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Erdichtete Gespräche

Walter Savage Landor: Erdichtete Gespräche - Kapitel 12
Quellenangabe
type
authorWalter Savage Landor
titleErdichtete Gespräche
publisherGeorg Müller Verlag
translatorElisabeth von Schorn
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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Prinzessin Marie und Prinzessin Elisabeth

Marie. Meine liebe, liebe Schwester! Es ist lange, sehr lange her, seit wir uns zum letzten Male sahen.

Elisabeth. Mich dünkt, es war um die Zeit, als sie unsern Onkel Seymour um einen Kopf kürzer machten. Doch war er gar nicht unser Onkel – nur der von Eduard.

Marie. Der Lord-Protektor hat dich immer ganz närrisch lieb gehabt, wenn er auch nicht dein Onkel war. Er hat mir oft gesagt, daß er dich sehr schön fände, sogar wenn du es hören konntest.

Elisabeth. Das hat er auch von dir gesagt, wenn das alles war; und er sagte mir, warum – nämlich um mich nicht zu ärgern – als wenn mich das nicht entzückt hätte, anstatt mich zu ärgern. Ich bitte Eure Hoheit, ist es irgendwie überraschend oder bemerkenswert, daß er mich fand – wie er mich fand?

Marie. Nein, gewiß nicht; denn du bist schön. Aber warum nennst du mich Hoheit? Warum trittst du zurück und versinkst halb im Boden bei deiner Verbeugung?

Elisabeth. Weil du von dieser gesegneten Stunde an meine rechtmäßige Königin bist.

Marie. Still, ich bitte dich, still! Das Parlament hat anders entschieden.

Elisabeth. Sie möchten dich prellen.

Marie. Was möchten sie mit mir tun?

Elisabeth. Dich abtrumpfen.

Marie. Ich verstehe noch immer nicht.

Elisabeth. Dich anführen.

Marie. Wahrlich, meine liebe Schwester, die Stutzer haben dir soviel den Hof gemacht, daß du dich herabgelassen hast, ihre Sprache anzunehmen, und daß du nicht mehr redest wie gesetzte Leute.

Elisabeth. Nun also – dich betrügen. Verstehst du das?

Marie. Das ist verständlich.

Elisabeth. Ich spreche immer so, wie der Gegenstand es erfordert, von dem die Rede ist. Zur Sache. Würde unser Vater sich um die Schurken gekehrt haben?

Marie. Wenn du von unsrem Vater sprichst, so würde ich sagen: »Unser seliger Vater,« denn selig ist er gewiß; war er doch ein schützender Felsen gegen die Brandung des Unglaubens.

Elisabeth. Gut; selig oder nicht, dort, hier oder irgendwo; würde er, mit seinem königlichen Sinn, sich je um das Parlament bekümmert haben? Ein solcher Narr war er nicht. Es gab Gesetze, ehe es Parlamente gab, und es gab Könige, ehe es Gesetze gab. Wäre ich an der Stelle Eurer Majestät – Gott verhüte, daß ein solcher Gedanke je in meinem armen, schwachen Kopfe spukt, sei es auch nur im Traum! – so würde ich den Mut meiner Untertanen prüfen; ich würde zu Pferde steigen und ihnen die Spitze bieten.

Marie. Elisabeth! Du warst immer besser zu Pferde wie ich; ich würde mich schämen, angesichts meiner Soldaten einen Sturz zu tun.

Elisabeth. Bah! bah! Angesichts von Rittern und Edelleuten; und käme es auch zum schlimmsten, mein Gott! Glaubst du, daß sie noch nie jemand vom Pferde stürzen sahen?

Marie. Ich will von keinem Widerstand gegen die zu Recht bestehenden Gewalten wissen. Auch bin ich nur ein schwaches Weib.

Elisabeth. Ich sehe nicht ein, warum Frauen schwach sein müssen, sie wünschten es denn.

Marie. Nicht nur das Unterhaus, auch die Peers haben Gehorsam geschworen.

