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Victor von Scheffel: Episteln - Kapitel 29
Quellenangabe
typeletter
authorVictor von Scheffel
titleEpisteln
editorJohannes Proelss
correctorreuters@abc.de
senderh.guhl@stafag.ch
created20080105
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7. Castell Toblino des weiteren.

In der grossen Stube stand ausser den Kisten mit Rohseide auch ein altertümlicher Schrank, den ein grüner Vorhang geheimnisvoll überdeckte. Ich lüftete den Vorhang; es war ein Bücherschrank. Ich tat einen Griff hinein; aber wer in einen Bücherschrank greift, teilt das Schicksal des Fischers, der auf Gratewohl seine Angel in den See taucht: es kommt auf den Zufall an, ob er eine Forelle herauszieht oder einen Weissfisch. Ich zog Ahrens Naturrecht heraus. Corso di diritto naturale, o di filosofia del diritto privato e publico, di E. Ahrens, versione eseguita del Professore Vincenzo de Castro. Milano 1851. Ich schlug den ersten Band auf und las: »Das öffentliche Recht wird in Hinsicht auf seine Quellen eingeteilt in philosophisches öffentliches Recht und in positives öffentliches Recht ... Das philosophische öffentliche Recht entwickelt die Fundamentalgrundsätze des sozialen Lebens, indem es übereinstimmend mit ihnen eine ideale politische Organisation darstellt, die zwar noch nicht existieren kann, die aber, weit entfernt ein einfaches Erzeugnis der Einbildungskraft zu sein, das unverrückbare Endziel ist, welchem allmählich, wenn auch mit Langsamkeit, alle vorhandenen Organisationen entgegenstreben ...« (p. 139).

Ich schellte heftig mit einem vorhandenen Glöcklein. Ein alter Knecht des Hauses, der, seinem Dunstkreis nach zu schliessen, mehrfach der Stallarbeit oblag, erschien.

»Cosa commanda il Signore?« frug er. »Noch ein Glas vino santo,« sprach ich und reichte ihm Ahrens Naturrecht, übersetzt von Vincenz de Castro, »und stellen Sie dieses Buch dort an seinen Platz.«

Sommadossi der Alte begann, uns ein interessantes Problem zu werden: Besitzer eines Schlosses am schönsten, grünen Alpensee, Pflanzer eines vino santo, der dem cyprischen an Glut gleichkommt, Menschenkenner von Distinktion, der über den internationalen Verkehr der Mädchen seines Castells und der fremden Maler gegründete Bedenken hegt ... und Anhänger von Ahrens Naturrecht!! Ich dachte an die langen Winterabende, die den Menschen diesseits wie jenseits der Alpen zu mannigfachen Extravaganzen verleiten ... es blieb mir unklar.

Es war noch lang bis zum Abendimbiss. Darum griff ich ein zweites Mal in den Bücherschrank, aber diesmal nicht ohne Vorbedacht. Es ist immer löblich, zu wissen, wo man ist, wenn man auch nicht immer weiss, warum man da ist. Statistica del Trentino hiess das Buch, das ich diesmal herausholte. Und ich las mit Befriedigung unter dem Buchstaben T:

»Toblino, altes römisches Castell auf einer Halbinsel des gleichnamigen SceS, der eine Länge von 1500 pertiche hat und in der südlichen Ebene des Tals von Vezzano zwischen den Ortschaften Padergnone und Sta. Massenza und dem Fluss Sarca liegt. Eine römische Inschrift bezeugt die Existenz dieses Ortes in jenen Zeiten. Es kam im Verlauf an eine Familie, die sich nach dem Castell selber benannte. Ein Odorico di Toblino wird in einer Urkunde von 1124 erwähnt, im Jahr 1161 kommt ein Otto mit seinem Neffen Federigo und in den Urkunden von 1204-1233 häufig Herr Turiscendo di Toblino vor.

Dies Schloss fiel sodann an das Haus derer di Campo, die es mehrere Jahrhunderte durch inne hatten, und ist gegenwärtig ein possedimento rurale derer von Wolkenstein zu Trient.

Die ruhige Einsamkeit dieses Castells, welches seine Türme in den durchsichtigen Gewässern eines Sees spiegelt, die von Oliven und immergrünem Gebüsch bewachsenen Hügel, die ihn umgürten, die kolossalen Felsen des Monte Casale, die sich im Westen des Sees erheben, bilden ein landschaftliches Ganzes, das zu den anmutigsten und eigentümlichsten des Trentiner Gebiets gehört.

Toblino bildet einen Teil des Territoriums von Fraveggio, Gerichtsbezirk Vezzano, Landhauptmannschaft (capitanato) von Trient.«

Wiewohl ich nun aus einer Notiz der dieser Statistik vorausgeschickten Geschichte der Gegenwart, wonach im April 1848 das badische Heer 8000 Insurgenten verloren, die im Elsass das Volk mit republikanischen Drohungen beunruhigten ... (le truppe badesi disperdone 8000 insorti, i quali nell' Alsatia agitavano il popolo con mene republicane, St. del Trento I. 197) genügenden Aufschluss über die Präcision erhielt, mit der besagte Statistik gearbeitet ist, legte ich sie dennoch mit einem Gefühl historischer Pietät aus den Händen.

Von den römischen Kriegstribunen, die hier dereinstmals den Ausgang des Tals Judicaria bewachten, bis auf Oderich von Toblino ... von Oderich di Toblino bis auf Ahrens Naturrecht ... welch eine Fülle von Geschichten! Die Weltgeschichte wird ja nur dann reich, wenn sie im engumschriebenen Rahmen bestimmter Örtlichkeit betrachtet wird. Ich ziehe das kleine Detail dem grossen Nebel vor ... .

»La cena!« sprach das Mädchen, welches inzwischen den Tisch gedeckt hatte, und brachte eine mit weissem Tuch verhüllte Platte. Nach feierlicher Enthüllung erschien eine gelbe, zusammenhängende, schneidbare Masse, deren Geschmack undefinierbar bleibt. Es war polenta. In diesem Fall wäre mir trotz meiner Vorliebe für Traditionelles und Lokales doch ein Stück universalen Kalbsbratens lieber gewesen.

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