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Erich Randal

Theodor Mügge: Erich Randal - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
booktitleErich Randal
authorTheodor Mügge
year1856
firstpub1856
publisherVerlag von Meidinger Sohn
addressFrankfurt a. M.
titleErich Randal
pages830
created20090617
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Elftes Kapitel.

Sam Halset's Besuch in Halljala war offenbar kein freudiges Ereigniß, weder für den Schloßherrn, noch für Otho Waimon. Ebba hatte es schon daran merken können, daß Otho das Ende der Unterhaltung bei dem Begegnen am Abend nicht abwartete, sondern weiter ritt und erst im Thale wieder von den beiden Nacheilenden eingeholt wurde. – Jetzt glaube ich es selbst, sagte er, als das Fräulein ihm vorwarf, daß es wenig höflich sei, eine Dame und obenein eine Verwandte ohne Beistand zu lassen – daß die Hompus-Eiche zerbrochen wurde als Warnungszeichen, daß Unheil uns erwarte.

Welches Unheil kann Herr Halset mitbringen? fragte sie.

Erinnern Sie sich, was ich Ihnen schon einmal von diesem Manne sagte: es ist am besten, wenn man ihn weder hört noch sieht. Erich schwieg dazu, und nach einigen anderen Fragen, welche in derselben Weise von Otho beantwortet wurden, hielt sie es für das Beste, den Gegenstand nicht weiter zu berühren. Sie dachte an das, was sie durch Louisa's Mittheilungen erfahren hatte, und fühlte den alten Widerwillen gegen die Tochter des alten Kaufmanns dabei erwachen. Auch bei diesem neuen Begegnen hatte Mary sich sonderlich benommen. Kein Wort, kein Gruß war aus der düsteren Wagenecke laut geworden, wo sie sitzen blieb, ohne sich blicken zu lassen. Von einer solchen Vermehrung des gastlichen Kreises in Halljala ließ sich daher allerdings wenig Gutes erwarten.

Am folgenden Morgen kam Arwed Bungen zu seiner Schwester, die er zärtlich umarmte und besorgt um ihr Wohlbefinden fragte. 255 Ich bin voller Freude, sagte er, daß das Abenteuer so glücklich abgelaufen ist, und zufrieden, daß der Schnee ihnen überhaupt ein Ziel setzt. Gustav Lindström muß uns verlassen. Er hat Befehl erhalten, sich auf der Stelle in Sweaborg einzufinden, was er dort soll, weiß ich nicht. Der Oberst Jägerhorn ist gestern bei dem Propst angekommen und wird ihn mitnehmen. Ein sehr gewandter Mann, der Oberst, wir werden ihn heut noch sehen.

Du hast ihn also schon gesehen? fragte Ebba.

Mit Serbinoff. Wir machten einen Besuch bei dem geistlichen Herrn. Traurige Nachrichten aus Stockholm, Ebba. Der König gibt nicht nach.

Das ließ sich voraussehen.

Allerdings ließ es sich voraussehen, erwiederte er, eben wie sich voraussehen ließ, daß er alle dringenden Vorstellungen, den Reichstag zu berufen, abgewiesen hat. Aber lassen wir jetzt die Politik bei Seite. Ich hoffe, wir werden einige frohe gesellige Tage verleben, da Halset und seine Tochter endlich eingetroffen sind.

Sie wurden somit erwartet?

Ich denke wohl; denn ich hörte den Propst davon sprechen. Es ist ärgerlich, daß Otho's Unbesonnenheiten solche Zerwürfnisse herbeigeführt haben. Das wird jedoch Herrn Ridderstern nicht abhalten, seine Gäste zu begleiten. Ich denke, Halset wird den Frieden vermitteln helfen.

Ich fürchte, das Ansehen dieses würdigen Kaufmanns ist nicht besonders groß in Halljala, erwiederte das Fräulein.

Meinst du? lächelte der Kammerherr. Nun, wir wollen abwarten, was er zu Stande bringt. Jedenfalls ist es mir lieb, daß er hier ist, dabei zugleich auch lieb um deinetwegen, da seine Tochter zu deiner Unterhaltung beitragen wird.

Ich glaube kaum, daß ich darauf zu rechnen habe, sagte Ebba.

Sie ist zurückhaltend, fiel er ein; allein man sagt mir, daß sie äußerst liebenswürdig sein kann. Überdies hat ihr Vater nichts an ihrer Erziehung gespart. Mehrere Sprachen spricht sie mit größter Fertigkeit, und ihre Kenntnisse sind so bedeutend, daß diese selbst von den gelehrten Herren in Abo bewundert werden.

256 Was will diese gelehrte Dame hier in der Wildniß?

Du weißt ja, daß sie früher schon hier lebte, erwiederte der Kammerherr, und mit unserm philosophischen Vetter allerlei Studien trieb. Im Ernst, Ebba, ich möchte dir einige Bemerkungen darüber mittheilen.

Die ich nicht hören mag, war ihre rasche Antwort, welche in so entschiedenem Tone erfolgte, daß Arwed schwieg. Gut, sagte er, sich bedenkend, ich will nicht weiter davon sprechen, vielleicht hast du selbst auch etwas von Familienangelegenheiten vernommen, die früher hier abgehandelt wurden. Halset ist zu klug, um die Verhältnisse nicht richtig zu erkennen. Nur um Eines bitte ich dich, Ebba, und fordere es um so mehr, da es dein eigener Vortheil bedingt.

Fräulein Ebba blickte ihn fragend an. Dein Vortheil ist es, fuhr ihr Bruder fort, wenn wir mit Halset und seiner Tochter uns freundlich stellen. Seine Beziehungen zu Erich sind, wie ich weiß, von solcher Art, daß er, wenn er wollte, ihm große Verlegenheiten bereiten könnte. Halset muß daher bei guter Laune erhalten werden. Leuten seiner Art, reich und anmaßend auf ihr Geld, muß man schmeicheln; überdies ist er angesehen, besitzt wichtige Verbindungen und kann uns treffliche Dienste leisten, wenn Ereignisse eintreten, die wir voraussehen müssen. Ich bitte dich also, tritt seiner Tochter freundlich entgegen. Bewirb dich um ihre Freundschaft, so wird sie auch aufthauen.

Vielleicht gelingt dir dies Wunder besser als mir, sagte sie.

