt, Sie würden die Russen als Ihre Feinde betrachten.

Ich bin kein Kriegsmann, erwiederte Erich Randal, um, wie ein solcher an die Grenzen zu ziehen, nur mein Leben und mein Eigenthum liegt mir ob zu schützen, wenn ich es vermag. Sollten die Russen wirklich einen Einfall in Finnland wagen, so würden meines Landes und Volkes Feinde ganz natürlich auch meine Feinde sein.

Eine solche Antwort habe ich von Ihnen erwartet, lachte der Kaufmann ihm zunickend, und eben um dessentwegen sehe ich nach meinem Gelde. Kündige Ihnen also meine Pfandbriefe, Freiherr Randal, und wie es darin geschrieben steht, soll, von heut ab, binnen drei Monaten spätestens das Geld gezahlt werden.

Ich nehme Ihre Kündigung an, erwiederte Erich, da Sie es so wollen.

Die zehntausend Bankthaler aber, die mir heut ein Jahr nach unserem Übereinkommen gezahlt werden sollen. Wie steht es damit? Liegen sie bereit, Freiherr Randal?

281 In Wahrheit, nein, sagte Erich, indem er nach seiner Berechnung griff, welche vor ihm lag. Ich habe Ihren Besuch nicht sofort vermuthet, habe daher verschiedene Forderungen noch nicht eingezogen.

Eh! rief Sam Halset, Forderungen auch an den großmächtigen Herrn Otho.

Im Gegentheil, antwortete der Freiherr. Mein Vetter hat Forderungen an mich zu machen, da seiner Mutter Erbe zum Theil in meinen Händen ist.

Der Kaufmann wog seinen Kopf aus der linken in die rechte Hand und verzog sein Gesicht zu einem angenehmen Grinsen. Wir wollen kurz und bestimmt zum Ziele kommen, sagte er. Mein Geld ist fällig, ich könnte sofort Richter und Schreiber anrufen, will's jedoch nicht thun, um alter Freundschaft willen und – um Mary's willen, Freiherr Randal. – Still, fuhr er fort, als Erich sprechen wollte, hören Sie mich bis an's Ende. Wir wissen beide, was geschehen ist zu jener Zeit, als Mary hier war. Der junge Herr Erich war ihr lieber geworden, als jeder andere Mann, und ich will's nicht untersuchen, was er dazu beigetragen hat.

Nichts, Herr Halset, was mir zum Vorwurf gereichte, antwortete Erich.

Gut, will glauben es machte sich von selbst, wie es bei der Jugend geschieht, fuhr der Kaufmann fort, aber es war die Ursach, daß ich mit Ihrem Vater sprach, und die Folge war, daß ich mein Mädchen mit mir fortnahm.

Mein Vater wünschte eine solche Verbindung nicht, sagte Erich sanftmüthig. Er hatte seine Gründe.

Hatte Gründe, gut! rief Sam. Wollte nichts mit dem Krämer in Abo zu thun haben; sagte es mir in's Gesicht, ich sei kein Mann für ihn, meine Tochter keine Frau für seinen Sohn.

Lassen Sie die Vergangenheit ruhen, Herr Halset, fiel Erich Randal ein, indem er ihm versöhnlich die Hand bot.

Mag sie ruhen, kommen wir auf die Gegenwart. Mary ist nicht wieder so froh geworden wie sie war, Freiherr Randal. Ein Kummer ist in ihrem Herzen, ein Schmerz auf ihren Lippen, ihre Gedanken sind immer noch bei dem Manne, der ihr der Beste schien.

282 Sie sagen, was mich tief betrübt, murmelte Erich, seinen Kopf senkend.

Ich hätte dem stolzen Freiherrn bald zeigen können, was der Krämer in Abo bedeutet, aber ich that's nicht, fuhr Halset im scharfen Tone fort. Ich verschloß, was ich dachte, in mir, lachte dazu, gab nochmals Geld, als er es brauchte, und wartete meine Zeit ab. Als er starb kam ich und sprach mit Ihnen, nahm alle Ihre Einrichtungen an, steckte Ihre Verschreibungen ein und fuhr nach Haus. Als ich von Mary mit Ihnen sprach, sah ich wohl, wie es in Ihnen kämpfte; that deßhalb keine Frage mehr, kam nach Abo ohne Gruß und Wort.

