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Ergötzliche Nächte

Giovanni Francesco Straparola: Ergötzliche Nächte - Kapitel 27
Quellenangabe
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typenarrative
authorStraparola
titleErgötzliche Nächte
publisherVerlag Kurt Desch
printrun1. bis 10. Tausend
year1947
translatorHanns Floerke
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20090109
projectidc19533f9
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26

Finetta stiehlt Madonna Veronica, der Frau Messer Brocardos di Cavalli von Verona, eine Halskette, Perlen und andere Juwelen. Diese erlangt jedoch alles mit Hilfe eines Liebhabers wieder, ohne daß ihr Gatte etwas davon erfährt.

Vor Zeiten lebte in der altherrlichen Stadt Verona ein Messer Brocardo di Cavalli, ein gar reicher und in der Stadt hochangesehener Mann. Da er noch unverheiratet war, nahm er sich eine Tochter des Messer Can dalla Scala, Veronica mit Namen, zur Frau. Obwohl diese schön, anmutig und von edler Herkunft war, erfreute sie sich doch nicht der Liebe ihres Gatten, dieser hielt sich vielmehr, wie dies häufig geschieht, eine Konkubine, welche die Wurzel seines Herzens war und kümmerte sich nicht um seine Gattin. Dies verursachte ihr großen Schmerz und sie konnte es nicht ertragen, daß ihre einzigartige, von allen bewunderte Schönheit von ihrem Manne auf eine so beleidigende Weise verachtet wurde. Als sich die schöne Frau zur Sommerszeit auf dem Lande befand, ging sie einmal ganz allein vor der Tür ihres Hauses auf und ab und dachte bei sich selbst über alle Einzelheiten des Verhaltens und der Taten ihres Gatten nach, über die geringe Liebe, die er ihr entgegenbrachte und wie eine gemeine und unsaubere Dirne ihm so schnell die Augen des Verstandes blenden konnte, so daß er nichts mehr sah. Da sprach sie schmerzerfüllt zu sich selbst: »O wieviel besser wäre es doch gewesen, wenn mein Vater mich mit einem armen Manne verheiratet hätte, statt mit diesem Reichen, ich würde dann gewiß heiterer und zufriedener leben, als ich es tue? Was helfen mir die Reichtümer? Was nützen mir die prunkvollen Gewänder, die Edelsteine, Halsketten, Anhänger und die anderen kostbaren Kleinodien? Wahrlich, alle diese Dinge sind Rauch im Vergleich zu der Wonne, welche die Gattin mit dem Gatten genießt!« Während Signora Veronica mit diesen leidvollen Gedanken beschäftigt war, erschien unversehens ein armes Bettelweiblein, das sich damit beschäftigte, hier und dort etwas zu stehlen und so schlau und durchtrieben war, daß es nicht nur ein harmloses Dämchen, sondern sogar jeden hervorragenden noch so klugen Mann verblüfft hätte. Als diese Bettlerin, die Finetta hieß, die vornehme Dame vor ihrem Hause auf und ab gehen und in tiefe Gedanken versunken gesehen hatte, war ihr Plan auch schon gemacht. Sie näherte sich ihr, grüßte sie ehrerbietig und bat sie um ein Almosen. Die Dame, die anderes im Kopfe hatte als Almosengeben, wies sie mit ärgerlicher Miene ab. Aber die schlaue und abgefeimte Finetta wich nicht, schaute vielmehr der Dame ins Antlitz, und als sie Trauer darauf las, sagte sie: »O holde Dame, was ist Euch begegnet, daß ich Euch so gedankenvoll sehe? Sollte Euch, etwa gar Euer Gatte das Leben schwer machen? Wollt Ihr, daß ich Euch Eure Zukunft voraussage?« Als die Dame diese Worte hörte und sah, daß das arme Weiblein die Wunde herausgefunden hatte, die sie so heftig schmerzte, brach sie in ein so krampfhaftes Weinen aus, daß man hätte meinen können, ihr Gatte läge tot vor ihren Augen. Als Finetta die heißen Tränen sah und die tiefen Seufzer, das qualvolle Schluchzen und das herzbrechende Jammern hörte, fragte sie: »Und was ist die Ursache Eures bittern Leids, edle Dame?« Da antwortete Signora Veronica: »Als du fragtest, ob mein Gatte mir das Leben schwer mache, da hast du mir das Herz mit dem Messer geöffnet.« Worauf Finetta: »Edle Frau, ich brauche einem Menschen nur einen Augenblick ins Gesicht zu sehen, da kann ich ihm auch schon sein ganzes Leben Punkt für Punkt erzählen. Eure Wunde ist noch frisch und daher leicht zu heilen, wäre sie dagegen alt und brandig, so wäre es schwer sie zu kurieren.