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Victor von Scheffel: Episteln - Kapitel 42
Quellenangabe
typeletter
authorVictor von Scheffel
titleEpisteln
editorJohannes Proelss
correctorreuters@abc.de
senderh.guhl@stafag.ch
created20080105
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20. Von vielem was noch zu erzählen wäre, aber nicht mehr erzählt werden mag.

1) Von den Plätzen, wo der Meister Anselm gemalt hat. Von dem Naturatelier am Wasserfall in der Judicariaschlucht. Von dem grossen Granitblockmotiv.

Von der untermalten Madonna, die Sommadossi der Alte als Geschenk für seine Kapelle erhalten sollte.

Von derselben Madonna, die Sommadossi der Alte als Geschenk für seine Kapelle nicht erhielt, die vielmehr als Leinwand für die Granitblocklandschaft verwendet wurde.

Wie wir mit derselben Madonna in der Barke über den See fuhren. Wie etliche Tage darauf im ganzen Tal erzählt wurde, dass einem Hirtenknaben von Calavin die Madonna erschienen sei.

Von der Flucht nach Ägypten, die ebenfalls mit einem Granitblockmotiv zugedeckt wurde.

Von der Landschaftsmalerei überhaupt und ihrem Verhältnis zur Historienmalerei im Sarcatal.

Wie Candidus der Postverwalter sich ein Herz fasste und mit seiner jungen Frau gemalt sein wollte.

Wie der Meister Anselm den Postverwalter und seine junge Frau nicht, dagegen einen alten Waldhüter gemalt hat.

2) Von dem Poetenwinkel, wo der Meister Josephus die Geschichte von der Irene von Spielberg zuweg bringen wollte.

Von Herrn Dietrich von Rodenstein und seinem Freund Christoph Langenmantel von Augsburg.

Von intendierter Beraubung des Bischofs von Torcello.

Wie der Meister Josephus stecken blieb und den Herrn Dietrich nicht einmal bis nach Venedig brachte, wo er die Irene erst kennen lernen sollte.

Von Pietro Aretino dem Dichter.

Wie der Meister Josephus einen zweiten Anlauf nahm, bis zur Irene vorzuschreiten, ihm aber von einem grossen Seeschmetterling das Tintenfass umgeworfen ward.

Wie die Wildentenfänger von Calavin ihm auch noch seinen Stuhl im Poetenwinkel gestohlen und zu Jagdzwecken verwendet.

Was Stefanus der Sklav gesagt, da er den Meister Josephus jeden Morgen in den Poetenwinkel hinüber fahren und jeden Mittag wieder über den See zurückbringen musste.

Wie der Meister Josephus zur Einsicht kam, dass dieser Winkel auf felsigem Vorsprung des Toblinosees nicht dazu bestimmt sei, mit der Schule Homers auf Chios in Wettkampf zu treten, und seine Arbeiten gänzlich eingestellt hat.

Von dreitägigem hierauf gefolgten vino santo-Trinken.

3) Von des Meisters Anselm und des Meister Josephus Abendgesprächen über die Kunst heutiger Tage in ihrem Verhältnis zum Kunstideal, wobei schöne Kapitel zur Sprache kamen, als da sind:

Von den Spiritualisten und ihrer Impotenz.

Von den Dreckschwätzern.

Von den Glanzlackierten.

Von den Trödeljuden.

Vom Schwindel überhaupt.

Von der Naturerscheinung, dass die edleren Kräfte das wenigere Geld besitzen u. s. w.

4) Wie nach des Meister Anselm Rückfahrt nach Venedig der Meister Josephus noch einsam auf dem Castell verblieben.

Wie ein ehrwürdiger weisslockiger Pilgergreis im Castell ankam und Verlangen trug, sich in des Meister Josephus Stube neben ihn einzuquartieren.

Wie der Meister Josephus diesen Pilgergreis in Anbetracht seines schwarzen Talars, seines Rosenkranzes und seiner weissen Socken mit gebührender Achtung aufgenommen und bewirtet hat.

Wie sich dem Meister Josephus bei näherer Unterhaltung mit dem Pilgergreis einige Runzeln auf der Stirn einstellten, die ihn an die Zeiten erinnerten, da er Respicient eines gewissen Bureau am Oberrhein gewesen.

