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Ergötzliche Nächte

Giovanni Francesco Straparola: Ergötzliche Nächte - Kapitel 18
Quellenangabe
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typenarrative
authorStraparola
titleErgötzliche Nächte
publisherVerlag Kurt Desch
printrun1. bis 10. Tausend
year1947
translatorHanns Floerke
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20090109
projectidc19533f9
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17

Die Spalatinerin Malgherita verliebt sich in Theodoro Calogero und durchschwimmt das trennende Wasser. Sie wird von ihren Brüdern entdeckt und ertrinkt, durch ein Licht getäuscht, auf jammervolle Weise.

Ragusa, die hochberühmte Stadt Dalmatiens, liegt am Meere und unweit davon liegt eine, gemeinhin Isola di mezzo genannte, kleine Insel, auf welcher sich ein festes wohlbegründetes Schloß befindet. Zwischen Ragusa und dieser Insel ragt eine Klippe aus dem Meere, auf der man weiter nichts antrifft als ein ganz kleines Kirchlein und eine ärmliche zur Hälfte mit Ziegeln gedeckte Hütte. Es wohnten daselbst keine Menschen, weil der Boden unfruchtbar und die Luft ungesund ist, mit Ausnahme eines gewissen Theodoro Calogero, der zur Abbüßung seiner Sünden mit frommer Hingebung jenes Gotteshaus versah. Da er keine Möglichkeit hatte, seinen Lebensunterhalt zu gewinnen, ging er bald nach Ragusa, bald nach der Isola di mezzo und bettelte. Und als Theodoro seiner Gewohnheit gemäß auf der Insel um Brot bettelte, geschah es eines Tages, daß er etwas fand, was er nimmermehr zu finden vermeint hatte. Denn es begegnete ihm eine schöne, liebreizende Jungfrau, Malgherita mit Namen, der es beim Anblick seiner männlichen Wohlgestalt und Stattlichkeit bedünken wollte, daß er doch vielmehr zum Genusse menschlicher Freuden als zur Einsamkeit geschaffen sei, und die ihn deswegen so innig in ihr Herz schloß, daß sie Tag und Nacht keinen anderen Gedanken hatte als ihn. Calogero, der sich dessen nicht versah, setzte seine Bettelgänge fort, und erschien häufig in Malgheritas Haus, um Almosen zu erbitten. Malgherita, die von Liebe zu ihm entbrannt war, ließ ihn nicht umsonst bitten, doch wagte sie nicht, ihm ihre Liebe zu entdecken. Schließlich aber gab ihr Amor, der getreue Hort aller, die seinen Spuren folgen, und der allezeit sichere Führer zu dem ersehnten Ziele, den nötigen Mut, und sie trat an ihn heran und sprach folgendermaßen zu ihm: »Bruder Theodoro, einziger Trost meiner Seele, mich quält eine so heftige Liebe zu Euch, daß Ihr mich bald entseelt sehen werdet, wenn Ihr mir keine Hilfe leiht. Von Liebe zu Euch entflammt, vermag ich den Liebesgluten nicht länger Widerstand zu leisten, helft mir, so schnell wie möglich, sonst tragt Ihr Schuld an meinem Tode!« Nach diesen Worten brach sie in ein heftiges Weinen aus. Calogero aber, der bis dahin noch nicht dahinter gekommen war, daß sie ihn liebte, stand blöde da und wußte sich nicht zu helfen. Nachdem er sich indessen ein wenig gefaßt hatte, begann er ein Gespräch mit ihr, und es gab solange ein Wort das andere, bis sie die himmlischen Dinge beiseite ließen und sich den verliebten zuwandten, wobei ihnen dann nichts Wichtigeres mehr zu bedenken übrigblieb, als die Ermittlung einer Gelegenheit, zusammenzukommen, um ihre sehnsüchtige Begierde zu stillen. »Verlaßt Euch darauf, Geliebter«, sagte die kluge Jungfrau zu ihm, »daß ich Euch den Weg zeigen werde, den wir einschlagen müssen. Es ist der folgende: Ihr stellt in der vierten Stunde dieser Nacht ein brennendes Licht an das Fenster Eurer Hütte und sobald ich es erblickt habe, komme ich zu Euch.« »Wie gedenkst du aber über das Meer zu kommen, liebe Tochter?« wandte Theodoro ein. »Du weißt, daß weder ich noch du ein Boot zur Überfahrt besitzen, und daß es unsere Ehre und unser beider Leben in große Gefahr bringen würde, wollten wir uns anderen anvertrauen.