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Ergötzliche Nächte

Giovanni Francesco Straparola: Ergötzliche Nächte - Kapitel 13
Quellenangabe
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typenarrative
authorStraparola
titleErgötzliche Nächte
publisherVerlag Kurt Desch
printrun1. bis 10. Tausend
year1947
translatorHanns Floerke
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20090109
projectidc19533f9
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12

Bertoldo von Valsabbia hat drei Söhne, die alle bucklig sind und einander gleichen; einer von ihnen heißt Zambone und zieht aus, sein Glück zu suchen. Er kommt nach Rom, wo er totgeschlagen und samt seinen beiden Brüdern in den Tiber geworfen wird.

Bertoldo von Valsabbia (im Gebiet von Bergamo) hatte drei Söhne, die alle drei bucklig waren und einander so sehr glichen, daß es ebenso unmöglich war, sie auseinanderzukennen, wie drei schlaffe Säcke. Der eine von ihnen hieß Zambone, der zweite Bertaccio und der dritte Santo. Zambone, der älteste, zählte noch keine sechzehn Jahre. Als er erfahren hatte, daß Bertoldo, sein Vater, infolge der großen Teuerung, die in jener Gegend und überhaupt allerorten herrschte, ein kleines Gütchen verkaufen wolle, das er geerbt hatte – gibt es doch in jenem Landstrich wenige oder niemand, der nicht ein Stückchen Land besäße –, um seine Familie ernähren zu können, wandte er sich als der älteste an seine jüngeren Brüder Bertaccio und Santo und sprach folgendermaßen zu ihnen: »Meine lieben Brüder, damit unser Vater nicht das bißchen Land, das er besitzt, und das uns nach seinem Tode den Unterhalt gewähren soll, veräußere, wäre es wohlgetan, Ihr ginget in die Welt hinaus, um eine Kleinigkeit zu verdienen, wodurch sich unsere Familie über Wasser halten ließe, ich würde dann mit dem Alten daheim bleiben und für ihn sorgen. So könnten wir Kosten vermeiden, und unterdessen würde die Teuerung vorübergehen.« Da erwiderten Bertaccio und Santo, die jüngeren Brüder, die nicht weniger verschlagen und schlecht waren wie Zambone: »Lieber Bruder Zambone, du hast uns so unvermittelt mit deinem Vorschlag überfallen, daß wir nicht wissen, was wir dir antworten sollen, laß uns diese ganze Nacht Zeit, die Sache zu überlegen, dann werden wir dir morgen antworten.« Die beiden Brüder Bertaccio und Santo waren gleichzeitig geworfen worden und zusammen Zambone an Verstand überlegen. Und war Zambone ein zweiundzwanzigkarätiger Schurke, so waren sie sechsundzwanzigkarätige; denn immer, wenn die Natur es in körperlicher Hinsicht fehlen läßt, hebt sie diesen Mangel durch Verleihung von Verstandesschärfe und Schlauheit auf. Am folgenden Morgen suchte Bertaccio, als Abgesandter und Beauftragter seines Bruders Santo, Zambone auf und hub folgendermaßen an zu reden: »Mein lieber Bruder Zambone, wir haben unsere Angelegenheiten reiflich überdacht und sind nach noch reiflicherer Überlegung zu dem Schlusse gekommen, daß du, der du der älteste bist, woran ja nicht zu zweifeln, zuerst in die Welt gehen mußt, während wir, die wir noch klein sind, uns um das Haus kümmern und für unseren Vater sorgen wollen; solltest du unterdessen so glücklich sein, etwas Gutes für dich und für uns zu finden, so schreibe es uns, und wir werden dir nachziehen.« Als Zambone, der Bertaccio und Santo betrügen zu können glaubte, diese Antwort hörte, war er wenig erbaut und sagte murrend bei sich selbst: »Wahrhaftig, die Schlingel sind noch schlechter und durchtriebener als ich.