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Erasmus Montanus oder Rasmus Berg

Ludvig Holberg: Erasmus Montanus oder Rasmus Berg - Kapitel 5
Quellenangabe
typecomedy
booktitleHolbergs ausgewählte Komödien. Zweiter Band
authorLudvig Holberg
translatorRobert Prutz
year1872
firstpub1731
publisherBibliographisches Institut
addressLeipzig und Wien
isbn
titleErasmus Montanus oder Rasmus Berg
pages60
created20091002
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Vierter Akt.

Erste Scene.

Montanus allein.

Montanus. Da bin ich nun eine volle Stunde von meinen Schwiegereltern geplagt worden; mit Seufzern und Thränen beschwören sie mich, von meiner Meinung abzustehen. Aber da kennen sie Erasmum Montanum schlecht: und könnte ich dafür Kaiser werden, so widerrufe ich doch nicht, was ich einmal gesagt habe. Ich liebe Mamsell Elisabeth, ganz gewiß, aber um ihretwillen die Philosophie Preis geben und widerrufen, was ich einmal öffentlich affirmirt habe, nein, das thue ich nicht! Auch hoffe ich noch immer, daß die Sache sich in Güte beilegt und daß ich meine Braut kriegen werde, ohne an meiner gelehrten Reputation einzubüßen; sowie ich nur Gelegenheit habe, mit Jeronimus zu sprechen, will ich ihm seinen Irrthum so deutlich darthun, daß er selbst sich für besiegt erklären soll. – Aber da kommen ja der Küster und der Verwalter von meinen Eltern heraus.

Zweite Scene.

Jesper. Peter. Montanus.

Jesper. Wir haben heute um Euretwillen ein schweres Stück Arbeit gehabt, mein werther Monsieur Montanus.

Montanus. Worin bestand es?

Jesper. Wir sind den ganzen Tag umhergelaufen zwischen Euren Eltern und Schwiegereltern, um Frieden zu stiften. 329

Montanus. Nun, was habt Ihr ausgerichtet? Will mein Schwiegervater sich zur Ruhe geben?

Jesper. Sein letztes Wort war: in unserer Familie ist noch nie eine Spur von Ketzerei gewesen; grüße Rasmus Berg – ich bediene mich seiner eigenen Worte, er sagte wirklich nicht mal Montanus Berg – grüße Rasmus Berg von mir, sagte er, und sag' ihm, ich und meine Frau wären ein Paar schlichte und gottesfürchtige Menschen, die ihrer Tochter lieber den Hals umdrehten, als daß sie sie einem Manne gäben, der die Erde für rund erklärt und damit falsche Lehrsätze im Orte verbreitet.

Peter. Allerdings haben wir hier im Orte jederzeit auf reinen Glauben gehalten, und Monsieur Jeronimus thut daher ganz recht daran, daß er diese Schwägerschaft rückgängig macht.

Montanus. Nun, Ihr lieben Leute, grüßt den Monsieur Jeronimus von mir ebenfalls und sagt ihm, er thäte eine große Sünde daran, daß er mich zwingen wollte, zu widerrufen, was ich einmal gesagt habe; das wäre vollständig wider leges scholasticas und consuetudines laudabiles.

Peter. Ei, Dominus, wollt Ihr wirklich um eines so geringfügigen Gegenstandes willen solche hübsche Braut aufgeben? Alle Welt würde es Euch verdenken!

Montanus. Der große Haufe, vulgus, wird mich deshalb tadeln, meine Commilitones dagegen, meine Kameraden werden mich um meiner Beständigkeit willen zu den Wolken erheben.

Peter. Haltet Ihr es denn für eine Sünde, zu sagen, die Erde ist flach oder platt?

Montanus. Nein, für eine Sünde nicht, wol aber wäre es Schimpf und Schande für mich, als einen Baccalaureus Philosophiae zu widerrufen, was ich einmal publice affirmirt habe oder überhaupt irgend etwas zu thun, was unserm Orden unanständig; es ist meine Pflicht, darauf zu sehen, ne quid detrimenti patiatur respublica Philosophiae.

Peter. Aber wenn Euch nun bewiesen wird, daß Ihr im Irrthum seid, haltet Ihr es da auch für eine Sünde, den Irrthum zu widerrufen?

