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Victor von Scheffel: Episteln - Kapitel 36
Quellenangabe
typeletter
authorVictor von Scheffel
titleEpisteln
editorJohannes Proelss
correctorreuters@abc.de
senderh.guhl@stafag.ch
created20080105
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14. Der See von Toblino.

Es ist arg heiss heute, die Mücken summen unverschämt und setzen sich mit lästiger Vertraulichkeit auf fremder, gerechter Männer Nasen. Die Luft zittert in Sonnenglut und legt einen leisen, dunstigen Schleier um die Häupter der ins matte Himmelblau hinaufragenden Berge; weissgebrannt strahlen die fahlen, kalkigen Abhänge, die Landstrasse liegt verlassen im Staub, die Leute im Schloss haben die Läden geschlossen und halten Siesta. Bei solchem Stand der Dinge ist es billig, dass ich Dein gedenke, der Du seit Wochen mich mit erquickender Frische gelabt, der Du mich auf geduldigem Rücken hinaustrugst ins fresco der Abendkühle, Dein, der Du mir vertraut geworden in allen Winkeln und Enden und vertraut in Deinen Tiefen, soweit ein sterblicher Mensch hinabtauchen kann in ihre unergründliche Klarheit, Dein, Du grüner Schild und Schirm unseres Castells, alpenummauerter, braver, flutender See von Toblino!

Wenn ich abwäge, was alles daran gearbeitet hat, in dieser Thaleinsamkeit den müden Menschen wieder frisch und gesund zu machen, so fällt das grösste Verdienst Dir zu ... auf Deinen ruhigen Wogen, die ausser den gebräunten Mauern des Castells keines Sterblichen Wohnung bespülen, von den Höhen südlicher Alpen umtürmt und vom weiten prächtigen Himmelsgewölb überspannt, mag sich die Seele wieder einträumen in einfache grosse Gedanken, und vergessen, dass draussen eine Welt liegt voll böser, kleiner Getiere, die sich nagend und beissend aufeinander herumtummeln und abhetzen, als ob's keine anderen Ziele mehr gäbe als die des erbärmlichen Hochmuts und vielgeschäftiger Beschränktheit. Und es lässt sich ein Stück lernen an Dir, Du stilles, unergründliches Gewässer, wenn das Auge frei umherschweift über alles, was rings geschaffen steht, statt sich zu fesseln an Geschriebenes und Gedrucktes. Oft bin ich hinausgefahren und hab den Kahn angelegt zwischen den Wasserrosen und Binsen der waldumschatteten Ufer, und hab emporgeschaut zu den Berggipfeln ... da sind die horizontalen, wie Streifen Mauerwerks übereinander gelegten Kalkschichten früherer Formationen emporgehoben durch die unter ihnen aufgestiegenen senkrechten Wände ... und der rote Sandstein hat auch mit empor müssen und liegt in ungehöriger schiefer Stellung angeschmiegt an das Neugewordene ... ein paar Ruderschläge weiter, da liegt die Barke dem monte Casal genüber, der ist bei allzu hitzigem Aufsteigen geborsten und starrt in schauerlicher, von keiner Fläche und keinem Grün unterbrochener Wand wie ein mit starkem Schwerthieb mitten auseinander gehauener Mensch etliche 1000 Fuss hoch auf den See, in dessen Tiefen wohl seine Vorderseite begraben liegt ... und alle Ufer fallen in senkrechter Steile ab in die dunkle Flut und haben keine Ahnung von dem, was man anderwärts seicht heisst ... All das sind auch Urkunden und Aktenstücke für den, der sie zu entziffern versteht, und wenn ich auch kein Eingeweihter bin in die Geheimnisse des Alluvium und Diluvium und des Tertiären, so lese ich doch in meiner Art die Gesetze heraus, nach denen es im Grossen zugeht, und es fasst mich ein höhnisches Mitleid, wenn ich Angesichts der Umwälzungen und Vernichtungen und des ewigen flutenden Wechsels der Menschenkinder gedenke, die, selbst erst von gestern, ihre mühselig erzeugten Fehlgeburten für die Ewigkeit heranzupflanzen wähnen!

Der starre Ernst der Natur aber schafft dem Gemüt Ruhe und Zufriedenheit ... hier aussen lernt sich's, dass, wer vom Weibe geboren, nicht dazu berufen ist, den Himmel zu stürmen, und dass es ganz einerlei bleibt, ob einer auf der vermeintlichen Himmelsleiter 2 oder 10 oder 20 Sprossen empor klettert. Darum hab ich mir auch noch keinen einzigen Vorwurf darüber gemacht, wenn ich Tage lang in süssem Nichtstun verträumt, verraucht, verangelt, verkahnt habe ...

laetus in praesens animus, quod ultra est oderit curare ...

Und Du, befreundeter See, wirst's nicht verplaudern, dass sogar die Arbeit oftmals nur darin bestand, mit spitzgeschnittenem Stab im Schilf zu stehen und die fetten, schlammvergnügten Malermuscheln zwischen die breit klaffenden Schalen zu tupfen, dass sie, erzürnt ob der Störung, sich schliessen und in den Stock verkneifen und herausgezogen werden können, wie Fische an der Angel.

