Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Giovanni Francesco Straparola >

Ergötzliche Nächte

Giovanni Francesco Straparola: Ergötzliche Nächte - Kapitel 28
Quellenangabe
pfad/straparo/ergoetzl/ergoetzl.xml
typenarrative
authorStraparola
titleErgötzliche Nächte
publisherVerlag Kurt Desch
printrun1. bis 10. Tausend
year1947
translatorHanns Floerke
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20090109
projectidc19533f9
Schließen

Navigation:

27

Ein Esel entläuft einem Müller und kommt auf einen Berg. Dort findet ihn der Löwe und fragt ihn, wer er sei. Der Esel fragt ihn seinerseits nach seinem Namen. Der Löwe sagt, er sei der Löwe, und der Esel erklärt, er sei Brancaleone. Sie fordern sich zum Wettstreit heraus, und der Esel bleibt schließlich Sieger.

In Arkadien, einer Landschaft Moreas, genannt nach Arkas, dem Sohne des Jupiter, wo zuerst die ländliche Hirtenflöte erfunden wurde, lebte in vergangenen Zeiten ein Müller, ein roher und grausamer Mensch, der von Natur so zornmütig war, daß es wenig Holzes bedurfte, um sein Feuer anzufachen. Dieser besaß einen langohrigen, hängelippigen Esel, der, wenn er iahte, die ganze Umgegend widerhallen machte. Besagter Esel vermochte infolge des kargen Futters und Getränks, das ihm der Müller verabreichte, die großen Anstrengungen nicht zu ertragen, denen er sich unterziehen mußte und die harten Stockschläge nicht auszuhalten, die sein Herr ihm gab. Das arme Grautier wurde infolgedessen so klapperig und kam so herunter, daß es nur noch Haut und Knochen war. So kam es, daß der gequälte Esel, erzürnt über die vielen Schläge, die er tagaus, tagein bekam, wie über die unzulängliche Nahrung, dem Müller eines schönen Tages davonlief und sich mit dem Packsattel auf dem Rücken sehr weit von ihm entfernte. Als der unglückliche Esel schon eine gehörige Wegstrecke hinter sich hatte, gelangte er, bereits ermattet und müde, an den Fuß eines sehr einladenden Berges, der weit mehr einen gehegten und gepflegten als einen wilden Eindruck machte. Als er sah, daß er so strotzend grün und schön war, beschloß er, ihn zu erklimmen und daselbst zu hausen bis an sein Lebensende. Während er diesen Vorsatz faßte, blickte er sich rundum, ob ihn nicht irgend jemand beobachte, und als er niemand sah, der ihn hätte belästigen können, erkletterte er mutig den Berg und machte sich mit großem Behagen daran, das Gras abzuweiden, wobei er beständig Gott dankte, daß er ihn aus den Händen des ungerechten, grausamen Tyrannen befreit und daß er so treffliches Futter zur Erhaltung seines armseligen Lebens gefunden habe. Als nun der biedere Esel auf dem Berge seine Heimstätte aufgeschlagen hatte und, immer mit dem Packsattel auf dem Rücken, sich an den zarten weichen Kräutern gütlich tat, siehe, da trat aus einer finsteren Höhle ein wilder Löwe hervor. Und als dieser den Esel erblickte und aufmerksam betrachtet hatte, wunderte er sich höchlich, daß dieser die Anmaßung und Kühnheit besessen, ohne sein Wissen und seine Erlaubnis den Berg zu ersteigen. Doch, da der Löwe bis dahin noch nie ein Tier dieser Art zu Gesicht bekommen hatte, fürchtete er sich sehr, vorwärts zu gehen. Als der Esel den Löwen gewahrte, fühlte er, wie sich ihm alle Haare sträubten und hörte infolge des plötzlichen Schreckens auf zu fressen und wagte nicht einmal, sich zu rühren. Der Löwe faßte sich endlich doch ein Herz, kam näher und sagte zum Esel: »Was machst du hier, Kamerad? Wer hat dir die Erlaubnis gegeben, hier heraufzusteigen? Wer bist du?