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Erdichtete Gespräche

Walter Savage Landor: Erdichtete Gespräche - Kapitel 14
Quellenangabe
type
authorWalter Savage Landor
titleErdichtete Gespräche
publisherGeorg Müller Verlag
translatorElisabeth von Schorn
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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König Jakob I. und Isaac Casaubonus

Jakob. Mein guter Herr Casaubonus, ich ärgere und gräme mich darüber, daß die Päpstlichen meiner Mäßigung und meinem Eifer so entgegen sind. Bin ich mir doch immer gleich darin geblieben.

Casaubonus. Wenn Ihr die Hinterschenkel eines widerspenstigen Pferdes sanft berührt, Herr, so wird es die Ohren niederlegen und ausschlagen. Wenn Ihr ihm aber entschlossen einen derben Schlag versetzt, siehe da! so zieht es die Beine ein und wendet sich Euch zu.

Jakob. So wahr ich ein König und ein Christ bin, ich habe Lust, mit ganzer Kraft und ganzem Mute dreinzufahren. Mich dünkt, es wäre nicht übel angebracht. Wahrhaftig, was sind denn diese vorlauten Bischöfe von Rom, daß sie so unsanft mit dem Gesalbten Gottes verfahren? Ich schaudere über ihre Gewalttätigkeit, obwohl ich schon manches Beispiel davon aus früheren Zeiten kenne. Raimond der Sechste, Graf von Toulouse – Gott verhüte, daß Unheil an dieser Zahl haste, denn ich bin, wie Ihr wißt, in Schottland der sechste Monarch meines Namens – wie denkt Ihr darüber, Casaubonus?

Casaubonus. Ich sehe keinen Grund, warum Euer Majestät Unheil fürchten sollten.

Jakob. Raimond also, ein Nachkomme Karls des Großen, wurde nackt bis zum Gürtel, einen Strick um den Hals, in die Kirche des heiligen Egidins geschleppt, und dort von einem Mönche gestäupt, indes der Legat des Papstes beim Mittagessen saß. Sein Sohn, der Katholik war, wurde dessen ungeachtet, als der Erzeugte eines erklärten Ketzers, nicht wie sein Vater seines Hemdes entblößt, wohl aber all seiner Güter und Erbschaften. Er verteidigte sich indessen so tapfer (was ich auch tun würde, wenn ich nicht eine so unerklärliche Angst vor nackten Schwertern hätte), daß ihm der Papst nur die Grafschaft Venaissin entreißen konnte, allerdings das reichste von seinen Ländern, dazu dreiundsiebzig Schlösser jenseits der Rhone, und 13 800 Mark in Silber.

Casaubonus. Die Ketzerei der Fürsten ist das ertragreichste aller Verbrechen, die Sankt Peters Tasche füllen. Die berühmte Königin Johanna von Neapel, die von einem Bruder des heiligen Ludwig abstammte, wurde der Mitwisserschaft am Morde ihres Gatten angeklagt, und –

Jakob. Ich glaube kein Wort davon; ein Märchen, eine Verleumdung! Sagt lieber, was der Papst für eine Rolle dabei spielte; da liegt die Schuld; fahrt fort.

Casaubonus. Die schöne junge Köchin bedurfte seines Schutzes. Obwohl das Volk der Provence sie genötigt hatte, auf das Evangelium zu schwören, daß sie nie einen Teil ihres Landes veräußern werde, so wurde sie doch wenige Monate später von Seiner Heiligkeit gezwungen, ihm Avignon zu verkaufen.

Jakob. Ha, und bekam kein Geld dafür. Ich weiß nicht, was abscheulicher ist: Daß der Stellvertreter Christi sich einer Simonie schuldig macht und einen Eidbruch erzwingt, oder daß ein Volk von einem Fürsten verlangt, ihm einen Eid zu schwören.

Casaubonus. Das Volk ist manchmal argwöhnisch, Herr, und übertriebene Wachsamkeit macht es hitzig. Kirchenfürsten aber haben zu allen Zeiten sowohl widerspenstige als gefügige Herrscher gehörig zugeritten.

Jakob. Bei Gott! Mein Nacken wird sich ihnen niemals beugen. Wenn sie mir widerspenstig werden, so sollen ihnen beide Flanken bluten, ehe abgesessen wird.

Casaubonus. Nicht nur Grafen und große Herren, wie Euer Majestät erzählten, auch Könige sind von den Päpsten entblößt worden; Kaisern haben sie die Hosen ausgezogen, haben sie bis in ihre Träume verfolgt, und sind ihnen, wie ungehorsamen Kindern, mit der Rute in der Hand erschienen. Kaiser Maximilian schwor, er wolle die Freiheit der Religion verteidigen, wie sie die Augsburger Konfession verkündet; aber durch die Drohungen des Papstes erschreckt, zog er sein Wort zurück und entschuldigte sein Verhalten damit, Pius sei ihm im Schlaf erschienen und habe eine Geißel über ihm geschwungen. Pius der Fünfte befahl auch Karl dem Neunten von Frankreich, das Edikt von Orleans aufzuheben, welches religiöse Duldsamkeit versprach. Der Heilige Vater wurde durch die Apostolischen und Allerchristlichsten Majestäten in die Posse eingeführt. Sie vermochten Seine Heiligkeit, von ihnen zu verlangen, daß sie ihre beschworenen Verpflichtungen lösten und verleugneten. Von ängstlichen, verräterischen Männern wie diesen hing das Wohl und der Fortschritt der Menschheit ab, und so ist es auch noch heutzutage. Karl und Maximilian, Gegensätze zu Achilles, verabscheuten die Pforten der Hölle mehr als einen Treubruch.

Jakob. Versprechen, Eide und Verträge sind nur solange unverletzlich, als es diesen Heiligkeiten und Seligkeiten dienlich erscheint. Selbst Kaiser werden überkaisert von ihren Pächtern im Vatikan. Für die Geier von den sieben Hügeln ist nichts zu hoch und nichts zu tief. Nicht nur Kirchen und Königreiche sind ihre Jagdgründe; sie stürzen sich auch auf Schulen und Küchen und schreiben unsern Verwaltern vor, womit sie unsere Speisekammern füllen sollen. Man möchte denken, sie könnten wenigstens so gefällig sein, wie Eulen und Katzen gegen ihre Jungen; aber keineswegs; sie halten sich auch nicht in ihren eigenen Gehegen; sie fliegen weit über Feld auf Raub aus. Sie zupfen am Pelz eines Richters herum, wenn er ihnen zu rauh erscheint oder nicht so sitzt, wie es ihnen gut dünkt. So nahm im Jahre 1220, wenn ich mich nicht in der Zahl irre, Papst Honorius durch ein Edikt der Pariser Universität das Recht, den juristischen Doktorhut zu verleihen, und wir müssen nicht nur mit ansehen, daß den Unschuldigen wie den Schuldigen der Trost der Religion vorenthalten wird, wenn ein Papst nach Geld schreit und es nicht bekommt; nein, auch daß den Rechten der Beleidigten die Verteidigung versagt bleibt. Der größte Mißstand aber ist, daß gesalbte Könige so formlos behandelt werden. Gregor der Siebente tat Kaiser Heinrich den Vierten in den Bann und ließ ihn drei Tage lang barfuß vor seinem Tore sitzen, ehe er ihm Absolution erteilte. Bald darauf bereut er seine Großmut, setzt ihn ab und erhebt einen Herzog von Schwaben auf den Thron. Meinen Thron würde sein Nachfolger auf dem Stuhle Petri gern jedermann zusprechen, ausgenommen dem rechtmäßigen Herrn. Aber ich rate ihm, nie mit einem solchen Ringer wie mir handgemein zu werden, es sei denn, er habe sich gut geölt. Sonst könnte es kommen, daß ich ihn einen Luftsprung machen lasse. Ich ging ihm mit einem Oelbaumzweig in der Hand entgegen und ahnte nicht, daß es eine Pflanze sei, auf die Kröten spucken, wenn sie in Wut sind.

Casaubonus. Wo Geiz und Stolz zu Rate sitzen, konnten sich Euer Majestät wenig Hoffnung machen, verstanden zu werden: Der Vorteil indessen, von dem ich Euer Majestät sprach, ist erreicht. Ihr habt Eure Beweise in den Zimmern des Vatikans am höchsten Haken aufgehängt, und sie zeigen denen unten, wie aufrichtig Euer Herz, wie stichhaltig Eure Gründe sind.

Jakob. Und doch nennen sie mich einen Sektierer!

