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Erdichtete Gespräche

Walter Savage Landor: Erdichtete Gespräche - Kapitel 7
Quellenangabe
type
authorWalter Savage Landor
titleErdichtete Gespräche
publisherGeorg Müller Verlag
translatorElisabeth von Schorn
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20151214
projectidcdd8c509
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Leofric und Godiva

Godiva. Es ist eine Hungersnot im Lande, mein lieber Leofric! Bedenke, wie viele Wochen lang die Trockenheit selbst auf den Niederungen von Leicestershire lastete; und wie manchen Sonntag wir die Gebete um Regen anhörten und die Bitten, daß es dem Herrn in seiner Güte gefallen möge, seinen Zorn von dem armen, verschmachtenden Vieh abzuwenden. Du, mein lieber Gemahl, hast mehr als einen Uebeltäter ins Gefängnis geschickt, weil er seinen toten Ochsen auf offener Straße liegen ließ; und andre arme Bauern haben die Zugseile fallen lassen, an denen sie mit ihren Söhnen und Töchtern, wohl auch mit ihren alten Eltern den verlassenen Karren heimwärts zogen, und sind vor dir geflohen. Es war gefährlich, sich den gefallenen Tieren zu nähern, wenn uns auch tapfere Speerträger und geübte Bogenschützen in Menge begleiteten; denn die Hunde, welche die Armut ihrer Herren aus den Gehöften auf die Straße getrieben hatte, sammelten sich um die verwesenden Körper, zerrissen und verschlangen sie; andere lahm und wund, erfüllten die Luft mit heiserem, langgezogenen Geheul oder scharfem, kurzen Bellen; denn Hunger und Schwäche, Hitze und Schmerzen machten sie rasend. Kein Thymian von der Heide, kein harzduftender Fichtenzweig konnte den widerlichen Geruch der faulenden Leiber übertäuben.

Leofric. Hast du Angst, Godiva, mein Liebling, daß wir verschlungen werden, ehe wir die Tore von Coventry erreichen, oder daß dich in den Gärten keine Rosen grüßen, keine duftenden Kräuter für deine Kissen?

Godiva. Leofric, solches alles fürchte ich nicht. Wir sind im Rosenmond; seit meinem gesegneten Hochzeitstag blühen mir Rosen überall. Sie und all die süßduftenden Kräuter scheinen mich zu grüßen, wohin ich auch blicke, gleich als sei ich eine alte Bekannte, die sie erwarten. Ich weiß nicht, warum; sie können doch nicht fühlen, daß ich sie liebhabe.

Leofric. Du leichtsinniges, lachendes Närrchen! Aber was willst du? Ich kam nicht hierher, um zu beten; und doch, wenn Beten dir Freude machen würde oder die Hungersnot aus der Welt schaffen könnte, so ritte ich geraden Weges nach St. Michael und betete bis morgen früh.

Godiva. Ich würde dasselbe tun, o Leofric! Aber Gott hat auch heiligeren Lippen als den meinen kein Gehör geschenkt. Will mein herzlieber Gatte mich erhören, wenn ich ihn um etwas bitte, was leichter auszuführen ist – etwas, das er an Gottesstatt vollbringen kann?

Leofric. Wie! was ist das?

Godiva. Ich wollte nicht im ersten Ansturm deines Zornes für diese unglücklichen Menschen bitten, die gegen dich gefehlt haben, mein lieber Herr.

Leofric. Unglücklich! Ist das alles?

Godiva. Wie sollten sie nicht unglücklich sein, da sie so schwer gegen dich gesündigt haben. Welch sanfte Luft umfächelt uns! Wie ruhig und heiter ist der Abend! Wie still sind Himmel und Erde! Soll niemand sich daran freuen, nicht einmal wir, mein Leofric? Die Sonne will untergehen; laß sie nicht über deinem Zorn untergehen, O Leofric. Diese Worte kommen nicht von mir; sie sind besser als meine Worte. Sollten sie an Kraft verlieren, weil ich unwürdig bin, sie auszusprechen?

Leofric. Godiva, für Rebellen willst du mich um Gnade bitten?

Godiva. Haben sie das Schwert gegen dich gezogen? Das habe ich freilich nicht gewußt.

Leofric. Sie haben verabsäumt, mir die Abgaben zu schicken, die meine Vorfahren ihnen auferlegt haben. Sie wußten um unsere Hochzeit und um die Kosten und Feierlichkeiten, die sie erforderte, und das zu einer Zeit der Teuerung, wo der Ertrag meines eignen Landes nicht ausreicht.

Godiva. Wenn sie am Verhungern waren, wie sie sagten –

Leofric. Soll ich darum auch verhungern? Ist es nicht genug, wenn ich meine Vasallen verliere?

