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Victor von Scheffel: Episteln - Kapitel 6
Quellenangabe
typeletter
authorVictor von Scheffel
titleEpisteln
editorJohannes Proelss
correctorreuters@abc.de
senderh.guhl@stafag.ch
created20080105
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Sechste Epistel in die Heimat.

Säkkingen, den 28. April 1850.

(Worin von einem sonderbaren Thema, nämlich von der Poesie der Polizei die Rede ist.)

Es gibt allerlei sonderbare Wahlverwandtschaften; gewöhnlich meint man, dass Juristerei und Poesie nach verschiedenen Weltteilen hin auseinanderlägen; Jakob Grimm aber hat schon nachgewiesen, wie viel Poesie im Recht liegt, und wer die altdeutschen Rechtsbücher und Weistümer liest, der stimmt mit ihm überein. Über die Poesie in der Polizei dagegen hat bis jetzt die gelehrte Welt keine Aufschlüsse erhalten, vielleicht nichts davon geahnt; ich benutze den nebligen Sonntag heute, um diese fühlbare Lücke in der Literatur auszufüllen, – es dient zugleich als nähere Aufklärung über meine »gesellschaftlichen Umgangs- und sonstigen Verhältnisse,« für die sich Vater in seinem heutigen Schreiben näher interessiert.

Ich hab' schon oft darüber nachgedacht, welcher Ironie des Schicksals ich antipolizeiliches Gemüt es zu verdanken habe, dass ein Hauptteil meiner hiesigen Tätigkeit in der Besorgung der Polizeigeschäfte besteht, – und hab' mich zuletzt dabei beruhigt, dass es eine diesseitige Nemesis gibt, und dass mir dadurch der grosse, polizeiwidrige Unfug vergolten wird, den ich als Heidelberger Student mit Nachtschwärmen, Laterneneinwerfen, Kirchhofmauerndemolieren, Leureerschrecken u. s. w. verübt habe. Wie ich aber neulich am Schluss des Vierteljahres die Tabelle über sämtliche Polizeiuntersuchungen aufstellte, da ward mir klar, dass auf der Schaubühne meiner Amtshöhle schon manches Stück realer Poesie an mir vorübergegangen ist, und warum sollte es nicht? Polizei und Poesie sind eigentlich in ihrem Gegenstand identisch, – beide haben es mit den Abnormitäten des Lebens, mit dem über die breite Heerstrasse des Gewöhnlichen Abschweifenden zu tun; nur ist die Behandlungsweise etwas verschieden; ein und derselbe Gegenstand kann vom polizeilichen Standpunkte bei Wasser und Brot in den Turm gesteckt und vom dichterischen mit lyrischen Flötentönen verherrlicht werden.

Wenn ich Euch ein paar Gestalten aus meinem offiziellen Umgang vorführe, so wird Euch deutlich werden, in welch gewählter, poesiereicher Gesellschaft ich mich bewege. – Also – was bringt der Gendarm heute für ein »Subjekt?« Ach Gott, wie klaffen die Schuhe, wie ungeniert sehen die Zehen durch die Lücken des Schuhs und die Ellbogen durch die unfreiwilligen Öffnungen des Ärmels in die Welt hinaus! Und was für ein stillvergnügtes Gesicht macht das Subjekt!

Was ist sein Verbrechen? »Zweckloses Umhertreiben!« Landauf, landab ist er gefahren und hat eigentlich selbst nicht gewusst, warum, – die weite Welt ist eben so schön – und wo unser Herrgott an einem Wirtshause mit dem Arm winkt, da ist er eingekehrt, und einen Heimatschein hat er nicht, den hat er dem schnöden Wirt als Pfand für die letzte Zeche, die er nicht zahlen konnte, zurücklassen müssen. Und was kann er dafür, dass ihm das Trinken besser schmeckt als das Arbeiten, und dass er dem Spruch folgt: »Lieber ein' leeren Darm als einen müden Arm!« – Zweckloses Umhertreiben! Wie oft hat sich der Polizeirespizient als fahrender Schüler selber aufs zweckloseste umhergetrieben und möchte jetzt lieber die Aussagen des Inkulpaten so zu Protokoll diktieren, wie es jenes liederliche Brüderlein ins Knaben Wunderhorn gesungen hat:

Und weil ich nun gegessen hatt', da sollt' ich auch bezahlen,
Da fragt' ich, was die Mahlzeit kost', da sprach der Wirt: ein Taler!

