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Erdichtete Gespräche

Walter Savage Landor: Erdichtete Gespräche - Kapitel 3
Quellenangabe
type
authorWalter Savage Landor
titleErdichtete Gespräche
publisherGeorg Müller Verlag
translatorElisabeth von Schorn
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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Alexander und der Priester des Jupiter Ammon

Alexander. Ich bin, wie König Philipp, den unwissende Menschen meinen Vater nennen, allzeit ein Freund und Beschützer der Götter gewesen.

Priester. Bis heute habe ich des Glaubens gelebt, daß die Götter uns Menschen Freundschaft und Schutz gewähren; jetzt aber höre ich, daß ein König von Macedonien seinen Schild über die Unsterblichen hält. Wenn man mich recht berichtet hat, so glänzte König Philipp nicht durch gleiche Frömmigkeit.

Alexander. Er war der frömmste Fürst seiner Zeit.

Priester. Worauf, o Alexander, begründet sich dieses überschwengliche Lob?

Alexander. Er war nicht nur verschwenderischer mit schrecklichen Flüchen, er opferte auch eifriger und üppiger als irgendein Oberster des Heeres oder irgendein Priester der Götter.

Priester. Ueppiger? Wohl wie solche, die er schon im Unglück fand, oder solche, deren Unglück unter ihm begann, mit anderen Worten, üppiger wie die, welche er besiegte, oder wie die, deren Elend ererbt war, da sie als Untertanen des Siegers geboren wurden.

Alexander. Er legte untrügliches Zeugnis ab für seine Frömmigkeit, als er den Oenomarchus schlug, den Feldherrn der Phocier, die sich erdreistet hatten, einen Acker umzupflügen, der dem Apollo geweiht war.

Priester. Hätte es Apollo gefallen, so würde er den Phociern, die seinen Acker pflügten, die Arbeit ebenso heiß gemacht haben, wie den fürwitzigen Griechen vor Troja, die seinem Priester die Tochter entführten. Er tötete mit seinen Pfeilen eine Menge Maulesel, um zu zeigen, daß es ihm Ernst war, und wäre fähig gewesen, weiter zu schießen, sowohl auf Vieh als auf Menschen, bis er schließlich den Schuldigen getroffen hätte.

Alexander. Er gab Königen eine Lehre, indem er ihre Völker vor ihren Augen tötete; nie aber, des bin ich gewiß, würde er das schlechte Beispiel gegeben haben, Könige selbst zu erschlagen. Um ganz Griechenland seine Verehrung für den Apoll von Delphi zu zeigen, erschlug Philipp sechstausend Gotteslästerer und jagte dreitausend ins Meer.

Priester. Alexander! Alexander! die Grausamen sind Gotteslästerer, nicht die, welche durch Grausamkeit leiden. Ist es so unverzeihlich, wenn die Unwissenden über ihre Götter im Unklaren leben, da die Weisen an ihren eigenen Vätern zweifeln?

Alexander. Ich zweifle nicht an dem meinen. Philipp ist mein Vater nicht.

Priester. Das leuchtet mir ein.

Alexander. Wer könnte es demnach anders sein, als Jupiter selbst?

Priester. Die Priester von Pella werden dir darauf besser mit einem Orakel antworten können, als wir Priester von der Oase.

Alexander. Wir haben kein Orakel in Pella.

Priester. Wenn ihr eines hättet, so möchte es sein, daß es für diesmal verstummte.

Alexander. Ich fange an, die Geduld zu verlieren.

Priester. Ich habe dir von der meinen abgegeben, da ich dich so schlecht damit versehen sah; wenn ich aber deine Gebärden richtig deute, so scheint dir meine Geduld recht unbequem auf den Schultern zu lasten.

Alexander. Das mir! – Dem Gotterzeugten! Dem Wohltäter der ganzen Menschheit!

Priester. Einem Wohltäter von der Art des Philipp, der dreitausend Männern zu ihrer Erfrischung ein so köstliches Bad bereitete. Bimsstein in Fülle! Aber ein rechter Mangel an Handtüchern!

Alexander. Keine Tändelei! Keine schlechten Witze!

Priester. Man nennt einen guten Witz nur den, welcher einen anderen trifft.