Godiva. Genug! Mein Gott! Zu viel! Zu viel! Möchtest du sie niemals verlieren! Laß sie leben, gib ihnen Frieden und Behagen. Mancher von ihnen hat mich geküßt, als ich Kind war; mancher hat mich gesegnet, als ich die Taufe empfing. Leofric! Leofric! wenn ich einem alten Manne begegne, so werde ich denken, es sei einer von ihnen; ich werde an den Segen denken, den er mir gab, und, wehe mir, an den Segen, den ich ihm zurückbringe. Mein Herz wird bluten, wird brechen, und er wird um mich weinen! Er wird weinen, der Arme, um das Weib eines grausamen Herrn, welcher Rache über ihn verhängt und den Tod in sein Haus trägt!

Leofric. Wir müssen große Festlichkeiten halten.

Godiva. Ja, das müssen wir.

Leofric. Gut, also was tun?

Godiva. Braucht es die lärmende Fröhlichkeit, die auf den Tod der stummen Geschöpfe Gottes folgt, braucht es überfüllte Säle und geschlachtetes Vieh, um Feste zu feiern? Braucht es wilde Gesänge, wüste Tänze und bezahlte Loblieder? Können die Weisen eines fahrenden Sängers uns Schöneres von uns erzählen, als die Stimme des guten Gewissens in unsrem eignen Innern? O mein Geliebter! Laß alles uns zur Freude sein; alles kann beglücken, wenn wir nur willig sind, uns beglücken zu lassen. Wenn wir die Amsel im Garten pfeifen hören, und unser Herz klopft nicht vor Freude, so haben wir einen traurigen Tag, und traurigere werden folgen. Aber, Leofric, Gott sendet uns die, welche dem Herzen des Menschen die großen Feste bereiten, Freudenfeste, Dankesfeste; drücke die Waise, den Verhungernden an die Brust und laß ihre erste Pflicht sein, ihres Wohltäters zu gedenken. Ein solches Fest wollen wir feiern; die Gäste sind bereit. Es kann Wochen, Monate, Jahre dauern, und es wird immer fröhlicher, immer üppiger werden. Der Trank bei diesem Feste, o Leofric, ist süßer, als Weinstock, Blumen und Bienen ihn uns geben können; er fließt vom Himmel herab; und im Himmel wird er dem einst im Ueberfluß gereicht werden, der ihn hier auf Erden reichlich ausgeschenkt hat.

Leofric. Du redest wie im Traum.

Godiva. Ja, ich habe mich selbst vergessen. Eine Gewalt, eine gütige Gewalt erfüllt mir Körper, Seele und Stimme mit Liebe und Zärtlichkeit. O mein Gatte, wir müssen ihr gehorchen. Sieh mich an! Sieh mich an! Hebe deine geliebten Augen vom Boden empor! Ich werde nicht aufhören zu flehen; ich wage es nicht, aufzuhören.

Leofric. Wir wollen darüber nachdenken.

Godiva. O sage das nicht! Was! Ueber Güte nachdenken, wenn man die Möglichkeit hat, gut zu sein? Laß die Kindlein nicht vor Hunger weinen! Die Mutter unsres Herrn Jesus wird sie hören; unsern Gebeten aber wird sie niemals wieder ihr Ohr neigen.

Leofric. Da kommt der Bischof; wir sind nur noch eine Meile von den Toren entfernt. Warum steigst du vom Pferde? Kein Bischof kann solche Ehrerbietung verlangen. Godiva! Meine Würde und mein Rang leiden dieses Gebahren nicht. Graf Godwin könnte davon hören. Auf! auf! Der Bischof hat es gesehen; er treibt sein Pferd an. Hörst du ihn nicht auf dem festen Rasen hinter dir?

Godiva. Niemals, nein, niemals werde ich mich von den Knien erheben, o Leofric, ehe du nicht abläßt von deinem gottlosen Vorhaben, von dieser Steuer auf saure Arbeit, auf hartes Leben.

Leofric. Sieh dich um; sieh, wie der fette Gaul trabt, langsam und schnaufend, im Takt eines Büßerliedes. Welchen Grund oder welches Recht hat das Volk, zu klagen, wenn das Roß seines Bischofs so wohlgenährt und so schön gezäumt ist? Es spürt Verlangen nach Abwechslung und den Wunsch, alte Gebräuche zu tilgen. Auf! auf! Schmach und Schande! Sie sollen dafür büßen, die Müßiggänger! Herr Bischof, ich muß für mein junges Weib erröten.

Godiva. Mein Gatte, mein Gatte! wirst du der Stadt verzeihen?

Leofric. Herr Bischof! Ich hätte nie gedacht, daß Ihr sie in solcher Stellung sehen würdet. Werde ich verzeihen? Ja, Godiva, beim heiligen Kreuze, ich werde der Stadt verzeihen, wenn du zur Mittagszeit nackt durch ihre Straßen reitest!