Elisabeth. Hast du je in deinem Leben in irgendeiner Chronik oder Historie von einem Parlament gelesen, das nicht ebenso bereit war abzuschwören, wie zu schwören?

Marie. Ach, wehe!

Elisabeth. Wenn du je von einem solchen gelesen hast, so war es in einem seltenen Buch aus einer ganz verschollenen Bibliothek, das einsam in einer Truhe von Zedernholz mit goldenen Schlössern lag.

Marie. Ich möchte nicht ohne Not so schlecht von den Menschen denken.

Elisabeth. Ich für mein Teil kann sie nicht ausstehen. Alles was man sagen kann, ist, daß einige nicht so schlecht sind wie die andern. Du lächelst und findest meine Rede töricht und überflüssig. Vielleicht kommen wir einmal so weit, Schwester Marie, einzusehen und zuzugeben, daß diese Wahrheit nicht ganz so flach und selbstverständlich ist, wie sie uns jetzt erscheinen mag. Ich komme nie einem Himmelsschlüsselchen nahe, ohne einer Natter darunter gewärtig zu sein; und je sonniger der Tag, desto düsterer sind meine Ahnungen.

Marie. Aber wir sind jetzt, wo die Monarchie gesichert ist, in besserer Lage denn je.

Elisabeth. Wenn das Frauenzimmer morgen Kinder bekommt, was nicht ausgeschlossen ist, so werden sie den Thron erben.

Marie. Das werden sie ohne Zweifel.

Elisabeth. Ohne Zweifel? Ich will zweifeln, und andere sollen auch zweifeln. Gott segne meine Leibeserben – und vorerst die deinen! Das Parlament kann gezwungen werden, seine Erlasse zu widerrufen. Die eine Hälfte sieht kein Arg darin, sich bestechen zu lassen, die andere findet es nicht schmählich, sich einschüchtern zu lassen. Bestechung ist häßlich und kostspielig; aber wenn die Leute dem Zwange erlegen sind, so muß sich ihr Gewissen bescheiden. Sie sagen, man habe sie gezwungen, und was gezwungen getan wurde, ist ungültig.

Marie. Es ist keinerlei Zwang geübt worden.

Elisabeth. So übe du Zwang. Laß die wenigen den vielen nachgeben und mache alle dem Thron gefügig. Jetzt ist es an der Zeit für dich, zu handeln. Der Ofen ist rein ausgebrannt, und kein Blasebalg ist da, die letzten Funken in der Asche anzufachen. Das Parlament ist ohne Führer. Drei oder vier Hunde ducken sich, um auf das Rad zu springen und den Bratspieß zu drehen; aber was wird aus dem Braten; während sie nacheinander schnappen und sich gegenseitig anknurren? Nimm sie beim Genick und schmeiße sie hinaus. Das Volk wird dir Beifall jubeln. Es will drinnen im Hause Brot haben, und draußen Gerechtigkeit. Es hat Parteigänger und Parlamente satt.

Marie. Wir können das Parlament nicht entbehren.

Elisabeth. So berufe es denn; aber rufe es mit Trompetenstößen. Ein solcher Körper wird schwerlich einen Kopf finden. Es wird einen ehrlichen Ritter oder Edelmann nicht locken, sich auf diesen Posten zu stellen. Das Unterhaus drückt sich mit eingezogenen Schultern beiseite und möchte in gehässiger Zerknirschung Namen und Gedächtnis jener tapferen Männer tilgen, die in gefährlichen Zeiten und vor strengen, willensstarken, kriegerischen Fürsten ihre Rechte behauptet haben. Könige, die solche Rädelsführer vielleicht erdrosselten, halten doch ihr Andenken in Ehren; die aber, welche ihresgleichen sind, verleugnen ihre Wohltäter und Vorkämpfer. Könige verabscheuen sie als schlechte Vorbilder; Bauern aber möchten die Bildnisse auf ihren Grabplatten auslöschen. Können solche Buben Nachsicht von uns oder Beistand vom Volk erwarten?

Marie. Was getan ist, ist getan.

