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Victor von Scheffel: Episteln - Kapitel 8
Quellenangabe
typeletter
authorVictor von Scheffel
titleEpisteln
editorJohannes Proelss
correctorreuters@abc.de
senderh.guhl@stafag.ch
created20080105
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Ein Bericht aus der Schweiz.

Am 20. August früh 8 Uhr, nach frostiger, nebelgrauer Fahrt über den Vierwaldstättersee See, stiegen wir in Flüelen ans Land und marschierten dem Gotthard entgegen.

In dem nach einer halben Stunde erreichten Altdorf drängt sich bei jedem Schritt und Tritt die Tellensage dem Ungläubigen entgegen. Da ist ein Brunnen mit Tells Standbild – angeblich an Stelle der alten Linde, an welcher des Tellen Sohn den Schuss bestand. Dort am Kirchturm ist in plumpen Fresken neben der Schlacht von Morgarten noch die Tellengeschichte gemalt. – Noch ein ander Denkmal steht da – ein Rest von jenem Bauernhochmut, den die östreichischen und burgundischen Spottliedersänger ihrer Zeit so scharf an den biedern Eidgenossen geisselten; – neben dem Tellenbrunnen steht eine alte, gewaltig dreinschauende, plumpe Statue im Ritterornate, der Dorfvogt Besler, der sich auf seine eigenen Kosten dem Tell zu Seite stellen liess.

Warum soll nicht auch der Dorfvogt Besler auf die Nachwelt übergehen – seine Mittel erlauben es ja!

Im übrigen sieht man eine Reihe schmucker alter Herrenhäuser in Altdorf. In jedem sitzt ein Z'graggen und eine Z'graggin; – wenigstens darf man's mit Grund vermuten.

Was bei uns der celebre Namen Maier oder Müller, das ist unter den Urner Patriziern der Z'graggen; und wer nicht Z'graggen heisst, der heisst Z'berg.

Über Altdorf ist der Bannwald, eine lebende Schirmmauer gegen Steinfall und Lawine, in welchem bei Todesstrafe kein Baum gefällt werden durfte. Dass die Todesstrafe im Lande Uri noch blüht, daran mahnt der pompöse steinerne Galgen in der Feldgemarkung von Altdorf, nicht weit von Bürglen.

Dort mündet auch das Schächental, durch welches der alte Suwarow im Jahr 1799 seine Russen auf fabelhaften Gebirgspässen ins Graubündten hinüberfädelte. Ob nicht naturwissenschaftliches Interesse für Gletscher und wilde Gebirgsgruppen diesen strategischen Operationen zu Grunde lag? Freilich war ihm nach der Schlacht von Zürich jeder andere Ausgang mit Brettern vernagelt, und Suwarow hat gezeigt, dass, wenn einer nur ernstlich will, er mit dem Kopf nicht nur durch die Wand, sondern selbst durch die Alpen rennen kann. Wenn wir in Deutschland auch einmal in ähnliche Enge getrieben sind wie die Russen im Schächen- und Muottatal, dann lernen wir vielleicht das Bergsteigen, – aber ein fester Wille gehört dazu.

Die Strasse führt, langsam steigend, durch das noch ziemlich breite und Vegetation entwickelnde Reusstal. Rechts und links steigen hohe, fortlaufende Felswände, an die Martinswand bei Innsbruck erinnernd, auf. was da an der Strasse herumlungert, erinnert nicht an die Sieger von Morgarten. Krüppliges Kretinengeschlecht, aufs Betteln dressiert, das hier in mannigfachen Formen betrieben wird. Da schiesst ein junger Tellen-Enkel mit der Armbrust und ein andrer schwingt ein Fähnlein und fordert seinen Batzen, dort schleppt einer Bergkrystalle bei u. s. w. »Am Golde hängt, nach Golde drängt doch alles.«

Gegen Klus und Ansteg hin wird's schon wilder. Die hohe Windgälle und andere konsiderable Honoratioren der »haute volée« recken ihre Häupter empor; auf melancholischer Felswand, grün umwachsen, schauen hinter Silenen ein paar alte Mauertrümmer in die Reuss herunter, die Reste von Gesslers Sitz Zwing-Uri.