« Als die Dame dies hörte, erzählte sie von den Gepflogenheiten ihres Mannes, von dem liederlichen Leben, das er führte, von dem Kummer, den er ihr bereite und überging nicht die kleinste Einzelheit. Nachdem Finetta den mitleiderweckenden Bericht vernommen hatte und sah, daß alles nach Wunsch ging, tat sie einen Schritt weiter und sagte: »Meine liebe, gnädige Frau, klagt nicht, seid getrost und guter Dinge, wir werden schon Hilfe finden! Wenn Ihr damit einverstanden seid, werde ich bewirken, daß Euch Euer Gatte aufs innigste liebt und wie ein Narr hinter Euch her ist.« Indem sie so miteinander sprachen, traten sie in das Gemach, wo Veronica mit ihrem Manne schlief, und nachdem sie sich beide niedergesetzt hatten, fuhr Finetta fort: »Gnädige Frau, wenn es Euch recht ist, daß wir eine für unseren Zweck erforderliche Verrichtung vornehmen, so schickt alle Mägde aus dem Zimmer und ordnet an, daß sie sich mit den häuslichen Arbeiten beschäftigen, wir bleiben unterdessen hier und nehmen das vor, was nötig ist.« Als dann die Tür des Gemachs verschlossen war, sagte Finetta: »Bringt mir eine Eurer goldenen Halsketten und zwar die schönste und eine Schnur Perlen.« Signora Veronica öffnete eine Kassette, entnahm ihr die Halskette samt einem schönen Anhänger und eine Schnur orientalischer Perlen und übergab die Schmuckstücke Finetta. Hierauf verlangte diese ein Tuch aus weißem Linnen, das ihr sofort gereicht wurde, nahm die Kleinodien einzeln in die Hand, machte einige Zeichen darüber und legte sie dann nacheinander auf das weiße Tuch, worauf sie es dann in Gegenwart der Dame fest zusammenknüpfte, einigen Hokuspokus damit trieb, es endlich Madonna Veronica reichte und zu ihr sagte: »Nehmt dieses Tuch, Madonna und legt es eigenhändig unter das Kopfkissen, auf dem Euer Gemahl schläft, dann werdet Ihr Euer blaues Wunder erleben, aber öffnet das Tuch nicht vor morgen; denn sonst würde sich alles in Rauch auflösen.« Frau Veronica nahm das Tuch mit den Schmuckstücken darin, legte es unter das Kopfkissen, auf dem Messer Brocardo, ihr Gatte, schlief und als dies geschehen war, sagte Finetta: »Jetzt laßt uns in den Weinkeller gehen.« Als sie unten waren, eräugte Finetta sofort das angestochene Faß und sagte: »Zieht alle Kleider aus, die Ihr anhabt, Madonna!« Frau Veronica entkleidete sich und stand nun mutternackt da. Da zog Finetta den Hahn aus dem Fasse, das voll guten Weines war und sagte: »Madonna, steckt Euern Finger hier ins Loch und haltet es, wohl verschlossen, damit kein Wein verloren geht und rührt Euch nicht von der Stelle, bis ich wieder da bin; denn ich werde jetzt hinausgehen und einige Zeichen machen, und dann wird alles in Ordnung kommen.« Madonna Veronica, die ihr vollen Glauben schenkte, verharrte, nackt, wie sie war, bewegungslos und hielt das Spundloch mit dem Finger zu. Währenddessen eilte die reizende Finetta in die Schlafkammer, wo sich das zusammengeknüpfte Tuch mit den Schmuckstücken befand, öffnete es, nahm die Halskette und die Perlen heraus, füllte dann das Tuch mit Erde und kleinen Steinen, legte es wieder an seinen Ort und machte sich davon. Die nackte Frau mit dem Finger im Spundloch wartete und wartete auf Finettas Wiederkehr. Als sie schließlich sah, daß sie nicht wiederkam und es bereits spät war, fürchtete sie, ihr Gatte möge zurückkehren, und wenn er sie nackt und in dieser Stellung fände, sie für verrückt halten. Sie nahm daher den Hahn, der in der Nähe lag, schloß das Spundloch, zog sich an und ging ins Haus hinauf. Es dauerte nicht lange, da kehrte Messer Brocardo, der Gatte Madonna Veronicas heim, grüßte sie mit freundlichem Gesicht und sagte: »Sei mir gegrüßt, mein liebes Weibchen, Erquickung und Wonne meines Herzens!