Ei Mutter Gottes ja,
Maienblümlein bla –
Da hatt' ich keinen Taler. –
Der Wirt der zog mein Röcklein aus;
Und jagt mich in die Scheune.
Ei Mutter Gottes ja,
Maienblümlein bla,
Wie lang ward mir die Weile!
Und als ich gegen Morgen kam, da träufelt's von dem Dache
Ei Mutter Gottes ja,
Maienblümlein bla –
Da musst' ich selber lachen.
Und als es gegen Mittag kam, da zog der Wirt mein Käpple aus
Und jagt mich auf die Strassen.
Und als ich auf die Strasse kam, – die Schuh' war'n sehr zerbrochen,
Ei Mutter Gottes ja,
Maienblümlein bla –
Da lief ich auf den Socken. –

Leider muss das biedere Subjekt bei Wasser und Brot in den Turm, – die Poesie verhüllt ihr Antlitz und trauert. – Rrr – ein ander Bild! Ein anderes »Individuum« wird vorgeführt.

Verbrechen? – Widersetzlichkeit gegen die öffentliche Gewalt. Das »Individuum« ist auf dem Markt zu Säkkingen gewesen, – und wozu ist denn der Markt in Säkkingen anders da, als dass man sich vor dem Nachhausegehen einen ungeheuren Brand trinkt? Und was kann das »Individuum« dafür, dass sich aus diesem Vordersatz die logische Konsequenz entwickelte, dass es im Strassengraben »ungern zwar, doch weichend dem schwarzen Verhängnis« liegen blieb? Und wie das »Individuum« vom Gendarmen herausgezogen ward, da hat es vom Gendarmen verlangt, jetzt solle er die Wohltat auch vollständig machen und ihm die Stiefel ausziehen, denn die seien voll Wasser, und mit Stiefelausziehen befasse er sich ebenso wenig als mit Marschieren in durchnässten Stiefeln. Und wie der Gendarm diese gerechte Anforderung mit Indignation abwies, da ward das »Individuum« auch von Indignation erfüllt und schlug seinem Lebensretter mit dem Stechpalmstock »eines« herüber: O weh, auch dieser trunkene Logiker muss ab in Turm und brummen! –

Wer kommt jetzt? Da wimmelt's mit Gestalten: Männer und Frauen, ehrliche Vagabunden, Kesselflicker, Korbflechter, Geschirrhändler, Trödler, Zundelfrieder, Bürstenbinder und andere Strolche, die wollen ihre Passbüchlein visiert haben und Bewilligung zum Hausieren. Die haben so eine scheinbare Legitimation zum zwecklosen Umherziehen, eigentlich fahren sie auch, ohne zu wissen warum, in der schönen Welt herum. Und wenn sie erst ein Fuhrwerk bei sich haben, o ehrwürdiger Schimmel,

Ei du bist noch wohlgestalt,
Bist nit zu jung, bist nit zu alt,
Du bist mit meinem Weib geboren,
Hast erst den zehnten Zahn verloren,
Zieh, Schimmel, zieh!

