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Ergötzliche Nächte

Giovanni Francesco Straparola: Ergötzliche Nächte - Kapitel 20
Quellenangabe
pfad/straparo/ergoetzl/ergoetzl.xml
typenarrative
authorStraparola
titleErgötzliche Nächte
publisherVerlag Kurt Desch
printrun1. bis 10. Tausend
year1947
translatorHanns Floerke
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20090109
projectidc19533f9
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19

Bruder Tiberio Palavicino verläßt das Kloster, wird Weltpriester und Magister der Theologie. Er verliebt sich in die Frau Meister Chechinos, des Bildhauers. Sie läßt ihn im Einverständnis mit ihrem Manne ins Haus, wo er von diesem gefunden und zum Gegenstand eines schimpflichen Possens gemacht wird.

Florenz, die altherrliche Stadt, beherbergte einmal einen hochwürdigen Pater namens Magister Tiberio. Welchem Orden er angehörte, wage ich nicht zu behaupten, da ich mich dessen augenblicklich nicht erinnere. Er war in den Wissenschaften beschlagen, ein tüchtiger Prediger, ein feiner Disputator und genoß große Achtung und Verehrung. Gewisse Gründe, die mir unbekannt sind, ließen es ihm geraten erscheinen, die Mönchskutte auszuziehen und Priester zu werden. Und obwohl er nach der Ablegung des Mönchhabits nicht mehr die frühere Verehrung genoß, blieb sein Name bei einigen wenigen Edelleuten, vor allem aber beim gewöhnlichen Volk in Geltung. Und da er ein guter Beichtvater war, kam eine sehr schöne Frau zum Beichten zu ihm, die Savia hieß, ein Name, der ihrer bescheidenen Zurückhaltung auch wirklich zukam. Ihr Gatte war ein Bildhauer, der Holzfiguren anfertigte, hieß Meister Chechino und wurde zu seiner Zeit in dieser Kunst von niemand übertroffen. Nachdem Savia sich nun vor Magister Tiberio auf die Knie niedergelassen hatte, sagte sie: »Vater, mein Beichtvater, dem ich bisher meine Geheimnisse anvertraut hatte, ist gestorben, und da der Ruf Eurer Heiligkeit zu mir gedrungen ist, habe ich an seiner Stelle Euch zum Seelsorger gewählt und bitte Euch, daß Ihr Euch meine Seele anbefohlen sein lasset.« Als Magister Tiberio sah, daß sie schön und frisch gleich einer eben aufgebrochenen Rose sei und erkannte, daß sie in ihrer Vollkraft stand, verliebte er sich dermaßen in sie, daß er beim Abnehmen der Beichte ganz außer Rand und Band geriet und es nicht über sich brachte, sie zu entlassen. Als Magister Tiberio nun zur Sünde der Ausschweifung kam, fragte er sie: »Habt Ihr, Madonna, irgendwann eine besondere Zuneigung zu irgendeinem Priester oder Mönch gehabt, habt Ihr einen solchen geliebt?« Und da sie nicht ahnte, worauf er hinauswollte, antwortete sie schlicht: »Ja, Vater, ich habe meinen Beichtvater außerordentlich geliebt, wie einen Vater und ihm die Ehrerbietung und Verehrung gezollt, die er verdiente.« Nachdem Magister Tiberio die günstige Stimmung der Frau herauszuhören geglaubt hatte, veranlaßte er sie mit milden, klugen Worten dazu, ihren Namen und Stand zu nennen und das Haus zu bezeichnen, in dem sie wohnte, und bat sie, ihn ebenso lieb zu haben wie ihren verlorenen Seelsorger; er werde, wenn das Osterfest vorbei, sie zum Zeichen der christlichen Liebe besuchen und ihr geistlichen Trost verabreichen. Sie bedankte sich bei ihm sehr für die gute Absicht, empfing die Absolution und ging. Als Savia fort war, begann Magister Tiberio die Schönheit der Frau und ihre Art und Weise sich im einzelnen vorzustellen und ins Gedächtnis zurückzurufen, was zur Folge hatte, daß er sich noch mehr in sie verliebte und bei sich beschloß, ihre Liebe zu erringen. Doch