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Victor von Scheffel: Episteln - Kapitel 39
Quellenangabe
typeletter
authorVictor von Scheffel
titleEpisteln
editorJohannes Proelss
correctorreuters@abc.de
senderh.guhl@stafag.ch
created20080105
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17. Comano.

Die Sarca ist ein wildes unbändiges Kind der Tiroler Alpen. Wenig Schritte vom Südende des Toblinosees entfernt bricht sie sich Bahn durch versperrende Gebirgsschluchten und strömt in gewendetem Lauf dem Gardasee entgegen, ohne vom See von Toblino, den sie mit ihren Gewässern schier streift, die geringste Notiz zu nehmen. Sie wälzt Felsstücke und Geröll aller Art mit sich, und hat Das breite Thal bei Dro oft ganz mit Trümmern übersäet, bis man ihr durch löbliche Dammarbeiten einigen Zwang angelegt.

Da die Sarca als Mincio aus dem Gardasee weiter strömt, ist von ihr in der Paulskirche zu Frankfurt, als der Herr von Radowitz seine tiefsinnige Strategie von der Minciolinie entwickelte, mehrfach die Rede gewesen. Bis dahin, wo sie in das Gebiet unseres Sees und Thales eintritt, strömt sie durch das Thal Giudicaria.

Diesem beschloss ich eines Tages einen Besuch abzustatten. Wenn man in Südtirol alles so gut verstünde, wie die Anlage von Gebirgsstrassen, so müsste es ein wahres Musterland sein. Die Judicariastrasse zieht in stattlichem Zickzack über einen Schuttabhang des monte Casal und ist dann mit wahrer Keckheit in die senkrecht abfallende Felswand gesprengt.

Man sieht in schwindelnde Tiefe hinunter ... rechts und links stehn dunkle Klippen, die nur einen schmalen Spalt zwischen sich frei lassen und gleich den Symplegaden jeden Augenblick wieder zusammen zu klaffen drohen ... dort hat sich die Sarca durchgenagt und braust als schäumendes Forellenwasser durch die sie pressenden Gebirge ... an manchem Vorsprung der Felsstrasse thun sich Blicke auf, so wild, so schauerlich, so herzbeklemmend wie irgend einer an der via mala ... wenn man laut spricht, giebt die genüber ragende Wand Antwort, und thut man einen Schrei oder Jodelruf, so hallt und schallt es drüben hervor, als säss' eine ganze Bande Gnomen in stiller Spalte verborgen.

Ich war auf vieles gefasst in der Einsamkeit dieser Alpenstrasse, die nur selten durch das Knarren eines Holzbauernfuhrwerks unterbrochen wird ... aber den Mann hier anzutreffen, den ich antraf, unfern von der Krümmung der Strasse am Wasserfall ... darauf war ich nicht gefasst! Dort, wo das enge Thal sich etwas ausbiegt, ragt eine Kette grotesker unzugänglicher Felskuppen der Quere nach durch die Schlucht, sie als natürliche Riesenbarrikade gleichsam zumauernd.

Auf einer dieser Kuppen aber stand unbeweglich ein Mann in welscher Tracht, den Spitzhut keck auf das Haupt gedrückt, die Flinte im Anschlag nach der Strasse herüber ... und der Mann stand so energisch und fest dort droben, gleich einer Silhouette in die blaue Luft emporragend, dass man als unparteiischer Wanderer sich zwar sagen musste, er passe entschieden in diese Landschaft, im Geist aber zugleich die Eventualitäten eines geeigneten Rückzugs in gedecktere Positionen überlegte.

Ich warf einen fragenden, zweideutigen Blick auf Stefano, meinen Schatten.

»Niente paura,« lachte Stefano und zeigte mit dem Finger nach dem Bewaffneten, »è uno del quaranta otto!«

»Das sind gerade die Rechten, die vom Jahr 48,« sagte ich und sah mich um ... »ma di paglia!« sprach Stefano und stimmte sein roheres Bauerngelächter an.