Montanus. Beweist mir den Irrthum erst, und zwar methodice! 330

Peter. Das fällt mir nicht schwer. Hier im Dorfe sind so viel brave Leute, erstlich Euer Schwiegervater, der sich allein durch seine Feder so in die Höhe gebracht hat; demnächst meine geringe Person, der ich hier seit vollen vierzehn Jahren Küster bin; dann dieser Biedermann hier, der Verwalter; desgleichen der Kirchenvorsteher nebst zahlreichen anderen braven und angesessenen Männern, die ihre Steuern und Abgaben pünktlich zahlen, in guten wie in schlimmen Zeiten.

Montanus. Das wird ein verflucht weitläufiger Syllogismus; wo will all das Geschwätz hinaus?

Peter. Nun kommen wir gleich zur Sache. Fragt nun einmal die Reihe herum bei allen diesen braven Männern, und seht zu, ob ein Einziger von ihnen Euch darin beistimmen wird, daß die Erde rund ist; vier Augen sehen ja doch immer mehr als zwei und ergo habt Ihr Unrecht.

Montanus. Laßt meinetwegen das ganze Dorf zusammenkommen und mir opponiren, ich werde ihnen schon den Mund zu stopfen wissen. Solch Gesindel hat gar keine eigenen Ansichten, das muß glauben, was ich und andere gelehrte Leute ihm sagen.

Peter. Aber wenn Ihr nun sagtet, der Mond wäre ein Kräuterkäse, sollen sie das auch glauben?

Montanus. Versteht sich. Sagt mal, was glauben die Leute so eigentlich, daß Ihr seid?

Peter. Sie glauben, daß ich ein braver und geschickter Kerl und Küster dieses Ortes bin, und darin haben sie ganz Recht.

Montanus. Und ich sage, daß es gelogen ist; ich sage, Ihr seid ein Hahn und werde Euch das beweisen, so klar, wie daß zweimal zwei vier ist.

Peter. Den Teufel mögt Ihr beweisen! Was? ein Hahn soll ich sein? Womit wollt Ihr das darthun?

Montanus. Könnt Ihr mir auch Gründe anführen, weshalb Ihr kein Hahn seid?

Peter. Erstens kann ich sprechen, ein Hahn kann nicht sprechen, ergo bin ich kein Hahn. 331

Montanus. Das Sprechen thut nichts zur Sache, Papageien und Staare können auch sprechen, sind darum aber doch keine Menschen.

Peter. So will ich es noch anders als durch die Sprache beweisen. Ein Hahn hat keinen Menschenverstand, ich habe Menschenverstand, ergo bin ich kein Hahn.

Montanus. Proba minorem!

Jesper. Ei was, sprecht dänisch!

Montanus. Ich verlange, Ihr sollt erst beweisen, daß Ihr auch wirklich Menschenverstand habt.

Peter. Je nun, ich verrichte ja doch mein Amt, wie sich's gehört.

Montanus. Was sind Eure vornehmsten Amtsverrichtungen, aus denen Ihr beweisen wollt, daß Ihr Menschenverstand habt?

Peter. Erstlich versäume ich nie, zur rechten Zeit zur Kirche zu läuten.

Montanus. Der Hahn versäumt auch nicht, zur rechten Zeit zu krähen und den Menschen anzuzeigen, wann sie aufstehen sollen.

Peter. Zweitens singe ich so gut wie nur ein Küster in ganz Seeland.

Montanus. Und der Hahn kräht auch so gut wie nur ein Hahn in Seeland.

Peter. Aber ich kann Wachslichter gießen und das kann doch kein Hahn.

Montanus. Aber der Hahn kann Eier legen und das könnt Ihr nicht. Seht Ihr nun, daß Euer Amt als Küster noch kein Beweis dafür ist, daß Ihr nicht wirklich ein Hahn seid? Im Gegentheil überlegt mal in Kürze selbst, was für eine Aehnlichkeit zwischen Euch und einem Hahn ist. Der Hahn hat einen Kamm auf dem Kopfe und mit Eurer Stirn ist es auch nicht so ganz klar; der Hahn kräht, Ihr kräht ebenfalls; der Hahn brüstet sich und thut groß mit seiner Stimme, Ihr ebenfalls; der Hahn ruft die Leute, wenn sie aufstehen, und Ihr, wenn sie in die Kirche gehen sollen. Ergo seid Ihr ein Hahn; habt Ihr noch was einzuwenden? (Der Küster fängt an zu weinen.) 332

Jesper. Ei, Peter, weine nicht, wer wird sich um so was grämen.