Ab mit euch! Jetzt wird wieder einer vorgeführt. O du Gestalt voll Abgerissenheit und Durstes, voll ehemaliger Landstrassenpoesie und moderner, schiefgewickelter, sozialer Demokratie, – deutscher Handwerksbursche, alter Bruder Straubinger, müssen wir uns so wiedersehen?! Bin ich nicht dereinstmals mit dir auf gleicher Heerstrasse gezogen, hab' mit dir gesungen und getrunken, – und jetzt muss ich dein böser Dämon sein! Aber dir geht's wahrhaftig tragisch! und die Lyrik hört auf! Warum hast du dich ins politische Drama hineingeworfen und statt Rosen und Gelbveigelein die rote Feder an den Hut gesteckt? Warum bist du in der Schweiz bei den Arbeitervereinen gewesen? Du erliegst einem tragischen Geschick. Aus der Schweiz haben sie dich ausgewiesen, und aufs badische Gebiet lässt man dich nicht herein ohne gehörigen Ausweis; jetzt wirst du von Gendarmen wieder auf die Rheinbrücke zurückgeführt. –

Aber das Drama hat mehrere Akte. Nach einer halben Stunde bringt dich der Schweizer Landjäger wieder und setzt dich auf der badischen Brückenseite abermals aus; – und der Gendarm wartet nur, bis es dunkel geworden, dann führt er dich abermals hinüber und setzt dich im Kanton Aargau an die Luft, – und so kann's bis an den jüngsten Tag gehen, du kommst nicht herüber und nicht hinüber, – armer Bursche, sie haben dich einmal von China bis Breslau auf dem Schub heimtransportiert, aber das ist eine Kleinigkeit gegen diese Situation! –

Noch ein Arrestant! Auch der Wald liefert sein Kontingent. »Unter den Hauensteinischen Sitten, deren Heimat freilich nur noch das Hochland ist, trägt noch manche das Gepräge der mittelalterlichen Symbolik« (Badenia I, 28). Da bringen sie so einen Wäldler Symboliker. Johann Frommherz ist's, des grauen Hansen Langer von Bergalingen. An ihn kann man halt wiederum sehen, was falsche Liebe tut.

Auf dem Wald oben wachsen die Prügel wild, wie die Rosen des Feldes. An jedem Sonntag wird geprügelt; wenn der Sohn heimkommt, fragt ihn der Vater: »Ist etwas gegangen,« d. h. hat's ordentlich Schläge abgesetzt? und wenn der antwortet: »Es ist nit gegangen,« so schüttelt der Alte das Haupt und sagt: »Zu meiner Zeit war's anders!« – Dies trägt allerdings das Gepräge der mittelalterlichen Symbolik, und Johann Frommherz ist ein Wälder von altem Schrot und Korn – auf der Amtsregistratur liegen Berge von Akten von ihm; leider haben sie nicht den Titel »Des Johann Frommherz symbolische Bücher,« sondern »In Untersuchungssache wegen Misshandlung, Verwundung etc.«

Was hat denn der alte Streithahn jetzt wieder gefrevelt? Ach, es ist so einfach, so homerisch, dass nur die Poesie, die in der Polizei steckt, seine Arretierung veranlasst haben kann. Es sind die ledigen Bursche von Altenschwand alle Augenblicke nach Bergalingen gekommen und haben den dortigen Maidlin viel Schönes gesagt, und ein Altschwander Paris hat eine Bergalinger Helena auf dem Tanz ihrem einheimischen Menelaus abspenstig gemacht.

Was ist natürlicher, als dass auf dem Wald ein Trojanerkrieg ausbricht? Da hat der alte Frommherz wie einst der gerenische Reisige Nestor die Bergalinger Burschen gesammelt, und mit Prügeln wohlbewaffnet zogen sie aus und lieferten den Altenschwandern eine Feldschlacht, an der die Götter im Olymp ihr Wohlgefallen haben mussten; – und keiner prügelte so wie der lanzenkundige Frommherz, und die Altenschwander entliefen, einige aber waren so zugerichtet, dass sie auf der Walstatt liegen blieben. Johann Frommherz – warum hast du nicht vor 3000 Jahren gelebt? Du hättest dann statt den Polizei-Inquirenten am Bezirksamt Säkkingen einen Homer gefunden! –

Fortsetzung, den 2. Mai 1850.

