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Gutenberg > Theodor Mügge >

Erich Randal

Theodor Mügge: Erich Randal - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
booktitleErich Randal
authorTheodor Mügge
year1856
firstpub1856
publisherVerlag von Meidinger Sohn
addressFrankfurt a. M.
titleErich Randal
pages830
created20090617
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Zehntes Kapitel.

Das Bären- und Herbstfest hatte zur Folge, daß die Gesellschaft im Schlosse Halljala von dieser Zeit an sich noch bestimmter in Gruppen theilte, welche bei allem einigen Zusammensein sich doch erkennlich absonderten. Serbinoff suchte, mehr als je, seine Freunde in Louisa auf, Lindström dagegen schloß sich dem alten Major Munk an, und befreundete sich mit dessen Sohn Magnus, welcher ihm im Alter am nächsten stand. Beide bildeten die eifrigen und ergebenen Zuhörer des Invaliden, wenn er von den glorreichen Tagen erzählte, an denen er mitgeholfen, Beide begeisterten sich für ihres Vaterlandes Ruhm und Ehren, und für den soldatischen Geist, der aus dem alten Krieger sprach. Der Kammerherr endlich blieb meist bei seiner Schwester und 230 Erich Randal, welche ihre Studien in der Bibliothek fortsetzten, an welchen Arwed häufig Theil nahm, weil er nichts Besseres zu thun wußte, theils auch, um Ebba in ihren Streiten mit dem philosophischen Vetter zu unterstützen, und ihr bei der Arbeit zu helfen, diesen unbehilflichen Landjunker mit den Zuständen in Stockholm bekannt zu machen und sein Phlegma zu erschüttern. – Das Wetter blieb bis in den November hinein so schön, wie es die ältesten Leute sich nicht erinnern konnten, und diese ungewöhnliche Gunst des Himmels gab eben so wohl Anlaß zu manchen Jagden und Festlichkeiten in der Umgebung, wie zu fortgesetzten Ausflügen über den See und in die Berge.

Louisa hatte ihrer Freundin ihr schönes graues Roß dazu überliefert, und häufig erblickten die Leute im Kirchspiel das fremde Fräulein, bald von dem Freiherrn begleitet, bald von Serbinoff und Otho, oder mit allen ihren Freunden vereint, auf den Hügelkämmen hinstreifend und in den Waldsäumen verschwindend. Zuweilen aber sah man sie auch allein, und wenn sie durch das Kirchspiel ritt, standen Männer und Frauen an ihren Thüren und betrachteten die schlanke Gestalt, das feine Gesicht, das lange Kleid mit den blitzenden Knöpfen, und den Hut mit dem grünen Schleier, voller Bewunderung und Theilnahme. Bei ihnen stand es fest, daß die schwedische Dame ihre junge Herrin werden sollte, und kein schöneres Loos auf Erden konnte es geben, als in der Halle von Halljala zu wohnen und zu gebieten.

Sie ist es aber auch werth! riefen sich die Nachbarn zu, wenn sie vorbeiritt, und die tiefen Knixe und Grüße mit holdem Lächeln und Kopfneigen beantwortete.

Der Pfeifer hat Recht! sagten die Männer. In ganz Tavasteland ist kein Fräulein, das sich mit ihr vergleichen könnte, doch es ärgert sich Keiner so sehr darüber wie der Propst. Seht da, wie er von seiner Thür geht, und thut, als sähe er sie nicht kommen.

Ein helles Gelächter entstand auf Kosten des Geistlichen, und einer der trotzigen Burschen fing das Spottlied zu singen an, das auf Ridderstern und seinen Sohn gemacht war. Er hörte es nicht, und das Fräulein trieb ihr Roß die Hügelwand hinauf, an welcher Kirche und Pfarrhaus standen. Die ihr nachsahen konnten bemerkten, 231 daß sie oben eine Zeit lang wartete und umblickte, dann aber ihrem edlen Thiere seinen Lauf ließ, daß es mit großer Schnelle sie den Bergen von Korpilax zutrug.

Die kann reiten! schrien sie ihr nach, besser noch wie Otho Waimon's Schwester! Wo ist die kleine Louisa heut? Wo ist der Russe? Wo ist der junge lustige Offizier und der vornehme Herr mit dem Glase statt der Augen, dem der Wind durch die Backen geht? – Heda Jem! Jem Olikainen! was sind das für Sachen? Wo ist dein junger Herr? wo sind seine Gäste?

Jem kam die Straße herauf, seinen breitkrämpigen Hut auf dem rechten Ohr, die weiten blauen Hosen stutzerhaft um die Knöchel fest gebunden. Ein Kreis von Neugierigen bildete sich um ihn, denen er viele lustigen Fragen so lustig beantwortete, daß ein ununterbrochenes Gelächter entstand. – Mein Herr ist seit zwei Tagen in Savolax, sagte er, um seine gute Laune zu suchen, die ihm davongelaufen ist.

Warum ist sie ihm davon gelaufen? fragte Einer.

Aus Ärger, weil Jem so geschickt den Bären gefangen hat! schrie ein Anderer und der ganze Kreis lachte. Jem stimmte gemüthlich ein.

Aber warum laßt ihr das schwedische Fräulein so allein reiten? erkundigte sich ein Wißbegieriger.

Frage die dort, sagte Jem, indem er zur Kirche hinaufdeutete, wo auf dem Fußpfad eben die hohe Gestalt des russischen Grafen sichtbar wurde, den der Kammerherr begleitete. Am Garten des Propstes standen die beiden Herren still und blickten hinab. Es dauerte nicht lange, so lüfteten sie ihre Hüte. Der Propst stieg die Stufen herauf und begrüßte sie, dann nöthigte er sie ohne Zweifel bei ihm einzutreten, denn sie folgten ihm nach und gingen in dem Garten auf und ab, bis sie im Pfarrhause verschwanden.

Die Bauern machten ihre Glossen über den Besuch, und spotteten über die beiden Herren. Was haben Sie bei dem Propst zu suchen, meinten sie, der sich vor ihnen schmiegt, wie ein Vielfraß vor dem Hühnerstall?

Habt Ihr gesehen, sagte Jem, wie er Papiere aus seiner Tasche holte und sie ihnen zeigte? Es sind wahrscheinlich wieder Neuigkeiten aus Schweden oder Abo angekommen. Wir wissen es aber auch schon.

232 Was weißt du für Neuigkeiten? fragten viele Stimmen, und Jem wurde noch enger umringt.

Ich will's euch mittheilen, fuhr er fort. Neulich stand ich dicht dabei, als Herr Serbinoff mit meinem Herrn sprach. Die Franzosen haben alles Land erobert jenseit der See; haben die Deutschen geschlagen und die Russen.

Das ist Recht! schrien ein paar freudige Stimmen.

Und die Schweden sind über's Wasser gejagt, es hat sich Keiner vor dem Franzosenkaiser, der Appolio heißt, halten können.

Der ganze Kreis schwieg, und Jem fuhr fort: Nun ist der König nach Stockholm zurückgekommen und hat geschworen, er wollt' nicht rasten, bis alle Franzosen und der Appolio in Stücke gehauen wären, und hat durch's ganze Land geschickt, daß neue Mannschaft zusammenkommen soll.

Die Bauern sahen sich besorgt an, als wollten sie erforschen, wer von ihnen wohl daran kommen müsse; es war jedoch Niemand, dem man Lust dazu anmerkte.

Während dessen aber, fuhr Jem fort, haben die Engländer die dänische Stadt Kopenhagen in Brand geschossen, sind hineingekommen und haben alle dänische Kriegsschiffe nach England geschleppt.