Wir müssen davon abbrechen, Herr Halset, sagte der Freiherr, indem er aufstehen wollte.

Nein, versetzte Halset, sitzen Sie still, wir müssen jetzt weiter davon sprechen. Das Jahr ist um, ich bin da, und Mary ist da. Es ist mein einzig Kind, Freiherr Randal. Ich bin alt, will Mary glücklich wissen ehe ich sterbe; will einen Schwiegersohn haben, wie er mir gefällt.

Wenn ich Alles hoffen dürfte, Herr Halset, entgegnete Erich mit sichtlicher Überwindung, dürfte ich doch nicht hoffen, Ihren Wünschen zu entsprechen.

Warum nicht? fragte Sam. Ich kenne Sie besser wie Sie denken. Ihr Kopf ist klar und ruhig. Sie haben einen Gott gesegneten Verstand bekommen, nur die Leitung fehlt, die richtige Leitung.

Und diese Leitung würde ich von Ihnen empfangen, sagte Randal sanftmüthig lächelnd.

Will's glauben, ja, und sie ist Ihnen nöthig, Freiherr, wenn Sie nicht untergehen wollen in Sturm und schlimmer Zeit. Wo soll's hinaus mit dem Wesen, das hier getrieben wird? Eine Hand muß da sein, die halten hilft. Meine Hand wird's thun, so alt sie ist, und Mary's Hand dazu.

Das sind Ihre wahren und einzigen Gründe nicht, erwiederte Erich.

Sam Halset lachte. Nicht? rief er, was denn? – Es ist ein Blick bei Ihnen, der bis in's Innere geht, ist eine schätzenswerthe Gabe an einem so jungen Manne. Will's Ihnen sagen, was ich denke, 283 offen sagen, Freiherr Randal. Es steht in meinem Kopfe fest, Sie sollen mein Schwiegersohn werden; meine Mary soll in Halljala Schloß wohnen, wo sie hinausgeworfen wurde. Ich habe es nicht vergessen, Herr, daß ich ein schwer beleidigter Mann bin. Habe die hochmüthigen Worte nimmer vergessen, die Ihr Vater mir zugeworfen, und die Menschen drüben in Louisa, alt und jung. Meine Mary soll darum hier einziehen und Schloßfrau sein, Erich Randal's Frau; Sam Halset, der Krämer aus Abo, sein Schwiegervater.

Der Triumph in Halset's Gesicht heftete sich an seinem lauernden Lachen fest. Es wird geschehen, fuhr er drohend fort, denn es muß geschehen, Freiherr. Der alte Sam hat Geld genug um Halljala zum ersten Rittersitz in Finnland zu machen; Geld genug, alle die Pläne auszuführen, an denen Sie zu Grunde gehen, und Macht genug, um alles Unheil abzuwenden, das bald hereinbrechen wird.

Dennoch kann es nicht geschehen, sagte Erich mit leiser, fester Stimme.

Kann nicht geschehen? fragte Halset. Eh! meinen Sie? Und Mary – er legte seine Hand um Erich's Arm und beugte sich zu ihm hin – Sie lieben, meine Mary! Ich weiß es. Und wenn Sie tausendmal nein sagten, ich weiß es dennoch!

Eine Minute lang antwortete Erich Randal nicht darauf. Seine Augen senkten sich nieder, eine heftige Gemüthsbewegung, von der nichts sichtbar wurde als das leise Zucken seines Arms, den Halset fest hielt, mußte überwunden werden. Als dies geschehen war, sagte er in seiner ruhigen Weise: Wir sind in eine seltsame Lage gerathen, Herr Halset, die mich nöthigt, Ihnen mehr zu vertrauen als meine Absicht sein konnte.

Ich fühl's mit Ihnen, versetzte Sam. Öffne Ihnen mein Herz bis auf die Nieren, und möchte es so mit keinem Anderen thun. Es ist aber nothwendig, Herr, es muß geschehen. Ich muß Ihnen sagen, wie es bei mir und Mary steht, was das Mädchen hofft und was ich will.

Mary hofft nichts, antwortete Erich. Niemals hat sie Ihnen gestanden, daß ihr Herz mir anhängt, noch weniger würde sie je mit dem zufrieden sein, was Sie mir als ihre Wünsche eröffnen.