Nach diesem Stück Epos vom Wald kommt ein Stück Lyrik, ein Dorfgeschichtlein. Da steht ein Bürschlein von Wieladingen, das schaut so schüchtern drein, als wenn es eine Zentnerlast auf dem Herzen hätte; aber es »weiss von nüt,« es hat nichts gefrevelt. Wart, Bürschlein, man nimmt eine Konfrontation vor und stellt dir einen Zeugen zu deiner Überführung gegenüber! Und was für einen schmucken Zeugen; – ein rotwangiges Wäldermaidli mit kurzem Mieder und schwarzem Pechkäpplein. »So, Maidli, sag's ihm selber ins Gesicht, was er getan hat!« Und das Maidli schlägt die Augen nieder und wird rot, und will nicht recht mit der Sprache heraus. »Frisch, sag's ihm!«

»Bist du nicht in der Nacht vom Fridlinsfest vor mein Fenster gekommen und hast mir einen gar schönen Gruss heraufgerufen, und bist du nachher nicht heraufgeklettert und hast zu meinem Fenster hereinsteigen wollen? Und hab' ich dir nicht gesagt, du sollest drunten bleiben, du böser Bub? Und wie du halt doch hast hereinsteigen wollen, hab' ich's Fenster zugemacht und dir die Finger eingeklemmt, so dass du hast müssen »abi keien« wie ein Mehlsack. Und hast du nachher nicht geflucht wie ein Türke und einen Bengel genommen und alle Scheiben am Haus eingeschlagen?« –

O weh, o weh, das ist auch wieder eine Sitte, die noch ärger es ist als mittelalterliche Symbolik! 's es ist verdammt unchevaleresk von dem Burschen, aus gekränkter Liebe seinem Schatz alle Fenster einzuschlagen; – aber das Pärlein es ist so schön, und das Maidli selber hat gar keinen Zorn auf den bösen Buben – wie woll ihn der Polizeirichter strafen? Liebe geht ihren eigenen Weg, die Liebe sollte von rechtswegen auch an den Wänden hinaufklettern und Scheiben einschlagen dürfen! Zum Glück ist auch die deutsche Beweistheorie galant.

Ein Zeuge liefert keinen vollen Beweis; folglich wird der Fenstereinschlager für klagfrei erklärt; und wie ihm der Richter das Urteil eröffnet, fügt er noch die strenge und gemessene Weisung bei, dass er hinfüro seinen Schatz nur bei Tag besuchen solle, und beruhigte sich bei dem Gedanken, dass er einen Schuldigen weniger in den Turm gesteckt hat, dadurch, dass sein Spruch vielleicht im Herzen eines Wälder Maidlis einen dankbar frommen Glauben an die Gerechtigkeit der Polizei befestigt. –