Peter. Es ist alles, hol' mich der Teufel, erlogen und erstunken, das ganze Dorf kann mir bezeugen, daß ich kein Hahn bin, und auch meine Vorfahren sind sammt und sonders ehrliche Christen gewesen.

Montanus. Refutirt mir denn diesen Syllogismum, quem tibi propono. Die Eigenschaften, durch welche ein Hahn sich von andern Thieren unterscheidet, sind folgende: er weckt die Leute, wenn sie aufstehen sollen, er giebt die Zeit an, er thut sich groß mit seiner Stimme, er hat ein Gewächs am Kopfe. Alle diese Eigenschaften habt Ihr auch, ergo seid Ihr ein Hahn; refutirt mir dies Argument!

(Peter weint wieder.)

Jesper. Kann Euch der Küster den Mund nicht stopfen, nun gut, so werde ich es thun.

Montanus. Nun wohl, laßt Eure Argumente hören!

Jesper. Erstlich sagt mir mein Gewissen, daß Ihr Unrecht habt.

Montanus. Nach dem Gewissen eines Verwalters kann man sich wol nicht in allen Fällen richten.

Jesper. Und zweitens sage ich, daß alles, was Ihr da sagt, blanke baare Lügen sind.

Montanus. Beweist es!

Jesper. Und drittens bin ich ein ehrlicher Mann, dem überall aufs Wort geglaubt wird.

Montanus. Mit all dem Gewäsch lockt man keinen Hund vom Ofen!

Jesper. Und viertens sage ich, daß Ihr eine Canaille seid und daß man Euch die Zunge aus dem Halse reißen sollte.

Montanus. Ich höre noch immer keinen Beweis!

Jesper. Und endlich zum fünften will ich es Euch haarklein beweisen, wie Ihr wollt, mit dem Degen oder der Faust.

Montanus. Nein, für das Eine wie das Andere muß ich gehorsamst danken; so lange Ihr indessen mit dem bloßen Munde disputirt, sollt Ihr finden, daß ich nicht nur das 333 beweisen kann, was ich gesagt habe, sondern auch alles, was ich sonst will. Zum Beispiel, Herr Verwalter, ich will Euch aus der gesunden Logica beweisen, daß Ihr ein Ochse seid.

Jesper. Den Teufel mögt Ihr beweisen!

Montanus. Habt nur Geduld und hört meine Argumente an.

Jesper. Komm, Peter, laß uns gehen!

Montanus. Ich beweise es so: Quicunque –

(Jesper schreit und hält ihm den Mund zu.)

Wollt Ihr meinen Beweis für diesmal nicht hören, gut, so kann es für ein ander Mal bleiben, wo und wann Ihr wollt.

Jesper. Mit solch einem Schwärmer mag ich gar keinen Umgang mehr haben.

(Jesper und Peter ab.)

Montanus. Wenn ich mit solchem Gesindel disputire, bleibe ich ganz kaltblütig, so grob sie auch werden; in Hitze gerathe ich blos, wenn ich mit Leuten disputire, die sich einbilden, methodum disputandi zu verstehen und ebenso stark in der Philosophie zu sein als ich. Darum gerieth ich auch zehnmal mehr in Hitze, wie ich heute mit dem Studenten disputirte; denn der hatte doch noch einen Schein von Gelehrsamkeit. Aber hier kommen meine Eltern.

Dritte Scene.

Jeppe. Nille. Montanus.

Jeppe. Ach, mein lieber Sohn, sei doch nicht so widerspenstig und mache Dir nicht die ganze Welt zu Feinden! Der Inspector und der Küster, die auf unser Bitten versucht hatten, den Frieden zwischen Dir und Deinem Schwiegervater wieder herzustellen, sagen mir jetzt, daß Du blos Deinen Spott mit uns treibst; warum thust Du nun wol so etwas und machst solche braven Herren zu Ochsen und Hähnen?

