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Erdichtete Gespräche

Walter Savage Landor: Erdichtete Gespräche - Kapitel 8
Quellenangabe
type
authorWalter Savage Landor
titleErdichtete Gespräche
publisherGeorg Müller Verlag
translatorElisabeth von Schorn
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20151214
projectidcdd8c509
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William Wallace und König Eduard I.

Eduard. Wen hast du vor dir?

Wallace. Den König von England.

Eduard. Und du neigst nicht das Haupt vor der Majestät des Zepters?

Wallace. Ich tat es.

Eduard. Ich habe es nicht bemerkt.

Wallace. Gott hat gesehen, daß ich es tat; er weiß, und König Eduard weiß es auch, wie treu ich für dieses Zepter kämpfte.

Eduard. Räuber! Für welches Zepter? Wer gab dir Auftrag?

Wallace. Mein Land.

Eduard. Du lügst; wo kein König ist, da ist auch kein Land.

Wallace. Herr, in diesem Palaste würde sich die Frage nicht schicken, warum mein Land ohne König ist.

Eduard. Um deine Bescheidenheit zu schonen, will ich es dir sagen. Weil das Königreich mir gehört. Du hast dich gegen mich empört; du hast dich sogar vermessen, die Waffen gegen die beiden Edelleute Bruce und Cummin zu führen, die um den schottischen Thron stritten, und zwar mit einem Schein des Rechts.

Wallace. Sie wollten den schottischen Thron unter englische Hoheit stellen.

Eduard. Frecher Bube! Gehört es sich nicht so?

Wallace. In Schottland denken wir anders.

Eduard. Rebellen denken anders, Umstürzler, gemeine, unwissende Buben, die nichts im Lande zu verlieren haben. Gott gefiel es, meinen Waffen den Sieg zu schenken; verlangst du noch andere Zeichen für die Gerechtigkeit unsrer Ansprüche? Es steht dir an, zu schweigen.

Wallace. Ja, wenn Gottes Name genannt wird. Am Abend ist leicht prophezeien, was am Tage für Wetter gewesen ist.

Eduard. Du möchtest witzig sein! Wer war witziger, du oder ich, als dein Geselle Menteith dich in meine Hände lieferte?

Wallace. Unwürdige Freunde sind nicht nur der Fluch von Privatleuten. Ich habe mir Menteith nicht ausgesucht, um ihn als Verräter zu brauchen; ich habe ihn auch nicht für Verräterei belohnt. Herr, ich habe Brust gegen Brust mit Euch gekämpft; in diesen Dingen aber möchte ich nicht mit Euch wetteifern; wenn solches Tun rühmlich ist, so verdunkelt Euer Ruhm den meinen.

Eduard. So, du möchtest dich mit Fürsten wie mit deinesgleichen messen!

Wallace. Gewiß, wenn sie mein Land angreifen; dann bin ich mehr wie ihresgleichen.

Eduard. Gedenkst du der Schlacht, wo dein Heer geschlagen und zerstreut wurde?

Wallace. Durch die Abtrünnigkeit des Cummin und den Uebermut des Stuart.

Eduard. Erinnerst du dich, wie Bruce sich herabließ, mit dir über den Fluß ein Zwiegespräch zu halten?

Wallace. Ja, Herr. Warum kam er nicht über den Fluß herüber und vernichtete vollends das geschlagene und zerstreute Heer? Er, der für Euch kämpfte und so treu wider sein Vaterland stand. Warum nicht gleich ein Ende machen?

Eduard. Er wollte dich überzeugen, du frecher Schmäher, daß dein Widerstand vergeblich sei.

Wallace. Er hätte sich besser verständlich gemacht, wenn er herübergekommen wäre.