Auch ein paar Bursche aus dem Rheintal stehen als arme Sünder vor den Schranken des Gerichts; 's sind sonst seltene Erscheinungen vor dem polizeilichen Forum, die Rheintäler, ein frischblutiges, philisterhaftes Geschlecht im Vergleich zu der waldursprünglichen Roheit der Hauensteiner. Aber die drei langen Gesellen von Oberschwörstadt sind diesmal dem schwarzen Verhängnis verfallen. Streng inquiriert der weise Doktor Josephus nach ihrem Verbrechen und sie bemerken nicht, dass er manchmal krampfhaft auf die Lippen beisst oder seitwärts schaut, um nicht hellauf zu lachen; – nein, sie erzählen ganz schwermütig ihr Unrecht und meinen am Ende selber, es sei eine Sünde gewesen. – Zu grösserer Erbaulichkeit der Gemüter haben die Militärbehörden im Verein mit den Bezirksämtern alle öffentlichen Aufzüge, Maskeraden etc. am Aschermittwoch aufs strengste verboten, und was haben diese Bummler zu Schwörstadt getan? Vom Fastnachtsdienstag abend bis Aschermittwoch früh sind sie gar nicht zu Bett gegangen, sondern haben getanzt und gejubelt wie die Lerchen, und am Aschermittwoch haben sie den Frühschoppen für permanent erklärt, und wie allmählich des Katzenjammers schönste Macht über sie kam und moralische Betrachtungen aus den vielfach geleerten Schoppen aufstiegen, da haben sie beschlossen, dem Aschermittwoch und seinem Memento mori einen wehmütigen Kultus zu veranstalten, und haben einen Strohmann angefertigt und haben sich lange Leintücher umgehängt und sind mit leeren Schoppengläsern unter Trauergesängen hinausgezogen durchs Dorf und haben dort den Strohmann, »die alte Fastnacht,« begraben oder verbrannt, und der Hauptschalk hat noch eine ergreifende Leichenrede dazu gehalten. Ihr armen Teufel, da gibt's keinen Pardon; ihr habt nicht gewusst, dass der Dienst der Fastnacht wie der der Freiheit ein harter ist; der Buchstabe will sein Recht, und Knoblauch, der Gefangenwärter, muss sein Opfer haben. Ab in Arrest! Möge euch der Gedanke versöhnen, dass um die Lippen des Richters, der euer Urteil sprach, ein gewisses Etwas schwebte, woraus ein sachkundiger Mann den Wunsch herauslesen konnte: »O wäre ich lieber bei euch und dem Begräbnis der alten Fastnacht und bei dem mir in Säkkingen fast zum Mythus gewordenen Frühschoppen gewesen, anstatt auf meiner Amtshöhle zu sitzen und geduldiges Papier mit schnöden Beschlüssen zu quälen!« –

In bunten Reihen folgen die wechselnden Gestalten aufeinander. Jetzt hab' ich's wieder mit ein paar finsteren, trotzigen Gesellen vom Wald zu tun, bei denen jeder Blick und jedes Wort ein Protest gegen den Staat Baden im allgemeinen und die Polizeigewalt insbesondere ist. Das sind Salpeterer, die wie eine Erinnerung aus alter Zeit in die preussisch gefärbte Gegenwart hereinragen; – ein Stück fossil gewordener Bauernkrieg. Die Wälder haben harte und zähe Schädel; was sie einmal gefasst und sich zurechtgelegt haben, das bleibt Jahrhunderte lang sitzen. Deshalb sind ihre Vorfahren auch lange Zeit versteinerte Heiden gewesen, wie St. Fridolinus schon lange unten im Rheintal das Kreuz aufgepflanzt hatte, und deshalb gehen jetzt noch ihre alten Traditionen von der reichsunmittelbaren Grafschaft Hauenstein und dem Grafen Hannes von Hauenstein, der seiner Zeit wieder erstehen und die alte goldene Zeit, wo sie niemand über sich haben werden als den Kaiser im Weltlichen und den Papst im Geistlichen, herstellen würde, leibhaftig auf dem Wald herum, und die echten Salpeterer, so genannt vom ehemaligen Salpeterhans Fridolin Albiez, dem Anführer im Kampf gegen das Stift St. Blasien, erkennen die badische Staatsgewalt, Amt und Pfarrer nicht an; 's ist ihnen alles lediglich provisorischer Zustand! Freilich fechten sie nicht mehr in hellen Haufen wie in ihren früheren Salpeterkriegen, z. B. anno 1739, wo zum Schluss mancher harte Schädel am Wald bei Albbruck vom Scharfrichter abgeschlagen und auf den Galgen gesteckt, und manches Dutzend anderer ins Banat verbannt wurde; aber die Lehre vom passiven Widerstand hat noch heutigentags auf dem Walde ihre Anhänger, und hie und da wetterleuchtet's auch wieder wie ein Blitz aus den Gewittertagen der alten Salpeterer-Zeit.