Montanus. Dafür hab' ich studirt, dafür hab' ich mir den Kopf zerbrochen, daß ich sagen und beweisen kann, was ich will.

Jeppe. Auf die Art, glaube ich, wäre es besser, Du hättest nie studirt. 334

Montanus. Ei so halte den Mund, alter Mann!

Jeppe. Du willst doch nicht gar Deine Eltern schlagen?

Montanus. Wenn ich es thäte, so wollte ich es auch rechtfertigen vor aller Welt. (Die Eltern gehen weinend ab.)

Vierte Scene.

Montanus. Jacob.

Montanus. Ich gebe meine Ansichten nicht auf, und wenn sie alle zusammen rasend werden. – Aber was willst Du, Jacob?

Jacob. Ich habe einen Brief für Monsör.

(Jacob ab. Montanus liest den Brief.)

Montanus. »Mein allerliebster Freund! Nie hätte ich es für möglich gehalten, daß Du diejenige so leicht aufgeben könntest, die Dich so viele Jahre hindurch so treu und innig geliebt hat. Das kann ich Dich versichern: die Ansicht, daß die Erde rund, ist meinem Vater so verhaßt und erscheint ihm als eine solche Ketzerei, daß er mich Dir niemals zur Frau giebt, es sei denn, Du trittst in diesem Punkte ihm und den Uebrigen im Dorfe bei. Was hast Du nur davon, ob die Erde rund oder lang, achteckig oder viereckig ist? Bei der Liebe, die ich stets für Dich gehegt habe, beschwöre ich Dich: entschließe Dich doch zu der Meinung, bei der wir und das ganze Dorf uns so lange so wohl befunden haben. Thust Du mir das nicht zu Gefallen, so verlaß Dich darauf, daß ich mich zu Tode gräme und daß die ganze Welt sich voll Abscheu von Dir abwenden wird, weil Du den Tod derjenigen veranlaßt hast, die Dich geliebt hat wie ihr eigenes Leben.

Elisabeth, Jeronimus' Tochter.
Mit eigener Hand.
       

O Himmel, dieser Brief bewegt mich tief und versetzt mich in lebhafte Zweifel, so daß ich wol sagen mag mit dem Poeten:

– – – – – – – utque securi
Saucia trabs ingens ubi plaga novissima restat,
Qua cadat, in dubio est, omnique a parte timetur,
Sic animus
– – – – – 335

Auf der einen Seite steht die Philosophie und heißt mich Stand halten, auf der andern meine Braut und macht mir Kaltsinn und Untreue zum Vorwurf. Aber sollte Erasmus Montanus sich durch irgend etwas bewegen lassen, seine Meinung aufzugeben, worin doch bis jetzt seine Haupttugend bestanden hat?! Nein, nimmermehr! Aber freilich, Noth bricht Eisen; füge ich mich diesmal nicht, so stürze ich mich selbst und meine Braut ins Unglück, sie verzehrt sich vor Kummer und alle Welt haßt und tadelt mich wegen meiner Falschheit. Soll ich sie denn wirklich verlassen, sie, die mich so manches Jahr mit so aufrichtiger Zärtlichkeit geliebt hat? Sollte ich jetzt die Ursache ihres Todes sein? Nein, das darf nicht sein! Dennoch bedenke wohl, was Du thust, Erasme Montane, Musarum et Apollonis pulle! Hier hast Du Gelegenheit zu zeigen, ob Du ein richtiger Philosophus bist; je größer die Gefahr, je herrlicher auch der Lorbeer, den Du inter Philosophos erwirbst. Denk' nur, was Deine Commilitones sagen werden, wenn sie das Gegentheil von Dir zu hören kriegen; das ist, werden sie sagen, nicht der alte Erasmus Montanus mehr, der seine Ansichten sonst bis auf den letzten Blutstropfen zu vertheidigen pflegte. Macht der ungelehrte Pöbel mir Falschheit gegen meine Braut zum Vorwurf, so werden die Philosophi mich dagegen zu den Wolken erheben; was die Einen mir zum Verbrechen anrechnen, das ist in den Augen der Andern mein größtes Verdienst. Ich muß also standhaft bleiben inmitten der Versuchung, ich muß ihr widerstehen, ich muß sie zu überwinden suchen. Ich habe sie schon überwunden – die Erde ist rund – jacta est aleadixi. (Ruft Jacob.) Jacob, der Brief den Du mir von meiner Braut gebracht hast, ist ohne Wirkung geblieben; ich bleibe bei dem, was ich einmal gesagt habe, die Erde ist rund und soll rund bleiben, so lange ich die Augen offen habe!

