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Victor von Scheffel: Episteln - Kapitel 4
Quellenangabe
typeletter
authorVictor von Scheffel
titleEpisteln
editorJohannes Proelss
correctorreuters@abc.de
senderh.guhl@stafag.ch
created20080105
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Vierte Epistel in die Heimat.

Säkkingen, den 14. Februar 1850.

(Wie der Doktor Scheffel nicht von Amts wegen, sondern Vergnügens halber nach Herrischried in Wald gefahren, und was mancherlei Gestalt von Vergnügen er dabei zu geniessen gekommen.)

In der Fastnachtszeit treibt der Mensch allerhand Absonderliches und meint, es sei ein Vergnügen; – das Säkkinger junge Volk treibt sich in einem von Kunst wie von Schönheit gleichmässig entfernten Maskenkostüm in den Strassen herum; der Honoratior wandert bedachtsam nach Obersäkkingen zum herkömmlichen Schinkenfestessen, arbeitet sich durch riesenhafte Barrikaden von Kalbskeulen, Zungen und Schinken durch, singt mit hundertfachen Variationen neben, unter und auf dem Tisch das Lied »Freut euch des Lebens« und begräbt die Sorge um Belagerungszustand und um den nahen Krieg mit der Schweiz im Grenzacher und Markgräfler Weissen.

Ich meinerseits war durch all diese Herrlichkeiten noch nicht vollständig beruhigt und beschloss deshalb, mit einer amtlichen Kommission, die am Fastnachtsdienstag weit hinten auf dem Wald zu Rütte nach ein paar Biedermännern fahnden wollte, die dem Staat bei dem schweren Geschäft des Münzprägens in liebevollem Anteil durch eigene Arbeit nachgeholfen hatten, als Volontär zu fahren.

Also sassen des Morgens um acht Uhr wir drei, der Amtsverwalter Gamber, der Aktuar Steinmann, der den Spruch »Sei mir heute nichts zuwider!« erfunden hat, und ich im grossen Eliaswagen und fuhren waldeinwärts.

Der Eliaswagen ist unter seinen Mitwägen seiner Abnormität halber fast ebenso berühmt wie der Amtschirurg Vogelbacher unter seinen Mitmenschen. Bei der Konstruktion anderer Equipagen geht der fachkundige Meister von dem Grundsatz aus: das Fahren ist die Regel, das Umwerfen ist die Ausnahme. Der Erbauer des Eliaswagens aber, der wohl wusste, welcher Unterschied zwischen einer Kunststrasse im Berliner Tiergarten und den Vizinalwegen im Wald besteht, baute seinen Wagen nach dem Grundsatz: das Umwerfen ist die Regel, das ungehinderte Fahren nur Ausnahme. Deswegen legte er als Gegengewicht gegen das Umwerfen alle Schwere in die Achse und die Räder des Wagens, und damit kein Gewicht von oben drücke, spannte er seitwärts und oben nur ein Spritzleder über, und des Gleichgewichts halber richtete er keine gewöhnlichen Sitze ein, sondern versah ihn mit einem sattelförmigen Bock, auf dem die Insassen des Wagens wie die vier Haimonskinder sitzen können.

Wer einmal zwischen Merseburg und Treuenbrietzen oder bei Zwickau in einer Extrapostchaise gefahren, kann sich von der sonstigen eleganten Ausstattung unseres Eilwagens eine annähernde Vorstellung machen.

Durch diese lobenswerten Eigenschaften aber hat sich der Eliaswagen den Ruhm erworben, dass, wie der Postillion sagte, zehntausend Teufel ihn nicht »umkeien« können.

In sotanem Wagen ging's also waldeinwärts, und zwar zuerst den alten Weg nach Willaringen, und nach der ersten Viertelstunde wurde das Wetter so gemütlich, dass wir sämtliche Spritz- und anderen Leder aufzogen und wie die Familie Noah durch die sündflutlichen Regen weitersteuerten.

Vor Willaringen war mir's fast, als sei der Meysenharts Joggele unter einer Tanne gesessen und hätte gekichert: »Wart, du vermaledeiter Doktor, wenn du dir einen Fastnachtsspass machst, so mach' ich mir auch einen; – und mit dir habe ich ohnedies noch darüber abzurechnen, dass du mir in deiner Epistel II so viel Spott angetan und mich beim Karlsruher Stadtvolk ins Geschwätz gebracht hast. Und trotzdem, dass dir dein biederer Vater, der mich übrigens auch nicht umsonst ins Lateinische übersetzt und den daemonibus malignioribus beigerechnet haben soll, einen vermeintlichen SchutzpatronMit Bezug auf die in Ep. II. geschilderte Irrfahrt hatte des Verfassers Vater demselben eine Landkarte mit humoristischer, lateinischer Widmung übersandt. gegen mich übersendet, werd' ich heut noch und in der Zukunft ein Wörtlein mit dir reden.«

