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Ergötzliche Nächte

Giovanni Francesco Straparola: Ergötzliche Nächte - Kapitel 16
Quellenangabe
pfad/straparo/ergoetzl/ergoetzl.xml
typenarrative
authorStraparola
titleErgötzliche Nächte
publisherVerlag Kurt Desch
printrun1. bis 10. Tausend
year1947
translatorHanns Floerke
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20090109
projectidc19533f9
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15

Zwei Gevattern, die sich lieben, betrügen einander mit ihren Frauen und genießen sie schließlich gemeinsam.

Lang ist's her, da lebten in der berühmten alten Stadt Genua zwei Gevattern, von denen der eine, ein sehr reicher, aber den Freuden der Welt ergebener Mann, Messer Liberale Spinola hieß, während sich der andere, der ganz im Kaufhandel aufging, Messer Arthilao Sara nannte. Diese liebten einander sehr, und so groß war ihre Liebe, daß sie beinahe nicht ohne einander leben konnten. Und wenn der eine irgend etwas benötigte, so nahm er unverzüglich und ohne weiteres die Hilfe des anderen in Anspruch. Da nun Messer Arthilao Großkaufmann war und für eigene wie für anderer Leute Rechnung Geschäfte machte, beschloß er einmal eine Reise nach Syrien zu machen. Er suchte daher seinen inniggeliebten Gevatter Messer Liberale auf und sagte liebevoll und kindlichen Herzens zu ihm: »Gevatter, Ihr wißt – es ist das ja auch allgemein bekannt – wie groß die Liebe ist, die zwischen uns herrscht, und wie große Stücke ich sowohl infolge unserer langjährigen Freundschaft, wie auch wegen des Gevatterschaftsgelübdes, das wir abgelegt, auf Euch halte. Da ich nun beschlossen habe, nach Syrien zu gehen und niemand besitze, dem ich mehr vertrauen könnte als Euch, wende ich mich ganz dreist und vertrauensvoll an Euch, damit Ihr mir einen Gefallen tut, und obwohl meine Zumutung Euch keine geringe Unannehmlichkeit verursachen wird, hoffe ich doch von Eurer Güte und dem zwischen uns herrschenden Wohlwollen, daß Ihr ihn mir nicht abschlagen werdet.« Messer Liberale, der nichts lieber wünschte, als seinem Gevatter etwas Angenehmes zu erweisen, sagte ohne Umschweife: »Messer Arthilao, mein lieber Gevatter: die lautere und gegenseitige Liebe, die zwischen uns herrscht, und unsere Gelübde erfordern nicht soviel Worte; sagt mir Euren Wunsch frei heraus und verfügt nach Belieben über mich; denn ich werde alles tun, was Ihr mir auftragt.« Da sagte Messer Arthilao: »Es wäre mir sehr lieb, wenn Ihr es auf Euch nehmen würdet, für mein Haus und ebenso für meine Frau zu sorgen und sie mit allem zu versehen, dessen sie bedarf, und soviel Ihr für sie ausgebt, soviel werde ich Euch bei Heller und Pfennig wieder zurückerstatten.« Als Messer Liberale den Wunsch seines Gevatters vernommen hatte, dankte er ihm zuerst für seine gute Meinung, die er von ihm hatte, und für seine Schätzung und versprach ihm dann bereitwillig, den Auftrag nach Maßgabe seiner schwachen Kräfte auszuführen. Als die Zeit der Abreise gekommen war, befrachtete Messer Arthilao ein Schiff mit seinen Waren, befahl seine Frau Daria, die im dritten Monat schwanger war, der Hut des Gevatters, bestieg das Schiff, verließ Genua mit günstigem Winde und segelte seinem Ziele zu. Als nun Messer Arthilao fort und auf seiner Fahrt begriffen war, suchte Messer Liberale seine geliebte Gevatterin Daria auf und sagte zu ihr: »Gevatterin, Messer Arthilao, Euer Gatte und mein treuester Gevatter, hat mich vor seiner Abreise aufs dringlichste gebeten, mich seiner Angelegenheiten und Eurer Person anzunehmen und Euch mit allem zu versehen, dessen Ihr bedürfen würdet. In Anbetracht der Liebe, die zwischen uns geherrscht hat und noch herrscht, habe ich ihm versprochen, alles zu tun, was er mir aufgetragen. Darum habe ich hier jetzt auch vorgesprochen, damit Ihr, falls es Euch an irgend etwas fehlt, es mich unbedenklich wissen lasset.