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Ergötzliche Nächte

Giovanni Francesco Straparola: Ergötzliche Nächte - Kapitel 22
Quellenangabe
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typenarrative
authorStraparola
titleErgötzliche Nächte
publisherVerlag Kurt Desch
printrun1. bis 10. Tausend
year1947
translatorHanns Floerke
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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21

Galafro, König von Spanien, läßt, durch die Worte eines Chironmanten veranlaßt, seine Frau würde ihm Hörner aufsetzen, einen Turm aufführen und sperrt sie hinein, worauf sie von Galeotto, dem Sohne König Diegos von Kastilien, angeführt wird.

Galafro, ein sehr mächtiger König von Spanien, war in den Tagen seiner Kraft ein kriegerischer Herr und eroberte durch seine Tapferkeit viele Provinzen. Als er zu hohen Jahren gelangt war, nahm er ein junges Fräulein, Feliciana mit Namen, zum Weibe, eine wirklich schöne, feingebildete Frau von der Frische einer Rose, die infolge ihres edlen und klugen Betragens vom König, der nur daran dachte, ihr Freude zu machen, aufs innigste geliebt wurde. Als sich nun der König eines Tages mit einem Chiromanten unterhielt, der nach allgemeinem Urteil in seiner Kunst überaus erfahren war, forderte er ihn auf, seine Hand zu betrachten und ihm daraus wahrzusagen. Als der Chiromant den Willen des Königs vernommen hatte, ergriff er dessen Hand und studierte sorgfältig jede ihrer Linien, und als er alles gesehen hatte, verstummte er und wurde bleich. Als der König dies bemerkte, war es ihm klar, daß er etwas herausgelesen hatte, was ihm nicht gefiel. Er ermutigte ihn daher und sagte: »Laßt mich vernehmen, Meister, was Ihr gesehen habt und fürchtet Euch nicht; denn wir werden alles, was Ihr uns zu sagen habt, freudig aufnehmen!« Als der Chiromant vom König die Versicherung erhalten hatte, er könne freimütig reden, sagte er: »Geheiligte Majestät, es ist mir sehr unangenehm, daß ich hierhergekommen sein muß, um Euch etwas zu berichten, was Euch Schmerz und Verdruß bereiten wird. Da Ihr mich jedoch darüber beruhigt habt, werde ich nichts verheimlichen. So wisset denn, o König, daß die Gattin, die Ihr so sehr und so ehrlich liebt, Euch zwei Hörner aufsetzen wird, und darum tut es not, daß Ihr mit größter Sorgfalt über sie wachet.« Als der König dies vernommen, war er mehr tot als lebendig, verabschiedete den Chiromanten und befahl ihm, die Sache geheimzuhalten. Während nun der König von diesem quälenden Gedanken bedrückt wurde und Tag und Nacht die Worte des Chiromanten bei sich erwog und sich überlegte, wie er dieser schimpflichen Beleidigung entgehen könnte, kam ihm in den Sinn, seine Frau in einen festen Turm zu setzen und sie sorgfältig überwachen zu lassen. Und also tat er. Überallhin hatte sich schon die Kunde verbreitet, daß König Galafro eine Felsenburg hatte aufführen lassen und seine Frau unter großer Bewachung dort eingeschlossen hielt, aber man wußte nicht warum. Diese Nachricht gelangte auch zu Ohren Galeottos, des Sohnes König Diegos von Kastilien. Dieser erwog die engelhafte Schönheit der Königin und das Alter ihres Gemahls und das Leben, das ihr dieser bereitete, indem er sie in einem festen Turm eingeschlossen hielt, und beschloß daher zu versuchen, ob er ihm nicht einen Streich spielen könne. Er machte sich also einen Plan und dieser gelang ihm nach Wunsch. Er nahm eine große Menge Geldes und viele kostbare Waren mit sich, begab sich heimlich und unerkannt nach Spanien und mietete sich im Hause einer armen Witwe zwei Zimmer. Eines schönen Morgens stieg König Galafro in aller Frühe zu Pferde und ritt mit seinem ganzen Hofe auf die Jagd, mit dem Vorsatz, mehrere Tage auswärts zu bleiben. Als Galeotto dies erfahren hatte, traf er seine Vorbereitungen, verkleidete sich als Kaufmann, nahm viele wunderschöne Gegenstände aus Gold und Silber, die ein ganzes Fürstentum wert waren, verließ das Haus und durchstreifte die Stadt nach verschiedenen Richtungen, wobei er seine Waren zur Schau stellte. Als er zuletzt auf den Platz vor dem Turm gelangt war, rief er mehrmals mit lauter Stimme: »Heran! Heran! wer von meinen Waren kaufen will.