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Erdichtete Gespräche

Walter Savage Landor: Erdichtete Gespräche - Kapitel 23
Quellenangabe
type
authorWalter Savage Landor
titleErdichtete Gespräche
publisherGeorg Müller Verlag
translatorElisabeth von Schorn
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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Pitt und Canning

Pitt. Lieber Canning, mit meiner Körperbeschaffenheit ist es traurig bestellt. Sie verfällt ebenso schnell, wie nach der Meinung Ihres alten Freundes Sheridan die Beschaffenheit des Landes unter meiner Verwaltung. Unter allen Lebenden sind Sie der Mann, den ich am liebsten zu meinem Nachfolger bestimmen möchte. Solange ich noch im Zweifel bin, ob mir das gelingen wird, läßt mir mein Ehrgeiz keine Ruhe. Die Natur hat mir die Kraft versagt, mein Geschlecht fortzupflanzen. Viele würden sich darüber grämen; das tue ich nicht, denn es scheint, daß auf jeden großen Mann immer sehr bald, oft unmittelbar in der Nachkommenschaft Dummköpfe folgen.

Canning. Ihre Wahl schmeichelt mir sehr, denn unter Ihren Verwandten sind viele, welche erwarten könnten, von Ihnen zum Nachfolger ausersehen zu werden. Das ist indessen nur ein neuer Beweis Ihrer großen Uneigennützigkeit.

Pitt. Wenn Sie wollen, können Sie es so beurteilen; aber Sie müssen bedenken, daß Menschen, die lange uneingeschränkte Macht ausgeübt haben, selten etwas auf Verwandtschaft geben. Die Mamelucken schauen nicht nach Brüdern und Vettern aus; sie haben Lieblingssklaven, die in ihren Sattel springen, wenn er frei geworden ist.

Canning. Unter den reichen Familien und der alten Aristokratie des Königreichs –

Pitt. Halten Sie den Mund! Ich bitte Sie, halten Sie den Mund! Ich hasse die Art und habe sie immer gehaßt. Ich meine nicht die Reichen; sie haben mir gedient. Ich meine die alten Familien; sie haben mich verdunkelt. Indessen ist kaum eine unter ihnen, die ich nicht beschimpft und herabgewürdigt habe. Ich habe ihre Häuser mit dem Rauch aus den Hütten ihrer Knechte gefüllt, die ich über sie gesetzt habe, und ihre Augen sind rot davon geworden. Ich will, daß man meiner als des Gründers eines neuen Systems gedenke; ich wünsche mein Amt durch ein mündliches Testament zu vermachen, und ich wünsche, daß Sie und die, welche nach Ihnen kommen, dasselbe tun! Da Sie etwas voreiliger sind, als mir lieb ist, da Sie Ihre Absichten manchmal durch ihre Worte verraten und zuweilen, wenn Sie diese Worte ohne Grund und am falschen Orte haben fallen lassen, in dem Wunsch, vor ihnen davonzurennen, auf falsche Fährte geraten, so möchte ich Ihnen nahe legen, nie unvorbereitet zu sprechen. Ich habe die Gabe, aus dem Stegreif sprechen zu können; glauben Sie aber darum nicht, daß Sie über dieselbe Gabe verfügen. Niemand hat sie je in solchem Grade besessen, wie ich, ausgenommen die beiden Fanatiker Wesley und Whitfield.

Canning. In demselben Grade gewiß nicht, aber viele doch bis zu einem gewissen Grade.

Pitt. Ein gewisser Grad genügt nicht.

Canning. Ich bitte um Entschuldigung; aber Herr Fox besaß sie in hohem Grade, und wenn auch seine Beredsamkeit nicht mit der Ihren zu vergleichen war, so genügte sie ihm doch für seine Zwecke.

Pitt. Fox sah, was jedem scharfsinnigen Manne möglich ist, die schwachen Punkte der Beweisführungen voraus, die man gegen ihn vorbrachte, und bereitete seine Antworten immer vor. Ich hatte keine Zeit dazu. Abgesehen von dem Namen, den mein Vater mir vererbt hat, verdanke ich alles der Leichtigkeit und Flüssigkeit meiner Rede; und obwohl mir alles mißglückt ist, was ich unternahm, und ich den Tonkoloß von Frankreich in eitel Gold ausgegossen habe, werde ich den Menschen doch nach meinem Tode als der außerordentlichste Mann meiner Zeit erscheinen.

Canning. Ist das der Grund Ihres Stöhnens? Oder wird der Schmerz in ihren Eingeweiden heftiger? Soll ich das Kissen von Ihrem andern Stuhl dort fortnehmen?

Pitt. Oh! oh!

Canning. Ich beeile mich und will unterdessen jene zwei oder drei Beileidsbriefe entsiegeln.

Pitt. Oh! oh! – nächst dem verfluchten Gesellen, der mich mit seinen zerbrochenen Waffen überwand und mich mit seiner Einfalt betörte – Bonaparte.

Canning. Beruhigen Sie sich! Beruhigen Sie sich.

Pitt. Die Gicht und der Gallenstein mögen über ihn kommen! Portwein und Cheltenham-Wasser! Ein österreichisches Eheweib, italienische Eifersucht, die Undankbarkeit seines Volkes und sein eigener Ehrgeiz mögen ihn nie zur Ruhe kommen lassen!

Canning. Amen! Lassen Sie uns beten!

Pitt. Bei meiner Seele, es bleibt uns nicht viel anderes übrig. Ich weiß kaum, wie wir uns drehen und wenden sollen.

Canning. Es ist freilich hart, wenn wir uns nicht drehen und wenden können. Aber trösten Sie sich! Je schlechter die Lage des Landes ist, desto dringender bedarf man unserer, desto größer wird unsere Macht sein, desto mehr Aemter werden wir bekleiden, desto mehr Stellen verteilen können.

Pitt. Das sind Gedanken eines Staatsmannes.

Canning. »Die, welche uns in Gefahr gestürzt haben, sind die einzigen, die uns aus der Gefahr retten können,« das ist zum Grundsatz des englischen Volkes geworden.

Pitt. Wenn sie je wieder zu Kräften kommen, so werden sie uns zermalmen.