glückte ihm dies nicht; denn er verstand sich nicht so gut auf die Ausführung wie auf das Plänemachen. Als das Auferstehungsfest vorüber war, fing Magister Tiberio an, vor dem Hause Savias auf und ab zu spazieren, und wenn er sie sah, nickte er ihr zu und grüßte sie ehrbar. Sie aber war klug genug, die Augen nicht aufzuschlagen und zu tun, als sähe sie ihn nicht. Als Magister Tiberio seine Fensterpromenaden fortsetzte und sie immer wieder grüßte, beschloß sie, sich nicht mehr blicken zu lassen, damit sie nicht in irgendwelchen schlimmen Verdacht käme. Dies ging ihm sehr gegen den Strich, aber da ihn die Liebe so stark gefesselt hatte, daß er sich nicht aus eigener Kraft befreien konnte, entschloß er sich, einen Chorknaben zu ihr zu senden, der mit ihr sprechen und sie bitten sollte, es so einzurichten, daß er sie als geistlicher Vater in ihrem Hause besuchen könne. Der Chorknabe kam zu ihr und sie ließ ihn seinen Auftrag ausrichten, aber als kluge, vorsichtige Frau antwortete sie nichts darauf. Als Magister Tiberio, der ein Schlaukopf war, vernommen hatte, daß Frau Savia keine Antwort gegeben, urteilte er bei sich selbst, daß sie sehr klug sei und daß er mehrmals an die Tür klopfen müsse, weil der nicht berannte gut fundamentierte Turm sich mit Leichtigkeit hält. Er beschloß daher das begonnene Werk nicht im Stich zu lassen und schickte ihr beständig Botschaften und folgte ihr, wo immer sie ging. Savia entging die Beharrlichkeit Magister Tiberios nicht, und da sie für ihre Ehre fürchtete, wurde sie sehr ärgerlich und sagte eines Tages zu ihrem Gatten: »Chechino, schon seit vielen Tagen sendet Magister Tiberio, mein Seelsorger, Boten auf Boten, die mich sprechen wollen, und wo er mich nur sieht, grüßt er mich nicht allein, sondern verfolgt mich und will mit mir reden, und um mir diese Verdrießlichkeit vom Halse zu schaffen, lasse ich mich nicht mehr am Fenster blicken, schlage die Augen nicht mehr auf und erscheine an keinem öffentlichen Ort mehr.« »Und was antwortest du ihm?« fragte Meister Chechino. »Nichts«, erwiderte die Frau. »Du hast dich klug benommen und deinem Namen Ehre gemacht, doch wenn er dich noch einmal grüßt und irgend etwas zu dir sagt, so antworte ihm klug und auf jene ehrbare Art, die du für die richtige hältst und erzähle mir dann, was darauf erfolgt ist.« Als Savia eines Tages nach dem Mittagessen in der Werkstatt war – Meister Chechino war nämlich fortgegangen, weil er einige Geschäfte zu erledigen hatte – tauchte Magister Tiberio auf, und als er sie allein in der Werkstatt sah, sagte er zu ihr: »Guten Tag, Madonna«, und sie antwortete ihm freundlich: »Guten Tag und guten Weg, mein Vater.« Als Magister Tiberio sie seinen Gruß erwidern hörte, was sie bisher nicht getan hatte, glaubte er ihr so hartes Herz etwas erweicht zu haben und verliebte sich noch heftiger in sie. Er trat in die Werkstatt, begann ein liebevolles Gespräch mit ihr und verweilte länger als eine Stunde. Da er jedoch fürchtete, Meister Chechino möchte heimkehren und seine Frau im Gespräch mit ihm finden, verabschiedete er sich und bat sie, ihm ihre Gunst zu bewahren, er stände jederzeit und ganz zu ihren Diensten. Sie dankte ihm dafür sehr und erklärte sich gleichfalls zu jedem Dienst bereit. Als Magister Tiberio fortgegangen war, erschien Meister Chechino, und Savia erzählte ihm ausführlich, was sich begeben hatte. »Dein Verhalten war gut und deine Antworten waren klug«, antwortete Meister Chechino, »wenn er aber wieder zu dir kommt, so zeige ihm ein freundliches Gesicht und gehe so weit in deiner Liebenswürdigkeit, wie dir schicklich erscheint.