« Als die Hofdamen der Königin den Händler so laut rufen hörten, eilten sie an ein Fenster und sahen wunderschöne Gewänder, die mit Gold und Silber gestickt waren, daß man bei ihrem Anblick in Entzücken geraten mußte. Sofort eilten die jungen Damen zur Königin und sagten zu ihr: »Herrin, unten geht ein Händler, der die schönsten und reichsten Gewänder feilbietet, die Ihr je gesehen, es sind keine bürgerlichen Kleider, sondern solche für Könige, Fürsten und große Herren und einige befinden sich darunter, die wie geschaffen sind für Euch, da sie über und über mit kostbaren Edelsteinen besetzt sind.« Voller Begierde, so schöne Waren zu sehen, bat die Königin die Wächter, den Händler zu ihr kommen zu lassen, doch diese fürchteten, es möchte ruchbar werden und ihnen dann übel bekommen und so wollten sie es nicht zugeben, denn der Befehl des Königs war streng und ihr Leben stand auf dem Spiel. Schließlich aber wurden sie durch die dringenden Bitten der Königin und die reichen Versprechungen des Kaufmanns erweicht und ließen ihn ein. Nachdem dieser zuerst die schuldige und geziemende Verbeugung gemacht hatte, grüßte er die hohe Frau und zeigte ihr darauf seine köstlichen Waren. Als die Königin, die fröhlich und keck war, sah, daß er ein schöner, angenehmer und gütiger Mann war, begann sie ihn verführerisch anzublinzeln, um ihn verliebt zu machen. Der Händler, der nicht schlief, säumte nicht in seinen Mienen zu zeigen, daß er Feuer gefangen. Nachdem die Königin viele seiner Waren betrachtet hatte, sagte sie: »Meister, Eure Sachen sind wunderschön und über jeden Einwand erhaben, aber von allen gefällt mir vornehmlich dieses eine Gewand. Ich möchte gerne wissen, wieviel Ihr dafür verlangt.« »Herrin«, antwortete der Händler, »mit Gold ist es nicht aufzuwiegen, aber wenn es Euch angenehm wäre, würde ich es Euch eher schenken als verkaufen, vorausgesetzt, daß ich sicher wäre, damit Eure Gunst zu erlangen, die ich höher schätze als irgendein anderes Gut.« Als die Königin seine glänzende und großartige Freigebigkeit sah und seine Hochherzigkeit bedachte, war sie überzeugt, daß er kein gewöhnlicher Mensch sei, sondern daß sich etwas ganz Besonderes hinter ihm verstecke und sagte daher zu ihm gewandt: »Meister, Ihr handelt nicht wie der erste beste Händler, der meist nur auf möglichst großen Gewinn ausgeht, sondern beweist die Großherzigkeit, die in Eurem gutgesinnten Herzen wohnt, durch die Tat, und so stelle ich mich, obwohl ich unwürdig, Euern Wünschen und Befehlen zur Verfügung.« Als der Händler sah, daß die Königin zu allem bereit war und alles nach Wunsch ging, sagte er: »Herrin, wahre und feste Säule meines Lebens, Eure engelhafte Schönheit, verbunden mit Euerm liebenswürdigen und gütigen Entgegenkommen, hat mich so stark gefesselt, daß ich nicht hoffen darf, je wieder freizukommen. Ich glühe für Euch und finde kein Wasser, das die feurige Lohe löschen könnte, die mich verzehrt. Ich komme aus fernen Landen und einzig, um die seltene außerordentliche Schönheit mit Augen zu schauen, die Euch über alle anderen Frauen erhebt. Wenn Ihr mich in Eurer Güte und Gefälligkeit Eurer Gunst teilhaftig werden lassen würdet, hättet Ihr einen Diener, über den Ihr verfügen könntet wie über Euch selbst.« Als die Königin diese Worte vernommen hatte, verharrte sie eine Weile in Nachdenken und verwunderte sich nicht wenig, daß der Händler so kühn war. Da sie jedoch sah, daß er schön und anmutig war und das Unrecht bedachte, das ihr Gemahl ihr zufügte, indem er sie in dem Turme eingesperrt hielt, beschloß sie, sich ihm ganz hinzugeben. Bevor sie ihn aber befriedigte, sagte sie zu ihm: »Meister, ein großes Ding ist es um die Macht der Liebe, die mich dahingebracht hat, daß ich mehr Euch als mir selber angehöre. Nachdem das Schicksal es jedoch so will, daß ich die Macht anderer über mich anerkennen muß, habe ich nichts dagegen einzuwenden, daß dem Beschluß die Ausführung folge, doch unter der Bedingung, daß ich in den Besitz des gewonnenen Gewandes gelange.