« Denn er hatte ihnen jenen Vorschlag in der Hoffnung gemacht, die Brüder in die Fremde schicken zu können, damit sie infolge der Teuerung Hungers stürben und er im Alleinbesitz des Ganzen bliebe, zumal der Vater nicht mehr lange zu leben hatte. Aber es kam für ihn anders, als er gedacht. Nachdem also Zambone die Ansicht Bertaccios und Santos gehört hatte, machte er aus den paar Lumpen, die er besaß, ein Bündel, nahm einen Schnappsack, den er mit Brot, Käse und einer Flasche Wein füllte, verließ, die Füße mit einem Paar zerrissener Schweinslederstiefel bekleidet, das väterliche Haus und machte sich auf den Weg nach Brescia. Da er dort jedoch keine Stellung fand, ging er nach Verona, wo er einen Hutmacher traf, der ihn fragte, ob er sich aufs Hutmachen verstehe, was er verneinte. Als er sah, daß hier nichts für ihn zu holen war, ließ er Verona und auch Vicenza liegen und kam nach Padua. Als dort einige Ärzte seiner ansichtig wurden, fragten sie ihn, ob er sich auf die Wartung von Maultieren verstehe. Er antwortete: Nein, doch könne er den Boden pflügen und Reben ausschneiden. Da er nicht mit ihnen einig werden konnte, verließ er die Stadt, um nach Venedig zu gehen. Nachdem Zambone lange gewandert war und keine für ihn passende Stellung gefunden hatte, wurde er sehr mißmutig. Nach langem Marsch aber kam er, als es Gott gefiel, nach Lizzafosina. Da er jedoch ohne Geld war, wollte ihn niemand aufnehmen. Als er nun sah, daß die Bootsknechte, welche die Schleppvorrichtung auf den Barken drehten, einige Pfennige verdienten, versuchte er es mit dieser Beschäftigung. Aber das Schicksal, das stets die Armen, die Feigen und die Unglücklichen verfolgt, wollte, daß, als er eine solche Vorrichtung drehte, das Tau riß und indem es sich blitzschnell aufrollte, ihm eine Stange gegen die Brust schlug und ihn besinnungslos zu Boden stürzen ließ; und eine ganze Weile lag er für tot da. Und wären nicht einige gutherzige Leute gewesen, die ihn an den Händen und Füßen in die Barke hinuntergetragen und nach Venedig mitgenommen hätten, – er wäre dort gestorben. Als Zambone wiederhergestellt war, verließ er jene guten Leute und schlenderte durch die Stadt, um zu sehen, ob er nicht etwas fände, was für ihn paßte. So kam er durch die Straße, wo sich die Gewürzläden befinden und wurde von einem Gewürzkrämer gesehen, der in einem Mörser Mandeln zur Marzipanbereitung zerstieß. Der fragte ihn, ob er bei ihm eintreten wollte, und er bejahte. Als er in den Laden getreten war, gab ihm der Meister gemischtes Mandelwerk zum Auseinanderlesen und wies ihn an, die schwarzen von den weißen zu sondern und gesellte ihn einem anderen Jüngling bei, mit dem er zusammen arbeiten sollte. Als nun Zambone mit dem Lehrling das Konfekt aussuchte, vollzog dieser Nichtsnutz die Auslese in der Weise, daß er den Überzug, dieweil er süß schmeckte, entfernte und sich einverleibte, während er den Kern übrig ließ. Da ergriff der Besitzer, der alles gesehen hatte, einen Stock und verwalkte sie beide, indem er rief: »Wenn ihr das tun wollt, ihr Gauner, Schelme und Spitzbuben, so macht's mit euerm und nicht mit meinem Eigentum!« und schlug zu jedem Wort den Takt mit dem Stock, worauf er sie alle beide zum Teufel jagte. Nachdem Zambone den Gewürzkrämer, der ihn so schlecht behandelt, verlassen hatte, schlug er die Richtung nach San Marco ein und hatte, als er über den Gemüsemarkt ging, das Glück, von einem Chioggianer Grünhändler namens Viviano Vianel angerufen und gefragt zu werden, ob er bei ihm eintreten wolle, er würde ihn gut behandeln und anständig bezahlen. Zambone, der das Wappen von Siena Siena hat eine Wölfin im Wappen. mit sich trug, d.h. einen Wolfshunger hatte, sagte: »Ja!