Casaubonus. Die, welche von der herrschenden Partei abweichen, sind immer so gebrandmarkt worden. Hätten die Päpste, die Luther und später Euer Majestät einen solchen Namen gaben, nur ein wenig Gelehrsamkeit besessen, so wäre ihnen vielleicht klar geworden, daß der Titel besser auf sie selber paßte. Cato sagt in seiner Schrift über die Landwirtschaft: » Sectarius porcus est qui gregem praecedens ducit

Jakob. Ich bin ein ehrlicher und gewissenhafter Katholik. Wie kann man mir diesen Namen versagen, ohne sich einer offenbaren und groben Ungerechtigkeit schuldig zu machen? – Mir, der ich an die Dreieinigkeit glaube und an alle Lehren, die in den ersten vier Jahrhunderten des Christentums als Vorbedingungen der Erlösung verkündet wurden. Im Gefühl meiner Aufrichtigkeit hätte ich wünschen mögen, daß alles, was zur Gemeinschaft und Einigkeit führt, geduldet und gefördert werde. Es liegt nicht im Interesse der Könige, die Jagdgesetze in die Kirchen einzuführen. Infolge dieser Grundsätze und Ueberzeugungen habe ich viele Päpstliche zu Aemtern in meiner Umgebung zugelassen und erwartete nicht, daß sie mir so früh im Jahre ein so loderndes Feuer anzünden würden. So groß aber ist meine Neigung zu Frieden und Versöhnung, daß ich nicht abgeneigt wäre, mit ihnen zum Abendmahl zu gehen, wenn ihre Priester es mir erlauben wollten, obwohl ich meine Küche und meinen Keller lieber rein von Päpstlichen hielte. Das Evangelium sagt »Dies ist mein Leib«, es sagt aber nicht »wie«. Ich bin weit davon entfernt, den Priestern zu zürnen, daß sie mehr darüber wissen als ich, oder als mein Herr und Meister gut fand, seinen Aposteln und Jüngern mitzuteilen, die soviel mehr sind als ich. Ich zürne ihnen auch nicht, daß sie auf der Transsubstantiation bestehen, ein Begriff, den man in den ersten Jahrhunderten nach des Herrn Tode noch nicht gekannt hat. Laßt jeden Christen zum Abendmahl gehen; laßt es Familien, Nachbarn, Freunde, Herren und Diener gemeinschaftlich nehmen; laßt jeden seine eigenen Gedanken haben über den Sinn und die Bedeutung der heiligen Handlung. Bei einem Gedächtnismahl mag einer sich etwas herbeiwünschen, was er vergeblich auf dem Tische sucht; ein anderer mag das Gericht wegwünschen, das vor ihm steht; beide aber werden gewiß etwas finden, worin ihr Geschmack sich trifft, und nichts, was fehlt oder vorhanden ist, kann ihre Empfindungen über den Einklang der Versammlung und die Bedeutung des Mahles beeinflussen. Solche Empfindungen – laßt mich vom Kleinen zum Großen, vom Alltäglichen zum Feierlichen emporsteigen – sollte auch der Christ beim Sakrament des heiligen Abendmahls haben. Wenn ich an den Tag denke, da es zum erstenmal gefeiert wurde, so erfaßt mich ein Verlangen, meine Arme allen zu öffnen und die Feinde meines Thrones mit der Barmherzigkeit des Evangeliums zu behandeln. In der Herrschaft befriedigen wir unsere Launen, im Christentum unser Gemüt; es wird uns immer unser Bestes entlocken, Herrschaft aber wird oft unsere schlechtesten Triebe fördern. Ihr wißt nicht, Herr Casaubonus, wie angenehm es ist, sich mit jemand natürlich unterhalten zu können; denn Ihr habt diesen Vorzug immer genossen. Uns Königen aber ist es sehr fühlbar, wenigstens solchen unter uns, die Gott mit Hellem Verstände begnadet hat. Man meint aus dem geschlossenen, verhangenen Krankenzimmer, wo jedes Geräusch zurückgehalten, jeder Schritt abgemessen wird, hinaus in die frische Luft unsrer Heimatlande zu treten, auf die Weiden, wo die Schafhirten singen und die Flöte blasen, und noch weiter hinaus in die wildere, üppigere Schönheit unserer Wälder. Euch liegt die ganze Welt des Geistes offen; wir müssen in Epigrammen oder in Orakelsprüchen reden. Das Buch aber, das ich in der Hand halte, lehrt mich diesen Brauch beiseite legen. Es lehrt mich, daß wir uns nicht zu schämen brauchen, auch in unserem Hause einen gewissen Grad der Verwandtschaft mit denen anzuerkennen, die wir im Hause Gottes unsere Brüder nennen. Wenn ich es nach dieser Seite in etwas versehen habe, so habe ich mir doch auf der anderen niemals angemaßt, einem Manne vorzuschreiben, wie er singen, sprechen und auf welcher Seite er im Bette liegen solle. Noch weniger würde ich ihm Vorschriften machen, wie er über Dinge zu denken habe, die mich nichts angehen. Jedermann weiß, daß ich viel freimütiger und barmherziger bin, als die Dame, die vor mir auf dem Throne saß; und doch hätte meine Base Elisabeth füglich etwas duldsamer gegen die allzu Gläubigen sein können, sie, die sich noch mit siebzig Jahren in dem Glauben gefiel, daß sie den Herzen der Männer gefährlich sei. Ich würde nie jemand die Wohltat des Gesetzes entbehren lassen, nie jemand vom Genuß einer Würde ausschließen. Ich würde die katholischen Peers in dem Hause dulden, aus dem ihre Freunde Garnet und Catesby sie eigener Zwecke halber hinaustreiben wollten. Was meint Ihr dazu?

Casaubonus. Ich kann nicht verstehen, wie Eure Majestät Männer zu Ratgebern erwählen oder zu irgendeiner Teilnahme an der Regierung, Rechtsprechung oder Verwaltung zulassen können, die des Glaubens sind, daß ein anderer das Recht auf eine höhere Gewalt in diesem Lande hat, nicht nur als Eure Majestät, sondern als alle drei Stände zusammen. Sie sind verpflichtet, mit daran zu arbeiten, daß die Schulbildung Eures Volkes Euch aus der Hand genommen wird; sie sind verpflichtet, Euch umzubringen, wenn Ihr Euch der römischen Oberherrschaft widersetzt, oder wenn der Papst sie wissen läßt, daß eine solche Tat der Kirche zum Vorteil gereichen würde; ja, jeder von ihnen mag sich bereit finden, Euch zu ermorden, wenn es ein paar aufrührerischen, aber gelehrten Männern gelingt, ihn davon zu überzeugen, daß es Seiner Heiligkeit dienlich sei.

Jakob. Es ist unmöglich, daß die Vernunft des Menschengeschlechts eine solche Pest wie das Papsttum noch lange duldet; aber Rauch und Gestank werden noch geraume Zeit die Luft erfüllen, wenn die Explosion vorüber ist. Solange diese Plage die Erde belastet, wird die Religion eine feile Dirne, die Zivilisation eine Hungerleiderin, die Freiheit eine ehrlose Verworfene und verstümmelte Bettlerin sein. Das bekümmert mich; denn nur in Königspalästen kann die Freiheit großgezogen und gebührlich gepflegt werden.

Casaubonus. Aber, Herr! Welche Sicherheit genießt der Königspalast, wenn das Parlamentshaus in die Luft gesprengt wird? Als man Garnet fragte, ob er es für erlaubt halte, daß man den Unschuldigen mit dem Schuldigen vertilge, da antwortete er mit »ja!« Wenn der Vorteil, den man erreiche, das Leiden der Unschuldigen aufwöge, so sei es erlaubt. So kann also ein Mord begangen werden, selbst wenn es sich nicht um ein Uebergewicht des Vorteils handelt; denn der Jesuit, die vollkommenste Verwirklichung des Katholiken, verlangt nur ein Gleichgewicht und hält selbst den Mord für ein harmloses Mittel zur Erreichung seiner Zwecke.

Jakob. Derselbe Doktor hat andern Orts der Meinung Ausdruck gegeben, daß Mord nicht nur erlaubt, sondern sogar rühmlich sei, wenn er etwa zum Vorteil der Mutterkirche ausschlüge. Diese hat ihre Zähne solange gewetzt, um uns zu Leibe zu gehen, daß schließlich ein paar Backenzähne anfangen, zu schmerzen, und die übrigen daran sind, locker zu werden. Das verdirbt ihr die Laune mehr und mehr und macht sie noch häßlicher, als sie schon ohnedies ist. Was denkt Ihr nun? Bin ich nicht bei aller Gewissenhaftigkeit freisinnig genug, wenn ich mich bereit erkläre, ihre Kinder in meiner Umgebung zu dulden, so sie nur ohne Messer und Brecheisen kommen?

