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Erdichtete Gespräche

Walter Savage Landor: Erdichtete Gespräche - Kapitel 16
Quellenangabe
type
authorWalter Savage Landor
titleErdichtete Gespräche
publisherGeorg Müller Verlag
translatorElisabeth von Schorn
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20151214
projectidcdd8c509
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Lady Lisle und Elisabeth Gaunt

Lady Lisle. Ich bin der Zuversicht, daß Ihr mir verzeihen werdet; denn im Unglück lernen wir Verzeihung üben.

Elisabeth Gaunt. Wenn meine Hoffnungen mich nicht trügen, so werden sich bald die Pforten unseres Gefängnisses öffnen, und wir werden vor den treten, der allein uns Verzeihung gewähren kann.

Ich bitte Euch, sagt mir, Lady! Auf welche Art glaubt Ihr gegen mich arme Sünderin gefehlt zu haben? Unsere Vergehen haben uns an diesen trostlosen Ort gebracht, und hier können wir keine Kränkungen erleiden und keine Kränkungen zufügen.

Lady Lisle. Als ich eben das Gefängnis betrat, sah ich Euer Antlitz heiter und fröhlich. Ihr blicktet mich zuerst mit ungetrübtem Auge an. Dann wandtet Ihr Euch fort von mir, wie ich glaubte, nur um Worte der Andacht zu sprechen; und wieder saht Ihr mich an, und Tränen rollten aus Euren Augen. Wehe mir, daß ich einem andern durch irgendeinen Umstand, eine Handlung, eine Erinnerung Leid zufügen mußte! Wehe mir, daß ich den Trübsinn im Schatten des Todes noch verdüstert habe!

Elisabeth Gaunt. Laßt ab Euch zu grämen; Ihr habt keinerlei Schuld daran. Kummer schmilzt und löst sich in Tränen auf.

Ich weinte, weil ich eine andere sah, die unendlich viel elender ist als ich. Ich weinte über Euer schwarzes Kleid – über das Kleid der Sittsamkeit, das Witwenkleid.

Lady Lisle. Es deckt ein verwundetes, ein beinahe gebrochenes Herz – ein unwürdiges Opfer für unsern geliebten Heiland.

Elisabeth Gaunt. Laßt uns in seinem Namen fröhlich sein! Wir wollen nicht säumen, ihm gemeinsam unsere Gebete und unsern Dank darzubringen. Vielleicht werden wir zur selben Stunde unsere Seelen aushauchen.

Lady Lisle. Ist meine Seele rein genug? Habe ich die Sünden, die ich begangen, so beklagt, wie es mir zukam? Galten meine Seufzer und Bitten den unverdienten Gnadengaben Gottes, oder nicht vielmehr dem Geliebten meines Herzens, dem Ratgeber und Beschützer, den ich verloren habe?

Oeffnet euch, Pforten des Todes!

Lächle mir, schenke meiner letzten Handlung auf Erden deinen Beifall, mein tugendhafter Gatte! O Heiliger und Märtyrer! Mein tapferer, mitfühlender, liebevoller Lisle!

Elisabeth Gaunt. Könnt Ihr nicht auch lächeln, liebe Frau? Seid Ihr nicht jetzt schon mit ihm vereint? Vermag der Körper, vermögen Erde und Lust freie Seelen zu trennen und zu entfremden? Denket an seine Seligkeit, an seine Verklärung und beginnt, an ihr teilzunehmen.

Oh! Wie konnte ein Engländer, wie konnten ihrer zwölf, diese unschuldige, hilflose Witwe zum Tode verdammen – verdammen zu einem so großen Uebel, wie der Tod diesen Männern erscheinen mag?

Lady Lisle. Tadelt nicht jene Richter! Tadelt nicht das Gericht, welches mich schuldig sprach. Meine Schuld ist diese: Ich empfing in meinem Hause einen Wanderer, der unter dem unbesonnenen, leichtsinnigen Monmouth gekämpft hatte. Er litt Hunger und Durst, und ich nahm ihn auf. Mein Heiland hat es mir befohlen; mein König hatte es mir verboten.

Dennoch würden mich die Zwölf nicht zum Tode verdammt haben, wenn nicht der Richter ihnen gedroht hätte, sie des Verrats anzuklagen. Furcht machte sie einmütig. Sie kauften Leben und Eigentum mit meinem Todesurteil los.

Elisabeth Gaunt. Möchte wenigstens der unglückliche Mann, den Ihr in der Stunde der Gefahr bei Euch aufnahmt, seiner Strafe entgehen.

Lady Lisle. Das wollen wir hoffen.

