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Victor von Scheffel: Episteln - Kapitel 3
Quellenangabe
typeletter
authorVictor von Scheffel
titleEpisteln
editorJohannes Proelss
correctorreuters@abc.de
senderh.guhl@stafag.ch
created20080105
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Dritte Epistel in die Heimat.

Säkkingen, den 2. Februar 1850.

(wie der Doktor Scheffel auf die Entdeckung eines Vetters, beziehungsweise einer Cousine auszog, selbe aber für diesmal nit finden konnte. Ein Kapitel, worin auch einiges von sauren Gurken und von Jena vorkommt.)

Wenn der Mensch so eine Woche lang nicht aus seiner Höhle herausgekommen ist, in welcher er zur Ehre des modernen Staates Polizei- und Kriminal-Akten zusammenschmiert, so stellen sich hie und da ganz seltsame Gedanken bei ihm ein, die kommen unangeklopft und ohne dass ihnen der Amtsdiener Hauser ein Herein! zugerufen; und es steht von ihnen weder im badischen Strafedikt noch in Rettigs Polizeigesetzgebung eine Silbe.

So sitz' ich neulich bei meinen Akten und denk' über einen schweren Fall von Zolldefraudation nach, und wie ich weiter denke, wird mir selber irgend ein fremdes Bündel Gedanken in den Schädel eingeschmuggelt, und wie ich mich recht umsehe, denk' ich nimmer an Zoll und Akzise, sondern an meine verschiedentlichen Cousinen! Und da dacht' ich mit sonderbarer Hochachtung an die blonde Dame von Paris, der ich am Wolfsbrunnen zu Heidelberg im Rauschen des Quells und der Linden erklärt hatte, was das germanische Gemüt sich unter dem Begriff »träumen« für eine unendliche Welt vorstelle, und die mir darauf höchst naiver Weise geantwortet: »oh que je puisse rêver avec vous!« und dachte ferner an die kleine Cousine Ida mit grossen, brauen Augen und so weiter und hätte schliesslich beinahe folgenden Beschluss zu den Akten geschrieben:

»In Erwägung, dass in Grosslaufenburg ein Onkel meiner Cousine Ida wohnt; – in Erwägung ferner, dass dieser Biedermann zwar Fürsprech und Grossrat, mir aber völlig unbekannt ist; – in Erwägung jedoch, dass dieser dann notwendigerweise eine schöne Tochter besitzen muss; in Erwägung, dass die Bekanntschaft dieser Tochter, die derselbe notwendigerweise besitzen muss, wesentlich zur Erweiterung meines Cousinensystems beitragen wird: beschliesst der Respizient für Kriminalsachen, heute nachmittag nach Grosslaufenburg zu gehen, um die Tochter zu entdecken, die der Fürsprech Heim notwendigerweise besitzen muss.«

Dieser Beschluss wurde alsbald ausgeführt. Es wölbte sich gerade ein prächtiger, dunkelblauer Himmel über Berg und Tal und wehte ein halbes Frühlingslüftlein, dass selbst der gestrenge Oberamtmann die Versäumnis der Kanzleistunden für entschuldbar fand. Ein Begleiter war auch bei der Hand, nämlich der rotbärtige Militärarzt aus Westfalen, und also wanderten wir am Mittag des »schmutzigen Donnerstags« über die alte hölzerne Rheinbrücke hinüber gen Grosslaufenburg, er, um chirurgische Instrumente zu kaufen, und ich, um meine helvetische Cousine zu suchen. Und marschierten frisch zu, durch allerlei Maskenspuk im Dorfe Sisslen und durch einen grossen Tannenwald, und sprachen allerlei über deutsche Politik, wobei sich herausstellte, dass unsere Ansichten so gleichartig waren wie die Zwecke, die uns gen Laufenburg führten!

Und nach zwei Stunden hatten wir die Türme des Städtleins vor uns, und liegt dasselbe gar stattlich in der Höhe des Rheinstrudels und bietet mit der alten gotischen Kirche oben auf dem Felsen und einem alten Stadtwall und mehreren Tortürmen einen gar stattlichen Anblick, von dem sich mein Skizzenbuch seinerzeit einen Abdruck nehmen wird.