Casaubonus. Wenn sie über ihr Gewissen nicht frei verfügen können, wie sollen wir da vernünftigerweise hoffen, daß es ihnen frei stehe, in unsere Bedingungen einzuwilligen? Die Frage, die Eure Majestät anführten, war keine müßige noch vorwitzige Frage; sie hat den Weg zum Mord zweier Könige von Frankreich geebnet – Heinrichs des Dritten und des Vierten. Man hat in einer These als Erläuterung sogar den Namen des ersteren eingeschaltet, nachdem ein paar gelehrte Hetzer ihn einen Tyrannen genannt hatten; ob es zum Beispiel erlaubt sei, Heinrich den Dritten zu ermorden, so drückt man sich aus.

Jakob. Kläglich! Wie konnten die Regierungen Europas die Erörterung solcher Fragen den Geistlichen gestatten, denen sie am wenigsten zusteht. Die Erwählten und Gesalbten des Herrn ausrotten! Wir müssen jeden Frömmler, der so blutiger Empörung gegen König und Gott Vorschub leistet, ergreifen, gefangen setzen und peinlich bestrafen, sei es der Papst oder ein anderer.

Casaubonus. Der erste Versuch, den Prinzen von Dramen zu ermorden, wurde von einem Manne gemacht, der in seiner Tasche neben der Pistole ein Büchlein mit Gebeten zur Jungfrau Maria und zum Engel Gabriel und einen jesuitischen Katechismus trug.

Jakob. Der Tod des Prinzen von Dramen wurde von einem rechtmäßigen König anbefohlen; und wenn er auch würdigere Werkzeuge hätte benutzen können, so hatte er, der Gesalbte und dadurch oberste Richter in seiner eigenen Sache, doch unstreitig das Recht, diese Strafe zu verhängen. Er hatte es mit ungehorsamen Untertanen zu tun, die vom Teufel der Demokratie besessen waren; und der Prinz von Oranien war ein Rädelsführer der Republikaner, gewaltsam und aufrührerisch in seiner Liebe zur Macht, eine Liebe, die ich in jedem, der unter dem Throne steht, für ungesetzlich und gottlos halte.

Casaubonus. Herr! Ich wagte des Mordversuchs nur zu erwähnen, um zu zeigen, daß nicht nur Jesuiten und Dominikaner, sondern auch Könige unter dem Einfluß dieser Religion zu Meuchelmördern werden.

Jakob. Nein, nein, nein, Herr Isaac! Ein König mag vielleicht unbesonnen, voreilig und im Zorne töten; aber ein König kann niemals ein Meuchelmörder werden, sei es auch, daß er mit seiner eigenen Rechten den Tod verhängt; denn der Herr hat ihm das Zepter in Israel verliehen. König Philipp, auf den Ihr anspieltet, führte den Tod seines Sohnes Karl und seines Halbbruders Johann von Oesterreich herbei, wie von vielen gründlichen Gelehrten und vernünftigen Denkern gemutmaßt wird; doch ehrfürchtige Scheu hat immer zwischen ihm und dem ungeschlachten Worte Meuchelmörder gestanden. Darum meine ich, man solle sich nach einem schmackhafteren Worte umsehen, sei es auch nur um des Wohlklangs und der Redekunst wegen. Es ziemt den Gebildeten vor allen andern, die Mütze vors Gesicht zu halten, wenn etwas Häßliches in ihre Nähe kommt, und es nicht zu sehen; haben sie es aber gesehen, so sollten sie die Mütze vor den Mund halten und sich nicht solche unverhohlenen Ausdrücke entschlüpfen lassen. Was den Papst anbetrifft, so lasse ich ihn freilich weder als Fürsten noch als Priester gelten; so mögt ihr denn ihn und Jaques Clément wieder bei der Gurgel packen und nach Verdienst mit ihnen verfahren.

Casaubonus. Als man Clément nach den Beweggründen fragte, die ihn zu seinem abscheulichen Verbrechen getrieben hatten, erklärte er offen, er habe den Mord begangen, weil der König Vorbereitungen traf, den Protestanten in Deutschland zu Hilfe zu kommen. Das sei ein gotteslästerliches Verbrechen gewesen, und jener habe deshalb den Tod verdient. Clément fügte hinzu: Der Papst ist Gott, und Gott ist Papst.

Jakob. Jesus, vergib mir! Aber ich bin nahe daran zu rufen: Glücklich das Volk, das Küchenkräuter als Götter verehrte. Ihm hat die Religion nicht gelehrt, Treulosigkeit und Mord als Tugenden zu achten. Ich fürchte, ich muß die Ausführung meiner Absichten aufschieben. O Gott Vater! Behüte mein Leben um deiner Herrlichkeit willen! Um der Einigkeit aller Christen willen, behüte es! Casaubonus, es ist wahrlich ein häßliches Ding, daß wir sterben müssen, obwohl wir mit dem Tode zur Seligkeit eingehen. Die Feindseligkeit der Päpstlichen mag sich legen; es würde mir schwer werden, neue Bußen und Strafen zu verhängen.

Casaubonus. Ich würde keinerlei Strafen auferlegen. Ich würde niemand eines Amtes unfähig erklären und absetzen, weil seine Glaubensartikel von den meinen abweichen. Es wäre zum Beispiel Tyrannei oder Wahnsinn, wollte man von einem Manne sagen, er könne den Feind nicht schlagen, weil er an die Transsubstantiation glaubt. Aber ich würde jeden, der behauptet, daß jemand irgendeine gesetzmäßige Gewalt in diesem Königreiche ausüben dürfe, die ihm nicht vom König oder Parlament oder von beiden zusammen verliehen wurde, von jeglichem Amt, jeglicher Verantwortung und Machtvollkommenheit ausschließen. Der Verrat eines Priesters an einem König ist vor dem Beichtvater kein Verbrechen. Emmanuel Sa sagt in seiner Anleitung zur Beichte: »Die Empörung eines Priesters gegen einen König ist kein Verrat, denn: » non est principi subjectus«, und weiter: » Tyrannice gubernans justum acquisitum dominium non potest spoliari sine publico judicio; lata vero sententia potest quisque fieri executor.«

Jakob. Entsetzlich! Christus sagt: »Mein Reich ist nicht von dieser Welt.« Der Papst sagt: »Mein Reich ist von dieser Welt.« Pius der Fünfte hat die Untertanen der Elisabeth zur Empörung aufgestachelt. Clemens der Achte (es ist lächerlich, wie sich diese Wüstlinge betiteln) befahl allen römischen Katholiken: » quantum in ipsis esset, ut post Elizabethae obitum rex eligeretur, omni sanguinis propinquitate spreta.« Für diese Zwecke war es nötig, das Gewissen der Menschen umzustimmen, und es entstand der »geheime Vorbehalt«, mit dem verglichen die Greuel anderer Religionen, und des Papsttums selbst, Kleinigkeiten sind. Christus sagt: »Eure Rede sei ja, ja, nein, nein.« Der Jesuit, vom Papst ermächtigt, sagt: »Wenn eine Rede durch ihren Doppelsinn davor bewahrt ist, eine Lüge zu sein, so kann dieselbe Rede durch einen Eid bekräftigt werden, ohne daß der Schwörende zum Meineidigen wird. Sollte ein gerechtes Vorhaben es verlangen, so kann sie auch auf jede andere Art bekräftigt werden, selbst durch das Sakrament des Abendmahles.« Sind Umschweife keine Lügen? Alles was gesagt wird, um einen Menschen eine Unwahrheit glauben zu machen, ist eine Lüge; ein Jesuit aber scheut sich nicht, das heilige Abendmahl darauf zu nehmen, und Fürsten scheuen sich nicht, den Jesuiten die Erziehung der Jugend zu überlassen! Man hat sie fälschlich die Stützen der Fürstenthrone genannt. Sie werden nie einen Thron stützen, durch den sie nicht regieren können, auf dem nicht ein Fürst sitzt, der sich betören und einschüchtern läßt. Das Papsttum beschützt die Regierungen, wie eine Kupplerin junge Mädchen beschützt – um des Vorteils halber. Antonius Capellus, ein Franziskaner, sagt, Könige seien nicht würdig, der Kirche ihres Landes in irgendeiner Weise vorzustehen; Gott habe in den Büchern Mosis sein Mißfallen an ihnen geäußert. Gotteslästerung! Eudaemono Johannes, ein Mönch auf Kreta und ein echter Jesuit, preist den Sohn Kaiser Heinrichs des Vierten, weil er den Leichnam seines Vaters mißhandelte, des Vaters, der sich dem Päpstlichen Stuhle widersetzt hatte. Die Ansichten dieser Männer sind nicht nur persönlich; sie sind bestätigt facultate superiorum, durch die Doktoren der Theologie und die Kanzlei des Päpstlichen Hofes. Die römische Kirche wird, wo sie Herrscherin ist, immer unduldsam, unversöhnlich und anmaßend auftreten und zu Verfolgungen geneigt sein. Das Gift des Papsttums hat sich im Orden Jesu verschärft, und seine Dünste haben sich in den jesuitischen Satzungen verdichtet.