Elisabeth Gaunt. Ich bin um desselben Vergehens willen im Kerker und habe wenig Hoffnung, daß der, den ich vor seinen Verfolgern verbarg, irgendeine Aussicht auf Glück hat, wenn er auch entronnen ist. Könnte ich Mittel und Wege finden, ihm eine kleine Summe Geldes zu senden, so würde ich die Welt getröstetet verlassen.

Lady Lisle. Vertraut auf Gott; nicht in dem einen und dem anderen nur, sondern in allen Dingen. Ueberlaßt diesen Wanderer der göttlichen Führung.

Elisabeth Gaunt. Er hat sich dieser Führung entzogen.

Lady Lisle. Der Unglückselige! Was kann Geld ihm dann nützen?

Elisabeth Gaunt. Es könnte ihn vor Not und Verzweiflung, vor dem Spott der Hartherzigen und der Unbarmherzigkeit der Frommen behüten.

Lady Lisle. Ein frommer Mensch kann nicht unbarmherzig sein, o meine Freundin.

Elisabeth Gaunt. Ihr denkt an Vollkommenheit, liebe Frau; und das wundert mich nicht, denn was sonst mag je Eure Gedanken bewegt haben! Aber Frömmigkeit ist auch in den Besten unter uns oft hart, streng und unversöhnlich, geneigter zum Tadel als zur Verzeihung, eifriger im Zurückstoßen und Beiseiteschieben als im Ansichziehen und Vorwärtshelfen.

Der arme Mann! Ich hatte ihn nie zuvor gesehen; ich weiß nicht, wie er die Vorwürfe seines Gewissens ertragen wird, und ob sie ihm später zu ruhigeren Gedanken verhelfen werden.

Lady Lisle. Ich neige nicht zu müßiger Neugier, und täte ich es, so bliebe mir nicht viel Zeit, ihr zu frönen; aber es würde mich freuen, den Lauf der Ereignisse kennen zu lernen, die auf den ersten Blick meinen Erlebnissen so merkwürdig gleichen.

Elisabeth Gaunt. Den Namen des Mannes darf ich niemals aussprechen; sonst würde ich den schlimmsten Verrat an dem Vertrauen begehen, das er mir schenkte. Er flüchtete sich in mein bescheidenes Haus und flehte mich im Namen Christi an, ihn eine Zeitlang zu beherbergen. Nahrung und Kleidung wurden ihm reichlich gegönnt; aber in den wärmsten Gewändern schauerte er vor Angst. Ich drängte ihn zum Gebet und ließ es an Ermahnungen nicht fehlen; aber soviel er auch betete, die Unruhe verließ ihn nicht. Es kam mir alsbald zu Ohren, daß Seine Majestät erklärt habe, eher einen Rebellen begnadigen zu wollen, als den, der einen Rebellen bei sich verstecke. Es war eine schwache Hoffnung; aber es war eine Hoffnung, und ich verschwieg sie ihm nicht. Seine Danksagungen wurden inbrünstiger; er betete demütiger und fleißiger. Aber die Gebete machten seine Seele nicht stark; sie war ungeläutert und unvorbereitet. Armer Mensch! Er wurde mit sich einig, mich zu verraten, und ich bin verurteilt, lebendig verbrannt zu werden. Können wir annehmen, können wir hoffen, daß ihm auf seinem mühseligen Weg durchs Leben auch nur die Kunde von meiner Hinrichtung erspart bleiben wird? Schwer, allzuschwer würde ein solches Wissen auf so schwacher, unentschlossener Seele ruhen.

Weinet nicht darüber.

Lady Lisle. Darüber weine ich nicht; ach, darüber nicht.

Elisabeth Gaunt. Worüber weinet Ihr denn?

Lady Lisle. Ueber Euer heiliges Zartgefühl, über Eure himmlische Ruhe!

Elisabeth Gaunt. Nein, nein, laßt ab! Laßt ab! Ich war es, die sich grämte; ich war es, die zweifelte. Laßt uns jetzt fester sein; wir haben beide denselben Felsen, darauf wir stehen können. Seht! Ich vergieße keine Tränen.

Ich rettete sein Leben, ein unfruchtbares, und, ich fürchte, auch ein freudloses Leben; er aber hat mir durch Gottes Gnade den Weg zur ewigen Seligkeit geöffnet, und ich darf früher eingehen, als ich je zu hoffen wagte.

Lady Lisle. O mein Engel! Der du frische Blumen auf den Pfad streust, welcher mir zuvor schon sanft und freundlich schien, möchten die kleinmütigen Männer, die uns verrieten, und die mißleiteten, die uns verfolgten, auf ihrem Sterbebette fühlen, daß wir zum Herrn eingegangen sind! Dann werden auch sie endlich Ruhe finden.

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