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Victor von Scheffel: Episteln - Kapitel 38
Quellenangabe
typeletter
authorVictor von Scheffel
titleEpisteln
editorJohannes Proelss
correctorreuters@abc.de
senderh.guhl@stafag.ch
created20080105
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16. Molweno.

Es werden wenig Menschen draussen in der civilisierten Welt etwas von Molweno und seinem See und seinem Gletscher wissen. Dass wir Sonntag den 12. August in jenem unbekannten Landstrich eingeritten, sagt mir ausser der Erinnerung noch ein gewisses unnennbares Gefühl, was nur der zu würdigen weiss, der 8 Stunden im strohgepolsterten Sattel eines Gebirgsesels ausgehalten hat. Es war aber merkwürdig.

Stefanus der Sklav, der im Lauf einer dreiwöchentlichen Karriere bereits zum Reiseintendanten und maître de plaisir avanciert ist, hatte viel zu laufen, bis er die Tiere zum Bergritt aufgetrieben, denn in diesen gesegneten paësen ist für den Fremdentransport in seitwärts gelegene Thäler zum Glück noch keinerlei Fürsorge getroffen. Endlich gelang's ihm; der Müller von Padergnone stellte ein tadelloses Grautier mit einem unsäglichen Sattelwerk, ein anderer persönlicher Freund Stefans ein feuriges Pferdlein, das sich in ausdauerndem und kundigem Beschreiten der Bergpfade mit jedem hochschottischen Pony messen konnte.

In stiller Sonntagsfrühe ward dem Kapuziner oben an seinem Fenster noch ein freundlicher Gruss zugewinkt, dieweil heute die messa geschwänzt ward, ebenso der Pedronilla, die nicht versäumte, als gänzlich verfehltes Burgfräulein am Söller zu erscheinen ... dann zog's geordnet hinaus: Meister Anselm auf dem cavalloto, ich als gesetzterer Mann und Denker, wie sich's gebührt, auf dem Esel, der hier schlechtweg das animal genannt wird, und als reisiger Knappe zu Fuss Stefanus der Sklav im sonntäglichen Kattunkittel.

Zwischen dem mächtigen Berg Doscardol und dem Monte Gazza zieht eine Schlucht landeinwärts nach Judicarien; eine alte, noch stellenweis gepflasterte Römerstrasse führt über Trümmer und Geröll empor, bis zu dem rauhen und gottverlassenen Nest Aransch oder Laransch, dessen rauchige Strohdächer und steinbesäte Felder jeden Gedanken daran tilgen, dass unten im Thal Italien beginnt. Da Stefanus der Sklav versicherte, bis nach Aransch sei's ein leidliches stradone (Strässlein), das Beschwerliche fange erst nachher an, so durften wir, als die Höhe von Aransch erreicht war, nach dem bereits Erduldeten mit Grund einem Weg entgegensehen, dessen blosse Vorstellung einem Wasser- und Strassenbaurespicienten im flachen Deutschland draussen das Haar sträuben könnte. Der Weg kam auch. Jenseits Aransch sahen wir über den Gipfeln des Doscardol, der im Thal unten wie ein Riefe erscheint, fast hinweg, das Strässlein krümmte sich zu einem Saumpfad zusammen, der wie ein kaum sichtbarer Faden sich um die Aussenseite unseres in senkrechte Tiefe abfallenden Berges zog, ... an einem Punkt schauten wir etliche tausend Fuss unter uns die Sarca durch ihre Schluchten brausen und tief unten die neue Judicariastrasse südwärts ziehen gen Stenico ... genüber türmte sich ein dem Kalkgebirg entpresster breiter roter Sandsteinrücken, dessen letzter Vorsprung die Trümmer des Castell Mann trug, als Mittelgrund vor einer Kette ferner blauer Berge, die westlich vom Gardasee als letzte Mauer vor der lombardischen Ebene stehen ... wir aber kehrten der Sarca den Rücken und ritten schwebend über einer zerklüfteten Thalwildnis, durch die ein unbekannter Wildbach seine weissen Gewässer der Sarca zuwälzt. Und der Pfad gieng in seinen meist in Fels gehauenen Windungen oftmals steil auf und steil wieder ab; zur Linken, wo ein civilisierter Mensch sofort an schützendes Geländer denkt, war blaue Luft und unabsehbarer Abgrund ... oft auch war ein Stück Strässlein seinerzeit den Berg hinabgerollt und durch querübergelegte Tannenstämme mit überschüttetem Geröll ergänzt, und zu innerer Beruhigung dann und wann ein Kreuz in Fels gehauen, zum Andenken an solche, die vor uns gen Molweno gezogen.