Eduard. Keine Scherze; keine Widerreden; keine Bemerkungen hier, Schurke! Es kann dir nicht mehr unbekannt sein, daß er seinen Mitbewerber Cummin erschlagen hat; daß meine Truppen ihn umzingelt halten, und daß er jetzt vielleicht seine leichtsinnigen Vorwürfe gegen dich bereut. Auch ich mag ein paar hitzige Worte gesprochen haben; aber du hast mich gereizt. Mein Zorn legt sich schnell. Ich strafe meine Feinde nur, wenn sie hartnäckig sind. Ich habe dem Bruce die boshaften Schmähreden und Anklagen nicht in den Mund gelegt.

Wallace. Herr, ich bewahre sie nicht in meinem Sinn.

Eduard. Nein?

Wallace. Nein, wahrlich nicht.

Eduard. Du stumpfer Kerl! Ich würde solche Worte nie vergessen. Ich kann vergelten; ich bin ein König. Ich würde ihn für die eine Hälfte der Worte lebendig schinden lassen und, wenn er ohne Haut ist, ihm die andre Hälfte wieder in den Hals hinunterjagen.

Wallace. Wenige haben das Recht, zu strafen; alle haben das Recht, zu vergeben.

Eduard. Ich sehe, daß dir endlich ein Schimmer von Schamgefühl kommt; das Unglück macht dich recht christlich.

Wallace. So verwandelt sich Unglück in Segen. König Eduard! Du hast mich unter den Menschen erhoben. Wärest du nicht mit deinen Bannern und Waffen gegen mich zu Felde gezogen, so wäre ich der Vergessenheit verfallen. Ich danke dir, daß du mich für ewig auf einen Platz gestellt hast, wohin mich eigne Kraft niemals getragen hätte! Ich danke dir, daß du meinen Geist in tiefe Gedanken, erfrischende Ruhe und heilige Sammlung getaucht hast. Das ist das Bad der Ritterschaft, o König, danach die Seele sich freuen und zur Ruhe eingehen kann.

Es war bitter für mich, ergriffen und gebunden zu werden, verraten zu werden von Männern, denen ich vertraut hatte; es hat mich schwer betrübt, einen tapferen Krieger wie Menteith so schändlich handeln zu sehen. Nun muß er, Gott sei es geklagt, die Gesellschaft der Menschen meiden. Wenn er Untreue tadeln hört, so wird sein Herz bluten; wenn er Treue loben hört, so wird ihm das Blut bis auf den letzten Tropfen gerinnen. Wenn sich zwei Freunde vor seinen Augen umarmen, so wird er ihnen in der Bitterkeit seines Herzens fluchen und sein Schwert aus der Scheide reißen, um sie zu trennen. »Wehe!« wird er zu sich selber sagen, »steht es so mit mir? War ich wie diese, als ich das Schwert für mein Vaterland zog?«

Eduard. Denke jetzt an andere Dinge; denke an das, was ich zur Sprache brachte, an die Vorwürfe, die man dir macht.

Wallace. Ich habe mir keine Vorwürfe zu machen.

Eduard. Sei es so. Von Selbstvorwürfen habe ich nicht weiter gesprochen.

Wallace. Was könnten mich sonst für Vorwürfe rühren oder treffen?

Eduard. Solche wie die des Bruce.

Wallace. Das waren keine Vorwürfe; es sind mir nie welche gemacht worden. Schmähreden waren es, gemischt mit lockenden Vorschlägen.

Eduard. Dieselben Vorschläge wiederhole ich jetzt, nur noch um vieles erweitert. Du sollst Schottland für mich regieren.

Wallace. Schottland wird nicht für jemand anders regiert, Herr. Es ist alt genug, um für sich selbst zu stehen und aufrecht zu stehen. Die Niederlagen, die es erlitten hat, haben ihm nicht die Lenden gebrochen.

Eduard. Komm, komm, Wallace! Du hast Vernunft und Geist; bekenne mir aufrichtig: Wenn du frei wärest, würdest du Bruce mit Freuden für seine Schmähreden büßen lassen.

Wallace. Gut denn, ich bekenne es.