Casaubonus. Es ist eine seltsame und ungehörige Erscheinung in der politischen Welt, daß Untertanen das Recht fordern, an fremde Fürsten zu appellieren, und es ist vernunftwidrig, dagegen anzuführen, daß sich die Berufung nicht an den Fürsten, sondern an den Priester wende, wenn ein und dieselbe Person mit beiden Würden bekleidet ist und beide Gewalten ausübt. Siebzig Bischöfe beschlossen im Konzil des Lateran in Gegenwart der Gesandten aller christlichen Fürsten, daß der Päpstliche Stuhl allerorten richterliche Gewalt habe; daß diese Gewalt sich über alle erstrecke; daß er befugt sei, über die Angelegenheiten der Fürsten zu entscheiden, die Fürsten abzusetzen und das Zepter nach eigenem Gutdünken an andere zu verleihen. Diesen Grundsätzen zufolge, in der Ausübung dieser Gewalt, gab Papst Zacharias die Krone Frankreichs an Karl Martel, verwarf Childerich und schrieb einem ganzen Volk vor, einen Treubruch zu begehen.

Jakob. Wie würde mir zumute sein, wenn die gelehrten Herren von Trinity College in Cambridge oder von Christ-Church in Oxford vom Tische aufstünden, sich für einen ganzen Tag in ihrem Versammlungszimmer einschlössen und mir am nächsten Morgen die Botschaft schickten, sie seien einig geworden, ein neues Oberhaupt der Kirche zu erwählen? Und mit der Botschaft ein Schreiben des Neuerwählten, worin er Gehorsam von mir fordert? Wahrlich, aus reinem guten Willen würde ich die Burschen mit Hunger und Peitsche wieder zur Vernunft bringen, und ihren Popanz würde ich mitsamt seiner Tiara in mein Narrenhaus stecken und ihm dort den Vorsitz einräumen, den er außerhalb seiner Mauern beanspruchte. Und doch, dünkt mich, Herr Casaubonus, die Herren beider Universitäten seien bessere Gelehrte und ehrlichere Männer als eure lausigen Mönche und buntscheckigen, kahlköpfigen Priester, in deren schmutzige, wollüstige, blutbefleckte Leiber der böse Geist einfährt, welcher die Welt verdüstert und friedlos macht. Ich habe ihn aus meinen drei Königreichen ausgetrieben; und, bei Gott, wenn er wieder eindringen will, so hetze ich ihm Männer auf den Leib, die ihm so wenig Horn lassen, wie dem Acheloos, und so wenig Schwanz, wie ich selber habe.

Casaubonus. Es wäre eine leichte Sache, zu beweisen, daß Diakonen, die man später Kardinäle nannte, nicht das Recht haben, einen Papst zu erwählen, und daß sie vor wenigen Jahrhunderten noch keine Körperschaft, geschweige denn eine wahlberechtigte, waren, sondern eher eine Zucht von Kürbissen, die in dunkler Nacht gewachsen sind, als niemand da war, Acht zu geben. Jetzt, wo sie groß geworden, ist niemand da, sie abzupflücken.

Jakob. Nein, aber sie nehmen sich dennoch das Recht.

Casaubonus. Bischöfe, Priester und Diakonen wurden von den Aposteln eingesetzt. Nach dem Heimgang der Zwölf wurden sie von den Gemeindepriestern gewählt, aber nicht ohne Hilfe und Zustimmung des Volkes, der beste Beweis, daß die Kirche nach der Zeit der Apostel kein sichtbares Oberhaupt auf Erden gehabt hat.

Jakob. Von der Zustimmung des Volkes wollen wir lieber schweigen, Herr Casaubonus! Davon brauchen die Leute nichts zu erfahren. Alle Religionen haben ihre Geheimnisse und Vorbehalte. Der heilige Cyprian erwähnt allerdings an mehreren Stellen des Brauches, von dem Ihr spracht, besonders in seiner Epistel an Felix den Presbyter. Ein so erwählter Bischof wurde von den Bischöfen der benachbarten Diözesen in sein geistliches Amt eingeführt, und aus dem Konzil zu Nicäa wurde beschlossen, daß eine solche Einführung nur im Beisein von wenigstens drei anderen Bischöfen vollzogen werden könne. Bonifatius der Dritte überließ die Wahl den Priestern und dem Volke, nahm aber für sich das Recht der Bestätigung in Anspruch. Später wurde der Kaiser um Wunsch und Willen befragt; Ludwig, der Sohn Karls des Großen, war der erste, welcher auf das Recht verzichtete. Papst Marcellus setzte Kardinäle ein und hieß sie beerdigen und taufen. Daß keine regelmäßigen, festgesetzten Formen für die Wahl der Päpste selbst bestanden, geht daraus hervor, daß auf dem Konzil zu Rom im Jahre 610 solche Formen besprochen und vorgeschrieben wurden. Aber die Vorschriften sind untergraben und umgestürzt worden.

Casaubonus. Die Verstümmelung dieser Formen, deren Euer Majestät Erwähnung tuen, und der Anordnungen, die das Konzil von Nicäa getroffen hatte, stehen nicht vereinzelt da. Zu Nicäa wurde beschlossen, daß einem Bischof, der in einer Diözese abgesetzt worden war, keine andere verliehen werden dürfe. Dieser Beschluß wurde von Papst Antherus aufgehoben.

Jakob. Gut, gut! Laßt sie aufheben und umwerfen nach Herzenslust, so nur das, was sie umwerfen, uns nicht gegen die Schienbeine fällt. Meine Bischöfe sehen nichts Arges in Absetzungen; sie bezeichnen sie mit dem verheißungsvollen Worte »Ver–setzung«. Es wäre vorsichtiger von mir, und meinem Zwecke dienlicher, wenn ich wieder auf die Päpste zurückkäme.

Casaubonus. Ich brauche Euer Majestät wohl nicht daran zu erinnern, daß kraft päpstlicher Unfehlbarkeit alle Fürsten Europas unedler Geburt sind.

Jakob. Was? Meint Ihr unehelicher Geburt, oder nur, daß ihre Abstammung von den Genealogen auf einen niederen Ursprung zurückgeführt werden kann?

Casaubonus. Ich meine, daß sie Bastarde oder Abkommen von Bastarden sind, welches auf dasselbe hinauskommt, sobald es sich um das Erbfolgerecht handelt. Innozens der Dritte verbot Heiraten bis in den siebenten Grad der Verwandtschaft. Dieses Verbot macht nicht nur alle gekrönten Häupter, sondern auch alle Edelleute Europas zu Bastarden oder zu Abkommen von Bastarden. Was für ein Urwald, was für ein unendliches Feld, was für ein neues Gebiet wartet da der Absolution! Eine Goldmine, wo alles Gold an der Oberfläche liegt!

Jakob. Dieselben Priester aber, welche Heiraten bis ins siebente Glied verboten, haben die Nichte mit dem Onkel, die Tante mit dem Neffen gebettet, haben sie zugedeckt und ihnen angenehme Träume gewünscht. Zeigt mir ebensolche Zweideutigkeiten in andern Religionen, zeigt mir eine ebenso unverschämte und käufliche Priesterschaft, und Ihr sollt meine Krone haben zum Lohn für Eure Mühe, Meister Isaac, und den Kopf, der darunter sitzt, dazu.

Casaubonus. Herr, es ist leichter, Risse im Ring der Infallibilität auszuspüren. Auf dem Konzil zu Chalcedon wurde beschlossen, daß der Römische Stuhl und der von Konstantinopel gleiche Rechte besitzen sollten. Ein Jahrhundert später berief der Kaiser Justinian ein Konzil nach Konstantinopel, wo der Patriarch den Vorsitz führte und kein Bischof der römischen Kirche zugegen war; denn keiner von ihnen verstand Griechisch, was bis heutigentages so geblieben ist. Im Jahre 680 wurde dort ein zweites Konzil unter Konstantin dem Bärtigen abgehalten, bei dem der Kaiser selbst den Vorsitz führte, zu seiner Rechten die Patriarchen von Konstantinopel und Antiochia, zu seiner Linken die Abgesandten von Jerusalem und Rom. Dort war es, wo über Papst Honorius das Verdammungsurteil gesprochen wurde. Im Jahre 879 erklärte Papst Johann der Achte alle zu Verrätern, welche behaupten, der Heilige Geist sei aus dem Vater und dem Sohn hervorgegangen.