Von Stroh! ... Es hat etwas sehr Beruhigendes, von einem Mann, der mit der Flinte nach der Heerstrasse im Anschlag liegt, zu erfahren, dass er von Stroh ist. Ich steckte mir einen Rattenschwanz an und liess mir die Geschichte dieses bewaffneten Strohmannes aus dem Jahr 1848 erzählen.

Als man in jenem denkwürdigen Frühjahr gleichzeitig zu Frankfurt die Entdeckung gemacht hatte, dass das Lombardisch-Venetianische eigentlich Territorium des Deutschen Bundes sei, im Heerlager der italienischen Bewegung aber, dass der Brenner der natürliche Grenzstein Italias, ... da wurde auch im Sarcatal an der Lösung dieser controversen Probleme eifrig gearbeitet: die Kaiserjäger standen an der Mündung unweit des Toblinosees, die welschen Freischaren – corpi franchi – brachen ins Judicariathal, setzten sich im Castell von Stenico fest und warfen die Österreicher bis hinter die Mauern des Castell Toblino. Dort wurde zwei Tage lang im Scharfschützengeplänkel weiter debattiert, bis der Oberst Zobel von Trient seine Bataillone zum Entsatz der Jäger sandte.

In jenen Apriltagen nun, wo der italische Freischärler darauf denken musste, sich zur Deckung des Rückzugs nach Stenico eine feste Position in den Schluchten der Sarca zu schaffen, entstand, als denkwürdige Probe der Schlauheit, mit welcher man dazumal den Barbaren zu imponieren gedachte, besagter Strohmann, und zwar damals nicht als einsamer Wegelagerer, sondern im Verein mit einem Dutzend Gefährten, die seitdem der Unbill der Zeit unterlagen.

Man gedachte sich hinter jenen Felsen wider die Verfolger zu setzen, und improvisierte auf die unzugänglichsten Höhepunkte die Männer von Stroh, um den österreichischen Kugeln falsche Ziele zu geben. Wenn sie alle so kunstreich gearbeitet waren wie der, der jetzo noch herniederschaute, so waren feine künstlerische Köpfe bei jenen Freischärlern ... ein gespaltener Baumast in die Felsspalte gekeilt, die Form des Körpers mit Stroh darum modelliert, das Kostüm ganz, gut und echt, die Stellung voll von Pathos, die Flinte eines gefallenen Kameraden in den Händen, alles innerlich durch feste Umhüllung von Sackleinwand und Nähte zusammengehalten ... Gott segne die Bildhauer von Pavia oder Mailand oder Florenz, die hier bei nächtlichem Bivouacfeuer an der statuarischen Verzierung der Sarcastrasse gearbeitet!

Der itzt noch stehende Mann konnte nur durch kühnes Klettern von Bäumen, die itzt nicht mehr stehen, auf seine unnahbare Felsspitze gebracht werden ... es ist keine Möglichkeit mehr, ihm beizukommen, wenn man den Fels nicht sprengen oder ihn mit Kanonen herunterschiessen will ... und so muss selbst der österreichische Gendarm im Jahr des Heils 1855 dort passieren, ohne ihn arretieren und dem nächsten Amt abliefern zu können ...

Ich blies meine Rauchwolken wie ein Büsser in die Luft ... in bunten Bildern zog's an mir vorüber ... ich sah sie, die Gestalten von damals mit der grünrotweissen Trikolore, hoffnungstrunkene Studenten und alte Landstrassenpraktiker, Pfaffen und Frauen mit der Büchse um die Schultern – auch sie ritt vorüber auf ihrem weissen Zelter, die hier so wenig fehlte wie anderwärts, die grosse Amazone contessa Pallavicini di Brescia ... ich sah sie alle wieder, ich konnte ihnen nicht böse sein, denn es sind schlechtere Kerls nach ihnen gekommen, schlechtere, aber gescheitere, die keine Strohmänner bauten.

