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Erdichtete Gespräche

Walter Savage Landor: Erdichtete Gespräche - Kapitel 20
Quellenangabe
type
authorWalter Savage Landor
titleErdichtete Gespräche
publisherGeorg Müller Verlag
translatorElisabeth von Schorn
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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Erzbischof Boulter und Philipp Savage

Boulter. Herzlich froh bin ich, Euch zu sehen, mein Bruder, soweit man in diesen Zeiten des Elends und der Trübsal Freude empfinden und aussprechen kann. Meine Frau sehnt sich danach, ihre Schwester zu umarmen.

Philipp Savage. Mylord Primas, ich wagte nicht, sie von Dublin hierher mitzunehmen. Ich wollte vorerst die Sicherheit des Weges und die Stimmung des Volkes erproben.

Boulter. Ich beklage, daß sie nicht mit Euch kam, und noch mehr beklage ich die Ursache davon; indessen laßt mich hoffen, daß Euch auf Eurer Reise hierher nichts unerwartet Peinliches widerfahren ist.

Philipp Savage. Ich kam zu Pferde, von einem Diener begleitet. Es wäre klüger gewesen, wenn ich ihn nicht seine Livree hätte tragen lassen. Denn nichts reizt die Armen in Zeiten der Not mehr, als der Anblick eines schmucken, wohlgenährten Dieners in Livree. Sie verbinden damit die Vorstellung der Faulheit und Bequemlichkeit und vergleichen sie mit ihrer eigenen harten Arbeit und ihrem schlechten Lohne.

Zwei Meilen von Armagh begegneten wir einem Haufen Arbeiter. Sie fragten meinen Diener, wer ich sei. Er sagte ihnen meinen Namen und verriet ihnen, wohl im Stolze seines Herzens, mein Amt. Glücklicherweise hatten sie weder von dem einen noch von dem anderen je etwas gehört. Sie scharten sich um mich und verlangten zu wissen, ob ich vom Schlosse komme und den Befehl habe, auf sie zu feuern, wie man ihnen ein paar Tage vorher angedroht habe.

»Warum? meine braven Freunde?«, rief ich.

»Weil wir kein Brot haben und welches verlangen,« lief es von Mund zu Mund; und bei jeder Wiederholung klang die Antwort drohender, bis sie in Heiserkeit und Schwäche erstarb. Ich versicherte ihnen, es sei kein derartiger Befehl erlassen, und es werde nie zu einem solchen Befehle kommen. König und Regierung seien tief bekümmert über ihren Notstand; aber er werde vorübergehen.

Nach diesen meinen Worten trat einer aus der Menge vor, legte die Hand auf die Mähne meines Pferdes und lachte, bis er taumelte. Ich sah ihn entsetzt an. Als er sich ein wenig von seinem Anfall erholt hatte, sagte er: »Ich hoffe, du bist ehrlich, mein Freund; denn du sprichst wie ein Narr, und das pflegt bei Leuten deines Standes ein Zeichen der Ehrlichkeit zu sein. Aber ich bitte dich, Kronensohn, wie kannst du mit gutem Gewissen behaupten, daß der König und die Minister sich darum bekümmern, ob wir vor Hunger und Durst überschnappen oder nicht, solange wir nur mit unserer Hände Arbeit ihre Bäuche füllen und mit der Kraft unserer Arme lästige Nachbarn fernhalten, während sie nach Tisch ihr Schläfchen halten? Tief bekümmert! Sagtest du wirklich, »tief bekümmert?« O jawohl, man könnte glauben, tief bekümmert sein sei ebenso genußreich, wie tief in den Becher schauen, oder noch viel genußreicher; denn es gibt deren manche, die ihre Länder in Wein ersäuft und dann das Trinken aufgegeben haben; aber wo steckt der gute Kerl, der hier zu Lande einen Finger gerührt hätte, um sich aus dieser tiefen Kümmernis herauszuhelfen? Hat der König oder sein Statthalter uns auch nur soviel wie die Borste einer räudigen Sau bewilligt? Ich mag mich irren; aber wenn wir es auch glauben müssen, daß wir in anderen Dingen seichte Gesellen sind, so neige ich doch zu der Ueberzeugung, daß unsere Kümmernis ebenso tief ist, wie die der großen Herren, oder wenigstens beinahe so tief; und doch haben wir nie ein Wort darüber verloren. Wir haben nur gesagt, daß wir nackt und hungrig sind, und daß wir unsere Hütten verlassen haben, damit unsere Väter und Mütter in unseren Betten sterben können, und damit wir nicht länger das Geschrei unserer Weiber und Kinder zu hören brauchen. Das Geschrei der Verhungernden, das laß dir sagen, ist sehr verschieden von jedem anderen Geschrei, das wir je zuvor gehört haben. Tief bekümmert! Nun, bei Gott! Welches Elend haben sie erlitten; welche Not haben sie gesehen? Man hat mir von reichen Leuten in Dublin erzählt, die so auf tiefen Kummer versessen sind, daß sie anderthalb Schilling für ein Buch ausgeben, in dem davon zu lesen steht.«