Diesmal fuhren wir aber, ohne uns um den Meysenhart und meinen freund Balthes und sein Vreneli zu kümmern, weiter, und erst in Rickenbach ward Halt gemacht. Und hat mir's allda schier noch besser gefallen wie beim Balthes; denn der Rösslewirt von Rickenbach schüttelte uns grad so freundlich zum »Willkomm« die Hand, hatte aber andrerseits nicht nur ein Maidli im Haus, sondern drei, und war das Kostüm vons Balthes Tochter ohne konstitutionelles Gleichmass, so war es das vons Rösslewirts Maidlin noch viel weniger. Die waren nämlich schon im Ballanzug. Der bestand aus einem schwarzen Pechkäppli als Haube, einem gestickten kurztailligen Mieder und einem ins unendliche gefältelten Rocke, der aber den roten Strümpfen noch so viel Raum zu selbständiger Entwicklung gestattete, dass daraus hervorging, wie der Begriff eines »Volants« noch nicht nach Rickenbach gedrungen sei. Dazu kam ein System von unendlich aufgebauschten, reichfaltigen Ärmeln bis an den Ellenbogen, die wie eine Baubansche Sternschanze den übrigen Arm deckten.

Durch die Anerkennung dieses Kostüms habe ich Unglückseliger mir leider keine Lorbeeren erworben. Wie ich in wohlgesetzter Rede das eine Maidli um die Ehre ersuchte, mein Skizzenbuch durch eine getreue Abschrift ihrer ganzen Erscheinung bereichern zu dürfen, und zufügte, es geschehe dies meiner Schwester zu lieb, die weit hinten am Landgraben wohne und heute wahrscheinlich auch tanzen werde, damit sie ersehen könne, wie man im Wald zu Balle gehe, da fielen die Aktien meines Kredits unter Null. Das gute Kind glaubte, ich wolle sie verspotten, und als ich ihr mein Skizzenbuch zeigte, in welchem bis jetzt leider nur ein slowakischer Mausfallenhändler, ein bassgeigespielender Bürgermeister und zwei Bettelbuben paradieren, wurde diese Überzeugung noch befestigt, und nachdem die sämtliche Damenwelt im Rössle noch einen Kriegsrat in der Küche gehalten, wurde einstimmig beschlossen: »Es sei sotanes Gesuch des Doktor Scheffel angebrachterweise zu verwerfen.«

Nachdem ich hier auf dem Weg Rechtens abgefahren, fuhr der Eliaswagen auf dem Weg nach Hottingen allmählich auch wieder ab. Mühsam zogen uns die zwei Füchse und das Schimmele, dem der Postillion aus der reichhaltigen Registratur seiner Kernflüche die liebevollsten angedeihen liess, noch die Hottinger Steige hinauf. Dort oben aber hiess es immer mehr und mehr, wie einst der hauptumwickelte Phylax gesungen: »Schwieriger stets wird der Weg, und in der Tat choleratisch.« Da lag noch ein fusstiefer Schnee, und an manchen Stellen war er ganz mauerartig zusammengeweht, und war öfters nur noch ein Tannenreis ausgestreckt, um anzudeuten, wo in anderen Zeiten ein Fahrweg geführt; und oftmals wurde das Verhältnis des Eliaswagens zur Erdoberfläche noch viel schiefer als das des Königs von Preussen zur Demokratie. Wie's nun so mühsam durch den Totenbühl nach dem Wirtshaus zum dürren Ast hinging – für einen soliden Nebel und Schneegestöber hatte der Meysenharts Joggele auch gesorgt – vergass der Eliaswagen auf einmal, dass er uns nicht, wie weiland den Propheten, gen Himmel, sondern vorderhand nur nach Herrischried führen sollte – er wandte sich, er knarrte, ein Fluch des Postillions, – pladderadautsch! lagen wir seitabwärts im Schnee und der Eliaswagen wie ein toter Walfisch auf dem Rücken.

»Sei mir heute nichts zuwider!« sprach zuerst der Aktuarius und schüttelte sich auf, und allmählich sammelten wir andern unsere Knochen auch wieder zusammen – und der Postillion zählte die Häupter seiner Lieben, und siehe, es fehlte kein teures Haupt, selbst der Pfeifenkopf des alten Amtsverwalters war ganz geblieben; – und es war uns pudelwohl, dass der Meysenharts Joggele an unserem homerischen Gelächter wohl ersehen konnte, wie wir an seiner Fastnachtsbescherung selber unser Wohlgefallen hatten. In einer halben Minute war der Eliaswagen wieder auf die Beine gebracht; aber der Meysenharts Joggele dachte: »Wenn die Herren noch nicht genug haben, können sie's noch besser bekommen; mir kommt's nicht darauf an« und legte sich an den Kreuzweg beim dürren Ast und deckte den Weg nach Herrischried zu mit seinem Nebel, und allmählich gerieten wir nach Segeten statt nach Herrischried, und allmählich sass der Wagen in pfadlosem Felde fest, und mochte der Postillion auch die saftigsten Flüche aus seiner Registratur hervorholen, es half nichts mehr; er musste zurückfahren, und wir mussten zu Fuss nach Herrischried hinüber. Das Vergnügen dieses kleinen Spaziergangs war aber wirklich ein ausgesuchtes. 3000' über der Meeresfläche am Fastnachtsdienstag pfeift die Natur eine andere Melodie als im kühlen Tal. Vor uns eine Schneefläche, ins Gesicht ein mit Regen untermischtes Schneegestöber, dazu ein Sturmwind, der ganz katzenmusikalisch in den Tannen herumheulte, – der Meysenharts Joggele hatte seine Satisfaktion, trotzdem der Aktuarius den Hebelschen Vers sang:

Minen Auge g'fallt
Herrischried im Wald.
Woni gang, so denk i dra,
's chunnt mer nüt uf d'Gegnig a
Z'Herrischried im Wald.«

Ich vergass bei diesem Spaziergang wirklich, dass ich mich »vergnügungshalber« auf dem Wald befand; auf die Gegend kam mir's ohnedies nicht mehr an, und die Gedanken schweiften ganz polizeiwidrig nach dem goldenen Knopf zum warmen und herzstärkenden Wein des braven Herbergvaters Broglie.

Item, die Füsse trugen uns noch über hohe, hohe Berge und tiefe, tiefe Täler, und durch allerhand Schnee- und Bergwasser-erfüllte Matten bis nach Herrischried. Dort aber »imme chleine Huus, wandlet i und uus« – nicht wie beim Hebel ein wundernettes Maidli, denn auf eine solche wäre es unseren Augen so wenig als auf die schönste Gegend damals irgendwie angekommen, sondern ein fürtrefflicher Pfarrer, dem dereinsten vergolten werden wird, was er an uns Geringen dieser Erde getan hat.

Neben der im März vorigen Jahres abgebrannten Kirche, die jetzt als Ruine dasteht, erhebt sich das Pfarrhaus, und als wir die hohe Steintreppe, die ebenfalls mit fusstiefem Schnee zugedeckt war, mehr hinauf krochen als schritten und ich zuletzt noch, vergessend des Burgfriedens um den geweihten Ort, meinen Dankbarkeitsgefühlen gegen die Herrischrieder Natur mit einem Fluch Luft machte, der unserem Postillion zur Ehre gereicht haben würde, erschien das hochwürdige Pfarramt an der Türe und nahm uns mit einer Gastfreundschaft in seiner Behausung auf, wie sie nur auf germanischem Boden vorkommt. Da ersetzte des Pfarrers Schlafrock den durchnässten Mantel des Amtsverwalters; und des Pfarrers Pantoffeln traten an die Stelle der ketzerischen Stiefel des Rechtspraktikanten, und der grosse Steinkrug mit Bier, den der Pfarrer aus seinem Keller holte, und der den Gästen und dem Gastwirt gleich trefflich mundete, war ein Symbol dafür, dass es Punkte im Absoluten gibt, in welchem sich die feindlichen Kategorien von Kirche und Staat auflösen und ihr Versöhnungsfest feiern.

Über die Stelle des geweihten Pfarrhauses hatte der böse Meysenharts Joggele keine Gewalt mehr, – und wenn er durchs Fenster hereingeschaut hat, mit welcher Behaglichkeit das Bezirksamt Säkkingen sich beim Pfarramt Herrischried atzte und labte, so sind ihm gewiss in seinem Geisterschädel verschiedene Skrupel darüber aufgestiegen, ob er seinen Zweck, »uns einen Tuck anzutun,« auch wirklich erreicht habe. – Nach erfolgter Auffrischung der Lebensgeister fuhr die amtliche Kommission noch nach Rütte und brachte natürlich nichts heraus. Ich aber verblieb im traulichen Gespräch beim gastlichen Pfarrer, und bei der Erinnerung an seinen warmen Ofen und an seine warmen Pantoffeln und seinen noch mehrmals gefüllten Steinkrug mit Bier wird mir's so behaglich zu Mut, dass ich gar nicht mehr beschreiben mag, wie auf unserer nächtlichen Heimfahrt der Meysenharts Joggele abermals einige Veranlassung zu zufriedenem Kichern fand; wie wir im Rennschlitten bei Nacht und Nebel nach Hottingen fuhren; wie der Eliaswagen dem dürren Ast bis Hottingen, aber ohne uns, die wir schon beim Kienspanfeuer des Akzisors in Hottingen sassen, noch zweimal umwarf; wie es unterwegs einmal scharf am Horizont geblitzt hat, und wie wir über Hännen und Laufenburg endlich müd und durchfroren nachts um ½11 Uhr in Säkkingen ankamen.

Darüber, dass ich in selber Nacht trotz alledem noch in Frack und Handschuh auf den grossen Ball im Schützen ging und mit Sr. Wohlgeboren des Herrn Amtsrevisors Gemahlin pflichtschuldigst einen Polka getanzt, schweigt ohnehin die Weltgeschichte. –

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