Arwed blickte sie selbstgefällig lächelnd an. Wir wollen sehen, was sich thun läßt, antwortete er dann. Durchkreuze nur ja nicht meine Absichten, sondern unterstütze mich; doch nun mußt du dich schmücken, denn wir werden bald das Haus voll Gäste sehen. Adieu, Ebba! du hast einen so klaren Verstand, daß ich nichts weiter hinzufüge.

Nach einigen Stunden war die große Halle in der That gefüllt mit den verschiedenen Gästen des Freiherrn. Lindström hatte den alten Major und dessen Sohn mitgebracht, Otho kam in Begleitung seiner Schwester und des Grafen Serbinoff, zuletzt erschienen der 257 Propst und seine Gattin, welche ihren Vetter, den Obersten Jägerhorn, sammt Halset und seiner Tochter mitbrachten.

Der Oberst war in Halljala nicht unbekannt. Stattlich und lebhaft schritt er daher und begrüßte den Freiherrn mit der Höflichkeit eines Weltmannes. Sein soldatisches Wesen wurde durch die Beweglichkeit seines Körpers gemildert, sein Gesicht besaß frische Farben, und seine klugen Augen, welche mit einem Blick Alles zu sehen schienen, machten den Eindruck, daß sie einem befähigten Mann angehörten.

Ebba hörte und sah weniger jedoch auf ihn, als auf Mary Halset, die an ihres Vaters Arme neben ihm stand und, einige Augenblicke lang zunächst von Louisa in Beschlag genommen, mit aller ihr eigenen liebenswürdigen und ungestümen Herzlichkeit umarmt und geküßt wurde.

Haben wir dich endlich wieder, beste Mary! rief das kleine Fräulein. Aber wie blaß siehst du aus! du bist doch nicht krank gewesen? Warum trägst du ein schwarzes Kleid? O! damals, als du bei uns wohntest, standen das finnische Jäckchen und Mieder dir weit besser. Das mußt du wieder anziehen, liebste Mary. Wir lassen dich nicht eher fort, bis du wieder roth bist und lachst.

Mary beugte sich zu ihr nieder, und es war, als sollte sich sogleich Louisa's Wunsch erfüllen. Das bleiche Gesicht röthete sich und verschönte sich zugleich durch ein Lächeln, welches die strengen Lippen öffnete.

Komm her, Mary! rief ihr Vater, wir müssen vor allen Dingen uns bei dem Freiherrn Randal bedanken, daß er uns den Wölfen nicht ganz überließ, sondern für uns sorgte, auch heut uns erlaubt, seine Gäste zu sein. Große Ehre für uns, Freiherr Randal, große Ehre! Haben lange darauf gewartet, haben uns lange nicht gesehen.

Er hielt Erich's Hand dabei fest, schüttelte diese und sah so gutmüthig freundlich aus, daß man glauben konnte, er meine es wirklich so. Erich zog seine Hand endlich fort und reichte sie der schweigsamen Jungfrau. Es ist wahr, sagte er, wir haben uns lange nicht gesehen. Seien Sie mir in meinem Hause freundlich willkommen.

258 Er erkundigte sich nach ihrem Wohlsein, ihrer Reise, dem Ungemach, das sie gestern überstanden, und Mary antwortete abwechselnd mit ihrem Vater, der nach seiner Art scherzte und spöttelte. Ebba beobachtete sie genau; allein sie konnte keine Erregtheit in ihrem Gesicht oder in ihren Antworten bemerken. Erich's theilnehmende Freundlichkeit änderte nichts an ihrer ruhigen Kälte, welche höflich gleichgiltig bei allen Fragen blieb, und keine Macht schien diese großen dunklen Augen feurig und lebendig machen zu können. Dennoch kam Bewegung und Ausdruck hinein, als Erich sie zu Ebba führte. Hier ist meine Muhme, die Sie schon kennen und die sich freuen wird, Sie zu begrüßen.

Mary that ihre Augen auf und eine feindliche Gluth loderte darin, ein stolzer, fast drohender Blick begleitete die Verbeugung, welche sie dem schwedischen Fräulein machte, der sicher nicht unbeantwortet geblieben wäre, hätte Ebba nicht in demselben Augenblick ihren Bruder bemerkt, der ihr leise zunickte.

Ihr heiteres Gesicht erhielt dadurch sein feines und gefälliges Lächeln zurück, und jene Überlegenheit, die sicher und geschickt Mißstimmungen zu beherrschen, und widerstrebende Gefühle zu beschwichtigen weiß. Die schöne vornehme Dame hatte dies früh gelernt, denn sie war in Schulen des Lebens erzogen worden, wo man lächelt, wenn man haßt, und wo die Sprache als Mittel gilt, Gedanken zu verbergen. Bei alledem hatten ihr natürlichen edlen Eigenschaften sich niemals bis zur Heuchelei abgeschliffen, ihr offener Charakter war immer der Lüge fern geblieben. Der Ungestüm, mit welchem sie nicht selten die Wahrheit vertheidigte, wurde oft genug von Arwed getadelt. Als sie jetzt die Tochter des alten Kaufmanns mit Herzlichkeit empfing, und trotz deren einsylbigen Antworten fortfuhr warm und lebhaft zu sprechen, übte sie sich eben so wenig in der Verstellungskunst. Das leidende Aussehen des jungen Mädchens, die krankhafte Blässe ihres Gesichts und ein Zug tiefer Schwermuth darin regten ihr Mitgefühl auf. Sie unterhielt sich so lange mit ihr, bis der Oberst Jägerhorn und Arwed näher traten, und obwohl kein Zeichen andeutete, daß ihre Theilnahme Mary günstiger gestimmt habe, nahm sie sich vor, ihres Bruders Wünschen fortgesetzt nachzukommen.

259 Oberst Jägerhorn belebte den geselligen Kreis durch seine Mittheilungen und die Lebendigkeit seiner Unterhaltung. Er beschäftigte die Damen mit lustigen Begebnissen und Anekdoten, und da er im reichen Maße das besaß, was die Schweden Quickheit, die Franzosen Esprit nennen, die Leichtigkeit nämlich, durch glänzende und überraschende Rede und Einfälle zu fesseln und zu gefallen, rief er bald fröhliches Lachen, bald allgemeines aufmerksames Zuhören hervor. Für die Herren brachte er die neusten politischen Vorgänge mit, welche mancherlei Bemerkungen bewirkten, die der Oberst jedoch nicht vermehrte, sondern höchstens einmal durch ein sarkastisches Mienenspiel, oder durch einen beistimmenden Wink bestätigte.