« Da warf sich der Esel in die Brust, und fragte, kühn geworden, seinerseits: »Und wer bist du, der du mich fragst, wer ich sei?« Verwundert über diese Antwort, sagte der Löwe: »Ich bin der König aller Tiere.« »Und wie heißest du?« forschte der Esel weiter. »Löwe ist mein Name«, antwortete er, »aber wie heißt denn du?« Da antwortete der Esel, dem der Mut noch mehr geschwollen war: »Ich heiße Löwenklau.« Als der Löwe dies hörte, sagte er bei sich selbst: »Der muß wahrhaftig mächtiger sein als ich«, und zum Esel gewandt: »Löwenklau, dein Name und deine Rede beweisen mir deutlich, daß du mächtiger und stärker bist als ich, doch ist es mein Wunsch, daß wir es auf eine Probe ankommen lassen.« Da schwoll dem Esel der Kamm noch mehr, er kehrte dem Löwen den Hintern zu und sagte: »Siehst du diesen Packsattel und diese Balliste, die ich unterm Schwanze habe? Wenn ich sie dir vorführen würde, so würdest du vor Schreck sterben.« Und damit schlug er mit beiden Beinen hinten aus und ließ einige Fürze fahren, die den Löwen in Verblüffung versetzten. Als der Löwe den lauten Widerhall der Hufschläge und den krachenden Donner hörte, der aus der Balliste kam, ergriff ihn ein gewaltiger Schreck. Da sich aber nachgerade der Abend näherte, sagte er: »Lieber Bruder, ich will nicht, daß wir miteinander streiten oder uns gar umbringen; denn es gibt nichts Übleres als das Sterben, ich wünsche vielmehr, daß wir uns zur Ruhe begeben, uns aber morgen zusammenfinden, um unsere Tüchtigkeit um die Wette an drei Aufgaben zu versuchen, – wer sich darin dann dem anderen überlegen zeigt, der soll der Herr des Berges sein.« Und also verabredeten sie. Als sie sich am anderen Morgen getroffen hatten, sagte der Löwe, der von dem Esel eine Heldentat sehen wollte: »Löwenklau, ich bin in dich verliebt und werde nicht eher zufrieden sein, als bis ich eine bewunderungswürdige Leistung von dir gesehen habe.« Und als sie zusammen dahinwandelten, kamen sie an einen sehr breiten und tiefen Graben. Da sagte der Löwe: »Jetzt ist es Zeit, daß wir sehen, wer von uns besser über diesen Graben springt.« Kaum war der Löwe, der sehr kräftig war, am Graben angelangt, als er auch schon drüben war. Der Esel trat seinerseits an den Rand des Grabens, sprang mutig, aber fiel im Sprung mitten in den Graben und blieb auf einigen Balken, die den Graben überquerten, hängen, und die eine Hälfte von ihm hing nach der, die andere nach jener Seite herunter, so daß er in der größten Gefahr schwebte, den Hals zu brechen. Als der Löwe dies sah, rief er: »Was machst du, Kamerad?« Aber der Esel, der schon auf der Reise ins Jenseits war, gab keine Antwort. Da der Löwe befürchtete, der Esel möchte umkommen, kletterte er in den Graben hinab und half ihm. Als der Esel aller Gefahr entronnen war, wurde er wieder keck, wandte sich gegen den Löwen und machte ihm den größten Schweinehund, den man sich denken konnte. Hierüber aufs höchste verblüfft und erstaunt, fragte ihn der Löwe, warum er so heftig auf ihn schimpfe, er habe ihn doch so liebevoll vom Tode errettet. Da antwortete der Esel, der sich erzürnt stellte, hochmütig: »Ha, du Verruchter, du schlechter Kerl! Du fragst noch, warum ich dich herunterputze? So wisse, daß du mich des angenehmsten Vergnügens beraubt hast, das ich je in meinem Leben empfunden. Du dachtest, ich würde sterben, aber ich empfand die lebhafteste Freude und das größte Behagen.