Elisabeth. Etwas zu tun, ist oft schwerer, als es wieder rückgängig zu machen. Ich würde mich eher freuen als grämen über das, was dort geschehen ist. Nicht nur die Bauern und Krämer im Unterhaus, nein, auch nicht wenige von den Peers haben frech und offen ihre Stimmen abgegeben.

Marie. Die Mehrheit von ihnen war der Meinung, daß Lady Jane mit der königlichen Würde bekleidet werden solle.

Elisabeth. Die Mehrheit! Um so besser – um so besser, sage ich. Ich würde gewisse Leute ausfindig machen, die einen scharfen Blick in ihre Eigentumsurkunden werfen und die Verträge Silbe für Silbe studieren. Gewisser Landbesitz wurde für gewisse Dienste verliehen: Diese Dienste sind vernachlässigt worden. Ich würde die fraglichen Ländereien nicht aus dem Auge lassen; ich würde sie meinen königlichen Gütern einverleiben.

Marie. Schwester! Schwester! du vergißt, daß die einstige Lady Jane Gray jetzt Königin von England ist.

Elisabeth. Es vergessen, ha! Das niederträchtige Frauenzimmer! Ich habe Lust, sie zu nennen, wie man die schlechten Weiber auf der Straße nennt.

Marie. Bitte, mäßige dich; nicht nur, weil es deinen lieblichen, zarten, schmalen Lippen schlecht anstehen würde, solche Worte zu führen, auch weil Lady Jane mit allen Reizen und Tugenden geschmückt und – was schwerer als alles andere wiegt – dem wahren Glauben ergeben ist. Schwester! Ich hoffe zuversichtlich, daß ich dich mit diesen meinen Worten nicht gekränkt habe; denn ich weiß, daß deine Augen auch geöffnet sind. Wie könnte auch jemand, der nicht willentlich blind ist, sich auf so geradem Wege verirren, selbst ohne einen so sanften und sicheren Führer? Die Seele muß verkrüppelt sein, Schwester, die nur um eines Haares Breite abirrt. Ah, dieses verständnisvolle Nicken allein würde genügen, mich von jeder Unruhe um dich zu befreien. Habe ich nicht recht?

Elisabeth. Es wäre unklug, wollte ich zu so kritischer Zeit aussprechen, was ich in Wahrheit denke. Wir müssen vorsichtig auftreten, wenn wir zwischen Basilisken wandeln. Ich bin keine Heilige, bin weit entfernt davon und bin zu jung, um eine Märtyrerin zu sein. Aber das verhaßte Scheusal, das Liebe zur Reformation und Neigung zur Gelehrsamkeit heuchelt, zählt die Juwelen der Krone, während du dir einbildest, daß sie betet oder griechische Verse auswendig lernt.

Schwester Marie! So wahr Gott im Himmel lebt, ich finde nichts so abscheulich an einer Frau als Heuchelei. Dazu kannst du ohne Scheu noch Geiz, Mannstollheit und Wollust fügen. Das kleinste Stäubchen des kleinsten dieser Laster ist schwer genug, die Seele in den tiefsten Abgrund der Hölle zu ziehen.

Marie. Wenn nicht die göttliche Gnade –

Elisabeth. Laß das. Tritt nicht den Schmutz breit.

Konnte denn nicht der hohle Narr, Dudley, ein anderes junges Frauenzimmer ausfindig machen, ebenso vornehm wie die Dame Jane und schöner wie sie? Womit ich nicht sagen will, daß eine solche andere sein müßiges Geschwätz anhören würde, so hübsch der Junge auch sein mag.

Ich bitte dich, wer sind diese Dudleys? Unser Großvater hat aus dem ersten von ihnen einen Mann gemacht; und was war es schließlich für ein Mann? Nichts Besseres als ein mächtiger Schmelzofen mit einem handlichen Hahn an der Ausflußrinne.

Ich habe keine Geduld mit der dreisten Buhlerin.

Marie. Das merke ich, Schwester!

Elisabeth. Nein, das Volk hat sie auch nicht. In allen Teilen des Königreichs sind sie nahe daran, sich zu erheben.

