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Erdichtete Gespräche

Walter Savage Landor: Erdichtete Gespräche - Kapitel 5
Quellenangabe
type
authorWalter Savage Landor
titleErdichtete Gespräche
publisherGeorg Müller Verlag
translatorElisabeth von Schorn
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20151214
projectidcdd8c509
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Metellus und Marius

Metellus. Dich treffe ich zur rechten Stunde, Cajus Marius! Ich habe Befehl gegeben, daß man unverzüglich einen Centurio ausfindig mache, der bereit ist, auf die Mauern zu steigen; einen raschen, ruhigen, tatkräftigen, unerschrockenen Menschen, der genau und scharf beobachten kann. Die Numantier bringen ihren Göttern heimliche Opfer dar; sie haben nur ein einziges Mal ins Horn geblasen – es klang heiser, leise und traurig.

Marius. Ist die Leiter für mich bestimmt, die dort zwischen den Kapersträuchen und Feuerlilien lehnt, da wo der Feigenbaum aus dem Wall herauswächst?

Metellus. Wenn du bereit bist, ja. Willst du hinaufsteigen?

Marius. Mit Freuden. Darf ich in die Stadt hinuntersteigen und den Stand der Dinge erkunden, wenn drinnen niemand in der Nähe ist?

Metellus. Das überlasse ich deiner Klugheit. – Was siehst du? Wirst du hinunterspringen? Zieh die Leiter hoch.

Marius. Hat sie eiserne Schuhe? Ich könnte sonst ausgleiten.

Metellus. Was! Du, der tapferste unserer Centurionen, selbst du fürchtest dich? Ist drinnen jemand in der Nähe?

Marius. Ach! mehrere Hundert dicht unter mir.

Metellus. So kehre um, rasch; ich werde dich beim Abstieg schützen.

Marius. Darf ich sprechen, o Metellus, ohne den Gehorsam zu verletzen?

Metellus. Sprich.

Marius. Horch! Hörst du nichts?

Metellus. Schmach über dich! Steige herunter, steige herunter! Mein Schild soll dich decken.

Marius. Es ist ein Surren in der Luft wie das Summen der Bienen über dem Bohnenfeld von Cereate; denn die Sonne brennt heiß, und der Boden ist durstig. Wann wird er all das Blut von meinem Wege aufgetrunken haben, das aus den frischen Leichen sickert!

Metellus. Was! Wir haben seit Tagen nicht gekämpft; wo kommen die frischen Leichen her?

Marius. Dicht an der Mauer liegen tote Kinder und Mädchen; in der Mitte der Straße liegen Jünglinge, abgezehrt, manche mit monatealten Wunden; einige haben sich in ihre Speere, andere in ihre Schwerter gestürzt; viele haben sich als letzten Freundschaftsdienst gegenseitig den Tod gegeben; sie liegen Brust an Brust, mit ihren Dolchen aneinander geheftet.

Metellus. Merke lieber auf die Lebenden; was treiben sie?

Marius. Das Opferfeuer, glaube ich, weissagt ihnen nichts Gutes; es brennt langsam und schwelend. Das Opfer wird noch morgen unverbrannt auf dem Holzstoß liegen, wenn sie nicht neuen Brandstoff hinzutragen.

Ich will hinunterspringen, will behutsam vorwärts gehen, und wenn der Tod mich verschont, komme ich mit Nachrichten zurück.

Nie war ein sterbliches Geschlecht so unkriegerisch wie diese Numantier; keine Wachen, keine Posten, keine Palisaden in den Straßen.

Metellus. Haben sie denn alles Holz für den Altar gebraucht?

Marius. Es scheint so – ich komme bald zurück.

Metellus. Die Götter mögen dich geleiten, mein tapferer, redlicher Marius! –

Marius ( zurückgekehrt). Die Leiter hätte schärfere Eisenspitzen haben können; der Grund war schlüpfrig. Indessen bin ich heil wieder heruntergekommen. Hier kann man sicher schreiten; hier gleitet man nicht aus.

Metellus. Berichte mir, Cajus, was du gesehen hast.

Marius. Die Straßen von Numantia.

Metellus. Daran zweifle ich nicht, aber was sonst?

Marius. Die Tempel, Märkte, Gymnasien und Brunnen.

Metellus. Hast du den Verstand verloren, Centurio? Was sonst? Sprich kurz und bündig.

Marius. Ich sah das ganze Numantia.

Metellus. Hat die Angst dir den Kopf verdreht? Hast du von den Bewohnern nichts gesehen, als jene Leichen unter den Wällen?

Marius. Die liegen zerstreut, o Metellus, wenn auch nicht weit von einander getrennt. Den größten Teil der Krieger und Bürger, der Väter, Gatten, Witwen und Ehefrauen fand ich eng zusammengeschart.

Metellus. Waren sie um den Altar versammelt?

Marius. Auf dem Altar.

Metellus. So eifrig in ihrer Anbetung! Aber wie ist es möglich – alle auf dem Altar?

Marius. Er flammte unter ihnen, über ihnen und rings um sie herum.

Metellus. Unsterbliche Götter! Bist du bei Sinnen, Cajus? Dein Antlitz ist versengt; deine Gedanken mögen sich verwirrt haben über deinem Wagnis; dein Schild verbrennt mir die Hand.