Teils in der Hoffnung, vorwärts zu kommen, teils aus Mitleid ließ ich eine Guinee in die Hand des Burschen gleiten. Er nahm sie und sagte keinen Dank dafür, hielt sie in der einen Hand und faßte mit der anderen noch immer in die Mähne meines Pferdes. »Komm mit mir,« sagte er. Ich fand es klüger, ihm den Willen zu tun. Etwa eine Meile zur Rechten liegt die Hütte, wohin er mich führte. Ein elendes Pferd stand halb drinnen, halb draußen; sein Wanst und seine Rippen sprachen deutlich von Hunger und Erschöpfung. »Laß uns sehen, was drinnen vorgeht,« sagte mein Führer.

Ich stieg ab und trat neben ihn. Ich sah mich im Hause um und entdeckte kein einziges Möbelstück. Der Bewohner lag auf der Erde, nur mit seinen Kleidern bedeckt. An der Wand neben der Tür hing an einem Nagel eine zerbrochene, zinnerne Tabaksdose; ein Ring, der früher die Schnauze eines Trüffelschweines geziert hatte, war hineingeklemmt. Jetzt diente er dazu, einen Zettel zu halten, auf dem geschrieben stand: »Dieses Haus ist zu vermieten.«

Es war ein Priester in der Hütte; er sprach, soviel ich mich erinnern kann, diese Worte: »Du bist der einzige Katholik im Kirchspiel und solltest den anderen um dich herum mit gutem Beispiel vorangehen.«

»Pater!« entgegnete eine schwache Stimme, »Ihr habt mir gesagt, wenn ich wieder besser bei Kräften sei, möge ich zum Erzbischof gehen und nehmen, was ich bekommen könne; es sei ja nur einem Feinde zu Schaden. Als ich vom Fieber genas, war mein Hunger anfangs so groß, umso größer, als ich tagelang nichts zu essen gehabt hatte, daß ich eine Schüssel mit Fleischbrühe verschlang, welche die Diener mir vorsetzten. Keiner von ihnen hatte die Barmherzigkeit, mich vor einem Stück Ochsenfleisch zu warnen, das auf dem Grunde lag, oder mir zu sagen, daß es, soviel sie wüßten, auch eine weiße Rübe sein könne. Ich dachte an nichts und ließ es denselben Weg gehen wie die Suppe! Es war nicht größer als eine tüchtige Kartoffel; ein gesunder Mensch hätte es mit vier Bissen verzehrt. Ich hatte eine Hündin, die würde es auf einmal hinuntergeschlungen haben, wenn sie Junge säugte. Ich weiß einen Mann, der hätte sich so wenig daraus gemacht, daß er es seine Frau in ein oder zwei Mahlzeiten hätte essen lassen; es war so gut wie nichts. Es mag auch sein, daß ich noch einen Rest von Fieber im Leibe hatte, und daß es nur eine Täuschung war, die aus der Suppe aufstieg, und gar kein richtiges Ochsenfleisch. Ich kann mich wohl geirrt haben, ebenso wie ich mich geirrt haben kann, da ich glaubte, gesund zu sein, und hatte doch noch das Fieber im Leibe. Es kann doch nicht gut durchs Essen zurückgekommen sein; denn ich hatte es ja eine Woche zuvor durchs Nichtessen bekommen. Wie dem nun sei, ich ging heim, legte mich nieder und schlief. Ich träumte von Engeln mit Suppenlöffeln in den Händen; es waren recht häßliche darunter, und andere lachten, und einer von ihnen führte Euer Pferd in die Hütte; ich würde es allerorten wiedererkennen. Wir sahen zehn Minuten lang einer dem andern in die Augen; dann warf es sich auf mich, als sei ich nichts besseres als Heidekraut und Farren. Da wäre es, glaubt mir, bis Sonnenaufgang liegen geblieben, wenn es nicht ein Sonntagmorgen gewesen wäre.«

