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Erdichtete Gespräche

Walter Savage Landor: Erdichtete Gespräche - Kapitel 4
Quellenangabe
type
authorWalter Savage Landor
titleErdichtete Gespräche
publisherGeorg Müller Verlag
translatorElisabeth von Schorn
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20151214
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Marcellus und Hannibal

Hannibal. Konnte ein numidisches Pferd seinen Reiter nicht schneller tragen? Marcellus! O Marcellus! Er rührt sich nicht – er ist tot. Haben sich nicht seine Finger bewegt? Tretet zurück, Soldaten – weit zurück, vierzig Schritt – er muß Luft haben – bringt Wasser – halt! Sammelt die großen Blätter und alles, was dort unter dem Gebüsch wächst, – löst seinen Panzer. Nehmt ihm zuerst den Helm ab – seine Brust hebt sich. Mir war, als hätte mich sein Blick getroffen – die Augen haben sich wieder geschlossen. Wer hat sich herausgenommen, meine Schulter zu berühren? Dieses Pferd? Das ist gewiß das Pferd des Marcellus! Laßt niemand darauf reiten. Ha! ha! auch die Römer versinken in Üppigkeit: dieses Schlachtroß trägt goldenen Schmuck.

Gallischer Häuptling. Schändlicher Räuber! Die goldene Kette unseres Königs im Gebiß eines Tieres! Die Rache der Götter hat den Unreinen ereilt.

Hannibal. Über Rache laßt uns sprechen, wenn wir in Rom eingezogen sind, und über Reinheit wollen wir mit den Priestern reden, wenn sie uns anhören wollen. Ruft den Wundarzt. Der Pfeil sitzt tief in seiner Seite; aber man wird ihn doch herausziehen können. – Der Eroberer von Syrakus liegt vor mir. – Sendet ein Schiff nach Karthago. Meldet, daß Hannibal vor den Toren Roms steht. – Marcellus, der einzige, der uns im Wege stand, ist gefallen. Tapferer Mann! Ich möchte jubeln und kann es nicht. – Wie gelassen, wie ehrwürdig sein Antlitz! So mögen sie aussehen, die in den Gefilden der Seligen wandeln. Wie herrlich seine Gestalt! So war auch der Seligen irdischer Leib. Auch sie lagen in ihrem Blute hingestreckt – denn wenige wurden dorthin entrückt, die natürlichen Todes starben. Wie schlicht seine Rüstung!

Gallischer Häuptling. Meine Leute haben ihn getötet – ich glaube, ich selbst war es, der ihn traf. Ich will die Kette haben: Sie gehört meinem König; die Ehre Galliens fordert es und leidet es nicht, daß ein anderer sie nimmt.

Hannibal. Mein Freund, die Ehre des Marcellus hat es nicht gefordert, sie zu tragen. Als er die Waffen eures tapferen Königs im Tempel Jupiters aufhing, da schien ihm dieser Trödel seiner und des Gottes unwürdig. Den Schild, welchen er zu Boden schlug, den Brustpanzer, welchen sein Schwert durchbohrte – die zeigte er den Göttern und dem Volke; die Kette wird er kaum seiner Gattin und seinen kleinen Kindern gezeigt haben, ehe er sie seinem Pferde umhing.

Gallischer Häuptling. Höre mich an, o Hannibal!

Hannibal. Was! Jetzt, wo Marcellus vor mir liegt? Wo er vielleicht wieder zum Leben erweckt werden kann? Wo ich ihn im Triumph nach Karthago führen kann? Wo Italien, Sizilien, Griechenland und Asien gewärtig sind, mir zu gehorchen? Gib dich zufrieden! Ich will dir meinen eigenen Zügel geben; er ist zehnmal so viel wert.

Gallischer Häuptling. Soll er mir selbst gehören?

Hannibal. Dir selbst.

Gallischer Häuptling. Diese Rubinen und Smaragden und diese purpurnen –

Hannibal. Ja, ja.