Die Gesichter erheiterten sich. Darum werden wir nicht böse sein, rief ein weißköpfiger Alter. Die Dänen haben uns immer in die Beine gebissen, wenn unser König gegen die Russen auszog.

Das hat Herr Otho auch gesagt! lachte Jem, aber jetzt ist es noch anders gekommen. Der Franzos hat mit dem Russen Frieden geschlossen, und der Russenkaiser hat nach Stockholm geschickt und dem Könige, der doch sein Schwäher ist, sagen lassen, er möchte es ebenso machen. Darauf haben sie sich Beide gezankt, und der Russe hat dem König gesagt, er müßte es thun, es sei ein alter Contract da, die Engländer nicht in der See hier herum zu dulden, und die Engländer seien Räuber, sie hätten die dänische Flotte gestohlen. Darauf ist der König noch wilder geworden, hat seinen russischen Orden sich abgerissen, an den Russenkaiser geschickt, hat ihm sagen lassen, er möchte ihn nicht mehr an seinen Rock binden, und der Russe hat's ebenso gemacht, hat sein schwedisches Kreuz eingepackt 233 und sich davor bedankt. Es ist ein fürchterlich Geschrei darüber entstanden.

Und was hat der König gethan? Hat er Frieden gemacht? fragten die Eifrigsten.

Eher, hat er gesagt, sollten ganz Schweden und Finnland zu Grunde gehen, ehe er mit dem Appolio Frieden machte; denn der stamme vom Teufel aus der Hölle. Und hat sich hingesetzt und hat gleich ein neues Bündniß mit den Engländern gemacht, die mit einer großen Flotte und vieler Mannschaft ihm zu Hilfe kommen wollen.

Die Bauern sahen sich nachdenklich an. Daß Schweden und Finnland zu Grunde gehen sollten, war ihnen nicht besonders tröstlich. Viele Lasten hatten sie schon zu tragen, und mancher junge Mann wurde seit Jahr und Tag fortgenommen und unter die Soldaten gesteckt.

Was wird denn nun das Beste sein? fragte Einer, der sich nachdenklich hinter den Ohren kratzte.

Ich will's dir sagen, Peder! schrie eine helle Stimme.

Sie blickten Alle um; da stand der Schulmeister mit seinem Hahn im Sack, und gleich war er mitten im Kreise, der Hahn auf seinem Arm.

Der alte Landstreicher stützte sich auf seinen Dornenstock mit beiden Händen und sah mit seinen runden Augen unmäßig pfiffig umher. Gehst nach Haus, Peder, begann er, ziehst deinen neuen Rock an, steckst deine Tasche voll Weizenfladen, und machst dich auf den Weg, bis du nach Stockholm vor's Schloß kommst. Da gehst hinein und stellst dich vor den König. Sagst ihm: Herr König, ich bin ein finnischer Mann aus Halljala. Wir haben gehört, daß du dich mit deinem Schwager, dem Russenkaiser, zankst und willst Schweden und Finnland darüber untergehen lassen. Dazu aber haben wir keine Lust, essen lieber Weizenfladen, saure Milch und Fische, so lange und so viel wir können, und haben viele Jahre über genug zu thun, um aus der Noth zu kommen, unsere Äcker zu verbessern und allerlei nützliche Dinge zu lernen von dem guten Schulmeister Lars Normark.

Das Gelächter brach aus; doch Lars Normark ließ sich nicht stören: – Also thue uns den Gefallen, Herr König, und laß Finnland nicht untergehen. Mach's mit deinem Schwager aus, wie du willst, 234 nehmt Beide Jeder ein Schwert und seht zu, wer leben bleibt. Was, zum Teufel! haben wir damit zu thun, wenn ihr euch streitet? Was geht es uns an, daß der Eine von euch die Franzosen haben will, der Andere die Engländer? Schlagt euch, so lange ihr Lust habt; wir aber sind friedliche stille Leute, die ruhig leben und arbeiten wollen. Laß uns also ungeschoren, Herr König, nicht eine Hand wollen wir für dich rühren; aber wenn's dir schlecht gehen sollte, komm zu uns nach Halljala. Sollst willkommen sein, sollst Karpfen und Wels essen, und kommst du zum nächsten Herbst, Herr König, soll Jem Olikainen dir einen fetten Bären fangen.

Das helle Gelächter wurde allgemein. Die Lustigsten schrien dem Peder zu, er solle sich gleich zur Reise bereit machen; allein der junge Bauer nahm demüthig seinen Hut ab und sagte bittend: Ich bin zu arm, zu jung und zu dumm dazu, solche Botschaft auszurichten. Keiner kann das besser, als der weise Schulmeister selbst; sollte er aber meinen, der König möchte ihn dafür aufhängen lassen, so mag der Hahn hinfliegen, der klüger ist als wir Alle.

Was meinst du, Hans, fragte der Alte, willst es thun?

Der Hahn schüttelte den Kopf.

Meinst es geht nicht? fuhr er fort. O! es ginge wohl, willst du sagen, wenn die Menschen klüger wären und allesammt zu den Königen so sprächen, wie Peder es thun sollte.

Der Hahn ließ sein zustimmendes Glucksen hören. – Was soll's denn aber werden, Hans? fragte sein Herr.

Der Hahn schlug seine Flügel, sträubte seine Halsfedern und stieß ein trotziges Geschrei aus.

Krieg! wie es immer war, Krieg! rief der Alte. Und so wird es immer kommen, Hans; hast Recht, so wird es kommen. An einander fahren werden sie mit ihren Schiffen und Schaaren. Todtschlagen werden sie sich wie das wilde Gethier; aber die Könige werden säuberlich am Leben bleiben. Es schad't nichts, Hans, es schad't nichts! Wir Beide haben schwedisch Blut, sehen die Sache mit an wie tapfere Leute. In Sweaborg geht's lustig zu, kommen Soldaten und Kanonen alle Tage, und jenseit des Kymen wimmelt's schon von Kosaken mit langen Bärten und Husaren, die wie Silber blitzen.

235 Es schad't nichts, Hans, haben sie öfter schon angeschaut und haben uns nicht davor gefürchtet.

Bei der Erwähnung der Russen waren die Gesichter wieder ernsthafter geworden.

Meinst du wirklich, fragte ein greiser Mann, daß es zu einem Kriege kommen könnte?

Der Hans sagt's, antwortete Lars, ich glaub's nicht; denn es ist keine Woche her, so sah ich in Borgo eine große Zahl Kanonen von Eisen und Kriegsmunition, viele Wagen voll, die sollten den Russen zugeschickt werden, weil's ihnen daran fehlte. Es ist Manches dumm in der Welt; aber so dumm werden sie in Stockholm doch nicht sein, und den Russen das Pulver und die Röhre liefern, wenn's zum Kriege gehen will.

Bewahr uns Gott vor den Russen! riefen einige Stimmen.

Bewahrt euch selbst vor den Russen! erwiederte der Schulmeister. Habt ihr nicht Arme an dem Leib, habt ihr nicht Piken und Messer genug? Habt ihr den Jem Olikainen nicht, der sich vor keinem Bären fürchten thut?

Der Scherz erheiterte die Gesichter abermals; Jem aber rückte seinen Hut trotzig über die Stirn und streckte seinen nervigen Arm aus. Laßt die Russen nur kommen! schrie er. Wir werden dann sehen, wo ich bin und wo der Pfeifer sein Lied bläst und sein Hahn dazu schreit.