« »Ja, was war denn das für ein Behagen?« fragte der Löwe. »Ich hatte mich«, erwiderte der Esel, »auf jene Balken gelegt, so daß ein Teil von mir auf die und der andere auf jene Seite herunterhing und wollte auf diese Weise herausbringen, was an mir schwerer sei, der Kopf oder der Schwanz.« Da sagte der Löwe: »Ich verspreche dir auf mein Wort, dich künftighin in keiner Weise mehr zu belästigen, und ich sehe und erkenne bis jetzt deutlich, daß du der Herr des Berges sein wirst.« Damit gingen sie weiter und kamen an einen breiten und reißenden Fluß. Da sagte der Löwe: »Lieber Löwenklau, ich möchte, daß jeder von uns seine Tüchtigkeit beweise, indem er den Fluß überquert.« »Ich bin's zufrieden«, erwiderte Löwenklau, »doch wünsche ich, daß du ihn als erster überschreitest.« Der Löwe, der gut schwimmen konnte, durchquerte den Fluß mit großer Geschicklichkeit und rief dann vom anderen Ufer herüber: »Kamerad, was zögerst du? Schwimm auch herüber!« Als der Esel sah, daß er sein Versprechen nicht brechen konnte, warf er sich in das Wasser und schwamm solange, bis er die Mitte des Flusses erreichte. Dort aber wurde er von der Strömung bald mit dem Kopf, bald mit den Füßen nach unten gezogen, bald tauchte er dermaßen unter, daß man nichts oder wenig mehr von ihm gewahrte. Als der Löwe dies sah und die beleidigenden Worte von vorhin in seinem Herzen bewegte, fürchtete er sich einerseits sehr, ihm zu Hilfe zu eilen, weil er besorgte, er möchte ihn töten, sowie er ihn befreit habe, anderseits aber hatte er Angst, er werde ertrinken. Nachdem er eine Weile geschwankt hatte, beschloß er ihm zu helfen, komme, was da wolle. Er sprang also in die Flut, schwamm zu ihm heran, packte ihn beim Schwanze und zog ihn daran so lange durch das Wasser, bis er ihn auf dem Trockenen hatte. Als der Esel sich auf dem anderen Ufer und in Sicherheit vor den drohenden Wogen sah, machte er ein böses Gesicht und rief ergrimmt mit lauter Stimme: »Ha, miserabler Kerl, ha, du Schurke! Ich weiß nicht, was mich abhält, meine Balliste abzudrücken und dich etwas spüren zu lassen, was dir nicht lieb sein dürfte. Oh, wie du mir zur Last fällst und mir jedes Vergnügen raubst! Wann endlich werde ich Armer ein ungetrübtes Vergnügen genießen!« Noch eingeschüchterter als vorher sagte der Löwe: »Lieber Kamerad, ich fürchtete sehr, du würdest im Flusse ertrinken, und daher kam ich und half dir, überzeugt, dir einen Gefallen zu erweisen, nicht aber das Gegenteil.« »Jetzt hör' aber auf!« rief da der Esel, »doch laß mich bitte eines wissen! Was für einen nützlichen Zweck hast du mit deiner Durchquerung des Flusses verfolgt?« »Gar keinen«, erwiderte der Löwe. Da drehte sich der Esel um und sagte: »Paß auf, ob ich im Flusse mein Vergnügen hatte!« Und damit schüttelte er sich am ganzen Leibe und namentlich seine Ohren, die voll von Wasser waren, und zeigte ihm die kleinen Fische und die anderen Tierchen, die aus seinen Ohren herauskamen und sagte vorwurfsvoll: »Siehst du nun, wie sehr du im Irrtum warst? Wäre ich auf den Grund des Flusses gelangt, so hätte ich zu meiner größten Freude Fische gefangen, über die du geradezu aus dem Häuschen geraten wärst. Aber sieh zu, daß du mich in Zukunft nicht wieder störst, wir könnten sonst aus Freunden zu Feinden werden und etwas Schlimmeres könnte dir gar nicht passieren. Und sollte es dir selbst scheinen, ich sei tot, so will ich doch nicht, daß du dich darum kümmerst, denn das, was du für Totsein hältst, ist für mich Wonne und Leben.