« Madonna Daria, die von Natur sehr liebenswürdig war, dankte ihm aufs wärmste und bat ihn, für sie zu sorgen, und Messer Liberale versprach es. Als nun Messer Liberale im Hause seiner Gevatterin aus- und einging und es ihr an nichts fehlen ließ, erkannte er, daß sie schwanger sei, tat jedoch, als wisse er es nicht und sagte zu ihr: »Wie fühlt Ihr Euch, Gevatterin? Die Abwesenheit Messer Arthilaos, Eures Gatten, ist Euch wohl unbehaglich!« »Gewiß, Herr Gevatter«, antwortete Madonna Daria, »und aus vielen Gründen, vor allem aber wegen der Umstände, in denen ich mich befinde.« »In welchen Umständen befindet Ihr Euch denn?« fragte Messer Liberale. »Ich bin im dritten Monat schwanger«, antwortete Madonna Daria, »und habe solche Schmerzen, wie ich sie noch nie gehabt.« Als der Gevatter dies hörte, sagte er: »Ihr seid also schwanger, Gevatterin?« »Ich möchte, Ihr wärt's, Gevatter, und ich wäre frei«, antwortete Madonna Daria. Als Messer Liberale dieses Thema mit der Gevatterin noch weiter spann und sie so schön, frisch und rundlich sah, verliebte er sich dermaßen in sie, daß er Tag und Nacht an nichts anderes dachte als daran, seinen unehrbaren Wunsch zur Erfüllung zu bringen, – doch hielt ihn die Liebe zu seinem Gevatter ein wenig zurück. Doch von seiner glühenden Liebe, die ihn fast vergehen ließ, getrieben, ging er schließlich zu ihr und sagte: »Wie tut es mir doch leid, Gevatterin, daß Messer Arthilao fortgereist ist und Euch schwanger zurückgelassen hat; denn infolge seiner schnellen Abreise kann er leicht vergessen haben, das Wesen, das Ihr unterm Herzen tragt, zu vollenden. Und daher kommen vielleicht die Schmerzen, die Ihr habt.« »Meint Ihr wirklich, lieber Gevatter«, erwiderte Madonna Daria, daß dem Kinde in meinem Leibe irgendein Glied fehlt und ich deswegen so leiden muß?« »Gewiß ist das meine Meinung«, antwortete Messer Liberale, »und ich bin überzeugt, daß Messer Arthilao, mein Gevatter, es unterlassen hat, ihm alle seine Glieder zu vollenden. Solche Unterlassungen sind nämlich die Ursache, daß der eine mit einem kurzen Fuß, der andere gelähmt, ein dritter mit dem und ein vierter mit jenem Fehler zur Welt kommt.« »Was Ihr da sagt, Gevatter, geht mir sehr durch den Kopf«, sagte darauf die Gevatterin, »aber was könnte ich dagegen tun, damit mir solches nicht widerführe?« »Ah, liebe Gevatterin, seid guten Mutes und beunruhigt Euch nicht darüber«, sagte Messer Liberale; »denn für alles gibt es Heilmittel, außer für den Tod. »Dann bitte ich Euch, lieber Gevatter, bei der Liebe, die Ihr zu meinem Manne hegt, gebt mir dieses Heilmittel, und je schneller ihr es mir gebt, desto mehr werde ich Euch verpflichtet sein; seid nicht die Ursache, daß das kleine Wesen mit einem Fehler zur Welt kommt!« Als Messer Liberale sah, daß er seine Gevatterin dahin gebracht hatte, wohin er wollte, sagte er: »Gevatterin, es wäre eine große Gemeinheit, wenn der Freund, so er den Freund in Gefahr sieht, ihm keine Hilfe bringen würde. Da ich nun das Fehlende an dem Kinde zu ergänzen vermag, wäre ich ein Verräter an Euch und würde Euch ein großes Unrecht zufügen, wenn ich Euch nicht helfen würde.« »So zögert nicht länger, lieber Gevatter«, rief Madonna Daria, »damit das Kind in seiner Entwicklung nicht gehemmt werde! Abgesehen von der Schädigung wäre dies keine kleine Sünde.