Wie der Pilgergreis dem Meister Josephus sagte, es käme ihm immer vor, als habe er ihn schon irgendwo gesehen.

Wie der Meister Josephus den Pilgergreis fragte, ob er nicht auch schon durch Basel gekommen?

Wie der Meister Josephus den Pilgergreis nach der hierauf erfolgten Antwort als den 62jährigen Barbier und Chirurgiegehilfen Bucher von Innsbruck, den sie einst aus Frankreich nach dem Bodensee »zurückgeschoben«, entlarvt hat.

Wie der Meister Josephus mit Stefano dem Sklaven und Johann Bartolomäus dem Hausknecht hierauf dem Pilgergreis tatsächlich dartaten, dass diese Abendzeit die geeignetste sei, auf der Heerstrasse weiter zu pilgern.

Wie der Pilgergreis alle drei dafür vor den Richterstuhl Gottes geladen. –

5) Wie der Meister Josephus, damit dieses Gedenkbuch zu einem Schluss und Ende komme, endlich selber von dannen gefahren.

Explicit feliciter!

Anmerkung: Dieses Gedenkbuch, vom Dichter zur Ergötzung der Freunde im Heidelberger »Engeren« verfasst, wurde von ihm am 29. August 1855 aus Castell Toblino an Dr. Ludwig Knapp in Heidelberg zum Vorlesen in einer der nächsten Plenarsitzungen des »Engeren« gesandt. Scheffel hatte vor der Abreise nach Venedig seinem Freunde Otto Müller Beiträge für das von ihm und Theodor Creizenach redigierte »Frankfurter Museum« versprochen und arbeitete nach der Heimkehr auf dessen Drängen das »Gedenkbuch« zu den Reisebriefen »Aus den Tridentinischen Alpen« um, die dann 1856 in den Nummern 11–13 der genannten Zeitschrift erschienen. (Vergl. die Biographische Einleitung in Bd. I dieser Ausgabe, Seite 65.) Aus dem »Frankfurter Museum« gingen diese Aufsätze nach Scheffels Tod in den Sammelband der »Reisebilder« über, der 1887 mit der Einleitung von J. Proelss im A. Bonz'schen Verlage erschien. In der Ausgabe von Scheffels Gesammelten Werken konnte natürlich das Werk nur einmal gedruckt werden, wozu sich die ursprüngliche Fassung als »Gedenkbuch« für den »Engeren« empfahl und wodurch sich der Ausfall der Aufsätze »Aus den Tridentinischen Alpen« im III. Bande erklärt, der die übrigen von Dichter selbst in Zeitschriften veröffentlichten »Reisebücher« vereinigt. Näheres über die Tridentiner Briefe findet der Leser in Proelss' »Scheffels Leben und Dichten«, S. 350 u. f. und »Scheffel; Volksausgabe«, S. 204 u. f. Von den in ersterem Buch enthaltenen oder erwähnten kürzeren »Episteln« an den »Engeren« gelangt hier noch die folgende wegen ihres Humors und als biographisch bedeutsam zum Abdruck.

Epistel aus Donaueschingen.

»Hochwirdigster Engerer!

Civ. Nr. 240. Schädigung durch Klosterleute betreffend

Leider ist Schreibens nicht viel, wegen viel Schreiben, sonst stünd Zahlreiches zu berichten, da nicht ohne Erfolg zahlreiche Feldzüge in Hegäuw, Wutachtal, so ich sogar in einem lateinischen Poem verherrlicht habe, Schwarzwald und Neckarböblingisches unternommen wurden.

Und ist eben dies die strategische Bedeutung Donauöschingens, dass der Mensch, auf zwei, drei Stunden Entfernung sich ausbreitend, verschiedenster Formationen und Gebiet Bier trinkend erreicht. Und behalte ich mir vor, zur Kenntniss des hochwirdigen Engeren in mündlichem Vortrag mehrere ausgezeichnete Stationsorte zu bringen, wo auch Leumundszeugnisse über mein seitheriges pflichttreues Verhalten eingeholt werden mögen.