Canning. Wir waren es, welche die Fracht über Bord warfen; und nun sie weniger Ballast haben, segeln sie mit dem Winde nach dem Wohlgefallen des Steuermannes.

Pitt. Noch vor kurzem hätte ich Sie zum Kanzler oder Präsidenten des Unterhauses gemacht, weil Sie das vorzügliche Lied vom Steuermann gedichtet und gesungen haben – denn vorzüglich erschien es mir damals. Jetzt kann ich das Wort nicht mehr hören, ohne seekrank zu werden, ebenso unfehlbar seekrank, als ich es auf einem Fischerboote im Kanal werden würde. Das Wort klingt wie Spott.

Canning. Wir haben den Sturm überstanden.

Pitt. Ich nicht. Ich habe nie an einen Zukunftsstaat geglaubt; aber ich habe etwas recht Verwünschtes aus dem gegenwärtigen gemacht, weder mir noch andern zur Freude. Wir haben nie in so großer innerer und äußerer Gefahr geschwebt. Die Geldverleiher sind zufrieden; sie müßten den Teufel im Leibe haben, wenn sie es nicht wären; aber wir haben jeden Privatmann in Großbritannien um das Vermögen seiner jüngeren Kinder gebracht.

Canning. Denken Sie nicht daran.

Pitt. Ich bin früher in ihren Häusern ein- und ausgegangen; ich habe Verwandte und Bekannte unter ihnen. Wenn Sie das hätten, würden sie mit ihnen fühlen. Ausgenommen für Sie, fühle ich so wenig für andere, als nur menschenmöglich ist; und diese äußerste Gleichgültigkeit, dieses Zusammenfassen aller Kräfte, welches plumpe Leute Selbstsucht nennen, hat mit dazu beigetragen, daß ich geneigt bin, Sie zu meinem Nachfolger zu bestimmen. Sie sind sich klar, daß uns das Volk, wenn es wieder zur Besinnung kommen sollte, im Mistwagen zum Schaffot fahren würde. Mich können sie nicht packen; ich werde nicht mehr unter den Lebenden sein.

Canning. Wir müssen die Möglichkeit verhindern; wir müssen fortfahren, es zu schwächen. Die Natter, die gebissen hat, entwischt; die Natter, die ruhig am Wege liegt, wird erschlagen.

Pitt. Was, Canning! Ich entdecke bei Ihnen mehr Vernunft und poetische Begabung, als ich bisher bei Ihnen gefunden habe. Wenn Sie so fortfahren, dann wird Ihr Ruhm als Dichter nicht bei »Steuermännern« und »Kieselsteinen« stille stehen, noch bei ein paar Satiren, die so unbeachtet wie Disteln am Grabenrande blühen. Wenn Sie sich in zuviel Gedankenreichtum ergehen, so kann es sein, daß ich mich noch anders entschließe. Sie werden ein passender Nachfolger für mich sein; mehr als passend will ich Sie gar nicht haben.

Canning. Das brauchen Sie nicht zu fürchten; ich fühle in Ihrer Gegenwart meine große Minderwertigkeit.

Pitt. Das versteht sich.

Canning. Geruhen Sie, mir einige Vorschriften zu geben, die Ihnen, falls Ihre Krankheit fortdauern sollte, zu anderer Zeit vielleicht schwerer fallen würden. Denken Sie indessen nicht, daß Ihr Leben irgendwie in Gefahr sei, oder daß die oberste Gewalt je längere Zeit hintereinander in anderen Händen als den Ihren ruhen könne.

Pitt. Versuchen Sie nicht, mir mit der Aussicht auf längeres Leben zu schmeicheln, Canning. Die Aerzte des Leibes haben mir angedeutet, daß es Zeit sei, meine Aufmerksamkeit von den Geschäften Europas weg meinen eigenen Geschäften zuzuwenden, und die Seelenärzte fahren öfter an der Tür des Kanzlers vor, als an der meinen. Die Flucht dieser schwarzen Vögel verkündet einen kommenden Wechsel der Jahreszeit. Ich habe Sie vor allerlei Unvorsichtigkeiten in Ihrer Natur gewarnt, die Ihnen Schaden bringen könnten; nun will ich Sie vor einigen warnen, die ich als meine eigenen Schwächen kenne. Sie sind nüchterner als ich; aber wenn Sie über dem Rotwein warm werden, so schwatzen Sie kindisch. Für einen Minister, der Erfolg haben will, sind gelegentlich drei Dinge erforderlich: Wie ein ehrlicher Mann zu sprechen, wie ein unehrlicher zu handeln, und sich nichts daraus zu machen, ob die Leute ihn ehrlich oder unehrlich schelten. Sprechen Sie von Gott so feierlich, als ob Sie an ihn glaubten. Wenn Sie das nicht tun, so will ich nicht mit unserer Kirche sagen, daß man Sie verdammen werde, wohl aber, daß man Sie entlassen werde, und das ist eines Politikers wahre Verdammnis. Die meisten sehr guten Menschen sind eifrige Parteigänger irgendeiner Religion, die sehr schlechten Menschen sind es fast alle. Die alten Weiber in der Umgebung des Prinzen sind ebenso bekannt für ihre Frömmigkeit, als für ihre Liederlichkeit, und wenn Sie es mit den alten Weibern verderben, so haben Sie es auch mit dem Prinzen verdorben. Er ist ihr Prophet, er ist ihr Ritter, und sie sind seine Houris.

Canning. Es wird mir nicht schwer werden, dieses Gebot zu befolgen. Heutigen Tages reden nur Menschen gegen die Religion, welche irgendeine Unsicherheit oder geheime Furcht im Gewissen tragen, und nur solche spotten darüber, welche von ihr zurückgestoßen und verletzt werden.

Pitt. Canning, Sie müssen das von Oxford mitgebracht haben; der Gedanke kann nicht einmal durch Adoption der Ihre sein; er ist zu tief für Sie und zu gut in Worte gefaßt. Sie glänzen mehr durch Mängel als durch Vorzüge.

Canning. Wenn ich es mir recht überlege, so bin ich meiner Sache nicht ganz sicher, ob der Gedanke, wie man wohl sagen mag, ganz von mir stammt.