Und wolltest Du's auch verplaudern, und wollte einer der Hochweisen, die dafür bezahlt sind, dass sie die Splitter in anderer Augen sehen, bedenklich das Haupt schütteln, so würd ich ihm lachend sagen, er möge erstens sich dreimal eintauchen in die läuternde Flut, und zweitens im Cicero nachlesen, dass schon Laelius und Scipio der Alte als süssestes Geheimnis des Landlebens das repuerascere ergründet, zu deutsch: als alter Knab wieder zum Kind werden, und dass, wie Cicero zwar »nicht selbst von so ausgezeichneten Männern zu behaupten wagt, ihm aber von glaubwürdigen Zeugen erzählt worden,« man die beiden oft stundenlang am Meerufer von Gaëta und Laurentum wandeln sah und nichts anderes treiben als Muscheln lesen.

Warum bist du auch so schön, See von Toblino!

Was mag der Mensch noch anderweit treiben, als höchstens ein Glas vino santo trinken, wenn er in abendlichen Stunden mit kräftigem Ruderschlag sein Fahrzeug auf Dir tummelt! ... Alle, die mir mit liebreichem Wort und Blick einst beigestanden auf meinem Lebensweg, möcht' ich hier haben, und sie hinaussteuern, wenn die Schlagschatten des Doscardol und Monte Casal kühl über den Seespiegel fallen, und das Abendrot den südlichen Himmel färbt, der sich so weit und offen und anziehend aufthut hinter dem fernen Bergklotz von Arco über der lombardischen Ebene ... und möcht's ihnen zeigen, wenn der Monte Baldo jenseits am Gardasee im blauen Duft schwimmt, und nahe grüngoldene Reflexe vom waldigen Ufer hereinzittern in die Wogen, und möcht ihnen sagen: »lebet schön, denn die Welt ist schön!« ... Und wenn sie wohl nicht ersättigt wären, dann würd ich sie noch einmal hinauslocken, wenn längst das Ave Maria geläutet hat und die Menschen Felice notte! zu einander sagen ... hinaus in der Barke auf die wenig Geviertschuh breite Insel im See, wo die Fischergarne hangen und ich so gern begraben läge, wenn die Cholera mich zu raffen käme in diesen Thälern – wer dort hinausschaut, wenn der Mond in einsamer Schöne über dem Felskäppchen des Berg Cornisello aufgegangen ist und Berg und Schloss und See in seinem geheimnisvollen Dunst und Glanz zittern und selbst das Ruder silbern angeblitzt aufleuchtet, wenn es da einschlägt, wo er sich spiegelt ... der lässt beruhigt seinen Blick südlich nach dem offenen Horizont gleiten und denkt: »Du Italien dort unten liegst mir lang gut; lass mich hier meinen Schatten noch oft in die Fluten werfen!« Und wenn mit nachlässigem Ruderschlag die Barke im Kreise herumgetrieben wird, dass Berge rechts und Berge links und Schloss und Wald und Thal in schnellem Rundblick das Auge streifen, wenn dann die ersten Sterne aufleuchten, die nächtlichen Hirtenfeuer auf Monte Casal drein lodern und selbst der Leuchtkäfer sich nicht scheut, mit seinen bescheidenen Mitteln in das grosse Konzert lichtschaffender Körper einzutreten ... So möchte wohl manchem eine weiche, lyrische Stimmung auch in verknöchertem Gemüte aufdämmern, und wer weiss, um wie viel säuselnde Reime zum Preis italienischer Nächte die Tagbücher reicher würden!

Du lächelst, Nymphe des Sees, in Deiner unbetretenen Tiefe und nickst bejahend. Haft Du doch selber aus der Barke der zwei fremden Männer, aus der sonst nur helles Lachen und Jodelschrei zu Dir hinunterklingt, an einem Mondscheinabend das schwermütig ernste: Ich weiss nicht was soll es bedeuten? ... erlauschen müssen ... und wie die letzten Töne verhauchten, haben die beiden nicht mehr gelacht, und auch nichts mehr gesprochen, und sind heimgerudert, stumm und schweigend ... und des einen Ruder hat schärfer denn sonst eingegriffen in die Wogen, schärfer und schier heftig, wie wenn etwas das Herz dessen presste, der es gelenkt ...

In drei Tagen ist meine Zeit vorbei. Es wird lang dauern, Du Kleinod aller Alpenwässer, bis wieder einer kommt, der Dich so lieb hat wie ich. Dafür sollst Du aber auch meiner nicht vergessen, See von Toblino! Und wenn ich wieder draussen bin in der falschen Welt, und wenn mir's recht schlecht ergeht und böse Träume den Schlummer der Nacht stören: dann schick Du mir einen Deiner Wassergeister, dass er zu Füssen meines Lagers sitzend Dein Bild wieder aufsteigen lasse vor der gequälten Seele, Dein schönes, farbenreiches und doch ruhiges Bild ... und dass er mir ins Ohr raune, was Dich so frisch und erquickend macht und vor allem Stagnieren bewahrt ... Dich und andere, die keine Seen find: l'aria tedesca, sorpassata dall' aria italiana! –

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