284 Eh! rief Halset, woher wissen Sie das?

Weil ich Mary kenne, weil ich weiß, daß sie stolz und edel denkt; weil wir uns getrennt haben, Herr Halset, mit dem Bewußtsein, daß diese Trennung eine dauernde sein muß.

Und was ist die Ursache, Herr? Wo liegt der Grund?

In den Verhältnissen, sagte Erich. Ich werde mich mit meiner Cousine Ebba vermählen, Herr Halset.

Ich glaube es nicht! rief Sam boshaft grinsend, und indem er seine Hand ausstreckte fügte er hinzu: Ich will eine Wette mit Ihnen machen, daß nichts daraus wird. Könnte auch nur zu Ihrem Unheil sein.

Herr Halset, fiel Erich in einem Tone ein, der eine eigenthümliche Macht ausübte, ich verbiete Ihnen, von meiner Cousine das Geringste zu sagen, das mir nicht gefällt.

Ein höhnendes Lachen schwebte in Halset's Gesicht. Meinen unterthänigsten Diener vor dem schönen Fräulein, sagte er, nachdem er sich besonnen hatte. Meinetwegen mag es aller Tugenden Inbegriff sein, allein Tugend ohne Geld ist der Glückliche ohne Hemd. Was wollen Sie mit einer Frau machen, Freiherr Randal, die in dies leere alte Schloß leer einzieht?

Besser leer, antwortete Erich ihn streng anblickend, als mit Gold beladen, das mit Wucher und Betrug erworben wurde.

Halset richtete sich auf, seine Augen erhielten einen helleren Glanz. Oho! rief er, kommt der Ton daher, junger Herr? Sind ähnliche Worte, die einmal eine Frau gegen mich gebrauchte, deren Sinne nie recht beisammen waren.

Otho's Mutter, meine unvergeßliche Tante, gebrauchte diese Worte gegen Sie, Herr Halset, fuhr Erich fort, um ihren Sohn zu vertheidigen, als er es nicht länger in Ihrer Nähe aushalten konnte. Lassen Sie uns schweigen. Ich verspreche Ihnen alle Mittel zu ergreifen, um in kurzer Zeit Ihnen gerecht zu werden.

Versprechen und nicht halten, das ist Eure Art, Ihr Herren! sagte der Kaufmann erbittert. Einen Stier faßt man bei den Hörnern, einen Mann bei seinem Wort, Freiherr Randal. Hier steht's geschrieben, am 15. November spätestens zu zahlen, wenn es gefordert wird, 285 und dafür zu haften mit allem beweglichen und unbeweglichen Gut. In einer Woche kann ich die Pfändung bewirken, würde Aufsehen genug machen. Ich biete Ihnen aber nochmals Freundschaft und Gemeinschaft an, biete es Ihnen an aus reinem Herzen und meines Kindes wegen.

Mein Vater, sagte Erich aufstehend, hat mir jede Verbindung mit Ihnen unmöglich gemacht, indem er mir das Versprechen abnahm, um meine Muhme Ebba zu werben.

Thorheit! rief Halset. Denken Sie nach, Freiherr Randal, ob's nicht bitter Thorheit wäre. Das Weib in Louisa, die Narrheiten genug ihr Leben über trieb, hat zuletzt auch noch diese angestiftet.

Kein Wort mehr! rief Erich, und eine zornige Gluth sammelte sich in seinen Augen. Mein Vater und Alle, die Sie kannten hatten Recht, wenn sie nichts mit Ihnen zu schaffen haben wollten. Zwingen Sie mich nicht dazu, Ihnen noch mehr darüber zu sagen; es thut mir leid, daß es so weit gekommen ist.

Stille! Freiherr Randal, stille! fiel Halset ein, der sein Gesicht plötzlich zu einem gutmüthigen Lachen zwang, wir wollen uns nicht weiter erhitzen. Was ich zu sagen hatte, aufrichtig und von Herzen, habe ich gesagt, sehe aber ein, es muß jeder von uns seinen eigenen Weg gehen. – Er nahm seinen Pelz und zog ihn an, nahm seine hohe Zobelmütze und band diese fest. Es ist also nichts mit meinem Gelde, Herr? fragte er, als er fertig war.

Geben Sie mir nur einige Wochen Zeit, sagte Erich, so will ich es zahlen. Meine Verhältnisse können Ihnen keine Sorge machen. Wenige Jahre werden hinreichen, mir solche Vortheile zu sichern, daß Halljala den doppelten Werth hat.