Marie. Was können sie tun? Gott helfe ihnen!

Elisabeth. Schwester Marie! Gute Schwester Marie! Sagtest du »Gott helfe ihnen?« Ich zittere wie Espenlaub. Es ist gut, daß du solche Worte vor den zuverlässigen Ohren einer Schwester sprachst. Sollten sie je dem Staatsrat zugeflüstert werden, so könnte es ein böses Ende nehmen.

Ich glaube, mein Besuch war von schicklicher Dauer. Ich muß gehen.

Marie. Ehe du gehst, laß mich ein paar Worte sagen, um dein Urteil über unsere gütige Verwandte und allergnädigste Königin zu widerlegen. Sie war so großmütig, meine armseligen Unterhaltsgelder zu erhöhen. Sieh hier! Das zum Anfang.

Elisabeth. Was! Lauter Goldstücke? Ich habe nicht zehn Heller auf der Welt.

Marie. Glaube mir, sie wird dir Geld in Fülle bewilligen. Sie war so gnädig, mir ihre gute Absicht anzudeuten. Unterdessen aber bitte ich dich, die Börse mit dir zu nehmen, die du da in der Hand wiegst, während deine Gedanken mit anderem beschäftigt sind.

Elisabeth. Nein, nein, wenn sie von einem solchen Geschöpfe kommt.

Marie. Nimm sie von mir an.

Elisabeth. Das tue ich ohne Bedenken; sie ist durch deine Hände gegangen und ist vom Schmutz gereinigt. Ich will aber doch, so wahr ich lebe, jedes Goldstück darin mit Wasser und Seife waschen. Glaubst du, daß sie dadurch an Gewicht verlieren werden?

Marie. Nicht wesentlich.

Elisabeth. Ich kann es mir noch überlegen. Ich möchte beileibe nicht jemand mit zu leichtem Gelde bezahlen.

Traun! Ich fürchte, die Börse ist nicht stark genug, die Last des Goldes zu tragen, wenn sie auch aus doppelt genähtem Leder gemacht ist. Sie wird heftig geschüttelt werden auf dem Weg nach Hause. Liebe Schwester Marie! Könntest du mir ohne Unbequemlichkeit für dich jenen Kopfputz leihen, den du jetzt gewiß nicht brauchst? Ich möchte einen Teil des Geldes hineinpacken; der Sammet ist stark, und das venetianische Netzwerk dicht und steif; ich kann es kaum zusammenfalten. Zu Hause werde ich mehr Muße haben, die schöne Arbeit zu bewundern.

Marie. Elisabeth! Ich sehe, du bist milder gestimmt. Am Anfang unseres Gesprächs schlug ich dir vor, deine Ausdrucksweise ein klein wenig zu ändern, wenn du unseres Vaters Erwähnung tust. Betest du morgens und abends für den Frieden seiner Seele?

Elisabeth. Dein Zweifel kränkt mich.

Marie. Verzeih mir! Ich fühle es. Aber das Ohr Gottes, Elisabeth, neigt sich den Bitten der Kinder eher als allen anderen Bitten. Die besten Menschen bedürfen der Fürsprache. Bete für ihn, Elisabeth! Bete für ihn.

Elisabeth. Warum nicht? Er hat zwar meine Mutter aufs Blutgerüst geschickt und ihres hübschen Kopfes nicht geschont; aber das ist im Zorn geschehen, und ich hege keinen Groll darum.

Marie. Groll! Das giftige Wort steigt aus der Hölle empor und trennt Mensch vom Menschen; aber niemals hat es sich zwischen Eltern und Kinder gedrängt. Auf diese eine Scholle des Paradieses hat sich die Schlange nie gewagt. Mann und Frau hat sie getrennt und wieder zusammengeworfen; der Bruder mordete den Bruder; aber Eltern und Kinder stehen da, wo ihr Schöpfer sie am Anfang hingewiesen hat, und trinken an der einzigen Quelle reiner, ungetrübter Liebe.

Elisabeth. Er war König, und darum durfte er es tun, mit oder ohne Rechtsgrund.

