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Erdichtete Gespräche

Walter Savage Landor: Erdichtete Gespräche - Kapitel 11
Quellenangabe
type
authorWalter Savage Landor
titleErdichtete Gespräche
publisherGeorg Müller Verlag
translatorElisabeth von Schorn
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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Heinrich VIII. und Anna Boleyn

Heinrich. Erkennst du mich, Nanny, in diesem Matrosenrock? Verflucht! wie lange mußt du mich anstieren, ehe du dich auf deinen Gatten besinnst, den du vor ein oder zwei Wochen zum letztenmal gesehen hast? Komme mir nicht mit Gaukeleien! Ein Schrei, ein paar Tränen mehr in dein Taschentuch, das genügt. Wahrhaftig, die kleine Närrin wird allen Ernstes ohnmächtig. Diese Milchgesichter überraschen uns ungewarnt; sie machen es wie ihre Verwandten, die Geister. Habe ich Wasser genug über dich ausgegossen? Bist du wieder bei Sinnen?

Anna. Gott Vater! Habe ich meinen Gatten wieder? Wird mein letztes Gebet auf Erden erhört? Kommt mein geliebter Herr zu mir, versöhnt, seiner Sünden ledig, mein Genosse im Paradies? Es war seine Stimme. Sehen kann ich ihn nicht; warum nicht? Oh, warum stören diese Schmerzen das Glück der Seligen?

Heinrich. Du öffnest die Arme; traun! Darum bin ich gekommen. Nanny, du bist eine reizende Hexe. Du stöhnst, Dirne; bist du in Kindesnöten? Traun! Bei Nacht sind alle Katzen grau; vielleicht hast du getrunken, und ich bin nüchtern.

Anna. Gott erhalte Eure Hoheit. Gewährt mir Verzeihung für dieses kleine Vergehen. Meine Augen waren schwer; ich schlief über dem Lesen ein. Ich wurde Eurer Gegenwart nicht gleich gewahr; und als ich Euch sah, konnte ich nicht sprechen. Ich rang nach Worten; ich ermangelte nicht der Ehrfurcht vor meinem Herrn und Gatten.

Heinrich. Mein hübsches, warmes Nesthäkchen! Du willst also lügen! Du lasest, und laut sogar, deinen frommen Becher Wasser neben dir, und – was! Du hast noch immer eine kindische Freude an jenen getrockneten Kirschen!

Anna. Als ich Eure Hoheit zum ersten Male sah, gefiel es Euch, sie um meinetwillen annehmbar zu finden. Damals hatte ich Euch keine anderen Früchte zu bieten. Diese habe ich nicht selbst getrocknet; darf ich sie Euch reichen, so wie sie sind? Nächsten Monat werden wir frische haben.

Heinrich. Du schweifst immer vom Gegenstande ab. Einen Augenblick paßt es dir, mich zu kennen, einen andern Augenblick nicht.

Anna. Denket daran, daß es kaum drei Monate her ist, seit ich fehlgeboren habe. Ich bin schwach und neige zu Ohnmächten.

Heinrich. Du hast trotzdem deine bräutlichen Wangen. Es liegt Glanz darauf, auch in glanzloser Umgebung. Du hast deine widerspenstigen Lippen, die jedem Druck widerstehen. Aber da du von Fehlgeburten sprichst, wer war der Vater jenes Knaben?

Anna. Dein und mein Vater. – Er, der ihn zu sich in seine ewige Heimat nahm, noch ehe das Kind vermochte, sich, wie seine Mutter, weinend danach zu sehnen.

Heinrich. Heidnisch, schlimmer als heidnisch, so zu sprechen! Der Knabe kam nicht lebend zur Welt; er wurde nicht getauft.

Anna. Ich dachte nur an unsern Verlust; meine Sinne sind verwirrt. Ich habe ihn nicht mit meiner Milch genährt, und doch habe ich ihn zärtlich geliebt; denn ich hatte immer das Glück und die Befriedigung vor Augen, die er Euch und England bereitet hätte, wenn er zum Leben gekommen wäre.

Heinrich. Keine Ausreden und Abschweifungen. Ich verbürge mich dafür, daß du nicht sagen kannst, ob du bei meinem Eintreten wachtest oder träumtest.

Anna. Schwäche und Schläfrigkeit kamen plötzlich über mich.