Pitt. Dieses Geständnis veranlaßt mich, Ihnen einen anderen guten Rat zu geben. Wortverdreherei können Sie sich überall leisten, wo Sie in der Lage sind, sie zu verteidigen, wenn man Ihnen hart zusetzt. Aber, mein lieber Canning, niemals – ich möchte sagen – nun, nun, ich will deutlich reden: Mein lieber Junge, lügen Sie nie.

Canning. Wie! Was! Verzeihen Sie mir! Aber glauben Sie denn, ich habe jemals in meinem Leben gelogen?

Pitt. Die Gewißheit, daß Sie es niemals taten, läßt mich fürchten, daß Sie es ungeschickt tun würden, wenn das Heil des Vaterlandes (der einzige Fall, um den es sich hier handelt) es von Ihnen fordern sollte.

Canning. Das müßte mich freuen; und doch empfinde ich – wenn Sie bekennen, daß Sie mich unfähig glauben –

Pitt. Was bekenne ich? Was glaube ich? Wenn jemand etwas von mir glaubt, wie kann ich das verhindern oder seinen Glauben umwerfen? Oder welches Recht habe ich, Aerger darüber zu empfinden? Tun Sie nicht so dumm vor mir. Ich ließ Sie kommen, um Ihnen gute Ratschläge zu geben. Wenn Sie fürchten, man könne etwas von Ihnen glauben, was kein lebender Mensch möglicherweise von Ihnen glauben kann, so erkläre ich mich bereit, zu Ihren Gunsten feierlich zu schwören, wie ich bei dem Verhör des Tooke geschworen habe. Ich setze voraus, daß Sie Premierminister werden; dann haben Sie Leute genug zur Verfügung, die bereit sind, für Sie zu lügen; und es würde ebensowenig standesgemäß für Sie sein, selbst zu lügen, als selbst Ihr Haar zu pudern oder Ihre Schuhe zu binden. Ich hatte gewöhnlich Dundas zur Hand, welcher nur auf seine Ehre log und seine Lügen nur mit Berufung auf Gott bekräftigte. Was die zartere Pflicht der Wortverdrehung anbetrifft, so nehmen Sie jene Frage- und Beileidsbriefe, ob Sie nun in Ihrem Eifer, mir zu dienen, die Siegel heruntergeschabt haben oder nicht, und legen Sie sie gut beiseite; und wenn in einigen Jahren jemand fragt: »Was würde Herr Pitt gesagt haben?« so ziehen Sie einen davon aus der Tasche und rufen Sie: »Dieses ist der letzte Brief, der aus der Hand des Sterbenden kam.« Ein andermal öffnen Sie ein Schreiben von Burke, dreißig Jahre, nachdem er die vorgeblichen Ratschläge niederschrieb, und sagen Sie bescheiden: »Nur bei dieser einen wichtigen Gelegenheit hat der große Mann an mich geschrieben; er hat mit dem echten Geist des Propheten unsre Schwierigkeiten vorausgesagt.« Aber führen Sie ihn niemals an, wenn es sich um Geldsachen handelt, denn dann würde das Haus Sie auslachen. Burke war ebenso unfähig, eine Schneiderrechnung aufzustellen, als Sheridan unfähig ist, sie zu bezahlen.

Ich war im Begriff, Ihnen noch einen anderen Rat zu geben, finde ihn aber bei nochmaligem Bedenken überflüssig. Mein Kopf ist entschieden sehr von meinem Magen abhängig. Die Aerzte versichern mir, das sei immer der Fall, wenn auch bei uns Herren im Amte nicht in so hohem Maße als bei den würdigen Herren außer Amt. Ich wollte Ihnen den Rat geben, immer recht lange Reden zu halten; ein Minister, der kurze Reden hält, erfreut sich nur kurz seiner Macht. Obwohl ich nun immer die Gewohnheit hatte, sehr viel mehr zu sagen, als die Erläuterung meines Gegenstandes erforderte, aus demselben Grunde, aus welchem der verfolgte Hase eine viel größere Strecke Wegs zurücklegt, als den geraden Weg, der ihn in sein Dickicht führen würde, so möchte ich Ihnen gegenüber diese Gewohnheit gern fallen lassen, besonders um meine Stimme zu schonen. Sie können ebensowenig innehalten, wenn Sie einmal im Reden sind, wie ein Ball, der eine abschüssige Bahn hinunterrollt. Sie rennen gegen jedes Hindernis und rollen weiter, manchmal mit demselben Wort im Munde, das Ihr boshafter Gegner Ihnen entgegenschleudern will; dabei zeigen Sie, was Sie verbergen sollten, und verbergen, was Sie zeigen sollten. Das hat für einen Minister keine üblen Folgen, es wird für Aufrichtigkeit und Redlichkeit gehalten. In Oxford oder Eton wäre es freilich vom Uebel gewesen; denn Jungen wagen es, hinter alles zu kommen, und lachen aus vollem Herzen. Ich glaube, es war mein Vater, der mir sagte (wenn es nicht mein Vater war, so weiß ich mich nicht zu erinnern, wer es gewesen sein könnte), daß ein Minister zwei Gaben haben müsse: die Gabe der Aemterverteilung und die Gabe der Geschwätzigkeit. Ich erinnere mich sehr gut, wie er diese letzten Worte verteidigte, als jemand sie einmal bei Tische einen gemeinen Ausdruck nannte. Am Ende des Gefechtes fragte er den Herrn, ob denn nicht alle Dinge einen Namen haben müßten; ob es für dieses einen besseren Namen gebe, und ob die Gesellschaft dank ihrer Bildung und Erfindungsgabe vielleicht einen solchen ausfindig machen könne. Die Wichtigkeit der Eigenschaft sei, so sagte er, mit dem Worte »Gabe« bewundernswürdig ausgedrückt. Er fügte lächelnd hinzu: »Selbst die Alliteration hat ihr Verdienst; solche kurzen Redensarten vertragen sie gut. Ein Knallbonbon muß zwei Kopfenden haben.«

Ach, Canning! Warum habe ich meinen Vater nicht in andern Dingen so treu im Gedächtnis getragen. Ich habe nichts von seinem Witz und wenig von seiner Weisheit geerbt; aber all seine Erfahrungen, das Beispiel seines Handelns lagen greifbar vor mir. Ich will jetzt nicht an ihn denken; es würde mich quälen und ärgern.