« Und nachdem der Händler einiges Grünzeug an seine Kunden verkauft hatte, nahm er ihn mit auf seine Barke und fuhr nach Chioggia. Dort stellte ihn Viviano an, im Garten zu arbeiten und die Weinpflanzungen instand zu halten. Zambone fand sich in Chioggia bald sehr gut zurecht und kannte viele Freunde seines Herrn, und da es nunmehr die Zeit der ersten Feigen war, nahm Viviano drei der schönsten und legte sie auf einen Teller, um sie einem Gevatter in Chioggia namens Ser Pietro zum Geschenk zu übersenden. Er rief daher Zambone, übergab ihm die drei Feigen und sprach also zu ihm: »Zambone, nimm diese drei Feigen, bringe sie zu Ser Pietro, meinem Gevatter und sage zu ihm, er möge mir das Vergnügen machen, sie sich schmecken zu lassen.« Bereitwillig erwiderte Zambone: »Gerne, Herr!« nahm die Feigen und ging vergnügt von dannen. Als Zambone so fürbaß ging, betrachtete der Schelm, von Naschhaftigkeit gepeinigt, die Feigen mit verliebten Blicken und sprach zu seinem Gaumen: »Was soll ich tun? Soll ich sie essen oder soll ich sie nicht essen?« Da antwortete der Gaumen: »Ein Ausgehungerter achtet kein Gesetz.« Und da er abgesehen von seinem Hunger von Natur verfressen war, befolgte er den Rat des Gaumens, nahm eine der Feigen in die Hand, begann sie am dicken Ende zu drücken und preßte, indem er bei sich sagte: »Sie ist gut, sie ist nicht gut, sie ist gut«, den Inhalt so lange hin und her, bis er ihn schließlich ganz herausquetschte, so daß nichts als die Haut zurückblieb. Nachdem Zambone die Feige verzehrt hatte, schien es ihm, als habe er unrecht gehandelt, doch da die Gier ihn noch weiter peinigte, ließ er sich's nicht anfechten, griff zur zweiten und machte es mit ihr ebenso wie mit der ersten. Als Zambone sah, welchen Exzeß er begangen, wußte er nicht, was tun, ob er weitergehen oder ob er umkehren solle. Nachdem er eine Zeitlang geschwankt, faßte er sich ein Herz und beschloß weiterzugehen. Als Zambone nun am Hause des Gevatters Ser Pietro angelangt war, pochte er an die Tür, und da ihn die Inwohner kannten, wurde ihm sogleich aufgemacht. Er stieg die Treppe hinauf und fand Ser Pietro in der Wohnung auf- und abspazieren. »Was führt dich her, lieber Zambone?« fragte er ihn, »was bringst du Gutes?« »Etwas sehr Gutes!« erwiderte Zambone, »mein Herr schickt Euch drei Feigen, aber von den dreien habe ich zwei gegessen.« »Ja, wie ging denn das zu, mein Sohn?« fragte Ser Pietro. »Das ging so zu«, antwortete Zambone, nahm die dritte Feige, steckte sie in den Mund und verzehrte sie ohne weitere Umstände. Und so hatte Zambone alle drei Feigen aufgefressen. Als Ser Pietro sah, daß er ganze Arbeit gemacht hatte, sagte er zu Zambone: »Mein Sohn, richte deinem Herrn meinen besten Dank aus und sage ihm, er möge sich nicht mit derartigen Geschenken in Unkosten stürzen.« »O, das tut er gern!« versicherte Zambone, »zweifelt nicht daran, und ich desgleichen!« Damit machte er kehrt und ging nach Hause zurück. Als Viviano von dem allerliebsten Betragen und der Genäschigkeit Zambones Kunde erhalten hatte und sah, daß er stets hungrig war und daher unmäßig in sich hineinschlang, und da ihm außerdem sein Arbeiten nicht gefiel, jagte er ihn aus dem Hause. Als sich der arme Teufel von Zambone vor die Tür gesetzt sah und nicht wußte, wohin sich wenden, beschloß er nach Rom zu gehen und zu versuchen, ob er dort nicht mehr Glück haben werde als bisher. Gedacht, getan. Als Zambone in Rom angekommen war und eifrig nach einem Herrn Umschau hielt, brachte ihn der Zufall mit einem Kaufmann namens Ambrogio dal Mul zusammen, der einen großen Tuchladen hatte. Sie wurden einig, und er begann den Laden zu besorgen. Und da er nun schon genug Unglück durchkostet hatte, beschloß er das Gewerbe zu erlernen und sich zu bemühen, ein brauchbarer Mensch zu werden. Und weil er geweckt