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Erdichtete Gespräche

Walter Savage Landor: Erdichtete Gespräche - Kapitel 9
Quellenangabe
type
authorWalter Savage Landor
titleErdichtete Gespräche
publisherGeorg Müller Verlag
translatorElisabeth von Schorn
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20151214
projectidcdd8c509
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Johann von Gaunt und Johanna von Kent

Johanna. Wie kommt es, mein Vetter, daß dich die Bürger Londons in deinem eignen Hause belagern? Ich glaubte, du seiest ihr Abgott.

Gaunt. Bin ich das, so bin ich ein Götze, auf dem sie nach Gelüsten herumtrampeln, wenn er am Boden liegt; aber bei meiner Seele und meiner Ritterschaft, ihre zehn besten Streitäxte sollen harte Arbeit haben, ehe sie meinen Schrein erbrechen.

Verzeih mir, ich habe vielleicht kein Recht, diese Hand zu berühren oder zu ergreifen; aber Ziegel, Steine und Pfeile sind keine passenden Gaben für dich, meine Schwester. Laß dich ein paar Schritte zurückführen.

Johanna. Ich will mit denen unten auf der Straße sprechen. Laß meine Hand los; sie sollen mir gehorchen.

Gaunt. Wenn du willens bist, den Tod über mich zu verhängen, so laß dir sagen, daß deine Garden, die in meinen Hof eingezogen sind, und die ich mit Sporen und Hellebarden auf der Treppe klirren höre, meine Dienerschaft leicht überwältigen können; und da mir kein Ausweg bleibt, der meiner Würde entspricht, so ergebe ich mich dir und lege mein Schwert und meinen Handschuh dir zu Füßen! Ich denke, man wird sich bei dem Verfahren gegen mich einiger Förmlichkeiten bedienen. Man nenne mich in dem Urteil nicht Johann von Gaunt, nicht Herzog von Lancaster, noch König von Castilien; man erwähne nicht meines Vaters, des glorreichsten Herrschers, der mächtige Fürsten besiegte und begnadigte; man nenne mich nicht den Vetter des schönen Mädchens von Kent, wie mich meine Freunde und meine Schmeichler in glücklicheren Tagen nannten. Johanna, die Zeiten sind vorüber. Aber kein Feind, kein Gesetz, keine Ewigkeit kann mir die Blutsverwandtschaft mit dem Sieger von Crecy, Poitiers und Najora nehmen. Eduard war mein Bruder, als er nur dein Vetter war, und die Kante meines Schildes hat sich in mancher Schlacht an dem seinen gerieben. Ja, wir standen uns immer nahe – wenn nicht im Wert, so doch in der Gefahr. ( Sie weint.)

Johanna. Urteil! Gott verhüte es! Herzog von Lancaster, was für düstere Gedanken – ach! hätte die Regentschaft es gewußt! Ich kam nicht hierher, um dich zu fangen, zu verklagen oder zu erschrecken.

Diese Witwenkleider hätten mich davor schützen sollen, daß du mir frische Tränen entlockst.

Gaunt. Schwester, laß dich trösten! Unter diesem Visier sind auch Tränen geflossen.

Johanna. O mein Eduard! Es ist nicht lange her, da warst du noch mein! Dein geliebtes Bild steht mir immer vor Augen, und der Gedanke an dich macht mich kühn, ich will nicht sagen »großmütig«; denn wenn ich mich so nenne, höre ich auf, es zu sein. Wer möchte sich auch großmütig nennen neben dir? Ich will den Feind meines Sohnes vom Verderben erretten.

Vetter, du hast deinen Bruder geliebt; so liebe auch, was ihm teurer war als sein Leben; beschütze, was er, der Tapfere, nicht mehr beschützen kann. Der Vater, der so viele besiegte, ließ keinen Feind zurück; das unschuldige Kind, das niemand schaden kann, wird von Feinden verfolgt.

Warum hast du dein Visier gelöst und beiseite gelegt? Setz dich nicht jenen Geschossen aus. Halte den Schild vor dich und tritt beiseite. Ich brauche ihn nicht. Ich bin entschlossen –

Gaunt. Wozu, meine Schwester? Sprich, und bei allen Heiligen! Dein Wille soll geschehen. Diese Brust ist dein Schild; mich schützt mein Arm.

Johanna. Himmel! Wer hat diese Steinmassen hier heraufgeschleudert? Sie haben mich betäubt. Fielen sie alle auf einmal, oder splitterten sie in Stücke, als sie auf das Pflaster schlugen?

Gaunt. Wahrlich, ich habe nicht hingesehen. Sie fielen wohl, während du sprachst.

Johanna. Beiseite, beiseite! weiter zurück! Denke nicht an mich! Sieh! der letzte Pfeil ist bis zur Hälfte ins Getäfel gefahren. Er bebte so heftig, daß ich zuerst die Befiederung nicht sehen konnte.

Nein, nein, Lancaster! Ich dulde es nicht. Nimm deinen Schild wieder auf und decke dich damit. Nun tritt zur Seite. Ich bin entschlossen, mir beim Volke Gehör zu verschaffen.

Gaunt. Dann, mit deiner Erlaubnis –

Johanna. Halt!

Gaunt. Schurken! tragt die Bratspieße und Speiler, die ihr für Schwerter und Pfeile ausgeben möchtet, in eure Küchen zurück; hebt euch die Ziegeln und Steine für eure Gräber auf!

Johanna. Unkluger Mann! wer kann dich retten? Ich darf mit dem Sprechen nicht länger zaudern; sonst packt mich die Angst.

