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Ergötzliche Nächte

Giovanni Francesco Straparola: Ergötzliche Nächte - Kapitel 19
Quellenangabe
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typenarrative
authorStraparola
titleErgötzliche Nächte
publisherVerlag Kurt Desch
printrun1. bis 10. Tausend
year1947
translatorHanns Floerke
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20090109
projectidc19533f9
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18

Zwei Brüder lieben sich aufs innigste. Der eine wünscht die Teilung des Vermögens, will aber, daß sein Bruder sie vornehme. Dieser tut es, aber der andere ist damit nicht zufrieden, sondern verlangt auch noch die Hälfte der Frau und der Kinder des Bruders, und schließlich einigen sie sich.

Wie erzählt wird, lebten in Neapel, einer wahrhaft berühmten Stadt, ausgezeichnet durch ihre Fülle an reizenden Frauen, durch ihren Überfluß an allen erdenklichen Dingen, zwei Brüder, von denen der eine Hermacora, der andere Andolfo hieß. Sie waren aus edlem Geschlecht, gehörten sie doch der Familie Carafa an, waren beide aufgeweckten Geistes und handelten mit vielen Waren, wodurch sie ein großes Vermögen erworben hatten. Also reich und aus vornehmer Familie und unverheiratet wie sie waren, lebten sie, wie sichs für liebreiche Brüder geziemt, in Gütergemeinschaft, und so groß war ihre brüderliche Liebe, daß keiner von ihnen etwas tat, was nicht die vollste Billigung des anderen gefunden hätte. Nun geschah es, daß sich Andolfo, der jüngere Bruder, (doch mit Zustimmung Hermacoras) verheiratete und zu seinem rechtmäßigen Weibe eine wohlerzogene, schöne Dame aus edlem Geblüt, namens Castoria, erkor. Diese liebte und verehrte, da sie klug und von hohem Verstande war, ihren Schwager Hermacora nicht weniger ehrbar als ihren Gatten Andolfo, die ihr beide mit inniger Gegenliebe vergalten, und so groß waren die Eintracht und der Friede, die zwischen ihnen herrschten, daß man noch nie etwas Ähnliches gesehen hatte. Es gefiel dem gerechten Gott, daß Castoria viele Kinder bekam, und in dem Maße wie die Familie wuchs, mehrten sich auch die Liebe und der Frieden, und nie herrschte zwischen ihnen die geringste Meinungsverschiedenheit, – alle drei hatten im Gegenteil nur einen Wunsch und einen Willen. Als die Kinder herangewachsen und volljährig geworden waren, mischte sich das blinde Schicksal, das keinem sein Glück gönnt, ein und suchte an Stelle der herrschenden Eintracht und des Friedens Kampf und Zwist zu setzen. Infolgedessen beschloß Andolfo, von Liebe zu seinen Kindern und einem nicht ganz maßvollen Begehren veranlaßt, sich ganz von seinem Bruder zu trennen, seinen Vermögensanteil festzustellen und eine Wohnung für sich allein zu beziehen. Und so sagte er eines Tages zu seinem Bruder: »Hermacora, wir haben lange Jahre in Liebe zusammengewohnt und unser Vermögen gemeinsam gehabt und nie ist ein böses Wort zwischen uns gefallen; damit aber das Schicksal, das so flatterhaft ist, wie ein Blatt im Winde, nicht irgendwie Zwietracht zwischen uns säe und Unordnung und Unfrieden stifte, wo Ordnung und Frieden herrscht, habe ich beschlossen, meinen Vermögensanteil festzustellen und mit dir die Teilung unserer Habe vorzunehmen, – ich tue dies aber nicht, weil ich von dir jemals irgendwie benachteiligt worden bin, sondern damit ich frei mit dem Meinen schalten und walten kann.« Als Hermacora das törichte Verlangen des Bruders vernommen hatte, vermochte er nicht, sich einer gewissen Betrübnis zu erwehren, namentlich, da gar kein Grund vorlag, der ihn veranlassen konnte, sich so leichten Herzens von seinem Bruder zu trennen, und er begann daher, ihn mit sanften, liebevollen Worten zu ermahnen, diesen unbilligen Gedanken fahren zu lassen. Doch eigensinniger als zuvor beharrte Andolfo auf seinem bösen Willen und bedachte nicht den Schaden, der daraus erwachsen konnte. »Hermacora«, sagte er also mit unfreundlicher Stimme, »ein bekanntes Sprichwort sagt, daß an einem Manne, der zu etwas entschlossen ist, jeder Rat verloren ist, daher ist es überflüssig, daß du mich mit deinen einschmeichelnden Worten von dem abzubringen suchst, was ich mir fest vorgenommen habe und ich möchte nicht, daß du mich zwingst, dir den Grund anzugeben, der mich veranlaßt, mich von dir zu scheiden. Und je eher du die Teilung bewerkstelligst, desto angenehmer wird es mir sein.