Hier ist eine Episode nötig, um geschichtliche Vorurteile zu beseitigen. Wer in dieser öden Gebirgswelt zu Fuss marschiert, der hat die rechte Stimmung, um ins Gemüt derer hineinzuschauen, die auf diesen Burgen hausten und als Zwingherren verschrieen sind. Wir beide, der Professor der Geschichte und der fahrende Schüler von Säkkingen, wurden geneigt, milder zu urteilen. Schade, dass die Zeit der deutschen Romantik vorüber ist, unsere Auffassung würde Aufsehen erregen.

Man denke sich den germanischen Freiherrn – Gessler oder Landenberg oder wie er heissen mag, – unter ein zweifelhaftes keltisches Volk und in diese Felseinsamkeit hereingesetzt, ein tugendhaftes, nüchternes, sinniges Gemüt. Aber hier hört aller Anklang auf. Der Fels starrt ihn an, die Reuss braust langweilig gleich zu ihm herauf, die Menschen verstehen ihn nicht, kein Sang, keine Minne – nichts. Es überfällt ihn eine ungeheure germanische Melancholie. Er sitzt in stillem Schmerz beim Humpen und trinkt den welschen Landwein mit tiefer Innerlichkeit. Auch das hilft nichts. Ist's da ein Wunder, dass zuletzt eine Saite oder zwei in seinem Seelenleben reissen? Er bedarf etwas Pikantes, die Natur, Erde und Wolken sind hier barokk – er verfällt auch aufs Barokke und treibt Unsinn, steckt seinen Hut auf eine Stange, lässt einen Tell seinem Sohn den Apfel vom Kopf schiessen – bereitet sich ein Bad, wie der Herr von Landenberg – oder macht's gar, wie der Burgherr von Fardün im Schamsertal, der um Mittagszeit von seiner Burg herabzusteigen und den Bauern beim Mittagsmahl in die Suppe zu spucken pflegte.

Man nenne das Melancholie, man nenne es Katzenjammer – aber man spreche nicht von Despotismus oder Tyrannei.

Diese Burgherren waren gewiss selber deutsche Romantiker vom besten Korn: man muss nur bedenken, dass in diesen Bergen und in diesem Nebel der psychologische Massstab ein anderer sein muss als draussen in Leipzig oder Berlin, wo die Leute Geschichte schreiben.

Nach dieser – stark an eigenen Katzenjammer gemahnenden Episode traten wir vom Zwing-Uri weg in das stattliche Wirtshaus in Amsteg ein. Dass die Melancholie der Gegend noch jetzt Barokkes erzeugt, wurde uns noch am Fuss des Zwing-Uri klar: Ein Wagen mit 4 Engländern kam gefahren; was taten sie, angesichts der Gebirgswelt, angesichts der tobenden Reuss, angesichts dieser historischen Trümmer! Sie spielten Whist im Wagen.

In Amsteg lachte uns, wie der erste Gruss aus Welschland, ein braungelber, süssherber piemonteser Landwein entgegen, von dem wir mit Gesslerischer Wehmut und zum Schreck von 4 feinen, allein reisenden Bremer Damen mehrere Flaschen vertilgten. Dann ging's, am Ausgang des wilden Maderanertals vorüber, von dem der tobende Kerstelenbach in die Reuss strömt, vorwärts. Eine schmucke, zweibogige Brücke führt über die Reuss, und dann geht die Strasse, – in prachtvollen Windungen längs der Reuss, oder vielmehr hoch über ihr, scharf bergan. Die Mannigfaltigkeit der einzelnen Partien ist überraschend – Stoff für monatelange landschaftliche Studien. An eine im Tannendunkel verborgene Gebirgsmühle, über der ein Wasserfall den Rädern die Triebkraft zuführt, mit sprühendem Wasserschaum umflort – und dabei ein Blick in die Tiefe der Reuss und in die Höhe, wo kahle Felsgipfel in blauen Himmel ragen, erinnere ich mich lebhaft als an eines der prächtigsten landschaftlichen Bilder.