Heinrich. Nun gut, da du wirklich und wahrhaftig schliefest, wovon träumtest du?

Anna. Ich fange an zu zweifeln, ob ich wirklich schlief.

Heinrich. Ha! Falsche – niemals zwei wahre Worte hintereinander! Aber komm, ob du nun schliefest oder wachtest, woran hast du gedacht?

Anna. Ich dachte, daß Gott mir meine Sünden vergeben und mich in seine Gnade aufgenommen habe.

Heinrich. Und weiter nichts?

Anna. Daß meine Gebete erhört und meine Wünsche erfüllt seien. Nur Engel können größere Seligkeit empfinden.

Heinrich. Teuflischer kleiner Plagegeist! Von mir sagt sie nichts, aus reinem Eigensinn. Hast du gar nicht an mich gedacht, nicht an deinen Betrug und Ehebruch?

Anna. Wäre ich irgendeines Betruges gegen Euch schuldig, so würde ich nicht geruht haben, bis ich mir auf den Knien zu Euren Füßen Verzeihung erfleht hätte. Wäre ich aber jenes andern Verbrechens schuldig, so weiß ich nicht, ob ich es gewagt hätte. Euch oder selbst Gott um Gnade zu bitten.

Heinrich. Du hast vormals dem Smeaton allerlei zärtliche Blicke zugeworfen; nicht wahr?

Anna. Ihr wißt, daß er mich gelehrt hat, auf dem Spinett zu spielen, als ich klein war; mein Spiel sollte Eure Hoheit erfreuen.

Heinrich. Und Brereton und Norris – was haben sie dich gelehrt?

Anna. Sie sind deine Diener, und zuverlässige Diener.

Heinrich. Hat dir nicht Weston offen gestanden, daß er dich liebe?

Anna. Ja; und –

Heinrich. Was tatest du?

Anna. Ich habe ihn von mir gewiesen.

Heinrich. Das war alles?

Anna. Hätte er mir gestanden, daß er mich hasse, so würde ich auch nicht mehr haben tun können. Ich hätte dann die Vorwürfe Eurer Hoheit wohl eher verdient, denn ich würde gelächelt haben.

Heinrich. Wir haben Beweise in Menge; die Kerle sollen dir alle gegenübergestellt werden. Ah, schlage deine Hände zusammen und küsse deinen Aermel, du Hure!

Anna. Oh, daß mir eine solche Gnade gewährt wird! Meine Ehre ist gerettet; mein Gemahl wird wieder glücklich werden; er wird meine Unschuld erkennen.

Heinrich. Lege mir nun über die Gelder Rechenschaft ab, die du im Laufe dieser neun Monate von mir erhalten hast. Ich will sie nicht zurück haben; sie sind goldne Buchstaben im Verzeichnis deiner Sünden. Ich habe dir nicht weniger als fünfzehntausend Pfund in dieser Zeit gegeben, ohne daß du darum gebeten hast. Was tatest du damit, du üppiges Weib?

Anna. Ich habe die Gelder regelmäßig auf Zinsen gelegt.

Heinrich. Wo? frage ich dich.

Anna. Bei den Armen und Kranken. Mylord der Erzbischof hat die Abrechnung darüber; er hat sie wöchentlich versiegelt. Ich hatte eine Abschrift davon; die, welche mir meine Papiere nahmen, werden sie ohne Mühe finden; denn es sind der Papiere nicht viele, und sie liegen alle offen.

Heinrich. Gedenke meiner Freigebigkeit; besinne dich, wer dich erhoben hat. Seufzest du nach dem, was du verloren hast?

Anna. Ja, wahrlich, das tue ich.

Heinrich. Ich habe nie daran gedacht, daß du ehrgeizig seiest; aber deine Laster kommen eins nach dein andern zutage.

Anna. Ich beklage nicht, daß ich eine Königin war und es jetzt nicht mehr bin; noch daß über meine Unschuld von Menschen gerichtet wird, die mich nie gekannt haben; aber ich beklage, daß mich das gute Volk, welches mich so herzlich geliebt hat, haßt und verflucht; daß die, welche mich ihren Töchtern zur Nachahmung zeigten, die Mägdlein schweigen heißen, wenn sie meinen Namen nennen, und daß der, welchem ich nächst Gott am eifrigsten gedient habe, mein Ankläger ist.