Alexander. Laß uns zur Sache kommen: Ich bin bereit, dir darzutun, daß weder Jason noch Bachus auf ihren denkwürdigen Heerzügen der Menschheit größere Dienste erwiesen haben, als ich ihr erwies und in Zukunft erweisen werde.

Priester. Jason gab den Menschen das Schauspiel der Falschheit und Undankbarkeit; Bachus machte sie trunken. Du scheinst ein würdiger Nachfolger dieser Trefflichen zu sein.

Alexander. Einem gekrönten Haupte bietest du solche Frechheit! Über Helden und Götter führst du so leichtfertige Sprache!

Priester. Sei eingedenk, Alexander, daß wir Priester Vorrechte haben.

Alexander. Auch ich habe Vorrechte und darf von meinen großen Taten sprechen; wenn nicht als Befreier von Griechenland, dessen zerstörte Einigkeit ich wieder gefestigt habe, so doch als Wohltäter von Ägypten und Jupiter.

Priester. Hier ist es allerdings nicht an der Zeit, zu lachen; denn dein königliches Wort bezeugt, daß Jupiter dir sehr verpflichtet ist; ebenso klar bezeugt es, daß du nichts als seinen Segen von ihm haben willst – es sei denn, du wünschest, daß er sich öffentlich zu einer neuen ehebrecherischen Zeugung bekenne, die seinen schwarzen Locken besser angestanden hätte, als seinem grauen Greisentum.

Alexander. Entsetzen! So redest du von Jupiter!

Priester. Nur wenn ich mit solchen spreche, die in einem vertrauten Verhältnis zu ihm stehn: Mit einer seiner Geliebten, zum Beispiel, oder mit seinem Sohn. Du sagst ja, du seiest sein Sohn.

Alexander. Wahrlich, bei meinem Haupte und bei meinem Zepter, das bin ich. Nichts ist gewisser.

Priester. Darüber wollen wir uns noch bereden.

Alexander. Laß uns jetzt gleich darüber reden.

Priester. Wie ist es möglich, daß Jupiter dein Vater ist, da –

Alexander. Da was?

Priester. Kannst du mich nicht aussprechen lassen?

Alexander. Du stellst eine törichte Frage!

Priester. Nicht ich habe die Frage gestellt, ob man mich als Sohn des Jupiter anerkennen wolle.

Alexander. Dich, ha!

Priester. Und doch ist sich die ganze Menschheit einig, daß uns Ländereien und Häuser der Unsterblichen gehören, und man nennt uns »göttlich«, als seien wir ihre Kinder. Manche versichern sogar, daß die Götter selbst weniger Einfluß und Besitztum auf Erden haben, als wir.

Alexander. Das will ich alles gelten lassen; gebraucht nur euren Einfluß zugunsten eurer Wohltäter.

Priester. Ehe wir weiter darüber reden, sage mir, inwiefern du der Wohltäter Ägyptens bist, oder wie du gedenkst, es zu werden.

Alexander. Meine Erklärung wird zugleich beweisen, daß auch Jupiter Grund haben wird, mich als seinen Wohltäter zu begrüßen. Ich will an einem Platz, der für den Handel sehr günstig ist, eine Stadt erbauen: Natürlich werden die Besucher eines solchen Marktes dem Jupiter viele Opfergaben darbringen.

Priester. Wofür?

Alexander. Für ihr Glück im Handel.

Priester. Ach Alexander! Die, denen das Glück lächelt, bringen selten Opfer dar, und das Beste davon weiß Hermes uns listig vorweg zu nehmen. Es gibt Städte genug in Ägypten: Ich möchte beinahe sagen, es gibt zu viele; denn die Menschen plündern sich gegenseitig, wenn sie zu nahe zusammensitzen.

Alexander. Ist es denn nicht ruhmreich, eine prächtige Stadt zu erbauen?

Priester. Ruhmreich mag es wohl sein.

Alexander. So bist du doch einmal bereit, mir gerecht zu werden.

Priester. Ich habe bis zur Stunde nicht geahnt, daß du neben allen deinen andern Gaben auch eine Gabe für die Baukunst besitzest.

Alexander. Frecher Spötter! Mich hältst du für einen Baumeister?