Canning. Es ist besser, an uns selbst zu denken, als an andere; besser die Gegenwart als das einzig wesentliche zu betrachten, Vergangenheit und Zukunft aber als nichts.

Pitt. Sie sind nichts, wahrlich, denn sie sind nicht vorhanden; was nicht vorhanden ist, ist nichts.

Canning. Vorausgesetzt, ich wäre Premierminister – ich bin entzückt, daß der bloße Gedanke Ihrem Antlitz neue Heiterkeit verleiht.

Pitt. Weil er mein Machtgefühl höher steigert denn je; oder mir wenigstens die Einbildung höchsten Machtgefühls gibt. Durch meinen Willen, durch meinen Einfluß sollen Sie der Nachfolger eines Shelburne, eines Rokkingham, eines Chatham werden.

Canning. Ich bitte Sie, zu bedenken –

Pitt. Ob ich das Recht habe, auf etwas anzuspielen, worauf alle anderen doch auch wohl hinweisen werden: Ich will Ihnen so wohl, als wenn irgendein Wunder mich seinerzeit befähigt hätte, Sie zu zeugen. Das, was ich durchzusetzen hoffe, ist kaum weniger wunderbar; und wenn ich mir nicht zu Gemüte führte, was Sie sind, würde ich nicht fühlen, was ich bin. Teilen Sie nicht diese Empfindungen? Würde es ein großes Wunder oder auch nur etwas Besonderes sein, wenn der Abkömmling irgendeiner alten Familie den Gipfel der Macht erstiege und oben sogar mit sauberen Stiefeln ankäme? Sie müssen viele Schritte tun und manche Umwege machen; aber das wird Sie nur in Ihrer eigenen Achtung heben, wenn Sie ein rechter Politiker sind. Sie haben großes Selbstvertrauen und neigen dazu, sich zu überschätzen. Nehmen Sie sich in Acht, das Parlament so zu behandeln, wie es nach Ihrer Meinung vielleicht behandelt zu werden verdient, und glauben Sie nicht, daß Sie sich Stimmen gekauft haben, weil Sie das Geld dafür bezahlten.

Canning. Wie meinen Sie das?

Pitt. Außer der Bezahlung wird noch von Ihnen verlangt, daß Sie eine Rede von schicklicher Länge halten. Man muß dem Volk weismachen, daß seine Vertreter überzeugt worden sind; ein paar klaren Worten aber traut man eine solche Wirkung nicht zu. Sie müssen durch Beteuerungen und Erläuterungen bezeugen, wie sehr es Ihnen am Herzen liegt, jeden Zweifel aus dem Sinn vernünftiger Männer zu tilgen. Ihr Haß gegen alle, welche Ihnen Hindernisse in den Weg werfen und dadurch den Glanz Englands verdunkeln, muß heftig hervorbrechen, stolz einherschreiten und sich ab und zu in ein Gewand hüllen, das nach Schießpulver riecht.

Canning. Dagegen habe ich nichts einzuwenden.

Pitt. So erspart man sich selber Beweise und verlegt den Beweisen der andern den Weg, kurz gesagt, es ist die einzig vernünftige Art der Staatswirtschaft. Kommt die Freiheit oder Einschränkung der Presse zur Verhandlung, so kann es nichts schaden, wenn Sie sich ein paar Witze leisten oder ein paar hochtrabende Wendungen über Gotteslästerungen und Gotteslästerer gebrauchen. Ich habe den Gesichtsausdruck der Gutsbesitzer studiert und habe gefunden, daß diese Worte eine entsetzenerregende Wirkung ausüben; es ist etwas in ihrem Klang, das Stillschweigen gebietet.

Canning. Ich verstehe nicht ganz den Sinn der Worte.

Pitt. Warum wollen Sie ihn denn verstehen? Ist es nötig, daß Sie den Sinn aller Dinge verstehen, über die Sie reden? Dann laufen Sie nur Gefahr, für flach gehalten zu werden. Reden Sie fließend, und Ihre Zuhörer werden sich bis über die Ohren in Sie verlieben. Wenn Sie niemals plötzlich abbrechen, so wird man Ihre Worte niemals anzweifeln. Außer Atem geraten ist das einzige, was man einem Finanzminister gemeinhin als Schwäche auszulegen pflegt. Alles wird sofort gegen ihn wetten, und einer, der einen längeren Atem hat, wird den Königspreis davontragen.

Canning. Es ist mir klar geworden, daß es einem Manne Gewicht gibt, nicht nur für den Augenblick, sondern auch für die Dauer, wenn er in feierlichem Tone von Gotteslästerung spricht. Aber wenn mich nun ein Sektierer oder ein Advokat fragt, was ich mit einem Gotteslästerer meine?

Pitt. Dann wünschen Sie dem Advokaten mehr Einsicht und dem Sektierer mehr Erleuchtung. Berufen Sie sich auf unsere Vorfahren.

Canning. Auf welche? Die Aelteren würden die Jüngeren Gotteslästerer nennen, und die Jüngeren die Aelteren.

Pitt. Idioten! Aber fahren Sie fort.