Gut, antwortete Halset freundlich, ich will warten, das heißt bis morgen, länger nicht. Morgen die zehntausend Bankthaler, Freiherr, wie es Recht ist, und in drei Monaten das Übrige. Es thut mir wahrlich leid genug, daß es so weit mit uns gekommen ist, fügte er hinzu; aber es geht nicht anders. In Tavastehuus sitzen Gericht und Richter, die in drei Tagen hier sein können.

Sie haben das Recht dazu, sagte Erich ruhig, ich erkenne es an; doch warum wollen Sie mich in solche üble Lage bringen? Das 286 würde wenig großmüthig sein, Herr Halset, um so mehr, da Ihr Geld Ihnen sicher werden soll.

Großmüthig? lachte Halset vergnügt. Soll ein Wucherer großmüthig sein? Ein Krämer in Abo hält sein Wort, Herr, Handel und Wandel dulden keine Freundschaft.

Ehe er weiter reden konnte, wurde er durch Serbinoff unterbrochen, der die Thür nach der Halle öffnete und plötzlich vor ihm stand. – Unser würdiger Freund hat Recht, sagte er. Er ist ein Mann von strengen Grundsätzen, die unter Kaufleuten so heilig sind, wie göttliche Gebote. Verzeihen Sie mir diese Unterbrechung, Herr Randal. Ich habe unfreiwillig die letzten Sätze Ihrer Unterredung mit Herrn Halset angehört und biete als beiderseitiger Freund meine Vermittelung an.

Herr Halset verlangt auf der Stelle von Ihnen Geld; mir macht es das größte Vergnügen, damit auszuhelfen. Weigern Sie sich nicht, so geringe Dienste von mir anzunehmen, theuerer Freund; nur verzeihen Sie meine Zudringlichkeit. Ein Edelmann ist dem andern verwandt, fügte er französisch hinzu, und kann nicht dulden, daß ein Krämer auf seinen Übermuth trotzt.

So fein und in so herzlicher Weise, wie Serbinoff seine Hilfe anbot, konnte Erich Randal diese um so leichter annehmen. Sie leisten mir einen großen Dienst, den ich nicht abschlagen kann, sagte er. Herr Halset hat gerechte Forderungen, und sicher bin ich im Stande, alle meine Verpflichtungen zu erfüllen, wenn ich nur Zeit dazu behalte.

Ich werde Ihnen diese verschaffen, so lange es Ihnen beliebt, erwiederte der Graf. Zunächst erlauben Sie mir, die fällige Summe zu decken, für alles Übrige leiste ich Bürgschaft und will Ihnen die Mittel anweisen, sich von ihm zu befreien. – Sie verlangen also sogleich den Betrag des Schuldbriefes, welchen Herr Randal ausgestellt hat? fragte er, indem er sich zu Halset wandte.

Ja, Herr, erwiederte der Kaufmann, offenbar übel gelaunt über diese Einmischung. Ich verlange sie, weil der Verfallstag da ist.

Sehr recht, Herr Halset, sagte Serbinoff; aber würden Sie auf meine Bitte nicht vielleicht einen Wechsel von mir dagegen annehmen, 287 zahlbar auf der Stelle in Stockholm bei dem Herrn von Alopäus, Gesandten meines Kaisers.

Halset zögerte eine Minute lang, als besönne er sich, gleich darauf schien er seine Meinung zu ändern. Ich bin es zufrieden, Herr! erwiederte er, indem sich sein Gesicht aufklärte. Wechsel auf Stockholm sind mir willkommen.

Dann sind wir schnell einig, fuhr Alexei Serbinoff fort. Holen Sie den Schein heraus, würdiger Freund, auf der Stelle sollen Sie den Wechsel haben.