Heinrich. Hast du aus dem schmutzigen Buche etwas auswendig gelernt, um dich für deine Verteidigung zu rüsten? Komm, sage mir, was hast du gelesen?

Anna. Diese alte Chronik. Ich suchte darin nach jemand, dem es so gegangen ist wie mir, aber ich muß wohl die Seite verpaßt haben. Im Laufe so vieler Jahrhunderte hat es doch sicher noch andere junge Frauen gegeben, die anfangs zu glücklich waren für ihre Höhe und später zu hoch standen für ihr Glück. – Freilich, nach solchen habe ich nicht gesucht, welche auf dem Schaffot sterben mußten, verurteilt von Männern, denen sie immer mit Eifer und Ehrfurcht gedient hatten; aber mein Herz sehnte sich nach einer Frau, die es lieben und bemitleiden konnte. Sie wäre mir wie eine Schwester gewesen, die der Tod mir geraubt, die mich aber hören, sehen, trösten konnte und von mir getröstet wurde. O mein Gemahl! Es ist so himmlisch –

Heinrich. Zu wimmern und zu winseln muß freilich über alle Maßen himmlisch sein.

Anna. Das habe ich nicht gesagt; aber wenn es Menschen gibt, die keine Tränen haben, so kann nichts Himmlisches und nichts Irdisches in ihnen sein. Die Pflanzen, die Bäume, ja selbst die Felsen und die sonnenlosen Wolken haben ihre Tränen, und alles aus dem Erdball und in dem Weltall, das ihn umgibt, ist ein Gleichnis unsrer Freuden und Schmerzen.

Heinrich. Ich kann mich nicht erinnern, diesem Gedanken irgendwo begegnet zu sein. Hüte dich, daß kein Feind etwas wie Materialismus darin ausspürt. Wache über deinen leeren, hitzigen Kopf; er möchte noch mehr Uebles ausbrüten. Ich selbst würde in jenen wunderlichen Worten kaum etwas Arges sehen; denn ich weiß, daß Kummer und Raserei manches zutage fördern, was sich sonst still verhält und weder spritzt noch sprüht. Ich weiß auch, daß du nie etwas anderes gelesen hast als Bibel und Chronik – für junge Leute die verderblichsten Bücher auf der Welt, denn sie leiten Fürst wie Untertan irre. Darum habe ich das eine gänzlich untersagt und werde mit dem Beistand der Jungfrau und des heiligen Paul das andere einer strengen Durchsicht unterziehen. Wenn es uns Königen zukommt, darüber zu verfügen, was unser Volk essen und trinken soll – und selbst die Unbotmäßigen und Widerspenstigen können daran nicht zweifeln – so kommt es uns noch mehr zu, über dem zu wachen, was sie lesen und denken. Der Körper wird von Geist und Willen regiert; wir müssen sorgen, daß er gut regiert werde, sonst wird uns Gottes Zorn in diesem und in jenem Leben treffen.

Anna. O mein lieber Gemahl! Die Schuld muß sehr schwer sein, die Gott unwiderruflich erzürnen kann. Habt Ihr nie versucht, wie schön es ist, jemandem zu vergeben? Vergebung üben ist das einzige, worin wir leicht und vollkommen unserem Gotte gleichen können.

Heinrich. Leicht und vollkommen unserem Gotte gleichen! Sprechen schlechte Geschöpfe so von dem, der sie geschaffen hat?

Anna. Nein, Heinrich; wenn seine Geschöpfe so von ihm sprechen, dann sind sie nicht schlecht! Wenn sie wissen, daß er gut ist, so lieben sie ihn; und wenn sie ihn lieben, so sind sie selbst gut. O Heinrich! Mein Gatte und König! Die Urteilssprüche unseres himmlischen Vaters sind gerecht; darüber müssen wir uns doch einig sein.

Heinrich. Und was dann? Sprich offen; ich befehle dir zum andern Male, sprich offen und ehrlich! Deine Zunge war doch bis jetzt nicht so lahm. Bist du bereit? Soll ich noch länger warten?