Das Cavalott aber wie das animal giengen grundsätzlich immer auf des Pfads äusserster Linie beim Abhang ... media vita in morte sumus! hat mein sanctgallischer Freund Notker bei ähnlichem Anlass gesungen. Zum Glück hatte ich aus andern Thatsachen die Gewissheit gewonnen, dass von Mazzinis Theorien auch nicht der leiseste Widerhall seinen Weg nach Padergnone in die Stalleinsamkeit meines animal gefunden, sonst ... als blondhaariger Barbar und Bedrücker auf dem Rücken eines revolutionierten Getiers, das nur eine Bewegung machen darf, um seinen Reiter zu ewiger Ruhe hinabzuschütteln ... geübtere Politiker mögen die Situation ergründen. Wie wir aber an die puntera di San Wili kamen, d. h. an das Pünktlein des heiligen Vigilius, da rieselte auch mir ein Gefühl durch die Adern, was von Schwindel nicht mehr viel verschieden war. Da ich auf südlichen Alpenpfaden kein Neuling bin, und dies Gefühl mich erst zweimal beschlichen, das eine Mal bei einer Kletterung zu den Felswänden über dem Inn, da wir von Ardeez im Bündnerland einen Pfad suchten nach dem Heilbrünnlein von Tarasp, das zweite Mal, da ich vom Wildkirchlein im Appenzell auf senkrechtem kahlem Hang hinabstieg zum Seealpsee, so überlasse ich dem geneigten Leser, sich die Aussicht vom Pünktlein des heiligen Vigilius vorzustellen. Genug, ich ging zu Fuss weiter.

Nach etwa einer Stunde schloss sich die Schlucht, der wir entlang zogen, breite, hüglige Bergrücken verbanden wie ein Sattel die dies- und jenseitigen Höhen; seltsame Vegetation ... Zwergfichte, verkrüppelte Tannen, Cyclamen und rankendes Geissblatt auf gleichem Boden beisammen; es nahm den Charakter einer wilden Hochebene an, und Felsblöcke lagen wie gesäet in häufigen Stürzen inmitten des Grüns.

Menschen hatten wir auf dem ganzen Ritt nur zwei begegnet.

Am Fuss einer mächtigen senkrechten Kalksteinwand, durch die sich einmal in schmaler Spalte der rote Sandstein bis zum Gipfel emporarbeitet, wie ein bürgerlicher Mensch und Parvenü zu einer Ratsstelle im Ministerium des Auswärtigen (nämlich mit Erduldung unendlicher Quetschungen), liegt der See von Nembia.

Der See von Nembia gehört zu den zahlreichen Wesen, von deren Existenz man nichts weiss, bis man mit der Nase auf sie gestossen wird.

Schweigsam und versteckt glänzt der Wasserspiegel zwischen den Felsblöcken und Schutthügeln durch, die ihn umgeben, scheu weideten etliche Pferde im Gebüsch, ... aber aus den Tiefen dunkelten seltsame Farben wie aus dem Gemüt eines Einsamen; reichverschlungene Schichten von Wasserpflanzen deckten den grössten Teil seines Bodens mit ihrem dunkeln Grün, an andern Stellen ward der gelbe Grund sichtbar, unbewegt lag das niedere Gewässer drüber ... es war wie ein grosser geschliffener Malachitstein ... seltsam ineinand verwebte Schlingungen von Schwarz, Grün und Gelb ... und über dem Ganzen ein Hauch ungekämmter Nonchalance, die sattsam verriet, dass man in diesen Höhen die koketten Effekte, mit denen sich andere italische Gewässer schmücken, nicht kennt.

Ein Kreuz mit Inschrift gab Kunde, dass Wandersmänner allhier, ohne irgend Aufsehen zu erregen, ermordet werden können.

Aber wie ich so hinunterschaue in diesen verwilderten Nembiasee, kam eine Art Rührung über mich bei dem Gedanken, dass wieder manch ein Felsstück thalab stürzen und manches hundert neuer Kapuziner im Castell Toblino die Messe lesen kann, bis allhier so wie heute ein Stück Kulturmensch mit Schlapphut und Plaid vorüber reitet; und damit er eine annähernde Vorstellung erhalte, wie es unter dem Hut solcher Reitersmänner zugeht, fang ich, in sicherer Voraussetzung, dass weder vor noch nach mir besagtem Nembiasee die Anwesenheit eines deutschen Lyrikers zu teil werden wird, ihm zum Abschied folgendes, was allhier aufgezeichnet wird, weil Fremdenbücher dort unbekannt sind:

O zürne nicht, See von Nembia,
Im felsstarr schweigenden Thale,
Dass ein Mensch dich zu besuchen kam
Auf graulichem Animale.

Ich kenne dich, See von Nembia,
Ich lese aus deinen Zügen:
In ungekannter Schöne willst
Du nur dir selber genügen!

Fahr wohl drum, See von Nembia,
Und mög dich der Himmel bewahren
Vor allen Töchtern Albions
Und Berliner Referendaren!