Recht so, mein Kind! lachte der Alte. Bist ein tapferer Bursch, mag ein Bär vor dir stehen oder ein Russe, und hast noch immer gesunde Füße gehabt, wenn du aus einem Fenster springen oder über die Korpilaxfelsen laufen wolltest. Komm, Hans, komm! er geht uns ans Leben.

Der arme Jem konnte nichts machen, er mußte in das Gelächter einstimmen. Der Schulmeister aber ging mit seinem Hahn davon und weit durch das Thal schallte seine Pfeife von einem alten Kriegsliede, dessen Melodie er anstimmte.

Während dies geschah, war das schwedische Fräulein längst auf ihrem raschen Pferde in den Bergen verschwunden, durch welche ein einziger Weg nördlich hinlief, der jäh auf und absteigend bald über 236 hohe Hügel, bald in tiefe Gründe führte, die von dichtestem Walde umschlossen und bedeckt waren. Leichter Frost hatte den Boden fest gemacht, und wo die belebende Sonne nicht hindrang, lag der Reif weiß und dicht auf den langen niedergedrückten Gräsern.

Ebba überließ sich ihren Gedanken, während der Weg sich aufwärts wand bis zu der Höhe der felsigen Bergkette, welche die nördliche Grenze des Tavastlandes bildet. Sie hatte an diesem Morgen ein Gespräch mit ihrem Bruder gehabt, das wohl geeignet war, sie zu beschäftigen. Der Kammerherr hatte ihr einige Eröffnungen gemacht, über welche sie nachsann, und es dem grauen Rosse anheimgab, nach seinem Gefallen den bösen Pfad hinanzusteigen. Einige Male nur schaute sie zurück, weil sie Erich Randal erwartete, der ihr nachfolgen wollte; doch als sie die Höhe erreicht hatte, und der Freiherr nirgend zu erblicken war, that sie keinen Einspruch, als das edle Thier einen Seitenpfad einschlug, der zu dem Kamm des Bergzuges führte. Tief unter ihr lagen die Thäler, linkwärts dehnte sich der Wasserspiegel des Sees aus, und zwischen den Einschnitten ragte Halljala's hoher Thurm hervor. Dunkle Wolken lagerten sich über ihm, während die Berge sonnig glänzten und die bewegungslose Gestalt der schönen Reiterin von dem hellen Lichte bestrahlt wurde. Ihr Schleier flatterte in der scharfen Luft; lautlose Stille herrschte in dem weiten Gebiet, das ihre Augen überblicken konnten; ein unermeßliches Gewirr von rothen Felsen und dunklem Wald, der leblos schwer daran hing und zahllose Linien und Ecken bildete.

Er kommt nicht, sagte sie nach einem langen Schweigen. Er hat mich vergessen, warum soll ich darüber zürnen. Vergessen werden ist das Schlimmste nicht, das uns begegnen kann. Sie blickte in den Kranz düstrer Wolken, die über Halljala hingen, und flüsterte halblaut vor sich hin: Wie eine Dornenkrone sehen sie aus, und doch will ich diese auf mein Haupt setzen, und wäre es glühender Stahl, unter dem Hirn und Herz verdorrten. Gleichviel, Arwed hat Recht. Große Zwecke verlangen festen Willen, und das Herz ist nichts als der Sitz aller Schwächen, die uns erniedrigen und verächtlich machen, wenn wir diesem Götzen unser Leben opfern.

237 Sie wandte den Kopf und blickte nach der andern Seite hin, wo eben die Sonne mit voller Macht eine Reihe gewaltiger Felsen beleuchtete, welche hoch aus der Waldnacht aufstiegen. Es war dasselbe Felsenschloß, das sie schon einmal gesehen und das damals ihr von Louisa als Lully's Burg genannt wurde. Heut lag es näher vor ihr, getrennt durch einen tiefen wohl meilenbreiten Grund, über welchen ein Bergsattel lief, der wie eine Brücke zu diesem seltsamen Granitbau führte. Je länger Ebba es betrachtete, je mehr erschien es ihr als ein riesenhaftes Werk, von jenen fabelhaften Kindern der Nacht aufgeführt, die in diesem sagenvollen Norden so viel Seltsames und Ungeheuerliches geschaffen haben.

Als sie die Altane und Bogen, die zackigen Mauern und die kühnen Wölbungen betrachtete, fühlte sie lebhaftes Verlangen, diese Wunder näher zu beschauen, und ihre Gedanken wurden eben so schnell zur That, als sie vor sich einen der Pfade bemerkte, die in Finnland häufig die dichtesten und finstersten Wälder und die wildesten Einöden durchkreuzen. Bei ihren zahlreichen Streifereien in Otho's oder Erich's Gesellschaft hatte sie manchen dieser engen Steige kennen gelernt, welche gewöhnlich entfernte und entlegene Höfe oder Thäler verbinden, und statt der Krümmungen und Windungen der Landstraße, geradeaus, ohne Hindernisse zu beachten, durch Sümpfe und Dickichte, jähe Felsen hinauf und hinab, dem Ziele zuführen. Auch hier lief ein solcher über den waldigen Bergsattel und Ebba zweifelte nicht, daß er zu Lully's Burg leiten mußte. Daher war ihr Entschluß auch sogleich gefaßt, und wenige Minuten später eilte ihr Roß zwischen Wänden hoher Tannen hin, wo alle Aussicht schnell verschwand. Es gehörte mehr als der gewöhnliche Muth eines jungen Mädchens dazu, um nicht bald an Umkehr zu denken, denn wenn diese wilde Einsamkeit schon Furcht aufwecken konnte, so war der Pfad selbst keineswegs ein bequemer und gefahrloser. Bald senkte, bald hob er sich, bald stiegen Felslager aus dem Schutt auf, bald verlor sich dieser in Sumpfstellen, die ein verrätherischer Moosteppich bekleidete. An manchen Orten drängte sich der Wald so dicht zusammen und sperrte den Pfad mit einem Gewirr von Wurzeln, Ästen und Zacken, daß viel Gewandtheit nöthig war, um unverletzt durchzukommen, an anderen 238 Stellen aber verschwanden die Bäume vor dem mächtigen Gestein, das in steile Tiefen niedersank. Unten ruhte das Auge auf den Spitzen riesiger Fichten, durch deren geheimnißvolles Rauschen der dumpfe Ton eines Wasserfalles drang, welcher nicht entdeckt werden konnte. Eine Schlucht mit zahllosen grünen Federbüschen gefüllt, die kaum handhoch schienen, in Wahrheit jedoch die schönsten Masten liefern konnten, dehnte sich weit aus bis an den fernen Horizont. Nicht ohne ein banges Gefühl vermochte Ebba dort hinunter zu schauen, schnell jedoch war die Lichtung verschwunden, und ihr Ohr verfolgte den klagenden Ruf der Schneehühner, welche in der Ferne aus dem Dickicht schlüpften und schon ihr weißes Winterkleid angezogen hatten, ihr Auge wandte sich einer weit vorgebeugten gewaltigen Birke zu, zwischen deren wirrem Geäst zwei blitzende Sterne sie anstarrten. War es Täuschung oder Wahrheit, daß ein langgestrecktes katzenartiges Thier dort lauernd lag, war es ein Luchs mit weißer Kehle oder die Hyäne des Nordens, der braune schlanke Vielfraß. Sie konnte es nicht erkennen, denn das Roß schnaubte auf, ein Schauder lief über seine Haut und das Gebiß zwischen den Zähnen bäumte es hoch in die Luft, und rannte dann in gestrecktem Galopp mit seinem Reiter durch Geröll und Gebüsch. Es war zu des Fräuleins Gunsten, daß der Pfad keine bedeutenden Schwierigkeiten mehr bot, auch wehrte sie dem raschen Thiere nicht, seine Kraft und Ausdauer zu zeigen. So wich der Wald denn nach kurzer Zeit zu beiden Seiten und vor ihr lagen die hohen Steine, welche Lully's Burg bildeten. Sie hatte richtig vermuthet, daß der Pfad in diese Veste führen müsse, aber er ging so eng und steil zwischen den natürlichen Mauern in die Höhe, daß sie lange vergebens nach einem andern bequemeren Weg suchte. Überall jedoch stiegen die Felsen senkrecht und bahnlos auf und ihre dunkelrothe Farbe wurde von der Sonne glänzender und saftiger gemacht. Es blieb nichts übrig, als dem Pferde zu gestatten, diesen einzigen Zugang hinaufzuklimmen, der eine Zeit lang zackig und gewunden, dabei kaum breit genug war, das unerschrockene Fräulein ohne Hinderniß durchzulassen, dann aber dehnte er sich allmälig weiter zu einer Gasse und zu einem Thale aus, das zwischen den hohen Granitwällen ruhte. Noch war der dichte Grasteppich hier unversehrt, 239 noch trugen Ellern und Weiden ihre Blätter und zwischen ihnen murmelte ein klarer Quell. Der Himmel glänzte blau darüber und sein belebendes Licht vergoldete nach allen Seiten diesen schönen einsamen Grund und seine Schutzwehren.