Jakob. Wieder eine kurze Ferienzeit für die Infallibilität.

Casaubonus. Im Jahre 1215 wurde unter Papst Innozens dem Dritten ein allgemeines Konzil im Lateran abgehalten, welches ein Verbot erließ, religiöse Orden zu stiften.

Jakob. Die meisten von ihnen, meine ich, sind erst seitdem entstanden.

Casaubonus. Erst dieses Konzil hat die Lehre der Transsubstantiation aufgestellt.

Jakob. Die einzige verständliche Erklärung davon hat der Stellvertreter Christi gegeben, als er dem Grafen von Toulouse sein Vermögen wegnahm und es sich selber zu Gemüte führte. Siehe! Das war eine zweckmäßige Art der Transsubstantiation, in der seine Nachfolger sich beständig geübt und sich eine bewunderungswürdige Gewandtheit angeeignet haben. Diese Braven kümmern sich weder um Bischöfe, die ihresgleichen sind, noch um Synoden, die über ihnen stehen. Ein Papst springt wie der Glaucus des Altertums ins Meer und wird aus einem Fischer zum Gott. Er kann raten und weissagen; er kann befehlen und donnern, eine von den übernatürlichen Kräften, die er seinen Worten nach mit besonderer Vorliebe von der Gottheit entlehnt.

Casaubonus. Mit geringerer Anstrengung könnte er seine Weisheit in einen fortdauernden Strom ergießen und seine Heiligkeit in eine ununterbrochene Folge von Bischöfen; dann wären Berufungen an Rom nicht mehr nötig. Keine Macht ist maßloser und argwöhnischer, als widerrechtlich errungene; wer für Freiheit irgendwelcher Art kämpft, sollte sich hüten, ihr Helfershelfer zu sein. Wären die Päpste gewissenhafte oder leidlich ehrliche Männer gewesen, hätten sie es lassen können, sich ins Fäustchen zu lachen, wenn sie sich die Nachfolger Sankt Peters nannten, hätten sie es sich mit der ruhigen Mittelmäßigkeit seiner Stellung genügen lassen, wären sie seinem Beispiel in der würdigen und rechtlichen Ausübung seiner Macht gefolgt, dann würde ihr Einfluß auf gesunde Gewissen viel größer und viel beständiger gewesen sein. Dann wären weder Notzucht, noch Blutschande, noch die Greuel von Lampsakos und Kreta in ihren Gemächern unter den Bildnissen der Heiligen und der Jungfrau Maria verübt worden; dann hätte man Unterlassung des Bösen und Ausübung des Guten nicht über Fasten und Fischessen, über Sack und Asche, über Gebeten zu den Toten für die Toten vernachlässigt. Papst Johann der Zweiundzwanzigste stellte ein Preisverzeichnis für Sünden auf; und wenn Leo der Zehnte in einem Hirtenbrief dasselbe tat, so hat das gewiß nicht, wie viele glauben, die Reformation herbeigeführt.

Jakob. Aber es war ein Stinktopf, sowohl in den Händen der Frommen wie der Ehrgeizigen, ein Gegenstück zum Räucherfaß, ein Gerät aus demselben Zimmer.

Casaubonus. Die Abscheulichkeit des Vergehens wurde nicht in Rechnung gezogen. Die allerunwahrscheinlichsten Handlungen der Unzucht bezahlten das kleinste Reuegeld. Was das Haus des Oedipus zugrunde richtete und ganz Griechenland mit Abscheu und Entsetzen füllte, würde mit der Summe von sechs Schillingen gebüßt, während ein Liebesbund zwischen zwei Menschen, die zufällig denselben Paten hatten, mit sechzehn Schillingen Sühnegeld bezahlt werden mußte. Denn den Dekretalen zufolge ist das auch Blutschande; sie sind von Männern verfaßt, die einen dreifachen Zweck verfolgen: erstens, die Zahl der Sünden zu vermehren; zweitens, sie künstlich zu zerspalten und wie die Absenker des Weines in langen, sorgfältig gegrabenen, gut gedüngten Furchen anzupflanzen; drittens die Sühne nach Möglichkeit zu erleichtern.

Jakob. Ich würde es nie öffentlich aussprechen – denn es möchte Böses daraus entstehen – daß die Päpste ihren Ursprung ebensogut auf Julius Cäsar als auf Simon Petrus zurückführen könnten; erklären und beteuern aber will ich, daß die Religion, die sie uns aufzuzwingen suchen, mehr der des Julius als der des Petrus ähnelt, und daß die Mittel, die sie gebrauchen, um auf den päpstlichen Thron zu gelangen, dieselben sind, die Cäsar anwandte, der ohne einen Heller in der Tasche dagestanden hätte, wenn es ihm nicht gelungen wäre, seine Wähler zu bestechen; denn sein Vermögen hatte er durch Ausschweifungen vergeudet. Aber laßt mich lieber an meine eigenen Angelegenheiten denken; mit Verbrechen, die außerhalb meines Königreichs begangen werden, habe ich nichts zu schaffen. Freilich, wenn es in ihrer Macht stünde, würden sie mir mein Reich nicht lassen, diese frechen Räuber, diese Wegelagerer an königlichen Landstraßen, in ganz England, in ganz Europa und darüber hinaus.

Casaubonus. Die Bischöfe von Rom haben nie daran gedacht, sich Unfehlbarkeit zuzusprechen, ehe sie mächtig genug waren, jede Lüge und jede Gewalttat zu vertreten. Papst Honorius gab der Ecthesis von Sergius seine Zustimmung, und eine Synode, die unter ihm berufen wurde, nahm sie an. Seine Nachfolger aber erklärten, sie sei ketzerisch. Wo blieb da die Unfehlbarkeit? Uns aber liegt eine Frage vor, die unendlich viel wichtiger für Könige und Völker ist. Der Kardinal Bellarmin trat, als er sich unfähig sah, die geringste Eurer Vorstellungen zu widerlegen, im Namen seines Herrn vor, warf den Schlüssel Petri von sich und nahm das Schwert auf; er schnitt die Frage zwischen Euch ab und erklärte, der König von England sei auch in weltlichen Dingen Lehnsmann und Untertan des Papstes. Demnach kann Euer Majestät, der Verfassung gemäß, alle Anhänger des Papstes zu Rebellen erklären, welcher Art sie auch seien; alle die in irgendeiner Verbindung mit ihm stehen, alle die ihm zur Förderung seiner Ränke und Pläne Nachrichten zukommen lassen oder Botschaften von ihm empfangen.

Jakob. Der Papst hat viele triftige und gerechte Gründe für seine Feindseligkeit gegen uns. Der triftigste und gerechteste ist dieser: Die Reformation hat erreicht, daß Bischöfe von der weltlichen Macht ernannt werden, wenn auch die geistliche Macht sie, wenigstens der Form nach, vorschlägt. So hat er allen Grund, über das Auftreten eines mächtigen, gerüsteten Herrschers zu erschrecken, der, trotz den Wolken und Nebeln des heimatlichen Aberglaubens, die ihn umgeben, seine eigenen Bischöfe aufruft, einen Bischof zu erwählen, und ihrer Wahl seine Zustimmung erteilt. Auf solche Art könnte es dazu kommen, daß Rom seinen Bischof aus den Händen dieses Herrschers empfinge. In einem Punkt ist die Heilige Schrift so klar und überzeugend, daß ihr Zweifel und Zweideutigkeit nichts anhaben können und nur einerlei Auslegung möglich ist; sie verlangt von den Führern der Christenheit, daß sie sich politischer Angelegenheiten durchaus enthalten sollen.

Casaubonus. Trifft das nicht auch die Bischöfe, Herr, die als Lords im Parlamente sitzen?

Jakob. Sie sitzen dort nur, um bei Fragen, welche die Geistlichkeit berühren, ihren Rat zu erteilen. Darum werden sie geistliche Lords genannt; zwei sehr gute Worte, die aber zusammen etwas sonderbar klingen. Wenn es einen von ihnen kitzeln sollte, seitwärts zu schielen, seine Mähne zu schütteln und schnaufend und wiehernd diese Grenze zu überspringen, dann würde ich ihm den Mund mit seiner Bibel verstopfen und dadurch seinen Uebermut bändigen. Denn das haben wir vor den römischen Katholiken voraus, Herr Isaac: Unsere Bischöfe erkennen in geistlichen Dingen allein die Autorität dieses heiligen Buches an. Wenn Ihr aber einen Papisten angreift, so drückt er sich darum und kommt, wie es ihn gelüstet, bald mit dem einen Doktor, bald mit dem anderen, bald mit einem Heiligen, bald mit einem Kirchenvater, bald mit einem Beichtiger; und wenn diese erschöpft sind und nichts mehr für ihn zu sagen wissen, so nimmt er seine Zuflucht zur Ueberlieferung, die überall und nirgends ist. Wenn Ihr ihm in dieses Gewölbe voll flüsternder Stimmen folgt und ihn härter bedrängt, so springt er Euch an die Kehle und schwört, daß er Euch mit Gottes Hilfe erwürgen werde.