Marie. Wir wollen nicht länger von so schmerzlichen Dingen reden.

Elisabeth. Ich will darüber reden, solange es mir gefällt.

Marie. Da du mein Gast bist, kannst du hier befehlen.

Elisabeth. Ich befehle nirgends. Ich werde umhergetrieben wie ein Blatt im Winde; ich bin so gefügig wie eine Feder in einem Kissen, bin nur eine unter Millionen. Aber ich sage dir offen und ehrlich, ich kann es auf keine Art gut heißen! Es mag eine schlechte Gewohnheit bei ihm gewesen sein; doch sei dem wie ihm sei, ein Gatte dürfte so mit seinem Weibe nicht Verfahren. Das ist meine Ansicht von der Sache. Wenn sie wirklich – aber sie hat es nicht getan – dabei bleibe ich.

Marie. Das Urteil war in der Tat sehr streng.

Elisabeth. Ja, bei Gott, mich dünkt, es war ein saurer Bissen.

Marie. Unser Vater war Gottes Statthalter. Arme Frau! Es wird wohl für das Heil ihrer Seele gut gewesen sein. Besser hier aus Erden leiden, als in der Ewigkeit. Wir sollten die Rute küssen und dankbar sein.

Elisabeth. Die Rute küssen, wahrlich. Man hat mich auch dazu gezwungen, und ich war doch kein Kind mehr. Ich hätte sie aber lieber geküßt, da sie noch neu und schön war, mit allen ihren Knospen und Knoten, und nicht erst nach der Arbeit, wenn sie mich mit soviel Stick- und Spitzenmustern geschmückt hatte. Meinem Vater sei Dank dafür. Ich hoffe, seine Seele ist sanfter gebettet als anno dazumal meine Haut.

Marie. Das ist ein freundlicher Wunsch; aber Gebete würden ihn sehr unterstützen. Unser Vater gesegneten Angedenkens, und jetzt, so laßt uns hoffen, zu den Heiligen versammelt, pflegte etwas schmerzhafte Heimsuchungen zu verhängen; aber sie waren Himmelwärts gerichtet.

Elisabeth. Ja, wenn er uns verfluchte, schlug und mit dem Fuße trat.

Marie. Er trat wirklich mit dem Fuße, der arme Mann!

Elisabeth. Fünfzig Leute, junge und alte, haben die Spuren gesehen, die seine Fußtritte zurückließen.

Marie. Wir sollten solche Schwächen verhüllen. Er hatte einen schmerzhaften Reiz am Fuße und ist an dem Leiden gestorben.

Elisabeth. Ich weiß nur, daß ich kaum tanzen und reiten konnte, so hat er mich hinten zugerichtet, denn hinten traf er mich am schlimmsten, weil ich vor seinem Zorne floh. Er geruhte selten, mich zu besuchen; aber tat er es, so kniff er mich so empfindlich ins Ohr, daß ich schreien mußte. Dann sagte er, ich würde nach meiner Mutter arten, und gab mir einen Namen, mit dem man sonst nur Hunde ruft, aber nur die alten, nicht die jungen.

Marie. Er litt zu Zeiten an der Gelbsucht. Wer einen starken Willen hat, dem schwillt die Galle über, wenn man ihm entgegen ist.

Elisabeth. Einen starken Willen lasse ich gelten; Galle auch, in Gottes Namen; aber muß sie denn, wie die Gicht, in Hände und Füße fahren?

Marie. Ich habe gesehen – bitte, verzeih mir –

Elisabeth. Nun, was hast du gesehen?

Marie. Ich habe gesehen, wie meine süße, kleine Schwester ihre zarte Hand erhob, die zarteste aller weißen Hände, wie sie mit ihren schmalen, seinen, rosigen Nägeln Halskrausen und Hauben zerzauste und sehr sicher auf Augen und Nasen zielte.