Verwundert und freudig betrachtete Ebba dies neu entdeckte Land. Die Luft, welche sie athmete, war so rein und köstlich, die Ruhe umher so wohlthuend, der Frieden dieser Einsamkeit so einladend für die Unruhe in ihr, daß ein sehnsüchtiges Gefühl sie überkam, als sie das Pferd an einem Orte anhielt, wo die Felsen fast einen Kreis bildeten, in dessen Mitte eine ungeheure Eiche ihr wunderbar knorriges Geäst ausstreckte. Eichen sind selten in Finnland, namentlich so weit gegen die Mitte des Landes. Nur vereinzelt findet man sie, dann aber zuweilen in solcher Kraft und Majestät, als hätten die Waldgötter alle ihre Zaubermittel daran gesetzt, wenigstens einen dieser stolzen, edlen Bäume groß zu ziehen, um unter seinem Laubdache zu wohnen.

Die Eiche, vor welcher Ebba Bungen stand, war von hohem Alter. Die meisten ihrer Zweige hatten Stürme zerbrochen, mit denen sie Jahrhunderte über gekämpft hatte. Von langen Bartmoosen umhängen stand sie wie ein greiser Riese nackt und zerfetzt am Wege, allein ihr Haupt trug noch einen wundervollen Blätterschmuck, so voll und reich, wie in den Tagen ihrer Jugend.

Dicht unter dem mächtigen Stamm, umklammert von großen Wurzeln, lag ein vierkantiger Stein, von anderen aufrecht stehenden Steinen eingefaßt, welche ohne Zweifel von Menschenhänden einst hierher gestellt wurden. Gestrüpp und Halme hatten sich darum gerankt, deutlich aber ließ sich noch immer erkennen, daß eine bestimmte Ordnung dabei befolgt ward.

Es muß ein Opferplatz sein, der aus den Heidenzeiten stammt, sagte Ebba, als sie den Kreis betrachtete.

Der Altar Jumala's, des Herrn des Himmels und der Erde, antwortete ihr eine Stimme, die unter dem Opferstein hervor zu kommen schien.

Einen Augenblick schwieg das Fräulein, überrascht und erschrocken, dann aber verwandelte sich ihre Bestürzung in Gelächter. Jumala 240 sendet mir aus seinem Himmel einen Heiligen, den ich näher betrachten muß! rief sie aus, und bei diesen Worten, trieb sie ihr Pferd an und entdeckte Otho Waimon, der an der andern Seite in einer Vertiefung saß, und den Rücken an den Opferstein lehnte. Neben ihm lag sein Gewehr und seine Reisetasche, aus welcher er einige Vorräthe genommen hatte und sein Mahl hielt.

Grüß Sie Gott! mein heidnischer Retter, rief sie ihm entgegen, indem er aufstand. Ich komme zur rechten Zeit, um Theil zu nehmen. Hoffentlich hat der liebenswürdige Beherrscher der Wälder, Tapio, welcher verirrten Wanderern gedeckte Tische schickt, für mich mitgesorgt.

Das hat er gethan, erwiederte Otho, denn er speist auch die, welche nicht an ihn glauben.

Zugleich hob er sie vom Rosse, ließ dies laufen, da er sicher war, daß es sich nicht entfernen würde, und nach wenigen Minuten saßen sich Beide gegenüber. Er zerschnitt mit seinem Jagdmesser die Speisen und schöpfte mit seinem Becher das klare Quellwasser, als sie dürstete.

Vortrefflich! rief Ebba von dem Wasser nippend. Habe Dank, guter Tapio, für deinen Nektar! Wie lange waren Sie in den Hallen Ihrer Götter, Cousin Otho?

Sie haben mich diesmal nach Savolax begleitet, erwiederte er, und meine Geschäfte gesegnet.

Ich glaube es nicht, versetzte sie. Ich glaube vielmehr, daß Sie seit zwei Tagen in den unterirdischen Hallen Jumala's unter diesen Steinen saßen und Weisheit lernten.

Weisheit ist allen Sterblichen nöthig, sagte er.

Jumala's Geist ruht auf Ihnen, Cousin Otho! rief sie ihm spöttisch zunickend. Fahren Sie fort und entdecken Sie mir, was er Ihnen weiter vertraute.

Wenn Sie es wüßten, würden Sie davor erschrecken.

Ich erschrecke so leicht nicht, fuhr Ebba muthwillig fort, nicht einmal vor Barbaren, die lieber in Wäldern und Sümpfen umherschweifen, als civilisirten Wesen Gesellschaft leisten. Was sagte der weise Jumala also?

Er sagte mir, daß ein Jeder sich hüten solle, ein Opfer der Civilisation zu werden.

241 Ein leichtsinniger Gott! rief Ebba lachend, der also spricht und sich selbst nicht behüten könnte. Der vor Opfern warnt, dicht an seinem verwitterten Altare, wo es greulich genug oft hergegangen sein mag.

Jumala war ein milder Allvater, dem man Blumen, Honig, Erstlingsfrüchte und Ähren bot, erwiederte Otho. Die barbarischen Finnen haben niemals blutige Opfer gekannt, während die hochbegabten Schweden in Odin's heiligem Hain jährlich zwölf Jungfrauen schlachteten.

Jetzt schlachtet man die Opfer in noch größerer Zahl und auf verschiedene andere Weise, fiel das Fräulein ein, bei alledem aber muß man nicht verzagen und sich nicht schlachten lassen. Wie sehen die Steine dort so roth aus, als flösse Blut an ihnen nieder.

Sie heißen auch die Blutsteine, antwortete Otho Waimon, und dieses Thal wird das Thal des Todes genannt.

Und diese ganze Steinmasse heißt Lully's Burg?

Ja. Diese Eiche die Hompuseiche, oder auch die Eiche des Gerichts.

Hat der alte Häuptling hier Gericht gehalten und Recht gesprochen? fragte Ebba.