Er setzte sich an den Tisch, ergriff einen Papierstreifen und schrieb, während Sam ein großes braunledernes Taschenbuch hervorzog, unter einer Anzahl Papiere ein bestimmtes auswählte, hineinblickte und es auf den Tisch legte. – Es soll unsere Freundschaft, wie diese jetzt ist und bleibt, nicht stören, Freiherr Randal, sprach er dabei; denn bin ich gleich kein Freund von Großmuth im Geschäft, wo das Mein und Dein in Betracht kommt, so doch in allen anderen Dingen dienstfertig, wie es sein muß, zu Mitmenschen und Christen. Es braucht ein Jeder sein Geld in solcher Zeit mehr noch als sonst. Hoffe, Sie haben das Einsehen dazu, und soll mich freuen, Sie in Abo bei mir zu sehen, oder nächstens in Liliendal; denn ich gehe von hier hinunter nach Helsingfors, und Freiherrn Wright's Haus ist eines, wo man gern ausruht. Ist ein Mann, wie man ihn selten sieht, der Freiherr und seine Tochter – eh! strecken Sie die Hand her, Herr Erich, ist auch eine alte Freundin, die wohl im Stande wäre, Halljala auf einen anderen Fleck zu bringen.

In dieser unverschämten Weise, ohne im Geringsten verlegen über seine Lage zu sein, bot er Erich seine Hand, welche dieser nachgiebig annahm. Ich will sehr gern vergessen, Herr Halset, was zwischen uns gesprochen wurde, sagte er, und bitte Sie, dasselbe zu thun.

Bin's zufrieden! lachte Halset. Wollen Beide vergessen, nur nicht, daß in drei Monaten, von heut ab, mein Geld auf dem Tisch liegen soll.

Hier ist Ihr Wechsel, sagte Serbinoff. Nehmen Sie ihn hin, was aber die weiteren Zahlungen betrifft, so wird der Freiherr Randal wahrscheinlich schon vor der Verfallszeit Ihnen den Betrag überliefern.

288 Um so besser, sagte Halset, das Papier einsteckend, ich bin immer bereit dazu. Jetzt aber, meine lieben Herren, ist meine Zeit um. Propst Ridderstern wartet nicht gern mit dem Frühstück, und Mary hat einen Besuch bekommen, eben als ich sie verließ. Der Herr Kammerherr brachte Bücher, welche er ihr gestern versprochen hat, und das Fräulein Schwester wollte auch bald erscheinen. Ein edler Herr und ein feines Fräulein! Hohe Gnade für einen alten Krämer und Wucherer, rief er herzlich lachend, daß solche Herrschaften so weit sich herablassen. Aber Friede in's Haus, Freiherr Randal. Friede und Freundschaft zwischen uns und ein fröhliches Wiedersehen! – Damit entfernte sich Sam Halset.

Ein seltsames altes Geschöpf, sagte Serbinoff, doch ohne Zweifel ein Mensch, vor dem man sich hüten muß; denn er hat ganz das Ansehen eines schlauen Speculanten, der kluge Rechnung mit unverschämter Anmaßung verbindet.

Er ist reich, erwiederte Erich, und ist es durch unablässiges Streben nach Geld und Gut geworden. Meinem Vater hat er bedeutende Summen vorgestreckt und ihm manche Dienste geleistet, wobei er freilich besondere Zwecke verfolgte. Gegen Andere ist er hart gewesen, und zu manchem Besitz ist er in einer Weise gekommen, die von Wucherei und Gaunerei sich nicht gut unterscheiden läßt. Um dessentwegen haftet auch mancher Vorwurf auf ihm. Fluch und Thränen, wie nach einem alten Worte Otho einst ihm sagte, und es gibt wohl auch Familien außer der meinigen, welche sich von ihm so viel als möglich zurückgezogen.

Ich kann mir denken, versetzte Alexei, daß edle Naturen nicht mit diesem Manne in nähere Verbindung treten mögen. Fort mit ihm, bester Freund, Sie müssen sich von ihm ablösen, und dazu will ich getreulich helfen.

Vielen, großen Dank, erwiederte Erich, ihm die Hand drückend. In wenigen Wochen werde ich meinen Schuldschein von Ihnen zurückfordern. Doch, was thun Sie da?

Serbinoff nahm das Papier, das vor ihm lag, und riß es in Stücke. Sie werden doch nicht glauben, sagte er, daß ich ein Unterpfand haben will, wie dieser alte Gauner. Zahlen Sie mir das 289 Geld, wann und wie es Ihnen beliebt; aber reden wir nicht mehr von einem so geringen Dienste, den ich Ihnen mit wahrer Freude leistete.

Er wandte das Gespräch auf den eingetretenen Winter und auf die Reise, welche sie gemeinsam machen wollten, um einige Wochen lang in dem gastlichen Hause des Freiherrn Wright zu verweilen, und erklärte dabei, daß er nicht wieder nach Halljala zurückkehren werde.