« Die scheidende Sonne verdoppelte bereits die Schatten, als der Löwe seinem Genossen vorschlug, sich zur Ruhe zu begeben und am anderen Morgen wieder zusammenzukommen. Als es voller Tag geworden war, trafen sich der Esel und der Löwe und beschlossen, getrennt auf die Jagd zu gehen und sich dann zu einer bestimmten Stunde wiederzusehen. Wer von ihnen die größte Anzahl Tiere gefangen haben würde, sollte der Herr des Berges sein. Der Löwe ging auf die Pirsch und erbeutete eine Menge Wild, der Esel aber, der beim Umherstreifen die Tür eines Hauses offen fand, trat ein und als er auf der Tenne einen mächtigen Haufen Hirse sah, näherte er sich ihm und fraß soviel davon, daß sein Wanst zum Platzen voll war. Nachdem der Esel an den verabredeten Ort zurückgekehrt war, legte er sich nieder, um zu ruhen und drückte, weil er sich allzu voll geschlagen hatte, häufig seine Balliste ab, die sich bald öffnete und bald wieder schloß, genau wie das Maul eines großen Fisches, der außerhalb des Flusses auf dem Trockenen liegt. Als eine Krähe, die durch die Luft flog, den Esel auf dem Boden ausgestreckt liegen und sich nicht rühren sah, so daß er tot schien und unter seinem Schwanze die schlecht verdaute Hirse hervorquellen und den Hintern ganz mit Mist besudelt sah, ließ sie sich nieder und fing an zu picken und ging allmählich so weit, daß sie den Kopf in den Hintern des Esels steckte. Als dieser sich so im After herumstochern fühlte, drückte er den Hintern zusammen, und die Krähe blieb mit dem Kopf eingeklemmt und starb. Als sich der Löwe mit großer Beute am verabredeten Orte einfand, sah er den Esel auf dem Boden liegen und sagte zu ihm: »Schau her, Kamerad, wieviel Tiere ich gefangen habe.« »Wie hast du es angestellt, sie zu fangen?« fragte der Esel. Da erzählte ihm der Löwe, wie er es gemacht. Doch der Esel unterbrach ihn und rief: »O du Narr! Du Hirnloser, dich heute morgen so anzustrengen und die Gehölze, Wälder und Berge abzujagen! Ich habe mich hier in der Nähe aufgehalten und dann auf der Erde hingelagert mit dem Hintern so viele Krähen und andere Tiere gefangen, daß ich, wie du siehst, mir die Plautze weidlich vollgeschlagen habe. Nur diese eine ist mir im Hintern zurückgeblieben, – ich habe sie für dich aufbewahrt und bitte dich, sie mir zuliebe anzunehmen.« Da wurde dem Löwen noch unheimlicher zumute als zuvor und er nahm die Krähe dem Esel zuliebe und behielt sie und kehrte, ohne weiter ein Wort zu sagen, zu seiner Jagd zurück. Als er so im Galopp und keineswegs ohne Furcht davoneilte, begegnete er dem Wolfe, der es sehr eilig hatte. »Gevatter Wolf«, rief er ihn an, »wohin so eilig und so hastig?« »Ich habe sehr wichtige Geschäfte«, erwiderte der Wolf. Der Löwe versuchte ihn trotz seiner Eile auszuforschen, aber der Wolf, der für sein Leben fürchtete, bat ihn dringend, ihn nicht aufzuhalten. Als der Löwe die große Gefahr erkannte, die dem Wolfe drohte, drang er in ihn, seinen Weg nicht fortzusetzen; denn ganz in der Nähe halte sich Löwenklau, ein über die Maßen wildes Tier auf, das unterm Schwanz eine Balliste trage, die Blitz und Donner speie. »Wehe dem, der in ihre Bahn gerät!