Mehrmals geht die Strasse auf kühn gesprengten Brücken wieder über die Reuss, die in fortlaufender Kette kleiner Wasserfälle bergab rennt. Vor dem Dorf Wasen arbeitet sich die Reuss durch eine mächtige Felskluft mühsam durch; oben auf der Strassenbrücke stehen Bettler in Masse und werfen Felsstücke in die Schlucht hinunter. Die Wildheit der Szene nötigt abermals zu einem herzstärkenden Trunk piemonteser Landweines.

Hinter Wasen und Wattingen verschwinden allmählich auch die letzten einsamen Tannen und Sträucher, und in dem Engpass der Schöllinen hört so zu sagen alles auf. Hier war der Natur alles Beiwerk überflüssig, hier hat sie nur in Stein gearbeitet, aber in Formen und Dimensionen, die etwas herzzerpressend auf den homo sapiens Linnäi einwirken, der durchmarschiert. Riesenhafte Felsblöcke liegen in wilder Unordnung herabgestürzt im Tal, andere schauen halb abgelöst von den Höhen der Felswände herunter, unten kracht und tobt die Reuss.

Auch hier ist eine Episode nötig, um naturgeschichtliche Vorurteile zu beseitigen. Warum liegt so mancher Block, der hoch oben als Kuppe gethront, lebensmüde und gebrochen im Tal? Ist's bloss das Schneewasser, das, in seinen Ritzen wühlend, ihn herabgestürzt hat – oder ist's der Föhn?

Über das Seelenleben der Pflanzen hat ein Tübinger Doktor ein grosses Buch geschrieben; aber an das Seelenleben der Felsen hat noch keiner gedacht. Ich bin überzeugt, dass dieselben Ursachen, die den germanischen Menschen in dieser Teufelsnatur zu Gesslerischen Taten trieben, auch den Fels in die Tiefe stürzten. Die Melancholie wirkt gar gewaltig. Man denke sich so einen Felsriesen oben auf seiner nebelumwölkten Höhe, nichts als gleiches Gestein um sich; – ein Fels hat zwar ein etwas schwer zugängliches Gemüt, nicht jeder momentane Eindruck regt ihn auf, aber wenn einer einen jahrtausendelangen Schmerz auszubrüten hat wie ein solcher Fels, – oder an einer jahrtausendelangen Liebe zehrt, etwa nach dem Haidekraut, das unten in dem Schaum der Reuss noch seine roten Glöcklein lockend aufspriessen lässt – oder nach dem unstät fortbrausenden Wasser, das täglich höhnend an ihm vorüber eilt, dann muss es endlich auch bei einem alten, harten Felsengemüt zum Durchbruch kommen.

Er seufzt schweigend, löst sich los von seinen Banden und stürzt sich – ein Opfer der Melancholie – talabwärts, und hat er etwa das Haidekraut erdrückt, oder sprudelt das Reusswasser nach wie vor höhnisch an ihm vorüber, so bricht das alte Herz und stirbt.

Beim Eingang ins Schöllinental lag ein ungeheurer Felsmelancholiker herabgestürzt, der turmhohe Teufelsstein.

Wir hielten in stiller Rührung und tranken ihm aus der Feldflasche einen teilnahmsvollen Schnaps zu.

Aber die Felswand schien's nicht gut aufzunehmen, dass wir die Herzensgeheimnisse ihres Kollegen aufgedeckt. Immer drohender und enger wurde der Pass, lauter krachte die Reuss, und ein feiner Nebel kam hinter uns drein, so dass die Ungewissheit der im Nebel verschwimmenden Formen das Gewaltige des Eindruckes bis zu einem Grade erhöhte, der an Unbehaglichkeit grenzte. So mitten auf früheren Schlachtfeldern elementarischer Kräfte fühlt der Kulturmensch, dass er eigentlich nicht mehr hieher passt.