Das wird uns Allen sehr nahe gehen, sagte Erich. Vielleicht ändern Sie doch noch Ihren Vorsatz.

Wem könnte es näher gehen, als mir selbst! versetzte Serbinoff; allein ich kann es nicht ändern. In Wiborg befindet sich gegenwärtig General Buxthövden, dem ich nothwendig mich vorstellen muß; wäre dies aber auch nicht der Fall, so würde ich vieler Angelegenheiten wegen mich nach Petersburg begeben müssen.

Dann lassen Sie uns wenigstens hoffen, daß wir uns bald wiedersehen.

Gewiß, mein theurer Freund, rief der Graf, mit freundschaftlicher Wärme Erich's Hand nehmend, wir sehen uns wieder! Verlassen Sie sich darauf. Mein Herz wird mich hierherziehen, sobald ich es möglich machen kann.

Er wich dem fragenden Blicke des Freiherrn aus und strich lächelnd das Haar von seiner Stirn. Ich hoffe, fuhr er dann fort, daß, wenn ich wiederkomme, der Schloßherr von Halljala nicht einsam mehr in seiner Halle sitzt, daß meine ersten Worte freudige Glückwünsche für ihn und seine junge schöne Gattin sein werden.

Mögen Sie Recht haben, mag es so sein! antwortete Erich.

Ein beneidenswerthes Loos, fuhr Serbinoff fort; doch Niemand ist würdiger dafür als Sie, Niemand wird sein Glück so zu bewahren wissen. Glauben Sie mir aber auch, daß Niemand innigeren Antheil daran nehmen kann, als ich es thue.

Sie vermehren meinen Dank durch diese Versicherung, antwortete Erich.

Es gab eine Zeit, sagte Serbinoff lächelnd, wo ich selbst mancherlei Wünsche hegte, sie ist vorübergegangen und nichts davon geblieben, 290 als meine freudige und innige Verehrung, die mich dauernd beglücken wird. Brechen wir ab davon, ich höre Stimmen in der Halle. Fräulein Ebba ist zurückgekehrt, ihre Verwandten sind bei ihr. Welche liebliche Erscheinung ist Louisa! Ein Zauber der Unschuld umgibt sie, der so göttlich ist, daß alle irdische Leidenschaft davor versinkt.

Sie traten in die Halle, wo Ebba mit dem Kammerherrn und Louisa mit ihrem Bruder sich so eben an den Kamin gesetzt hatten. Draußen fing der Schnee wieder an zu treiben, vor ihnen aber loderten die Flammen hell auf und verbreiteten die angenehme Wärme des lebendigen Feuers. – Kaum waren die ersten Begrüßungen erfolgt und Louisa hatte einen der großen Lehnsessel herbeigezogen, auf welchen Serbinoff, dem Winke ihrer Augen folgend, sich niederließ, als ein Bote einen Brief des Major Munk hereinbrachte, den er Erich übergab.

Was schreibt der alte Herr? fragte Ebba, als sie in Erich's Gesicht Überraschung bemerkte.

»Ich thue Euch Allen hiermit zu wissen,« las der Freiherr, »daß mein Sohn Magnus heut in der Frühe nach Helsingfors abgereist ist mit Oberst Jägerhorn und seinem Freunde Lindström. Er schickt Euch seine Grüße, und ich mache es ebenso. – Bengt Munk.«

Ein Schweigen folgte dieser Mittheilung, Niemand mochte über den Knaben sprechen; aber Erich Randal sah in Louisa's Augen statt des Bedauerns eine Freude strahlen, welche er sich wohl zu erklären wußte.

Der Kammerherr allein nahm das Wort. Er saß mißmuthig vor dem Feuer und sah auf das Schneetreiben hin. Es wird eine etwas kalte Reise sein! rief er spottend, die dem albernen Jungen das Blut abkühlt; auch lobe ich den raschen Entschluß des Majors. Nach seinem ungebührlichen Betragen konnte er uns nicht mehr gut unter die Augen treten, um so mehr, da er ein verstockter Sünder und Lügner blieb. Das Drillen wird ihm gut thun, und ich denke, wir Alle sind froh, daß er fort ist.