Casaubonus. Die Engländer haben zu allen Zeiten gründlicher über Religion nachgedacht als irgendein anderes Volk in der Welt. Sie waren die ersten, welche die Neuerungen und Mißbräuche der Kirche prüften. Der »Trialog« des Wicklif war die erste Schrift von Bedeutung, die hier im Lande veröffentlicht wurde, und wichtigeres als diese Schrift ist nur wenig seither erschienen.

Jakob. Ich mache mir nichts aus Wicklif; er wollte alle Menschen gleich machen; sprecht mir nicht mehr von ihm. Bischof Reginald Peacock ging gerade so weit, als gut war. Er widerstand der Macht des Papstes, widerlegte die Lehre der Transsubstantiation, verschiedene andere Päpstlichkeiten und besonders jene heidnischen Satzungen, die Vigilantius in alten Zeiten austreiben wollte.

Casaubonus. Das Konzil von Trient hat alle streitigen Punkte im römisch-katholischen Glauben geklärt und festgesetzt, so daß kein Papst sich erkühnen darf, in Zukunft etwas Neues einzuführen. Auch die Formen der Disziplin sind bestimmt worden. Die Ernennung geistlicher Würdenträger jeden Ranges kann ohne Bedenken der eingeborenen Priesterschaft jedes Landes überlassen werden. Euer Majestät haben das Recht, von den römisch-katholischen Untertanen zu verlangen, daß hinfort keinerlei päpstliche Bulle, kein Befehl, Hirtenbrief oder Erlaß in Euer Königreich eingelassen werde. Die Päpste haben in der ganzen christlichen Welt fast mit allen Empörern, die nach irgendeiner Macht und Gewalt strebten, gemeinsame Sache gemacht. Bonifacius der Dritte ließ sich von dem Kaiser Phocas, der seinen Herrn und Wohltäter Mauritius ermordet hatte, einen kaiserlichen Bescheid ausstellen, worin angeordnet wurde, man habe ihn Oecumenicus zu nennen, was von den Päpstlichen als »Bischof aller Christen« ausgelegt wird. Mauritius hatte vorgehabt, diesen Titel dem Patriarchen von Konstantinopel zu verleihen; aber Gregor, der damals Bischof von Rom war, ließ es nicht zu. »Er wahrte christliche Freiheit,« sagt Eusebius, »und erklärte, er müsse seine Einwilligung verweigern; kein Bischof dürfe sich die Würde und den Namen eines ›Bischofs aller Christen‹ anmaßen.« Im Osten nahm die Kirche die Nachricht von der Aneignung des Titels mit zornigem Aerger auf. Der Geist der Zwietracht, der in keiner anderen Religion so heftig und ununterbrochen gewütet hat, wie in der nun sechzehn Jahrhunderte alten Religion des Friedens und der Güte, ermutigte einen Araber, ein paar von seinen Landsleuten, die Heraklius zerstreut und hintergangen hatte, um sich zu sammeln und ihnen schlichtere Lehren zu predigen. Provinzen, Königreiche, Kaiserreiche entsetzten sich, zitterten und beugten sich vor ihm; alte und junge Religionen machten sich aus dem Staube; nicht ein einziges Kamel mit einem einzigen Gran von Weihrauch kreuzte den Sand der Wüste. Während sich Arianer und Katholiken den Geboten Christi zuwider um die Person Christi stritten, erhob sich der volkreichste und gebildetste Teil der Welt gegen beide Richtungen.

Jakob. Um den jetzt bestehenden Zustand der Dinge herbeizuführen, mußte man die Prophezeiung des Jesaias umkehren. Anstatt das Rauhe glatt zu machen, mußte man das Glatte rauh machen.

Casaubonus. Darum stoßen wir beständig auf die Ausdrücke: Gottlose Lehren, verderbliche Irrtümer, abscheuliche Ketzereien. Selten aber begegnen wir einem Wort über die Gottlosigkeit, Verderblichkeit und Abscheulichkeit des Geizes, der Betrügerei, der Grausamkeit, des Ehrgeizes und der Wollust. Darum wird es den Menschen nicht erlaubt, in ihren Häusern die Worte des Heilands zu lesen, aber sie werden geheißen, an die Legenden vorn heiligen Schweißtüchlein und von den heiligen Elftausend zu glauben; es wird von ihnen verlangt, den Glauben eines hitzköpfigen Schwärmers zu teilen, der uns erklärt, er glaube etwas, weil es unmöglich sei, und Vertrauen zu einem verlogenen, kindischen Greis zu fassen, der uns versichert, er habe seine Zähne abgefeilt, um Hebräisch sprechen zu können.

Jakob. Es muß zugegeben werden, daß seine Nachfolger ihre Zähne für schlimmere Zwecke schärften. Mahomet, von dem Ihr spracht, entnahm seine besten Lehren dem Christentum; die Christen aber nahmen ihre schlechtesten Lehren von ihm. Papst Johann der Achte verkündigte, daß allen, die im Kampf gegen die Ungläubigen fielen, alle Sünden vergeben seien. Wer also den Wunsch hatte, einen Raub oder Mord zu begehen, brauchte nur rasch von Rom nach Jerusalem zu laufen. Wie die Vorläufer des Papst Johann die älteren Religionen bestahlen, so machte Papst Johann selbst die Finger krumm und zog den Arabern diese würzigen und berauschenden Erquickungstrünklein aus ihren ziegenledernen Mantelsäcken.

Casaubonus. Unter den vielfältigen Religionen, die in der Welt gestiftet wurden, ist die päpstliche die einzige, die darauf besteht, daß ein Königreich zwei Oberhäupter habe, gleich als wünsche sie, das Athanasianische Bekenntnis lächerlich zu machen; nichtsdestoweniger soll das eine von den beiden Häuptern über dem anderen stehen, und zwar das, welches das Land nie mit Augen sah und niemals sehen wird, welches weder der Abstammung, noch der Verwandtschaft, noch dem Besitze nach dem Lande angehört; ein freies Königreich soll einen fremden Schiedsrichter anerkennen, der es weder erobert noch ererbt hat, dem es weder verliehen noch aus eigenem Antrieb übergeben wurde; es soll still halten, wenn es diesem Schiedsrichter gefällt, eine Frage aufzuwerfen, die er unwiderruflich zu seinen eigenen Gunsten entscheiden wird; endlich soll ein Königreich, zum Schaden seiner Landes Verteidigung, seiner Landwirtschaft, seines Handels, seiner Bevölkerung und seiner Unabhängigkeit, eine unbegrenzte Schar von Männern, deren Erhaltung sehr kostbar ist, in den Dienst dieses Eindringlings stellen, der sich das alleinige Recht anmaßt, sie anzulernen, zu organisieren, zu beaufsichtigen und zu verwenden. Mahomet hinterließ eine Familie und ermangelte wahrlich nicht der Unverschämtheit; aber er hatte doch nicht die Dreistigkeit, für seine eigenen Nachfolger zu beanspruchen, was die vorgeblichen Nachfolger Sankt Peters für sich in Anspruch nehmen. Wir haben es da allerdings mit etwas Schlimmerem zu tun, als mit gewöhnlicher Ungereimtheit und Anmaßung.

Jakob. Eine Dirne gab sich nicht damit zufrieden, unsere Diener zu verführen, sich auf unsere Kosten zu betrinken, uns das lose Geld aus der Tasche zu holen, jedesmal wenn sie uns nahe kam; sie wurde auch lüstern auf unsere Geldschränke und Eigentumsurkunden und schwor bei der heiligen Jungfrau, sie wolle sie haben, oder wir sollten, so wahr sie hoffe, selig zu werden, das Zimmer nicht lebend verlassen. Jetzt ist sie zornig, weil wir sie fortgejagt haben; ist bereit, Zeugnisse zu Tausenden vorzuzeigen, daß sie schöner, sauberer und gesünder sei, als irgendeine andere; erinnert uns an ihre Besonderheiten, daß wir sie schlafend und wachend genießen können, sowohl in Person, als durch einen Stellvertreter; beklagt sich über unseren Leichtsinn und unsere Heftigkeit und rühmt sich ihrer Sanftmut, Liebe und Treue; schmollt, schnauft, wird zornig und schwört, daß weder wir noch einer der Unseren je wieder ihr Haus betreten sollten. Was können wir also besseres tun, als ihr die Schnürbänder zu lösen, sie anständig zu Bett zu bringen und uns so leise als möglich aus der Tür zu schleichen?