Canning. Heutzutage klagt der Lutheraner den Unitarier der Gotteslästerung an, und dieser gibt die Anklage zurück. Der Katholik drängt sich dazwischen, versucht sie zu versöhnen und zu bekehren. Zuerst kocht er gelinde, dann wallt und siedet er; schließlich erhitzt ihn die Nächstenliebe so, daß er sie beide verdammt. »Es wäre Narrheit und Gottlosigkeit, dich noch einen Augenblick länger anzuhören, du Adoptivsohn des Teufels und Erbe der Verdammnis!«, sagt er zu dem, der an die göttliche Einheit glaubt. »Und du, eitler Haarspalter, weißt nicht oder gibst vor, nicht zu wissen, daß die Transsubstantiation auf dieselben Autoritäten zurückzuführen ist, wie der Trinitarismus. Die eine Lehre ist den Sinnen anstößig, die andere der Vernunft; es tut beiden gut, wenn sie angestoßen werden; dann kann der Glaube das Feld behaupten.«

»Das klingt sehr nach eurem heiligen Augustin,« wirft der Unitarier ein, »er könnte es geschrieben haben. Wenn der Glaube ins Schulzimmer tritt, muß die Vernunft den Mund halten. Wenn sie reden dürfte, würde sie vielleicht sagen, es sei die Frage, was sich leichter irrt, die Sinne oder das Einmaleins.«

»Du hast nicht das Recht, im Hause Gottes eine Frage aufzuwerfen, die ihm nicht genehm ist,« ruft der Katholik dagegen, »noch darfst du dir erlauben, seinen Schafen mit deinem spitzen Stocke in den Bauch zu stoßen, daß sie einander stoßen und drängen und aus der Hürde brechen.«

Pitt. Fabeln Sie nicht so. Sie treiben ja Kleinhandel mit den Bierbankwitzen Ihrer Oxforder Doktoren. Da müssen Ihre Redeblüten herstammen, denn seit Sie Eton verließen, haben Sie keine Zeit gehabt, irgend etwas zu lesen; denken tun Sie nur wenig, und die wenigen Gedanken, die Ihnen gegeben sind, drehen sich um Ihre eigene Person. Die Flügel Ihres Witzes haben auch weder ein so starkes Knochengerüst, noch ein so glänzendes Gefieder.

Canning. Das weiß ich nicht. Ich muß freilich gestehen, daß ich ein gut Teil meines Witzes und meiner Theologie unseren Doktoren abgelauscht habe.

Pitt. Ich hoffe, Sie werden in Zukunft zurückhaltender sein und sich bedenken, wann Jammern und wann Scherzen und Spotten am Platze ist. Bei solchen Gelegenheiten lassen Sie Ihre Stimme sinken, lassen Sie Mitleid und Verachtung in Ihren Mienen spielen und danken Sie Gott mit lobpreisenden Worten, daß er unserem auserwählten Lande die besondere Gunst der ungefährdeten Meinungsfreiheit schenkte.

Canning. Dann wird man einwerfen, daß etliche Bürger genötigt waren, sich dieser Meinungsfreiheit in der Einsamkeit des Gefängnisses zu erfreuen.

Pitt. Treiben Sie nie eine Beweisführung oder eine Behauptung zu weit und sorgen Sie dafür, daß immer ein Kerl hinter Ihnen steht, der im rechten Augenblick: »Hört! Hört!« ruft. Einwürfe aber werden Ihnen nur die machen, welche Sie zu berücksichtigen vergessen. Die anderen werden für die Weisheit all Ihrer Pläne, die Richtigkeit Ihrer Antworten, die Kraft Ihres Witzes und die Redlichkeit Ihrer Absichten eintreten.

Canning. Würde es Sie sehr ermüden, mir Ihre Ansichten über die innere Politik noch etwas weiter auszuführen?

Pitt. Durchaus nicht. Wählen Sie Ihre Mitarbeiter nie nach dem Gesichtspunkt der Freundschaft oder Begabung aus. Freunde werden leicht zudringlich; begabte Männer aber können zu Rivalen werden. Treffen Sie Ihre Wahl nach zwei ganz anderen Gesichtspunkten; sehen Sie auf Willfährigkeit und gute Verbindungen. Die paar geschäftskundigen Männer, die Sie brauchen, können Sie irgendwo am Wegesrande auflesen. Alle Stellen und Aemter besetzen Sie sorglichst mit den hübschesten jungen Leuten, und unter diesen bevorzugen Sie solche, welche schöne Frauen, Mütter und Schwestern haben. Jeder von ihnen hat eine große Partei hinter sich; durch geistige Kühnheit aber werden sie selten gefährlich werden. Ein Mann, welcher Ihnen drei Stimmen bringt, ist wertvoller wie einer, der dreimal so klug ist, wie Sie. Denn wenn wir auch im Privatleben sehr gewinnen können, wenn wir unseren geringen Weisheitsschatz vermehren, so wissen wir im öffentlichen Leben doch nicht, was wir mit diesem Schatze anfangen sollen; oft ist er uns im Wege; oft ist er uns beschwerlich. Allen Männern, die Ihnen überlegen sind, besonders im folgerichtigen Denken und in der Strebsamkeit, müssen Sie sich bei den Wahlen widersetzen, ganz einerlei, was ihre Grundsätze sind, und welcher Partei sie angehören. Wenn alle vornehmen Männer, die ein Amt wünschen, untergebracht sind, so bevorzugen Sie zunächst solche, die glauben, Ihnen ähnlich zu sein: Junge Redner, junge Dichter, junge Kritiker, junge Satiriker, junge Journalisten, junge Redakteure und junge Pasquillanten; unter diesen aber nur solche, denen auf ihrer Laufbahn nichts Schlimmeres begegnet ist, als daß man sie einmal verprügelt oder ins Wasser geworfen hat. Ein jeder von ihnen wird sich mit der Hoffnung schmeicheln, durch Adoption Ihr Nachfolger zu werden. Mein Vater meinte einmal in seiner blumenreichen Art, wenn ein Insekt die Oberfläche eines Stromes berühre, so ziehe das Wasser Kreise und fange in den Kreisen das Licht der Sonne oder des Mondes auf, während die stille Fläche ringsumher dunkel bleibe. So könne auch ein unbedeutender Staatsmann die Augen des Königs und des Volkes auf sich ziehen, wenn er das geschmeidige Element um sich in Bewegung setze; während stillere Menschen unbemerkt vorüberzögen und nicht einmal diesen schwachen Eindruck, diesen vorübergehenden Glanz zurückließen. Dieser Lehre eingedenk pflegte Dundas zu sagen: »Immer feste drängeln!« Ich weiß nicht, ob diese Vorschrift von seinem ganzen Anhang so aufgefaßt und ausgeführt wurde, wie er es beabsichtigte.

Es ist viel von einer Reform unserer parlamentarischen Gebräuche die Rede gewesen, im Parlament selbst und außerhalb des Parlaments.