« »Seid unbesorgt«, erwiderte die Jungfrau, »und laßt mich machen, denn ich weiß ein Mittel zu Euch zu gelangen, ohne Gefahr für Ehre und Leben: Sobald ich das brennende Licht erspäht habe, komme ich schwimmend zu Euch herüber, und kein Mensch erfährt etwas von unserem Tun.« Auch seine ferneren Einwürfe: »Du läufst aber Gefahr zu ertrinken, da du als ein so junges, zartes Mädchen unmöglich Kraft und Atem genug haben wirst, dich die weite Strecke hindurch über Wasser zu halten«, wußte sie mit den Worten zu beschwichtigen: »Ich fürchte nicht, daß mir der Atem ausgeht; denn ich könnte mit einem Fische um die Wette schwimmen.« Calogero gab am Ende dem festen Willen der Jungfrau nach und sobald die finstere Nacht hereingebrochen war, zündete er ihrer Weisung gemäß das Licht an, legte ein schneeweißes Leintuch zurecht und erwartete überglücklich das ersehnte Mädchen. Malgherita hatte zu ihrer innigsten Freude nicht sobald das Lichtzeichen entdeckt, als sie ihre Kleider von sich warf und sich barfuß und im bloßen Hemde allein an das Ufer des Meeres schlich, wo sie sich auch der letzten Hülle entledigte, sie, wie man es dort tut, um den Kopf wickelte und sich in die Fluten warf. Und so wohl wußte sie ihre Arme und Beine zum Schwimmen zu rühren, daß sie in weniger als einer Viertelstunde bei der Hütte des sie erwartenden Calogero anlangte. Theodoro nahm das Mädchen, sowie er es erblickte, bei der Hand, führte es in seine schlecht gedeckte Behausung, wo er mit dem schneeweißen Leintuch eigenhändig jedes Fleckchen ihres Körpers trocknete. Dann geleitete er sie in seine kleine Zelle, legte sie auf ein schmales Bett, lagerte sich neben sie und genoß mit ihr die letzten Früchte der Liebe. Nachdem die beiden Liebenden zwei gute Stunden in süßen Gesprächen und innigen Umarmungen hingebracht hatten, verließ das Mädchen hochbefriedigt und glücklich den Einsiedler, doch nicht ohne sich mit ihm über die nächste Zusammenkunft verständigt zu haben. Und jedesmal, wenn Malgherita, welche die süße Speise des Einsiedlers nicht mehr entbehren konnte, das Licht erschaute, schwamm sie zu ihm hinüber. Aber das treulose, blinde Schicksal, das die Herrschaft der Könige dem Wechsel unterwirft, alles auf dieser Welt wandelt und jedem Glücklichen feind ist, litt nicht, daß Malgherita sich lange ihres teuern Geliebten erfreute, sondern trat, neidisch auf der beiden Glück, dazwischen und vereitelte alle ihre Absichten. Denn eines Nachts, als die Luft ringsherum von einem lästigen Nebel erfüllt war, warf sich die Jungfrau, die das Licht hatte schimmern sehen, ins Meer und ward beim Schwimmen von einigen Fischern, die in der Nähe fischten, wahrgenommen. Im Glauben, der schwimmende Körper sei ein Fisch, sahen sie gespannt hin, erkannten, daß es eine Frau war und sahen sie in der Hütte des Einsiedlers verschwinden. Höchlich darob verwundert, ruderten sie nunmehr bis dicht an die Einsiedelei heran und blieben in der Nacht solange verborgen, bis das Mädchen sie wieder verließ und nach der Isola di mezzo zurückschwamm. Die Unglückliche vermochte sich aber nicht so zu verbergen, daß sie von den Fischern nicht erkannt worden wäre. Nachdem die Fischer also das Mädchen entdeckt und erkannt hatten, wer es war, nachdem sie ferner mehrmals die gefahrvolle Überquerung des Meeres gesehen und die Bedeutung des angezündeten Lichtes begriffen hatten, beschlossen sie mehrmals untereinander, die Sache geheimzuhalten. Als sie später jedoch die Schande bedachten, welche für die ehrbare Familie daraus erwachsen konnte und die Todesgefahr, in welche das junge Mädchen sich begab, wurden sie anderen Sinnes und entschlossen sich, den Brüdern Malgheritas unter allen Umständen ihre Beobachtungen mitzuteilen. Und so suchten sie das Haus der Brüder des Mädchens auf und erzählten ihnen alles Punkt für Punkt. Als die Brüder die betrübende Nachricht hörten, vermochten sie nicht