« Und Savia erklärte, so tun zu wollen. Magister Tiberio, der an dem süßen Plaudern der geliebten Frau großen Gefallen gefunden hatte, fing nun an, ihr einige Geschenke zu übersenden, um sie zu ehren, und Savia nahm sie an. Und dann bat er sie mit sehr eindringlichen, wohlbegründeten Worten um ihre Liebe und drang in sie, ihm diese nicht zu verweigern, da sie sonst die Ursache seines unvermeidlichen Todes sein würde. Da antwortete sie: »Ich würde, mein Vater, Euren und meinen Wunsch erfüllen, doch fürchte ich von meinem Gatten überrascht zu werden und gleichzeitig Ehre und Leben zu verlieren.« Diese Worte gingen Magister Tiberio sehr gegen den Geschmack und ließen ihn in Gegenwart der Dame beinahe die Besinnung verlieren. Als er dann wieder ein wenig zu sich gekommen war, bat er sie, doch nicht die Schuld an seinem Tode auf sich zu laden. Savia tat nun, als habe sie Erbarmen mit ihm, beschloß ihn zu befriedigen und kam mit ihm überein, am nächsten Abend mit ihm zusammen zu sein, da ihr Mann am Morgen fort und zum Ankauf von Holz die Stadt verlassen wolle. Diese Eröffnung machte Magister Tiberio zum glücklichsten Menschen, den man sich denken konnte und er nahm Abschied von seiner Trauten und ging. Als Meister Chechino heimkehrte, erzählte ihm Savia ausführlich, was sie eingefädelt habe. »Das genügt noch nicht«, sagte er darauf, »ich will, daß wir ihm einen Schimpf antun, damit er sich unser Haus aus dem Sinn schlägt und es sich nie wieder beifallen läßt, dich zu belästigen. Geh jetzt und richte das Bett ehrenvoll zu seinem Empfang her, entferne alles, was sich in der Kammer befindet mit Ausnahme der Truhen, die ringsherum stehen, dann räume die beiden Schränke ab, daß nichts darauf stehen bleibt, während ich die Werkstatt ausräumen und alles verstecken werde. Wenn dies geschehen, wollen wir ihm den Possen spielen, den ich dir jetzt entwickeln werde.« Und damit unterwies er sie Punkt für Punkt in dem, was sie zu tun hatte. Als Savia den Willen ihres Mannes vernommen hatte, versprach sie danach zu handeln. Magister Tiberio konnte es kaum erwarten, daß die Nacht herankam, die ihm die engen Umschlingungen der geliebten Frau bringen sollte. Er ging auf den Marktplatz, kaufte allerlei ein, sandte es in Savias Haus und ließ ihr sagen, sie möge alles sorgsam zubereiten, er würde zur ausgemachten Stunde kommen, um mit ihr zu Abend zu speisen. Als Savia die Lebensmittel erhalten hatte, begann sie das Abendessen zuzurichten; Meister Chechino aber versteckte sich nun und erwartete das Erscheinen Magister Tiberios. Während er so auf der Lauer lag, siehe da kam Magister Tiberio, trat ins Haus und als er die Geliebte erblickte, die das Abendessen bereitete, wollte er ihr einen Kuß geben, – sie widerstrebte jedoch und sagte: »Geduldet Euch noch ein wenig, liebe Seele, nachdem Ihr schon so lange Geduld geübt habt; denn es ziemt sich nicht, daß ich, schmutzig vom Hantieren in der Küche, wie ich bin, Euch berühre«, – und damit machte sie sich mit den Hühnern am Bratspieß und dem Kalbfleisch im Topfe zu schaffen. Meister Chechino hatte sich an eine verborgene Öffnung gestellt, die in die Kammer ging und lauschte auf die Unterhaltung und beobachtete das Tun der beiden; denn er fürchtete vielleicht, daß er der Getäuschte sein könnte. Während sich also Savia in den Grenzen der Schicklichkeit hielt und bald hier, bald dort zu schaffen machte, war es Magister Tiberio, als wollte seine Seele den Körper verlassen, und er legte, damit die geliebte Frau schneller fertig werde, mit Hand an, um alles zuzurichten, doch nur mit dem Erfolge, daß sie es noch weniger eilig hatte. Als Magister Tiberio sah, daß sich die Sache in die Länge zog und es ihm schien, als verginge die Zeit allzu schnell, sagte er zu Savia: »So groß ist meine Sehnsucht, in Euren Armen zu ruhen, daß mir der Appetit vergangen ist und ich diesen Abend auf keinen Fall zu Nacht speisen werde.