Canning. Ich habe wiederholt geäußert, das Wohl des Landes hänge von dieser Reform ab; das ist peinlich.

Pitt. Durchaus nicht; widersetzen Sie sich ihr; sagen Sie, Sie seien anderer Meinung geworden – das genügt als Begründung; und kommen Sie nicht im Eifer, einen Gegner niederzurennen, über Schlimmerem zu Fall. Sie werden erleben, daß alles ruhig seinen alten Gang weitergeht.

Canning. Bei Gott, das ist schlimm genug.

Pitt. Schlimm genug, aber nur für das Land. Die Leute werden sehen, daß Felder und Vieh, Straßen und Einwohner genau so aussehen, wie immer. Die Häuser stehen fest am alten Fleck, aus den Schornsteinen steigt der Rauch, die Pflastersteine rühren sich nicht. Sie werden Ihren Genius preisen, der das Land trotz aller gegenteiligen Weissagungen, die man ihnen zu hören gegeben hat, so wohl über Wasser zu halten versteht. Die Menschen ziehen ihre Schlüsse aus dem, was sie sehen und hören. Sie ahnen nicht, daß es Redlichkeit, Vertrauen und Behaglichkeit sind, deren Schwinden den Rückgang eines Landes ankünden. Weil sie tagtäglich die prächtigen Kutschen der Jobber und Bankiers vorüberfahren sehen; weil sie von den üppigen Gastmählern lesen, welche von Ministern und Armeelieferanten veranstaltet werden; weil man sie zu phantastischen Spekulationen in Ost und West auffordert, meinen sie, an Reichtum und Gedeihen könne es nicht fehlen. Der Reichtum aber häuft sich an diesen wenigen Stellen zusammen, wird von diesen wenigen Menschen festgehalten und verschlungen. Ich habe die Reform des Parlaments von Sitzung zu Sitzung verschoben; denn ich hatte geschworen, sie mit allen mir zu Gebote stehenden Mitteln zu fördern, und wollte vor dem Volke nicht als Meineidiger dastehen. In der Maidstone-Affäre konnte mir niemand einen Meineid nachweisen; ich habe beschworen, etwas vergessen zu haben, und ich wäre der einzige gewesen, der das Gegenteil hätte beschwören können. Es war aller Welt klar, daß ich mich eines Meineides schuldig gemacht hatte, ebenso klar aber, daß ich sehr mächtig war, und dasselbe Volk, das jedem anderen eine Stellung am Pranger gegeben hätte, gab mir eine Stellung im Staatsrat. Sie können mir nicht nachfühlen, welche Freude mir dieser Meineid bereitet hat; er zeigte mir den Abstand zwischen mir und der Allgemeinheit. Aber bilden Sie sich ja nicht ein, daß Sie mir gleichen. Die Krücke meines Vaters habe ich als Zepter geschwungen, und ich werde sie mit mir ins Grab nehmen. Sie ist ein Erbstück, das ich nicht weiter vermachen kann. Ich habe es wesentlich verbessert. Meine Anhänger in Maidstone meinten, mein Vater würde wohl gezögert haben, so mutig zu vergessen. Der Schein sprach gegen mich. Es war sehr unwahrscheinlich, daß meinem Gedächtnis plötzlich etwas entfallen sein sollte, was mich in meinen jüngeren Jahren fast ausschließlich beschäftigt und erfüllt hat, was ich tagtäglich ausgesprochen habe, was mich bekannt und mächtig gemacht hat; noch dazu inmitten derer, welche mich damals umgaben, mir zujubelten und anhingen. Trotzdem aber werden Bischöfe und Kanzler nach meinem Tode ihre Gläser auf mich als auf den redlichsten Mann aller Zeiten leeren.

Canning. Was! Selbst, wenn sie nichts mehr von Ihnen fordern und erwarten können?

Pitt. Sie erwarten mehr von mir, als Sie ahnen. Sie brauchen mich als Beispiel, auf das sie sich berufen können. Sie werden hinter meinem Denkmal hervor auf unser Vaterland zielen. Stören Sie sie nicht. Sie können Ihr Kokettieren mit der Reform aufgeben, sobald Sie es müde sind. Sie haben nicht als Staatsmann, sondern als Staatsknabe angefangen; Sie stehen unter meiner Vormundschaft, und Sie können gar nichts Besseres tun, als den Leuten versichern, daß ich mir in den letzten Jahren meines Lebens über meinen Irrtum klar geworden sei.

Canning. Vielleicht werden sie mir nicht glauben.

Pitt. Sehr wahrscheinlich! Aber Höflichkeit und Interesse werden ihren Glauben fordern, und sie werden handeln, als ob sie glaubten. Die lautesten Schreier der Opposition sind die Rechtsanwälte; sie schreien teils aus Unbildung, teils aus Habgier. Handeln Sie immer unter der Voraussetzung, daß selbst dem ehrlichsten Rechtsanwalt im Parlament seine Partei ebenso gleichgültig ist wie ein Klient. Wer ihn bezahlt, der hat ihn. Es ist kaum einer unter ihnen, der mehr Berufung in sich hat, als Sie oder ich; aber sie maßen sie sich an, ebensogut wie wir. Ist das keine Täuschung, kein Betrug? Einige von ihnen sind so grenzenlos arm gewesen, daß ihnen ein geborgter Uhrschlüssel an einem zerrissenen Schnürsenkel aus der zerlumpten Westentasche hing; und wenn es ihnen gelang, sich auf Kredit einen Meter verdorbenen Musselins zu verschaffen, so baten sie um eine Prise, wo sie eine Schnupftabaksdose offen sahen, und schnupften, um sich eine Gelegenheit zum Entfalten ihres neuen Einkaufs zu verschaffen.

Canning. Es wundert mich, daß diese Leute so laut nach einer würdigeren Volksvertretung schreien.