Ein russiger finsterer Gesell, der in den Tiefen dort seinen Kohlenmeiler geschürt hatte, war heraufgekommen, mich zu beschauen.

»Come sta il vostro galantuomo la sopra?« fragte ich ihn.

»Sta poco bene in questi tempi!« sprach er und schüttelte das Haupt und gieng von dannen. Der Mann schien eine Ahnung zu haben, dass jene Zeiten für uns und Kind und Kindeskind vorbei sind ...

Ich nahm von dem Phantom Abschied. »Leb wohl,« sprach ich, »Du einzige Gestalt, die Du seit jenen Tagen ausgedauert, ohne Deine Waffen abzuliefern, – ich wollte, Du stündest anderwärts so unnahbar und trotzig wie hier, anderwärts im Respiciat meines Freundes, des gelbgesichtigen Ministerialrats! Der würde nimmer schlafen, so lang Du noch existiertest ... wahrlich, er würde nimmer schlafen, und würde keine Söhne mehr zeugen, die wieder Ministerialräte werden ... ich glaube, er bekäme Dich herunter! – Oder – er würde wahnsinnig und nähme seinen grossen Rohrstock und erkletterte den Felsen neben Dir und versteinerte dort wie Niobe ... Unseliger, verhängnisvoller, schändlicher Strohmann!«

Zwei Stunden nach dieser Begegnung sass ich im Bad Comano. Das Bad Comano lag bis in unser Jahrhundert verschüttet unter einem Bergsturz, und die Quelle verlief sich im Schutt. Als aber 1807 ein Bauer von Soja, der, krätzig bis ins Herz hinein, seinen Hanf in jenem Wasser rösten wollte, selber hineinfiel und gesund und reinlich wieder herausstieg, da grub man nach und fand viel Backsteingemäuer von alten Thermen und eine antike Fassung der Quelle und viel Kaisermünzen, die nach altem Votivbrauch hineingeworfen waren.

Comano ist itzt eine elegante Anstalt ... Seit 4 Wochen habe ich hier wieder den ersten Kellner im Frack und in Glanzstiefeln gesehen. Dass dies in den Wildnissen des Sarcatals doppelt wohl tut, brauche ich kaum zu erwähnen.

Wegen der Cholera in der Nachbarschaft stand alles öd und leer; der Kellner hatte daher eine solche Freude an mir, dass er fast Gewalt anwendete, um mir ein Bad aufzuzwingen, nachdem er mir auseinandergesetzt, welche Art von Kranken in diesen Wannen gewöhnlich bade ... seine Höflichkeit verminderte sich in dem Masse, als ich ihm bestimmt versicherte, dass ich an keinerlei Hautkrankheit leide. Er setzte mir sodann ein omelette aux confitures vor und schmunzelte, als ich ihm versicherte, dass ich dies in solchen Gebirgen kaum erwartet. Hierauf lud er mich zu einer Partie Billard ein.

»Es ist schade,« sprach er später, als ich sein Anerbieten abgelehnt, »dass Sie nicht in einem andern Jahr gekommen, wenn alles besetzt ist. Da ist's schön bei uns; bis in die benachbarten Bauernhäuser ... alles von Kurgästen bewohnt« ...

»Und alle hautkrank!« fügte ich hinzu und stellte eine Reihe Betrachtungen an über die verschiedenen Gründe, die den Kulturmenschen veranlassen, den Aufenthalt der Städte mit der Abgeschiedenheit der Alpentäler zu vertauschen. Da ich aber bei dieser Meditation von den Hautkrankheiten auf die Civilisation im allgemeinen überzugehen im Begriff war ... begann es mich zu schauern und ich machte, dass ich von dannen kam.

Die chemische Analyse der Badquelle von Comano ergibt Bestandteile von Ammoniak, Magnesia, Schwefel, Steinkohle und einen bedeutenden Zusatz eines organischen Öles. Sie wirkt wohltätig auch auf das »sistema orinario«.

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