Eduard. Ich hätte nicht übel Lust, selbst etwas daran zu wagen; nicht zu viel, mit Bedacht, aber doch mit offenen Händen. Sage mir nun ohne Umschweife – denn ich liebe ein freies, aufrichtiges Wort – wie du Vergeltung üben würdest; vielleicht, so Gott will, verschaffe ich dir die Mittel dazu.

Wallace. Herr, das werdet Ihr gewiß nicht tun; es paßt nicht zu Eurer Art und Gesinnung.

Eduard. Traun! Vielleicht besser als du glaubst. Großmut und Langmut sind stark in mir geworden und stehen mir wohl an; aber ich habe nicht so viel Gutes mit ihnen ausgerichtet, als ich erwartete. Mit Freuden würde ich sie wieder üben, wenn sich die Gelegenheit böte; aber aus Liebe zu meinem Volk muß ich alles tun, um mich eines Feindes zu entledigen.

Mich deucht, Bruce konnte dich nicht schwerer kränken, als durch den Vorwurf, daß du, der niedrige, gemeine Mann (was kannst du für deine Geburt?), danach strebtest, dich der Krone zu bemächtigen.

Wallace. Er hatte recht.

Eduard. Was! Erstaunlich! Du hattest im Sinn, die Herrschaft an dich zu reißen?

Wallace. Der Krieg hatte mich mächtiger gemacht, als der Friede es je vermocht hätte; und doch ermahnte ich den gesetzlichen Erben des Thrones, um sein Recht zu kämpfen, und lud ihn ein, die Krone in Empfang zu nehmen. Wenn es eine Genugtuung und Befriedigung ist, von den Menschen beneidet zu werden, so habe ich genug und mehr als genug davon gehabt, denn selbst die, welche ich liebe, haben mich beneidet. Wie würde der Neid mich verfolgt haben, wenn ich das besessen hätte, was mir nicht zukam?

Eduard. Warum sagst du dann, daß Bruce recht hatte.

Wallace. Er urteilte nach sich selbst, wie die meisten Menschen. Viele haben Kronen getragen; manche haben sie verdient. Ich habe sie weder getragen noch verdient.

Eduard. Kehre nach Schottland zurück; bring mir den Kopf des Bruce und regiere das Königreich als mein Stellvertreter.

Wallace. Ich möchte ihm lieber beweisen, daß er mir mit seinen Schmähungen unrecht getan hat.

Eduard. Das sollst du.

Wallace. Glaubt mir, Herr, Ihr würdet Eure Erlaubnis bereuen.

Eduard. Nein, bei allen Heiligen!

Wallace. Ihr würdet sie gewißlich bereuen, Herr.

Eduard. Geh und prüfe mich; säume nicht. Ich sehe, du bist halb willens; ich mache dir vielleicht niemals wieder ein solches Angebot.

Wallace. Ich gehe nicht.

Eduard. Schwacher, unentschlossener Mann! Hat die Gefangenschaft dich in Zeit von zwei Tagen so völlig verändert?

Wallace. Sklaverei wandelt den Menschen rasch; aber ich bin noch der Alte und werde mir immer gleich bleiben.

Eduard. Es war unrecht und geschah nicht auf meinen Befehl, daß man dich barfuß und unbedeckten Hauptes durchs Schneegestöber hierher schleppte.

Wallace. Gewiß habt Ihr nicht befohlen, Herr, daß es von Ende Dezember bis Mitte Januar schneien solle. Wenn aber mein Wächter die Wahrheit sprach –

Eduard. Er log, er log, er log –

Wallace. – oder die Vollmacht, die er mir zeigte, echt ist, so geschah alles andere auf Euren königlichen Befehl.

Eduard. Was! Haben sich meine Hauptleute in Häscher verwandelt? Die gemeinen Buben! Es muß hart für dich gewesen sein, Wallace.

