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Victor von Scheffel: Episteln - Kapitel 30
Quellenangabe
typeletter
authorVictor von Scheffel
titleEpisteln
editorJohannes Proelss
correctorreuters@abc.de
senderh.guhl@stafag.ch
created20080105
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8. Sonntag.

In der Früh des andern Morgens weckte ein Glöcklein mit hellem Klang aus dem Schlummer. »La messa!« rief das dienende Mägdlein Carolina zur Tür herein. Und wie wir geruhig die müden Gebeine weiter strecken wollten, kam sie ungeduldig herein und rief zum zweiten: »ma presto Signori, la messa!« Und ich besann mich, dass wir in Südtirol waren, dem Land der Wunder und stigmatischen Heiligen, und besann mich auf das, was Heinrich IV. einst gesagt, da sich's drum handelte, ob Paris sein werden sollte, und fuhr in die Kleider, um der Einladung Folge zu leisten. »Vi abbiam aspettato,« sprach Sommadossi der Alte, da ich in den Saal kam. Er wandelte mit einem Kapuziner auf und ab und sprach's mit einem Ton des Vorwurfs. »E 'l vostro compagno?« – »E protestante,« sagte ich. »Hm? ... hmmm!« murmelte Sommadossi der Alte. Seine Beziehungen zu Ahrens Naturrecht wurden mir mehr und mehr rätselhaft.

Das Castell Toblino hat, angebaut ans Portal, eine einfache Kapelle. Jeden Sonntag schickt das Kloster von Arco einen Kapuziner, der Schlossbewohnerschaft Gottesdienst zu halten. Wer hier keinen Kalender hat, kann die Zeit nach den Gestalten der Mönche berechnen, die ihm sonntäglich erscheinen. Wenn der fünfte Kapuziner kommt, ist wieder ein Monat dahingeschwunden.

Der ländliche Kultus, in welcher Form auch immer er auftritt, hat etwas Rührendes, Einfach-Grossartiges, das keine Funktion in St. Peter zu Rom mit all ihrem Prunk und Glanz erreicht. – Nach der Kirche sass ich im grossen Saat.

Der Kapuziner von Arco fing ein Gespräch an; er war ein feiner Kopf, unterrichtet in dem, was ihn anging, alles andere existierte nicht für ihn, ausser als Teufelswerk; eine Überzeugung, hart wie das Gestein seiner Berge – und eine plebejische Kraft ... mit solchem Material ist etwas auszurichten. nach kurzem Eingang war er bald bei der Sache. »Ihr reiset mit einem Gefährten, der einer Sekte angehört, die zur Hölle verdammt ist,« sprach er. »Wir haben in Deutschland 30 Jahr Krieg geführt, als man dachte wie Ihr,« sagte ich, »jetzt ziehen wir den Frieden dem Krieg vor und lassen einander gewähren.« »So redet der Teufel, der die Gemüter lau macht,« sprach er. »Möglich,« sagte ich.

Wir kamen auf Trient zu reden. »Wenn die Väter, die dort zum Concil versammelt waren, vor 300 Jahren mehr an die Liebe als an die Scholastik gedacht, und nicht nach Einflüsterungen der römischen Legaten und ganz seltsamen Motiven ihre Aufgabe gelöst hätten, könnte viel anders sein,« sagte ich. Leider hatte ich in Venedig des gewaltigen Historikers Sarpi Geschichte des Concils studiert und konnte ihm mit schlimmen Details aufwarten. »Woher wisst Ihr das?« fragte er. »Es hat mich interessiert.« »Ihr seid auch ein Ketzer,« sprach der Mönch, »man muss nicht zu viel wissen.« – »Was werdet Ihr später sein, wenn Ihr in die Heimat zurückkommt,« frug er im Verlauf des Gesprächs. – »Ich weiss nicht,« sagte ich, »am liebsten Professor.«

»Ah so,« sprach der Kapuziner, »professore d' encyclopedia, professore d' universalità, professore di toleranza ... e poi con Voltaire nell' Inferno.« »Warum das?« fragte ich. »Weil Ihr von allem etwas wisst und von der Hauptfache nichts,« sagte er.

Er war weit entfernt, zu glauben, dass er mir Grobheiten gesagt; er sprach, weil es so seines Amtes war. Ich versicherte ihn meiner Hochachtung. Wie ich mich bei ihm verabschiedete, murmelte er ein Gebet zur Madonna, dass sie alle armen Seelen erleuchten möge zur Umkehr, die den Pfaden der Verdammnis entgegenschritten.

Warum ich dem Frate von Arco nicht bös sein konnte? ... Weil ich in diesen Zeiten der wechselnden Passatwinde und Interessenrechnungen und diplomatischer Haarspalterei an allen meine Freude habe, die ihrer Sache so sicher sind wie dieser Kapuziner. »Was wollt Ihr,« hatte er zu mir gesagt, »tut Gott nicht heutzutag noch ebenso sehr seine Wunder wie ehdem? Wir Kapuziner alle sind ein Wunder Gottes; wir haben nichts als unsre Sandalen am Fuss und die Kutte am Leib, und den Glauben an ihn, und er sorgt für uns und schafft uns Speise und Trank und Obdach, und wiewohl wir die Ärmsten der Schöpfung sind, sieht uns jedermann gern über seine Schwelle treten und setzt uns zu oberst an seinen Tisch! Maraviglia di Dio!«

Nach 14 Tagen kam derselbe Fra Serafino wieder ins Castell. Er hatte mit dem, an dem die Reihe war, getauscht. Er kam schon Sonnabends und brachte eine riesige Angel mit; ein weisses Schnupftuch ums Haupt gebunden, stand er in seiner braunen Kutte trotz Sonnenglut und Mittagshitze am See und fischte, dass Stefano der Knecht griesgrämig sagte: »benedetto questo frate, wenn unsereins die Angel stundenlang auswirft, kommt gewiss das miserabelst kleinste Fischvolk von weit und breit, und ihm schwimmen die Karpfen und Forellen zu, als müssten sie ihre Andacht bei ihm verrichten.«

Des Abends klopfte es auf unserer Stube, und er trat herein ... es habe ihn getrieben, nach dem Befinden der fremden Signori zu sehen, sagte er. Er war freundlich und wohlwollend in seiner Art. Wir luden ihn zu einem Glas vino santo ein. Er trank, aber nur, um höflich zu sein. Wir zeigten ihm Bilder und Photographien von Venedig und erzählten ihm von welschen und deutschen Dingen. »Eines ist wahr,« sagte er, »man lernt viel bei Euch in der Jugend.« Wir stiessen mit ihm an. Er begann, gemütlich zu werden.

»Ich hege nur den einen Wunsch,« fuhr er fort, »dass wir dereinst selbdritt im Paradies zusammen sitzen könnten, so einmütig und herzlich, wie hier auf dieser Stube.«

»Hoffen wir es!« sprach ich zu ihm.

»Es ist nicht möglich,« sagte er und setzte sein Glas ab.

Die Leute im Castell hatten ihm zu seiner Erquickung ein Bad bereitet und riefen ihn ab ...

Seine Mitbrüder, die vor und nach ihm sonntäglich allhier erschienen, mag ich nicht des Näheren beschreiben.

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