Gallischer Häuptling. O ruhmreicher Hannibal! Unbesiegbarer Held! O mein glückliches Land! Welchen Verbündeten und Beschützer hast du. Ich schwöre ewige Dankbarkeit – ja, Dankbarkeit, Liebe, Treue bis über die Ewigkeit hinaus.

Hannibal. In allen Verträgen wird eine Frist gesetzt: Eine längere kann ich wohl nicht fordern. Geh' auf deinen Posten zurück. Ich will sehen, was der Wundarzt tut, und hören, was er denkt. Das Leben des Marcellus! Der Triumph des Hannibal! Was faßt die Welt noch mehr? Nur Rom und Karthago: Diese anderen alle sind nur Gefolge.

Marcellus. So muß ich sterben? Den Göttern sei Dank! Der Feldherr der Römer ist kein Gefangener.

Hannibal zum Wundarzt. Wird er eine Seereise ertragen können? Zieh den Pfeil heraus.

Wundarzt. Er wird im selben Augenblick verscheiden.

Marcellus. Zieh ihn heraus; er macht mir Schmerzen.

Hannibal. Marcellus, ich sehe keine Zeichen des Schmerzes auf deinem Antlitz, und ich werde niemals zulassen, daß der Tod eines Feindes, den ich in meiner Gewalt habe, beschleunigt wird. Du hast wahr gesprochen, ein Gefangener bist du nicht; denn du kannst von deiner Wunde nicht genesen. ( Zum Wundarzt) Hast du kein Mittel, Mann, den tödlichen Schmerz zu mildern? Denn fühlen muß er ihn, wenn er ihn auch nicht zeigt. Gibt es nichts, was ihn lindern und erleichtern könnte?

Marcellus. Hannibal, gib mir deine Hand – du hast die Linderung gefunden und gebracht, Mitgefühl. ( Zum Wundarzt) Geh, Freund; andere brauchen deine Hilfe; um mich her wurden viele verwundet.

Hannibal. Rate deinem Vaterlande zu Versöhnung und Frieden mit mir, solange dir noch Zeit bleibt, o Marcellus. Berichte dem Senat von meiner Übermacht und tue ihm kund, daß Widerstand unmöglich ist. Die Schreibtafel ist bereit; laß mich dir diesen Ring vom Finger ziehen – versuche zu schreiben, versuche wenigstens mit deinem Namen zu zeichnen. Oh, welche Genugtuung bereitet es mir, daß du dich aufrichten, ja, daß du wieder lächeln kannst!

Marcellus. Wie streng würde Minos mich in weniger als einer Stunde fragen: »Marcellus, warst du es, der dies schrieb?« Rom verliert nur einen Mann, wie es schon viele verloren hat, und wie ihm noch viele bleiben.

Hannibal. Das sagst du, der du jede Falschheit verabscheust? Ich gestehe, daß ich mich der Grausamkeit meiner Landsleute schäme. Das Unglück will es auch, daß auf den nächsten Posten Gallier stehen, die noch unendlich viel grausamer sind als die Numidier; die üben Grausamkeit nur in der Rache, die Gallier aber auch im Spiel. Ich muß mich entfernen; man braucht mich weit von hier, und ich fürchte für dich die Wildheit der einen wie der andern, wenn sie erfahren, daß du meinen versöhnlichen Vorschlag zurückgewiesen hast. Es wird ihnen nicht verborgen bleiben, und sie werden sich durch dich der langersehnten Heimkehr beraubt fühlen.

Marcellus. Hannibal, du bist kein Sterbender.

Hannibal. Was willst du damit sagen?

Marcellus. Daß du das Recht hast, noch viele Dinge zu fürchten. Ich fürchte nichts mehr. Die Wildheit deiner Soldaten kümmert mich nicht; die meinen würden es nicht wagen, Grausamkeiten zu begehen. Hannibal muß sich entfernen, und mit den verhallenden Hufschlägen seines Pferdes erlischt seine Autorität. Auf dieser Scholle liegt der verstümmelte Leib eines Feldherrn, aber sein Heer gehorcht ihm noch. Gibst du eine Gewalt aus der Hand, die dein Volk dir verliehen hat? Oder willst du zugeben, daß sie durch deine eigene Schuld weniger allmächtig ist, als die deines Gegners?