»Was!« rief der Priester, »alle diese Ungehörigkeiten wurden an einem Sonnabend begangen?« »Heute vor einer Woche,« antwortete der kranke Mann, den, wie ich argwöhne, sein Schnitzer bei der Beichte ebenso beschämte, als der Vorwurf des Beichtigers.

»Und jetzt, bei meiner Seele, zieht dich unsere liebe Frau zur Rechenschaft, du Sünder!« sagte der Priester zornig. »Es sollte mich nicht Wunder nehmen, wenn der Erzketzer, den ihr Erzbischof nennt, taufende von vollen Suppenschüsseln an einem Tage verteilte, nur um diese deine Seele zu verderben, du Säufer, du Schwein! Dreizehn Meilen weit bin ich geritten, um zu sehen, ob hier alles zugehe, wie es sich gehört, und finde nicht eine Unze Hafermehl oder Kartoffeln im Hause.«

Der arme Bewohner der Hütte seufzte laut. Mein Führer trat leise an den Priester heran, zupfte ihn am Aermel und fragte ihn flüsternd, was er von dem Zustand des Mannes denke. Der Kranke hörte die Frage und sehr viel deutlicher noch die Antwort, welche lautete, daß er den nächsten Tag nicht mehr erleben werde. Er bat den Diener des Herrn, seine Beichte anzuhören. Das Schmerzlichste hatte er schon gestanden; aber das Stück Ochsenfleisch nahm jetzt seinen wirklichen Umfang an; er hatte es mit Bewußtsein, mit Vergnügen gegessen; er war zu Bett gegangen; er hatte versucht zu schlafen; er hatte nicht mehr Ave Marias gesprochen als gewöhnlich. Eine Seele, auf der ein solcher Berg von Sünden lastete, bedurfte Gott weiß wie vieler Messen zu ihrer Reinigung und Lossprechung.

»Sei ruhig!« sagte mein Führer. »Er soll mit unserm Herrn Jesus Christus morgen abend um sieben Uhr im Paradiese zur Nacht essen, wenn Messen Kartoffeln gar kochen können und es da droben Buttermilch gibt.«

Nach diesen Worten ergriff er des Priesters Hand, schlug heftig darauf und ließ meine Guinee darin zurück; dann wünschte er mir einen angenehmen Ritt. So gern ich ihn anfangs hätte ziehen sehen, so unerträglich war mir jetzt der Gedanke, mich so unvermittelt von ihm zu trennen. Ich fragte ihn, ob er mit dem Sterbenden verwandt sei. Er sagte, »Nein.« Ich wünschte, seine Großmut durch eine größere Gabe wieder auszugleichen.