« Als Hermacora die entschiedene Erklärung seines Bruders hörte und sah, daß er ihn nicht mit freundlichen Worten von seinem Vorhaben abbringen konnte, sagte er: »Da es einmal dein Wille ist, daß wir unser Vermögen teilen und uns voneinander trennen, bin ich – freilich nicht ohne großen Schmerz und höchste Unzufriedenheit – bereit, dir zu willfahren und alle deine Wünsche zu erfüllen. Um einen einzigen Gefallen nur ersuche ich dich und bitte dich, daß du ihn mir nicht verweigerst, denn sonst würdest du bald das Ende meiner Tage sehen.« »Sag frei heraus, was du wünschest«, sagte Andolfo, »denn ich bin bereit, dir in allem entgegenzukommen, außer in diesem einen Punkte.« Da sprach Hermacora: »Den Besitz teilen und sich trennen ist gerecht und vernünftig, und nachdem diese Teilung nun einmal stattfinden soll, möchte ich, daß du sie vornimmst und du die Teile so gegeneinander abwägst, daß keiner sich zu beklagen hat.« Da antwortete Andolfo: »Hermacora, mir kommt es nicht zu, die Teilung zu bewerkstelligen; denn ich bin der jüngere Bruder, dir, als dem älteren, fällt die Aufgabe zu.« Schließlich aber vollzog Andolfo, begierig, seinen Anteil zu erhalten und seinen rücksichtslosen Wunsch zu erfüllen, weil er keinen andern Ausweg sah, um zum Ziele zu gelangen, doch die Teilung und ließ seinen Bruder wählen. Wiewohl Hermacora, der ein kluger, scharfsinniger und dabei gutherziger Mann war, sah, daß die Teile auf das gerechteste abgemessen waren, tat er doch, als seien sie ungleich und als fehlten verschiedene Dinge und sagte: »Andolfo, die Teilung, die du vorgenommen hast, scheint dir nach deinem Urteil einwandfrei und geeignet, jeden zu befriedigen, mir aber scheint sie ungleich zu sein, und ich bitte dich daher, das Vorhandene besser zu teilen, damit jeder von uns zufrieden sein kann.« Als Andolfo sah, daß sein Bruder mit der Teilung nicht zufrieden war, schied er von der einen Portion einige Gegenstände aus und fügte sie zu der anderen, worauf er ihn fragte, ob die Teile jetzt gleich und er befriedigt sei. Hermacora, der ganz Liebe und Güte war, machte immer noch Einwände und tat unzufrieden, obgleich alles aufs ehrlichste und beste geteilt war. Es schien Andolfo sehr sonderbar, daß sein Bruder sich mit seinem Werk nicht zufrieden erklärte und er nahm, während sich Ärger auf seinem Gesicht malte, das Papier, auf dem die Teilung verzeichnet war, zerriß es ergrimmt und sagte, zu seinem Bruder gewandt: »Gut, so teile du nach deinem Gutdünken, ich will, daß wir endlich zu Ende kommen, auch wenn ich dabei erheblich zu kurz kommen sollte!« Hermacora, dem es keineswegs entging, daß sein Bruder zornig war, sagte mit bittender milder Stimme: »Sei nicht ärgerlich, lieber Bruder Andolfo, laß nicht zu, daß der Unwille den Sieg über die Vernunft davontrage, zügle deinen Zorn, mäßige deine Hitze, besinne dich auf dich selbst und dann überlege als kluger und urteilsfähiger Mensch, ob die Teile wirklich gleich sind, und wenn sie nicht gleich sind, so sorge dafür, daß sie es werden, dann werde ich mich zufrieden geben und ohne Widerrede meinen Anteil nehmen.« Andolfo merkte noch nicht die edle Absicht, die in dem großmütigen Herzen seines Bruders verborgen war und versah sich nicht des kunstvollen Netzes, mit dem er sich bemühte, ihn zu fangen. Er wandte sich daher noch heftiger und zorniger als zuvor gegen seinen Bruder und rief: »Hermacora, habe ich dir nicht gesagt, du als der Ältere solltest die Teilung vornehmen? Warum hast du es denn nicht getan? Hast du mir nicht versprochen, mit dem zufrieden zu sein, was ich bestimmen würde? Warum hältst du dein Versprechen jetzt nicht?