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Victor von Scheffel: Episteln - Kapitel 35
Quellenangabe
typeletter
authorVictor von Scheffel
titleEpisteln
editorJohannes Proelss
correctorreuters@abc.de
senderh.guhl@stafag.ch
created20080105
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13. Von Spuren eines rätselhaften altertümlichen Kultus unter den Seidespinnerinnen.

Im Hofe des Castells ist folgende römische Inschrift eingemauert:

FATIS. FATABVS.
DRVINVS. M. NONI.
ARRI. MVCIANI
ACTOR PRAEDIORVM
TVBLINAT. TEGVRIVM.
A. SOLO. IMPENDIO. SVO. FE
CIT. ET. IN. TVTELA EIVS.
H. SN. CC. CON LVSTRIO
FVNDI. VETTIANI. DEDIT.

Aus dieser Inschrift geht hervor, dass man zur Zeit, als der antike Schlossverwalter Druinus für die Ländereien von Toblino das war, was itzt Sommadossi der Alte, in diesen Revieren sich das Schicksal nicht als geschlechtsloses Neutrum, als Fatum schlechtweg dachte, sondern als eine gemischte Gesellschaft männlicher und weiblicher Gottheiten.

Es liegt auch etwas Tiefsinniges in dieser Anthropomorphisierung eines kalten Begriffes ... da ich jedoch nicht unterrichtet bin, wie viel Passendes und Unpassendes schon in Creuzers Symbolik und anderwärts hierüber gesagt ist, so genüge die einfache Erwähnung.

Als ich an dem Mittag, da die Seidenspinnerinnen ihr Abschiedsfest feierten, hinaustrat in die offene Halle, um Zeuge ihrer Tafelfreuden zu sein, erblickte ich neben ihrem Tische ein gedecktes Tischlein. Vor diesem sass auf erhöhtem und geschmücktem Lehnstuhl eine fremdartige untersetzte Gestalt, das Haupt mit einem ehrwürdigen alten Filzhut verdeckt und auf den Arm gestützt, die Beine schlapp herunterhängend ... die Spinnerinnen bedienten sie mit Polenta und Suppe und lachten, dass die Halle dröhnte und meine Neugier aufs höchste gespannt war.

Wie ich aber näher hinzutrat, verblieb die Gestalt in ihrer selben unehrerbietigen Stellung. Und ich schaute ihr ins Antlitz ... da war das Antlitz von einem Tuch umhüllt, und das Ganze eine lebensgrosse Puppe, der Kern des Leibes Heu und Stroh, das Gewand das eines Hausknechts. Das Gelächter der schmausenden Damen wurde so unmässig, dass ich in erster Indignation nicht umhin konnte, diesem Gegenstand ihrer Verehrung unter einem verächtlichen »Buon appetito, Signore!« mit einigen Hochquarten den Hut noch tiefer ins Antlitz zu treiben und mich geräuschlos zu verziehen. – Wie aber das Mahl zu Ende war, da hob sich ein stürmisch jubelnder Festgesang, auf seinem Lehnstuhl erhöht wurde das Hausknechtsphantom die Treppe hinabgetragen, unten ein feierlicher Umzug mit ihm bis an das äussere Thor gehalten, dann eine Kutsche vorgeschleppt und die Mumie, in stiller Grösse auf dem Bock thronend, von den rasenden Weibern mänadenartig an Pferdesstelle umhergefahren bis an das Portal, das in den Nebenhof der Fabrik führt. Dort teilten sich die festfeiernden Jungfrauen in zwei Chöre, die einen waffneten sich mit Besen, Ruder und Mistgabel und besetzten das Portal; – die andern nahmen das immer geduldige Götterbild in ihre Mitte und suchten mit ihm den Eingang zu erzwingen ... es war ein Kampf, würdig in Marmor verehrt zu werden; dreimal stürmten sie an, ein Mistgabelstich durchbohrte ihr Idol, die Verteidigerinnen machten einen Ausfall und entrissen ihn den schützenden Händen der Stürmer, mit Tritten ward er misshandelt, mit Besen von hinten gezüchtigt, dann wiedererobert ... der Hausknecht blieb sich gleich wie ein Unsterblicher ... Die Wangen der Kämpfenden erglühten um ihn, wild flatterte gelöstes Haar im Winde ... endlich kam auch ihm die Stunde der Vernichtung, die Reihen schlossen sich und fielen gemeinsam über ihn her, und rissen ihn in Stücke, wie die thrakischen Weiber den Orpheus, ... unter erneutem Gesang wurden die Trümmer dessen, der an ihrem Mittagstisch gethront, den alten Hut voran ... in die Wogen des Sees geschleudert ... und nichts als ein Paar zerfetzte leere Hosen, die am Gestade liegen blieben, gaben Kunde von seinem Dasein.

Einen Rattenschwanz unter meinem Fenster rauchend, war ich Zeuge dieses furchtbaren Mysteriums gewesen. Tiefes Nachsinnen ergriff mich. Ich vergegenwärtigte mir im Geiste alles, was die germanische Mythologie von ähnlichen Kulten berichtet. Vergeblich.

Ich fand keinen lösenden Schlüssel ... Endlich dämmerte es in meinen Gedanken.

Ich erinnerte mich, dass ich hier auf einem Boden stehe, wo der römische »Cameral- und Gefällverwalter« Druinus den fatis fatabus einst ein tegurium gewidmet hat.

Sollte sich etwa der Begriff des männlichen Schicksalsgottes im Gemüt seidespinnender Epigoninnen des XIX. Jahrhunderts mit dem des Hausknechts identificiert haben? Sollte unter diesem fremdartigen Kultus die tiefsinnige Symbolik des Kampfes der Menschen mit dem Schicksal verborgen liegen? unter dem tragischen Ausgang die Andeutung, dass die Jungfrauen am Toblinosee des Glaubens leben, mit ihrem männlichen Schicksal dereinst in gleicher erschreckender Art fertig werden zu können? ...

Meine Seele ist seit jenem Tag um ein ungelöstes Problem reicher geworden. Ich werde über diesen Gegenstand tiefere Untersuchungen anstellen!

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