Priester. Ich war im Begriff, es zu tun, und gewiß nicht im Spott, sondern um meine Spottlust zu bändigen.

Alexander. Wie meinst du das?

Priester. Wer den Plan für eine große Stadt mit Straßen, Plätzen, Palästen und Tempeln entwirft, muß viel Nachdenken üben und vielerlei Art von Kenntnissen besitzen; und doch fordern die Teile, welche dem Ungebildeten, ja auch dem Gebildeten am meisten Bewunderung entlocken, weniger Sorgfalt und Wissen, als die Dinge, welche man die niedrigen nennt. Ungesehen im Dunkel liegt die Anlage der Kanäle; dem Auge verborgen bleibt die Art, wie man die Wasserleitungen vor dem Eindringen der unreinen Gewässer schützt; wie man, um die Sommerhitze zu dämpfen, frische Luft in alle Räume der Wohnhäuser leitet, wie man Schlangen und Gewürm fernhält, ja wie man die Menschen vor stechenden Insekten behütet. Von solchen Dingen hängt in diesen Himmelsstrichen die Bequemlichkeit des Lebens ab.

Alexander. Ich zweifle nicht, daß mein Baumeister sie alle reiflich bedacht hat.

Priester. Wie heißt er?

Alexander. Ich will dir seinen Namen nicht nennen; der Ruhm ist mein: Ich gab die Befehle, ich faßte zuerst den Gedanken.

Priester. Ein Hund, der im Staube schläft, kann von einer prächtigen Stadt träumen, wenn er je eine solche gesehen hat, und ein Wahnsinniger, der in Ketten liegt, kann davon träumen, sie zu erbauen, ja, kann selbst die Befehle dazu geben.

Alexander. Deine Art wird mir unerträglich!

Priester. Wäre ich im Unrecht, so könntest du sie ertragen. Du würdest deine Nachsicht als Großmut empfinden, und weisere Menschen würden sie noch in kommenden Jahrhunderten so nennen. Ich bücke mich nicht, um solcherlei Weisheit und Größe auszumessen; erweise mir darum jetzt eine Gunst und erkläre mir den Sinn deiner Worte »Nichts ist gewisser«; denn ich nehme an, daß es sich um einen Lehrsatz der Geometrie handelt, die ich ungemein liebe.

Alexander. Ich bin nicht hierher gekommen, um geometrische Figuren in den Sand zu zeichnen.

Priester. Dein Glück wäre es, wenn die Zeichnung, die du in der Welt zurücklassen wirst, sich so leicht verwischen ließe, wie Figuren im Sand.

Alexander. Was sagtest du da?

Priester. Ich hing meinen Gedanken nach.

Alexander. Selbst der Städtebau ist in deinen Augen weder rühmlich noch empfehlenswert.

Priester. Ja, wahrlich, er gehört nicht zu den Unternehmungen der Mächtigen, denen ich ungeteilten Beifall zollen kann; das Zerstören von Städten aber ist eine Ausschweifung, die ich vor allen andern verabscheue. Alle Städte der Erde sollten sich erheben wider den Mann, der eine von ihnen zugrunde gerichtet hat. Ehe dieses Gefühl nicht alle beherrscht, werden die Friedliebenden des Schutzes, die Tugendhaften der Ermutigung, die Tapferen der Unterstützung, die Wohlhabenden der Sicherheit entbehren. Wir Priester verkehren über weite Lande miteinander; selbst bis in diese Einsamkeit ist die Kunde deiner Taten gegen Theben gedrungen und hat unser Entsetzen erregt. Was für Herzen müssen die im Busen tragen, welche dir zujubelten, als du das Haus eines verstorbenen Dichters in der allgemeinen Zerstörung verschontest, während die Verwandten des größten Patrioten, der je gelebt hat, des Feldherrn, an dessen gastlichem Herde dein Vater alles gelernt hat, was er dich lehrte, und noch vieles mehr – die Verwandten des Epaminondas (hörst du mich?) erschlagen oder in die Sklaverei geschleppt wurden. Nun beginne mit der Auslegung deiner Worte »Nichts ist gewisser«.