Pitt. Einige von ihnen sind wirklich eitel genug, zu glauben, daß man sie wählen würde, und daß sie in der Lage sein würden, ihre Kollegen wählen zu können; andere befolgen fremde Anordnungen; die meisten aber wünschen durchaus keine Reform und würden nie danach schreien, wenn sie es für möglich hielten, daß sie je zustande kommen könnte. Es verhält sich, wie folgt: Die ehrlichsten und unabhängigsten Mitglieder des Parlaments werden von den bestechlichen Wahlflecken gewählt; sie bezahlen mit eigenem Gelde, und stimmen nach eigenem Gutdünken; sie sind weder dem Adel noch der Schatzkammer dienstbar. Das kann man den andern Mitgliedern nicht nachrühmen. Ich habe niemals gewagt, im Parlamente darauf anzuspielen. Das Volk würde in Angst geraten und sich entsetzen, wenn man ihm klar machen wollte, daß seine besten Vertreter durch faule Bestechung zu ihren Sitzen gekommen sind. Vielleicht ist es unvorsichtig von mir, Ihnen diese Tatsache zu eröffnen. Kenne ich doch die diabetes Ihres Geistes; kenne ich doch Ihre Zunge, die man ebenso leicht in Bewegung setzen kann, wie den Kopf eines Pagoden auf dem Kaminsims im Wirtshaus. Gewöhnen Sie sich das Grübeln ab.

Canning. Man grübelt nur, solange man sich sehnt; hat man das Ersehnte erreicht, so hört man auf zu grübeln.

Pitt. Dann brauche ich Sie nicht daran zu erinnern, daß Sie nur ein numerisches Uebergewicht nötig haben. Ein Talent hat auch nur eine Stimme; ein redlicher Mann auch. Das elendeste Stimmvieh, das Dundas je auf die Beine gebracht hat, fällt ebenso ins Gewicht wie ein Romilly oder ein Newport. Am Anfang meiner Ministerlaufbahn habe ich manchmal den Wunsch gefühlt, mir gleich diesen immer treu zu bleiben. Später aber ist mir klar geworden, daß Unbeständigkeit bei einem Staatsmann für Größe gehalten wird. »Er versteht es, die Menschen zu behandeln; er hat einen Blick für die Bedürfnisse der Zeit; er weiß sich mit Würde und großem Sinn in das Unvermeidliche zu fügen,« so redet man, oder wird man reden. Wenn der Wind einen Mantel aufbläst und abwechselnd die Farbe des Futters und die Farbe des Oberstoffs sehen läßt, dann wird der Mantel dem Auge besonders prächtig erscheinen. Wenn einmal die Politik oder Ihre eigene Natur Sie zu einer Handlung treibt, die durch größere Gemeinheit oder Unsauberkeit von Ihrer gewöhnlichen Handlungsweise absticht; wenn Sie einmal Ihr Vaterland in besonders schweres Unglück oder brennende Gefahr gestürzt haben – dann halten Sie den Kopf hoch und reden Sie zuversichtlich; schwören Sie, drohen Sie, prahlen Sie; machen Sie Witze und stellen Sie sich fromm; spotten und höhnen Sie; tun Sie, als wenn Sie krank wären, als wenn Sie die Gicht hätten; rufen Sie Gott zum Zeugen, daß Sie willens seien, Ihr Amt niederzulegen, sobald Sie Ihrem König und Ihrem Vaterlande nicht mehr nützen könnten; daß Sie aber im gegebenen Moment nur ungern Ihren Posten verlassen würden, weil dadurch das blühendste aller Länder den wilden Leidenschaften unersättlicher Demagogen zur Beute fallen könnte. Nur der ausdrückliche Wunsch Ihres ehrwürdigen Herrschers und die unzweideutige Stimme des Volkes, die Sie seiner Beachtung empfohlen hat, würden Sie bewegen können, einen Platz zu verlassen, auf welchen die Hand der Vorsehung Sie geführt habe. Nur scharfe Augen können durch so viel Worte hindurch auf den Grund sehen; mir sind so scharfe Augen nie begegnet, und ich habe doch ihrer tausende geprüft. Der Mann, der diese scharfen Augen hat, müßte fähig sein, Swedenborg und Kant zu lesen, während er auf einem Tuch geprellt wird. Sorgen Sie vor allem dafür, daß Ihre Freunde und Anhänger immer bei guter Laune und bei guten Mitteln sind. Mit dem Embonpoint dieser Leute schwindet das Vertrauen des Volkes zu Ihnen. Auf diesen Gedanken hat mich mein Koch gebracht, im Sommer vor zwei Jahren. Ich fand ihn im Hofe, wie er auf und nieder ging und sich mit den Fäusten auf die Hüften schlug; sein Gesicht war rund und rosig, trug aber einen schwermütigen Ausdruck. Ich rief ihn an, und als er sich umwandte, fragte ich ihn, was ihn so aus der Fassung bringe. Er antwortete, Sam Spack, der Fleischer, habe Bankerott gemacht. »Nun, was kümmert dich das?« sagte ich, »fürchtest du, seine Gläubiger könnten mir über den Hals kommen, weil ich ihm seit zwei Jahren die Rechnungen nicht bezahlt habe?« Er schüttelte den Kopf und erzählte mir, er habe dem Sam Spack sein ganzes Vermögen geliehen, gute fünfhundert Pfund. »Das ist deine eigne Dummheit!« rief ich. »Ja, sehen Sie, Herr!« sagte er und öffnete die Hand, um noch besonders zu bekräftigen, für wie unwiderleglich er seine Worte hielt. »Wer würde ihm nicht alles geliehen haben? Er fluchte und aß wie der Teufel und trank, als wenn er in der Hölle säße. Sein Hund war feister als das fetteste Kalb in Kent.« Es fällt mir ein, daß ich diesem unglücklichen Koch mehrere Jahreslöhne schuldig bin. Schreiben Sie sich seinen Namen auf, William Ruffhead. Sie müssen etwas für ihn tun. Ein kleiner Auftrag an der französischen Küste würde genügen. In sechs Monaten kann er gut und gern in aller Stille seine zwanzigtausend Pfund zusammenbringen, und dann ist er Zeit seines Lebens seiner armseligen drei Guineen täglich sicher. Schreiben Sie hinter den Namen: »stellvertretender Kommissär.« Ruffhead ist ein so ehrlicher Kerl, daß er nur wie ein Seehund unter einem Schwarm von Haifischen auf Beute ausziehen wird. Geben Sie nie Ihre Einwilligung zu einer Verringerung der staatlichen Ausgaben. Sehen Sie alles, was vom Parlament für öffentliche Zwecke bewilligt wird, als Ihr eignes Vermögen an. Das größte Vermögen in England würde bald erschöpft sein, wenn man seine Anhänger selbst bezahlen müßte und nicht die Staatskrippe zur Verfügung hätte. Ich habe gelächelt, wenn die Menschen mir in der Einfalt ihres Herzens Beifall spendeten, weil ich es vernachlässigte, mein Vermögen zu vergrößern. Jeder Acker Landes auf britischem Boden ist so unterminiert, daß ich durch einen Parlamentsbeschluß den Eigentümer zwingen kann, mir vom Ertrag sooft und soviel abzutreten, als ich brauche. Aus jeder Tabakspfeife, die in England geraucht wird, tut einer meiner Anhänger einen Zug, aus jedem Salzfaß nimmt einer einen Löffel voll. Ich habe meinen Angehörigen mehr zugewendet als Tamerlan und Aurungzebe; und ich verteile nach eignem Ermessen einen Betrag von fünfzig Millionen im Jahr. Bedeutet denn das Privateigentum am Inhalt meines Portemonnaies etwas anderes als das Recht der freien Verfügung über diesen Inhalt? Weder meine Tasche noch mein Haus, weder die Bank noch die Schatzkammer, weder London noch Westminster, weder England noch Europa sind geräumig genug, mein Vermögen zu fassen. Es kursiert zwischen West- und Ostindien und schifft auf dem Weltmeer.