daran zu glauben und wollten sich zuvor mit eigenen Augen von ihrer Richtigkeit überzeugen. Nachdem sie aber die Gewißheit erlangt hatten, kamen sie überein, sie sterben zu lassen, und zwar faßten sie folgenden Plan und setzten ihn ins Werk: In der Dämmerung des Abends bestieg der jüngere Bruder ein Boot, fuhr allein in aller Heimlichkeit zu Calogero und ersuchte ihn, ihn für diese Nacht bei sich zu beherbergen, weil ihm ein Unfall zugestoßen sei, um dessentwillen er Gefahr laufe, von den Gerichten verhaftet und zum Tode verurteilt zu werden. Calogero, der wußte, daß er Malgheritas Bruder vor sich hatte, nahm ihn freundlich und liebreich auf, verbrachte die ganze Nacht mit ihm in mannigfachen Gesprächen und setzte ihm das Elend alles Irdischen und die schweren Sünden auseinander, welche die Seele ertöten und zur Sklavin des Teufels machen. Während also der jüngste der Brüder bei Calogero weilte, verließen die anderen heimlich ihre Wohnung, nahmen eine Segelstange und ein Licht, bestiegen ein Boot und fuhren auf die Hütte des Einsiedlers zu. In ihrer Nähe angelangt, richteten sie die Segelstange auf, befestigten die angezündete Laterne daran und warteten ab, was erfolgen werde. Das Mädchen hatte kaum das brennende Licht erspäht, so vertraute sie sich, wie sie es gewohnt war, dem Meere an und schwamm rüstig der Hütte ihres Geliebten zu. Ihre Brüder aber, die regungslos auf der Lauer lagen, griffen, sowie sie das Geräusch hörten, das Malgherita im Wasser machte, zu ihren Rudern und entfernten sich ganz langsam und geräuschlos mit dem brennenden Licht von der Hütte, ohne von der Schwester gehört oder in der Finsternis der Nacht gesehen zu werden. Das arme Mädchen sah nichts als das Licht und folgte ihm. Die Brüder aber entfernten sich allmählich so weit, daß sie sie auf die offene See hinaus: lockten, worauf sie die Segelstange einzogen und das Licht auslöschten. Als Malgherita das Licht nicht mehr erblickte und nicht mehr wußte, wo sie war, geriet sie in große Bestürzung und gab sich für verloren, da sie sich außer dem Bereich aller menschlichen Hilfe sah. So verschlang das Meer die von der langen Anstrengung des Schwimmens Ermattete wie ein geborstenes Schiff, überzeugt, daß es eine Rettung für ihre Schwester nicht mehr gab, verließen die Brüder die Unglückliche mitten auf dem Meere und kehrten nach Hause zurück. Als es Tag geworden war, dankte der jüngste Bruder Calogero für seine gastliche Aufnahme und verließ ihn. Bald verbreitete sich im ganzen Kastell die Kunde, Malgherita Spolatina werde vermißt. Die Brüder taten so, als wären sie darüber aufs äußerste betrübt, doch in ihren Herzen waren sie sehr erfreut. Erst mit dem Ausgang des dritten Tages warf das Meer den Leichnam der Unglückseligen an Calogeros Ufer aus. Als dieser ihn gefunden und erkannt hatte, hätte er sich beinahe das Leben genommen. Doch ergriff er ihn bei einem Arm und zog ihn, ohne daß jemand es gesehen hätte, aus dem Wasser und trug ihn in sein Haus, wo er sich über das bleiche Antlitz der Geliebten warf und lange Zeit ihren Verlust beweinte, indem seine Tränen im Übermaß auf ihre weiße Brust hinabrannen und er immer wieder vergeblich ihren Namen rief. Nachdem er sich aber satt geweint hatte, beschloß er ihr ein würdiges Grab zu geben und durch Gebete, Fasten und andere gottselige Werke ihrer Seele zu helfen. Er nahm deshalb den Spaten zur Hand, mit dem er hie und da sein Gärtchen umzugraben pflegte, hob in seinem Kirchlein eine Grube aus, drückte der Toten unter vielen Tränen Augen und Mund zu, wand einen Kranz von Rosen und Veilchen, setzte ihn ihr aufs Haupt und senkte sie, indem er sie küßte und segnete, in das Grab und bedeckte sie mit Erde. Auf solche Weise wurde die Ehre der Brüder und der Schwester gerettet und niemals verlautete, was aus Malgherita Spolatina geworden war.

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