Alexander. Nichts ist gewisser, oder eine große Menge von Zeugen ist bereit, es zu beglaubigen, daß meine Mutter Olympias, die ihren Gatten Philipp haßte, mich von einer Schlange empfing.

Priester. Deine Mutter Olympias haßte Philipp, einen stattlichen, mutigen, witzigen, wollüstigen jungen Mann, welcher sich mit verschwenderischer Pracht umgab und des Geldes nicht achtete, welcher der größte Feldherr, der heiterste Gesellschafter und der mächtigste Herrscher Europas war!

Alexander. Wisse, daß mein Vater Philipp – ich meine, mein vorgeblicher Vater – auch der größte Politiker der Welt war.

Priester. Das weiß ich wohl; aber ich zähle es nicht zu den Vorzügen, die eine Frau bestechen können; es wäre vielleicht der einzige Grund für sie gewesen, die Schlange als Familienoberhaupt vorzuziehen. Wir leben hier in Einsamkeit, o Alexander; doch sind wir darum nicht weniger begierig zu erfahren, was in der Welt umher vor sich geht. Olympias entbrannte also wirklich in Liebe zu einer Schlange? Und sie ließ sich verführen –

Alexander. Verführen? Verführen Schlangen die Menschen? Sie umschlingen und überwältigen sie.

Priester. Die Schlange muß gewandt gewesen sein.

Alexander. Das war sie ohne Zweifel.

Priester. Aber Frauen pflegen einen solchen Abscheu vor Schlangen zu empfinden, daß Olympias gewiß lieber die Flucht ergriffen hätte.

Alexander. Wie konnte sie das?

Priester. Oder sie hätte um Hilfe gerufen.

Alexander. Das tun Frauen nie, denn sie haben Angst, daß jemand sie hören könne.

Priester. Alle Sterblichen scheinen eine angeborene Abneigung gegen dieses Reptil zu haben.

Alexander. Hüte deine Zunge! Nenne meinen Vater nicht Reptil!

Priester. Selbst du, in aller deiner Kraft, würbest schaudern, wenn du eine Schlange in deinem Bette fändest.

Alexander. Durchaus nicht. Dazu bin ich des festen Glaubens, daß diese Schlange Jupiter selbst war. Die Priester in Makedonien waren sich alle darüber einig.

Priester. Zur Zeit da es geschah?

Alexander. Als es geschah, wagte niemand davon zu sprechen. Man fürchtete Philipp.

Priester. Was würde er getan haben?

Alexander. Er war jähzornig.

Priester. Würde er gegen Jupiter Krieg geführt haben?

Alexander. Bei meiner Seele! Ich weiß es nicht; aber ich an seiner Stelle würde es getan haben. Ich bin ein gehorsamer, willfähriger Sohn; aber kein himmlischer Donner kann mich schrecken, wenn es sich um meine Rechte als Gatte und König handelt.

Priester. Hat irgendeiner von den Priestern die Schlange gesehen, als sie kam, oder als sie das Zimmer verließ?

Alexander. Viele haben ein helles Licht in dem Räume leuchten sehen.

Priester. Licht wird die Schlange wohl gebraucht haben.

Alexander. Das klingt wie Hohn: Über Heiliges darf man nicht spotten. Was Tausende mit Augen sahen, sollte niemand anzweifeln. Der Himmel öffnete sich. Blitze zuckten, und seltsame Stimmen ließen sich hören.

Priester. Am lautesten tönte wohl die Stimme der Juno.

Alexander. Laß dich mahnen, daß ich ein König und ein Besieger von Königen bin. Man sollte mir hier doch zum mindesten mit dem Ernst und der Ehrerbietung begegnen, die ein Priester dem andern erweist.

Priester. Gewiß, o König! Da du aber wünschest, daß ich Mittel ausfindig mache, um die Welt von dieser ehrfurchtgebietenden Wahrheit zu überzeugen, so verzeihe mir in deiner Großmut, wenn meine Bemerkungen und Fragen dir weitläufig scheinen.