Nun haust aber in Grosslaufenburg ausser den mir unbekannten Grössen auch noch eine mir bekannte, nämlich der Professor an der Realschule, Clemens,Vgl. Jahrbuch des Scheffelbundes für 1892, S. 18: Sanitätsrat Dr. Chr. Fr. Clemens in Dortmund. mit dem ich so manches Stübchen Lichtenhainer in Jena getrunken, und der ein so lammfrommes Gesicht machen kann, dass ihm's niemand ansieht, dass er der Verfasser der famosen »Geschichten, wie man sie in Thüringen erzählt« in zu den fliegenden Blättern ist. Diesen wollt' ich zuerst aufsuchen, auf dass er mir wie ein Johannes in der Wüste die Wege bahne zum Herren Fürsprech.

Einen Biedermann, der drei Jahre in Jena studiert hat, sucht man, und wenn er in dem entferntesten Nest von Europa wohnte, am sichersten zu jeder Tageszeit im besten Wirtshause dieses Nestes auf. Ich dämmere also in die Post. Richtig sitzt mein Krauskopf Clemens hinter seinem Schoppen. Ich stelle mich vor ihn hin und sehe ihn ruhig an, da macht er zuerst sein ernstes, lammfrommes Gesicht, als wenn er einen Generalsuperindententen vor sich hätte, aber die Mienen ziehen sich immer normaler und jenischer, und zuletzt schüttelte er mir mit einem herzlichen: »Ach so, du bist's, alte Jacke? wo führt dich der Teufel her?« die Hand.

Und nun ging's los, und war ein förmliches Feuerwerk von Frag' und Antwort, und musste mancher Schoppen den Weg seiner Bestimmung wandern, und wer das alte Lied einmal gesungen hat:

Nichts Schönres kannst du haben
Und was das Herz mehr freut
Als wenn zwei alte Knaben
Sich sehn nach langer Zeit!

der weiss, wie's uns zwei beiden zu Mut war.

»O Lichtenhain und Jena, o Zeiten wundersam!« wer einmal auf dieses Thema kommt, der verlässt es so bald nicht mehr, und wenn ein Fass Bier in der Nähe steht, wo zwei Gesellen von Jena sprechen, da hat selbiges Bierfass hundert Prozent mehr Wahrscheinlichkeit, leer zu werden, als voll zu bleiben; zumal, wenn die Gesellen vom Schlag sind wie der biedere Clemens, von dem die Sage geht, dass er einstmals auf dem Markte zu Jena mit nur einem Genossen sich ein Fässlein Rudolfstädter Braunes angeschrotet hatte und einem unschuldigen Füchslein, das auch um einen Schluck hat, zur Antwort gab: »Geh zum Teufel, Fuchs; siehst du nicht, dass wir hier schon zu zweien sind?«

Da stieg sie wieder auf in ihrer alten Pracht, die Zeit burschenschaftlichen Schwärmens und zertrümmerter Stacketen, die Zeit der Bummellieder und geraubter Gänse, die Zeit riesenhafter Entwürfe und noch riesenhafteren Durstes; und eine stille Wehmut, die aber dennoch ein solides Trinken nicht ausschloss, stellte sich ein beim Gedanken: wo sind sie hingeweht vom Sturm der Zeit, all die stolzen Himmelsstürmer, die damals den Schläger und den Steinkrug schwangen? –

Die einen, die weinen;
Die andern, sie wandern;
Die dritten noch mitten
In strudelnder Flut; –
Und manche gestorben
Und manche verdorben!

– Ach, lieber Gott! und auch er war gestorben, Zottel, der Teutonenpudel, der so stolz einst auf dem Markte zu Jena seinem Herrn die Pfeife nachtrug und mit den Hunden der Korpsburschen sich herum biss; – und auch ihm weihten wir ein stilles Glas! –

Und kaum waren wir über die ersten Einleitungen hinaus, und kaum hatten wir der Erinnerung an Jena nur das geringste Mass von pietätvollem Tribut gezollt, als schon die Sternlein am Himmel aufzogen, und wie mir allmählich der ursprüngliche Zweck der Laufenburger Fahrt wieder aufdämmerte und ich dem Bürger Clemens sagte, er solle mich jetzt zum Fürsprech Heim führen, und den Rheinwirbel wolle ich auch noch sehen, da machte er wieder sein lammfrommes Gesicht und sprach: »Dies kommt später!« Und der Orion war schon ziemlich hoch über der Rheinbrücke, und der grosse Bär trieb sich auch schon am Himmelszelt seit geraumer Zeit herum, als wir die Post verliessen.