« Und damit zog er sich aus und kletterte ins Bett. Savia, die heimlich über ihn lachte, sagte scherzend zu ihm: »Nur eine Närrin würde auf das Abendessen verzichten, wenn Ihr, mein Vater, so närrisch seid, nicht essen zu wollen, so habt nur Ihr den Schaden davon, ich jedenfalls will jetzt nicht auf die Mahlzeit verzichten«, und damit fuhr sie fort, sich ihren Obliegenheiten zu widmen. Magister Tiberio drang nichtsdestoweniger in sie, ins Bett zu kommen, aber sie zögerte um so mehr. Als sie schließlich jedoch sah, daß er ärgerlich war, sagte sie zu ihm, um ihn zu beruhigen: »Lieber Vater, ich würde niemals mit einem Manne schlafen, der in der Nacht das Hemd anbehielte, – wenn Ihr wollt, daß ich mich zu Euch ins Bett lege, so zieht es aus, dann werdet Ihr mich ganz zu Willen haben.« Die Erfüllung dieses Wunsches schien Tiberio eine Kleinigkeit und so zog er sich sofort das Hemd aus und lag nun nackt da, wie ihn Gott geschaffen. Als Savia nun sah, daß sie den biederen Pater dort hatte, wo sie ihn wollte, nahm sie das Hemd und alle seine Kleider, legte sie in eine Truhe und schloß diese zu. Dann tat sie, als wolle sie sich ausziehen, waschen und parfümieren, erledigte dabei jedoch allerlei Verrichtungen im Hause, so daß der arme, einfältige Tropf im Bett in seiner Verlassenheit in allen Zuständen war. Meister Chechino, der durch das Loch alles beobachtet hatte, verließ nun ganz leise das Haus und klopfte dann an die Außentür. Als die Frau ihren Gatten pochen hörte, tat sie, als geriete sie in Bestürzung und rief am ganzen Leibe zitternd: »Weh mir, Messere, wer klopft da an die Haustür? Das ist gewiß mein Gatte! O ich Unglückliche! Was machen wir, daß er Euch hier nicht findet oder daß er Euch nicht sieht?« »Gebt mir schnell meine Kleider, damit ich mich anziehen kann!« rief Magister Tiberio, dann werde ich mich unterm Bett verstecken.« »Nein«, rief die Frau, »laßt Eure Kleider Kleider sein, sie würden Euch zu sehr aufhalten, aber steigt auf den Schrank, hier auf der rechten Seite der Kammer – ich will Euch dabei helfen – und streckt Euch oben mit ausgebreiteten Armen aus; denn wenn mein Mann hereinkommt und Euch so kreuzartig dastehen sieht, wird er denken, Ihr wäret einer von jenen Kruzifixen, die er untertags anfertigt und sich nichts weiter dabei denken.« Da klopfte der Gatte zum zweitenmal und zwar ungestüm an die Haustür. Magister Tiberio, der das Spiel nicht durchschaute und die tückische Absicht Meister Chechinos nicht ahnte, stieg auf den Schrank, stellte sich mit ausgebreiteten Armen wie ein Kruzifix hin und verharrte regungslos. Savia aber lief hinunter und öffnete dem Gatten, der sich erzürnt stellte, weil sie nicht sofort aufgemacht hatte. In die Kammer getreten, tat er, als sehe er Magister Tiberio nicht, setzte sich mit seiner Gattin zu Tisch, und nachdem sie gegessen hatten, gingen sie beide zu Bett. Wie verdrießlich dies für Magister Tiberio war, das auszumalen überlasse ich Euch, die Ihr die schweren Wunden der Liebe selbst schon empfunden habt, – namentlich als er den Gatten sich an jener Speise gütlich tun hörte, nach der er sich so glühend sehnte und sah, daß er zu allem übrigen noch den Schaden und den Spott hatte. Schon begann sich die Morgenröte zu zeigen und man sah Apollo mit seinen glühenden Strahlen sich aus den Meeresfluten erheben, als Meister Chechino aufstand, seine Werkzeuge zurechtlegte und an die Arbeit ging. Kaum hatte er damit angefangen, da erschienen zwei Laienschwestern aus dem benachbarten Kloster. »Meister«, begannen sie, »unsere Mutter Äbtissin hat uns zu Euch geschickt und läßt Euch bitten, uns den Kruzifix auszuhändigen, den sie seinerzeit bestellt hat.