Der König war wirklich wieder nach Schonen gegangen, und saß dort bei seinem alten Vertrauten, dem Feldmarschall Toll. Von Helsingborg aus hatte er die englische Flotte gesehen, welche siegreich aus Kopenhagen heim schiffte, und die gefangene dänische Flotte mitnahm. Von der englischen Armada wurde der König festlich mit Kanonendonner begrüßt, und die englischen Admirale stiegen an's Land und tafelten mit ihm. Von den Unterhaltungen und Toasten, welche bei dieser Gelegenheit gepflogen und ausgebracht sein sollten, erzählte man die gehässigsten und lächerlichsten Dinge. Dem Könige wurde es in Dänemark nicht allein zum Verbrechen gemacht, daß er seine Freude über das Fortschleppen der dänischen Schiffe und die theilweise Vernichtung der dänischen Hauptstadt geäußert hatte, seine eigenen Unterthanen nannten dies Barbarei und Blödsinn, verspotteten ihn als englischen Vasallen und lachten ihn aus, weil er gesagt haben sollte, Paris sowenig als Petersburg lägen weiter von Stockholm, als die schwedische Hauptstadt von jenen Städten.

Oberst Jägerhorn erzählte dies und vieles Andere als böswillige Erfindungen. Das Übelste ist, sagte er dann, daß die Dänen dadurch im hohen Grade gereizt wurden, und allerlei Zwistigkeiten schon ausgebrochen sind, welche weitere üble Folgen haben können. In Dänemark hemmt man die schwedischen Postverbindungen, und in Norwegen sammeln sich Soldaten; dabei hat der dänische Gesandte in Stockholm angefragt, ob es wahr sei, daß Seine schwedische Majestät mit den Engländern gemeinsame Sache machen und Seeland besehen wolle, 260 worauf ihm die Antwort geworden ist, daß, wenn der König es nöthig gefunden hätte, Seeland zu besetzen, dies geschehen sein würde. Man möge Seine Majestät nicht in die Lage bringen, es zu bereuen, daß er nicht anders gehandelt habe.

Bravo! rief der alte Major Munk, das heißt wie ein Schwedenkönig geantwortet.

Die Aufregung ist dadurch natürlich noch höher gestiegen, fuhr Jägerhorn lächelnd fort. Jedenfalls wäre es besser gewesen, wie manche Leute glauben, wenn der König den englischen Antrag wirklich angenommen und Seeland besetzt hätte, wodurch Dänemark vollständig gelähmt, und der Sund frei erhalten worden wäre.

Und warum ist dies nicht geschehen, mein lieber Oberst? fragte der Propst Ridderstern mit größter Sanftmuth.

Man sagt, Feldmarschall Toll habe es dem Könige widerrathen, antwortete Jägerhorn, weil man dadurch ohne Zweifel sofort in einen Krieg mit Rußland verwickelt worden wäre.

Nur keinen Krieg mit unserem besten Nachbar! schrie Sam Halset, mit aller Welt Krieg, nur nicht mit unseren lieben Freunden jenseit des Kymene. Der alte Toll ist ein gescheidter Bursche, grundgescheidt. Den Napoleon ließ er beleidigen, so viel es unserem glorreichen König beliebte, dabei konnten höchstens die deutschen Länder verloren gehen, allein nur nicht unsere allerbesten Freunde in Petersburg, die durch kein Wasser von uns getrennt sind. Und es wird auch nicht geschehen, der alte Toll leidet es nicht, er hält seinem Gustav Adolph die Finger fest.

Wenn der Däne zu bellen anfängt, steht der Russe allezeit dahinter um zu beißen, murmelte der alte Invalide, seinen Krückstock aufstoßend. Sapperment! ein Schwedenkönig wird sich nicht fürchten, seine Sache durchzusetzen.

Wenn der General Toll wirklich die Besetzung Seeland's gehindert hat, sagte Otho lebhaft, so hat er abermals seine Unfähigkeit bewiesen. Ich verstehe vom Kriegshandwerk nichts, aber auch den größten Laien muß es einleuchten, welche Vortheile damit verbunden sind, und wer so handelt, wie dieser König, der muß entschlossene, furchtlose Schritte thun, oder er verdient den Hohn, der ihn verfolgt.

261 Ihre Meinung hat leider Anhänger genug, erwiederte Jägerhorn, der sich nach dem kecken Sprecher umwandte; ein treuer Unterthan Sr. Majestät darf jedoch dergleichen nicht hören.

Meine Meinung, Herr Oberst, ist eine ganz andere, fiel Otho ein. Ich glaube, daß, wenn der König Männer in seiner Umgebung hätte, die ihm Achtung abzwängen und deren Talente und Treue er schätzen müßte, Manches anders und besser sein würde.

Ich kann nicht untersuchen, wie die Männer beschaffen sind, denen Se. Majestät jetzt Vertrauen schenkt, sagte Jägerhorn mit seinem sarkastischen Lächeln. Ich muß glauben, daß die höchste Weisheit auch die beste Wahl getroffen hat. Im Übrigen, mein junger Herr, ist es leicht gesagt, was Sie da behaupten, doch außerordentlich schwer ausgeführt. Die trefflichen furchtlosen Männer wachsen eben so wenig auf den Bäumen, wie man einem souveränen Monarchen Minister und Räthe aufzwingen kann, welche er nicht mag. Wir Soldaten stehen weit von aller Politik und Hofgeschichte. Wir erfüllen unsere Befehle und haben mit der Verantwortlichkeit nichts zu thun. Es ist ein unantastbarer Grundsatz, daß der Soldat nicht denken darf.

Der alte Major schoß einen Blitz unter seinen dicken grauen Augenbrauen hervor auf den Obersten, welcher gar nicht danach aussah, als glaube er was er sagte. Es ist richtig! rief er, Denken soll ein Soldat nur daran, wie er seines Königs und seines Landes Feinde besiegt. Es haben's aber Manche vergessen, und Niemand sah es ihnen an, was in ihnen saß.