und verschlagen – wiewohl bucklig und häßlich – war, verstand er sich in kurzer Zeit auf den Betrieb des Ladens und auf das Geschäft, so daß der Besitzer sich bald nicht mehr mit dem Verkauf und Einkauf befaßte, großes Vertrauen in ihn setzte und sich seiner überall bediente, wo es ihm bequem war. Einmal ergab sich für Messer Ambrogio die Notwendigkeit, mit Tuch auf den Jahrmarkt von Recanati zu gehen, und da er sah, daß Zambone firm im Geschäft geworden war und er sich auf ihn verlassen konnte, schickte er ihn mit Waren auf den Jahrmarkt, während er selbst zurückblieb, um den Laden zu führen. Nachdem Zambone fort war, wollte es das Geschick, daß Messer Ambrogio infolge einer schrecklichen Ruhr so heftig erkrankte, daß er innerhalb weniger Tage starb. Als seine Frau – sie hieß Madonna Felicetta – sah, daß ihr Gatte tot war, waren ihr Schmerz und Jammer so groß, daß sie sich beinahe auch zum Sterben hätte hinlegen mögen, wenn sie an den Verlust ihres Mannes und den wahrscheinlichen Rückgang des Geschäftes dachte. Als Zambone die traurige Kunde von dem Tode seines Herrn zu Ohren kam, kehrte er nach Rom zurück und nahm sich mit Gottes Beistand mit Eifer und Glück des Geschäftes an. Als Madonna Felicetta sah, daß Zambone seine Sache gut machte und bemüht war, die Umsätze zu vergrößern, und daß das Trauerjahr zu Ende war, fürchtete sie, eines Tages Zambone samt den Kunden ihres Ladens zu verlieren und beriet sich daher mit einigen Gevatterinnen, ob sie sich wieder verheiraten solle oder nicht, und wenn sie sich wieder verheirate, ob sie Zambone, den Geschäftsführer, zum Manne nehmen solle, der ja lange Zeit mit ihrem verstorbenen Gatten zusammengearbeitet habe und das Geschäft gründlich kenne. Den Gevatterinnen schien dies zweckmäßig, und sie rieten ihr dazu. So wurde denn die Hochzeit gefeiert. Nun war Madonna Felicetta die Gattin Ser Zambones und Ser Zambone der Gatte Madonna Felicettas. Als nun Ser Zambone sah, daß er eine solche Höhe erklommen und eine Frau nebst einem so schönen gutgehenden Laden hatte, schrieb er seinem Vater, daß er in Rom sei und von dem großen Glück, das er gefunden. Dem Vater, der seit dem Tage seines Weggangs nie wieder etwas von ihm gehört hatte, kostete die Freude über diese Nachricht das Leben, aber Bertaccio und Santo empfanden darüber lebhafte Befriedigung. Nun traf es sich, daß Madonna Felicetta ein paar Strümpfe brauchte; denn die ihrigen waren durchlöchert und zerrissen. Sie sagte daher Ser Zambone, ihrem Gatten, er müsse ihr ein Paar machen lassen. Ser Zambone antwortete ihr aber, er hätte anderes zu tun, und wenn die Strümpfe zerrissen wären, so möge sie sich dabeimachen und sie ausbessern und Flicken darauf setzen. Madonna Felicetta, die von ihrem ersten Manne verwöhnt worden war, erklärte, sie sei nicht gewöhnt, geflickte und angestückelte Strümpfe zu tragen, sie wolle gute haben. Ser Zambone antwortete ihr jedoch, bei ihm zu Hause mache man es so, er habe keine Lust, ihr neue machen zu lassen. Jeder beharrte auf seinem Standpunkt und so gab ein Wort das andere, bis Ser Zambone schließlich ausholte und ihr eine derartige Ohrfeige versetzte, daß sie sich rundum drehte. Als Madonna Felicetta sich von Ser Zambone geschlagen fühlte, wollte sie sich erst recht nicht zufrieden geben und fing an, ihm die gröbsten Beleidigungen an den Kopf zu werfen, worauf Ser Zambone, der sich darob in seiner Ehre gekränkt fühlte, so gewaltig mit den Fäusten auf sie eindrosch, daß die Ärmste sich schließlich fügen mußte. Als die heiße Zeit vorüber und die Kälte gekommen war, bat Madonna Felicetta Ser Zambone um ein Seidenfutter, um damit ihren Pelz wieder instand zu setzen, da dieser