Im Jahre 1815 haben sich die Epigonen der Salpeterer wieder zusammengetan um den alten Ägid Riedmatter von Kuchelbach und in nächtlichen Versammlungen wieder an den alten Hoffnungen auf Gott und den Kaiser gebrütet und der Staatsgewalt den Gehorsam gekündigt. Und um sie von ihren hartgesottenen Ansichten abzubringen, sind damals und später scharfe Verordnungen ergangen, Strafen angedroht und ausgeführt worden, und unter anderem sind auch die Pfarrämter angewiesen worden, keiner Salpetererleiche ein christliches Begräbnis zu gestatten.

Diese Verordnung ist schuld, dass ich auch noch ein paar Salpeterer vor mir habe. Da ist im Jänner eine alte Salpeterin gestorben, die alte Malzacherin, und wie nach Hauensteiner Brauch die ganze Familiensippschaft zum Begräbnisschmaus beisammen war, und wie der Pfarrer den Segen weigerte und das Glockengeläute bei der Beerdigung, da ist der alte Zorn über die Mannen gekommen, dass man ein christlich Salpeterweib begrabe »wie einen Hund,« und die Salpeterer Maidli haben die Bursche noch angefeuert, dass sie dem Unrecht steuern, und da sind die verwegensten nach der Kirche gezogen und haben den Glockenturm mit Gewalt aufgesprengt und haben alle Glocken geläutet, dass sie hell und lustig zusammentönten, bis die letzte Schaufel Erde auf den Sarg der alten Malzacherin geworfen war – und dem Pfarrer und Sigrist, die Einsprache erhuben, haben sie viel Schimpf gesagt, und nach ordnungsmässiger Beerdigung haben sie noch ein gar unchristlich Schnapsgelage gehalten. –

Es ist ein schwer Stück Arbeit, diesen trotzigen Gesellen eine ordentliche Antwort abzuringen – und der Stoff ist ein Gutteil ernster als das Begräbnis der alten Fastnacht zu Schwörstadt. –

Damit schliesslich auch noch ein Stück Humor in den verschiedensten Arten polizeilicher Poesie vertreten sei, kommt auch noch der preussische Hauptmann und Platzkommandant dahergerannt und macht ein Gesicht, als wenn er eine Kreuzspinne gefressen hätte. Donnerrrwetterrr, was ist jetzt los? Haben sie etwa in Paris losgeschlagen? Ist der Kaiser Nikolaus über die preussische grenze? Hat Österreich den Krieg erklärt? Ist in Erfurt durch Rast und von Gerlach die Republik proklamiert worden? – Nichts von alledem, aber das Unerhörte, Himmelschreiende ist geschehen, dass ein hiesiger Kaufmann Tabakspäckchen verkauft hat, die auf der Innenseite das Bild des grossen, kanonenbestiefelten Schutzheiligen aller Freischärlerei, das Bild – Heckers trugen!

»Schleunige Untersuchung! Dem Kerl den Laden schliessen!! Meldung ans Generalkommando!!! In die Kasematten abführen!!!« – O du lieber Gott! und der beispiellose Frevler ist ein so gutmütiger konservativer, von Reaktion und Anarchie gleich entfernter badischer Staatsbürger und so unschuldig als ein neugeborenes Kind zu der Heckervignette gekommen.