Diese derbe Äußerung machte, daß Erich Randal das Wort nahm, um keinerlei Zwist entstehen zu lassen. Die meisten Anwesenden wußten es, daß der Bruder des Obersten Gustav den Dritten verrathen hatte und zu den Russen geflohen war, wo er, zum General gemacht und reich belohnt, noch lebte. Jägerhorn selbst jedoch blieb völlig unbefangen. Wahr und gewiß, bester Major, versetzte er lächelnd, wir haben traurige Beispiele zu beklagen, die man sich nur aus der Zerrüttung unserer Verhältnisse erklären kann.

Es wird aber nicht mehr vorkommen! rief der Invalide, indem er treuherzig seine Hand dem Obersten hinstreckte und eine gewisse Beschämung über seine Rücksichtslosigkeit zu fühlen schien. Die schwedische 262 Soldatenehre wird's niemals mehr dulden und Ehre Seiner Majestät! Er hat Einen an die Spitze gestellt, vor dem jeder Schwede, der ihn nennen hört, an den Hut greift. Olaf Cronstedt! einen besseren Namen gibt's nicht im Lande. Ist er da, Oberst? Ist er in Sweaborg angekommen?

Der Admiral ist seit einiger Zeit bei uns, erwiederte Jägerhorn, und Se. Majestät hat gewiß die richtige Wahl getroffen, er konnte keinen ausgezeichneteren Commandanten des Landesbollwerks ernennen. Hoffentlich, fügte er mit einem Blick auf Otho hinzu, werden diesmal die Lästerer schweigen.

Eh! laßt sie schwatzen, wie sie es verstehen, lachte der Invalide. Olaf Cronstedt's Ruhm und Ehre stehen fest wie unsere Felsen. Habe ich doch selbst schon gehört, wie man's getadelt hat, daß ein Admiral zum Festungscommandanten gemacht wurde.

Auch in Stockholm hat es Aufsehn erregt, allein in Sweaborg liegt ja ein sehr bedeutender Theil der schwedischen Flotte, erwiederte der Oberst, und ein Linienschiff ist auch eine Art Festung.

Es liegen an hundert und vierzig der besten und größten Schiffe der Scheerenflotte in Sweaborg, sagte Lindström.

Wenn der Sieger von Svensksund noch eine Empfehlung bedürfte, fuhr Jägerhorn fort, so würde diese unfehlbar der Ausspruch des Admirals Platen sein können, den ich selbst in Abo sagen hörte, als man einige Bedenken äußerte: Gebt Cronstedt den Oberbefehl in Finnland, gebt ihm dreißigtausend Mann und seine Scheerenflotte, so wird kein Feind uns das Land jemals nehmen.

Gott segne den alten Platen dafür! rief der Invalide. Er selbst weiß am besten, was Fechten heißt. Holla! schrie er, seinen Krückstock aufstoßend, laßt sie kommen und wären ihrer so viel wie Sand am Meere. Olaf Cronstedt wird sie fegen.

Die göttliche Vorsehung wird sich unserer erbarmen, sagte Herr Ridderstern, seine Hände faltend, daß wir kein Blutvergießen erleben.

Bah, Propst! bah, Mann! schrie der Major. Blut muß vergossen werden, ist vergossen worden, so lange die Welt steht. Aber glorreich muß es fließen und eine gerechte Sache muß es sein. Möchte Sweaborg sehen, habe es lange nicht geschaut.

263 Die Festung wird mit größtem Eifer in besten Kriegszustand gesetzt, fuhr Jägerhorn fort.

Mangelt's nicht an Pulver und Blei! rief der Invalide, und habt ihr für ein Stück Brod gesorgt, so könnt ihr Jahre lang hinter euren Felsenwällen liegen und die Narren auslachen, die sich abplagen hinein zu kommen. Ich kenne Sweaborg, war da wie es aufwuchs, habe die Arbeiten oft angestaunt und gedacht: Gnade Gott dem, der es wagt seine Gebeine hierher zu bringen. Wie in Abraham's Schooß sitzt ihr drinnen und so lange Sweaborg aushält, ist Finnland nimmer verloren. Hunger allein kann's machen, Herr. Hunger allein.

Daß der uns nicht den Magen angreift, lachte Jägerhorn, dafür hat Herr Halset Sorge getragen. Er hat die größten Lieferungen übernommen.

Und ausgeführt, Herr, ausgeführt! antwortete Sam Halset. Ich hin fertig mit Allem, ehe Schnee gefallen ist. Habt eure Magazine voll, bis unter die Decken.

So scheint es doch, als ob man in Stockholm mißtrauisch geworden ist, bemerkte der Kammerherr.

Nur die nothwendige Vorsicht wird beobachtet, erwiederte darauf der Oberst. In Betracht dessen, glaube ich, ist der Admiral Willens, noch einen Theil der Flotte aus Sweaborg nach Abo oder Stockholm zu schaffen. Weil es an Seeleuten fehlt, wird jeder herbeigerufen, der zum Handwerk gehört, und dies ist die Ursach, daß ich morgen auch den jungen Herrn da seinen schönen Cousinen und allen seinen Freunden entreißen werde.

Nichts kann mir lieber sein, Herr Oberst, als aufs Meer hinaus und aufs Hinterdeck eines tüchtigen Seeboots, sagte Lindström.

Der hat das rechte Zeug um ein Mann zu werden, wie ihn Schweden braucht, rief der greise Soldat wohlgefällig, aber warum wollt ihr denn die Flotte in die Wintersee hinausjagen? Wo könnte sie besser verwahrt sein, als in dem unüberwindlichen Hafen von Sweaborg!

Der Oberst zuckte die Achseln. Wir thun, was uns befohlen wird, antwortete er. Der Kriegspräsident Cederström hat, wie ich hörte, dem 264 Admiral die Weisung gegeben, von den Schiffen fortzuschaffen, was sich fortschaffen läßt.

Brör Cederström! lachte der Invalide grimmig; ja, das ist der rechte Held, um Olaf Cronstedt zu sagen, was er thun soll. Brör Cederström, der, wie es schon zu Gustav des Dritten Zeiten hieß, zwar einen hübschen Kopf hat, nur leider nichts darin als Dünkel und Einbildung.

Der Generallieutenant war Gustav des Dritten Günstling und ist des jetzigen Königs Majestät Minister und erklärter Liebling, versetzte Jägerhorn. Inzwischen glaube ich kaum, fügte er hinzu, indem er in den hellen Himmel blickte, daß die Befehle des Kriegspräsidenten ausgeführt werden können. Wenn wir Frost behalten, muß die Flotte in Sweaborg bleiben.