« Da antwortete Hermacora: »Mein vielgeliebter Bruder, wenn du den Besitz geteilt hast und der Teil, den du mir zugewiesen, nicht so groß ist, wie der deine, warum soll ich mich denn da nicht beklagen?« Worauf Andolfo: »Was birgt das Haus denn noch, wovon du deinen Teil nicht bekommen hast?« Hermacora beharrte darauf, er sei nicht voll zu seinem Rechte gekommen und Andolfo erklärte, er sei es doch. »So sag mir doch«, bat Andolfo, »inwiefern ich die Teile nicht gleich gemacht habe!« »Du hast mich in der Hauptsache benachteiligt, lieber Bruder,« antwortete Hermacora. Doch da er sah, daß Andolfo in immer größere Hitze geriet und daß, wenn die Sache auf diese Weise weiterging, Gefahr für Ehre und Leben daraus erwachsen könne, stieß er einen tiefen Seufzer aus und sagte: »Du erklärst, mein geliebter Bruder, du hättest mir den Teil, der mir von Rechts wegen zukommt, voll und ganz gegeben und ich bestreite es und will es dir mit dem einleuchtendsten Beweise klarmachen, den du mit deinen Augen sehen und mit deinen Händen fühlen kannst. Sag mir doch – aber unterdrücke deinen Unwillen – als du Castoria, dein geliebtes Weib und meine teure Schwägerin heimführtest, lebten wir da brüderlich auf gemeinsame Kosten?« »Ja.« »Hat sie das Haus nicht zum allgemeinen Nutz und Frommen geführt?« »Ja.« »Hat sie nicht all die Kinder geboren, die du jetzt siehst? Sind sie nicht im Hause geboren? Hat sie nicht mit den Kindern auf gemeinsame Kosten gelebt?« Andolfo stand ganz niedergeschmettert, als er die liebreichen Worte des Bruders hörte und verstand nicht, wo er damit hinaus wollte. »Du hast, mein lieber Bruder«, fuhr Hermacora fort, »die Habe geteilt, aber nicht die Frau und die Kinder, – von ihnen hast du mir meinen Teil noch nicht gegeben. Muß ich an ihnen nicht auch teilhaben? Und was soll ich anfangen ohne meinen Teil an der geliebten Schwägerin und meinen lieben Neffen? Gib mir also meinen Teil an der Frau und den Kindern und dann magst du in Frieden ziehen, dann werde ich zufrieden sein. Tust du anders, so gebe ich unter keinen Umständen zu, daß die Teilung stattfindet. Und solltest du, was Gott verhüten möge, nicht damit einverstanden sein, so schwöre ich, dich vor dem weltlichen Gericht zu belangen und mein Recht zu fordern, und wenn ich es von der Welt nicht erhalten kann, werde ich dich vor den Richterstuhl Christi fordern lassen, dem alles offenbar ist.« Andolfo lauschte gespannt auf die Worte seines Bruders und erstaunte darüber nicht wenig, und da er bedachte, mit welcher Herzenszärtlichkeit sie aus der lebendigen Quelle der Güte kamen, ward er verwirrt und vermochte nicht den Atem zu finden, um ein Wort der Entgegnung über die Lippen zu bringen. Es war eine Wandlung in ihm vorgegangen, das verhärtete Herz hatte sich erweicht, und so warf er sich denn schließlich vor dem Bruder auf die Erde und rief: »Hermacora, groß ist meine Torheit gewesen, groß meine Sünde, noch größer aber war dein Edelmut und deine Menschlichkeit! Jetzt erkenne ich meinen törichten Irrtum, jetzt sehe ich deutlich die trübe Wolke meines groben Verstandes. Es gibt keine Zunge, die geschickt und behend genug wäre, um auszudrücken, wie sehr ich eine harte Züchtigung verdient habe und es gibt keine noch so strenge und grausame Strafe, die mir nicht gebührte. Aber da die Sanftmut und Güte, die in deiner Brust wohnen und die Liebe, die du mir beweist und stets bewiesen hast, so groß sind, nehme ich meine Zuflucht zu dir, wie zu einer lebendigen Quelle und bitte dich um Verzeihung für alle meine Vergehen und verspreche dir, mich nie von dir zu trennen, sondern mich deinem Willen zu unterwerfen samt meinem Weibe und meinen Kindern, über die du verfügen sollst, als hättest du sie selbst gezeugt!« Darauf fielen sich die Brüder unter vielen Tränen, die ihnen aus den Augen stürzten, um den Hals und gelangten zu einer solchen Einigkeit, daß in Zukunft nie wieder ein gereiztes Wort zwischen ihnen fiel, und in solchem Frieden und solcher Eintracht lebten sie, daß die Söhne und Neffen nach ihrem Tode im Besitze eines großen Reichtums hinterblieben.

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