« »Zweifelt nicht im geringsten, Gevatterin, ich werde Euch in jeder Beziehung hilfreich sein!« versicherte Messer Liberale. »Befehlt der Magd, daß sie den Tisch decke, inzwischen wollen wir dann mit der Ergänzung beginnen.« Während die Magd das Mittagessen vorbereitete, ging Messer Liberale mit der Gevatterin ins Schlafgemach, verschloß die Tür und begann sie zu liebkosen und zu küssen, wie es noch nie ein Mann einer Frau getan. Als Madonna Daria dies sah, verwunderte sie sich sehr und sagte: »Wie, Messer Liberale, treiben die Gevattern solche Dinge mit den Gevatterinnen? Weh mir Unglücklichen, das ist eine gewaltige Sünde! Wäre es das nicht, so würde ich Euch gern zu Willen sein.« Da antwortete Messer Liberale: »Was ist eine größere Sünde: bei seiner Gevatterin zu liegen oder die Frucht unvollkommen geboren werden zu lassen?« »Ich glaube, es ist eine größere Sünde, wenn sie durch Schuld der Eltern unfertig zur Welt kommt«, antwortete die Frau. »Also«, erwiderte Messer Liberale, »würdet Ihr eine große Sünde begehen, wenn Ihr mich das nicht ausführen lassen wolltet, was Euer Gatte versäumt hat.« Die Frau, die den Wunsch hatte, daß das Kind vollkommen geboren werde, glaubte den Worten des Gevatters, und ließ sich trotz der Gevatterschaft herbei, seinen Lüsten zu dienen, und so fanden sie sich noch gar oft zusammen. Der Frau gefiel die Vollendung der unvollkommenen Glieder sehr wohl und sie bat den Gevatter, ja nicht in die Unterlassungssünde ihres Gatten zu verfallen. Und der Gevatter, dem der Bissen schmeckte, bemühte sich auf jede Weise Tag und Nacht für die Ergänzung des Kindes zu sorgen, auf daß es ohne Fehl zur Welt komme. Als die Stunde der Geburt erschienen war, genas Madonna Daria eines Knaben, der in allem seinem Vater glich und so wohlgebildet war, daß kein Glied an ihm auch nur den geringsten Mangel aufwies. Sie war daher voller Freude und dankte dem Gevatter, der die Ursache dieses großen Glückes gewesen war. Es verging nicht lange Zeit, und Messer Arthilao kehrte nach Genua zurück. Zu Hause angekommen, fand er seine Gattin, die ihm strahlend und glücklich mit dem Kind auf dem Arm entgegenkam, gesund und schön wieder, und sie umarmten und küßten sich aufs innigste. Als Messer Liberale von der Ankunft des Gevatters gehört hatte, suchte er ihn sofort auf und umarmte ihn, erfreut über seine glückliche Rückkehr und sein Wohlbefinden. Als sich nun eines Tages Messer Arthilao mit seiner Frau bei Tisch befand und das Kind liebkoste, sagte er: »O Daria, wie schön ist doch dieses Kind! Hast du je ein wohlgebildeteres gesehen? Schau, welch ein Anblick, welch ein Gesicht, betrachte diese Augen, die wie Sterne leuchten!« und so rühmte er alle seine Glieder einzeln. Da antwortete Madonna Daria: »Gewiß zeigt es keinen Mangel, aber das ist nicht Euer Werk allein, lieber Gatte; denn als Ihr abreistet, ließet Ihr mich, wie Ihr wißt, im dritten Monat schwanger zurück, und das Kind unter meinem Herzen hatte noch unvollkommene Glieder, was mir in meiner Schwangerschaft heftige Schmerzen verursachte. Wir müssen uns daher bei Messer Liberale, unserem Gevatter, bedanken, der mit Eifer und Fleiß durch seine Kunst der Unvollkommenheit des Kindes zu Hilfe kam und es in allen jenen Teilen ergänzte, an denen Ihr es hattet fehlen lassen.