»Herr!« sagte er, »ich habe noch für mehrere Tage genug; wenn ich damit zu Ende bin, wird mir der Erzbischof geben, was er den anderen auch gibt. Der Seelenmessenkrämer da soll meine Schnitte Speck zum Abendbrot mit mir teilen, oder ich will verdammt sein.« Dabei zog er eine dünne Scheibe aus der Tasche, die weder zwischen Brot lag, noch in Papier gehüllt war.

Boulter. Ich hoffe, ich werde diesen wackeren Mann bald ausfindig machen, dessen Herzenswärme wahrlich mit der Hitzigkeit seiner Ausdrucksweise versöhnen kann; aber für den Fall, daß er seine Einladung zum Abendbrot gar zu dringlich macht, will ich doch gleich jemand zu meinem katholischen Amtsbruder schicken und ihn bitten lassen, mit uns zu essen. Wir haben für die Katholiken, die uns etwa mit ihrem Besuch beehren, Freitags und Sonnabends immer Fisch aus dem nahen See bereit. Ich hoffe, diese kleine Störung war die einzige, die Euch auf Eurem Wege begegnet ist.

Philipp Savage. Ich muß gestehen, daß es mich schmerzte, die Leute des Sheriffs am Eingang der Stadt einen Galgen errichten zu sehen. Es wird die Bevölkerung erbittern. Menschen, deren Leiden aufs Aeußerste gestiegen sind, verlieren eher das Gefühl der Furcht als den Drang zur Entrüstung; das irische Volk hat schon genug erduldet.

Boulter. Ja, wahrlich! Es gilt als ein Zeichen unerhörter Hartherzigkeit, einem Bittenden statt Brot einen Stein zu reichen; aber besser einen Stein, als den Strick.

Philipp Savage. Da unsere Landedelleute, besonders in diesem Teil von Irland, schlimmer als halbe Barbaren sind und von der Wiege an nichts hören als Drohungen und Herausforderungen, so mögen sie es notwendig und statthaft finden, dieses schreckliche Wahrzeichen geordneten Regiments gegen das Fortschreiten der Empörung aufzurichten.

Boulter. Man züchtet der Empörer mehr, wenn man auf das Volk schießt, als wenn man es füttert, und die Menschen sind gefährlicher im Feld als in der Küche.

Philipp Savage. In so kritischen Zeiten mögen Einschüchterung und ein wenig Zwang notwendig sein. Wir müssen den Uebelwollenden mit Wachsamkeit und Tatkraft begegnen.

Boulter. Mein lieber Bruder, wäre es nicht besser, dem Willen der Uebelwollenden eine andre Richtung zu geben? Grausamkeit ist weder ein Heilmittel gegen Verbrechen, noch gegen Not und Elend. Die erste und beste Hilfe für beides ist Teilnahme. Ich habe sie Reue und Zerknirschung hervorrufen sehen, wo alle anderen Mittel versagten. Ich will mich nicht über die maßlose Unmenschlichkeit verbreiten, Todesstrafen wegen geringfügiger Verbrechen zu verhängen; aber fragt Euch selbst; glaubt Ihr, daß je zehn Jahre in Irland oder selbst in England verflossen sind, ohne daß man einen Unschuldigen hingerichtet hat? Wenn das nun der Fall ist – und die meisten Menschen sind überzeugt davon – so sollte doch die Todesstrafe auf immer aus unsern Gesetzbüchern gestrichen werden; ist das nicht Eure Meinung auch? So streng eine andere Strafe sein mag, so kann man doch irgendeine Entschädigung für sie finden, wenn sie als ungerecht erkannt wird. Welchen Ersatz aber kann der Lebende dem Toten bieten? Wie soll der Richter entschädigt werden, der den Unschuldigen verurteilte? Denn ist er nicht fast ebenso bedauernswert, als der Tote selbst? Umsonst werden die Geschworenen die Last der Verantwortung zersplittern und verteilen; umsonst werden sie jammern, daß nichts mehr das Urteil mildern kann. Erlöst darum den Unschuldigen von diesem langen Leiden, wenn ihr nicht den Schuldigen von einem kürzeren erlösen wollt. Was kann man von der Menschlichkeit der Leute erwarten, wenn man sie daran gewöhnt, zuzusehen, wie ihre Mitmenschen wegen Vergehungen zum Tode geführt werden, die dem Kläger kaum eine Unbequemlichkeit bereitet haben? Und was kann man von dem Urteil der Vorgesetzten erwarten, die Rache verkündigen, um den Frieden aufrecht zu erhalten, und den Tod verhängen, um das Eigentumsrecht zu schützen? Unter dem roten Rock der Engländer ist mehr Grausamkeit gezüchtet worden, als unter dem braunen der Amerikaner. Ungezähmte Menschen haben einen natürlichen Hang zu gewalttätiger Rache; der Schutz unseres Eigentums bedarf solcher Mittel nicht.