Ich sprach zu viel; laß mich ausruhen. Dieser Mantel lastet schwer auf mir.

Hannibal. Als man dir den Helm abnahm, breitete ich meinen Mantel über deinen Kopf, um dich vor der Sonne zu schützen. Ich will ihn dir unter den Kopf legen und dir dann den Ring wieder anstecken.

Marcellus. Behalte ihn, Hannibal. Ein unglückliches Weib gab ihn mir, die sich in Syrakus zu mir flüchtete. Sie war beschämt, daß sie mir nicht mehr zu geben hatte, und riß sich in Verzweiflung die Haare aus, um den Ring hineinzuhüllen. Damals dachte ich freilich nicht, daß ich ihr Geschenk einst weiterschenken würde. Wie schnell kann der Mächtigste dem Schwächsten gleich werden! Laß uns Ring und Mantel zum Abschied als Gastgeschenke tauschen. Vielleicht kommt der Tag, wo du, Hannibal, unter dem Dache meiner Kinder weilst, ob als Sieger oder Besiegter, das wissen nur die Götter. Der Ring wird dir in beiden Fällen dienen. Bist du im Unglück, so werden sie daran denken, auf wessen Lager ihr Vater seinen letzten Atemzug getan. Kommst du als Glücklicher (möchten die Götter dir Glück in einem anderen Lande verleihen), dann wirst du dich freuen, sie beschützen zu können. Wir fühlen uns nie so frei von Leid, als wenn wir Leidenden helfen; freilich werden wir uns auch gerade dann bewußt, wie leicht wir selbst dem Leid verfallen können.

Hier ist etwas, dem Freud und Leid nichts anhaben können.

Hannibal. Was meinst du?

Marcellus. Diesen Körper.

Hannibal. Wohin möchtest du getragen sein? Leute sind bereit.

Marcellus. So meinte ich es nicht. Meine Kräfte schwinden. Mir scheint, ich höre besser, was in mir ist, als was um mich ist. Mein Gesicht und meine anderen Sinne gehorchen mir nicht mehr. Ich wollte sagen – wenn ein paar Luftblasen diesen Körper verlassen haben, so ist er weder deiner noch meiner Beachtung mehr wert; aber deine Ehre wird dir nicht erlauben, ihn der Liebe meiner Familie zu verweigern.

Hannibal. Du hast noch einen andern Wunsch. Ich bemerke eine neue Unruhe an dir.

Marcellus. Pflicht und Tod mahnen uns an unser Haus.

Hannibal. Dort fliegen die Gedanken beider hin, des Siegers wie des Besiegten.

Marcellus. Hast du unter meinen Leuten Gefangene gemacht.

Hannibal. Ein paar Sterbende liegen umher – lassen wir sie liegen – es sind Tusker. Die andern sah ich fliehen, nur ein Tapferer unter ihnen – er schien mir ein Römer – ein Jüngling, der sich wandte, obwohl er verwundet war. Sie scharten sich um ihn, zogen ihn mit sich und spornten sein Pferd mit ihren Schwertern an. Diese Tusker sind sparsam mit ihrem Mut; sie legen ihn mit schönem Faltenwurf an, aber sie werfen ihn mit vornehmer Leichtigkeit wieder ab. Marcellus, warum Gedanken an sie verschwenden? Oder quält dich noch etwas anderes?

Marcellus. Ich brauche es nicht länger zu unterdrücken. Mein Sohn – mein geliebter Sohn!

Hannibal. Wo ist er? Ist's möglich? War er mit dir?

Marcellus. Er hat mein Schicksal teilen wollen – und ist verschont geblieben. Ihr Götter meines Vaterlandes! Mein Lebelang habt ihr mir Gnade erwiesen; überwältigende Gnade erweist ihr mir im Tode: zum letzten Male sage ich euch Dank.

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