Den Schluss des Schauerlichen bildete die Teufelsbrücke. Senkrechte Felswände, deren Umrisse sich im Nebel verloren, auf beiden Seiten; – dazwischen die neue Brücke und unter dieser die alte, einst von den Österreichern 1799 nach blutigem Gefecht gesprengt, alles in schweigsamem Nebel, durch welchen silberhell der Schaum des Reussfalls, der mehr als 100 Fuss in die Tiefe hinab tobt, vorglänzt: der Wanderer schwieg, und selbst der Schnaps aus der Feldflasche, mit welchem wir sonst grosse Szenen zu begrüssen pflegten, schien profan.

Seltsam ist's, wie die äussersten landschaftlichen Gegensätze gleiche Wirkungen erzeugen. Ich erinnere mich, bei abendlichen Märschen auf der Insel Rügen gleichen Naturschauer davongetragen zu haben. Was hier das unendlich Enge, Abgeschlossene, das wirkte dort das unendlich Breite; der Blick von den Dünen des Meeres, wenn Meer und Himmel im Abendduft in einander verschwammen, – oder oben auf dem Quolditzer Totenfeld bei den Hünengräbern der Blick in die weite Moorheide hin, die vom Jasmunder Meerbusen abgeschlossen wird – es hatte für mich ebenfalls etwas Deprimierendes.

Hier an der Teufelsbrücke schien nichts mehr unmöglich; wäre der Erlkönig im Nebel dahergerauscht, oder hätten uns Elfen und Hexen und Lemuren in wildem Reigen mit fortgezogen, ich glaube, wir hätten's hingenommen, als ob's von Rechts wegen geschähe.

Und doch huschte eine Erscheinung an uns vorüber, die wir genötigt waren, unter die vollkommen fabelhaften zu zählen. Durch den Nebel kam eine einsame Dame an uns vorüber geschritten, mit flatterndem Schleier, den Shawl malerisch umgeschlungen, eine Reisetasche auf dem Rücken und den Alpstock in der Hand. Die Gestalt war zu mystisch, als dass ein hausbackenes Ansprechen und die Bemerkung, dass es bereits Nacht und das nächste Dorf und Wirtshaus reussabwärts 2 Stunden entfernt, am Platze schien. Wir liessen sie ihrem Schicksal entgegenziehen. Dass das Schicksal dem fahrenden Schüler von Säkkingen etzliche Tage später diese einsame Romantikerin aus den Steppen von Ungarn 6000 Fuss über der Meeresfläche noch an den Arm führen, ihm in Wind und Nacht vor Sonnenaufgang ein fabelhaftes Gedankensystem vorgaukeln und ihn, als die Sonne aufgestiegen war und die wirklichen Gesichtszüge der Donna beleuchtete, schnöd enttäuschen wollte, das fiel ihm damals nicht entfernt ein, aber – fata viam invenient.

Durch den stattlichen Felstunnel des Urner Lochs schritten wir noch, dann wurd's wieder breit und weich vor dem Blick; wir waren im Urserental, einem reichen Weideland, freilich schon 4000 Fuss hoch. Im Hospital fanden wir Unterkommen für die Nacht, ein komfortables Souper nach unserem Gebirgsmarsch, und neben viel unerträglichem Engländervolk auch die vier bremischen Damen, mit deren einer ich mich in norddeutschem Salonstil über Schiller und Goethe – sowie über Jean Pauls Titan und den ewigen Frühling der borromäischen Inseln zu ihrer vollkommenen Zufriedenheit, meinerseits aber mit etwas ironisch verzogenen Mundwinkeln unterhielt.