« Als Messer Arthilao die Worte seiner Frau aufmerksam angehört hatte, ohne daß ihm eines entgangen wäre, wurde er nachdenklich; denn sie gaben ihm einen Stich ins Herz, war er sich doch sofort darüber klar, daß Messer Liberale ihn hintergangen und seine Frau mißbraucht hatte. Als kluger Mann aber tat er, als habe er nichts gehört, schwieg über diesen Punkt und lenkte das Gespräch auf einen anderen Gegenstand. Nachdem Messer Arthilao von Tisch aufgestanden war, begann er bei sich selbst das sonderbare schimpfliche Verhalten des Gevatters zu überdenken, den er mehr als irgendeinen anderen liebte, und sann Tag und Nacht darüber nach, auf welche Weise er sich für die erlittene Kränkung rächen könne. Schwermütig gab er sich solchen Gedanken hin und wußte nicht, wie er es anfangen solle, schließlich aber kam ihm ein Gedanke, den er ausführte und der den gewünschten Erfolg hatte. »Daria«, sagte er daher zu seiner Frau, »sorge morgen für ein reicheres Mittagessen; denn ich will, daß Messer Liberale und Madonna Propertia, seine Frau und unsere Gevatterin, bei uns zu Gaste seien, aber, wenn dir dein Leben lieb ist, so verliere kein Wort über das, was du vielleicht sehen und hören könntest, sondern ertrage es geduldig.« Madonna Daria versprach, so zu tun. Darauf verließ er das Haus, ging auf den Platz, wo er Messer Liberale, seinen Gevatter, traf, und lud ihn mit seiner Frau, Madonna Propertia, für den folgenden Tag zum Mittagessen ein, und dieser nahm die Einladung mit Dank an. Am nächsten Tag begaben sich Gevatter und Gevatterin in das Haus Messer Arthilaos, wo sie freundlich bewillkommnet wurden. Als sie nun alle zusammen waren und über verschiedenerlei sprachen, sagte Messer Arthilao: »Liebe Gevatterin, während die Speisen gar werden und der Tisch gedeckt wird, sollt Ihr Euch eine Vorspeise bereiten.« Damit führte er sie in ein Kämmerlein und reichte ihr ein Glas voll mit Opium versetzten Weines; sie brockte sich Biskuit hinein und genoß das ganze ohne jeden Argwohn. Dann gingen sie zum Essen und tafelten vergnügt. Kaum aber waren sie damit fertig, als Madonna Propertia von solchem Schlaf überfallen wurde, daß sie kaum die Augen offen zu halten vermochte. Als Messer Arthilao dies sah, sagte er: »Ruht Euch ein wenig aus, Gevatterin, vielleicht habt Ihr die vergangene Nacht schlecht geschlafen?« Und er führte sie in ein Kämmerlein, wo sie sich auf ein Bett warf und alsbald einschlief. Besorgt, die Kraft des Schlaftrunks möchte aufhören, bevor er in der Lage gewesen sei, sein geheimes Vorhaben auszuführen, rief er Messer Liberale und sagte zu ihm: »Gevatter, gehen wir und lassen wir die Gevatterin schlafen, solange sie Lust hat; da sie sich vielleicht allzu früh erhoben hat, bedarf sie der Ruhe.« Sie gingen also zusammen fort, und als sie auf dem Platze angekommen waren, schützte Messer Arthilao die Erledigung einiger Geschäfte vor, verabschiedete sich von seinem Gevatter und kehrte heimlich nach Hause zurück, wo er leise in die Kammer ging, in der die Gevatterin lag, sich ihr näherte, und als er sah, daß sie süß schlummerte, ihr, ohne daß es jemand gesehen, noch sie etwas davon gemerkt hätte, die Ringe von den Fingern zog und die Perlenschnur vom Halse löste und dann die Kammer verließ. Nachdem der Schlaftrunk seine Kraft verloren hatte, wachte Madonna Propertia auf, und als sie das Bett verlassen wollte, bemerkte sie das Fehlen der Ringe und Perlen. Sie erhob sich sofort, suchte hier, suchte dort, kehrte das Unterste zuoberst, fand jedoch nichts. Daher verließ sie ganz bestürzt die Kammer und fragte Madonna Daria, ob sie nicht zufällig ihre Perlen und Ringe gesehen oder verwahrt habe. Diese verneinte, und Madonna Propertia war infolgedessen sehr betrübt. Während sich die Arme nun dem Schmerz über diesen Verlust hingab und nicht wußte, was sie machen sollte, erschien Messer Arthilao, und als er die Gevatterin so traurig und verstimmt sah, fragte er: »Was habt Ihr, liebe Gevatterin, daß Ihr Euch so sehr grämt?