»Jetzt gehen wir zum Fürsprech Heim,« sprach Clemens, »dort gilt keine Visitenstunde, – aber vorerst muss ich dir meine Stube zeigen.« Und wie ich mit ihm heraufstieg, da war ein Tischlein in seiner Behausung gedeckt, und paradierte darauf ein germanischer Schwartenmagen und zwei grosse Flaschen Rotwein und – was bei einem spezifischen Jenenser Frühstück nie fehlt, aber auch ausserhalb dieses Kulturkreises nicht in Deutschland vorkommt – ein paar kürbisartige, riesenhafte, eingemachte Wassergurken.

»Wassergurken! 's ist das einzige Trümmerstück Jenaischer Kultur,« sprach Clemens, »was ich nach der Schweiz verpflanzt habe. Lichtenhainer gibt's nicht, Köstritzer gibt's nicht, – da hab' ich wenigstens eine Erinnerung gross gezogen und mir ein Quantum Wassergurken nach Jenaischen Rezepten eigenhändig eingemacht.«

O diese Wassergurken! es lag ein weltgeschichtlich erschütternder Inhalt in diesen Wassergurken. –

Was blieb übrig, als in stiller Rührung dieses Jenaische Frühstück zu verzehren; – denn wer auf dortiger Hochschule seine Studien gemacht, der frühstückt zu jeder Tageszeit; – und der Rotwein lag auch nicht überzwerch in den Flaschen, und wieder stieg die Zeit von Jena in ihrer alten Pracht auf, und mit verhülltem Antlitz entflogen die verschiedentlichen Cousinen aus den Prachtsalons meiner Gedanken. –

Wie wir aber endlich wieder hinabgestiegen waren, da sprach der wassergurkeneinmachende Clemens ganz trocken: »Wenn es dir jetzt genehm ist, so will ich dich jetzt zu deinem Fürsprech führen.« Aber da kamen mir die Häuser so wacklig und der Boden so sonderbar vor, und der Mondschein war so grell, und der Rhein rauschte bergan und jene Stetten'sche Stimmung, wo dem Menschen klar wird, dass es keine Ideale gibt, bum! bum! ergoss ihren Zauber über mich, so, dass ich erwiderte: »Dies kommt später! vorerst führ mich nach Kleinlaufenburg zum Militärarzt mit dem roten Bart, und führe mich sorgsam, mein Sohn Hadubrand, und halt in allem Wechsel der Zeiten nur das eine fest, dass der ›Weltgeschichte faustisch promethisch Ringen nur ein Funke aus dem grossen Lavastrom des Absoluten ist.‹«

Der wassergurkeneinmachende Clemens führte mich treu und sorgsam zu meinem Reisegefährten, der inzwischen einen Leiterwagen behufs der Heimfahrt aufgetrieben hatte. Wie's aber ans Abfahren ging und die Peitsche des schnöden Kutschers knallte, machte Clemens wieder sein lammfrommes Gesicht und sprach: »'s ist übrigens ein Glück für die schöne Tochter, die der Fürsprech Heim notwendigerweise besitzen muss, dass er keine hat, denn in deinem absoluten Zustand heut abend hättest du ihre Eroberung hoch schwerlich gemacht. Auf Wiedersehen!«

Und also rasselte ich im Leiterwagen durch die mondhelle Nacht über Rhein und Murg nach Säkkingen zurück und hatte zwar keinen Vetter, aber doch auch keine Cousine entdeckt. Der rotbärtige Militärarzt aus Westfalen aber, der in seinen Musestunden Hebels Schatzkästlein zu lesen pflegt, sprach im Ton des rheinländischen Hausfreundes:

Merke erstens: Du musst in der Schweiz keine schöne Cousine aufsuchen, wenn keine da ist.

Merke zweitens: Wenn du sie aber, trotzdem sie nicht existiert, doch aufsuchen willst, so besuche vorher keinen alten Bekannten, mit dem du in JenaStudiert hatte der Verfasser zwar nicht in Jena, wohl aber zweimal zum Besuch seines Heidelberger Freundes Schwanitz dort geweilt. studiert hast, zumal, wenn selbiger eingemachte Wassergurken besitzt.

Merke drittens: ein Glas frisch Wasser morgen beim Aufstehen wird gut für den Katzenjammer sein.

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