in schlechtem Zustande war, und damit er sich überzeuge, daß das alte zerrissen, brachte und zeigte sie es ihm. Auf Ser Zambone machte dies aber keinen Eindruck, und er antwortete ihr, sie möge es ausbessern und so tragen; denn bei ihm zu Hause pflege man keinen solchen Aufwand zu treiben. Da wurde Madonna Felicetta sehr zornig und erklärte, sie wolle das Futter unter allen Umständen. Ser Zambone bedeutete ihr aber, sie möge schweigen und ihn nicht in den Harnisch bringen, es könnte ihr sonst übel ergehen, ein neues Futter bekäme sie nicht. Madonna Felicetta aber reizte ihn, indem sie sagte, sie verlange, daß er ihr ein neues Futter machen lasse, und schließlich gerieten beide in eine so wahnsinnige Wut, wie sie noch niemand mit Augen gesehen, bis Ser Zambone seiner Gewohnheit gemäß zum Stocke griff und ihr einen Pelz von soviel Schlägen anmaß, wie überhaupt auf ihr sitzen wollten und sie halbtot liegen ließ. Als Madonna Felicetta sah, daß Ser Zambones Gesinnung gegen sie sich vollständig geändert hatte, begann sie laut den Tag und die Stunde zu verwünschen und zu verfluchen, da sie davon gesprochen und da man ihr geraten hatte, ihn zum Gatten zu nehmen und schrie: »Das also, du gemeiner Kerl, du Undankbarer, du Schuft, du hergelaufenes Subjekt, du Vielfraß, du Verruchter! ist der Dank, ist die Vergeltung, die du mir für die Wohltaten, die ich dir erwies, zuteil werden läßt. Aus dem niedrigen Knecht, der du warst, habe ich dich zum Herrn, nicht nur meines Vermögens, sondern sogar meiner eigenen Person gemacht, – und du behandelst mich auf diese Weise? Aber wart nur, du Verräter, das soll dir nie und nimmer vergessen werden!« Als Zambone merkte, daß Madonna Felicetta nicht aufhören wollte mit Schimpfen, es vielmehr immer ärger trieb, ließ er den Stock wieder ausgiebig auf ihr tanzen. Und durch die häufige Anwendung dieses Mittels schüchterte er sie schließlich so ein, daß sie sich, wenn sie ihn nur sprechen oder sich bewegen hörte, vor Angst ins Hemd pinkelte und hofierte. Als der Winter vorüber und der Sommer gekommen war, mußte Ser Zambone in Geschäften – namentlich um eine gewisse Summe Geldes von Schuldnern der Firma einzukassieren – nach Bologna gehen und sich dort eine ganze Reihe von Tagen aufhalten. Er sagte daher zu Madonna Felicetta: »Ich tue dir zu wissen, daß ich zwei Brüder habe, beide nicht weniger bucklig wie ich und mir so außerordentlich ähnlich, daß man uns nicht auseinanderzuhalten vermag, und wer uns alle drei zusammen sähe, würde nicht wissen, wer von uns ich und wer sie. Sollten sie nun zufällig nach Rom kommen und sich in unserm Hause einquartieren wollen, so nimm sie unter keinen Umständen auf; denn es sind schlechte, abgefeimte und gerissene Kerle, damit sie nicht mit deinem Eigentum auf und davon gehen und du nachher dasitzt, die Hände voller Fliegen. Und sollte ich erfahren, daß du sie trotzdem beherbergt hast, so werde ich dich zur unglücklichsten Frau von der Welt machen.« Nach diesen Worten begab er sich auf die Reise. Es vergingen keine zehn Tage nach Ser Zambones Abreise, da kamen seine Brüder Bertaccio und Santo in Rom an und suchten und fragten solange nach Ser Zambone, bis ihnen sein Laden gezeigt wurde. Als Bertaccio und Santo den schönen Laden Ser Zambones sahen und bemerkten, wie gut er mit Tuch versehen war, machten sie große Augen und verwunderten sich über die Maßen, daß es ihm möglich gewesen war, in so kurzer Zeit zu solch schönem Besitz zu gelangen. Noch ganz außer sich vor Erstaunen traten sie in den Laden ein und fragten nach Ser Zambone: sie wollten ihn sprechen. Es wurde ihnen jedoch geantwortet, er sei nicht zu Hause, auch nicht einmal in Rom, wenn sie etwas wollten, möchten sie es nur sagen. Da antwortete Bertaccio, sie hätten ihn gerne gesprochen, da er aber fort sei, möchten sie mit seiner Frau reden. Madonna Felicetta wurde gerufen und erschien im Laden. Kaum aber wurde sie Bertaccios und Santos ansichtig, da gab es ihr einen Stich ins Herz und sie wußte, daß ihre Schwäger vor ihr standen. Als Bertaccio sie erblickte, fragte er: »Madonna, seid Ihr Zambones Gattin?