Marius. Ich glaubte, er sei schon abgekühlt; aber wahrlich, er ist heiß; ich fühle es jetzt.

Metellus. Schüttle die Asche von dir ab.

Marius. Das ist wohl besser. Von da drüben wird uns lange niemand mehr entgegentreten, auf den wir Asche streuen könnten.

Ein Verzagter war es nicht, der ins Horn blies, als es so leise und traurig erklang. Ich sah ihn, den einzig Ueberlebenden. Doch nein! Noch ein Lebender war da, ein Kind, das die Mutter nicht hatte töten wollen, von dem sie sich nicht hatte trennen können. Ich glaube sie hielt es im Gewand verborgen, und als das Feuer sie erreichte, schrie entweder die Mutter oder das Kind; denn plötzlich tönte ein lauter Schrei durch das Prasseln des Fichtenholzes, und etwas Rundliches an Gestalt fiel von Feuerbrand zu Feuerbrand, bis aufs Pflaster vor die Füße dessen, der das Horn geblasen hatte. Ich stürzte auf ihn zu, denn ich wollte alles erfahren und fühlte, daß die Zeit drängte. Verdamme nicht meine Schwäche, o Cäcilius! Ich wünschte, daß ein Feind eine Stunde länger lebe; denn mein Befehl war, auszukunden und Nachricht zu bringen. Als ich ihn dicht vor mir sah, in seiner riesenhaften Größe, da war es mir nicht mehr verwunderlich, daß sein Horn so schwach geklungen; Staunen empfand ich, daß ihm noch Atem geblieben war, denn der Hunger hatte ihm Glieder und Züge gezeichnet. Aber ich eilte auf ihn zu, ehe meine Augen seine Größe und Stärke recht ermessen hatten. Er hielt mir das Kind entgegen und schwankte unter der kleinen Last.

»Siehe da,« rief er, »ein köstliches Prunkstück für einen römischen Triumphzug!«

Ich stand von Entsetzen gelähmt; da fiel es von dem Scheiterhaufen, Regentropfen gleich. Ich schaute auf: kostbare Steine, Amulette, Ringe und Armbänder, barbarische Schmuckstücke, deren Form und Bestimmung mir fremd waren, stürzten klirrend auf die schwarzen, ausgedörrten Zweige; sie hatten sich von Arm und Hals der Mütter, Ehefrauen und Bräute gelöst, auch von stärkeren Gliedern wohl, denn mir deucht, ich sah in der Schlacht erkämpfte, frohe Siegesbeute fallen. Die Masse der aufeinandergehäuften Körper war so fest und schwer, daß weder Flammen noch Rauch aufwärtsdringen konnten, und sie sanken alle zusammen in die glühende Höhle, die das Feuer unter ihnen gefressen hatte. Der, um dessen Hals das Horn hing, sah es und schrak zusammen.

»Noch ist Platz,« rief er, »noch haben wir Kraft, das Element und ich.«

Er breitete seine welken Arme aus, er dehnte seinen mageren Hals, und mit schlotternden Knien, die hörbar aneinander schlugen, taumelte er in das Feuer, das die Bürger seiner Vaterstadt verzehrte. Es flammte noch einmal auf und packte ihn; gleich wie ein zu Tode getroffenes, hungriges Raubtier in den innersten Wildnissen Afrikas noch einmal fauchend den in der Wonne des Schreckens und der Ungeduld des Erfolges sich nahenden Jäger ergreift, der es zerbrochen und regungslos vor sich kauern sah.

Ich habe in dieser Stunde gesehen, o Metellus, was Rom auf seinem Siegeslaufe niemals sehen wird, was die Sonne auf ihrer ewigen Bahn ihm niemals zeigen kann, was die Erde nur einmal getragen und nie wieder hervorbringen wird – einen Numantier. Die Siegesgöttin selbst hat Rom diesen Anblick geneidet.

Metellus. Wir werden morgen ein Festmahl halten. Du kannst darauf rechnen, Tribun zu werden, Cajus Marius; vertraue dem Glück.

Marius. Weissagungen sind sicherer als Glück; am sichersten aber ist Ausdauer.

Metellus. Ich hoffe, der Wein ist nicht schal geworden in meinem Zelt. Ich habe ihn lange warten lassen und muß jetzt an Scipio die Kunde von unserer Entdeckung berichten. Folge mir, Cajus.

Marius ( allein). Der Tribun hat die Entdeckung gemacht! Der Centurio ist nur der Späher! Cajus Marius muß sich noch in manches Numantia wagen. O Cäcilius, du Leichtlebender, vielleicht kommt die Zeit, wo du nicht mit gedemütigtem, sondern mit frohlockendem Stolz Befehle von dieser Hand entgegennimmst. Wenn die Worte des Scipio Schicksal sind, – und mir klingen sie so – dann werden die Pforten des Kapitols einmal vor meinem Siegeswagen erbeben, meine Pferde werden sich vor dem Beifallsgeschrei des Volkes bäumen, und Jupiter in seinem hohen Hause wird den Bürger von Arpinum willkommen heißen.

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