« Als der Kaufmann die Gier der Königin sah, nahm er das köstliche Stück und machte es ihr zum Geschenk. Verliebt in das teure kostbare Gewand, bewies die Königin, daß sie kein Herz aus Stein oder Diamant hatte, nahm den Jüngling bei der Hand und führte ihn in ein Kämmerlein, wo sie sich umarmten und küßten. Dann legte sie der Jüngling aufs Bett, lagerte sich neben sie, hob ihr das Hemd hoch, das weißer war als Schnee, nahm das Pflanzholz in die Hand, das bereits aufrecht stand und bohrte es alsbald in die Furche, worauf er die letzten Früchte der Liebe pflückte. Nachdem der Händler seine Begierde gestillt hatte, verließ er das Kämmerchen und forderte von der Königin das Gewand zurück. Als die Königin dies Verlangen hörte, stand sie wie angedonnert und sagte von Schmerz und Scham überwältigt: »Es ziemt sich nicht für einen vornehmen und freigebigen Mann, etwas zurückzufordern, was man in verbindlicher Form verschenkt hat. So etwas tun die Kinder, die infolge ihres zarten Alters des Verstandes und der Überlegung ermangeln, aber Euch, der Ihr doch ein gescheiter und verständiger Mann seid und keines Wärters bedürft, werde ich das Gewand nicht wieder zurückgeben.« Der Jüngling, der an ihrer Aufregung seinen Spaß hatte, erwiderte hierauf: »Herrin, wenn Ihr es mir nicht gebt und mich damit meiner Wege gehen laßt, werde ich nicht eher von hier weichen, als bis der König kommt, der es mir als gerechter und redlicher Mann entweder bezahlen oder zurückerstatten lassen wird, wie es sich gehört.« Die von dem schlauen Händler betrogene Königin fürchtete, der König möchte darüber hinzukommen und gab ihm daher sehr gegen ihren Willen das Gewand zurück. Als sich der Händler verabschiedet hatte und das Kastell verlassen wollte, umringten ihn die Wächter und verlangten das Trinkgeld, das er ihnen versprochen hatte. Der Händler leugnete nicht, es ihnen versprochen zu haben, doch sei dies, erklärte er, nur unter der Bedingung geschehen, daß er seine Waren verkaufe, oder wenigstens einen Teil derselben. Da er sie weder im ganzen noch teilweise verkauft habe, halte er sich nicht für verpflichtet, ihnen irgend etwas zu geben; denn mit denselben Waren, mit denen er in den Turm gekommen sei, gehe er wieder heraus. Außer sich vor Zorn und Ärger, wollten ihn die Wächter unter keinen Umständen hinauslassen, bevor er nicht das Trinkgeld gegeben. Der Händler aber, der noch schurkischer war als sie, sagte: »Brüder, da Ihr mir den Austritt verwehrt und mich hier aufhaltet, werde ich solange dableiben, bis Euer König kommt, und er, als großherziger und gerechter Herr, wird unsern Streit entscheiden.« Die Wächter, welche fürchteten, der König möchte zurückkommen und den Jüngling vorfinden und sie darauf wegen Ungehorsams töten lassen, öffneten, das Tor und ließen ihn gehen, wohin er mochte. Nachdem der Händler den Turm verlassen und die Königin reicher an Schimpf als an Gewändern zurückgelassen hatte, begann er mit lauter Stimme zu rufen: »Ich weiß es, doch ich will's nicht sagen! Ich weiß es, doch ich will's nicht sagen!« In diesem Augenblick kehrte König Galafro von der Jagd zurück und als er aus der Ferne den Ruf des Händlers hörte, lachte er sehr darüber. Als er dann in den Turm und in das Gemach der Königin kam, sagte er an Stelle eines Grußes im Scherz: »Gnädige Frau, ich weiß es, doch ich will's nicht sagen«, und dies wiederholte er mehrmals. Als die Königin diese Worte hörte, glaubte sie, er spreche sie im Ernst und nicht zum Scherz und meinte, ihr letztes Stündlein habe geschlagen. Sie warf sich daher am ganzen Leibe zitternd auf den Boden und rief: »O König, wisse, daß ich dich betrogen habe, o verzeih mir mein schweres Vergehen! Es gibt keinen Tod, den ich nicht verdient hätte, aber überzeugt von deiner Milde, hoffe ich deiner Gnade und Vergebung teilhaftig zu werden!« Der König, der keine Ahnung von dem Vorgefallenen hatte, wunderte sich über die Maßen und befahl ihr, sich zu erheben und ihm alles zu erzählen. Verwirrt und mit zitternder Stimme sowie unter reichlichen Tränen erzählte ihm die Königin alles von Anfang bis zu Ende. Als der König dies vernommen hatte, sagte er: »Gnädige Frau, seid getrost und beruhigt Euch; denn was der Himmel will, das muß geschehen.« Und alsbald ließ er den Turm schleifen, gab seiner Frau die Freiheit wieder und lebte mit ihr heiter und guter Dinge. Der im Waffengang siegreiche Galeotto aber kehrte mit seinen Waren nach Hause zurück.

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