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Victor von Scheffel: Episteln - Kapitel 33
Quellenangabe
typeletter
authorVictor von Scheffel
titleEpisteln
editorJohannes Proelss
correctorreuters@abc.de
senderh.guhl@stafag.ch
created20080105
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11. Don Stefano Basetti.

Was wären wir im Castell Toblino und seiner Umgebung, was auf dem grünen See, was auf den kahlen Gebirgspfaden ohne Stefano Basetti? ... Nichts! Was sind wir mit ihm? Ortskundige Schiff-, Esel-, Wagerlebeförderte Signori mit stets frischen Cigarren, landauf landab bekannt wie falsche Sechser, ... Alles! – Die Geschichte von Stefano Basettis Verhältnis zu uns verdiente eine ausführliche Bearbeitung: wie ein homo sui juris ohne zu wissen wie, alieni juris wird, wie zwei Herren ohne zu wissen wie, einen Diener bekommen, einen Gondolier, Eseltreiber, Sendboten, wie ein ländlicher Colon, ohne zu wissen wie, zwei Herren bekommt ... alles steckt in dieser Geschichte. Sie kann nur von solchen begriffen werben, die Sinn für das organische Werden des Rechts haben. Zwischen uns und ihm ward kein Wort verabredet, kein Vertrag geschlossen, keine Handfeste niedergeschrieben: das Verhältnis kam – und wuchs – und war da – jetzt können wir ohne einander nicht mehr leben, wir befehlen, er gehorcht, wir gehen, er ist der Schatten, der uns folgt, wir winken, er fliegt; – ja er schwänzt sogar die Kirche für uns!

An den sonnigen Abhängen des Monte Gazza ist eine reiche Vigne, wo türkisch Korn, Maulbeerbäume, Reben in üppigem Wachstum gedeihen. Im einfachen Häuslein, dessen eine Wand noch vom Frühjahr 48 her von Kugelspuren übersät ist, versteckt unter Obstbäumen, hat Stefano Basetti gehaust, von seiner Geburt bis zu unserer Ankunft, im ganzen 57 Jahr; er ist Colon und gehört zum Castell; an Haltung und Lebensart ein Bauersmann höheren Schlages. Sieben Töchter und zwei Söhne sind seinem Stillleben entsprossen.

In den heissen Juli- und Augusttagen hat der welsche Bauer in der Campagna nichts zu schaffen und überlässt, ruhig auf der faulen Haut ausruhend, der Mutter Natur die Arbeit.

Für Stefano Basetti kamen wir somit zu rechter Zeit in diesen Landen an.

Am zweiten Tag nach der Ankunft fuhren wir in der lecken Barke, die unter zierlich gebautem, mit Zinnen versehenen Mauerverschlag im seeumspülten Schlosshof liegt, hinaus in die Abendkühle. Stefano ruderte. »Werden die Signori morgen wieder fahren?« sprach er als wir zurückkamen. »Ja.« Um dieselbe Stunde war er wieder an der Barke.

Nach kurzer Frist begannen wir uns nach verschiedenen Richtungen in die Umgegend auszubreiten. Meister Anselm hatte Plätze ausgesucht, wo er seine venetianer Leinwanden mit kräftigen Landschaftsstudien zu decken gedachte ... ich hatte einen schattigen Winkel an unzugänglichem Seeufer gefunden, der mir zu vormittäglicher Meditation und Brütung alter Geschichten wie gemacht erschien. »Wer wird uns alles besorgen, Staffelei, Malkasten, Leinwand ins Gebirg, wer über den See?« fragten wir unfern Fährmann. »Mi,« sprach Stefano. »Mi« heisst hierlands: Ich. Damit vervielfältigte sich sein Geschäftskreis ins Unendliche. Aber er kam pünktlich und schleppte den Malapparat in die Berge, und fuhr mit mir über den See, und kam vor Mittagszeit und schleppte alles wieder heim, und kam zu mir herübergefahren und setzte mich wieder über und hatte seine Bauernfreude an unserer Hantierung, und wenn wir von der Barke in die kühle Flut sprangen und ihm davonschwammen, da rief er ein übers andermal sein staunendes »höh höh ...« und sprach: so brav im ins-Wasser-gehen sei hierlands niemand.