Aber im Kloster Rheinau, hochwirdigster Engerer, habe ich hartes Unrecht leiden müssen. Und das war so:

Setze mich eines schönen Junitages, am Sonntag ante Petrum et Paulum auf einen langen Waidling und fahre am Schaffhauser Wasserfall weg auf dem grünen Rhein – an dessen Ufer das ausgegangene aber noch trümmerumwallte Schwabeneck und der keltische Landeplatz Nohl liegt – talabwärts. Lande auch richtig auf der Insel, die das alte Kloster trägt, und heische Einlass; drei Gründe der Einlagerung entschieden vorhanden:

1) altkeltische Sympathien für Sanct Fintanum, der hier sich eingeschlossen und furchtbar keltische Beschwörungsworte, ataich, okysel u. farkysel in die Nacht hinausgebrüllt, wenn die Teufel ihn plagten,

2) die überirdische Bibliothek,

3) die unterirdische Bibliothek.

Geht überhaupt dem Orte ein guter Leumund voraus, wie denn auch die württembergischen Ulanen, die in badischen Occupationszeiten auf Besuch oft hinüberritten, jedesmal ihre vollkommene Zufriedenheit aussprachen.

Also lande ich mit meinem langen Rheinschiff und heische Einlass und Gastfreundschaft ... und war mein Hauptaugenmerk auf den Rheinauer Schlaftrunk gerichtet, der seinerzeit auch dem Leutnant von Zeppelin als eine ganz vernünftige Einrichtung erschien. Besagter Schlaftrunk findet sich nämlich in Gestalt einer Massflasche, gefüllt mit Auslese aus den Rebbergen, genannt zum Korb, auf des Gastes Kemenate vor .... Wer aber einmal den Rebensaft, der auf dem Korb gedeiht, mit Überlegung gekostet, der vergisst sein nicht wieder. Darum ist der Rheinauer Vespertrunk ein Wahrzeichen des Orts, – wie der Tod zu Basel, der Unnoth in Schaffhausen und der Caplan mit dem roten Regenschirm in Löffingen bei Neustadt. Item war der Empfang zu Rheinau wie es einem peregrinus honestus gebührt ... und gab man mir gar ein lieblich hohes Schlafzimmer in einem Erkerturm, vor dessen Fenstern der Rhein kräftig und stolz vorbeiströmt, so dass mir eine Mondscheinnacht mit Beihilfe dessen, was im Korb gedeiht, ein liebsam Ziel der Fahrt erschien.

Hab mich auch anständig betragen, mit dem Prälaten getafelt, mit dem pater Ambrosius und meinem Kollegen dem pater leodegari im Klostergarten einen tapferen Rambo gekegelt und Spuren auf Heidelberger Museumsbahn gemachter Studien zurückgelassen, hab sodann in der unterirdischen Bibliothek eine gründliche topographische Untersuchung vorgenommen, und viel dortige Codices probirt – aber nicht alle, denn es waren zweimal 40 Stückfässer und die Gewalt des Siebenundfünfzigers eine grosse.

Wolbemerkt, hochwirdigster Engerer, damals wusste keiner, wess Namens und Geistes ihr Gast. Bei der Abendtafel aber musst ich mich nach Geschlecht, Herkunft und früherem Standort namhaft machen. Bemerke, dass Einer den Andern ein Weniges an der Kutte zupft.

Item, halte mich wiederum fest ... und rücke gegen 10 Uhr in meine Schlafkemenate, der Überraschung fröhlich entgegen gehend.

Hochwirdigster Engerer: da stand auf meinem Tisch das hohe Stengelglas, umgestülpt, die Massflasche lag schlotternd und leer auf dem Bauch, der Teller verkehrt und neben dem Ganzen stund ein lebensgrosser Pferdefuss von Holz! Des Ganzen Anblick aber war folgender:

Man muss Symbolik studiert haben, um zu wissen, dass solcher plastischen Gestaltung stets eine Bedeutung unterliegt. Diesmal war sie keine mystische. Hochwirdigster Engerer ... des anderen Tages dankte ich für genossene Gastfreundschaft, gab den Köchen und Dienern ein anständig Douceur, sprach okysel na farkysel! und verzog mich zu den eidgenössischen Förstern nach Schaffhausen.

Im Kloster Rheinau hatten sie den Ekkehard gelesen, und besagter Schlaftrunk war des Cellerarius Rache!

Hochwirdigster Engerer, ich bitte um stilles Beileid!

Ad fontes Danubii. 18. Juli 1858.

Josephus vom dürren Aste.

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