Wie ein Christ und wie ein Ritter, antwortete Otho finster lächelnd, indem er einen stolzen Blick auf den Baum warf. Als Birger Jarl seinen Feldherrn zurück ließ, um das Tavastland zu erobern, zogen sich die bedrängten Heiden endlich hierher zurück, wo Jumala verehrt wurde. Hierher brachten sie Alles, was ihnen lieb war, ihre Kostbarkeiten, ihre Weiber und Kinder, endlich ihre eigenen Leiber, so viel deren übrig geblieben. Lully Wainemonen war ihr Held und ihr Häuptling und er vertheidigte dies heilige Thal mit Tapferkeit. Endlich aber drangen dennoch die Männer in Eisen gehüllt herein, und dort an jenem Felsen wurde so viel Blut vergossen, daß kein Regen und kein Schnee die rothe Farbe jemals wieder abwaschen konnte. Hier an dem Altare Jumala's wurde der letzte Kampf gekämpft. Hompus Randal erschlug den Häuptling Lully. Sterbend wurde Lully auf diesen Opferstein geworfen und verbrannt; um ihn her hingen an allen Zweigen und Ästen der Eiche seine Freunde und Brüder, zur Ehre Gottes aufgeknüpft, und um dessentwegen trägt der Baum bis 242 auf diese Stunde noch des Richters Namen und heißt die Eiche des Gerichts.

Ebba hatte schweigend zugehört. Das ist eine fürchterliche Geschichte, sagte sie endlich, obenein wenn sie Jemand von seinen Vorfahren an dieser Stelle erzählt. Aber danken wir Gott, Cousin Otho, daß mildere Sitten die Menschen gebessert haben, und sprechen wir nicht verächtlich von der Civilisation, die doch allein im Stande ist, uns vor ähnlichen Thaten zu behüten.

Die Menschen sind nicht besser geworden, versetzte Otho, nur ihre Götzen haben sich geändert. Diese zu befriedigen scheuen sie noch jetzt weder Mord, noch jedwede Schande.

Und dennoch sind Sie selbst ein Beispiel dafür, daß eine bessere Zeit gekommen ist, sagte sie. Der fürchterliche Hompus Randal, der sein Schwert in Lully's Blut tauchte, hat es durch all sein Wüthen nicht hindern können, daß sein Urenkel Lully's Enkel aufs herzlichste liebt, und beide so innige Freunde sind, daß der Eine gern für den Andern sein Leben hingeben würde.

Das würde ich! rief Otho, indem er seine Augen glänzend aufschlug, das würde auch Erich thun, leichter und freudiger noch als ich. Ich will Ihnen Recht geben, fuhr er fort, wenn auch nur bedingungsweise, denn auch in jenen Zeiten, wo Hompus und mein Urvater lebten, opferte man Gut und Blut für den Freund. Allein der Menschenwerth ist höher gestiegen. Vor einem Menschenalter noch würden Sie dem finnischen Bauer Ihre Hand nicht gereicht haben, wie Sie dies jetzt thun, und Serbinoff, wäre er mit Peter des Großen Heer vor hundert Jahren nach Finnland gekommen, würde weit eher geneigt gewesen sein, mich rösten oder todtprügeln zu lassen, als mich Freund und Bruder zu nennen.

Die russische Civilisation hat doch noch einige dunkle Stellen, denen man nicht allzuviel trauen darf, sagte das Fräulein lächelnd und zu ihm aufblickend.

Sie ist nicht so abgeschliffen, als manche, die sich höher und besser dünkt, erwiederte er; allein ein so großes Reich, ein so mächtiges urkräftiges Volk hat eine Zukunft, wie kein anderes.

243 Sie sprechen davon, sagte sie, als fühlten Sie Lust, daran Theil zu nehmen.

Wenn es so wäre, antwortete er, würde ich nur dem Beispiele anderer Männer folgen, die in Rußland sich wohl befinden.

Niemand soll sein Vaterland aufgeben, um auf fremder Erde das Glück zu suchen, antwortete sie mit größerem Ernst.

Was ist Glück? rief Otho dagegen, und was hält mich ab, es zu suchen, wo ich es finde? Mein Vater zog auch in ferne Länder unter Palmen und Menschen mit broncener Haut.

Und er kehrte zurück, wie ein irrender Vogel, der sein Nest im Norden sucht, fiel das Fräulein ein. Wie lange ist es denn her, Vetter Otho, seit Sie mir stolz erklärten: Auf meinem Hofe will ich leben und sterben, als ein freier Mann, ohne meine Scholle zu verlassen.

Ich sagte das, ja, war seine Antwort, doch seit jener Zeit habe ich anders sehen und denken gelernt. Im russischen Heere befinden sich viele tapfere Männer, die, von Tyrannen verfolgt, dorthin flüchteten, wo ein Fürst, den die edelsten Eigenschaften zieren, sie in seinen Schutz nimmt.

Wer hat Ihnen das gesagt? fragte sie. Ohne Zweifel, Serbinoff. Er ist ein Russe und liebt Rußland, das wird ihm Niemand verdenken; aber Sie, Cousin Otho, Sie sind ein Schwede.

Ein Finne, fiel er ein, ein Kind des unglücklichen Stammes, den jeder gern sein eigen nennen möchte, um ihn als Heloten zum Holzhauen und Wasserschleppen zu gebrauchen. Manche Schweden sind schon in russische Dienste getreten, kein Russe aber hat je einem anderen Herrn gedient.

Wahrscheinlich, antwortete das Fräulein, hat Ihnen Serbinoff auch dies gerühmt; aber kann es nicht auch daran liegen, daß ein in der Civilisation so tief stehendes Volk keine Männer besitzt, die in anderen Ländern willkommen wären. Die Schweden, welche sich zu Russen machten, waren meist entartete Söhne ihres Volkes. Können Sie in dem russischen Rock sich ein russisches Gewissen anschaffen?

Sie haben eine üble Meinung von den Russen, und doch ist Serbinoff Ihnen so lange befreundet, und an Ihrer Seite zu uns gekommen.

244 Graf Serbinoff ist der Freund meines Bruders. Unleugbar besitzt er durchdringenden Verstand und ist in den Kreisen des hohen russischen Adels erzogen.

Er ist so tapfer wie offenherzig, so frisch und kräftig an Körper wie an Geist, sagte er in warmem Ton.

Ebba blickte nachsinnend vor sich nieder. Ist das Alles denn Ihr Ernst, lieber Otho, fragte sie endlich, als er schwieg. Könnten Sie wirklich die Absicht haben, uns zu verlassen? Das wäre eine traurige Nachricht.

Ihre Stimme war weich geworden, alle Spottlust daraus verschwunden. Als er in ihre Augen sah, die fragend und mit eigenthümlichem Ausdruck auf ihm ruhten, fühlte er einen heißen Strom in seinen Kopf dringen.

Für wen traurig? lachte er rauh auf, indem er sich unsicher abwandte. Wer würde sich darum betrüben?

Wir Alle, erwiederte sie, und somit auch ich.

Wirklich, auch Sie! Tausend Dank, Cousine Ebba. Ein Barbar, wie ich, kann das kaum erwarten.

Ein Barbar, wie Sie, kann nur darüber spotten, erwiederte Ebba.

Otho hielt ihre Hand fest, es war ihm als fühle er diese leise zittern, im nächsten Augenblick aber befreite sie sich, und fuhr im fröhlichen Tone fort: Sie werden wenigstens doch noch einige Zeit bei uns aushalten, und den Winter über uns Gesellschaft leisten. Arwed hat gestern beschlossen, nicht nach Stockholm zurückzukehren.

Und Sie, Cousine Ebba?

