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Victor von Scheffel: Episteln - Kapitel 9
Quellenangabe
typeletter
authorVictor von Scheffel
titleEpisteln
editorJohannes Proelss
correctorreuters@abc.de
senderh.guhl@stafag.ch
created20080105
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Ein Bericht aus Welschland.

Mediolani, den 2. Juni 1852.

In der Herberg des Vater Reichmann.

Ein Bericht des Doctoris Scheffel, so derzeit im Welschland herumfährt, an den wohllöblichen Engeren in Heydelberg, von verschiedentlicher Trinkung in Helvetia und Lamparter Land, – item von seltsamlichen Handelsgeschichten im Walliser Land, so dem Meister Kiesselbach noch nit bekannt, aber förderlich sein werden.

Caput I.

Was die Schweiz anbelangt, so hört im Kandertal die Kultur ziemlich auf. Und wie ich mit meinem Freund Martinus, dem Steinhauer von Delsberg, in Kandersteg angelangt, wohin uns der spitzbübisch Wirt in seinem gelben Camelotfrack nur desswillen nächtlicher Weil gratis in seinem Fuhrwerk mitgenommen, dass er uns als unfreiwillige Gäste in der Mausfallen fangen könnt' – (NB. und da der Weg bergan ging, war die Wohltat die, neben dem Fuhrwesen einherzuschreiten) – da sprach ich zu Martino dem Steinhauer: In dieser Spelunk bleib' ich nit Übernacht. Also wurd' ich zu des Wirts Bruder in eine Kandersteger chambre garnie gelegt. Ganz hat aber die Kultur dort noch kein End, massen sich auf meinem Nachttisch Herrn Brockes, weiland Amtmann zu Ritzebüttel »irdisch Vergnügen in Gott,« bestehend in »moralisch physikalischen Gesängen de 1740« vorgefunden und mir daraus über die gewaltige Statur der Schweizer Alpen noch in später Mitternacht folgendes notieret:

Welcher Mensch kann wohl begreiffen,
Wie sich wohl an Einem Ort
So verschiedne Felsen häuffen,
Und woher bald hier bald dort
Solche Häuffen Stein entstehn?
Denn sie sind, wie leicht zu sehn,
Nicht gebracht – weil sie zu gross
Nicht gewachsen – weil sie los.

Des andern Morgens früh 3 Uhr, als kaum die Hörner der Alpen und die Schneefelder der Blümlisalp vom grauen Morgenhimmel deutlich sich abhuben, sind nachstehende Personen berganwärts nach dem Schwaribacher Mordwirtshaus geklommen, um über den Gemmi zu steigen: Matthias Flury, ein Kupferschmied von Thun, dessen Tochter in einer bernerischen Florhaube, Johannes Zen-Reiffenen, ein Kupferschmiedsknecht von Fruttigen, so einem alten Bekannten von mir, dem versoffenen Ritzibeck von Öflingen im Säkkinger Amt, auf ein Haar glich, nur dass er einen grösseren Kropf und ein noch keltischeres Antlitz besass, item 3 schmucke Weibsbilder aus dem Berner Oberland, item Martinus, der Steinhauer von Delsberg, und ich.

Und abgesehen von mir, – der nit ganz in Kupferschmiedsgeschäften reist, und von Martino dem Steinhauer, der aus Siders im Walliserland gebürtig, und nun heimkehren wollt, um nachzusehen, ob ihm seine Frau, dieweil er zu Delsberg im Bergwerk schaffete, treu geblieben sei, – war dieser Zug eine Handelskarawane. Und geht der Handel im Berner Oberland und Wallis auf sonderbaren Pfaden, – so von dem glühenden Wüstensand des Orients merklich differieren. Hatte nämlich Matthias Flury in Thun viel Kupfergeschirr gefertigt, – allein da selber seine Studien schon vor langer Zeit beendiget, konnte er den neuen Stil nit ganz einhalten, und wurde ihm seine Ware zum Ladenhüter.

Also sprach Matthias Flury: Was zu Thun im Bernerland altmodisch ist, das muss im Oberwallis noch immer das Modernste sein – und packte seine Waren, seine Tochter und Johannes Zen-Reiffenen, seinen Knecht, auf und zog mit ihnen nach Kandersteg und dem Wallis zu.

Und die 3 Weibervölker aus dem Berner Oberland, so sich im Lenker Bad und in Sion als rechtschaffene Dienstboten einteilen wollten, wurden von Matthias Flury auch ins Mitleid gezogen – und schiergar hätt' er mir selber auch noch was zum Tragen aufgehängt.

Und wie die Sonn allmählich über die Schneefelder am Daubensee aufging, da schien sie über die Gestalten, deren eine in die tiefen Fussstapfen der andern trat, mit folgendem Beiwerk: Matthias Flury trug sein Hauptmeisterstück, auf das er so stolz war, wie Hephaistos auf den Schild des Achilles, einen ungeheuren Teekessel samt Unterplatte, seine Tochter 2 Kochpfannen und 2 Löffel, Johannes Zen-Reiffenen aber hatte 2 grosse kupferne Kochkessel mit einem Waschlumpen zusammengefügt, selben wie ein Diadem um sein Haupt geschlungen, also dass die Kessel hinabhingen – und sprach: Ich muss das Schwerst tragen, weil ich meinen Kropf schon hab und nit mehr vom Überlupfen kriegen kann; – item die Berner Maidli eine ganze Traglast kleinerer Geschirr, die 2 andern je einen Kessel, so gross wie eine Pauken, auf dem Rücken.