« Madonna Propertia erzählte ihm alles. Messer Arthilao tat, als wisse er von nichts, und sagte: »Sucht fleißig, liebe Gevatterin, und denkt nach, ob Ihr sie nicht vielleicht an irgendeinen Ort gelegt habt, an den Ihr Euch nicht mehr erinnert, möglicherweise findet Ihr sie dann, doch solltet Ihr sie nicht finden, so verspreche ich Euch auf mein Wort, als guter Gevatter, daß ich solche Vorkehrungen treffen werde, daß es dem schlecht ergehen wird, der sie gestohlen hat: Aber bevor irgend etwas unternommen wird, sucht sorgfältig überall nach.« Die Gevatterinnen und die Mägde suchten und suchten wieder das ganze Haus ab und stellten alles auf den Kopf, fanden jedoch nichts. Als Messer Arthilao dies sah, begann er großen Lärm im Hause zu schlagen und beschuldigte bald den, bald jenen, doch alle schworen, sie wüßten von nichts. Schließlich wandte er sich zu Madonna Propertia und sagte: »Liebe Gevatterin, grämt Euch nicht, seid vielmehr guten Mutes; denn ich bin im Besitze eines Geheimnisses von solcher Kraft, daß ich damit jeden, der die Schmuckstücke gestohlen, wer es auch sei, entdecken werde.« Als Madonna Propertia dies hörte, sagte sie: »O Herr Gevatter, tut mir bitte den Gefallen und macht das Experiment, damit Messer Liberale nicht argwöhnisch auf mich werde und Schlechtes von mir denke.« Wie nun Messer Arthilao sah, daß der günstige Zeitpunkt gekommen sei, sich für die erlittene Unbill zu rächen, rief er seiner Frau und den Mägden zu, sie sollten die Kammer verlassen und keine solle es wagen, sich ihr zu nähern, bevor sie gerufen werde. Als die Frau und die Mägde draußen waren, verschloß Messer Arthilao die Kammer, machte mit Kohle einen Kreis auf den Boden, schrieb einige Zeichen und Zaubercharaktere eigener Erfindung hinein, stellte sich in die Mitte des Kreises und sagte zu Madonna Propertia: »Liebe Gevatterin, haltet still im Bett und bewegt Euch nicht, fürchtet Euch auch vor nichts, was Ihr etwa hört; denn ich weiche nicht von Euch, bevor ich nicht die Juwelen gefunden habe.« »Zweifelt nicht an mir«, erwiderte die Gevatterin, »ich werde mich nicht rühren noch irgend etwas tun, ohne daß Ihr es mir befehlt.« Jetzt wandte sich Messer Arthilao nach rechts und schrieb einige Zeichen auf den Boden, dann nach links und machte einige Zeichen in die Luft, dann tat er, als spreche er mit vielen Gestalten, und erfand mannigfaltige und seltsame Worte, so daß Madonna Propertia etwas unbehaglich zumute wurde. Aber der Herr Gevatter, der dies bemerkte, sprach ihr Mut ein und ermahnte sie, nicht zu erschrecken. Nachdem er die Hälfte einer Viertelstunde in dem Kreise verweilt hatte, ließ er eine knurrende Stimme laut werden, die folgende Worte sprach:

»Was du nicht finden kannst und suchst in Sorgen,
Ruht in des haarumbuschten Tales Gründen:
Die es verloren, hält es dort verborgen,
Drum suche eifrig, und du wirst es finden!«

Über diese Worte empfand Madonna Propertia ebensolches Vergnügen wie Verwunderung. Als der Zauber beendet war, sagte Messer Arthilao zu ihr: »Gevatterin, Ihr habt alles gehört: die verloren geglaubten Juwelen ruhen in Eurem Schoße. Drum seid vergnügt und guten Mutes, denn wir werden alles wiederfinden. Doch ist es nötig, daß ich an der angegebenen Stelle nachsuche.« Die Gevatterin, die ihren Schmuck wieder zu haben wünschte, antwortete erfreut: »Ich habe alles wohl vernommen, lieber Gevatter, sucht nur so sorgfältig wie möglich nach.