Elisabeth. Hat das irgend jemand am Reiten und Tanzen verhindert? Ich werde immer dafür sorgen, daß die Leute ihre Pflicht tun. Kannst du dich nicht darauf besinnen – denn dein Gedächtnis scheint untrüglich genug – daß ich einem Sünder, dem ich das Gesicht zerkratzte, immer ein oder zwei Tage später erlaubte, mir die Hand zu küssen?

Marie. Unleugbar.

Elisabeth. Ich mag vielleicht in meiner Kindheit vorschnell gewesen sein; aber jedes große Herz ist warm; jedes gute Herz ist milde. Wenn die Zofe mich beim Kämmen zupfte, so gehorchte ich Gottes Befehl und wendete die lex talionis an. Ich habe der Haare nicht zu viel, und alle Welt erfreut sich ihrer Schönheit. Ein jedes, das mir ausgerissen wird, ist ein Verlust fürs ganze Volk. Onkel Seymour – aber was frommt es? Es gibt andere, die vielleicht ebenso weit sehen wie Onkel Seymour.

Marie. Ich kann mich noch erinnern, wie er sagte, er wache über dem Wachstum deiner Haare wie über dem einer Melone. Wie zärtlich blinzelten seine kleinen, scharfen, grauen Augen, wenn du errötend über seine Schmeicheleien schaltest.

Elisabeth. Männer sollen niemals wagen, mir zu schmeicheln; ich bin darüber erhaben. Nur die Schwachen und Häßlichen tragen Verlangen nach der Kühlung dieses parfümierten Fächers. Ich gebrauche nur meinen eigenen; berühre ihn, wer es wagt.

Es ist wirklich wohltuend, zu sehen, wie birnenförmig Börse und Mütze über der Stuhllehne hängen. Wahrhaftig! Sie sind schwer; ich kann sie kaum in die Höhe heben.

Marie. Laß mich einen Diener rufen, der sie dir trägt.

Elisabeth. Bist du toll? Sie sind nicht versiegelt und schlecht zugebunden; man kann mit der Hand hineinschlüpfen.

Also die – das Wort wäre mir beinahe aus dem Munde gefahren – hat dir all dies Gold gegeben!

Marie. Pfui, Schande! O pfui! Schande!

Elisabeth. Ich schäme mich nur für sie. Es treibt mir das Blut in die Wangen – etwas Aerger ist auch dabei. Aber ich kann die Augen nicht von jenem Buche wenden, wenn es wirklich ein Buch ist, auf dem die Börse lag.

Marie. Etwas unehrerbietig, Gott verzeih mir! Aber dasselbe sanfte Geschöpf hat es mir mit der Börse zusammen geschickt und viel freundliche Worte dazu geschrieben. Unser Vater verwahrte es im Wandschrank seines Schlafzimmers, und jene unglücklichen Männer, die Eduards Erziehung leiteten, haben es aus dem Schlafzimmer unseres Bruders entfernt.

Elisabeth. Sie muß geglaubt haben, alle diese Steine seien nur Granaten; mir scheinen sie Rubine, einer wie alle. Aber es können ja nicht lauter Rubine sein – auf einem so großen Deckel.

Marie. Ich glaube, es sind alles Rubine, nur die Glorie in der Mitte ist aus Chrysoliten gemacht. Unser Vater verstand sich sehr gut auf Edelsteine; er verstand sich auf alles. Er hat auch keine Ausgabe gescheut, wenn es sich um heilige Dinge handelte.

Elisabeth. Wie könnte es jemand an Andacht fehlen, der etwas so Köstliches vor Augen hat? Laß mich das Buch küssen – um meines Heilands und um meines Vaters willen.

Marie. Welcher Trost, o Elisabeth, dich dieses Buch an die Brust drücken zu sehen! Ich bin der Zuversicht, daß sein Geist in dich gedrungen ist. Achte nicht der bunten Kiesel; nimm es mit dir nach Hause; liebe es immerdar. Möchte Tugend, wie manche glauben, selbst von den Steinen ausstrahlen, die es schmücken. Gott segne dich, führe und stärke dich und helfe dir zur ewigen Seligkeit.

Elisabeth ( sich entfernend). Das pfäffische Kätzchen!

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