Und wie die Walliser Grenz erreicht war, – hoch oben, wo der Blick nur auf Felstrümmer und Schneefelder streift, da wurde die erst Rast gehalten; und die Berner Maidli jodelten vergnüglich der Sonn entgegen, und Johannes Zen-Reiffenen wurde dadurch bass ergötzt, schüttelte seinen Kropf im Morgensonnenschein und trommelte auf seine 2 Kupferkessel, und das Beispiel fand einen starken Anklang, also dass sofort auf allem vorhandenen Kupfergeschirr mit Stiel und Becken ein solch Kling-Klang und förmlich Katzenmusik erhoben ward, dass ich, der des Kriegszustands noch ganz jung entwöhnt war, schier befürchtet, es möcht' hinter dem Lammerngletscher her ein Gendarm kommen und die ganz Gesellschaft arretieren. Auch ward schliesslich ein gross Schneeballwerfen angehoben, wobei mir von dem einen Berner Maidli mein neuer Pariser mechanischer Hut zweimal hart vom Kopf geschossen worden.

Und nach mannigfacher Fährlichkeit des Wegs – so in der Früh noch ziemlich gut über den hart gefrorenen Schnee ging – kamen wir im Schwaribacher Mordswirtshaus an, allwo Zacharias Werner seinen 24. Februar hin verlegt, trafen aber einen braven Oberwalliser Wirt, so sich weder um die antike, noch um die Müllner-Houwald-Wernersche Schicksalsidee kümmerte, hingegen ein ungeheures Frühstück richtete. Und wiewohl es erst morgens 8 Uhr war, hab ich – nach 5stündigem Marsch im Alpenschnee – doch an Schinken, Käse, Eier, Butter, Brot, Kaffee und Martinacher Wein so viel verzehret, dass ich nach italienischem Landbrauch füglich 3 Tage davon leben könnt.

War dies das grösste Frühstück, so mir, wiewohlen ich zu Heidelberg, Jena und Bonn gefrühstückt, je vorgekommen.

Hernachmals ergab sich aber ein schlimmes Marschieren; denn der Schnee war inzwischen weich geworden, und brach man oft bis an die Knie und noch tiefer ein. Und zogen wir eines hinterm andern, und getreulich in die Fussstapfen tretend, vorwärts, und hab ich auch meiner Vorgängerin, wiewohl sie mir vorher mit Schneeballen den Hut abgeworfen, doch, wenn sie allzu tief in Schnee sank, allerhand christlichen Beistand im Herauslupfen und Unterstützen geleistet.

Wie wir aber uns langsam durch Schnee und frischen Lawinensturz nach den Höhen der Gemmi vorwärtsgearbeitet, da sahen wir von Welschland her einen Kerl durch den Schneepfad ansteigen, so unter die »Gestalten« erster Klasse zweifelsohne zu rechnen war. Trug derselbe einen Schlapphut und einen ganz blitzroten Rock – wie ich erst später in Italia erschauet, dass ihn die Sakriftane und sog. Schweizer in den Kirchen tragen – dazu einen Knorrenstock und einen geflickten Reisesack, (wo er selben expropriieret, ist mir nit kund geworden), sein Gesicht aber war pockennarbig, und brach derselbe alle Augenblick in den Schnee ein, sang aber ganz lustig italienische Weisen dazu – und erglänzte dieser rote Kerl auf dem weiten, wüsten Schneefeld so absonderlich, dass ich dem Berner Maidli nur mühsam ausreden konnt, dass es nit der Teufel selbst sei, massen es diesem zu einem Schneespaziergang zwischen Schwaribach und Gemmi itzt zu kalt sei. Wie der rot Kerl aber in dem einzig tretbaren Pfad uns entgegenkam, da stockte der Zug, denn Ausweichen war nit möglich. Also wollte sich derselb zwischen uns durchwinden – brach aber ein und versperrte alles, und versuchte lästerlicherweise, und ohne ein Wort Deutsch zu reden, beim Vorwärtsgehen unter vorgeblicher besserer Wegsteuer die Berner Maidli zu umarmen.

Also war uns dies zu dick, traten Johannes Zen-Reiffenen und Martinus der Steinhauer vor, fassten den roten Kerl, wie er wieder in den Schnee gesunken war, und setzten ihn seitab von unserm Pfad in Schnee, allwo er bis zum Nabel hereinfiel und sich abzappelte, bis wir vorüber waren. Und Johann Zen-Reiffenen sprach mit sittlicher Entrüstung: »Ihr welsche Kuh verstöhnd jo nüt einmal uf ebenem (!!) Weg zu laufen.«

Und wie wir an eine lichte Stelle kamen und dem Kerl nachsahen, wie er unter einsmalen wieder in Schnee sank, da brach die ganz löblich Gesellschaft in ein unsterblich Gelächter aus, und wurden wiederum sämtliche Kupferkessel und Becken angeschlagen, also dass ein greulich Musizieren dem roten Welschländer nachklang.

Und hat noch 3 Stunden gedauert, bis wir in Bad Leuk eine Herberg fanden. Und wie Matthias Flury sein Kupfergeschirr in Wallis verhausieret, hab ich nit mehr erfahren, ich selber aber hab ein Zeichen von der Gemmi davongetragen, massen mir die ganze Gesichtsoberfläche sich ein wenig gehäutet, und ich noch zu Mailand mich einer merklich geröteten Nase zu erfreuen hab.

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