Alexander. Mache so viele Bemerkungen als du willst; aber bedränge mich nicht mit Fragen. Daran sind Könige nicht gewöhnt. Ich bin bereit, dir jedes Land vom Mittelpunkt bis zu den Grenzen Afrikas zu überlassen; ich will dir die seligen Inseln geben und das Land der Hyperboräer dazu. Ich wünsche nur, daß die Priesterschaft dieses Tempels meine Abstammung bestätigt und vor der Welt bezeugt.

Priester. Sei bedankt! Wir haben alles, was wir brauchen.

Alexander. Dann seid ihr keine echten Priester, und wenn mir nicht an eurem Zeugnis für die Göttlichkeit meiner Herkunft läge, so würde ich bedauern, soviel im Voraus geboten zu haben, und würde mich versucht fühlen, die Hälfte der seligen Inseln und den größeren Teil des hyperboräischen Landes von meinem Angebote abzuziehen.

Priester. Das sind ohnedies die Gegenden, o König, auf die unsre Bescheidenheit uns verzichten lassen würde. Afrika ist nicht viel wert, das wissen wir; doch sind wir ebenso zufrieden mit den Mandeln, Datteln, Melonen, Feigen, der frischen Butter, den Hirschen, Antilopen, Zicklein, den Schildkröten und Wachteln, die wir hier auf unsrem Gebiete haben, als wenn sie uns fünfzig Tagereisen weit durch die Wüste zugebracht würden.

Alexander. Ist es denn tatsächlich möglich, daß euer Orakel Anstoß an einer so klar bewiesenen Sache nehmen und zögern kann, mich als den zu erklären, der ich bin?

Priester. Unser Bedenken (es ist geringfügig, das muß ich zugeben) ist dieses: Jupiter Ammon ist gehörnt.

Alexander. Das war mein Vater auch.

Priester. Die Kinder des Jupiter lieben sich untereinander. Das ist unser Glaube hier in Lybien.

Alexander. Mit Recht: Nie haben sich Geschwister inniger geliebt als Castor und Pollux. Ich selbst empfinde warme Liebe für sie, wärmere noch für Herkules.

Priester. Wenn du auf Erden einen Bruder oder eine Schwester hättest, von Jupiter gezeugt, so würdest du sie feurig in die Arme schließen?

Alexander. Mein Herz und meine Herkunft würden mich dazu treiben.

Priester. O Alexander! Möge dein göttliches Geschlecht niemals entarten!

Alexander. Jetzt endlich kommt dir eine höhere Erleuchtung!

Priester. Jupiter heißt mich, dich als seinen Sohn zu grüßen.

Alexander. So bekennt er sich zu mir! Bekennt sich zu mir! Welches Opfer ist würdig, ihm meine Dankbarkeit für diese Gunst zu bezeigen?

Priester. Ein gehorsamer Sinn und eine Kamelslast von Narden und Myrrhen für seinen Altar.

Alexander. Ich spüre hier den köstlichen Duft von Benzoe.

Priester. Es wächst in unsrer Nähe. Jupiters Nase liebt den Wechsel; er ist sich in allen Dingen treu, denn er ist Jupiter. Er hat noch andere Söhne und Töchter auf Erden, die er in Schlangengestalt gezeugt hat; aber die gewöhnlichen Sterblichen wissen nichts von ihnen.

Alexander. Ist's möglich?

Priester. Ich beteure es dir.

Alexander. Dann kann ich nicht daran zweifeln.

Priester. Sie sind nicht alle so anmutig von Gestalt und Zügen wie du, aber königlich und ehrfurchtgebietend. Es ist Jupiters Wille, daß du dich deiner Schwester vermählst, gleich wie die Perserfürsten, deren Zepter er dir übertragen hat.

Alexander. Ich bin bereit! In welchem Lande lebt sie, die mir bestimmt ist?

Priester. Jupiter und das Schicksal, o Alexander, haben dich an die Stätte geführt, wo du deinen Ehebund vollziehen sollst.

Alexander. Wann taten sie das?

Priester. Jetzt, zu dieser Stunde.

Alexander. Laß mich die Braut sehen, wenn es kein Frevel ist, ihren Schleier zu lüften.

Priester. Folge mir.

Alexander. Dunkel und schlüpfrig sind die Stufen dieser Höhle, aber wie die von Eleusis wird sie gewiß in eitel Licht und köstlich kühlendem Schatten enden.