Ich – nun, ich werde Erich's Wünsche erfüllen, und ebenfalls hier bleiben. Wir werden in einigen Wochen den Freiherrn Wright besuchen, gestern kam eine neue, dringende Einladung. Sie müssen uns dahin begleiten. Das Haus des Freiherrn soll im besten Geschmack eingerichtet und immer voll edler Gäste sein. Sie können sich dort auf die Petersburger noblen Kreise vorbereiten. Die Tochter des Freiherrn, Madame Constanze Gurschin, muß außerordentlich liebenswürdig sein. Sie hat mir ein Briefchen im elegantesten Französisch geschrieben. Sie sprechen doch französisch, Cousin Otho?

245 So schlecht wie es einem Barbaren zukommt. Aber Sie haben Recht, ich will mich bemühen, zu den gebildeten Menschen gezählt zu werden.

Und was machen wir mit meiner armen Louisa; fuhr das Fräulein fort, wenn Sie unter die Russen gehen? Doch sie hat einen brüderlichen Freund an Erich, und eine schwesterliche Freundin an mir. Bei uns in Halljala soll sie wohnen, wenn Sie keinen anderen Plan mit ihr haben.

Sie also – Sie werden in Halljala wohnen? fragte er.

Sobald wir aus Liliendal zurückkehren, wo wir bis Neujahr zu bleiben gedenken.

Und dann?

Still, Cousin Otho, wir wollen nicht in die Zukunft forschen.

Otho Waimon blickte sie sinnend an. Sein Gesicht röthete sich höher und seine Augen schimmerten im lichten Glanz. Endlich nahm er ihre Hand und sagte im festen freundlichen Tone: Ich wünsche Ihnen Glück, Cousine Ebba! reiches endloses Glück, es wird nicht ausbleiben.

Warum glauben Sie das?

Weil ich Erich kenne. Weil es keinen besseren Menschen auf Erden gibt.

Das ist ein gefährlicher Ausspruch, erwiederte sie. Aber schweigen wir davon. Gott weiß allein, was geschehen wird. Doch Sie, lieber Otho, werden Sie immer mein Freund bleiben? Immer mir Glück wünschen?

Ihr Freund; ja, gewiß!

Und niemals an meiner innigen Theilnahme zweifeln?

Ich will mich bemühen, daran zu glauben.

Dann versprechen Sie mir, unser Zusammentreffen und unser Gespräch geheim zu halten.

Ich verspreche es.

Und noch Eines. Auch ich will Niemand sagen, daß Sie ein Russe werden wollen, nur thun Sie nichts, ohne es mir mitzutheilen. Sie sollen nichts thun, Otho! fuhr sie lebhafter fort; ich will nicht, daß Sie diesem Serbinoff allein glauben, ihm allein Vertrauen schenken. Ich verlange es von Ihnen, ja ich – ich! und wenn ich auch 246 nur eine Schwedin bin, so da – sehen Sie mich an, ich befehle Ihnen, daß Sie mir gehorchen.

Sie reichte ihm die Hände hin, und ihr schönes, stolzes Gesicht neigte sich zu ihm mit einem Ausdruck so inniger Güte und Besorgniß, dem er nicht widerstehen konnte.

Haben Sie mir nicht schon einmal in Tavastehuus versprochen, fuhr Ebba fort, daß wir trotz alles Streites und aller Trennungen treue Freunde bleiben wollen.

Ein wunderbares Entzücken überlief ihn, kaum vermochte er es zu bezwingen. Das habe ich versprochen! rief er ihre Hände an seine Lippen drückend und an sein Herz legend, und niemals sollen Sie mich umsonst daran mahnen. Ja, theure Ebba, ich will Ihnen glauben. Möge, wie es in unseren alten Liedern heißt, unter jedem Ihrer Schritte Blumen aufsprossen.

Von ganzem Herzen, Amen! antwortete sie, indem sie ihm ihre Stirne zum Kusse bot, und nun – o! da ist Erich! fuhr sie fort indem sie sich umwandte und den Pfad hinabblickte, auf welchem Erich Randal sich näherte. Vielleicht hatte er die vertraute Stellung und Umarmung der beiden gesehen, denn er stand nahe bei ihnen und einige Augenblicke hinter den Weidengebüschen still. Dann jedoch kam er so ruhig und freundlich heran, wie er immer war.

Sie haben mich in große Sorge versetzt, liebe Ebba! rief er schon von Weitem; überall suchte ich Sie, und nur durch Zufall gerieth ich endlich auf den Gedanken, daß Sie in Lully's Burg sein würden.

Also nicht durch eine geheime Ahnung hierher getrieben? fragte sie lächelnd.

In Wahrheit, nur durch einige Spuren Ihres Pferdes.

Ein Hofmann sind Sie nicht, Vetter Erich, lachte das Fräulein. Welche schmeichelnde Antwort hätten Sie mir geben können.

Ich will auch niemals, weder ein Hofmann noch ein Schmeichler sein, beste Muhme Ebba, antwortete er, seine großen blauen Augen freundlich auf sie heftend. Wahrheit soll immer zwischen uns walten, einfache, ungeschminkte Wahrheit. Was diese auch bringen mag, ist immer leichter zu ertragen, als alle aufgeputzte Täuschung.

247 Nach einigen Erklärungen, welche Otho über sein Zusammentreffen mit Ebba an diesem Orte gab, und einigen Zwischenreden, welche das Fräulein hinzufügte, sagte Erich: Wir werden auf lange Zeit nicht wieder hier beisammen sein, denn bald wird das Thal und alle Thäler und Tiefen unter Schnee und Eis begraben liegen. Sehen Sie die düsteren Wolken, welche sich dort nordwärts zusammenballen? Sie werden über uns hinfahren, wenn wir nicht eilen uns in Sicherheit zu bringen.

Welche düsteren Wolken uns auch erwarten, versetzte Ebba lächelnd, so wollen wir doch niemals die Sonne vergessen, welche dahinter scheint. Es ist schon manche Nacht und mancher Winter gekommen, Vetter Erich, und immer ist es wieder Tag und Frühling geworden. Habe ich nicht Recht, wenn ich auf diesen Stein zeige, und dann euch Beide betrachte, daß wir vertrauen und hoffen sollen?

Erich legte statt der Antwort, seinen Arm um seinen Freund, und drückte ihn an sich: Bist du denn so hoffnungslos, mein Otho, sagte er, und gibt es etwas, das ich für dich thun könnte?

Ich bin nicht hoffnungslos! rief Otho, indem er Erich's Umarmung erwiederte, und nichts kannst du für mich thun, als immer fest auf mich bauen, wie es deine Art ist. Dieser Stein spricht zu uns lauter, als Himmelsstimmen es thun könnten, daß wir einig sein und uns anhängen sollen bis in den Tod.

Und dabei will ich mit einschlagen, sagte Ebba, indem sie lächelnd ihre Hand auf die beiden Hände legte. Höre mich, du Geist Lully's, wenn du uns umschwebst, und gib uns ein Zeichen, daß du gerächt und versöhnt bist.

In dem Augenblicke beugte sich die Eiche unter einem Windstoß, der über die Felsen in das Thal stürzte. Die Blätter wirbelten hoch auf, plötzlich folgte ein Krachen, und die Krone des alten Baumes brach und fiel auf den Opferstein.

Erschrocken standen die drei Geisterbeschwörer und blickten das Wunder und den kahlen abgestorbenen Riesen an, bis Ebba ein fröhliches Gelächter hören ließ. Nun sage Niemand mehr, rief sie, daß es keine Dinge zwischen Himmel und Erde gibt, von denen unsere Gelehrten sich nichts träumen lassen. Ich verstehe diese Antwort. Die 248 blutige Eiche hat aufgehört zu leben, die nach uns kommen werden nichts mehr von ihr sehen. Der letzte Enkel des grimmen Hompus liegt in den Armen des letzten Enkels Lully's; ihre Liebe hat den Haß versöhnt!