Er hat einfachen Portorikoknaster in Ulm bestellt, und der Ulmer Fabrikant hat, wahrscheinlich weil auch in Ulm der Heckertabak der Polizei etwas zu scharf war, die Etiketten mit Heckers Bild umdrucken und mit der Portorikovignette versehen lassen, so dass nur im tiefsten Innern, auf der Rückseite, von des Knasters Wellen begraben, das Heckerbild sein kümmerliches Dasein fristete, – und hat ein paar von diesen verwandelten Tabakspäckchen seinem Geschäftsfreund in Säkkingen geschickt und nicht daran gedacht, dass ein preussischer Soldat sotanen Portoriko rauchen und das Päckchen einmal umwenden würde, um die grauenhafte Entdeckung zu machen, dass dieser Hecker unvermeidlich ist und sogar im Innern von schlechten Tabakspäckchen noch im Jahre 1850, bei vollendeter Restauration, wiederhergestelltem Papst und von Österreich zusammenberufenem Bundestag zum Vorschein kommen muss!

Schmerz, lass nach! 's ist schade, dass ich nicht Zeit genug habe, um Euch noch ein paar Dutzend weitere Stücklein aller Art zu erzählen, zum Beleg dafür, welche reiche Quelle von Poesie jeder Art in der schnöden Polizei fleusst. – Trotz dieses poetischen Duftes aber, der meine Polizeihöhle umschwebt, ist mir's nie wohler und melodischer zu Mute, als wenn ich ihr Valet sage und hinausziehe in den grünen Tannenwald oder an den alten Vater Rhein. Und es gibt Momente, wo der Polizeirespizient sich lediglich in Poesie auflöst, und wo sich dann doch zeigt, dass Poesie und Polizei nicht ganz identisch sind, indem er sich dann durchaus polizeiwidrig aufführt.

Ein solcher Moment war neulich am ersten Mai. Da sind wir junges Volk von Säkkingen hinausgezogen an den stillen Bergsee im Tannenwald und haben – dem tiefinnersten Zuge germanischen Wesens getreu – ein paar Stückfass Bier mit hinausgenommen, dann einige tüchtige Züge Hechte und Karpfen gefischt und uns auf einer prächtigen Felskuppe gelagert, um dem Frühling und seinem geliebten Sohne, dem Mai, ein frisches Fest zu feiern.

Und ein grosses Maifeuer ist angezündet worden, darin wurde der Fischfang gebraten, und ein jeder verzehrte seinen Anteil an selbst vom Gezweige der Tannen geschnitzter Gabel, und die Lieder und die Gläser klangen, und die Frühlingssonne schien so innerlich und warm drein, als könnte sie nicht genug ihr Wohlgefallen an diesem Häuflein getreuer Frühlingsjünger ausdrücken, – und zuletzt ward ganz vergessen, dass Volksversammlungen, Reden und Demonstrationen im Kriegszustand verboten sind, und sogar er, der Wächter des Gesetzes, der Respizient in Polizeisachen, stieg auf einen Felsblock und hielt, an eine alte Tanne gelehnt, eine Frühlingspredigt über den Text:

Darum lob' ich den Sommer,
Dazu den Maien gut,
Der wendet allen Kummer
Und bringt viel Freud und Mut.
Der Zeit will ich geniessen,
Dieweil ich Pfennig hab',
Und den es tut verdriessen,
Der fall' die Stiegen herab! –

Und wenn auch diese Standrede lediglich den Prinzipien der Ordnung – in der Natur – und der legitimen Erbfolge auf den Thron – in betreff der Jahreszeiten etc. gewidmet war, so weiss ich doch nicht, ob die ungebundene Heiterkeit derselben den Beifall sämtlicher Zivil- und Militärpolizeibehörden gefunden hätte, wenn sie dabei gewesen wären.

Ich tröste mich aber damit, dass andere sachkundige Leute sie anhörten, die lediglich davon erbaut waren, – wenigstens haben am Schluss die alten Schwarzwaldtannen in ihren Wipfeln beifällig gerauscht, und der Bergsee unten murmelte, und hinten am Fels stand mein werter Freund, der Meysenharts Joggele, und lachte ganz seelenvergnügt und drohte mit dem Finger: »Wart, du vermaledeiter Doktor!!«

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