« rief er. »Und überdies trägt er etwas Merkwürdiges auf dem Rücken, das ihn zum größten Teil bedeckt, es ist aus Fell, mit aschgrauen Haaren bedeckt und erfüllt jeden mit Schrecken, der sich ihm nähert.« Der Wolf aber, der an den angegebenen Kennzeichen klar erkannte, was für ein Tier das war, von dem der Löwe sprach, sagte: »Habt keine Furcht, Gevatter, dies Geschöpf nennt sich Esel und ist das feigste Tier, das die Natur hervorgebracht hat, es dient zu nichts anderem als zum Tragen von Lasten und zum Geprügeltwerden. Ich allein habe während meines Lebens mehr als hundert von der Sorte gefressen. Laßt uns also ruhig hingehen, Gevatter, dann werdet Ihr gleich den Beweis haben.« .»Nein, Gevatter«, wehrte der Löwe ab, »ich will nicht mitgehen, – wenn Ihr hingehen wollt, so geht in Frieden!« Doch der Wolf versicherte aufs neue, der Löwe solle keine Furcht haben. Als der Löwe sah, daß der Wolf fest bei seiner Meinung beharrte, sagte er: »Nun, da Ihr durchaus wollt, daß ich mitkomme und Ihr mich beruhigt, so sei's denn, aber ich will, daß wir die Schwänze fest zusammenbinden, damit wir, wenn wir ihn sehen, nicht ausreißen oder einer von uns in seine Gewalt gerate.« Sie verknoteten also ihre Schwänze fest und sicher und rückten vor. Der Esel, der sich erhoben hatte und Gras abweidete, sah von ferne den Löwen und den Wolf und wollte, aufs höchste bestürzt, fliehen. Der Löwe aber, der Löwenklau dem Wolfe zeigte, sagte: »Da sieh, Gevatter, er kommt auf uns zu, wir wollen ihn nicht erwarten, sonst geht es uns sicher ans Leben!« Der Wolf, der den Esel nunmehr auch erblickt und erkannt hatte, rief jedoch: »Bleiben wir, bleiben wir, Gevatter! Ich versichere Euch, es ist der Esel.« Der Löwe aber, der noch furchtsamer war als zuvor, fing an zu fliehen, setzte über Dornbüsche und Dickichte und verlor dabei durch einen scharfen Dorn, der ihm hineinschlug, das linke Auge. Da glaubte er, der Dorn sei eines von jenen Geschossen gewesen, die Löwenklau unter seinem Schwanze trug und rief im Weiterrennen dem Wolfe zu: »Hab' ich dir nicht gesagt, Gevatter, daß wir uns aus dem Staube machen sollten? Jetzt hat er mir mit seiner Bailiste ein Auge ausgeschossen!« Und damit beschleunigte er seine Flucht noch mehr, riß den Wolf mit sich fort und schleifte ihn durch starrende Dornbüsche, über vermorschtes Gefels, durch dichte Gehölze und andere enge und rauhe Örtlichkeiten, was zur Folge hatte, daß der Wolf gänzlich zerschunden und zerschlagen wurde und verendete. Als der Löwe eine sichere Zuflucht gefunden zu haben glaubte, sagte er zum Wolfe: »Gevatter, jetzt ist es an der Zeit, daß wir die Schwänze lösen«, – aber der gab keine Antwort. Und als er sich nach ihm umdrehte, sah er, daß er tot war. Da rief er, von Entsetzen gepackt: »Sagte ich's Euch nicht, daß er Euch besiegen würde?« Da seht, was Ihr gewonnen habt! Ihr habt das Leben eingebüßt und ich das linke Auge! Aber es ist besser einen Teil als das Ganze verloren zu haben.« Und er befreite seinen Schwanz, ließ den toten Wolf liegen und schlug seine Wohnung in den Höhlen auf, während der Esel Herr und Besitzer des Berges blieb und dort lange Zeit herrlich und in Freuden lebte. Daher kommt es, daß die Esel die gepflegten und urbaren, die Löwen dagegen die unwohnlichen und waldigen Gegenden bewohnen; denn das feige und unedle Tier trug durch seine Listen und seinen Betrug den Sieg über den wilden Löwen davon.

 << Kapitel 27  Kapitel 29 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.