Erich betrachtete das abgebrochene Holz und sagte dann: Es ist morsch und mürbe, lange hätte es auf keinen Fall mehr gehalten, doch seltsam genug ist der Zufall, der eben jetzt es zu unseren Füßen schleuderte. Auf diese Weise sind alle Wunder entstanden.

Ungläubiger! rief das Fräulein. Nichts ist zufällig, was geschieht, Alles bestimmt sich nach Nothwendigkeiten. Ich glaube daran, daß die alten Götter zu uns gesprochen haben, und lasse mir keine Erklärung des nüchternen Verstandes gefallen. Wir werden schon sehen, wie diese brechende und stürzende Krone noch ausgelegt werden kann; ob Glück, ob Unglück uns damit angekündigt wurde. Da aber dies ein Altar des Weltenherrn ist, so will ich ihm ein Opfer bringen. Sie nahm einige Blätter der Eiche, Gras und Halme wand sie zusammen, und legte sie auf den Stein. Allvater Jumala! rief sie, ihre Hände faltend und ihre Augen aufhebend, sei uns gnädig. Schütze uns vor unseren Feinden und gib uns Glück und Frieden.

Zunächst, sagte Erich, mag der alte Gott, der Blumen und Gras so lieb hat, uns auf einige Stunden noch vor Schnee bewahren.

So gib, Jumala, daß uns wenigstens heut keinerlei Fährnisse mehr bedrohen, fuhr Ebba, ihre Bitten erneuernd fort.

Ich fürchte sehr, fiel Otho ein, der seinen Reisesack zusammengepackt und sein Gewehr aufgenommen hatte, daß Jumala uns diese Gunst versagen wird, denn sehen Sie dort hinaus – er deutete die Felsengasse fort – erkennen Sie noch die Spitzen der Korpilaxberge?

Ein düsterer Schleier, welcher sich immer weiter senkte, verhüllte alle Aussicht. In wenigen Minuten, fuhr Otho fort, werden wir in glänzende Silberflocken eingehüllt sein, und nicht eher werden diese aufhören zu fallen, bis ganz Tavastland zwanzig Fuß tief darunter liegt.

Otho hat Recht, fügte Erich hinzu, wir haben keine Zeit zu verlieren, wenn wir diesen Schneesäulen ungefährdet entkommen wollen. 249 In wenigen Stunden sind alle Hohlwege verweht, und unser Rückzug dann nicht ohne Gefahr.

Ebba gab eine muthwillige Antwort, daß sie allen Gefahren an der Seite der Weisheit und der Kühnheit trotze, welche weder vor Bären, noch vor Russen erschräcken; allein sie war doch zufrieden, als Erich ihr Pferd herbeibrachte und sein eigenes dazu, das hinter den Weidenbüschen sich zu seinem Kameraden gesellt hatte, während Otho zu einem der überhängenden Felsen eilte, der sein kräftiges Thier verbarg.

Es war hohe Zeit; denn kaum hatte der Zug sich in Bewegung gesetzt, als ein Flockengewimmel auf ihn niederfiel, und noch hatte er nicht den engen Zugang des Felsenschlosses erreicht, so bedeckte das weiße Leichentuch das Thal, das eben noch so grün und sommerlich gewesen. – Vorsichtig stiegen die klugen Rosse hinunter, und vor ihnen lagen nun die weiten Gewinde der Korpilaxberge; doch wenig ließ sich davon erkennen, Alles hatte sich verändert. Der Himmel war nächtlich düster, ein dumpfes Brausen und Heulen stieg aus den Wäldern und Schluchten auf, der Sturm peitschte den Reitern Eiskörner und dichte Wolken feinen Schnees entgegen, den er wirbelnd durch die Lüfte trieb.

Eine so plötzliche Umwandlung der Natur und der Anblick dieser drohenden Einöden mußte erschrecken. – Vielleicht thäten wir besser, sagte Ebba, noch ein wenig zu warten.

Nicht einen Augenblick, antwortete Otho. Der Winter tritt mit einem Schneesturm ein, und nur zu gut kennen wir diese Zeichen; er wird Tage lang andauern. Noch vermögen wir den Weg zu finden. Fürchten Sie nichts, folgen Sie mir nach.

Nur voran! rief das Fräulein; voran, mein tapferer Retter! Sie werden sehen, daß echt schwedisches Blut den Schnee nicht fürchtet.

Otho zögerte nicht, und bald befanden sie sich auf dem Pfad des Bergsattels, wo die Bäume ihnen größeren Schutz gewährten. Anfangs ging es rasch vorwärts, bald jedoch langsamer und bedächtiger, und ohne die genaue Kenntniß, welche der Führer von jedem Hinderniß, jedem Stein und jeder Vertiefung besaß, wäre es kaum möglich gewesen, diese zu vermeiden. Dann und wann wühlte ein 250 Windstoß die Schneemasse auf und fegte sie in Haufen zusammen. Aus dem Geflimmer der blitzenden Krystalle sah Ebba zuweilen dicht neben sich in eine jähe Tiefe hinab, und ihre erstarrenden Finger griffen in die eisbedeckten Mähnen ihres schnaubenden Rosses. Ein einziger Fehltritt, ein Gleiten der Hufe hätte sie hinabgestürzt; aber ein nordisches Pferd gleitet und fällt nicht. Voller Vertrauen blickte sie auf Otho, wie er aus den weißen Nebeln auftauchte, zuweilen neben ihr war und ein tröstendes Wort sagte, das sie mit einem Scherz beantwortete, zuweilen nach Erich umblickte, der den Schluß machte, und ihn erwartete oder ihm zurief, nicht zurückzubleiben.

Endlich war der Bergsattel zurückgelegt, und die hohen umdüsterten Felsen traten hervor, Schneewände hatten sich schon an ihren Seiten festgeklammert, an anderen Orten der Sturm sie fortgerissen; schwarze Zacken und Spitzen starrten aus den blendenden Gewändern. Müssen wir dort hinauf? fragte Ebba, als sie sah, daß Otho daran emporzuklimmen begann.

Wir müssen hinauf, antwortete er; denn unten ist der Weg schon im Schnee verweht. Wir würden stecken bleiben, wollten wir es wagen.

Dann in Gottes Namen! Echt schwedisches Blut fürchtet sich auch vor den Felsen nicht! rief das Fräulein mit neuem Muthe.

Aber diese hohe Bergebene, über welche es jetzt fort ging, war zwar vom Schnee so ziemlich entblößt; doch mit schneidender Kälte drang der Sturm auf die Reiter ein. Vor den feinen Eisnadeln half kein Schleier und kein schützendes Gewand; immer grauer und schwerer senkte sich der Himmel, immer dunkler und ungewisser verschmolzen Nähe und Ferne. Die Nacht brach herein, obwohl es noch Tag sein sollte, und durch ihre Schatten huschten die Schatten sonderbarer flüchtiger Gestalten, welche in weiten Kreisen und Sprüngen lautlos die Reiter umjagten.

Eine Zeitlang glaubte Ebba, daß ihre Augen, von den Eisnadeln schmerzend und geblendet, sie täuschten, bis sie deutlicher diese dunklen Gespenster erkannte. Was ist das? fragte sie.

Wölfe! erwiederte Otho verächtlich. Der erste Schnee hat sie hervorgelockt, sie wittern Roßfleisch und Beute.