Am andern Morgen war das Urserental in gelinden Regen eingehüllt, so dass uns weder der alte Longobardenturm, der über dem Hospital aus einigen Felsblöcken vorragt, noch die moderne Kellnerin, die im Pariser Hut das Frühstück servierte, in gute Wanderstimmung versetzen konnten. Wir zogen zuletzt doch ab, entschlossen, wie einst Suwarow den Gotthardübergang zu forcieren.

Die neue Strasse windet sich in mannigfachen Biegungen in die Höhe, das Gebirg selbst wird öd und kahl, die Vegetation hört auf; – da und dort Trümmer von Steinlawinen und Felsstürzen von den Bergwänden; schön ist die Landschaft keineswegs, auch nicht grossartig im Stil der Teufelsbrücke. Vor uns lagerten dichte Nebelwolken auf den Kuppen der Berge, rückwärts war blauer Himmel, und die Gipfel des Urirotstockes und anderer Häupter prangten in hellem Sonnenblick. Ein Stück weit zogen wir den mit Gras überwachsenen Spuren der frühem Strasse nach, längs der Reuss hin, die im See oben beim Hospiz entspringt; Menschen waren keine mehr in dieser Region zu ersehen; zwei grosse, schnuppernde Bernhardinerhunde kamen uns entgegen und gaben ein Stück weit das Geleite. Aus der Höhe des Berges pfiff ein scharfer Wind, und bald fiel ein penetranter Nebel nieder, der bis auf die Haut durchnässte.

Auf der Fläche des Berges – oder eigentlich der Gebirgskette, denn der Gotthard ist kein einzelner Berg – liegt das Hospiz bei zwei kleinen Seen, deren einer die Reuss nach dem Vierwaldstätter See, der andere den Tessin südwärts ausgiesst.

Massen von altem, hartgewordenem Schnee lagen auf der Strasse; endlich befanden wir uns wieder vor menschlichen Wohnungen – das Hospiz war erreicht.

Die Wasserscheide hier oben ist zugleich auch die Sprachgrenze. Die Menschen auf dem Hospiz sind schon welsch, – wir sollten gleich hier die Vollkommenheiten italienischen Charakters kennen lernen.

Das eigentliche Hospiz, wo früher der Reisende bei den Kapuzinern gastliche Pflege fand, ist in Verfall geraten, man kehrt im Wirtshaus – in der dogana ein. Bei prasselndem Kaminfeuer wurde der erfrorene Mensch getrocknet und mit rotem Tessinerwein ausgewärmt; es kehrte allmählich, während draussen der Sturmwind heulte und der Regen an die Fenster schlug, ein behagliches Gefühl zurück. Zwei Züricher Fussreisende wärmten sich mit uns, – dass ich einstmals mich auf einen infam alten Stohstuhl ans Kamin setzend, durch diesen durchbrach und unter den Trümmern des Stuhls rückwärts zu Boden fiel, erregte nur Heiterkeit. In angenehmem Beisammensein warteten wir Wanderer das Ärgste des Wetters ab. Zuerst gingen dann die Züricher, der Sprache und Behandlungsweise der Leute sehr kundig, weiter.

Auch wir wollten bald nachfolgen. Als aber die Zeche bezahlt war und wir uns zum Abmarsch rüsteten, kam noch die signora padrona und hielt eine zierliche Rede, aus der mir nur die Worte sedia rotta und trenta bazzi hervorklangen. Nach näherer »Verständigung« ergab sich, dass ich für den zerbrochenen Stuhl, der widerstandslos unter mir zusammengesackt war, 30 Batzen zahlen sollte. Dies empörte mein Gemüt, das die Vorstellung germanischer Gastfreundschaft auch an das Hospiz auf St. Gotthard knüpfen wollte, gewaltig. In zierlichem Rotwelsch schlug ich's der durchaus keltischen Wirtin ab. Ein zweiter und dritter Sturm, zu dem noch die Kellnerin als Adjutant beigezogen wurde, ward ebenfalls abgeschlagen.