Frost behalten wir, rief der Major vergnügt, ich fühl's an meinen Beinen. Der Schnee geht nicht wieder fort. Es dauert keine Woche, so wird er bis unter die Dächer liegen.

Dann darf ich nicht länger verweilen, sagte Jägerhorn, denn ich kann nicht abwarten bis die Schlittenbahn fertig ist. Wir haben in Sweaborg alle Hände voll zu thun bei der verstärkten Besatzung und den Einrichtungen für den Vertheidigungszustand. Aus dem Norden kommen zudem noch mehrere Regimenter.

Der alte Soldat sah suchend umher, Serbinoff hatte jedoch mit Louisa die Halle verlassen, die Frau Propstin beschäftigte die anderen Damen am Kamin, wo Sam Halset sich behaglich wärmte und Erich Randal dabei am Knopfloch festhielt. – Ist es denn wahr, murmelte der Invalide, daß die verdammten Moskowiter sich regen? daß Kosakenregimenter in Willmanstrand und Husaren in Fredriksham eingerückt sind und daß es in Wiborg von grünen Röcken wimmelt?

Jägerhorn schüttelte den Kopf und lächelte dazu. Es ist allerdings wahr, sagte er, die russischen Besatzungen sind verstärkt worden. Der Krieg mit den Franzosen ist aus, das russische Heer muß vertheilt werden, Garnisonen bekommen. Die Zeitumstände sind aber nicht danach, die Corps zu schwächen oder aufzulösen, wer weiß denn, wie bald sie wieder gebraucht werden? So sind denn auch nach dem russischen Finnland ein paar Brigaden geschickt, die in Petersburg 265 Parade machten und dort keinen Raum mehr fanden. Von einem russischen Heere in Finnland ist jedoch bis jetzt nicht die Rede. Der General Buxthövden, welcher in Wiborg commandirt, hat höchstens über zehntausend Mann zu verfügen.

Aber es sollen seit einiger Zeit mehrere andere hohe Generale und Offiziere in den russischen Grenzplätzen sein, häufig auch über den Kymene kommen und in unser Land hinein reiten und fahren.

Sollen wir ihnen das Vergnügen wehren, uns mit ihrem Besuche zu erfreuen? erwiederte der Oberst. Es sind nicht mehr Offiziere da, als es sich den Umständen nach paßt. Ein einziger ist kürzlich hinzugekommen, General Suchtelen, ein höchst liebenswürdiger feingebildeter Mann, von großen Verdiensten, den ich persönlich kennen gelernt habe.

Eh, Freiherr Randal, das wäre ein Mann für Sie! schrie Sam Halset vom Kamin. Ein Holländer, ein gelehrter Professor, den die Kaiserin Katharina mit großen Ehren nach Petersburg rief, als er in Amsterdam seiner freien Meinungen wegen verfolgt wurde. Ich habe ihn kennen gelernt, letzten Monat in Fredriksham, wo er die Festungswerke besichtigte, und habe ihn wiedergesehen in Sweaborg, wo er dem Admiral seine Aufwartung machte.

Kommen die Russen selbst bis dahin? fragte der Major erstaunt.

Warum sollen Sie nicht kommen? lachte der Kaufmann. Es ist gut wenn sie kommen, sie können sich die Sache betrachten und Johann Suchtelen versteht's aus dem Grunde. In Holland hatte er große Wasserbauten und Festungsbauten geleitet, in Rußland wurde er an die Spitze vom ganzen Kriegsbauwesen gestellt, wurde Chef der Artillerie und Ingenieurschule und es regnete Gold und Gnaden auf ihn.

Der Schwarze möge ihn holen! brummte der alte Invalide. Ich thät's nicht, wenn ich Commandant von Sweaborg wäre; ließe keinen Russen in meine Wälle. Olaf Cronstedt fragt nichts danach, glaub' es wohl; denkt, es ist mir einerlei, seht das Ding von vorn und hinten an, will euch schon pfeffern, wenn es euch gefallen sollte. Wüßte ich aber, daß es so kommen würde, wüßte ich es, Oberst Jägerhorn –

Er führe gleich selbst mit nach Sweaborg, der alte Haudegen! schrie Sam Halset.

266 Damit ist es nichts, sagte Munk an seinen Fuß schlagend, ich stehe nicht mehr fest auf meinen Beinen. Habe aber einen Sohn da, meinen Magnus, den müßtet Ihr mitnehmen, Oberst Jägerhorn.

Es ist recht! rief Sam, seine Hände reibend. Hätt' ich einen Sohn, ich machte es eben so. Doch hier steht Otho Waimon, der zieht mit allen Bärenjägern aus Tavastland und Savolax euch zur Hilfe, sobald ein Russe sich in Finnland blicken läßt.

Dabei würden die Fuchsjäger wohl bessere Dienste thun, versetzte Otho, inzwischen theile ich die Gespensterfurcht nicht. Ein so mächtiger, in ganz Europa bewunderter Fürst, wie der Kaiser Alexander, voller Ehre und Edelmuth, der sein Volk aufklären will und freiheitsliebende geistvolle Männer in sein Land und um seine Person ruft, wird nicht seinen armen Nachbar und Schwager wie ein Räuber hinterrücks bei Nacht und Nebel überfallen.

Das kann man allerdings nicht denken, fügte Jägerhorn hinzu; überdies steht der Winter vor der Thür.

Der König will nichts von Frieden mit Napoleon wissen, fuhr Otho Waimon fort, der Kaiser Alexander aber hat es dem Franzosenkaiser versprochen, seinen Schwager nachgiebig zu machen. Fürsten und Minister zanken sich häufig in ihren diplomatischen Noten, vertragen sich aber auch wieder und werden die besten Freunde ehe man es sich versieht.

Cousin Otho spricht, als wäre er ein russischer Diplomat, oder als ob ein solcher wenigstens ihn in die Staatsgeheimnisse von Petersburg eingeweiht hätte, sagte Ebba lächelnd.

Serbinoff ist allerdings meine Quelle, versetzte der junge Mann lebhaft, und warum sollte ich ihm nicht glauben, was so einfach und natürlich ist.