Jacob. Ich glaube allerdings auch, daß die Erde rund ist; wollte mir indessen Einer eine Salzbretzel dafür geben, daß ich sagen sollte, sie ist flach, so sage ich, sie ist es, mir kann es ja einerlei sein.

Montanus. Für Dich würde sich das allerdings schicken, 336 aber nicht für einen Philosophus, dessen Haupttugend eben darin besteht, niemals auch nur ein Haar breit von dem zu weichen, was er einmal gesagt hat. Ich will hier im Dorfe öffentlich darüber disputiren und stelle mich jedem, der studirt hat.

Jacob. Darf ich Monsör aber wol um Eines fragen? Nämlich wenn Ihr den Disput nun auch gewinnt, was folgt daraus?

Montanus. Daraus folgt, daß ich die Ehre des Sieges habe und als ein gelehrter Mann anerkannt werde.

Jacob. Monsör will sagen: als ein geschwätziger Mann. Weisheit und Geschwätzigkeit ist nicht dasselbe, das habe ich den Leuten hier im Dorfe angemerkt. Rasmus Hansen, der allzeit das große Wort führt und gegen den niemand mit dem Munde aufzukommen vermag, gilt doch allgemein für einen bloßen Gänsekopf, während umgekehrt Niels Christensen, der Kirchenvogt, der nur wenig spricht und immer nachgiebt, allgemein für so gescheidt gehalten wird, daß er jeden Augenblick Amtmann werden könnte.

Montanus. Nein, nun höre mir Einer den Schlingel, er will wahrhaftig auch miträsonniren.

Jacob. Monsör muß das nicht übel nehmen, ich spreche das nur so nach meinem einfältigen Verstande, und nun möchte ich noch gerne wissen, wenn Monsör die Disputation gewinnt, ob aus dem Küster da wirklich ohne Weiteres ein Hahn wird?

Montanus. Was für einfältiges Geschwätz! Natürlich bleibt er, was er gewesen ist.

Jacob. Ei, so hat Monsör ja doch Unrecht?

Montanus. Ich werde mich schön hüten, mit einem Bauerlümmel, wie Du, zu disputiren; wenn Du Latein verständest, wollte ich Dich schon bedienen, auf Dänisch zu disputiren bin ich nicht geübt.

Jacob. Das heißt: Monsör ist so gelehrt geworden, daß er sich nicht mehr in seiner Muttersprache auszudrücken versteht.

Montanus. Halt' das Maul, audacissime juvenis! Wozu sollte ich mir wol die Mühe geben, meine Ansichten vor solchem groben und gemeinen Volk zu entwickeln, das nicht einmal weiß, 337 was universalia entia rationis und was formae substantiales sind, geschweige was Wichtigeres? Es ist ja absurdissimum, dem Blinden von der Farbe predigen zu wollen. Vulgus indoctum est monstrum horrendum informe, cui lumen ademptum. Da war kürzlich jemand, der war zehnmal gelehrter als Du, der wollte mit mir disputiren; als ich jedoch merkte, daß er nicht wußte, was quidditas wäre, so schlug ich es ihm platterdings ab.

Jacob. Was heißt das, quidditas? denn so war es ja wol?

Montanus. Das weiß ich sehr wol, was das heißt.

Jacob. Für sich selbst mag Monsör das wol wissen, aber es andern erklären kann er nicht. Dagegen das Wenige, was ich weiß, das begreifen gleich alle Menschen, wenn ich es ihnen sage.

Montanus. Ja, freilich, Jacob, Du bist ein gelehrter Kerl; was weißt Du denn überhaupt?