Godiva. O mein lieber, grausamer Leofric, wo ist das Herz, das du mir schenktest? So war es nicht; habe ich es hart gemacht?

Bischof. Graf, du erniedrigst deine Gattin; sie wird bleich und weint. Lady Godiva, Friede sei mit dir.

Godiva. Ich danke Euch, heiliger Mann! Friede wird mit mir sein, wenn Eure Stadt Frieden hat. Hörtet Ihr die grausamen Worte meines Herrn?

Bischof. Ich hörte sie, Lady.

Godiva. Wollt Ihr der Worte eingedenk sein und gegen sie beten?

Bischof. Wirst du sie vergessen können, meine Tochter?

Godiva. Ich bin nicht gekränkt.

Bischof. Du reiner, friedfertiger Engel!

Godiva. Aber bewahrt sie in Eurem Herzen; laßt sie wie Weihrauch sein, der nur gut ist, wenn er sich verzehrt und mit Gebet und Opfer gen Himmel steigt. Und nun, was sagte er?

Bischof. Jesus steh uns bei! er wolle der Stadt verzeihen, wenn du um Mittag nackt durch ihre Straßen rittest.

Godiva. Hat er es beschworen?

Bischof. Er schwor beim heiligen Kreuze.

Godiva. Mein Erlöser, du hast es gehört! Rette die Stadt!

Leofric. Wir reiten jetzt auf gepflasterter Straße; es sind die Außenwerke der Stadt. Wir wollen ans Schmausen denken; beten können wir später. Morgen soll ein Tag der Ausruhe sein.

Godiva. Kein Gericht morgen, Leofric?

Leofric. Nein, morgen wollen wir zechen.

Godiva. Die Heiligen im Himmel haben mir Kraft und Zuversicht gegeben; meine Gebete sind erhört; das Herz meines Geliebten hat sich erweichen lassen.

Leofric. Ja, ja.

Godiva. Sage mir, liebster Leofric, gibt es kein anderes Mittel, keinen anderen Ausweg?

Leofric. Ich habe einen Eid geschworen. Auch hast du Schuld, daß ich erröten mußte; den Kopf habe ich von dir gewendet, und all die Burschen haben es gesehen. Nun wiegt das Verbrechen der Stadt noch schwerer.

Godiva. Ich mußte auch erröten, Leofric, und war doch weder unbesonnen noch hartnäckig.

Leofric. Aber du, mein Liebchen, errötest leicht; du kannst es nicht unterdrücken. Ich wünschte, du wärest nicht so hastig vom Pferde geglitten; eine Strähne deines Haares hat sich gelöst. Sieh dich vor, daß du dich nicht darauf setzest; es möchte dir wehe tun. Wohlgetan! Jetzt mischt sie sich lieblich mit der goldnen Decke auf dem Sattel; sie gleitet hin und wider, als hätte sie Leben und Fähigkeiten, als wolle sie in den Goldstoff ein neues künstlicheres Muster wirken. O meine schöne Eva! Ein Paradies ist um dich herum! Wo du gehst und atmest, da verjüngt sich die Welt. Ich kann nichts Böses sehen und nichts Böses denken, wenn du nahe bist. Ich möchte dich selbst hier auf offener Straße in meine Arme schließen. Hast du kein Zeichen für mich? Schüttelst du nicht deine Sonnenstrahlen? Kein Vorwurf, kein verwundertes Stirnrunzeln? Ich muß es sagen – jetzt und auf jede Gefahr hin – ich möchte dir deine halbgeöffneten Lippen und deine lieblichen, zärtlichen Augen vor allem Volke mit meinen Küssen schließen.

Godiva. Morgen sollst du mich küssen, und sie werden dich dafür segnen. Ich werde sehr bleich sein; denn heute Nacht muß ich fasten und beten.

Leofric. Ich kann deine Worte nicht hören. Die Stimmen des Volkes schallen so laut unter der Wölbung des Tores.

Godiva ( zu sich selbst). Gott helfe ihnen! Den guten, freundlichen Leuten! Ich hoffe, sie werden mich morgen nicht so umdrängen. O Leofric! Könnte mein Name doch vergessen werden, und nur dein Name leben bleiben! Aber vielleicht wird meine Unschuld mich gegen Vorwürfe schützen; und wie viele, die ebenso unschuldig sind wie ich, leben in Angst und Hungersnot! Kein Auge wird mich treffen, das nicht naß von Tränen ist. Ich bin eine gar junge Mutter für eine so große Familie! Wird meine Jugend mir im Wege stehn? Sie wird mir Mut verleihen, wenn ich nur Gottes Führung folge. Wie lange noch bis morgen! Ach, wäre Mittag vorbei!

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