Philipp Savage. Der Gesetzgeber und der Richter werden nicht von Rachegedanken geleitet.

Boulter. Warum also die Rache in Worten und Taten nachahmen? Hat eine solche Nachahmung irgend etwas Schönes oder Würdiges an sich?

Philipp Savage. Unsre heutigen Richter machen sich selten solcher Ungehörigkeiten schuldig, wie sie vor fünfzig Jahren gebräuchlich waren.

Boulter. Gewiß sind sie weniger großschnäuzig und ungestüm, als unter dem ersten Jakob und dem ersten Karl. Sie haben viel von der Roheit und Unverschämtheit abgelegt, die bei anderen Berufen durch seinen Umgang und heilsamen Respekt gemildert werden; trotzdem aber wurden beim Ausbruch der Unruhen, welche durch die Hungersnot entstanden, viele arme Burschen unter maßlosen Ausdrücken von den Richtern zum Tode verurteilt; auch weigerten sie sich, beim Statthalter um Begnadigung für die Verurteilten einzukommen, wie ich Euch in meinem Briefe berichtete. Sie werden wohl nicht sehr erbaut darüber sein, daß er unseren Vorstellungen und unserem Einfluß nachgegeben hat. Meine Lage als Vorsitzender des Rates und die Eure als Schatzmeister würde sehr peinlich sein, wenn die Leute, die man als Statthalter hierher zu schicken pflegt, ebenso widerspenstig wie nachlässig wären. Ich hoffe, man wird es immer für gut befinden, Männer milden Sinnes an die erste Stelle zu setzen, so daß ich nie gezwungen sein werde, das Recht der Aufsicht und der Einschränkung auszuüben, das man mir anvertraute. Es ist gut, wenn Menschen der Ueberzeugung sind, daß ihr Notstand vorübergehender Art ist. Wie aber können wir solches von Pestilenz und Hungersnot behaupten?

Philipp Savage. Das Uebel erschöpft sich schnell durch seine eigene Heftigkeit. Pestilenz und Hungersnot haben nie lange gedauert und werden nie lange dauern.