Wie die nähere Umgegend erschöpft war, fragten wir ihn nach etlichen Wegen in weitere Ferne. »Ich gehe mit,« sprach Stefano. Und wir sind nach Calavin gegangen und nach Padergnon, nach Madruzz und nach Molwen, nach Comano und an den See von Cavedine, Stefano ging mit, ohne dass ihm ein Pfennig Honorars verabreicht ward. Aber wir hielten ihn dafür auch als wie ein Stück von uns, und bewunderten mit ihm das grosse Welschkorn in den Feldern des Bischofs von Trient, und die Reben oben bei der hl. Rochuskapelle, die den vino santo tragen, und tranken mit ihm tapfer Wein, und bestellten extra für ihn noch ein paar Stücke Brot weiter, denn was er nicht verzehrt, das steckt er ein für später.

Und allmählich verzog sich Stefano Basetti mehr und mehr von seinem Häuslein im Grün der Obstbäume zu uns ins Castell herüber ... »ho trovato gusto di questi Signori,« sprach er, als ich ihn eines Tags ob der Vernachlässigung seines Herdes und seiner ehrwürdigen Bettgenossin zu Rede stellte.

Stefano Basetti hat zu Haus sich manch einen Vorwurf ob seiner vita nuova zu erdulden; seit er mit uns geht, trägt er seinen sonntäglichen Kattunkittel und seine sonntäglichen schwarzen Hosen auch des Werktags ... was ihren Fall um sechs Jahre beschleunigt; er kommt hie und da leicht angegriffen heim, hie und da bleibt er ganz aus ... es war ein rührend Bild, wie wir einst vom Bad Comano in später Nacht heimkehrten und seine Alte samt Kind und Kegel mit einer grossen Laterne auf der Landstrasse trafen; sie waren ausgezogen, den nachtschwärmenden Hausvater zu suchen ... Aber es lässt sich nichts dagegen machen, Stefano Basetti hat gusto an uns gefunden, er weicht nimmer ... So sich als die Sonne aufgeht, kommt es jeden Morgen mit schweren Tritten durch den Vorsaal getappt, dann bleibt's eine Weile still, als wenn ein Mann lauschend den Kopf ans Schlüsselloch hielte, dann erhebt sich ein eigentümliches Geräusch an der Stubentür, was aus Scharren mit dem Fuss, Klopfen und mit der Faust dem Holz entlang fahren zusammengesetzt ist und mir vom Anklopfen der Hauensteiner Bauern an der Amtskanzlei zu Säkkingen noch wohl bekannt ist ... Dann erscheint eine Gestalt unter der geöffneten Tür, die wie sie uns ansichtig wird, einen Schritt zurücktaumelt, weil ihr jetzt erst einfällt, dass sie den Hut noch auf dem Haupt trägt ... und sie reisst den Hut mit krampfhaft gebogenem Arm nieder und öffnet den breiten Mund zu einem Lachen, aus dem eine unendliche Fülle von Wohlwollen herausklingt, und fragt: »vanno in nissun' luogo oggi, i Signori? ...« Das ist Stefano Basetti, unser Sklav.

Seit er die schüchtern vorgebrachte Bitte verwilligt erhielt, dass die Überreste unserer Mittagsmahlzeit nicht in die Küche des Castells zurück, sondern in seine casa hinüberwandern, hat sich sein Eifer gesteigert, und er ist neulich sogar auf dem Bock neben dem Kutscher mit nach Terlago gefahren, ohne eine Silbe der Andeutung verstehen zu wollen, dass dieser Ausflug auch ohne ihn bewerkstelligt werden könne.

Stefanos Tochter Carolina ist unsere Aufwärterin und cameriera; noch fast in jedem Dorf, durch das wir mit ihm wanderten, hat da oder dort eine Frau zum Fenster herausgeschaut und ihn gegrüsst, und er hat mit Stolz gesagt, es sei eine verheiratete Tochter.

Es wäre noch viel zu erzählen ... aber eben reisst sich die Tür wieder auf und er ruft: »sono pronti gli animali!« Wir sollen nach den Höhlen von Lasine reiten ...

Mög es uns am jüngsten Gericht nicht angerechnet werden, wenn Stefano Basetti, der Mann von 57 Jahren und Vater von 9 Kindern durch seinen Gusto an den zwei fremden Signori zum Bummler geworden!

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