Anna. Solltet Ihr in Eurem königlichen Sinne irgendeinen Zweifel an Eurer Billigkeit in dieser Sache haben; sollte es Euch von ungefähr möglich erscheinen, daß Leidenschaft oder Vorurteil in Euch oder einem andern Eure sonst so klare Einsicht getrübt hat – so bittet nur den Allmächtigen, Euch zu stärken und zu erleuchten; er wird Euch erhören.

Heinrich. Du möchtest gerne deine Wohnung ändern, was?

Anna. Meine Seele ist bereit und hat sich von allem gelöst. Ich werde bald meine Wohnung ändern, was immer auch Eure Hoheit über mich verhängen mag.

Heinrich. Du siehst aber frisch und beherzt aus, und man sagt mir, daß du für jedermann ein süßes Lächeln hast.

Anna. Das welkende Blatt erhascht manchmal einen Sonnenstrahl, wenn er ihm auch wenig helfen kann; und ich habe von dem sanften Wind in andern Zonen erzählen hören, der sich erhebt, wenn der Tag zu Ende geht. Er sei anhaltend und erfrischend, haben sie mir gesagt. Freilich, mein Herz ist jetzt seltsam stark; ich fühlte es stärker und stärker werden, als Macht und Größe und alle irdischen Dinge meinen Blicken entschwanden. Jede Freundlichkeit, die man mir erweist, macht mir Freude und gibt mir eine Befriedigung, die ich früher nicht gekannt habe. Ich war ein schlechter Mensch, ehe Gott mich züchtigte; aber undankbar war ich nie. Wie habe ich mich gemüht, die Bauernmädchen herauszufinden, welche nur Blumen ins Zimmer stellten, als ich noch im Morgenschlummer lag! Wie gerne hätte ich den Förster belohnt, der am Abend meines Geburtstages ein Freudenfeuer anzündete, dessen Reisig ihn den halben Winter hätte wärmen können! Aber diese Zeiten sind vorbei; ich war damals nicht Königin von England.

Heinrich. Auch nicht Ehebrecherin, nicht Ketzerin.

Anna. Gott sei es gedankt!

Heinrich. Gelehrte Heilige! Von der leichteren Schuld weißt du nichts; kannst du mir vielleicht etwas von der schwereren sagen?

Anna. Welches mag die schwerere sein, mein Herr und König?

Heinrich. Welches mag die schwerere sein? Pest! Ich wundre mich, daß die Mauern dieses Turmes nicht bersten über solcher Gottlosigkeit.

Anna. Ich möchte mich gern vom weisesten aller Theologen belehren lassen, und der seid Ihr, Herr.

Heinrich. Kann man die Sünden des Leibes, so schmutzig sie sind, mit den Sünden des Geistes vergleichen?

Anna. Beide vereint müssen noch ärger sein.

Heinrich. Fahre fort, fahre fort. Du drängst die eigene Brust dem Schwerte zu. Gott hat dich des Verstandes beraubt, um dich zu strafen. Ich will mehr hören; fahre fort, sage ich dir.

Anna. Eine Vorliebe für das eine oder andere, aus Unwissenheit oder Schwäche; oder ein überzeugender Lehrer mit reinem Lebenswandel, oder der tiefe Eindruck eines Bibelwortes in einem günstigen Augenblick, und was nicht sonst noch alles kann unsere Ansichten beeinflussen und über sie entscheiden. Wir wollen hoffen, daß die Hand des Allmächtigen nicht schwer auf menschlichem Irrtum ruht.

Heinrich. Ansichten in Sachen des Glaubens! kostbare Weisheit! kostbare Religion! Meiner Treu, Anna! Du hast mich gründlich ernüchtert. Mir war recht warm und zärtlich zumute, als ich kam; aber beim Kreuz des Herrn, diese blonden Locken sollen nicht lange mehr deine Schulter beschatten. Nein, fahre nicht zusammen; ich klopfe sie zum letztenmal, mein Herzblatt. Wenn die Kirche es erlaubte, solltest du deine lange Reise mit der Hostie zwischen den Zähnen antreten, wäre es dir auch noch so zuwider.

Anna. Liebt Eure Elisabeth, mein verehrter Herr und König, und Gott segne Euch! Sie wird bald vergessen, nach mir zu rufen. Scheltet sie nicht; denket daran, wie jung sie ist.

Könnte ich, könnte ich sie nur noch einmal küssen! Es würde mich trösten oder – mir das Herz brechen.

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