Boulter. Von kurzer Dauer sind sie, das ist wahr; von sehr kurzer Dauer. Aber warum? Weil sie dem Leben ein Ziel setzen. Der Welt erscheinen sie vorübergehend; wie aber können wir erwarten, daß sie dem vorübergehend erscheinen, der unter ihnen zugrunde geht? Und deren sind Tausende, Zehntausende in diesem vernachlässigten, schwer heimgesuchten Lande. Ein Leben, sei es wie es sei, ist nicht unwichtig für den, der es verlassen soll; ebenso wie ein Besitz für den, der ihn sein eigen nennt. Ob nun Not und Elend einen Monat oder ein halbes Jahrhundert dauern, wenn sie solange dauern, wie der, welcher unter ihnen leidet, so sind sie für ihn wahrlich von allzulanger Dauer. Darum laßt uns lieber versuchen, die Mißstände in Irland zu heben, als die, welche darunter seufzen, zu überzeugen, daß diese Mißstände nicht vorhanden sind. Denn wenn wir sie davon überzeugen wollten, so müßten wir sie vorher so verrohen und verwildern lassen, daß sie gefährlicher sein würden, als unter den Regierungen von Elisabeth und Karl. Man wird in einem gut geleiteten Staate, der lange des Friedens genossen hat und von keinem Kriege bedroht wird, niemals an Geldnot, noch an mangelndem gegenseitigen Vertrauen leiden. Notstand der Bauern oder Handwerker ist, wenn die Ernten günstig gewesen sind, ein sicheres Zeichen, daß die Verfassung fehlerhaft oder die Verwaltung verbrecherisch ist. Es mag nicht ratsam und gefahrlos sein, jedermann diese Wahrheit zu offenbaren; aber es ist notwendig, sie den Regierenden einzuschärfen und sie ihnen solange zu wiederholen, bis sie einen Ausweg gefunden haben; sonst wird sich das Volk über kurz oder lang nach solchen umtun, die Besserung schaffen wollen; und die mögen dann bei ihrer Suche nach einem Ausweg mehr niedertrampeln, als für eine gute Landwirtschaft wünschenswert ist. Gott sei Lob und Dank, wir brauchen nicht mit dem Prediger Salomonis zu rufen: »Wehe dem Land, dessen König ein Kind ist!« – Ein Uebel, an welchem ein Volk unzählige Jahre lang unter demselben König leiden kann. Unser gnädiger Herrscher, immer eingedenk seiner bescheidenen Herkunft und immer dankbar dem Volk, das ihn auf den erhabensten Thron der Welt erhoben hat – auf einen Thron, den die Siegeszeichen von Cressy, Agincourt, Poitiers und Blenheim schmücken – hat wenig Neigung, den verderblichen Stolz Ludwigs des Vierzehnten nachzuahmen; er verschwendet seine, geschweige denn seines Volkes Einkünfte, nicht daran, Flüsse abzuleiten, Berge aufzutragen und asiatische Pracht und Ueppigkeit unter die vergoldeten Kuppeln feenhafter Paläste zu verpflanzen.

Philipp Savage. Versailles ist ein Denkmal, das der König eines Landes zum Wohl der Könige aller anderen Länder errichtet hat; es ist eine Warnung für alle kommenden Herrschergenerationen, Arbeit und Geduld ihrer Untertanen nicht zur Befriedigung ihrer Prunksucht und Wollust zu mißbrauchen.

Boulter. Laßt uns hoffen, mein Bruder, daß die Armut, welche diese Prachtbauten über Frankreich heraufbeschworen haben, in Zukunft nicht größeres Uebel erzeugt, und eine herzlose Rasse, die immer dazu neigt, sich in Grausamkeiten zu ergehen, am Ende so erbittert, daß sie die Besten ihres Volkes erschlägt, nur weil sie der großen Masse am nächsten stehen und ihr zeigen wollen, wohin ihr Zorn treffen sollte. Frankreich würde dann in schlimmere Sklaverei geraten, als die, welche es jetzt erduldet; denn der Unterdrücker, der nicht ausbleiben kann, würde früher oder später kommen. Wenn es mir möglich wäre, das Land in seinem jetzigen Zustand zu verlassen und den Vorteil eines täglichen Verkehrs mit dem König zu genießen, wie damals, als ich ihn von Deutschland nach England begleitete, so würde ich mir die Freiheit nehmen, ihm vorzustellen, daß seine eigene Sparsamkeit sehr wohl vom Publikum nachgeahmt werden könne, und daß allerlei Aemter und Pensionen hierzulande füglich zu beschneiden waren, ohne der nationalen Ehre zu schaden und ohne öffentliche Unzufriedenheit zu erregen.

Philipp Savage. Es ist immer auf Aemter und Pensionen gescholten worden, in guten und in bösen Zeiten. Wenn wir darauf hören wollten, könnten wir solange beschneiden, bis wir unsere Finger heruntergeschnitten und uns für schwere Arbeit unfähig gemacht hätten. Gewiß wird ein Mann von der Einsicht Eurer Gnaden sich das vorerst reiflich überlegen und bedenken, daß durch das Fenster, welches man der Sonne geöffnet hat, auch der Wind hereinblasen kann.