Sie haben Recht! rief der Kammerherr, ich stimme dieser Meinung völlig bei. Die Diplomaten zanken sich, Papier und Federn sind willig, der König ist hitzig und eigensinnig, der Federkrieg endet jedoch jedenfalls, wenn es hoch kommt, eben so, wie im vorigen Jahre der Streit Sr. Majestät mit dem Könige von Preußen wegen der Besetzung von Lauenburg. »Da Sie, mein Herr Bruder, auf alle meine Gründe nicht hören wollen, schrieb der Preußenkönig zuletzt, müßte 267 ich Ihnen eigentlich den Krieg erklären; das werde ich jedoch nicht thun, denn es scheint mir unnatürlich und verwerflich. Ich beschränke mich daher darauf, Ihnen mein aufrichtiges Bedauern auszudrücken, Sie nicht überzeugen zu können, daß Sie Unrecht haben, und verbleibe Ihr getreuer Freund und Cousin, Friedrich Wilhelm.«

Mit dieser Wendung, welche allgemeinen Beifall fand und Beruhigung brachte, endete das ernsthafte Gespräch und machte einer geselligen Unterhaltung Platz, bis die gastliche Tafel des Freiherrn die Fröhlichkeit noch mehr erhöhte. Die würdige Haushälterin hatte Alles, was sie vermochte, für die Ehre des Hauses aufgeboten, und an Fleisch, Fisch und Speisen das Beste geliefert, was zu erreichen war. Die größten finnischen Leckerbissen an süßen Torten und feinem Gebäck durften nicht fehlen und der alte Olaf schleppte aus dem Keller staubige Flaschen in bedeutender Zahl herbei.

Baron Arwed hatte es in gelungener Weise veranstaltet, neben Mary Halset seinen Platz zu nehmen, und während dieses langen Mittagmahles und dem Reste des Tages sah man ihn angelegentlich mit der Tochter des alten Handelsherrn aus Abo beschäftigt, welcher wohl damit zufrieden schien, denn zu verschiedenen Malen stieß er mit dem Kammerherrn an, erzählte ihm lustige Geschichten, lud ihn zum Besuche ein, sobald Zeit und Umstände es erlaubten, und wurde immer heiterer gelaunt, je mehr er aß und trank. Mary selbst blieb auch nicht unempfindlich vor den Artigkeiten ihres Verehrers, der alle seine Gaben zu Hilfe rief, um den schwermüthigen Ernst aus ihrem Gesicht zu bringen und diese blassen Lippen gesprächig zu machen und zum Lachen zu zwingen. Theilweis wenigstens gelang ihm dies zur Verwunderung ihres Vaters, der sich vergnügt die Hände rieb und mit seiner krähenden Stimme ihr zurief: Sagt' ich es nicht, Mary. Es ist ein glückliches Leben in Halljala, und sitzt sich gut hier in dem alten Schlosse. Blühst wie eine Rose, Kind; stoß an mit dem Herrn Bungen, stoß an! Auf daß es immer Glück bringe in seiner Nähe zu sein, und daß in dieser edlen alten Halle immer frohe Gäste beisammen sitzen mögen.

Der Trinkspruch wurde freudig aufgenommen, und Sam Halset lief mit seinem Glase zu Erich hinüber, der neben Ebba saß. Daß 268 der alte Stamm der Randal immer neu grüne und blühe! schrie er, und neuer Segen einziehe, neuer Segen, Freiherr!

Unter Kranz und Krone! rief der alte Invalide mit einem zärtlichen Wink auf seinen Liebling.

Es lebe die Schönheit! fügte Serbinoff hinzu, deren Wunder alle Wunder überdauert.

Der Krieg soll leben! schrie der junge Offizier. Die treueste Braut bleibt das Schwert.

Hüte dich vor ihrer Umarmung, drohte Ebba.

Mag sie mich mit ihren eisernen Händen umklammern, lachte Lindström, immer soll es in Ehren geschehen. Ich lebe und sterbe mit ihr!

Für Schwedens Ruhm, für Schwedens Ehre! fiel Major Munk ein. Die Hand her, Magnus. Lieber todt, als ein Verräther an Ehre und Vaterland. Willst es immer halten, mein Sohn?

Ja, Vater, und ich möchte es beweisen können, antwortete der Knabe mit dem Ungestüm seiner Jugend.

Eine edle, hochherzige Seele! rief der Propst, wohnt in ihm. Auch mein Sohn Paulus ließ sich nicht abhalten, das Schwert umzugürten und auszuziehen, um von den Lorbeeren seines ruhmvollen Vetters Jägerhorn vielleicht ein Blättchen zu erhaschen. Ich habe die Freude zu hören, daß er sich Lob und Achtung erwirbt und zweifle nicht daran, daß Ihnen, Major, dieselbe Freude bevorsteht.

Der alte Soldat dankte, aber er machte ein grämlich Gesicht dazu und wandte sich ab, als wollte er nichts weiter von dem hören, was die Frau Propstin zur Verherrlichung ihres Erstgeborenen rühmte, der eben zum Junker befördert worden war, und einen so thatendurstigen Brief geschrieben hatte, daß die Freudenthränen über die Backen der guten Mutter rannen.

Der festliche Tag in Schloß Halljala wurde, als der Abend kam, durch ein unerwartetes Ereigniß beglückt, denn plötzlich erhob sich vor der Thür die Musik Lars Normark's, und es war ein lustiger Tanz, den seine Pickelflöte aufspielte. Der alte Landstreicher hatte auch richtig berechnet, welche Wirkung sein Instrument hervorbringen würde, denn 269 kaum klangen die Töne herein, als die jungen Herren eine elektrische Wirkung spürten.

Wir müssen tanzen! rief Lindström, einen Abschiedstanz machen. Herbei mit dem Musikanten; er soll aufspielen, was er kann.

Der Schulmeister wurde im Triumph hereingebracht. Sein dickes rundes Gesicht sah lachend aus der großen runden Pelzmütze hervor, in welcher sein kahles Haupt geborgen war. Ei, meine edlen Herren und Damen, sagte er, ich will's gern thun. Schöneres können meine Augen niemals sehen, als die alte Halle hier voll geputzter, froher Gäste. Gott behüt's, Fräulein, Gott behüt's! Eure Mutter verstand es auch und Lars Normark spielte ihr auf. Echt schwedisch Blut will tanzen, es versteht kein Finne was rechts davon. Fragt den Herrn Halset danach, ob's ihm je in den Beinen gejuckt hat. Gott sei Dank, daß schwedisch Blut in uns ist; kein Finnenblut, kein Lappenblut. Was meinst du dazu, Hans?