Jacob. Aber wenn ich nun beweise, daß ich gelehrter bin als Monsör?

Montanus. Das möchte ich mal hören.

Jacob. Wer das wichtigste Studium betreibt, der, meine ich, hat auch die gründlichste Gelehrsamkeit.

Montanus. Ja, das ist schon richtig.

Jacob. Ich studire Landbau und Feldwirthschaft und darum bin ich gelehrter als Monsör.

Montanus. So hältst Du also grobe Bauernarbeit für das Wichtigste?

Jacob. Ich weiß nicht, das aber weiß ich, daß, wenn die Bauern auch nichts weiter thäten, als eine Feder oder ein Stück Kreide zur Hand nehmen und damit ausmessen, wie weit es zum Monde ist, da würde Euch Hochgelehrten der Magen bald verflucht wehe thun. Ihr Gelehrten verderbt die Zeit mit Disputiren, ob die Erde rund, vier- oder achteckig ist; wir dagegen studiren darauf, die Erde in gutem Stande zu erhalten. Da kann Monsör sich nun überzeugen, daß unser Studiren nützlicher und wichtiger als Eures und daß Niels Christensen der gelehrteste Mann im Dorfe ist, weil er nämlich sein Land so verbessert hat, daß die Tonne hart Korn davon dreißig Thaler mehr gilt als unter seinem Vorgänger, der den ganzen Tag da saß mit der Pfeife im Munde, und in der Postille oder in Doctor Arendt Hvitfeldts ChronikDie Hvitfeldtsche Chronik erschien zuerst 1595 und hatte den damaligen dänischen Reichskanzler Arvild Hvitfeldt (geboren 1549, gestorben 1609) zum Verfasser; das Buch war sehr verbreitet und erlebte viele Auflagen, selbst noch zu Holbergs Zeit. A.d.Ü. schmökerte.

Montanus. Da möchte man doch gleich des Todes sein, es ist der lichte Teufel, der aus ihm spricht! Nie in meinem Leben hätte ich für möglich gehalten, daß ein Bauerjunge so etwas über die Lippen bringen könnte! Denn wiewol alles, was Du sagst, falsch und gottlos ist, so ist es doch für Einen Deines Standes immerhin etwas ganz Außerordentliches; sag' mir nur, von wem Du das gelernt hast?

Jacob. Studirt habe ich allerdings nicht, Monsör, aber wie man sagt, bin ich nicht auf den Kopf gefallen. Jedesmal, so oft der Amtmann herkommt, läßt er mich sofort zu sich laden; wol hundertmal schon hat er meinen Eltern gesagt, sie sollten mich hinter die Bücher setzen, da könnte etwas Großes aus mir werden. Wenn ich just nichts zu thun habe, gehe ich umher und speculire. Neulich habe ich sogar einen Vers gemacht auf Martin Nielsen, der sich zu Tode soff.

Montanus. Laß mich den Vers hören.

Jacob. Vorher nämlich müßt Ihr wissen, daß der Vater sowol wie der Großvater dieses Martin Fischer gewesen und auf dem Wasser ertrunken sind. Der Vers aber heißt so:

Hier liegt Martin Nielsen begraben;
Um dasselbe Ende wie seine Väter zu haben,
Die alle als Fischer der Tod im Wasser betroffen,
Hat er in Branntwein sich zu Tod gesoffen.

Den Vers mußte ich vor einigen Tagen dem Amtmann hersagen, der ließ ihn aufschreiben und schenkte mir zwei Mark dafür.

Montanus. Formaliter taugt der Vers zwar keinen Pfifferling, materialiter dagegen ist er nicht übel; nur die Prosodie, die doch die Hauptsache ist, fehlt ganz.

Jacob. Was heißt das?

Montanus. Die Zeilen haben nicht die gehörigen pedes oder Füße. 339

Jacob. Keine gehörigen Füße? Aber sie sind doch meiner Seele in ein paar Tagen durch das ganze Land gelaufen?

Montanus. Du bist ein schlauer Sohn, das merke ich schon, ich wollte, Du hättest studirt und verständest Deine Philosophiam instrumentalem, so solltest Du unter mir respondiren. Aber jetzt komm herein.

(Beide ab.)340

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