« Als sie den ungewohnten Gruß, der ganz gegen seine Art war, hörte, war sie aufs höchste erstaunt und dankte insgeheim Gott, daß er ihr ein solches Weiblein gesandt habe, durch dessen Hilfe ihr Heilung von ihrem schweren Herzeleid geworden sei. Und diesen ganzen Tag und die folgende Nacht verbrachten sie in engen Umarmungen und würzigen Küssen, gerade als hätten sie sich eben erst verheiratet. Glücklich und selig über die Liebkosungen, mit denen ihr Gatte sie überschüttete, erzählte ihm Madonna Veronica von dem Leid, Kummer und Verdruß, den sie aus Liebe zu ihm durchgemacht hatte. Und er versprach ihr, sie als sein geliebtes Weib in Ehren zu halten und versicherte, was bisher geschehen, würde nicht wieder vorkommen. Als der andere Morgen gekommen und ihr Gatte aufgestanden und, wie es große Herren tun, auf die Jagd gegangen war, trat Madonna Veronica an das Bett, hob das Kopfkissen auf, zog das Tuch hervor, in das die Schmuckstücke eingewickelt worden waren und knüpfte es auf. Aber statt der Halskette und der Perlen, die sie zu finden glaubte, fand sie es voller Steine. Als die Arme dies sah, war ihre Bestürzung nicht gering und sie wußte nicht, wie sie sich helfen sollte; denn sie fürchtete, ihr Gatte möchte sie töten, wenn er dahinterkäme. Als die schöne Dame in ihrer Angst viele Pläne in ihrem Herzen bewegte, um ihrer kostbaren Schmuckstücke wieder habhaft zu werden, kam sie schließlich auf den Gedanken, denjenigen, der ihr so lange Zeit den Hof gemacht hatte, auf ehrbare Weise zum besten zu halten. Es wohnte nämlich in Verona ein Ritter, schön von Gestalt, hochgemuten Geistes, berühmt durch seine Tapferkeit und aus edler Familie. Dieser, der wie jeder andere den Gluten der Liebe unterworfen war, hatte sich so heftig in Madonna Veronica verliebt, daß er keine Ruhe zu finden vermochte. Ihr zuliebe turnierte und focht er häufig, gab Feste und Gastmähler und tauchte die ganze Stadt in Fröhlichkeit. Sie aber hatte ihre Liebe ganz ihrem Manne geweiht und kümmerte sich wenig um ihn und seine Feste. Dies verursachte dem Ritter ein Herzeleid und einen Kummer, wie ihn noch nie ein Liebender empfunden. Nachdem ihr Gatte also das Haus verlassen hatte, eilte Madonna Veronica ans Fenster, und zufällig kam gerade jener Ritter vorbei, der aufs glühendste in sie verliebt war. Sie rief ihn vorsichtig zu sich herein und sagte zu ihm: »Ritter, ich brauche Euch nicht an die glühende, hingebende Liebe zu erinnern, die Ihr mir schon seit langer Zeit entgegenbringt. Obgleich ich Euch vielleicht in allen meinen Handlungen hart und grausam erschienen bin, so kam das doch nicht daher, daß ich Euch nicht liebe und Euch nicht im Innern meines Herzens eingegraben trage, sondern weil ich meine Ehre wahren wollte, die ich stets allem anderen vorangestellt habe. Und daher dürft Ihr Euch nicht wundern, wenn ich Euer heißes Begehren nicht rasch erfüllt habe, denn die Ehre, welche die keusche Frau dem zügellosen Gatten macht, hat Anspruch darauf, sehr hochgeschätzt zu werden. Und obwohl Euer schlecht begründetes Urteil mich für hart, lieblos und spröde gegen Euch erklärt hat, werde ich mich davon doch nicht abhalten lassen, mit Vertrauen und Zuversicht zu Euch meine Zuflucht zu nehmen, in dem ich die Quelle alles meines Heils erblicke. Und wenn Ihr mir als liebevoller Ritter in meiner großen Bedrängnis zu Hilfe eilt und mir schleunigst beisteht, werdet Ihr mich für immer an Euch ketten und über mich wie über Euch selbst verfügen können.« Hierauf erzählte sie ihm alle Einzelheiten des Unglücks. Als der Ritter die Worte der geliebten Frau vernommen hatte, dankte er ihr zuerst, daß sie ihn ihrer Befehle gewürdigt habe, dann bedauerte er mit ihr die ihr widerfahrene Unannehmlichkeit und versprach ihr zu helfen. Nachdem der Ritter sie ungesehen verlassen hatte, stieg er zu Pferde und verfolgte mit vier treuen Genossen das Bettelweib, das sich mit den Kleinodien auf der Flucht befand. Und bevor noch der Abend hereinbrach, holte er sie bei einem über die Ufer getretenen Flusse ein, den sie eben überschreiten wollte, und als er sie an ihren Kennzeichen erkannt hatte, packte er sie bei den Haaren und zwang sie, alles zu gestehen. Vergnügt über die wiedergewonnenen Schmuckstücke, kehrte der Ritter nach Verona zurück und übergab sie, sowie er eine günstige Gelegenheit ersah, seiner Dame. Und so sah sie sich, ohne daß ihr Gatte etwas von dem Vorgefallenen gemerkt hatte, wieder im Besitz ihrer Kostbarkeiten und hatte dazu ihre Ehre gewahrt.

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