« »Freilich«, antwortete sie. Worauf Bertaccio: »Dann gebt uns die Hand; denn wir sind die Brüder Zambones, Eures Gatten, und Eure Schwäger.« Madonna Felicetta, die sich der Worte ihres Mannes erinnerte und gleichzeitig der Schläge, mit denen er sie zu traktieren pflegte, wollte ihnen die Hand nicht geben. Doch brachten es die Brüder durch viele Schmeichelreden und gute Worte dahin, daß sie sie ihnen schließlich doch gab. Und sowie sie die beiden auf diese Weise begrüßt hatte, sagte Bertaccio: »O meine liebe Schwägerin, gebt uns eine Kleinigkeit zu frühstücken; denn wir sind halbtot vor Hunger.« Sie wollte sich aber um nichts in der Welt dazu verstehen. Sie wußten ihr jedoch soviel gute Worte zu geben, sie so schön zu bitten und ihr zu schmeicheln, daß Madonna Felicetta schließlich Mitleid fühlte, sie ins Haus führte und ihnen gut zu essen und noch besser zu trinken gab, ja ihnen sogar eine Schlafstelle anwies. Es waren noch keine drei Tage vergangen, da kehrte Zambone heim, während Bertaccio und Santo sich gerade mit der Schwägerin unterhielten. Als Madonna Felicetta hörte, daß ihr Mann zurückgekehrt, geriet sie in die größte Bestürzung und wußte in ihrer Angst nicht, was tun, damit Zambone die Brüder nicht zu Gesicht bekäme. Und da sie keinen anderen Rat wußte, ließ sie sie schnell in die Küche gehen. Dort befand sich eine Vertiefung, in welcher die Schweine abgebrüht und enthaart wurden, und ungeachtet des übeln Zustandes, in dem sie sich befand, hob sie den Deckel hoch und ließ die beiden sich in dem Loche verbergen. Als Ser Zambone in die Wohnung hinaufkam und seine Frau feuerrot im Gesicht sah, schwieg er eine Weile nachdenklich und fragte dann: »Wie kommts, daß ich dich so rot und verwirrt sehe? Solltest du etwa einen Buhlen im Hause haben? Sag, was ist los!« Etwas unsicher antwortete sie, sie habe niemand im Hause. Ser Zambone aber sah sie scharf an und sagte: »Du hast gewiß etwas ausgefressen! Solltest du etwa gar meine Brüder in der Wohnung versteckt haben?« »O nein!« antwortete sie kecklich. Da griff er seiner Gewohnheit gemäß zum Stock und ließ ihn auf ihr tanzen. Bertaccio und Santo, die unten im Schweineloch kauerten, hörten alles und hatten eine solche Angst, daß sie sich in die Hosen machten und sich nicht zu rühren wagten. Nachdem Ser Zambone den Stock weggelegt hatte, suchte er das ganze Haus ab, ob er nicht etwas fände; da er aber sah, daß nichts zu finden war, beruhigte er sich ein wenig und machte sich allerlei im Hause zu schaffen. Diese Tätigkeit beschäftigte ihn aber so lange, daß die armen Bertaccio und Santo sowohl infolge der Angst wie der gewaltigen Hitze und des unerträglichen Gestanks, der die Schweinegrube erfüllte, dort unten den Geist aufgaben. Als nun die Stunde gekommen war, da Ser Zambone auf den Marktplatz zu gehen pflegte, um seine Geschäfte zu betreiben, wie es die guten Kaufleute tun, verließ er endlich das Haus. Kaum war er fort, so ging Madonna Felicetta zu der Vertiefung, um ihre Schwäger fortzuschicken, damit Zambone sie nicht im Hause fände. Als sie aber den Deckel von der Öffnung nahm, fand sie alle beide tot und genau wie Schweine ausgehend. Als die Ärmste diese Bescherung sah, wußte sie vor Angst und Schrecken nicht aus