Casaubonus. Wir täten klüger, es immer so zu machen, statt mit den Treulosen Pfänder zu tauschen oder mit den Unvernünftigen zu rechten.

Jakob. Nicodemus fragte unseren Heiland, »wie mag solches zugehen?« Und sein göttlicher Lehrer hörte ihn an und gab ihm sanftmütig Bescheid; richtet dieselbe Frage an seinen Stellvertreter, der aus irgendeinem Kloster im Gebirge oder aus einer Norstadtgasse hervorgegangen ist, und er wird Euch zu Eurer Erleuchtung einen Scheiterhaufen aus einer ganzen Wagenladung von Reisigbündeln herrichten. Die Franzosen haben lange vor den Engländern die Bereitschaft gezeigt, die Rechte des Königtums gegen die Uebergriffe des Papsttums zu verteidigen. Der schon erwähnte Vigilantius, ein spanischer Bischof, aber ein Franzose von Geburt, verurteilte das Zölibat der Priester, die Anbetung der Reliquien und die Lampen und Kerzen, die tagsüber in den Kirchen brennen. Pierre Bruis, ein ebenso kluger und heiliger Mann, nahm seine Lehren, die sechshundert Jahre geschlafen hatten, wieder auf und lehrte sie zwanzig Jahre hindurch zu Toulouse. Er wurde lebendig verbrannt; denn die römischen Schafhirten hatten nicht nur ihre Scheren, sondern auch ihre Teerkessel. Henri le Moine folgte seinen Worten und predigte die Lehren seines Meisters mit so gutem Erfolge, daß die halbe Nation sich von Rom fort und Christus wieder zuwandte. Zur selben Zeit wirkte Waldus, wie Ihr wißt, und übersetzte die Bibel ins Französische. Seine Anhänger, die sich teils nach seinem Namen, teils Albigenser nannten, hüteten diesen kostbaren Schatz durch mehr als drei oder vier Generationen und gaben ihn mit ihrem Leben dem Gott zurück, von dem sie ihn empfangen hatten. Umsonst versuchte man diesen armseligen, vereinsamten Rest der apostolischen Kirche durch das Versprechen der Nachsicht zur Fügsamkeit zu bewegen. Nicolas Oremus, dessen Mut sich an solchen Vorbildern entflammte, verfaßte eine Schrift, in der er bewies, daß das Papsttum der Antichrist sei, und schuf im Auftrage König Karls des Fünften eine neue Übersetzung der Heiligen Schrift ins Französische. Unter Karl dem Sechsten schrieb der Sekretär Meister Alain sein Somnium Vividarium. Ich hoffe, es war dieses und nicht irgendein anderes Werk, das meine Verwandte Margarete, die Gemahlin des Dauphins veranlaßte, ihm einen Kuß auf den Mund zu geben, wie man sagt, als er im Schlafe lag. Der heftigste Schlag wurde im Jahre 1395 geführt, als die Sorbonne erklärte, die beiden sich bekämpfenden Päpste möchten ihre Sache untereinander ausmachen; das französische Volk wolle es mit keinem von beiden zu tun haben. Diesem Beschlusse gemäß wurde die päpstliche Gerichtsbarkeit drei ganze Jahre lang aus Frankreich ausgeschlossen. Die Franzosen haben es auch in nüchternen Zeiten, wo die Päpste weder im Hahnenkampf begriffen waren, noch auf der Hühnerstange saßen, verstanden, ihnen die Kämme zu beschneiden, die Schwänze zu stutzen und das Gefieder zu säubern. Um die Kraft und Festigkeit Philipps des Schönen zu lähmen, der eine Bulle Bonifatius des Achten in den Straßen von Paris durch den Henker verbrennen ließ und Seine Heiligkeit, den Papst, den er bei Anagni ergriffen hatte, mit ebenso wenig Förmlichkeit behandelt haben würde, wenn man ihn nicht befreit hätte, veröffentlichte Giovanni Buonacorsi von Lucca unter der Regierung Ludwigs des Zwölften eine Schrift, in der er die Behauptung aufstellte, der Papst stehe auch in weltlichen Dingen über dem König. Das Parlament von Paris verurteilte ihn dazu, seines priesterlichen Gewandes entkleidet, in gelb und grünem Rock, eine Kerze in denselben Farben in der Hand, vor dem Bildnis der Jungfrau zu bekennen, daß diese Behauptung der römisch-katholischen Religion zuwider sei. Er mußte König, Richter und Volk um Verzeihung bitten; das Volk, weil er seine Seelen in Gefahr gebracht hatte. Das Parlament von Paris war sonst sehr vorsichtig in Sachen der Freiheit; es entzog sie da, wo sie schädlich wirken konnte, und füllte die Schatzkammern des Königs verschwenderisch damit, so daß er sie nach königlichem Wunsch und Willen austeilen konnte. Die Doktoren jenes Landes, – und nur Doktoren und Fürsten haben ein Urteil über diese Dinge – erklären einstimmig, daß Gesetz und Freiheit, ebenso wie Aemter und Ehren, nur vom Throne ausgehen können. Ich spreche das in Freundschaft und Großmut aus, Herr Casaubonus. Ihr seid in Genf geboren und erzogen, und ich habe das Gefühl, Ihr könntet irrtümlich über einen Punkt denken, den die geschickteste Hand nicht von der Religion trennen kann. Ich liebe Euch von ganzem Herzen und bin aufs wärmste besorgt um Euer Wohlergehen und Euer Seelenheil.

Casaubonus. Herr, ich will darüber nachdenken.

Jakob. Freund Casaubonus, gebraucht Ihr das Wort im königlichen oder im volkstümlichen Sinne? Wenn wir Könige zum Parlament oder zu andern Leuten sagen, wir wollten über eine Sache nachdenken, so meinen wir damit immer, daß wir sie vergessen wollen.

Casaubonus. Es würde schwer fallen, die Worte Eurer Majestät zu vergessen.

Jakob. Keine Abscheulichkeit der römischen Priesterschaft kann uns noch überraschen, nachdem wir ihre anarchischen Lehren betrachtet und geprüft haben. Sie ist die einzige seit Erschaffung der Welt, die dem Brudermord Vorschub geleistet hat. Juan Diaz, dessen sich noch einige unter den Lebenden erinnern mögen, wurde auf Anstiftung seines Bruders Alfonso ermordet, weil er die Lehre der Apostel den Glossen des Papstes vorgezogen hatte. Seine Mörder wurden im Kerker von Innsbruck gefangen gehalten; Kaiser Karl der Fünfte ließ die gerichtlichen Verhandlungen abbrechen unter dem Vorwand, er wolle selbst auf dem bevorstehenden Reichstag Kenntnis von der Sache nehmen. Ich weiß nicht, ob der Fall bekannt gemacht worden ist.

Casaubonus. Die ganze Geschichte des Mordes ist in lateinischer Sprache unter dem Namen Claudius Senarclaens veröffentlicht worden. Ich besitze einen von den wenigen Drucken, die den Nachsuchungen entgangen sind, durch welche man die Schrift aus der Welt schaffen wollte. Gregor der Dreizehnte ließ Medaillen zur Erinnerung an den Sankt Bartholomäustag prägen, auf der einen Seite das Bildnis des Papstes, auf der anderen eine Darstellung des Blutbades. Er ließ die furchtbare Begebenheit im Vatikan malen, wo das Gemälde noch immer eine Wand schmückt. Bei den Päpsten nimmt mich nichts wunder; aber wie peinlich ist es, einen Gelehrten wie Muretus über ein Blutbad frohlocken zu sehen! Auch Horatius Tursellinus, ein anderer hervorragender Gelehrter, gibt uns als einer von Tausenden Beweise, daß die Wissenschaft, die Unterdrückerin und Bändigerin der Barbarei, keine Macht hat über ein Herz, welches diesem sengenden Aberglauben verfallen ist.

Jakob. Tursellinus ist nicht so begeistert wie Muretus, aber er zählt die Zahl der Opfer mit gelassener, ruhiger Freude.