Aus seinem Sack kam ein leises Glucksen, ohne Zweifel steckte sein Hahn darin, und mit einem Gesicht voll Schelmerei setzte er sich ohne Umstände am Kamin nieder und rollte seine lustigen blauen Augen furchtlos durch die Halle, wo sie an Halset's Gesicht haften blieben.

Der Großhändler war so spaßhaft gestimmt, daß er den Ausfall des Schulmeisters, welcher offenbar auf ihn gemünzt war, nicht unbeachtet ließ. Du bist immer noch derselbe, du alter Narr, sagte er, und könntest tausend Jahre alt werden, würdest dich nicht verändern.

Seht, Sami, versetzte Lars, das ist der Unterschied zwischen uns. Ich ändere mich nicht, Ihr ändert Euch dafür alle Jahre. Ich bin der Schulmeister geblieben, habe nichts als den Hans und meine Pfeife. Ihr seid ein reicher Herr geworden. Wer hätte es denken sollen, als Ihr mit dem Karren durch's Land fuhret.

Bleib mit den alten Geschichten fort! rief der Kaufmann. Bleib fort!

Und seid ein echter Schwede geworden, lachte Lars, der's gemeine Finnisch verlernt hat.

Sei still, du alter Sünder, fiel Halset ein. Reiß deine Possen da, wo sie willkommen sind.

270 Ihr habt Recht, Sami, antwortete der Schulmeister, Ihr seid ein vornehmer Herr geworden, der einen Orden hat, einen langen Titel dazu, und eine stolze Tochter. Gott behüt die Jungfrau vor allem schlechten finnischen Blut!

Der Kaufmann wandte sich von ihm ab. Er lachte zwar und meinte, ein ärgerer alter Schelm sei nicht auf Erden, aber boshaft blinzelnd drückte er dabei seine Augen zusammen und sein Gesicht war dunkelroth. Im letzten Jahre noch hatte er sich in Stockholm um den Titel eines Commercienraths beworben, und allerlei Mittel angewendet, auch zu einem Orden zu kommen, beides aber war fehlgeschlagen. Der alte Bettler mußte es von Otho oder Erich erfahren haben, und unverschämt, wie er war, trieb er seinen Spott damit.

Seinen Grimm darüber verschloß Sam Halset in sich, und nach einigen Augenblicken merkte Niemand etwas davon, aber indem er Erich Randal und Otho umfaßte und lachend rief, sie müßten Beide tanzen oder er wollte es selbst thun, gelobte er sich heimlich, sie sowohl wie diesen alten Landstreicher breit zu treten, wie und wo er es thun konnte.

Der Ball, welcher in der Halle in fröhlichster Weise begann, war allerdings ein seltsamer. Otho setzte sich zu dem Schulmeister und begleitete dessen Flöte mit Hilfe einer alten Harfe, welche in Erich's Büchersaal unter den Reliquien des Hauses aufbewahrt wurde. Der Kreis der Damen vermehrte sich durch die halberwachsenen Töchter des Propstes, aber nach und nach wurde die Lust so groß und allgemein, daß selbst der Invalide seinen lahmen Fuß vergaß, die runde Frau des hochwürdigen Propstes Ridderstern ergriff und sich mit ihr herumzudrehen versuchte.

Der Glanzpunkt des Abends jedoch trat ein, als Ebba mit ihrem Bruder einen der graziösen Tänze ausführte, welche damals in den feinsten und ersten Kreisen der Hauptstadt üblich waren. Eine Menuette mit allen den zierlichen Drehungen und Wendungen, wie diese jetzt nicht mehr gesehen werden. Lars verstand einen solchen Tanz zu blasen, und verwundert und erfreut sahen alle Gäste mit ungetheiltem Beifall auf dies edle Paar, als plötzlich ein Schrei die Musik 271 unterbrach und eine heftige zornige Stimme mehrere von Wuth erstickte, beleidigende Worte ausstieß.

Der Tanz hörte auf, und die aufmerksame Stille verwandelte sich in lebhafte Unruhe und Bestürzung. Die große Halle war nur unvollkommen von einem Dutzend Lichtern und dem Feuerschein des Kamins erhellt, einige Augenblicke lang blieb es daher ungewiß, was vorgegangen sei, und was dieser Auftritt zu bedeuten habe. Man sah den knabenhaften Magnus mit geballter Faust und verzerrtem Gesicht vor Serbinoff stehen, der seine Überraschung zu bemeistern und seine mächtige Gestalt in das nöthige Gleichgewicht zu setzen suchte; denn allem Anschein nach, war er von einem Stoß oder Schlag getroffen worden, der ihn zurückgeworfen hatte. Magnus stand zwischen ihm und Louisa, welche er an der Hand festhielt und seine flammenden Augen drückten einen leidenschaftlichen Grad von Zorn und Entrüstung aus.

Bei alledem hatte es etwas mehr Lächerliches als Schreckliches, den schlanken Knaben vor dem gewaltigen Serbinoff in einer Stellung zu erblicken, als wollte er ihn von Neuem anfallen. Wie David Muth hatte, dem Riesen Goliath zu trotzen, so stand das Kind furchtlos vor dem Grafen, der ihn mit einer Hand zu Boden geschlagen hätte, wenn dies seine Absicht gewesen wäre. Allein Alexei Serbinoff gab sich nicht damit ab. Ein einziger entsetzlicher Blick voll dämonischer Rachgier traf den ohnmächtigen Gegner, dann folgte ein verächtliches Lächeln, mit welchem er noch einen Schritt weiter zurücktrat, um denen Platz zu machen, die erschrocken ihm zur Hilfe eilten. Der alte Major und Otho waren zunächst auf dem Platze. Was ist das, Magnus? rief der Invalide. Tritt zurück und fort mit deiner Hand da.

Ich will nicht leiden, Vater, daß in meiner Gegenwart eine Dame beleidigt wird, antwortete der Knabe, indem er zögernd dem Willen seines Vaters folgte.