Dem alten guten Manne wird es einsam in seinem Hause sein, sagte Ebba. Sein ganzes Herz hing an dem schönen Knaben.

291 Er opfert ihn auf dem Altar des Vaterlandes, lachte Baron Arwed, mit diesem wärmenden Gedanken wird er sich erheitern. Aber geht es uns denn besser? fuhr er ärgerlich fort. Wir sitzen hier auch einsam im Hause, und wer weiß, wann wir hinauskommen? Was werden wir beginnen? fragte er sich dehnend, und wie lange werden wir aushalten müssen?

Wir haben gemeinsam der Jungfrau Mary Halset einen Besuch gemacht, sagte Ebba zu Erich, indem sie nach ihrem Bruder blickte. Sie war sehr liebenswürdig, das heißt sehr schweigsam, und sehr geistreich im Zuhören oder in weiser Selbstvergessenheit. Arwed ist ganz entzückt davon; seine Unruhe, bei uns aushalten zu müssen, ist daher leicht zu erklären.

Wenn Sie ein Finne wären, fügte Otho hinzu, als der Kammerherr den Muthwillen seiner Schwester unbeachtet ließ, würden Sie nichts lieber sehen als dies Schneewetter, das Brücken über alle Seen und Schluchten baut, Wege über alle Sümpfe schlägt und Finnlands ganze Natur umwandelt.

Wer kann sich in diese Schneewüsten hinauswagen! rief Arwed. Man bricht ein, versinkt und kommt elend um.

So lange der Schnee fällt, sagte Otho, sitzt jeder Finne gern mit Weib und Kind und Knecht und Magd in seiner Badstube und geht höchstens einmal hinaus, um sich in dem weißen, feinen Mantel abzukühlen. Zugleich aber schärft er seinen Jagdspeer, schleift sein Beil und schraubt einen neuen Stein auf sein altes Gewehr, wenn er ein solches etwa besitzt. Vom Gesimse herunter holt er aber vor allen Dingen zwei lange schmale Bretter, vorn in die Höhe gebogen. Sorgfältig benagelt er sie, wenn sie schadhaft sind, mit Seehunds- oder mit Otterfell und erneut die Riemen, mit denen er diese vortrefflichen Schuhe an seine Füße festbinden will.

Du meinst die Schneeschuhe, welche auch in Rußland üblich und selbst in unserer Armee eingeführt sind, fiel Serbinoff ein. Unsere Soldaten aus Carelien und dem hohen Norden sind gewandte Schneeschuhläufer und werden eigen dazu geübt, in ganzen Bataillonen und Colonnen zu manövriren.

292 Ohne besondere Übung verstehen es unsere Bauern vielleicht noch besser, fuhr Otho fort. Sobald der Himmel klar ist und der Schnee eine Kruste bekommt, laufen sie auf den zehn Fuß langen Brettern über die tiefsten Schluchten und höchsten Abhänge. Der Schnee liegt oft bis zwanzig, dreißig Fuß hoch, alle Tiefen sind vollgeweht, auf den eigenen Beinen würde jeder Wagehals einbrechen und versinken, die Bretter aber lassen dies nicht zu. Blitzschnell fliegt der Schneeläufer über die glatte Ebene und steigt mit Hilfe seines Spießes und des stachlichen Fells unter seinen Sohlen steile Höhen hinauf. Das ist die Zeit, um Ellen, Rennthier und Hirsch zu jagen. Ihre spaltigen Hufe helfen ihnen nichts, sie brechen durch und wühlen mühsam durch die weiche Masse, die wie Wüstensand sie umringt und begräbt. Niemand weiß dies besser, als der Wolf, der mit dem Menschen um die Wette sie jagt, sie ereilt und zerreißt. Das weiß auch der Luchs, wenn er seinen breiten langbehaarten Füßen vertraut und in windschnellen Sätzen über die Schneefelder fliegt, die ihn besser tragen als lange schlanke Beine. Das weiß der Vielfraß eben so gut, der aus seinem Schlupfwinkel hervor plötzlich dem geängstigten Thier in den Nacken springt und ihm langsam diesen und die Ohren, seine höchsten Leckerbissen, abnagt.