Boulter. Mangel an Vorsicht gehört nicht zu meinen Fehlern, ebensowenig eine unentschlossene Nachgiebigkeit gegenüber den Klagen der großen Masse. Man ist manchmal genötigt, selbst an gutgekleidete Männer die Frage zu stellen: Haben die Richter nicht auch ein Amt? Ist nicht jeder Vertrauensposten ein Amt? Kann irgendeine Regierung ohne Beamte geführt werden? Ich folge nicht dem Geschrei der Menge, laufe aber auch nicht davor weg. Selbst Pensionen sind in manchen Fällen gerecht und erforderlich. Wird irgendein Mann, sei er von welcher Partei er wolle, leugnen, daß ein Marlborough und ein Peterborough ein solches Zeichen der Anerkennung von dem Lande verdienten, dem sie so glorreiche Dienste erwiesen hatten? Oder daß selbst ein großes Jahrgeld, das man an bedeutende Männer zahlt, am Ende die beste Art der Sparsamkeit ist? Solche Belohnungen reizen zur Anspannung aller Kräfte und rufen verdienstvolle Taten hervor. Zugleich aber zeigen sie den andern Völkern unsere Gerechtigkeit und Großmut, unsere Macht und unseren Wohlstand und sind die besten Denkmäler, die wir unsern Siegen errichten können. Fürchtet nicht, daß das Volk zu strenge Einschränkungen verlangen wird. Die Briten und noch mehr die Irländer würden es als ein persönliches Unrecht empfinden, auch nur ein einziges Lorbeerblatt von der Stirn eines tapferen Vaterlandsverteidigers zu reißen. Auf der anderen Seite aber ist es für ein gedeihendes Volk überflüssig, für ein notleidendes Volk kränkend, wenn man Gesandten, die nicht nach eigenem Urteil handeln können, sondern nur die Befehle anderer ausführen, die weder Begabung noch Bildung, weder Einsicht noch Mut zur Ausübung ihres Amtes brauchen, Pensionen bewilligt, von Sekretären und Kommissären ganz zu schweigen. Sie verdanken ihre Stellungen immer irgendeiner persönlichen Freundlichkeit, und die Gelder, die sie während ihrer Tätigkeit beziehen, sind nichts als Geschenke, welche ihre Gönner ihnen zuwenden. Ihnen später Pensionen zu bezahlen zum Dank für die Mühe, daß sie diese Geschenke in Empfang genommen haben, hat noch weniger Sinn, als wenn ich meinem Perückenmacher zu Weihnachten ein Geschenk schicken wollte, nur weil ich ihn schon vor andern bevorzuge, und weil er mir um die Sommersonnenwende eine Perücke gemacht hat, die ich ihm anständig bezahlte. Würden wir ihn nicht sehr töricht finden, wenn er das Geschenk erwartete, und sehr unverschämt, wenn er es forderte? Wir haben glücklicherweise nur wenige Pensionen zu zahlen und haben nicht viel Schulden; trotzdem aber kommt es uns, die wir den Staat geehrt und geachtet sehen möchten, in so bösen Zeiten zu, Gelder, die nicht für ausgezeichnetes Verdienst verliehen wurden, der Verschwendung zu entziehen; denn wenn Tausende, ich möchte sagen, Millionen dem Hungertode verfallen, und Menschen, die einst im Ueberfluß lebten, weder Brot noch Arbeit haben, so können wir mit solchen Geldern das Leben von Generationen retten und nehmen doch nur einigen Wenigen soviel weg, als etwa die Garnierung einer Schüssel beim zweiten Gange ihrer Mittagstafel kostet. An meinem Tisch werdet Ihr nur einfache Kost finden, und dennoch sündige ich vielleicht, wenn ich meinem Gott danke, daß die Kost reichlich ist.

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