« Da verließ Messer Arthilao den Kreis, ging ans Bett und legte sich zur Gevatterin, die sich nicht rührte. Und nachdem er ihr die Gewänder und das Hemd in die Höhe gestreift, begann er im haarumbuschten Tal zu fischen. Unterdessen zog er, ohne daß sie es merkte, einen Ring aus seinem Busen und überreichte ihn ihr mit den Worten: »Da seht, liebe Gevatterin, wie gut ich gefischt habe, daß ich gleich beim erstenmal den Diamanten gefangen.« Als die Gevatterin den Diamanten erblickte, freute sie sich sehr und bat: »Oh, mein trauter Gevatter, fischt weiter, vielleicht findet Ihr auch die anderen Juwelen!« Und indem der Gevatter tapfer mit Fischen fortfuhr, fand er bald dies, bald jenes Schmuckstück und holte schließlich mit seinem Angelhaken alle die verlorenen Gegenstände heraus, was die Gevatterin mit großer Genugtuung und Zufriedenheit erfüllte. Als sie nun all ihre teuren Kleinodien wieder hatte, sagte sie: »Oh, mein geliebter Gevatter, Ihr habt mir soviel wiederverschafft, tut mir doch die Liebe und seht zu, ob Ihr nicht zufällig beim Fischen einen sehr schönen kleinen Eimer wiederfinden könnt, der mir vor einigen Tagen gestohlen wurde und mir sehr teuer war.« »Sehr gerne«, antwortete Messer Arthilao. Und er warf von neuem die Angel in dem haarumbuschten Tal aus und bemühte sich so lange, daß er den kleinen Eimer berührte, hatte aber nicht soviel Kraft, ihn herauszuziehen. Als er nun sah, daß er sich vergeblich abmühte, sagte er: »Liebe Gevatterin, ich habe das Eimerchen gefühlt und es unzweifelhaft berührt, da es jedoch mit dem Boden nach oben gekehrt ist, hat der Haken nicht fassen können und ich vermag es daher nicht herauszuziehen.« Madonna Propertia, die es zu haben wünschte und der das Spiel außerordentlich gefiel, wollte ihn überreden, noch einmal zu fischen. Aber Messer Arthilao, dem das Öl in der Lampe bereits so sehr mangelte, daß sie nicht mehr brannte, sagte: »Gevatterin, wisset, daß an dem Haken, mit dem wir bis jetzt gefischt haben, die Spitze abgebrochen ist und nicht mehr gebraucht werden kann, habt daher für den Augenblick Geduld. Morgen werde ich ihn zum Schmied schicken, der ihm eine neue Spitze machen wird, und dann wollen wir in aller Ruhe nach dem Eimerchen fischen.« Sie gab sich zufrieden, verabschiedete sich vom Gevatter und der Gevatterin und kehrte vergnügt nach Hause zurück. Als nun Madonna Propertia eines Nachts zusammen mit ihrem Mann im Bett lag und sie scherzhafter Gespräche pflogen (wobei auch er beständig im haarumbuschten Tale fischte), sagte sie zu ihm: »O lieber Gatte, tut mir die Liebe und paßt auf, ob Ihr beim Fischen nicht vielleicht den kleinen Eimer findet, der uns vor einigen Tagen abhanden kam; denn als ich vorgestern meinen Schmuck verloren hatte, hat Messer Arthilao, unser Gevatter, in diesem Tal gefischt und alles wiedergefunden. Ich bat ihn daher, er möchte auch nach dem verlorenen Eimerchen fischen, und er sagte, er habe es berührt, doch nicht zu fassen vermocht, da es mit dem Boden nach oben liege und sein Haken infolge des vielen Fischens die Spitze verloren habe. Macht daher bitte auch Ihr den Versuch, ob Ihr seiner habhaft werden könnt.« Da wußte Messer Liberale, daß sein Gevatter ihn mit gleicher Münze bezahlt hatte, er schwieg daher und ertrug geduldig den Schimpf. Als sich am anderen Morgen die beiden Gevattern auf dem Platze trafen, schaute der eine den anderen fragend an, doch getraute sich keiner das erste Wort zu sprechen. Bei diesem Schweigen blieb es, und schließlich erfreuten sie sich ihrer Frauen, ohne ihnen gegenüber ein Wort über die Angelegenheit zu verlieren, gemeinsam, und jeder gab dem anderen Gelegenheit, sich mit seiner Frau zu vergnügen.

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