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Ergötzliche Nächte

Giovanni Francesco Straparola: Ergötzliche Nächte - Kapitel 21
Quellenangabe
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typenarrative
authorStraparola
titleErgötzliche Nächte
publisherVerlag Kurt Desch
printrun1. bis 10. Tausend
year1947
translatorHanns Floerke
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20090109
projectidc19533f9
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20

Anastasio Minuto liebt eine adelige Dame, die ihn jedoch nicht wieder liebt. Er heschimpft sie und sie erzählt es ihrem Manne, der ihm aus Mitleid mit seinem Alter das Leben schenkt.

Hier in unserer Stadt Venedig, die reicher als alle anderen an schönen Frauen ist, lebte einmal eine adelige Dame von großer Anmut und vollkommener Schönheit, deren berückende Augen wie der Morgenstern leuchteten. Diese neigte infolge ihres üppigen Lebens zur Wollüstigkeit und da ihr Mann sich im Bett vielleicht nicht genügend mit ihr beschäftigte, wählte sie zu ihrem Liebhaber einen wackeren, gesitteten Jüngling aus guter Familie, machte ihn zum Besitzer ihrer Reize und liebte ihn mehr als den eigenen Gatten. Nun begab es sich, daß ein schon recht bejahrter Freund ihres Mannes, namens Anastasio, sich so heftig in sie verliebte, daß er Tag und Nacht keine Ruhe fand. Und so groß war die Leidenschaft und die Liebespein, die er empfand, daß er in wenigen Tagen so abgezehrt und mager wurde, daß er fast nur Haut und Knochen war. Er hatte Triefaugen, eine runzelige Stirn und eine Quetschnase, die nach Art eines Destillierkolbens beständig tropfte, und wenn er ausatmete, gab er einen gewissen Gestank von sich, der jeden, der ihm nahe kam, beinahe krank machte, dabei hatte er nur noch zwei Zähne im Munde, die ihm eher hinderlich als nützlich waren. Ferner war er gliederlahm und hatte, selbst wenn die Sonne im Löwen stand und große Hitze herrschte, niemals warm. Als nun die Liebe den armen Tropf gepackt und erhitzt hatte, bestürmte er die Dame mit allerlei Geschenken, doch obwohl sie sehr wertvoll waren, wies diese sie sämtlich zurück, da sie ihrer nicht bedurfte, hatte sie doch einen reichen Gatten, der es ihr an nichts fehlen ließ. Mehrmals begrüßte sie der Alte auf der Straße, wenn sie zum Gottesdienst ging oder davon kam und bat sie, ihn doch als ihren ergebenen Diener anzunehmen und nicht so grausam zu sein, seinen Tod zu wünschen. Aber klug und vorsichtig wie sie war, schlug sie die Augen nieder und kehrte, ohne ihm eine Antwort zu geben, nach Hause zurück. Da traf es sich, daß Anastasio dahinterkam, daß der Jüngling, von dem wir oben sprachen, im Hause der Schönen aus- und einging, und er spionierte so behutsam, daß er ihn eines Abends, als der Ehemann außerhalb der Stadt weilte, ins Haus treten sah. Dies gab ihm einen bösen Stich ins Herz. In seiner Liebestollheit raffte er, ohne auf seine Ehre oder die der Dame Rücksicht zu nehmen, eine Menge Geld und Juwelen zusammen, eilte zum Hause der Geliebten und pochte ans Tor. Auf das Klopfen erschien die Magd auf dem Balkon und fragte, wer poche, »öffne«, antwortete der Alte, »ich bin's, Anastasio, ich will mit der Herrin über eine äußerst wichtige Sache sprechen.« Die Magd erkannte ihn, lief sofort zu ihrer Herrin, die sich mit ihrem Liebhaber im Schlafgemach befand und sich ergötzte, rief sie beiseite und sagte zu ihr: »Madonna, Messer Anastasio klopft unten.« Da antwortete sie: »Geh und sag ihm, er solle seiner Wege gehn, ich mache zur Nachtzeit, wenn mein Gatte nicht daheim ist, niemand auf.« Und so richtete die Magd dem Alten aus, was ihre Herrin gesagt hatte. Als dieser sich zurückgewiesen sah, begann er gewaltig zu pochen und wollte durchaus ins Haus. Da trat die Dame, die bereits ärgerlich und zornig war, wegen der Störung sowohl, wie wegen des Jünglings, den sie bei sich hatte, ans Fenster und rief: »Ich muß mich sehr über Euch wundern, Messer Anastasio, daß Ihr ohne Rücksicht zu so später Stunde kommt und an die Häuser andrer Leute donnert, begebt Euch zur Ruhe, armer Alter und belästigt die nicht, die Euch nicht behelligen. Wenn mein Mann in der Stadt und zu Hause wäre, was aber nicht der Fall ist, würde ich Euch gerne öffnen, so aber ist dies nicht meine Absicht.