noch ein. Damit nun weder Ser Zambone noch sonst jemand etwas davon erfahre oder merke, suchte sie sie möglichst schnell aus dem Hause hinauszubefördern. Nach dem, was ich gehört habe, herrscht in Rom die Sitte, daß auf der Straße oder im Hause irgend jemands tot aufgefundene Pilger oder Fremde von gewissen Totengräbern, denen dieses Amt obliegt, mitgenommen, zu den Mauern der Stadt getragen und in den Tiber geworfen werden, so daß man nie wieder etwas von ihnen hört. Madonna Felicetta hatte sich gerade an ein Fenster begeben, um auszuspähen, ob sich nicht einer ihrer Freunde zeigte, der die Leichen fortschaffen lassen könnte, als glücklicherweise einer jener Totengräber vorbeikam. Sie winkte ihn herbei und teilte ihm mit, sie habe einen Toten im Haus, er möge heraufkommen, um ihn mitzunehmen und dem Brauche gemäß in den Tiber zu werfen. Felicetta hatte zuvor eine der beiden Leichen aus der Grube herausgezogen und neben ihr auf dem Boden liegen lassen. Als nun der Totengräber heraufgekommen war, half sie ihm den Körper auf die Schulter zu laden und sagte ihm, er möge nachher wiederkommen, sie würde ihn dann bezahlen. Der Totengräber ging zu den Mauern, warf die Leiche in den Tiber und kehrte, nachdem er sich dieses Geschäfts entledigt, zu Felicetta zurück, um sich von ihr einen Florin ausbezahlen zu lassen; denn soviel bekam er laut Taxe. Während nun der Totengräber den Leichnam davontrug, hatte Madonna Felicetta, die sehr listig war, den andern Toten aus der Grube gezogen und ihn genau so neben dieselbe gelegt, wie der andere gelegen hatte. Als nun der Totengräber zu Madonna Felicetta zurückkehrte, um seine Bezahlung in Empfang zu nehmen, fragte sie ihn: »Hast du den Leichnam in den Tiber geworfen?« »Jawohl, Madonna«, antwortete der Totengräber. »Hast du ihn wirklich hineingeworfen?« fragte sie noch einmal. »Nun freilich, und wie!« versicherte er. Da rief Madonna Felicetta: »Wie? Du willst ihn in den Tiber geworfen haben! Schau einmal nach, ob er nicht noch da ist!« Als der Totengräber den Leichnam erblickte, glaubte er wirklich, es sei derselbe. Da stand er ganz entsetzt und beschämt da, lud ihn dann brummend und fluchend auf die Schultern, trug ihn auf die Einfassung des Flusses hinauf und warf auch ihn in den Tiber und sah eine Weile zu, wie er flußabwärts trieb. Als aber der Totengräber zurückkehrte, um sein Geld bei Madonna Felicetta zu holen, begegnete er Ser Zambone, dem dritten Bruder, der gerade heimkehrte. Und als der Totengräber besagten Ser Zambones ansichtig wurde, der jenen andern beiden, die er in den Tiber geworfen, so außerordentlich ähnelte, überkam ihn ein solcher Zorn, daß er Gift und Galle spuckte. Und da er diesen Schimpf nicht ertragen konnte und in der Tat glaubte, es sei derselbe, den er bereits zweimal in den Tiber geworfen und irgendein Kobold, der wieder zurückkehre, sprang er ihm, eine Hebestange, die er trug, schwingend, nach, schlug sie Ser Zambone um den Kopf und schrie: »Ha, du miserabler Kerl, du Schurke! Glaubst du denn, ich hätte Lust, den ganzen heutigen Tag nichts weiter zu tun, als dich in den Tiber zu schmeißen!« Und damit verdrosch er ihn dermaßen, daß der unglückliche Ser Zambone sich gleichfalls anschickte, zu Pilatus zu reden. Dann nahm er den Körper, aus dem das Leben noch nicht ganz gewichen war, und warf ihn in den Tiber. Und so endeten Zambone, Bertaccio und Santo auf jämmerliche Weise. Als Madonna Felicetta Kunde von dem Geschehenen erhielt, empfand sie die größte Freude und Befriedigung, daß sie nunmehr von ihren vielen Leiden befreit war und ihre ehemalige Freiheit wieder errungen hatte.

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