Wallace. Nicht doch, Herr; ich bin in meiner Jugend barfuß gegangen und habe mein Haupt nur bedeckt, wenn ich in die Schlacht zog. Aber freilich war ich es von meinem Lande her nicht gewöhnt, in den Hof gestoßen und geschoben zu werden; unter einem Wetterdach zu frieren, von dem der Wind das Dachstroh fortgetragen hatte, während das lodernde Feuer drinnen auf das beschneite Dach gegenüber einen Widerschein warf, so glühend wie die Morgenröte; ich war es auch nicht gewöhnt, vor Hunger und Durst zu verschmachten, während Männer, die sich vollgetrunken hatten, eine Armeslänge von mir den vollen Becher zurückstießen. Die Hunde zerrissen mir das spärliche Gewand; sie sind ehrlicher und freundlicher als manche Menschen, aber zur Gastfreundschaft sind sie nicht geneigt, wenn ihre Herren sie nicht dazu anhalten. Eure Soldaten fanden es auch einfacher und natürlicher so. Die armen Köter taten an ihrer statt, was sie selbst sich zu tun scheuten. Der Frechste von der Gesellschaft sah mir scharf ins Gesicht, um zu sehen, ob ich wirklich der Wallace sei.

Eduard. O die rohen Schelme! Das war zu arg.

Wallace. Es war das schlimmste noch nicht. Kinder und Frauen, Väter und Söhne kamen die Hügel herunter; manche sanken knietief in den gefrorenen Schnee, andere glitten leicht darüber hin. Sie gingen, die Geburt unsres Herrn und Erlösers zu feiern. Sie flehten, und ihr guter Priester mit ihnen, man möge mich in die Kirche führen und mich mit ihnen beten lassen. »Fort,« schrie der Wächter; »wollt ihr für Wallace, den Verräter, bitten?« Ich sah sie zittern; denn wer für den Verräter bittet, der macht sich selbst des Verrats schuldig; da kam mein Kummer über mich und drückte mich schwer. Aber dann richteten sie die Augen gen Himmel, und da kam mir neue Kraft.

Eduard. Du sollst den Weg nicht so zurückgehen, wie du ihn kamst; das schwöre ich dir.

Wallace. Ich werde ihn nicht als Verräter gehen, das schwöre ich dir.

Eduard. Gut! Gut! Ich kann dir trauen – schon mehr als halb. Bruce ist der Verräter, der schlimmere von den beiden; er wiegelt das Land gegen mich auf. Geh; umzingle ihn; fange ihn; unterjoche ihn.

Liebster! Du hast eine sonderliche Neigung zu deinen Fesseln, eine jugendliche Liebe auf den ersten Blick; du willst sie nicht gegen Freiheit, Macht, Ehre und Rache vertauschen.

Wallace. Die letzten beiden sind mir sehr teuer! Für die ersten beiden habe ich oft mein Blut vergossen, und braucht es mehr des Blutes, so nimm es hin. Mein Herz ist nicht besser als ein hölzerner Becher, dessen einfachen Trank eine königliche Hand gleichgültig verschütten würde. Wo sind sie geblieben, die ihm einst Bescheid taten? Vergib mir mein Murren, Gott Vater! Danken müßte ich dir, daß sie nicht sind, wo ich bin.

Eduard. Nein, nein, Wallace! Du tust mir unrecht. Du bist ein tapferer Mann. Die Fesseln an deinen Handgelenken gefallen mir nicht, sie sind zu breit und eng; sie haben dich wundgerieben.

Wallace. Mich deucht, es war nicht nötig, die Niete ganz so fest zu hämmern; auch brauchte der Schmied bei der Arbeit nicht so oft über die Schulter zu sehen und dem Volke zuzurufen: »Das ist Wallace.« Er und sein Hammer achteten es nicht, ob sie Handgelenk oder Eisen trafen.

Eduard. Ich wünsche Bruce von dir gedemütigt zu sehen; sage mir deinen Plan.

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