« Da antwortete Meister Chechino: »Liebe Schwestern, richtet der Mutter Äbtissin aus, daß der Kruzifix begonnen aber noch nicht fertig ist und daß sie in höchstens zwei Tagen zufriedengestellt werden wird.« »Lieber Meister«, entgegneten darauf die Nönnlein, »nehmt es nicht übel, aber unsere Mutter hat uns ausdrücklich aufgetragen, ihn fertig oder unfertig mitzubringen, da Ihr ihn schon allzu lang in der Arbeit habt.« Meister Chechino tat, als versetze ihn das Drängen der Schwestern in Erregung und er rief gleichsam erzürnt: »Tretet hier in die Kammer, liebe Frauen, da werdet Ihr ihn angefangen, aber nicht vollendet sehen!« Als die Schwestern in die Kammer getreten waren, sagte der Meister Chechino: »Erhebt die Augen zu jenem Schrank, schaut Euch den Kruzifix an und urteilt selbst, ob er vielversprechend ist und wie wenig ihm noch am Fertigsein fehlt, – dann könnt Ihr der Mutter Äbtissin berichten, daß Ihr ihn mit eigenen Augen gesehen habt.« Die Nönnlein erhoben die Augen, sahen den Kruzifix und riefen voller Erstaunen: »O Meister, wie naturgetreu habt Ihr ihn gemacht! Er sieht ganz lebendig und wie aus Fleisch aus, gerade wie wir selbst. Er ist gewiß wunderschön und wird der Äbtissin und den Nonnen sehr gefallen. Etwas einzig und allein mißfällt uns daran sehr, wofür Ihr nicht gesorgt habt, nämlich, daß man den Unflat, den er da vorne hat, nicht so offen sieht; denn dieses Ding könnte einen gewaltigen Skandal im ganzen Kloster hervorrufen.« »Sagte ich Euch nicht«, antwortete Meister Chediino, »daß er noch nicht ganz fertig sei? Grämt Euch darum nicht! Wäre es doch so leicht ein Mittel gegen den Tod zu finden, wie diesem Mangel abzuhelfen, dem ich jetzt in Eurer Gegenwart abhelfen werde!« Und er ergriff ein haarscharfes Eisen und sägte zu den Nönnlein: »Tretet näher und gebt wohl acht, wie ich ihm das Ding ohne jede Schwierigkeit abnehme.« Als Magister Tiberio, der sich bis dahin still verhalten hatte, daß er einem Toten glich, das Gespräch hörte und Meister Chechino mit dem frischgeschliffenen Messer in der Hand sah, sprang ohne auch nur einen Augenblick zu verziehen noch einen Ton von sich zu geben, von dem Schranke herunter und rannte, nackt wie er war, auf und davon und Meister Chechino mit dem Eisen in der Hand hinter ihm drein, um ihm den Unflat, den er vorne hatte, abzuschneiden. Savia, die befürchtete, es möchte irgend etwas Peinliches daraus entstehen, erwischte den Gatten beim Rock und hielt ihn zurück, damit der Pater seine Flucht ungehindert bewerkstellige. Die Nönnlein aber, welche aufmerksam auf das zu beseitigende Objekt geschaut hatten, fingen an laut zu schreien: »Mirakel! Mirakel! Der Kruzifix ist davongelaufen!« und waren gar nicht zum Schweigen zu bringen. Auf das Geschrei eilte eine gewaltige Menge Volks herbei und als sie den Hergang erfuhr, hatte sie ihren Spaß daran. Magister Tiberio aber holte sich andere Kleider und verließ die Stadt, ohne daß man erfahren hätte, wohin er gegangen, – nur das weiß ich, daß er nie wieder gesehen ward.

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