251 Die Russen also sind an unseren Fersen, lachte das Fräulein mit Aufbietung aller Kraft. Werden wir ihnen entrinnen?

Bald wird das ganze Rudel uns nachheulen wie höllische Teufel, sagte Otho; aber besorgen Sie nichts, es wird ihnen nichts helfen, wir werden wohlbehalten bleiben.

Echt schwedisches Blut fürchtet auch die Russen nicht! rief sie, krampfhaft die Zügel haltend.

Dort in der Tiefe vor uns liegt Halljala, sagte Otho. Nur eine Stunde noch und wir sitzen in der Halle und lachen über unsere Abenteuer.

Wir lachen! Wo ist Erich? Ich sehe Licht!

Hier bin ich, antwortete die tiefe sanfte Stimme des Freiherrn. Wo sehen Sie Licht, liebe Ebba?

Um mich her, dort – da! Flammen, oder sind es die Augen der Wölfe?

Er war bei ihr in dem Augenblick, wo hinter ihnen ein entsetzliches Geheul begann, und dicht vor den Reitern antwortete ein klagendes heiseres Gewinsel. Der Schnee leuchtete genug, um einen großen Wolf zu erkennen, welcher auf seinen Hinterbeinen saß und seinen weiten spitzen Rachen steil aufhob, ohne weichen zu wollen. Ebba sah, wie das gewaltige Thier sich zusammenduckte, als sei es im Begriff einen Sprung zu machen. Sie wollte aufschreien, lachen, rufen: ich fürchte mich nicht! aber ein lähmendes, tödtendes Gefühl überkam sie. Plötzlich zuckte ein Blitz, ein heftiger Knall rollte ihm nach. Der Wolf stürzte zusammen, das graue Roß setzte über ihn fort. Ebba's Hände griffen umher, ihr Körper wankte, sie wäre gefallen, wenn Erich sie nicht unterstützt und festgehalten, Otho die Zügel des scheuen Renners ergriffen hätte.

Was beginnen wir nun? rief er in zorniger Verzweiflung. Es war zu viel für schwedisches Blut.

Niemals zuviel, niemals! antwortete sie sich erholend, indem sie zu lachen versuchte. Sie haben besseres Vertrauen zu mir, Vetter Erich. Ist der Wolf todt?

Er wird nicht wieder nach Ihnen springen, liebe Muhme Ebba.

252 So mag es allen Russen gehen! Lassen Sie die Zügel los, kleinmüthiger Cousin Otho. Wohin jetzt mit uns? Reden Sie, weiser und besonnener Erich.

Hier ist die Schlucht, erwiederte Erich, dort geht es hinab. Gleich sind wir auf der Straße und haben Halljala vor uns.

In wenigen Minuten waren sie unten. Das Wolfsgeheul verhallte in der Ferne, die Pferde liefen rasch die Höhe hinauf, als plötzlich ein Lichtschimmer ihnen entgegenglänzte.

Dort liegt ein Haus! rief das Fräulein freudig auf.

Ein Wagen liegt dort, der nicht weiter kann, antwortete Otho. Neben ihm steht ein Mensch mit einer Laterne, die er nach uns zurückwendet.

Er hatte mit seinen scharfen Augen den Gegenstand richtig erkannt, welcher bald erreicht wurde. Es war ein Wagen von neuer Art mit einem bequemen bedeckten Sitz. Der Mann daneben, welcher eine große Pelzmütze über Kopf und Ohren gezogen und sich selbst in einen Pelz gehüllt hatte, war so dick beschneit, daß er wie eine Schneepuppe aussah. Als die Reiter dicht herankamen, hielt er seine Laterne hoch zu ihnen auf: So wahr ich lebe! schrie er, es ist der Freiherr Randal, sammt meinem lieben Vetter Otho, und das edle Fräulein Bungen! Habe ich es Ihnen nicht gesagt, hüten Sie sich vor ihm? Ist aber dennoch ein Glück für uns, Freiherr Randal; denn wir bleiben stecken in dem verdammten Schnee, der uns überfallen hat.

Herr Halset! sagte Erich verwundert, als er ihn erkannte. Wir wollen Hilfe herbeischaffen.

Recht so! rief der Kaufmann aus Abo, aber schnell, Herr Erich. Es ist nicht um den alten Sam, der hält es aus; doch in dem Kasten da sitzt mein Mädchen, meine Mary. – Zeige dich, Mary, stecke den Kopf heraus, rief er, mit der Laterne hineinleuchtend. Bah! Freiherr Randal, sollt sie morgen näher betrachten. Heidnisches, hundisches Wetter! Wir wollen uns ausruhen in Halljala, Gastfreundschaft ansprechen. Schafft ein paar frische Pferde herbei, die uns durch den Schnee schleppen.

253 Aber die Wölfe! sagte Ebba. Es sind Wölfe in der Nähe.

Kenne sie, sind meine alten Freunde, lachte Sam. Mit meiner Laterne da halt' ich mir ein ganzes Schock vom Leibe. Sie setzen sich höchstens im Kreise umher und singen ein Klagelied über die schlechte Zeit. Damit kann ich ihnen ebenfalls dienen. Nirgend Geld im Lande, nirgend Ehrlichkeit. Fort, Herr Erich, es kann Alles nichts helfen. Jeder muß sehen, wo er bleibt. Reiten Sie zum Propst heran. Er erwartet uns und wird uns beispringen.

Sie sollen bald in Halljala sein, sagte der Freiherr.

Ich komme morgen zu Ihnen, bedanke mich für alle Höflichkeit! schrie der Handelsherr ihnen nach. Gute Nacht, hochedles Fräulein! Ein kalter Ritt; doch was thut's, wenn das Herz warm ist. Wickle dich ein, Mary. Gott verdamm' den Nordwind, er bläst durch Nieren und Rippen. Wickle dich ein, Mary es hält nichts wärmer als Fuchspelz und Marder. Hast du das Püppchen gesehen, wie es im Sattel saß mit Kastorhut und Schleier? Ein stattlich Bild, ein feines Fräulein. Wollen morgen ein Wort mit ihr reden, sie hat einen gescheidten Zug im Gesicht. Halt das Herz warm, Mary; laß sie reiten, wir holen sie doch noch ein. Aber da kommen meine alten Bekannten. Hoho! sechs, acht, ein ganzes Dutzend Höllengesindel, lustige Bursche. Heißa! nur heran, immer näher und laßt euch beschauen.

Er stellte sich an den Kopf seines schweißnassen Pferdes, ließ die Laterne nach allen Seiten blitzen und lachte den Wölfen nach, als sie scheu davor in die Dunkelheit flohen.

Ein finnischer Wolf, sagte er, ist wie ein finnischer Bauer, ein anstelliger kecker Bursch, dem es nicht an feinen Gaben fehlt; aber seine abergläubische Einfalt verdirbt Alles. Nur wenn der große Haufe beisammen ist und der Hunger in den Eingeweiden nagt, ist's gefährlich mit ihnen umzugehen. Setzt euch, ihr Dummköpfe, setzt euch und stimmt eine herzhafte Melodie an.

Diese Einladung wurde bereitwillig angenommen, die Wölfe heulten rund umher einen schrecklichen Gesang; allein es währte nicht lange, so kamen Männer mit Pferden und Fackeln aus dem Thale 254 herauf. Propst Ridderstern befand sich bei ihnen. Trotz des Wetters hatte der geistliche Herr sich selbst aufgemacht, seinem Gast zu helfen und ihn zu empfangen, und dies geschah mit vieler Herzlichkeit unter Umarmungen und Freudengeschrei.

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