« Der Alte beharrte trotzdem darauf, sie sprechen zu wollen und zwar in einer sehr wichtigen Angelegenheit und setzte sein Pochen fort. Als die Dame die Vermessenheit des Flegels sah, befürchtete sie, daß er in seiner Torheit etwas sage, was gegen ihre Ehre ginge und beriet sich daher mit ihrem Liebhaber. Dieser empfahl ihr zu öffnen und zu hören, was er wolle, sie möge sich nur nicht fürchten. Und so ließ sie, während der Alte fortwährend gegen die Tür wütete, eine Kerze anzünden und schickte die Magd hinunter, damit sie ihm öffne. Als der Alte in den Saal trat, verließ die Dame ihr Gemach und kam ihm von Aussehen wie eine morgenfrische Rose entgegen und fragte ihn, was er um diese Stunde wolle. Da sagte der Alte mit sanften, liebreichen Worten beinahe weinend: »Herrin, einzige Hoffnung und Stütze meines elenden Lebens, nehmt es nicht übel, daß ich verwegen und anmaßend an Euere Tür geklopft und Euch belästigt habe. Ich bin nicht gekommen, um Euch beschwerlich zu fallen, sondern um Euch die Leidenschaft zu erklären, die ich zu Euch empfinde und die mich so quält. Und daran ist Euere einzigartige Schönheit schuld, die Euch über jede andere Frau erhebt. Und wenn Ihr die Tore des Erbarmens nicht verschlossen habt, so helft Ihr mir, der ich wohl tausendmal am Tage für Euch sterbe. O lasset Euer hartes Herz doch erweichen, seht nicht auf mein Alter noch auf meinen geringen Reichtum, sondern auf meine hohe, herrliche Gesinnung und heiße Liebe, die ich zu Euch im Herzen trug, trage und immer tragen werde, solange der schwache Geist diese hinfälligen Glieder beherrscht. Nehmt als Zeichen meiner Liebe zu Euch freundlich dieses Geschenk an und laßt es Euch, wenn es auch nur klein, doch willkommen sein.« Und damit zog er aus dem Busen einen großen Beutel voll Golddukaten, die wie die Sonne funkelten und eine Schnur weißer, dicker, runder Perlen und zwei in Gold gefaßte Juwelen, hielt sie ihr hin und bat sie, ihm ihre Liebe nicht zu verweigern. Als die Dame die Worte des verrückten Greises gehört und klar verstanden hatte, sagte sie zu ihm: »Messer Anastasio, ich hätte Euch wirklich mehr Verstand zugetraut, augenblicklich wenigstens scheint Ihr mir ganz von Sinnen. Wo ist Eure Klugheit, Eure Besonnenheit hin? Glaubt Ihr, ich sei irgendeine feile Dirne, daß Ihr mich mit Euren Geschenken versucht! Da täuscht Ihr Euch aber gewaltig. Ich habe keinen Mangel an den Sachen, die Ihr mir schenken wollt. Bringt sie zu Euern Huren, damit sie Euch befriedigen! Ich habe, wie Ihr wohl wißt, einen Gatten, der mir nichts verweigert, wessen ich bedarf. Macht daher, daß Ihr fortkommt und sorgt die kurze Zeit, die Euch noch gegönnt ist, für Euer bißchen Leben!« Da rief der Alte von Schmerz und Zorn erfüllt: »Madonna, ich bin überzeugt, daß dies nicht Eure wahre Meinung ist, sondern daß Ihr dies aus Furcht vor dem Jüngling sagt, den Ihr gerade bei Euch habt (und er nannte ihn mit Namen), und wenn Ihr mich nicht zufriedenstellt und meine Sehnsucht stillt, werde ich Euch bei Euerm Manne verraten.« Als die Dame den Jüngling, den sie im Hause hatte, mit Namen nennen hörte, geriet sie keineswegs in Verlegenheit, sondern warf dem Alten die größten Grobheiten an den Kopf, die jemals ein Mensch zu hören bekam, ergriff dann einen Stock und wollte ihn damit traktieren, aber der Alte riß aus, lief eiligst die Treppe hinunter und verschwand. Als er fort war, kehrte die Dame in ihr Schlafgemach zurück, wo der Liebhaber sie erwartete, erzählte ihm beinahe unter Tränen den ganzen Vorfall und sprach die Befürchtung aus, der verruchte Alte möchte ihrem Manne alles erzählen. Dann bat sie ihn um Rat, wie sie sich zu verhalten habe. Der Jüngling, der klug und gewitzt war, tröstete sie zunächst und sprach ihr Mut zu und dann zeigte er ihr einen guten Ausweg: »Liebe Seele«, sagte er, »fürchtet nichts und verliert den Mut nicht, Ihr braucht nur den Rat zu befolgen, den ich Euch geben werde, dann dürft Ihr sicher sein, daß alles gut ausgeht: wenn Euer Gatte wieder zurück ist, so erzählt ihm die Sache, wie sie war und sagt ihm, der schlechte und verworfene Greis habe Euch die schändliche Beschuldigung an den Kopf geworfen, Ihr brächet die Ehe mit dem und jenem – nennt ihm vier oder sechs und darunter auch mich und dann laßt das Schicksal machen, das Euch gewiß günstig sein wird.