Casaubonus. Spondanus, in seinem Auctarium ad Annales Baronii, stellt eine ähnliche Szene in kleinerem Maßstabe dar, die sich vor zwei Jahrhunderten im Valtellina abgespielt hat, mit Wissen und Willen des Herzogs von Feria, der Gouverneur des spanischen Königs im Mailändischen war. » Catholici, mense Julio, omnes Calvinistas, tarn incolas quam exteros, occidunt.«

Jakob. Ist es nicht wunderbar, daß ein unwissender, lasterhafter, grimmiger Priester, der mit Schmutz und Ungeziefer bedeckt ist, und den ein paar Dutzend von derselben Kaste wie einen zweiten Gott begrüßen, Könige als seine Untergebenen behandelt und in einem stolzen, freien, aufgeklärten Lande wie dem unseren Gehorsam findet? Ist die Verehrung des Dalai-Lama unvernünftiger oder demütigender? Alles andere als das; denn er ist unschuldig, sanft und gütig; kein Mörder, kein Anstifter von Bluttaten, kein Förderer von Metzeleien, kein Räuber, kein Erpresser, kein Ablaßkrämer, kein Händler mit Dispensationen, kein Aufkäufer und Verkäufer von himmlischer Manna oder von Palmzweigen aus dem Paradies, kein Verkürzer von Sakramenten, kein Betrüger, kein Verräter. O Casaubonus! Ich erröte, wenn ich daran denke, daß Verstellung nötig ist, um den Frieden aufrecht zu erhalten. Ein verfaulter Lumpen deckt schlimmere Fäulnis zu; hebt ihn auf, und die halbe Welt ist vom Unglauben verseucht. Wie oft würden diese Eminenzen und Heiligkeiten in England, in Holland, in jedem anderen Land, wo die Gesetze gerecht und die Sitten rein sind, den Schandpfahl umarmt haben, und mit wieviel mehr Inbrunst, als sie das Kreuz zu umklammern pflegen! Es muß mir gelungen sein, Bellarmin zu überzeugen; er muß im Kampf mit seinem Gewissen liegen, und, erhitzt durch dieses Ringen, geht er nur um so gewalttätiger gegen mich vor.

Casaubonus. Bellarmin wirft nicht aus Groll darüber, daß man ihn überzeugt hat, alle Eure Beweise ins Feuer; denn überzeugt war er schon lange vorher; aber er nimmt eine grimmigere Stellung ein, weil er dem Grundsatz huldigt, daß man angreift, wenn man der Abwehr müde ist. Euer Majestät haben jetzt einen erklärten Thronbewerber gegen sich; aber wenn die Verfassung der Königin Elisabeth sich als ungenügend erweist, so wird das Parlament für Mittel sorgen, Eure Rechte zu behaupten. Zeigen sich Eure römisch-katholischen Untertanen angesichts einer so konservativen Verfassung willfährig, so wäre nichts ungerechter und unnötiger, als sie von den Bürgerrechten und staatlichen Würden auszuschließen, denn sie glauben nichts anderes, sondern mehr als Euer Majestät. Das Papsttum ist eine Verschmelzung aller Religionen und aller Institutionen, mit denen die Menschheit in allen Ländern auf Erden unterjocht worden ist. Nicht nur die Religion der Aegypter, Syrier, Persier, Phrygier und Griechen, nicht nur die der Brahminen, nein auch die der Druiden erwies sich brauchbar für den Aufbau des römischen Glaubens; und auf diesen Mauern wurden die donnernden Geschütze des Kirchenbannes aufgefahren. Was die Grausamkeit der grausamsten Menschenrasse befriedigte, genügte nicht der päpstlichen Priesterschaft. Ihre Glaubensgerichte gingen noch viel weiter und löschten auf ihrem Wege alle Lichter aus, die nicht der Täuschung dienten. In Spanien gelang es ihnen vollständig; in Italien beinahe; in Frankreich versagte der Mechanismus. Die Lebhaftigkeit und der Mut der Franzosen, ihre Begabung für die Nachahmung und das Lächerliche, bewahrten sie vor dem Ersticken und Ertrinken. Die strengen sittlichen Grundsätze der Engländer, ihr ernstes Temperament, ihre Gewohnheit gründlichen Nachdenkens, ihr bedingungsloses Vertrauen zueinander, ihre Unerschrockenheit in Meinungsäußerungen, ihre Unbefangenheit im Aufnehmen und Austauschen derselben, und mehr als alles dieses die einschüchternde Haltung Eurer Majestät werden den Umlauf und die Wirkung des päpstlichen Giftes aufhalten. Es werden noch Drohungen gemurmelt; aber wenn Euer Majestät aufhören, sie zu beobachten, so werden sie allmählich verstummen. Ein Echo kann nur entstehen, wenn der Klang zurückgeworfen wird; der Klang kann nur von einer Stelle zurückgeworfen werden, die höher liegt als der Standort dessen, der ruft. Wenn die Geißel der Vernunft und der Menschheit eine Weile geruht hat, so wird sie in der Hand des ersten, der sie heftig schwingt, zerbrechen. Sie hat schon viel von ihrem Gewicht und ihrer Geschmeidigkeit verloren.

 

Casaubonus schwieg, und Jakob machte keine weitere Bemerkung. Seine Einfalt war so groß, daß er allen Ernstes glaubte, mit Gründen der Vernunft und Wahrheit, die er so dringlich vorbrachte, den päpstlichen Hof versöhnen und zur Aenderung seines Verhaltens bewegen zu können. Unter dem Druck eines gewichtigen Beweises, meinte er, werde Rom ein weites Gebiet aufgeben. Er strich seinen Bart, befeuchtete leise dessen äußerste Spitzen, seufzte und setzte sich gelassen nieder. Er war aber demungeachtet in einer geistigen Verfassung, in der ihm alles Genugtuung bereitet hatte, was der Würde des römisch-katholischen Kultus Abbruch tun konnte. In diesem Augenblick betrat Archibald Pringle, einer seiner Pagen, das Zimmer.

»Archy,« sagte Seine Majestät – er hatte eine Vorliebe für solche Abkürzungen – »ich kann mich erinnern, daß ich dich wegen einer gottlosen kleinen Geschichte über einen Japaner in Ronen gescholten habe, die du mir letzten Winter erzähltest. Komm, ich möchte sie gern noch einmal hören, wenn du die Unziemlichkeiten weglassen kannst. Es wäre eine Frage für den Scharfsinn meiner Bischöfe, ob der Heide sündigte oder nicht; und wenn er sündigte, ob sein Glaube stark genug war, ihn zu entsühnen.«

Solcher Art waren jetzt wirklich die Gedanken des Königs, wenn es auch nicht die ersten waren, die sich nach dem vorangegangenen Gespräch in seinem Kopfe regten. Der Page hub seine Erzählung also an:

»Am ersten Pfingstfeiertage wurde in Rouen ein junger Japaner ausgeschifft. Er hatte auf der Reise tiefe Betrübnis geäußert über den Tod des Kaplans, der ihm in der einzigen Unterhaltung, die sie miteinander gepflogen, eifrig die Verehrung des lebendigen Gottes ans Herz gelegt hatte, und der ihn so gut noch weiter in die Mysterien dieser Verehrung hätte einführen können. Er hatte den beständigen Wunsch, sich in Andacht zu versenken, und gleich nach seiner Ausschiffung führte man ihn in die Kathedrale. Er beobachtete die Wandlung der Hostie mit unerschütterlicher Ehrfurcht und zeigte eine völlige Gleichgültigkeit gegen die schmeichelhaften Flüsterworte der Schönen unter den Gläubigen. ›O die liebliche safranfarbene Haut!‹ ›O die hübschen, durchdringenden, schwarzen Augen‹ tuschelten sie. ›O der entzückende, langgeflochtene Zopf! Und wie künstlich sind die Blumen und Vögel und Schmetterlinge auf seinen Hosen gemalt! Seht den Leoparden in der Mitte! Er scheint zu leben!‹

»Als der Gottesdienst vorüber war, und der Erzbischof seine Kutsche bestieg, kam der Japaner gelaufen und biß ihn mit halbgeschlossenen Augen zärtlich in die Wade. Die Diener, die Soldaten, die Gemeinde erhoben ein großes Geschrei, das die Heiligkeit des Ortes störte und dem sittlichen Charakter und der frommen Stimmung des Japaners unrecht tat. Der gute Prälat beruhigte sie durch Handbewegungen und leutseliges Lächeln. Der Neubekehrte wurde gefragt, was ihn veranlaßt habe, den Erzbischof in die Wade zu beißen. Er antwortete, es sei sein Wunsch gewesen, dem lebendigen Gotte dieselbe Ehrfurcht und Anbetung zu bezeugen, die der lebendige Gott dem toten Gotte erwiesen habe.«

»Da seht Ihr,« rief Jakob, »was man anrichtet, wenn man den Papst zum Gott auf Erden erklärt. Es hat diesen armen Heiden, der inmitten all der Pracht und all des Niederkniens leichtlich den Erzbischof für den Papst halten konnte, an den Rand eines tiefen dunklen Abgrundes geführt, dunkler als irgendein Abgrund des Aberglaubens in seinem eigenen beklagenswerten Vaterlande.«

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