Priester. Warte hier einen Augenblick; es wird heller werden.

Alexander. Was sehe ich dort unten?

Priester. Wo?

Alexander. Dicht neben der Mauer; es hebt sich und senkt sich, langsam und regelmäßig, wie ein langes Schilf auf einem stillen Fluß, das vom Uferrand ins Wasser gesunken ist.

Priester. Du hast die Tochter des Jupiter erspäht, o Alexander, die wachsame Jungfrau, die Hüterin unsrer Schätze. Wenn sie nicht wäre, so könnten die Wanderer, welche die Wüste durchziehen, unsre Kostbarkeiten entführen; aber sie haben gebührende Furcht vor der Tochter des Jupiter.

Alexander. Hölle und Furien! Was hast du gesagt? Ich habe dich nur halb verstanden. Tochter des Jupiter!

Priester. Fühlst du dich hingezogen zu der stillen, schüchternen Jungfrau? Ich will euch allein lassen –

Alexander. Orkus und Erebus!

Priester. Sei vorsichtig! Bändige dein Entzücken, bis die hochzeitlichen Bräuche vollzogen sind.

Alexander. Hochzeit? Hölle und Pest! O Entsetzen! O Greuel! Eine ungeheure, schnaufende Schlange!

Priester. Hüte dich, die Jungfrau abschreckend und greulich zu nennen; sie wurde vom Herrn, deinem Vater gezeugt.

Alexander. Was soll das alles bedeuten, unmenschlicher Verräter? Mache die Tür wieder auf; führe mich zurück! Sollen meine Siege im Rachen eines scheußlichen Reptils ihr Ende nehmen?

Priester. Pflegen die Könige von Macedonien ihren Schwestern solche Namen zu geben?

Alexander. Laß mich hinaus, sage ich!

Priester. Unbeständiger Mann! Mir scheint, du hast noch nicht einmal die Ehe geschlossen. Zweifelst du an ihrer Würdigkeit? Prüfe sie, prüfe sie! Wir haben sichere Zeichen und Beweise, daß die gewaltige Jungfrau, deine ältere Schwester, von Jupiter gezeugt ward. Ihre Mutter hat ihre Schande und Bestürzung in der Wüste verborgen. Dort wandert sie noch immer umher, und sieht unheilvollen Auges auf jedes Geschöpf, das die Gestalt eines Menschen hat. Die Ärmste, Niedrigste. Verworfenste ihres Geschlechts kann den Kopf nicht tiefer tragen als sie.

Alexander. Betrüger!

Priester. Läßt dich der Zug deines Herzens nicht fühlen, daß diese einsame Königin vom selben Blute ist wie du?

Alexander. Welche Unbesonnenheit! Welche Frechheit! Welche Hinterlist!

Priester. Unbesonnenheit! Warum, Alexander? Hat doch der Mensch einen Anspruch darauf, seinem Schöpfer so nahe als möglich verwandt zu sein, wenn er ihm nur gehorsam ist; und gehorsam wirst du ihm sein, davon bin ich überzeugt. Du wirst die zarten Bande schließen. Frechheit und Hinterlist wirfst du mir vor; wie unverdient! Habe ich doch nur den Seitenzweigen des Stammbaumes nachgespürt, auf den du mich aufmerksam gemacht hast.

Alexander. Schiebe den Riegel zurück! Laß mich hinaus! Geh' mir aus dem Wege! Deine Hand auf meiner Schulter? Hätte ich mein Schwert an der Seite, so sollte dieses Ungeheuer dein Blut lecken.

Priester. Geduld, o König! Ich halte den Riegel in der Hand; wenn sich die eiserne Tür in den Angeln dreht, so ist es um deine Gottheit geschehen. Nein, Alexander, nein! So darf es nicht kommen.

Alexander. Führe mich hinaus! Ich schwöre, daß ich schweigen werde.

Priester. Wie du willst.

Alexander. Ich schwöre dir Freundschaft zu; laß mich nur wieder hinaus.

Priester. So komm; obwohl es mir sehr am Herzen liegt, die beiden Kinder meines göttlichen Herrn glücklich zu sehen –

Alexander. Laß ab, mich zu quälen; im Namen Jupiters!