Eine Dame beleidigt? Alle Wetter! nein – eine Dame darf nie beleidigt werden, schrie der greise Mann. Aber wer ist beleidigt? Wodurch? – Louisa? – Von wem?

Von ihm! antwortete Magnus mit neuer Leidenschaft, wobei er auf Serbinoff deutete.

272 Bei Odins Bart! was hat er ihr gethan? Rede, Magnus! Heraus mit der Sprache. Wer Männer anschuldigt, muß es beweisen. Was war es?

Er hat sie umarmt und hat sie geküßt, murmelte Magnus. Hat sie festgehalten und geküßt.

Louisa hatte sich zu Ebba geflüchtet und ihren Kopf in den schützenden Armen der Freundin geborgen, jetzt aber richtete sie sich auf, wandte sich um und sagte von dunkler Röthe überflossen: Es ist nicht wahr. Mir ist nichts geschehen. Ich bin von Niemand beleidigt worden.

Du bist nicht beleidigt worden? fragte Otho.

Wer sollte mich beleidigen? antwortete sie. Graf Serbinoff sprach mit mir über Ebba's Tanz, plötzlich stürzte sich Magnus auf mich, stieß Serbinoff zurück, auch mich zurück, daß ich aufschrie.

Thörichter Knabe! sagte Otho entrüstet, du weißt noch wenig, was sich schickt. Eine tüchtige Lehre würde dir dafür gehören.

Magnus stand mit weit offnen, flammenden Augen. Er sah Louisa starr an und fragte mit Heftigkeit: Sagst du, daß ich lüge, Louisa?

Du lügst! erwiederte sie.

Er antwortete nicht, aber die Röthe verschwand von seinem Gesicht.

Es ist das erste Mal in seinem Leben, sagte der Major, doch gleichviel, sie muß es am besten wissen. Bitt' um Vergebung, Magnus. Beug' dein Knie vor Louisa und schaff' dir Verzeihung von dem Herrn Serbinoff.

Aber der Knabe war nicht dazu zu bewegen. Er stand verstockt bei allen Ermahnungen. Als Serbinoff sich ihm näherte und ihm großmüthig die Hand entgegenstreckte, wich er weit zurück und sagte zornig stolz: Sie haben mich zum Lügner gemacht, ich will es bleiben, nur erniedrigen will ich mich nicht. Rechenschaft sollen Sie mir geben; Rechenschaft, wie sie ein Edelmann fordern kann.

Seine Aufforderung hatte ein allgemeines Gelächter zur Folge. Der gewaltige Serbinoff dehnte sich in seiner ganzen Höhe aus und antwortete scherzend: Gut, mein lieber Magnus, ich nehme Ihre Erklärung an, Sie werden Genugthuung haben, doch warten wir, bis die Zeit dazu gekommen sein wird.

273 Schickt ihn nach Jericho, bis ihm der Bart gewachsen ist! schrie der Schulmeister. Was meinst du, Hans. Muß er nicht fort? – Der Hahn war aus seinem Sack gekrochen, sah mit neugierigen Augen auf die Versammlung und begann ein helles beistimmendes Geschrei, das von Lachen und Beifall begleitet wurde.

Der unangenehme Auftritt wurde durch Erich's Bemühungen und durch die Beihilfe aller seiner Gäste so schnell als möglich beseitigt. Man scherzte und spottete darüber, jeder suchte in seiner Weise sich damit zu belustigen und von Neuem begann der Tanz, von Neuem erzählte Halset lustige Geschichten und lief bald mit dem Major am Arme umher, bald mit Serbinoff und dem Kammerherrn, allein es war dennoch ein Mißbehagen in die Gesellschaft gekommen; welches selbst dann nicht ganz überwunden wurde, als die großen Silberbowlen voll feuriger dampfender Getränke von den Dienern des Freiherrn hereingetragen wurden.

Der alte Soldat zog endlich den Obersten Jägerhorn in eine Ecke und redete heimlich mit ihm. Morgen in der Frühe wollen Sie fort? fragte er.

Sobald der Tag graut, Major.

Und geraden Weges auf Sweaborg?

Geraden Weges ohne Aufenthalt.

Wollen Sie einem alten Kameraden einen Dienst leisten, Oberst?

Mit tausend Freuden.

Fahren Sie morgen zu mir herüber nach Lomnäs. Ihr Weg geht nahe vorbei. Wollen Sie?

Ich will, Major, aber –

Was Sie da sollen? – Haben Sie in Ihrem Regimente Platz für einen sonst wackern Jungen, wenn er auch eben ein Lügner genannt wurde?

Ihr Sohn, Major Munk?

Nehmen Sie ihn mit, sagte der Invalide, seine buschigen weißen Augenbrauen zusammenziehend, indem er Jägerhorn's Hände preßte. Er darf nicht länger hier bleiben.

Er ist noch sehr jung, versetzte der Oberst zögernd.

274 Er wird älter werden, Oberst. Was der Schulmeister sagte, hat seine Richtigkeit. Er muß fort, bis ihm der Bart gewachsen ist, dann mag er zusehen, wie seine Sache steht. Ob der Lügner auf ihm sitzen bleibt.

Aber Major, lächelte Jägerhorn, wir Alle können uns den Zusammenhang denken. Unser kleiner Freund hat eifersüchtige Launen; doch Graf Serbinoff ist von so hoher Geburt, daß er gewiß nichts zu fürchten hat.

Mag sein! rief der greise Soldat rauh, und zwischen seinen Zähnen murmelte er vor sich hin: vielleicht um so schlimmer! Fort muß mein Magnus, setzte er dann hinzu; denn mit seinen frohen Tagen ist es hier vorbei. Er wird auch gern zustimmen. Wollen Sie ihn haben, Oberst?

Wenn Sie ihn mir geben wollen, ja.

Um welche Zeit?

Um acht Uhr.

Er soll fertig sein. Die Pest über alle Weiber! Ich hätte es nicht geglaubt, daß sie sämmtlich sich gleich wären. Abgemacht, Oberst. Gott besser's! Kein Wort mehr, Keinem ein Wort. Ein Glas noch auf Schwedens Ehre und jedes wackeren Mannes Ehre. Dann ist es Zeit.

Er führte ihn an den Tisch, wo es an vollen Gläsern nicht fehlte. Bald darauf aber war der Invalide mit seinem Sohne verschwunden. Trotz Finsterniß und Schneetreiben war er auf und davon.

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