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Victor von Scheffel: Episteln - Kapitel 31
Quellenangabe
typeletter
authorVictor von Scheffel
titleEpisteln
editorJohannes Proelss
correctorreuters@abc.de
senderh.guhl@stafag.ch
created20080105
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9. Von den Bewohnern des Castells.

Herr und Meister des Schlosses ist der Graf Pius Wolkenstein in Trient. Wie es aber überall zu gehen pflegt, wo das Auge des Herren nicht selbst wacht, und wo ein rechtschaffener Verwalter seine Pflichten gegen seinen Mitmenschen mit denen gegen sich selbst in gehörigen Einklang zu setzen weiss, ist auch hier besagter Graf Wolkenstein in Hintergrund gesetzt, und sozusagen auf seinem eigenen Schloss Hintersass geworden, während sein Administrator Sommadossi sich drin eingenistet und ausgebreitet hat, wie der Golem in der arabischen Sage. Daher ist der eigentliche Padron des Castells Sommadossi der Alte, und dem Grafen sind sozusagen um Gotteswillen noch etliche Zimmer freigelassen für den Fall seines Besuches.

1. Von Sommadossi dem Alten.

Wer ihn so sieht zum ersten Male, wenn er in seinem linnenen Frackwams schmunzelnd die Halle auf und nieder schreitet, das rötliche Antlitz mit den klugen Augen und den Ohrringen etwas zu Boden gesenkt, der ahnt nicht, welch ein schlauer weltgetriebener Geschäftsmann in dieser harmlosen Hülle steckt.

Aber wer auf dem Markt des Lebens ein reicher Mann werden will, der muss bei diesem alten Knaben in die Schule gehen ... er hat's verstanden, Land und Leute abzugrasen. Administrator des Grafen Wolkenstein, Besitzer grosser eigener Campagnen, Inhaber eines Poststalls, Aktionär bei der Omnibuswirtschaft und dem Gasthof Europa in Trient, Mitunternehmer beim Bau der Sarcastrasse, Eigentümer einer Sägmühle und zweier Locanden in Padergnon, wo er seinen selbstgepflanzten Wein absetzt, Direktor der im Castell etablierten Seidenspinnerei, ... kein Wunder, dass einer vergnüglich lächelnd in die Welt schauen kann. Mit den Kapuzinern von Arco steht Sommadossi der Alte auf einem ausgezeichneten Fuss ... er setzt sie oben an seinen Tisch und hängt ihnen das Messgewand in der Kapelle persönlich um und schickt ihnen jährlich seinen Tribut an Rotwein ... das schafft Kredit bei Gott und den Menschen. Seit wir seinem vino santo die gebührende Ehre erzeigt und den conto zweimal in Gold bezahlt haben, ist auch seine Anficht von den Repräsentanten der freien Künste eine bessere geworden.

2. Von Sommadossis Söhnen,.

a) die auswärtigen:

aa) Der Theolog ist Kurat im Gebirgsdorf Aransch, wo die Füchse und Eulen einander gute Nacht sagen, und kommt wöchentlich auf seinem Maultier herabgeritten, um sich beim Alten ein weniges herauszufressen.

bb) Der Soldat war ein Taugenichts und ist von wegen falscher Liebe unter die Kroaten gegangen. Von seiner Hand steht ein Vers an der Saaltür angeschrieben:

addio mia bella addio!
l'armata se ne va.
Se non partissi anch' io
Saria una viltà!

Monatlich regelmässig eintreffende Briefe aus der Garnison Bregenz, Zuschuss von 20 bis 50 Gulden zur Kadettenlöhnung betreffend, erinnern Sommadossi den Alten an die Existenz dieses Sohnes,

b) Die Anwesenden.

aa) Candidus der Postverwalter hat eine schöne junge Frau aus Drô; bei der Hochzeit wurde ihm ein auf Velin gedruckter Festgesang überreicht, der den feierlichen Wunsch enthält: »E fia la tua vita un solo amplesso!« und da ein Postverwalter im Sarcatal noch mehr Musse hat als einer im Reich draussen, so bestrebt er sich, in Erfüllung seiner Menschenpflichten diesen Wunsch zur Realität zu machen.

bb) Emiliano. Wie oft sah ich ihn wandeln, den blassen Jüngling mit dem wehmütigen Lächeln um die unschönen Lippen, in seiner breiten Sommerkappe und mit dem eleganten Stöckchen – und ward mir nicht klar, was in dieser weiten Natur einen Menschen so betrübt und seelenleidend machen kann. Und der Chirurg von Calavin kam eines Tages von seinen Gebirgen niedergeftiegen und setzte ihm ein Dutzend Blutigel an die Nordseite des sterblichen Leichnams, da blieb er etliche Tage zu Bett, aber das Leiden war nicht gehoben und er geht wieder so verstört niedergeschlagen einher, wie ehedem ... Aber wie ich ihn eines Abends ansprach, und er mir mit dem unnachahmlichen Lächeln der Wehmut mitteilte, dass er ... Rechtskandidat sei und im Herbst nach Innsbruck ins Examen müsse: da war mir alles, alles erklärt ... Ahrens Naturrecht und unheilbare Schwermut und innerliche Hämorrhoiden ... und ich suchte ihn zu trösten und sprach: »niente paura! Wenn's auch jetzt Mühe und Not kostet, Signor Emiliano, desto schöner ist der Lohn. Sie müssen erst in die Praxis kommen, Signor Emiliano!« Und er drückte mir die Hand und grüsst mich seitdem viel freundlicher als sonst ... aber der Umstand, der Umstand ...

3. Von Sommadossis Tochter.

Sie heisst Pedronilla und ist neunzehn Jahre alt; an Werktagen trägt sie ein rotbraunes Kleid, an Sonn- und Feiertagen ein grünes mit drei Volants und dazu einen Sonnenschirm. Im Anfang kam des Abends unsere Cameriera und sprach: »a detto cosi la Pedronilla: che godano d'una felicissima notte i dui Signori« ... und wir fuhren sie in der Barke über den Toblinosee. Jetzt richtet die Cameriera abendlich keinen Gruss mehr aus, und wir fahren ihre Herrin nicht mehr in der Barke ... Varium et mutabile semper femina!

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