O ihr lieben guten Leute! die ihr mich so herzlich liebtet, wo ich doch nichts getan hatte, es zu verdienen, bin ich Unglückliche jetzt nicht mehr liebenswert in euren Augen, da ich euren Zorn besänftigen, euren guten Ruf retten, euch zufrieden mit mir und euch selbst nach Hause schicken möchte? Wer ist es, ihr werten Bürger, den ihr zur Schlachtbank schleppen wollt?

Freilich, er hat den oder jenen beschimpft. Weder ihr noch ich können sagen, wen – irgendeinen Prasser und Schwelger, scheint es, der, wie ihm deuchte, kein Recht hatte, Schwert und Bogen zu führen, und der sich darum davongeschlichen hat. Noch etwas anderes hat seinen Zorn gereizt; unter seinem Dache war eine Frau der Steinigung ausgesetzt. Wer von euch würde bei gleichem Schimpf nicht gleichen Zorn empfinden? Im Hause welches Bürgers würde ich nicht ebenso kräftig beschützt werden?

Nein, nein, ich kann euren wütenden Rufen nicht glauben. Niemand soll ihn noch einmal den Feind meines Sohnes, seines Königs nennen, meines geliebten Kindes Richard. Ist eure Angst leichter zu wecken, als die einer armen schwachen Frau, als die einer Mutter? Fürchtet ihr ihn, der euch so oft zum Siege geführt hat, der seinem Vater nach dem Siege jeden von euch lobend beim Namen nannte – ihn, Johann von Gaunt, den Beschützer der Schwachen, den Tröster der Unglücklichen, das leuchtende Vorbild aller Tapferen und Kühnen.

Tritt zurück, Herzog von Lancaster! Jetzt ist nicht der Augenblick –

Gaunt. Ich gehorche; aber nicht aus Angst vor der Pfütze an meiner Haustür, die ich mit einer Handvoll Staub austrocknen könnte. Geruhe zu befehlen!

Johanna. Im Namen meines Sohnes, tritt zurück!

Gaunt. Himmlische Güte! ich muß sie mir ehrlich verdienen.

Johanna. Ich glaube, ich kenne diese Stimme, die da ruft: »Wer bürgt für ihn?« Es ist die Stimme eines redlichen treuen Mannes, der mir in jeglicher Gefahr und Verlegenheit raten und helfen würde. Mit welcher Freude und Genugtuung, mit welchem Vertrauen stehe ich unserem zuverlässigen, verständigen Freunde Rede und Antwort.

Ihr sagt: »Wenn Lancaster uns eine Bürgschaft bringt, so gehen wir auseinander.« Darf ich euch noch einen Augenblick zurückhalten, ehe wir auseinandergehen? Wollt ihr mir die Bürgschaft bestätigen? Denn bei so ernsten Geschäften tut Uebereilung nicht gut. Ich könnte fünfzig Bürgen bringen, ich könnte hundert bringen; keine Krieger, keine Höflinge; unter euch würde ich sie finden, wenn es billig und gerecht wäre, solche Parteilichkeit zu üben, oder schicklich für die Mutter und Erzieherin eines Königs, jemand anders als sich selbst zum Bürgen zu bieten.

Ich, die der Allmächtige über euch erhoben hat, und die doch eine der euren ist und zu euch gehört, wie die Mutter zu ihrer Familie, ich bürge für Johann von Gaunt, Herzog von Lancaster; ich stehe ein für seine Treue.

Gaunt ( eilt an Johannas Seite zurück). Dringen denn die Empörer zum Fenster herein?

Johanna. Das Beifallsgeschrei des Volkes hat dieses feste Haus erschüttert, daß seine Türen und Fenster klapperten und klirrten. Ich habe mein Wort für dich gegeben; dies war ihre Antwort, Lancaster! Was für eine Stimme hat das Volk, wenn es seinem Herzen Luft macht. Sie läßt mich in Staunen und Bestürzung erbeben, jetzt, wo sie Hoch ruft; wie mag es sein, wenn sie Pereat schreit!

Gaunt. Ein leerer Hauch –

Johanna. Den keiner lenken, noch halten kann. Muß ich das meinem Vetter Lancaster sagen?

Gaunt. Sage lieber, daß immer ein Stern in der Hohe leuchtet, der ihn dennoch beherrscht.

Johanna. Laß gut sein, Vetter! Ein andermal sei aufrichtiger!

Gaunt. Du hast mich heute aus den Händen des Volkes errettet; denn jetzt, wo sie vorüber ist, ermesse ich die Größe der Gefahr. Bei Gott! Wenn ich jemals vergesse –

Johanna. Schwöre nicht; jeder Mann in England hat geschworen, was du schwören willst. Aber wenn du meinen Richard, mein schönes, tapferes Kind preisgibst, dann möge – Oh! ich kann nicht fluchen, ich kann nichts Böses wünschen; aber wenn du ihn je in der Stunde der Not verläßt, so denke derer, die dich nicht verließen. Dann wird dein großes Herz dir schwer in der Brust liegen, Lancaster!

Du bist niedergeschlagen; sprach ich ernster als gut war? Komm, mein lieber Vetter, führe mich zu meinem Pferd und begleite mich heim. Richard wird uns zärtlich umarmen. Jedermann, der aus großer Gefahr kommt, ist jedem anderen teuer. Dein Blick, süßes Kind, wird Mutter und Onkel liebevoll grüßen! Laß es dich nicht kümmern, wenn der Knabe viele Fragen an dich stellt, und merkwürdige Fragen. Wenn er verdrießlich ist, so kann der Grund nur sein, daß er nicht mitkämpfen durfte, einerlei ob für oder wider die Empörer.

Gaunt. Aeltere wie er haben ebenso gern Unfug getrieben und sind ebenso leichtsinnig gewesen, wenn es galt, eine Partei zu wählen.

Wenn es zum Kämpfen kommt, werde ich ihm sagen, hat der Angreifer oft, der Angegriffene immer recht.

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