Priester. Es wird mir schwer, es aufzugeben. Der Stifter einer solchen Ehe zu sein – welche Seligkeit! welcher Ruhm! Bedenke es noch einmal. Mit dir können sich viele messen an Größe und Kraft; aber laß mich nach Jahresfrist den Mann sehen, der sich mit deinem Kinde mißt, wenn du willigen Herzens und mit gewünschtem Erfolg diese Tochter der Gottheit umarmst.

Alexander. Genug, mein Freund. Ich habe es nicht anders verdient; aber wir müssen die Menschen betrügen, sonst werden sie uns entweder hassen oder verachten.

Priester. Jetzt redest du vernünftig. Ich spreche hiermit deine Ehescheidung aus, und nicht genug, du sollst der Sohn des Ammon in Lybien, des Mithras in Persien, des Philipp in Makedonien, des Olympischen Jupiter in Griechenland heißen; aber versuche in Zukunft niemals wieder, Priestern neue Lehren beizubringen.

Alexander. Wie würde mein Vater Philipp beim Becher über eine solche Geschichte wie diese gelacht haben!

Priester. Laß dir das einen Beweis deiner Torheit sein, Alexander.

Alexander. Wenn schon meine Torheit so groß ist, wie mag die andrer Menschen sein? Du wirst meine Abkunft von Jupiter anerkennen und verkünden?

Priester. Ja, ja.

Alexander. Die Menschheit muß daran glauben.

Priester. Ein einziger Zweifel wird wohl den Klügeren kommen. Wie konnte Jupiter, der so steinalt geworden ist und seine Erdenfahrten so lange Jahre unterlassen hat, unserer unwürdigen Welt einen so lebensvollen Sohn schenken! Folge mir und opfere.

Alexander. Ich sehe, Priester, daß du ein beherzter Mann bist. Laß uns in Zukunft Vertraute sein. Nimm mein Vertrauen mit diesem Handschlag; schenke mir das deine. Gib mir einen ersten Beweis davon und gestehe mir, ob du niemals vor diesem unbändigen, gierigen Ungeheuer, dieser verfluchten Schlange, Grausen empfunden hast.

Priester. Wir haben sie jung gefangen und mit Ziegenmilch aufgefüttert, wie unser Jupiter in den Höhlen von Kreta aufgezogen wurde.

Alexander. Euer Jupiter! Das war ein anderer.

Priester. So behaupten manche; aber ein und dieselbe Wiege dient einer ganzen Familie – ein und dieselbe Geschichte mag allen Jupitern dienen. Das junge Geschöpf im Schatzgewölbe aber, Alexander, mein Sohn, fürchten wir nicht mehr, wie die ägyptischen Priester Seine Heiligkeit das göttliche Krokodil fürchten. Die Götter und ihre Erzieher fügen sich der Hand, die sie füttert.

Alexander. So wagst du zu sprechen?

Priester. Von falschen Göttern; nicht vom wahren Gott.

Alexander. Gott! Gibt es nicht viele? Dutzende? Hunderte?

Priester. In unserer Nachbarschaft nicht; Ammon sei gepriesen. Offen gesagt, es gibt nirgends einen andern, der auch nur eine Heuschrecke oder eine vorjährige Dattel wert ist, von wem und wo er auch erzeugt sein mag, sei es auf Wolken oder in Wiesengründen, auf Federbetten oder auf einem Scheunenboden. Das sind unsere Geheimnisse, wenn du sie durchaus wissen willst; die Geheimnisse andrer Priesterschaften gleichen ihnen durchaus. Alexander, mein Junge, stehe nicht grübelnd da mit hängendem Kopf und verschränkten Armen. Hoch, Jupiter, der Bock!

Alexander. Ehre sei Jupiter, dem Bock!

Priester. Warum brichst du so plötzlich ab mit deiner Lobpreisung auf Vater Jupiter. Bist du unzufrieden, Alexander, mein Sohn? Was fehlt dir? Warum fährst du dir mit der Hand über die Augen?

Alexander. Es flog mir ein wenig Staub hinein, als die Tür sich öffnete.

Priester. Das Sandmeer der Wüste und die Könige von Macedonien sind aus solchem Staube gemacht.

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