« Der Dame schien dieser Rat vortrefflich und sie befolgte ihn. Als ihr Gatte heimgekehrt war, zeigte sie sich sehr niedergeschlagen und traurig und verwünschte mit Tränen in den Augen ihr elendes Los. Und als der Mann sie fragte, was sie habe, gab sie keine Antwort, sondern rief nur weinend mit lauter Stimme: »Ich weiß nicht, was mich abhält, mir das Leben zu nehmen, ich kann es nicht ertragen, daß ein tückischer und verräterischer Mensch die Ursache meines Ruins und unauslöschlicher Schande für mich sei. O ich Unglückliche, was habe ich denn begangen, daß ich es erdulden muß, zerrissen und bis aufs Blut gepeinigt zu; werden? Und von wem? Von einem Schurken, von einem Mörder, der tausend Tode verdiente!« Als ihr Gatte weiter in sie drang, sagte sie: »Kommt da jener anmaßliche und unverschämte Alte, Euer Freund Anastasio, der verrückte, ausschweifende, geile Kerl, gestern abend zu mir und verlangt von mir ebenso unanständige wie abscheuliche Dinge und bietet mir dafür Geld und Edelsteine an. Und als ich ihm kein williges Ohr leihe und ihn nicht befriedigen will, fängt er an, mich zu beschimpfen und sagt, ich wäre eine Hure, ließe die Männer ins Haus, befaßte mich mit dem und mit dem und mit dem. Als ich dies hörte, wollte mir schier die Besinnung vergehen, doch ich raffte mich zusammen und ergriff einen Stock, um ihn zu schlagen, er aber bekam's mit der Angst und kniff aus.« Als der Ehemann dies vernahm, war er über die Maßen betrübt, tröstete seine Frau und beschloß, Anastasio einen Denkzettel zu erteilen, den er nicht so bald vergessen sollte. Am folgenden Tage begegneten der Mann der Dame und Anastasio einander, und bevor ersterer noch den Mund geöffnet hatte, sagte Anastasio, er wolle ihn sprechen, womit er sich bereitwillig einverstanden erklärte. »Lieber Herr«, begann also Anastasio, »Ihr wißt, daß die Liebe und das Wohlwollen, die zwischen uns geherrscht haben, immer so groß gewesen sind, daß sie kaum noch größer sein könnten. Nun veranlaßt mich das brennende Interesse an Eurer Ehre, Euch etwas anzuvertrauen, doch ich bitte Euch bei unserer Freundschaft, es geheimzuhalten und nach reiflicher Überlegung und so schnell wie möglich in einer Euch nahe berührenden Angelegenheit einzugreifen. Um Euch aber nicht durch langes Drumherumreden auf die Folter zu spannen, erfahrt, daß Eurer Frau von dem und dem Jüngling der Hof gemacht wird, daß sie ihn liebt und sie zusammen Euch und Eurer Familie zu nicht geringem Schimpf ihren Lüsten frönen. Und ich kann Euch versichern, daß dies zweifellos feststeht, da ich ihn neulich abends, als Ihr außerhalb der Stadt weiltet, mit meinen eigenen Augen heimlich in Euer Haus schleichen und früh am Morgen wieder fortgehen sah.« Als der Ehemann dies hörte, packte ihn der Zorn und er putzte ihn ganz gehörig herunter. »Erbärmlicher, schurkischer, elender Tropf, ich weiß nicht, was mich zurückhält, dich bei deinem Barte zu packen und ihn dir Haar für Haar auszuraufen! Glaubst du etwa, ich wüßte nicht, daß meine Frau volles Vertrauen verdient? Ich wüßte nicht, daß du sie mit Geld und Edelsteinen hast verführen wollen? Hast du, elender Wicht, als sie sich deiner zügellosen Brunst nicht hingeben wollte, ihr nicht gedroht, du würdest sie bei mir verklagen und für ihr ganzes Leben unglücklich machen? Hast du nicht behauptet, daß der und der und viele andere mit ihr fleischlich verkehren? Würde dich dein Alter nicht schützen, so würde ich dich mit Füßen treten und dich so lange prügeln, daß du deine schwarze Seele aushauchtest. Hebe dich von hinnen, wahnwitziger Greis und komm mir nie wieder unter die Augen. oder wage dich meinem Hause zu nähern!« Der Alte gab sein Spiel verloren und machte sich ohne ein Wort zu erwidern davon, die Dame aber, die von ihrem Manne für klug und besonnen gehalten wurde, verlustierte sich mit größerer Sicherheit als zuvor mit ihrem Liebhaber.

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