Ein entsetzliches Vergnügen! rief der Kammerherr. Hören Sie auf davon, lieber Freund. Man spricht so viel von der Grausamkeit der Menschen, geht es aber unter den Thieren, ja in der ganzen Natur nicht noch weit schrecklicher her? Erich hat mir erst neulich erklärt, daß die meisten Thiere und Pflanzen unfehlbar den Hungertod sterben, da ihre Ernährung, wenn sie alt werden, ihnen unmöglich wird.

Und der Hungertod ist ein sehr schlimmer Tod, lachte Serbinoff.

Es ist ernsthaft genug zu denken, sagte Arwed, daß diese Schöpfung, welche doch von einem barmherzigen und liebenden Wesen herstammen soll, dazu bestimmt ist. Wenn Gott selbst so grausam verfährt, was soll der Mensch thun?

Er soll der Vernunft, die ihm gegeben, Ehre machen, sagte Ebba, und daran erkennen, daß er besser sei, als Thiere und Pflanzen. Gott hat den Menschen so ausgerüstet, daß er Grausamkeit verachten und 293 sein Alter schützen kann. So soll er das Geschick der Thierwelt überwinden, gerecht und gut und göttlich sein.

Leider ist dies ein etwas langer Weg, versetzte Otho. Die vernunftbegabten Wesen handeln oft noch schlimmer, als Luchs und Vielfraß.

Aber wer hat je die Grausamen gepriesen? fragte Ebba. Immer hat die Geschichte den Gerechten und Guten ihre Kränze gereicht.

Nachdem sie gekreuzigt und verbrannt waren, lachte Arwed. Ich bin daher dafür, daß jeder gute Christ vor allen Dingen sich vor Hunger und Schaden behüte und immer lieber Vielfraß sei, als Rennthier, oder um russisch mit Ihnen zu sprechen, Serbinoff, lieber der Knutenmeister als der Geknutete.

Dem Russen wird Niemand Grausamkeit vorwerfen können, antwortete der Graf. Er haßt die Feinde seines Landes und Kaisers nicht mehr, als er muß. Er tödtet sie, aber er quält sie nicht. Jeder Russe, fast ohne Ausnahme, ist milden Herzens und zur Fröhlichkeit geneigt. Unsere Religion befiehlt uns barmherzig zu sein, weil Gott barmherzig ist.

Otho drückte ihm freudig die Hand. Du kannst keine Grausamkeit begehen, weil du zu stolz und großmüthig dazu bist, rief er lebhaft aus. Unter solcher Männer Leitung müssen die Russen ein großes edelgesinntes Volk werden. Zur Zeit Peter's des Großen freilich haben sie ärger als die wildesten Thiere in Finnland gehaust, doch zwischen dem Damals und Jetzt liegt ein Jahrhundert.

Nein Freund, antwortete Serbinoff, eigenthümlich lächelnd, wir sind im Grunde noch immer dieselben; doch die größte Tugend unsers Volkes ist der Gehorsam. Dadurch sind wir allen andern Völkern überlegen und darum werden Rußlands Fahnen in jedem Kampfe siegreich sein, sein Reich und seine Macht fortgesetzt wachsen.

Der Kammerherr bemerkte in dem Gesicht seiner Schwester wie auch in Otho's Augen etwas, das ihm nicht gefiel. Rußland, sagte er, ist in unserm jetzigen Unglück der Hort aller Bedrängten und die Zuflucht aller Unterdrückten. Alexander und Napoleon sind die Schutzherren Europa's gegen die übermüthigen Engländer wie gegen tyrannische Fürsten und deren Gewaltthaten. Ich sehne mich darnach, bei dem Freiherrn Wright vielleicht noch mehrere unserer vortrefflichen, 294 feingebildeten Nachbarn kennen zu lernen, die bis nach Italien ihre unüberwindlichen Adler trugen und doch dabei – gestehen wir es ein – die liebenswürdigsten Gesellschafter sind. Wie lange müssen wir noch warten, bester Otho, ehe die Wege brauchbar werden?

In zwei Wochen spätestens werden wir auf der schönsten Schlittenbahn über den Pajäne durch das Land fliegen, erwiederte Otho, und in zwei Tagen können Sie dann alle Ihre Sehnsucht stillen.

So haben wir Zeit, es uns möglichst bequem zu machen, sagte Baron Arwed, indem er sich behaglich ausstreckte, die Füße über das Kamingitter legte, die Arme auf die Stuhllehnen und den Kopf in die Polster drückte.

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