Als wir nun quasi re bene gesta, abziehen wollten, stand die padrona im Hausgang. Mit deutsch chevalereskem Sinn ging ich noch auf sie zu, erklärte ihr, wir wollten Frieden schliessen und mit gegenseitiger Hochachtung Abschied nehmen und bat sie, zwei Zwanziger zu nehmen, als Zeichen, dass mir's leid sei, dass ihr Stuhl so empörend alt und morsch war. – Aber mit Indignation wies die welsche Weiblichkeit meine Hand zurück. Dunque, non volete pagare? war ihr letztes Wort, und sie verschwand durch eine Hintertüre. Die Dinge rückten aus dem Stadium parlamentarischer Entwicklung in das Stadium der nackten Tatsachen vor. Als wir – im Innern darüber einig, dass dies Hospiz seinen Namen wie lucus a non lucendo abzuleiten habe – auf die Strasse traten, war ein ganzes Kollegium keltischer Biedermänner, Hausknechte, Eselstreiber u. s. w. versammelt.

Es war ein Moment gekommen, wo mir mein prügelartiger Hakenstock mehr wert war als ein Königreich.

Mit starrer Verachtung schritten wir mitten durch, als aber zwei welsche Biedermänner auf mich zukamen und mich als gute Prise mit fortnehmen zu wollen schienen, da brach unsrerseits die ganze Flut italienischer Schimpfwörter und Flüche los, die wir vorrätig hatten, und zwischenein liess ich ein »Heilig Chrüzdonnerwetter« und »Gott verdamm euch« in Hauensteiner Tönen an die italienischen Ohren klingen, und der erste Kerl, der Hand anlegen wollte, flog seitwärts wie eine Bombe, und mein Hauensteiner Hakenstock pfiff lustig durch die Luft, und der Professor schritt mit gefälltem Regenschirm vorwärts, so dass das ganze Kollegium, ob dieses urgermanischen Verfahrens betroffen, mit abgesägten Hosen zurücktrat. Dann hielt ich ihnen meinen Pass entgegen und sagte, wenn sie etwas wollten, sollten sie zum podestà von Airolo mit mir herabsteigen, im übrigen seien die Prügel bei uns wohlfeil zu haben.

Die Versammlung schien überzeugt, der vorgeschlagene Rechtsboden vor dem podestà d'Airolo war vermutlich für sie etwas ungenügend – wir zogen ohne weiteren Skandal ab. Es stand freilich noch zu vermuten, dass hinter einer Strassenecke ein paar Gestalten vorbrechen oder uns mit geworfenem Felsstück oder Messer den Dank für die Schläge zurückerstatten würden – aber die Natur freute sich ob uns und hüllte alles ringsum in einen Nebel ein, der uns wie Siegfrieds Tarnkappe unsichtbar weiter marschieren liess.

Keine drei Schritte ringsum liess sich die Gegend erkennen, in grauer Unermesslichkeit lag alles vor und unter uns, nur die grossen Granitpfeiler zur Seite der Strasse liessen den Weg verfolgen – oder ein dumpfes Rauschen des Seitwärts bergab eilenden Tessin warnte vor falschem Pfad.

Da wo die neue Strasse rechts ab ins Val Bedretto führt, trafen wir eine menschliche Behausung und einen halbwilden Hirtenknaben, der misstrauisch unter seiner mit Adler- und Geierfedern ausstaffierten Kappe hervorlugte. Nach geflogener Zeichensprache aber, bei der ein Zwanziger die Hauptrolle spielte, fand er sich bereit, uns auf näherem steilen Fusspfad nach Airolo hinabzuführen. Bald waren wir unten; für die möglichen grossartigen Punkte waren wir freilich unempfindlich, Wasserfälle und Felsen blieben durch uns unberücksichtigt, Herz und Sinn der abermals bis zur Haut Durchnässten war nach einer Herberge gerichtet. Diese und zwar eine gastlichere als auf dem Hospiz fand sich denn auch im albergo Camossi zu den 3 Königen, wo sich der müde Mensch soweit tunlich restaurierte. – – –

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