Canning. Ich verstehe. Sie geben nur aus, wenn Sie Zeit und Gelegenheit zum Ausgeben haben. Niemand gibt feinere Diners; nur Wenige bessere Weine –

Pitt. Canning! Canning! Canning! Immer müssen Sie auf plumpe Schmeicheleien verfallen! Da Sie vom Wein sprechen, mahnen Sie mich an meinen Tod und die Ursache meines Todes. Nur um die Franzosen und Bonaparte zu ärgern, habe ich keinen Claret getrunken; Madeira war zu heiß, Rheinwein zu leicht und sauer für mich.

Canning. Man muß ihn mit Selterswasser mischen; der Dechant von Christ Church hat es mir gesagt.

Pitt. Das hätte meine Reden zu windig gemacht; es wäre nicht schicklich gewesen, mit dem Sprecher vor mir und der Ministerbank hinter mir, eine Dampfmaschine von solcher Kraft in Bewegung zu setzen. Das abscheuliche Gesöff von Oporto verzehrt jetzt meine Eingeweide.

Canning. Es ist ein Getränk, das man den zum Tode Verurteilten reichen sollte.

Pitt. Wenn sie verurteilt sind, durch Gift zu sterben.

Da Sie morgen früh nach London zurückkehren müssen, und da ich vielleicht zu andrer Zeit nicht aufgelegt oder fähig bin, viel zu sprechen, so will ich jetzt alles sagen, was mir noch zu sagen bleibt. Lassen Sie sich nie überreden, eine gemischte Regierung von Whigs und Tories einzusetzen; denn da Sie nicht beiden gleichzeitig gefällig sein können, so werden beide ewige Intrigen spinnen, um Sie durch irgendeinen Führer ihrer Partei zu verdrängen. Stellen Sie Männer an, die weniger Wissen und weniger Scharfblick besitzen als Sie, falls es Ihnen gelingt, solche zu finden. Sorgen Sie dafür, daß keiner zu nahe und keiner zu hoch steht; damit keiner einen Blick in Ihre Untiefen werfen und das Unkraut auf dem Grunde sehen kann. Sie können Schriftsteller anstellen; aber Sie dürfen sie nicht verzärteln; Sie müssen sie durch harte Arbeit in Atem erhalten und gefügig machen. Viele von ihnen sind zuverlässig, solange man sie braucht; füttern Sie sie nur mit Verheißungen; das eröffnet ungemessene Aussichten. Ich meinerseits achte keinen der lebenden Schriftsteller sehr hoch. Den einzigen unter den Alten und Neuen, den ich je gründlich gelesen habe, ist Bolingbroke. Er wurde mir als Vorbild empfohlen. Ich habe mich ausschließlich an seinen Grundsätzen, seinem Gefühlsleben und seinem Stil gebildet. Ihm steht alles gut. Ich liebe ihn besonders, weil er gegen die Anfragen ist – etwas, worin wir am besten tun, ihn nachzuahmen. Wenn das Unterhaus nicht auch der Meinung wäre und nicht für eine Indemnitätsbill gestimmt hätte, so wäre es längst aus mit uns gewesen; ich aber hatte die Gewißheit, sie immer durchzubringen, wenn ich ihrer bedurfte, einerlei, welcher Art die Veranlassung war. Weder freie noch despotische Regierungen können sich einer solchen Gewißheit erfreuen; unsere Verfassung ist für Ausflüchte geschaffen. In der Türkei hätte man mich erdrosselt; in Algier wäre ich gepfählt; in Amerika hätte ich auf dem Marktplatz den Galgen besteigen müssen; in Schweden wäre ich auf einem Hofball oder bei einem öffentlichen Festessen einer Pistolenkugel zum Opfer gefallen; in England preist man mich höher als meinen Vater.

Ach, Canning! Wie habe ich frohlockt, als ich zum ersten Male diesen Zuruf hörte! Wie schwer drückte mich die Sorge, als er mir zum letzten Male an die Ohren klang. Mein Vater hatte immer gegen Widerstand zu kämpfen, und doch ist ihm alles gelungen; mir wurde immer geholfen, und doch ist mir alles mißlungen. Er hinterließ das Land blühend; ich hinterlasse es verarmt, ausgesogen und am Rande des Verderbens. Er hinterließ eine Schar tüchtiger Politiker; ich hinterlasse Sie, Canning. Verzeihen Sie mir; Sterbenden kommen unliebsame Gedanken, und sie haben das Vorrecht, sie auszusprechen.

Gute Nacht! Ich will zur Ruhe gehen.

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