Von diesem, nunmehr in die Zahl der besungenen gehörenden See ist's nimmer weit zum grossen lago di Molweno, der sich im Umfang von mehr denn zwei Stunden längs grüner Bergabhänge ausdehnt. Auch ist ein Pass mit starken Befestigungen verschanzt, zur Erinnerung daran, dass die Heere des französischen Direktoriums dereinst auf diesen Pfaden nicht ins Tirol eindrangen. Man reitet lang am Ufer hin; dann erscheint endlich der Kirchturm und die schindelgedeckten Steinhäuser von Molweno, die in der Zahl 56, nach der neuesten Statistik zu einem Gesamtwert von 14764 Gulden 10 Kreuzer veranschlagt sind. Aber bevor man ins paëse einreitet, steht in einer geröllüberdeckten Niederung beim See eine Sägmühle; ein Wildwasser kommt aus engem, dem Blick seither versteckten Thal hervor, in diesem Thal ragen finster und trotzig hinter den tannumsäumten Vorbergen viel zerklüftete kahle Hörner und Spitzen empor, ewiger Schnee glänzt in ihren Spalten, dunkle Eismassen umpanzern ihre Rücken, und hinter diesen Hörnern ragt eine zweite, noch wilder zerrissene Schicht Gebirges in unzugänglicher Höhe ... die Nebel kochen und wallen und weben unheimlich um die verhüllten Gipfel, ... das ist der Gletscher von Molweno ... wer Lust hat, mag in jene Wildnis emporklettern; wenn man drin ist, sagte Stefanus der Sklav, geht's zwanzig Stund lang so fort und fort, dann kommt die alte Holzbrücke und dann die Schweiz ... wer schon fünf Stunden in animalischem Sattel versessen, der ruft »vorbei! vorbei!« und reitet ins Wirtshaus. Von der männlichen Jugend des Dorfes unaufgefordert geleitet, kamen wir daselbst an.

In der rauchgebräunten Vorhalle, angesichts dieser schwerfälligen steinernen Häuser, angesichts der scharfkantigen Gesichter mit ihren Zipfelkappen unterm Hut, angesichts der ausgebuchteten Frackformen, die an den Molwener Strassenecken auftauchten, fliegen befreundete Erinnerungen in mir auf. Dies Gebirgsdorf in südlicher Alpenwildnis hat keine Spur italischen Charakters mehr, wohl aber gleicht es wie ein Ei dem andern den rhätischen Niederlassungen in den Bündner Alpen, und wie ich mir die Sprache dieser Biedermänner näher ins Auge fasste, fand ich, dass sie einem Mann von Camogask und Guardavall oder hinten bei Disentis wohl ebenso verständlich ist, als einem Bewohner der Arnoufer, ... der Gletscher heisst hier wie in Bünden il vedrett und nicht ghiacciajo, nehmen heisst ciappare und nicht prendere, ein junger Mensch un pütell (puellus?) und nicht giovinotto u. s. w. u. s. w. und das Germanische ist lustig eingedrungen und schaut trotz der italischen Zustutzung schatthaft hinter seiner Maske hervor . . Als ich vernahm, dass auch hier zwei Flaschen eine mosa (Mooss) bilden, dass unser Cavalott gut für il wagerle, und dass die Mühle beim Gletscher una säga sei, da freute sich mein Gemüt ... also auch in Molweno deutsche Kultur über dem rhätisch-etruskischen Urzustand segenbringend aufgewuchert! Da blüht die Möglichkeit, dass in abertausend Jahren auch »il selbstbewusstsein« und »la weltanschauung« am Fuss dieser Gletscher eine neue Heimat finden ...

Ueber die neuangekommenen Fremden und ihren Reisezweck schienen sich seltsame Gerüchte im Ort verbreitet zu haben. Ein galantuom im bekannten ausgebuchteten Frack trat ein und knüpfte ein ausforschendes Gespräch an, das von der Besorgnis durchleuchtet war, wir möchten im Auftrag des österreichischen Tabakmonopols hier erschienen sein; denn wiewohl es zu allgemeinem Verdruss der Tiroler streng untersagt ist, dass der Mensch sich seinen Hausbedarf an edelm Kraut selber pflanze, war es ihm seither gelungen, hinter dem Rücken von Gendarmerie und finanza seinen Tabakgarten in gutem unkonfisciertem Stand zu erhalten. »Ist's nicht unverantwortlich,« sagte er, nachdem er uns über allen Verdacht erhaben befunden, »dass das governo uns, die es in allen Fällen der Not i bravi e fedeli Tirolesi heisst, untersagen will, uns auf eigenem Grund und Boden diese Kopf- und Herzstärkung zu bereiten?« Er zog eine altertümliche Dose mit einer staubartigen rötlichen Substanz, von der ich seither gewähnt, dass sich ihr Vorkommen auf süditalische Kapuzinerklöster beschränke, und bot sie mir an.

»Es ist unverantwortlich!« sagte ich, nachdem ich seine Prise gekostet. –

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